Der Fänger der Träume - Scorp Virgin - E-Book

Der Fänger der Träume E-Book

Scorp Virgin

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Beschreibung

Jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden. Die Hauptgründe dafür sind Geldprobleme und Fremdgehen. Während die einen sich nach der Scheidung sofort in die nächste Ehe stürzen bleiben andere lebenslang solo. Die Menschen sind eben verschieden. Wünsche und Träume zerplatzen dabei wie Seifenblasen. Während es am Anfang so wunderschön ist, sich bis über beide Ohren zu verlieben und dieses berühmte Kribbeln im Bauch zu spüren, tobt am Ende der Beziehung nur noch der kalte Krieg. Auch Katja und Ben, Eltern eines Sohnes, machen dieses Martyrium durch. Als die junge Frau die Scheidung einreicht beginnt ein Rosenkrieg der schlimmsten Art, denn Ben will sich gar nicht von ihr scheiden lassen. Also setzt er alles daran, seine Frau zurückzubekommen, egal wie.

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Prolog

Jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden. Die Hauptgründe dafür sind Geldprobleme und Fremdgehen. Während die einen sich nach der Scheidung sofort in die nächste Ehe stürzen bleiben andere lebenslang solo. Die Menschen sind eben verschieden. Wünsche und Träume zerplatzen dabei wie Seifenblasen. Während es am Anfang so wunderschön ist, sich bis über beide Ohren zu verlieben und dieses berühmte Kribbeln im Bauch zu spüren, tobt am Ende der Beziehung nur noch der kalte Krieg. Auch Katja und Ben, Eltern eines Sohnes, machen dieses Martyrium durch. Als die junge Frau die Scheidung einreicht beginnt ein Rosenkrieg der schlimmsten Art, denn Ben will sich gar nicht von ihr scheiden lassen. Also setzt er alles daran, seine Frau zurückzubekommen, egal wie ...

Kapitel 1

Ring. Ring. Gnadenlos klingelt das Telefon auf ihrem Nachtschrank neben dem Bett. Ein verschlafener Blick zum Wecker zeigt ihr den genauen Stand der Dinge: Es ist tatsächlich Sonntag – 7 Uhr morgens. Die Sonnenstrahlen dringen brutal durch eine Lücke an der Gardine. Und das schrecklich schöne Blau des Himmels macht die ganze Sache noch schlimmer. Nein. Sie will diesen neuen Tag nicht sehen. Sie will die Augen schließen, sich die Bettdecke über den Kopf ziehen und am liebsten nie wieder aufstehen müssen, außer vielleicht, um zur Toilette zu gehen. Doch welcher Vollpfosten wagt es, sie an ihrem einzigen freien Tag der Woche aus dem Schlaf zu klingeln? Das schreit nach Rache, wenn dieser Mensch nicht einen verdammt guten Grund für diese gemeine Störaktion hat! »Hier ist Katja Stein an ihrem freien Sonntag…«, meldet sie sich.

»Sorry Liebes, sei mir nicht böse. Ich bin es – die Sonja. Ich muss etwas ganz Wichtiges mit dir besprechen«, tönt es aus der Membrane der Hörmuschel. »Und was, liebste Freundin, soll denn bitteschön wichtiger sein als mein freier Sonntag zum Ausschlafen? Es gibt nichts Wichtigeres als diesen schönsten Tag der Woche!«, seufzt Katja. Sie kann kaum ihre Augen aufhalten. Also macht sie sie einfach wieder zu und rutscht mit dem Hörer am Ohr tiefer unter die Bettdecke. Da ist es so schön warm und kuschelig. »Hast du schon das Neueste gehört? Dein Mann … äh … ich meine, dein Ex-Mann heiratet wieder. Seine Braut ist ganze dreizehn Jahre jünger als du. Ich habe eine Einladungskarte zur Hochzeit von den beiden bekommen. Bist du auch eingeladen?«.

Schlagartig ist Katja Stein, 35, geschieden, wacher als wach. Das darf doch nicht wahr sein! Erst vor 3 Monaten ist sie nach 3 Jahren Scheidungswahnsinn von ihrem Mann Ben geschieden worden – endlich. Und was macht dieser Kerl? Er fackelt nicht lange und hat schon die nächste Braut am Start. Eine echte Unverschämtheit! Er hätte ja wenigstens noch eine Weile warten können, damit es besser aussieht. Aber von gutem Benehmen hat Ben offenbar nicht viel abbekommen.

»Und wen heiratet er?«, fragt sie neugierig und bestürzt ihre Freundin. »Na, die Kleine, mit der er dich schon während der Trennung betrogen hat. Inzwischen ist sie volljährig«. Das hat gesessen. Es tut weh, es so zu erfahren. »Ich rate mal, du bist nicht zur Hochzeit der beiden Turteltauben eingeladen und hast keine Ahnung gehabt?«, fragt Sonja. »Ich rate mal, dass alle es wussten. Nur ich nicht«, erwidert Katja und gräbt sich tiefer in ihre Kissen ein. Ein paar dicke Tränen kullern jetzt über ihre Wangen. Von ihr wird erwartet, dass sie sich nur noch einzig und allein für ihr Kind aufopfert. Und dieser verdammte Mistkerl heiratet einfach sofort wieder.

„Bis dass der Tod euch scheidet“ gibt es kaum noch bei deutschen Ehepaaren. Immer mehr Ehen werden durch den Richter geschieden – im Schnitt sind es rund 220.000 Trennungen pro Jahr. Auch Katja Stein hat die Scheidung eingereicht als sie es mit ihrem kontrollsüchtigen Ehemann Ben einfach nicht mehr aushalten kann. Er schlägt sie, er betrügt sie. Und so nimmt das Unheil schließlich seinen Lauf. Vorbei ist es mit der Liebe, die so wundervoll begann: Sie im weißen Brautkleid mit Schleier – er im schwarzen Anzug. Ein schönes Paar.

Die beiden passen optisch gut zueinander. Nur leider mangelt es an den so genannten inneren Werten und den gemeinsamen Interessen. Übereinstimmungen lassen sich bei den beiden eigentlich gar nicht finden. Zwangsläufig klappt es auch nicht mit der Ehe. Die Scheidung zieht sich über ganze drei Jahre in die Länge, weil Ben sich nicht von Katja scheiden lassen will. Während dieser Zeit können beide schon mal üben, wie das so ist, ohne den anderen.

Der so genannte Lebensabschnittsgefährte, der nach einer Scheidung häufig nicht mehr an die lebenslange Liebe glaubt, wird allmählich zum Normalfall für viele Frauen auf Partnersuche. Das merkt auch Katja Stein relativ schnell als sie sich neu orientieren muss. Denn um lebenslang allein zu bleiben ist sie noch viel zu jung. Außerdem braucht ihr kleiner Sohn einen guten Ersatz-Papa, findet die alleinerziehende, berufstätige Mutter. Doch kann sie mit einem „gebrauchten Mann“ glücklich werden? Und schafft es ihr geschiedener Mann, nochmals zu heiraten? Das Leben mit einem „gebrauchten Mann“ stellt hohe Anforderungen an das Leben und an seine neue Frau: Gekränkter Stolz und unendlich viel Angst vor einer weiteren Liebes-Enttäuschung sind nur zwei Punkte, auf die seine „Neue“ gefasst sein sollte. Doch es kommt noch viel mehr auf sie zu, was unsere Großeltern in ihren Ehen nicht kannten, denn Männer sind heute problematisch.

Kaum zurück auf dem Heiratsmarkt macht sich Ben aus der Gruppe „Secondhand-Männer“ auf die Suche nach einer neuen Partnerin. Dafür braucht er nicht einmal ein Jahr. „Solange dauert die Trauerarbeit“ oder das, was Ben dafür hält, während er durch die Kneipen zieht und sich volllaufen lässt, weil seine böse Ehefrau ihn verlassen hat – mit dem Kind. Die Scheidung gibt ihm zwar die Männerfreiheit zurück, bürdet ihm zugleich aber viele Pflichten auf, die er vorher nicht hatte. Vor allem den Unterhalt für die Ex-Gattin, den gemeinsamen Sohn und auch für sich selbst. Er muss für die geteilte Familie aufkommen, weil Männer wie er mehr verdienen und Frauen durchs Kinderkriegen einen beruflichen Karriereknick erleiden. Sachbearbeiterin Katja hat es nach der Geburt von Sohn Sven schwer, einen neuen Job zu finden. Doch damit noch nicht genug: Abgesehen von den enormen finanziellen Lasten, stürzen viele geschiedene Männer in tiefste Einsamkeit. Immerhin haben sie stets ihren den Frauen das Pflegen der sozialen Kontakte überlassen. Das rächt sich jetzt.

Außerdem kratzt die Scheidung enorm an ihrem männlichen Selbstwertgefühl und erweckt – oft unbewusst – den Verdacht, versagt zu haben. Darüber hinaus finden viele Männer erst nach langer Zeit wieder Vertrauen zu einer Frau, vor allem wenn der Trennung eine dreckige Scheidungsschlacht vorausgegangen ist. Und dass es eine solche gibt, dafür sorgen in Deutschland schon die Anwälte, denen es letztendlich nur darum geht, ihre eigenen Konten zu füllen. Also muss eine Scheidung langwierig, teuer und schmutzig sein. Dann geht es den Anwälten gut. Deshalb will man denselben „Fehler“ nicht noch einmal machen. Der geschiedene Mann versucht es allen recht zu machen: Der Exfrau, dem Kind, der neuen Partnerin. Dieses Verhalten endet natürlich mit einer bitteren Enttäuschung. Alle Beteiligten kann der geschiedene Ben nicht komplett zufrieden stellen.

Seine „Neue“ muss sich bei Ben nun auf eine ganze Reihe von Reibungspunkten einstellen. Die häufigsten Streitthemen sind sein Sohn, über den er jeden Tag reden will, der Unterhalt für das Kind und Hochzeitsfotos von dem einst glücklichen Paar an der Wand. Hetzreden gegen seine Ex-Frau muss sie sich auch immer häufiger anhören. Ben kommt einfach nicht zur Ruhe. Er steigert sich mehr und mehr in seine rasende Wut hinein, will Katja nun sogar verfolgen und sie beobachten, koste es was es wolle. Ist der Partner wie in diesem Fall auch Ben Stein durch die Scheidung finanziell zu stark in Mitleidenschaft gezogen, kommt für die „Neue“ ohnehin eine dauerhafte Beziehung nicht in Frage.

Die natürlich völlig ohne sein Verschulden zerbrochene Beziehung wird laut Ben immer ein großes Thema sein, solange er in diesem Lebensumstand verharrt. Von seiner neuen Partnerin erwartet er, dass sie das akzeptiert. Aber kann sie das aushalten, auf Dauer stets nur das fünfte Rad am Wagen und sein Seelentröster zu sein? Denn ihm reicht schon die Verantwortung für die erste Familie. Mehr will er gar nicht. Für ihn ist es bequem, noch verheiratet zu sein und Liebschaften haben zu dürfen – und zwar so viele wie er will. Ein gebrauchter Mann hat’s schwer…

Das Gebraucht-Modell Ben ist keinesfalls zu empfehlen. Als neue Frau eines solchen Mannes ist man immer die Dritte im Bunde und jene, die in die Ehe eingebrochen ist. Die Beziehung beginnt als Affäre, die unbedingt geheim gehalten werden muss. Ben ist und bleibt ein notorischer Fremdgänger und Lügner. Er kann keiner Frau wirklich treu sein. Er ist vielleicht ein guter Liebhaber und die Angst vor der Entdeckung sorgt für Knistern und Prickeln, aber so ein Typ taugt nicht als Partner oder Ehemann. Trennt er sich wirklich von seiner Gattin, durchlebt die neue Partnerin über kurz oder lang das gleiche Schicksal wie ihre Vorgängerin. Und Ben? Er wird als unverbesserlicher Verbrecher hingestellt, der als Strafe für seine Untreue viel Unterhalt zahlen soll.

Somit sind Familie und Freunde von vorne herein gegen seine neue Partnerin, denn diese hat ihn ja verführt und angeblich die glückliche Ehe zerstört. Das verliebte Paar muss sich zwangsläufig einen neuen Freundeskreis aufbauen. Hält die Neue trotzdem an der Beziehung fest, muss sie durch diese Hölle gehen, ohne mit Sicherheit zu wissen, ob sie jemals von Bens gesamtem Umfeld akzeptiert wird. Ben juckt das herzlich wenig. Hauptsache, es geht ihm selbst gut.

Er fliegt wie ein Schmetterling von Blume zu Blume und ist bekannt dafür, sich bereits durch viele Betten geschlafen zu haben. Andere Männer finden ihn toll. Er hat immer etwas zu erzählen von seinen Beutezügen durch das Land der Frauen. Langweilig ist es mit ihm nie, aber er ist ziemlich einseitig. Eine unwiderstehliche Aura zeichnet ihn aus, doch geht es um Pflichten, ist Ben der absolute Versager. Er will sich einfach nicht richtig binden. Auch sein „Ja“-Wort vor dem Traualtar ist im Grunde genommen nichts wert. Möglicherweise hat er irgendwann mal eine Erfahrung gemacht, die ihn verschreckt hat.

Der Auslöser seiner Beziehungsunfähigkeit liegt wohl irgendwo in der Kindheit. Möglicherweise hat der natürliche Abnabelungsprozess von den Eltern nicht richtig funktioniert. Immerhin krabbelt Ben noch mit 21 Jahren zu seiner Mutter ins Ehebett. Das sieht man eher selten – in dieser Altersgruppe. Weil dieser Typ Mann irgendwann gelernt hat, dass Gefühle ohnehin nur eine flüchtige Angelegenheit sind, genießt er nun in vollen Zügen die Freuden der Abwechslung. Weil er aber meist nicht verrät, dass er sich in Wirklichkeit gar nicht binden will, muss er erst entlarvt werden, bevor er es offen zugibt. Einstweilen lügt er weiter. Beim Thema Zusammenziehen oder Urlaub weicht er ständig aus. Von einem „gebrauchten“ Mann wie Ben sollte jede Frau besser die Finger lassen, wenn sie sich nicht unglücklich machen will. Zu ändern ist dieser Typus Mann nämlich nicht mehr. Daran lässt sich nichts schön reden.

Noch ein Problem für jede Frau: Ben will keine weiteren Kinder mehr haben. Besteht bei der neuen Partnerin trotzdem ein Kinderwunsch, setzt er lieber die ganze Beziehung aufs Spiel als in diesem Punkt umzudenken und einzulenken. Ein Kind reicht ihm. Schließlich ist es teuer genug. Mehr davon will er nicht. In seiner neuen Beziehung will er das Kind sein, das alle Liebe und Zuwendung für sich allein beanspruchen kann. Doch welche Frau will ein solches „Kind“ an ihrer Seite haben? Das entspricht nicht dem, wozu Frauen von Mutter Natur auserkoren werden. Sie sollen fruchtbar sein und eigene Kinder zur Welt bringen. Männer wie Ben verstehen das nicht. Abgesehen davon interessiert es sie nicht.

Seine neue Frau hat es nicht nur bei ihm schwer. Als Stiefmutter seines Sohnes ist sie mit dem Jungen biologisch nicht verwandt und empfindet auch keine mütterlichen Gefühle für ihn. Der Junior sieht sie als Eindringling und Feind, als Störenfried, der verhindert, dass seine leiblichen Eltern wieder zusammenkommen. Sie muss die Rolle des Sündenbocks ertragen und sich vorerst zurückhalten in der neuen Familie, wenn sie ihren neuen Partner behalten will. Das tut weh, aber anders funktioniert es am Anfang nicht. Auch Bens neue Frau klagt über die diversen Frechheiten, die sich Bens Sohn ihr gegenüber erlaubt. Sobald Ben sich vor den Augen seines Sohnes mal gegen ihre Meinung ausspricht, nimmt der Junge sie nicht mehr ernst. Respekt hat sie dann nicht von ihm zu erwarten, egal wie sehr sie sich auch anstrengt.

In einer solchen Beziehung wird Bens neue Frau nie mehr ein solches Leben mit dem Partner leben können, wie sie es sich vorgestellt hat. Spätestens, wenn sein heranwachsender Sohn den Wunsch äußert, bei seinem Vater leben zu wollen, ist es vorbei mit der ganzen Herrlichkeit. Dann wird sie von den beiden Männern zur Köchin und zur Putzfrau degradiert. Nicht mehr und auch nicht weniger. Die Neue hat keine Chance, eine unbefangene Beziehung zu Bens Sohn aufzubauen. Vieles wird immerhin von der Mutter und den Großeltern bestimmt. Und da Bens Sohn seinen Lebensmittelpunkt im Haushalt der Mutter hat, werden hier auch die Weichen für die Beziehung zur Stiefmutter gestellt. Daran ist nichts zu ändern. Und da Papa Ben stets Öl ins Feuer gießt, sind die beiden Frauen natürlich nie Freunde geworden. Was sonst?!

Auch Katja reagiert stets sehr eifersüchtig, wenn sich die Neue an der Seite ihres Ex-Mannes ihrem Sohn nähert. Es reicht, dass sie ihren Mann an sie verloren hat, den Sohn will sie nicht auch noch hergeben. Die Wochenenden bei Papa und seiner neuen Frau sind anstrengend und kosten Nerven. Eigentlich hat keiner der Beteiligten wirklich Freude daran, auch der Sohn nicht. Aber deutsche Familienrichter finden diese Form des Umgangsrechts ja nach wie vor total angebracht und ideal für die Kinder. Manchmal fragt man sich allerdings, was in den Köpfen solcher Richter vorgeht. Leider hat man dadurch am Ende nur zwei kaputte Familien und jede Menge unglückliche Menschen.

Die Stiefmutter hat keine gemeinsame Geschichte mit Bens Sohn. Keine Erinnerungsfotos von Geburtstagen, die sie in Fotoalben geklebt hat und zeigen kann. Keine gemeinsamen Unternehmungen in Familie, über die man mit anderen reden kann. All das fehlt ihr in ihrer Lebensgeschichte. Sie hat nichts zu erzählen aus ihrem Frauenleben mit Familie. Sie ist daher eigentlich nur ein halber Mensch, wenn man es mal so betrachten will. Ein e Frau wie jede andere auch, aber eben nicht komplett. Ihr fehlt etwas, was viele andere Frauen haben: Eigene Kinder und eine eigene richtige Familie. Und das tut weh – verdammt weh.

Trotzdem ist der undankbare Job als Stiefmutter anspruchsvoll und nervig. Er bringt meist nur wenige Erfolgserlebnisse und Glücksmomente mit sich. Vor allem Frauen, die wie Bens „Neue“ selbst keine Kinder haben und nur für die Karriere leben, fühlen sich im Umgang mit so viel plötzlicher Familie schnell überfordert. Das ist auch durchaus verständlich, denn der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier.

Rückzugsmöglichkeiten sind für die Stiefmutter daher wichtig, wenn die Beziehung halten soll. Bens „Neue“ braucht diese kleinen Fluchten mit Gleichaltrigen aus ihrer Altersgruppe, wo sie, unbelastet von dem ganzen Ärger rund um ihren Mann, endlich mal wieder eines sein kann: Nur sie selbst…

2

»Mama, was ist das für ein komisches Ding in meinem Zimmer? Hast du das aufgehängt?«, ruft ihr Sohn Lukas. »Ja, das war ich. Den Traumfänger habe ich auf dem Dachboden in einer Ecke gefunden. Und da du immer so böse Albträume hast, seit deine Eltern geschieden sind, habe ich ihn bei dir übers Bett gehängt. Ich weiß nicht, ob er wirklich gegen die bösen Träume hilft, aber schaden kann so ein bisschen Aberglauben auch nicht. Oder was meinst du, mein Sohn?«. Lukas schüttelt den Kopf. »Mama, glaubst du wirklich an das Zeug von den alten Indianern?«. Katja Stein verneint. Natürlich glaubt sie nicht an solchen Unsinn. Doch manchmal können ein paar Hilfsmittel nicht schaden, wenn man die Probleme gerade bis zur Oberkante vom Kragen stehen hat.

Heutzutage hängen fast in jedem Schlafzimmer herrliche bunte, federgeschmückte Traumfänger. Aber kaum jemand macht sich Gedanken darüber, welche Bedeutung und Magie sie eigentlich haben sollen. Sie sollen uns vor bösen Träumen beschützen. Doch wo kommen sie her? Traumfänger sind indianische Schutzamulette, die von Müttern über den Betten ihrer Kinder aufgehängt werden. Sie haben eine uralte, sagenumwobene Geschichte.

Solche Traumfänger entstammen ursprünglich der Kultur des Indianervolkes Anishinabe, auch Ojibwe genannt. Und erst seit den 1960er Jahren wird der Traumfänger als Symbol der Einheit aller Indianerstämme und für die indianische Kultur betrachtet. Heute ein kommerzielles Produkt.

Die Anishinabe haben eine wundervolle Legende über die Entstehung der Traumfänger. Sie handelt von der Spinnenfrau Asibikaashi, die sich um alle Menschen und Kinder kümmerte. Sie lehrte die Mütter und Großmütter, mit Weidenreifen und Pflanzenfasern magische Netze zu weben. Diese sollen alle schlechten Träume fangen und nur die guten Träume zu den Kindern durchlassen. Und wenn die Sonne aufgeht, lösen sich mit den ersten Strahlen alle gefangenen bösen Träume fast wie von selbst auf.

Einst hat man Traumfänger aus mit Salbei bedeckten Weidenzweigen gefertigt, das Netz bestand aus Hirschsehnen oder Pflanzenfasern. Für moderne Traumfänger von heute benutzt man Holz oder Metall, das mit Lederstreifen umwickelt ist, ferner Kunstfasern für das Netz. Früher waren die Traumfänger nicht für die Langzeitbenutzung. Das zeigte die Vergänglichkeit allen Lebens auf der Erde. Im Zuge der fortschreitenden Kommerzialisierung nutzt man sie als Dekorationsartikel, die natürlich möglichst lange halten sollen. Eines ist jedoch geblieben: Die runde Form der Traumfänger ist ein Symbol für die tägliche Reise der Sonne und des Mondes über den Himmel, den Kreislauf des Lebens. Und die acht Punkte, an denen sich das magische Netz mit der Weide verbindet, stellen nach wie vor die acht Beine der Spinne dar. Nach alter Tradition wird eine Feder in die Mitte der Traumfänger gebunden. Sie stellt die Luft dar, ohne die wir alle nicht leben und atmen können.

Bewegt sich eine Feder am Traumfänger, so bedeutet es nach alter Überlieferung, dass Träume hindurchgeflogen sind.

Gute Träume werden dann an der Feder entlang zum Träumenden runtergleiten. Schlechte Träume werden im magischen Netz zurückgehalten, damit sie dem schlafenden Träumer nicht schaden können. Inzwischen werden auch andere, weniger traditionelle Accessoires in Traumfänger eingesetzt. Eine Glasperle repräsentiert so beispielsweise die Spinne, die das magische Netz gewoben hat. Mehrere Glasperlen können dabei für die guten Träume stehen, die das Netzgeflecht eingefangen hat. Manchmal werden auch Pfeilspitzen an die Traumfänger gehängt, um den Schutz zu verstärken. Sie zeigen dabei in die vier Richtungen, aus denen die Winde kommen.

Man mag es glauben oder nicht: Katjas Sohn kann von nun an tatsächlich besser einschlafen, schlafen und träumen. Seine Albträume nehmen ab. Er hat jetzt morgens auch wieder bessere Laune, wenn er aufsteht. Frisch und gut erholt steigt er in den Schulbus ein. Soll das wirklich nur an dem indianischen Traumfänger liegen, der jetzt jede Nacht über seine Träume wacht? Kaum zu glauben. Doch der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Jedenfalls will er das Zauberding nicht mehr hergeben, zumal Spinnen ohnehin zu seinen Lieblingstieren gehören. Je grösser die Netze sind, welche sie weben, umso toller findet er sie. Und das sehr zum Leidwesen von Mutter Katja, die seine Liebe zu Spinnen nicht teilen kann. Sie findet die Tiere mit den acht Beinen einfach nur eklig und abstoßend, könnte gut darauf verzichten. Ihr Herz hängt mehr an den Tieren, die weniger Beine haben und etwas hübscher aussehen. Hier ist also keine Übereinstimmung zwischen Mutter und Sohn zu erzielen.

»Hast du Lust, noch mehr über die indianische Kultur zu erfahren?«, will Katja von ihrem Sohn wissen. »Du meinst, Indianer spielen und sowas in der Art?«, fragt Lukas. »Ja, zum Beispiel. Es gibt auch bei uns in der Nähe einige Clubs, die nach Indianerart in Tipis wohnen oder sich als Cowboys verkleiden. Wenn du möchtest können wir uns das gerne mal anschauen. Ich habe einen Kollegen, der macht das mit seiner Familie fast an jedem freien Wochenende. Den kann ich fragen, ob wir mal mitkommen dürfen, wenn es dir recht ist. Vielleicht bringt uns das etwas auf andere Gedanken. Das tut uns beiden sicher gut nach dem jahrelangen Scheidungsärger mit Papa. Was meinst du, sollen wir es mal versuchen?«.

Der Junge überlegt eine Weile. Schließlich muss ganz genau abgeschätzt werden, ob das denn auch cool genug ist, um den Schulkameraden davon zu erzählen und Fotos davon herumzuzeigen. Wenn nicht, lässt man lieber gleich die Finger davon. Schließlich will man als cooler Sechsjähriger nicht schon in der ersten Klasse ausgelacht werden. Man hat es heutzutage schwer als Schüler. Da muss man genauestens überlegen, was man tut und was man lieber bleiben lässt, um sich das Ansehen in der Klasse nicht kaputt zu machen. Und das verläuft nach krassen Regeln, welche die Erwachsenen nicht verstehen. So ist das nun einmal. Dagegen ist kein Indianerkraut gewachsen.

In den folgenden Wochen sitzt Katja jeden Abend vor dem Fernseher und näht per Hand aus Leder passende Kleidung für sich und ihren Sohn. Denn ohne darf das Clubgelände nicht betreten werden. Sie stickt sogar nach Vorlagen Ornamente der nordamerikanischen Indianerstämme nach.

Ihr Sohn ist begeistert. »Das sind die tollsten Karnevalskostüme, die ich je gesehen habe. Sie sehen so echt aus. Darin wird uns keiner für Rheinländer halten«, ruft er. »Meine Schulkameraden werden mich um das Indianerkostüm beneiden. Bekomme ich denn auch echte Waffen?«. Katja überlegt einen Moment lang bevor sie antwortet. »Soviel ich weiß laufen bei diesen Clubs alle auf dem Gelände mit echten Waffen herum – auch die Kinder. Wer allerdings dummes Zeug damit macht und andere verletzt, bekommt die Waffen wieder abgenommen«.

»Ich mache doch kein dummes Zeug. Du kennst mich doch, Mama«. Katja Stein kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Gerade, weil ich dich gut kenne, mache ich mir Gedanken, ob das gut geht mit den Waffen. Wenn es ein zweites Wort für Unfug gäbe dann wäre es „Lukas“. In der Hinsicht unterscheidest du dich überhaupt nicht von deinem Vater. Es ist leider so. Bei Dummheiten könnt ihr beide euch die Hände reichen«.

Die Sonne scheint. Das Wetter im Indian Summer meint es gut mit den Rheinländern. Und so reihen sich auch Katja und Sohn Lukas ein, um bei den alljährlichen Country- Westernfeierlichkeiten mitzumachen. Dieser Country- und Westernclub wurde 1991 für die Pflege der Gebräuche der Cowboys und Indianer sowie für die Countrymusik gegründet. Die Abteilung Square Dance kam dann später 1994 hinzu.

Square Dance ist ein amerikanischer Volkstanz, der sich aus den europäischen Volkstänzen der Siedler entwickelt hat. Die Namen und Ausführungen der Figuren sind standardisiert, d.h. nach Abschluss eines Grundkurses, kann jeder überall, wo Square Dance getanzt wird, mittanzen. Die stilbewusste Kleidung der Square Dancer ist bei den Damen der weite Rock oder das Kleid mit Petticoat, bei den Herren gilt Westernlook. Ein herrlicher Anblick, welcher Katja Stein sofort gefällt. Dabei will sie unbedingt mitmachen und auch so ein wunderschönes Westernkleid tragen. Square Dance bedeutet für sie relativ schnell: Gute Laune, Spaß am Tanzen, neue Menschen kennen lernen, Freundschaft und Zusammenhalt. Also alles, was ihr während der furchtbaren Scheidung von Ben so lange gefehlt hat. Hier huscht endlich wieder ein Strahlen durch ihre Augen und ein bezauberndes Lächeln über ihre Lippen. Und das tut so gut!

Die Nacht verbringen sie in einem großen Tipi für 10 Personen. Auch hier hängen Traumfänger. In dem Tipi wird auf mit Stroh gepolsterten Tierfellen geschlafen, in der Mitte brennt ein Feuer, auf dem gekocht wird. Es ist richtig gemütlich in diesem Indianerzelt. Lukas ist so müde von den vielen neuen Eindrücken des Tages, dass er schnell einschläft. Die Erwachsenen bleiben noch eine Weile wach, trinken Alkohol, rauchen Zigaretten und unterhalten sich über dies und das, was eigentlich nichts mit dem Leben der Indianer zu tun hat.

Faszinierend ist die Harmonie, die hier unter all den vielen Personen herrscht, obwohl es an manchen Stellen wirklich eng ist. Während seine Mutter zusammen mit den anderen Frauen im Camp schon längst die wichtigsten Arbeiten verrichtet hat und die Männer Holz hacken, schläft Sohn Lukas immer noch den Schlaf des Gerechten. Die anderen Kinder sind schon längst wach und toben durch das Lager. Er träumt und hört es nicht. So gut und friedlich hat er schon lange nicht mehr geschlafen. Eigentlich will er gar nicht mehr in die Großstadt zurück. Hier ist es viel schöner, natürlicher und aufregender. Gegen Mittag als Lukas schließlich auch aufgestanden ist und sich gewaschen hat, gibt es Unruhe im Camp: Ein ungebetener Besucher ist da.

Als Lukas neugierig nachsehen geht, was los ist, erschreckt er sich. Der ungebetene Besucher ist sein Vater. Ben ist einfach mit seinem schwarzen BMW mitten auf das Gelände gefahren – zwischen die Tipis, die Hütten, die Pferde und die beschäftigten Westernfreaks – und hat, frech und unverschämt wie immer, nachgefragt, wo denn seine Frau und sein Sohn wären. Schließlich wolle er wissen, wo die beiden sich aufhalten. Das sei sein Recht. Zumindest nach seiner Ansicht. Ein Wort gibt dann schnell das andere und ehe er sich versieht, befindet er sich mitten in einer richtigen Prügelei unter Männern. Dabei zieht Ben natürlich den Kürzeren.

Katja eilt herbei als sie davon hört. Bei ihrem Eintreffen hat Ben schon einige Blessuren vorzuweisen. Sein Problem ist: Er will sein Auto einfach nicht vom Gelände herunterfahren. Das stört die anderen Männer, die ihm zudem schnell klar machen, dass er sich hier einwandfrei gegenüber Frauen und Kindern zu benehmen hat – ob es ihm passt oder nicht. Da Ben ständig Widerworte gibt und das alles nicht akzeptieren will, setzt es immer wieder Prügel von den hellhäutigen Indianern und den Cowboys. Zunächst will Katja ihrem geschiedenen Mann zu Hilfe eilen. Doch die anderen Frauen des Lagers halten sie zurück. Nach ihrer Meinung ist es genau das, was Ben schon seit langem gefehlt hat: Eine richtige Tracht Prügel unter Männern, damit er endlich weiß, wo der Hammer hängt!

Fassungslos muss Katja Stein zusehen, wie ihr Ex-Mann grün und blau geprügelt wird bis er endlich in seinen Wagen steigt uns ihn vom Club-Gelände herunterfährt. Hätte er sich gleich an die Regeln gehalten, wäre ihm gar nichts passiert. Doch Ben muss immer eine dicke Lippe riskieren.

Katja kennt den Vater ihres Sohnes nicht anders. Ursprünglich wollte er Polizist werden. Aber daraus wurde damals nichts. Die Polizei konnte ihn nicht gebrauchen. Ben war nicht tragbar – als deutscher Beamter. Also wendet er sich im Laufe der Zeit mehr und mehr der anderen Seite des Heldenklubs zu und wird zum Verbrecher. Daran lässt sich nichts schön reden. Während er anfangs noch durch kleine Diebstähle auffällt, sind es schon wenige Jahre später schon wesentlich größere Sachen, mit denen er sich kriminell beschäftigt. Darauf, dass er Ehemann und Familienvater ist, nimmt er keinerlei Rücksicht. Im Gegenteil. Das scheint ihn nur noch mehr anzuspornen Verbrechen zu begehen.

So überrascht er seine junge Frau beispielsweise mit der tollen Idee, eine hohe Lebensversicherung abzuschließen und sich dann für tot erklären zu lassen. Erben soll ihr Ehemann. Danach will er sich eine reiche Witwe suchen, diese heiraten und umbringen, damit er auch sie beerben kann. Katja soll derweil auf ihn warten. Sobald er kann will er auf sie zukommen und sie erneut heiraten. Dann ist alles wieder beim Alten. Als Katja dabei nicht mitmachen will, schlägt er sie fast tot. Die Ärzte im Krankenhaus sind schockiert über den Anblick, der sich ihnen bietet: Ben hat Katjas schönes Gesicht fast zu Brei geschlagen. Kein Wunder, dass sie die Scheidung will!

Doch all das Schreckliche ist ja nun endlich vorbei und durch schöne Sachen ersetzt. Zumindest glaubt Katja das. Als Lukas nach dem Wochenende aus der Schule zurück ist und eine Weile im Garten gespielt hat überrascht er seine Mutter mit weiteren interessanten Neuigkeiten, wie er findet: »Mama, der alte Baum in unserem Garten hat zu mir gesprochen. Redet er auch mit dir?«. Katja runzelt die Stirn. »Nein. Ich rede nicht mit Bäumen und Bäume reden nicht mit mir. So ist das nun einmal. Was hat er dir denn erzählt – der alte Baum?«, will sie von ihrem Sohn wissen.

»Ach, der alte Baum redet über dies und das. Also eigentlich nichts Besonderes, aber es ist schon irgendwie magisch, wenn ein Baum redet. Er hat eine ganz tiefe Männerstimme. Und die kommt aus einem hohlen Astloch. In der Hauptsache will der alte Baum von mir viel über dich wissen: Wo du arbeitest, wann du außer Haus bist, wann du wiederkommst und ob du einen Freund hast. Falls ja, ob ich diesen neuen Freund kenne und weiß, wo er wohnt. Mir wäre es viel lieber, wenn der Baum sich mehr für mich interessieren würde als für dich. Verstehst du, was ich damit sagen will? Ich fühle mich von dem Baum nicht richtig wichtig genommen. Mama, hast du denn einen neuen Freund?«.

»Nein. Ich habe keinen neuen Freund. Ich bin solo. Bei mir ist das anders als bei deinem Vater. Der heiratet ja bald wieder wie man mir erzählt hat. Trotzdem finde ich es seltsam, was dieser große alte Baum plötzlich von dir wissen will«, erwidert Katja. »Das stimmt, Mama, aber es ist die Wahrheit. Der Baum fragt mich immer wieder solche Sachen, wenn ich in seine Nähe komme«, sagt Lukas.

»Kannst du mir das hohle Astloch mal zeigen, aus dem die Männerstimme kommt?«, will die Mutter wissen. Ihr Sohn zeigt ihr bereitwillig das Astloch, in das er mit seinen sechs Jahren noch nicht hineinsehen kann. Dafür ist der Baum einfach zu hoch. Mutter Katja streift sich ein paar Gartenhandschuhe über und greift beherzt hinein… Zum Vorschein kommt ein Mikrofon, ein kleiner Lautsprecher, Kabel, Batterien und ein Bewegungsmelder …

Kapitel 2

Das Rot der Backsteine der alten Dorfkirche leuchtet mit dem Blau der Seen und dem Grün der Uferwälder im Naherholungsgebiet um die Wette: Der beliebteste Ort für Hochzeiten in der kleinen Stadt in der Städteregion Aachen, wenn es gerade nicht regnet und die Sonne scheint. Hier ist man evangelisch und gottesfürchtig. Und wehe man ist es nicht! Die riesigen hölzernen Türen der alten Kirche öffnen sich. Im Blitzlichtgewitter schreitet das frisch vermählte Brautpaar hinaus. Praktischerweise müssen die beiden hier nur eine einzige Stufe hinunter. Die Braut trägt ein eng anliegendes rein weißes Brautkleid mit Herzausschnitt. Es ist aus schimmerndem Jacquard mit angesetztem Tellerrock aus Tüll, bestens gestützt durch einen Reifrock. Es hat ein aufwändig ausgearbeitetes Oberteil, welches rund um das Dekolleté mit aufgesetzten Spitzen- und Perlen-Applikationen verziert ist. Der Bräutigam trägt einen hellgrauen Hochzeitsanzug mit Weste und dazu eine weiße Krawatte. Unter Beifall seiner Fußballmannschaft führt er seine Frau zum Auto, einer prächtig mit pastellfarbenen Blumen geschmückten weißen Limousine.

Endlich! Christina, 19, ehemals hässliches Entlein vom Lande hat die große Liebe gefunden, den Mann ihrer Träume. Ben Stein, mehr als 10 Jahre älter als sie, soll nun für immer und ewig ihr Traummann sein. Ihre Freundinnen haben gekuppelt, was das Zeug hält. Sie wollen ihre Leidensgenossin glücklich machen, was nicht gerade einfach ist. Christina ist schon oft von Männern enttäuscht worden. Da verliert man als junge Frau die Hoffnung und glaubt nicht mehr an die große Liebe.

Aber man sollte sie nicht unterschätzen, die Landfrauen. Sie helfen einander wirklich mit Rat und Tat, tauschen Rezepte aus, pflegen Handarbeitskünste, machen Rad- und Städtetouren, feiern zusammen, organisieren Aktivitäten mit den Kindern oder für die Alten, veranstalten Flohmärkte, legen Vorräte für den Winter an, sind oft Selbstversorger in Sachen Fleisch und Gemüse, helfen einander bei der passenden Jobsuche und betätigen sich als Eheanbahnungsinstitut, wenn eine von ihnen einen Mann braucht. Beziehungen, die sie als Kupplerinnen nebenbei gestiftet haben, halten meist länger als die einer kommerziellen Partnervermittlung.

Diese Frauen sind ganz anders als die aus der Großstadt. Ihr Nachteil ist zwar immer noch der niedrigere Bildungsgrad. Da hat die Großstadt den Frauen einfach mehr zu bieten. Wenn es um all die anderen wichtigen und unwichtigen Dinge des täglichen Lebens geht, sind die Landfrauen seit Jahrhunderten gegenüber ihren Kolleginnen aus der Stadt klar im Vorteil. Ihre soziale Kompetenz ist höher angelegt. Wenn sie zwei Menschen miteinander verkuppeln, dann kennen sie die beiden in- und auswendig, wissen genau, was zusammen passt und was nicht. Sie sind dann mit Leib und Seele bei der Sache.

Moderner als früher sind sie natürlich im Laufe der Zeit auch geworden. Jede der Landfrauen hat heute ihr eigenes Smartphone und ein Laptop oder Tablet. Das gehört dazu, um sich per Rundmail mit den anderen zu verständigen, wenn es mal schnell gehen muss. Mittlerweile haben sie sogar eigene Websites, einen richtigen Verein gegründet und verteilen Mitgliedskarten. Gegen Vorlage ihrer Mitgliedskarte genießen sie in einigen Geschäften, Hotels oder Restaurants viele Vorteile. Nach dem Essen gibt es den Espresso so gratis oder im Blumenladen eine Rose als Geschenk.

Seit über 50 Jahren gibt es diese Landfrauen schon an der guten alten deutsch-niederländischen Grenze. Gemeinsame Unternehmungen werden hier groß geschrieben. Zusammen unternehmen sie gut organisierte Reisen, hören Vorträge, betreiben Sport, treffen sich zu Spiel- und Klön-Nachmittagen, erinnern einander bei Kaffee und Kuchen daran, dass die nächste gemeinschaftliche Diät fällig ist. Selbstverständlich gehen diese Rheinländerinnen vom Land auch mehrmals pro Jahr ohne ihre Männer auf Reisen, um in Köln oder Düsseldorf einige Bierchen zu genießen. Besonders engagieren sie sich aber für all die Themen, die das Leben der Frauen vom und auf dem Lande, in der Familie und im Beruf betreffen. Damit haben sie einen gewissen Einfluss auf gesellschaftliche, wie auch politische Entscheidungen.

Konkret organisieren sie sehr viele traditionelle Feste, Frühjahrsfrühstück, binden die Erntekrone, schmücken die Kirche, gestalten die Erntedankfeier mit Gottesdienst sowie eine Feier für die runden Jubilarinnen und die jährliche Weihnachtsfeier. Sie richten Tages- und Mehrtagesreisen aus, besichtigen interessante Betriebe aus der Landwirtschaft. Sie besuchen Bildungsvorträge aus den Bereichen Ernährung, Medizin und Recht, Buchführung, Kräuterkunde, Rhetorik und vieles mehr. Sie halten ganzjährige Kurse in den Bereichen Sport, Spiel und Musik ab, spezielle Ferienangebote für den Nachwuchs bereit, Informations- und Verkaufsveranstaltungen, Besuch von Theater und Oper, Ausstellungen, Handwerksmessen. Überregional erfreuen sich Auslandsreisen wachsender Beliebtheit. Neue Mitglieder nehmen sie gerne auf. Der Mitgliedbeitrag ist gering. Den kann sich jede Frau leisten.

Trotz all ihrer umfangreichen Aktivitäten sind sie alle ganz Frau geblieben. Jeden Montagabend treffen sie sich zu einem Schminkkurs. Hier steht eine Maskenbildnerin zur Verfügung. Unter ihrer Anleitung lernen sie alle, sich richtig zu schminken, dem jeweiligen Anlass entsprechend vom schnellen Tages Make-up bis hin zum tollen Abend-Make-up. Als Aufwandsentschädigung werden 15,- € pro Person berechnet und man muss sich natürlich rechtzeitig vorab anmelden, wenn man mitmachen will.

»Gefällt dir die Hochzeit von Christina?«, ruft Gisela, 30, ihrer Freundin Katja, längst über 35, zu. »Das war richtig harte Arbeit, die beiden zusammen zu bringen!«.

»Ihr habt die beiden verkuppelt?«, fragt Katja.

»Aber sicher doch. Auf dem Land wird das so gemacht, damit alle glücklich und zufrieden sind. Alleine kannst du hier als Frau keine Existenz aufbauen. Das klappt vielleicht in der Großstadt, aber nicht hier auf dem Land. Ohne Mann bist du geliefert - als Frau. Wir haben den Typ auf Herz und Nieren geprüft, um sicher zu stellen, dass er keine Schulden hat, von denen wir nichts wissen. Dann haben wir seinen Job überprüft. Schließlich muss er seine Frau ja ernähren können. Und als wir wussten, dass alles okay ist, haben wir die Zwei zusammen gebracht.«.

»Ihr Landfrauen haltet euch also nicht an den Datenschutz?«.

»Nee. Der schützt doch nur die Betrüger und Verbrecher. Deren Opfer lässt der Datenschutz kaputt gehen. So ist das nun einmal in unserem schönen Deutschland, wo jeder neu eingereiste Migrant schon mehr Rechte hat als du.«.

»Willst du wirklich keinen Mann haben?«, fragt Gisela noch nach.

»Christina hatte die Hoffnung auch schon längst aufgegeben. Schau mal, wie glücklich sie jetzt ist! Und ihre Hochzeitsreise geht auf die Malediven. Willst du das denn nicht auch erleben?«.

»Ja, ist ja gut. Von mir aus suche mir einen Mann, wenn du dich dann besser fühlst. Aber bitte einen Schönen, damit ich mich nicht gleich übergebe, wenn ich ihn sehe. Und jetzt sollten wir erst einmal Die Hochzeit von Christina und Ben so feiern wie es sich gehört.«.

»Na, also, es geht doch. Warum nicht gleich so?«, lacht Gisela.

»Dann kann ich dir nur noch alles Glück der Welt wünschen.«.

Jeder kennt es, das berühmte Kribbeln im Bauch und die Nervosität, wenn ihm ein erstes Date bevorsteht. Das Spiel, das niemals langweilig für uns Menschen wird, beginnt. In schwarzen Jeans und silbergrauer Bluse mit kariertem weiß-schwarzem Chanel-Blazer geht Katja zu Fuß zu ihrem Date in die kleine Pizzeria, wo ihr Tischherr sie hinbestellt hat. Der Tempel der kulinarischen Gelüste war leicht zu finden. Sie brauchte eigentlich nur der Nase nachgehen, ganz lange geradeaus und dann links hinter zwei hohen alten Kastanien abbiegen. Schon steht sie vor der Pizzeria, die einer der tollsten Attraktionen hier vor Ort war - zumindest in Sachen Pizza.

Walter, ihr Date, erwartet sie schon sehnsuchtsvoll. Kaum, dass Katja die Pizzeria betreten hatte, steht er auf und begrüßt sie mit einem kräftigen Händedruck. »Du bist also die Katja, von der mir unsere Freundin Gisela erzählt hat?«. - »Ja. Genau die bin ich. Und du bist der Walter mit dem vielen Geld, von dem mir die Gisela erzählt hat«, scherzt Katja. Es wird ein sehr schöner Abend. Sie liegen auf gleicher Wellenlänge und der Gesprächsstoff geht ihnen nicht aus. Walter ist tatsächlich so wie Gisela ihn beschrieben hat: Schönes