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Ollin gehört zum indigenen Volk der Baniwa, welches im Bundesstaat Amazonas nordwestlich von Manaus lebt. Eines Morgens überfallen Unbekannte das Dorf und bringen alle Bewohner bis auf den erst sieben Jahre alten Ollin und seine Schwester Safia um. Vom Überleben seiner Schwester weiß Ollin nichts und irrt mehrere Tage allein durch den Urwald ... Wird Ollin jemals die Wahrheit über das Verbrechen erfahren und den inneren Konflikt zwischen Rache und Vergebung überwinden?
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2020
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Schwarze Wolken hingen über dem kleinen Dorf am Fluss, als Ollin erwachte. Das Geschrei der Papageien hatte etwas Unheilvolles, das bis in seine Träume hineinwirkte. Schlaftrunken blickte der kleine Junge sich um. Seine Geschwister schliefen noch. Ollin stand auf und warf einen Blick auf den Fluss. Wie ein dunkles Band wand er sich durch den Urwald, vorbei an den Hütten des Dorfes. Er sah, dass die Fischer bereits ihre Kanus in das Wasser gelassen hatten und Tabakrauch über dem Fluss aufsteigen. Für die Baniwa war der Fischfang etwas Heiliges, das ihnen von ihren Vorfahren weitergegeben wurde. Wer fischte, musste den Göttern, aber auch den Seelen der Tiere, die sich für sie opferten, danken.
Wie so oft am Morgen hatte Ollin Hunger und er freute sich schon auf das gemeinsame Frühstück im Versammlungshaus.
»Guten Morgen, mein kleiner Tapir«, begrüßte ihn seine Mutter Madarivua, die gerade mit einem Korb voll leuchtend roter und grüner Pfefferschoten aus dem Garten hinter ihrer Hütte hervorkam. So wie das Fischen Aufgabe der Männer war, so war der Anbau des Pfeffers eine Angelegenheit, die allein den Frauen vorbehalten war. Der Pfeffer hielt ihre Körper und ihre Seelen gesund und die bösen Geister fern. Ihn anzubauen, erforderte Sorgfalt und großes Wissen, was von den Frauen einer Generation an die nächste weitergegeben wurde.
In langsamen Schritten ging Ollin zum Flussufer, um sein Gesicht und seine Hände vor dem Essen zu waschen. Auch in den anderen Hütten des Dorfes erwachten die Menschen langsam zum Leben. Eine Gruppe Kinder rannte kreischend und lachend an ihm vorbei, um sich am Fluss unter lautem Gejohle mit Wasser zu bespritzen, verfolgt von den Hunden des Dorfes, die bellend um sie herumsprangen. Ollin spürte den starken Impuls, ihnen nachzulaufen und an ihrem fröhlichen Spiel teilzunehmen, doch er wusste, dass seine Mutter auf ihn wartete. Mit seinen sieben Jahren war er der älteste Sohn der Familie und das bedeutete eine gewisse Verantwortung. Mit betont langsamen Schritten folgte er dem gewundenen Pfad hinunter zum Fluss. Ein Fischotter kreuzte seinen Weg, schlängelte sich an seinen Füßen vorbei und verschwand dann im Dickicht der Urwaldausläufer zu seiner Linken. Die Pflanzen wuchsen hier so schnell, dass sie regelmäßig von den Männern des Dorfes mit Macheten zurückgedrängt werden mussten. Ollin atmete den schweren, feuchten Geruch des Waldes ein. In den Morgenstunden roch er anders als am Mittag, wenn die Sonne hochstand und das warme Wasser in einem feinen Nebel über dem Fluss verdampfte. Die Stimmen der Männer auf den Kanus in der Mitte des Flusses hallten zu ihm herüber. Offenbar hatten sie einen guten Fang gemacht. Sie entzündeten die getrockneten Blätter der Tabakpflanze, um dem Fluss und seinen Lebewesen ihren Dank zu erweisen. Ein Moskito ließ sich auf Ollins Arm nieder, der von einer feinen Schweißschicht bedeckt war. Ollin erschlug ihn mit einem lauten Klatschen und ging weiter. Schließlich hatte er das Flussufer erreicht. Seine Füße versanken im weichen Untergrund des feuchten Sandes, das Wasser umspielte seine Knöchel. Die spielenden Kinder kreischten und lachten. Ollin bückte sich und tauchte seine Hände in die Fluten.
An einem wolkenbedeckten Tag wie diesem machte der schwarze Fluss seinem Namen alle Ehre. Es hieß, weiter im Norden, da wo der Fluss entsprang, war er weiß, dann rot und schließlich schwarz. Soweit die Baniwa sich zurückerinnern konnten, hatten sie an diesen Ufern gelebt, vom Fluss, auf dem Fluss und mit dem Fluss, denn er gab ihnen Wasser und Fisch. Hinter dem Dorf lagen die Maniok-Felder und Pfeffergärten. In einem Umkreis von wenigen Metern hatten die Baniwa so alles, was sie brauchten. Nur selten tauschten sie etwas gegen die Waren ein, die mit den wenigen Booten über den Fluss kamen.
Ollin spritzte sich das kalte Wasser in das Gesicht. Er schmeckte den Geschmack des Flusses auf den Lippen, ein schwerer und voller Geschmack, voll von tausend Geheimnissen, den er überall wiedererkennen würde. Wieder und wieder tauchte er seine Hände in den Fluss und benetzte sich Gesicht und Haare mit Wasser.
Plötzlich schrien die Kinder lauter. Ihre Schreie drangen verzerrt an seine Ohren und erst bemerkte er nicht, dass sich etwas an ihren Schreien verändert hatte. Ollin hielt inne und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Die Wassertropfen in seinen Augen ließen ihn nur verschwommen sehen.
Die Kinder hatten aufgehört zu spielen, erstarrt vor Schreck standen sie dicht aneinandergedrängt im Wasser und blickten mit großen Augen auf etwas hinter Ollin.
Verwundert drehte er sich um. Auch aus dem Dorf waren jetzt laute Schreie zu hören. Rauch lag in der Luft und stieg in dicken Wolken über den Hütten auf. Es war kein gewöhnlicher Rauch von den Feuerstellen, dazu waren die Rauchwolken viel zu dicht. Er konnte die Bewohner des Dorfes aufgeregt hin- und herlaufen sehen, ohne zu erkennen, was geschehen war.
Doch dann sah er sie. Männer in Militärkleidung, mit schwarzen Schutzwesten, durchkämmten das Dorf. In ihren Händen hielten sie Maschinengewehre, mit denen sie immer wieder schossen.
Ollin drehte sich um. Die Männer auf dem Fluss schienen noch nicht bemerkt zu haben, was sich im Dorf abspielte. Er sah die verängstigten Kinder an und spürte gleichzeitig, wie ihm sein Herz bis zum Hals schlug.
»Duckt euch!«, zischte er. »Schnell!« Die Kinder reagierten nicht.
»Schnell, legt euch hin!«, sagte er, diesmal deutlich lauter. Er wies auf das hohe Ufergras. Die Schüsse kamen immer näher. Er konnte jetzt auch die Stimmen der Männer hören. Befehle hallten durch die Luft. Die Kinder im Wasser regten sich nicht. Auf einmal wurde der Kleinste von ihnen zurückgeschleudert. Er fiel in das flache Wasser, das sich um ihn herum rot verfärbte. Die anderen Kinder schrien auf und rannten auseinander.
Ollin duckte sich und lief mit flinken Schritten auf den Weg. Als er sah, dass die Männer den Weg herunterkamen, schlug er einen Haken und hetzte mitten durch die Böschung. Seine kleinen, nackten Füße flogen geräuschlos über den weichen Boden. Er näherte sich dem Dorf und der Hütte seiner Familie, die dem Flussufer am nächsten war.
Einige der Fremden hatten inzwischen das Ufer erreicht und schossen auf die Männer in den Kanus. Die Schüsse zerrissen die Luft und übertönten die Schreie aus dem Dorf. Ollin rauschte das Blut in den Ohren.
»Mama«, dachte er, und dann dachte er an Yaku und Apua. Wo steckten sie? Die Männer hatten inzwischen das Versammlungshaus umstellt, schrille Schreie der Frauen hallten durch die Luft. Nie zuvor hatte Ollin jemanden so schreien gehört. Dort musste etwas Schreckliches vorgehen. Er schloss die Augen und ließ sich auf die Knie sinken. Vorsichtig tastete er sich vorwärts, immer darauf achtend, im Schutz der Pflanzen und des Grases zu bleiben.
Die Hütte seiner Familie war leer. Zerbrochene Töpfe lagen herum, dazwischen leuchteten die Pfefferschoten, die seine Mutter an diesem Morgen gepflückt hatte. Auch die Hängematten seiner Geschwister waren leer.
Auf allen vieren kroch Ollin vorwärts. Erst sah er nur das Blut, dick und zäh floss es über den Staub der Hütte, vorbei an den Maniokblättern, auf denen das Essen zubereitet wurde, unter dem Körper seiner Mutter hervor. Sie lag auf dem Rücken, die Arme seitlich ausgestreckt und ihre Augen waren noch immer geöffnet, so als würde sie in die Wolken blicken. Ihr bunter Rock war hochgerutscht und gab die dunkle Haut ihrer Beine frei.
»Mama?«
Ollin wagte nur zu flüstern, aus Angst, dass die Eindringlinge ihn hören konnten. Seine Mutter antwortete nicht. Sie lag nur da und starrte in den Himmel, ohne zu blinzeln.
Schreie und Schüsse drangen von weit her in sein Bewusstsein, und der Rauch der brennenden Hütten reizte seine Augen.
Doch dann sah er, woher das Blut kam. Eine Kugel hatte ihren Bauch getroffen und eine schreckliche Wunde gerissen. Im Rhythmus ihres Herzschlags strömte das Blut heraus, schnell und stark.
»Mama, bitte stehe auf«, wisperte Ollin. Er berührte ihren Arm. Ihre Haut war noch warm, doch etwas in ihm wusste, dass seine Mutter nie wieder ihre Augen schließen und öffnen würde, dass sie nicht mehr aufstehen und nie mehr mit ihm sprechen würde.
Rufe kamen näher. Ollin zuckte zusammen. Das Versammlungshaus stand in Flammen, aus dem zuvor gellende Schreie zu hören waren. Die Männer strömten aus und durchkämmten die anderen Hütten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn hier fanden. Von seinen Brüdern fehlte jede Spur. Er konnte nur hoffen, dass seine Geschwister sich versteckt und überlebt hatten. Wo war sein Vater? Er hatte ihn nicht bei den anderen Männern auf dem Fluss gesehen. Plötzlich näherten sich schwere Schritte. Panisch kroch Ollin rückwärts zurück in den Schutz des Waldes, wo er mit großen Augen dabei zusah, wie die fremden Männer sein Dorf verwüsteten und alle umbrachten, die sie fanden. Die Todesschreie seiner Verwandten bohrten sich durch seine Ohren in sein Bewusstsein und etwas in Ollin ahnte, dass er sie niemals würde vergessen können, ganz gleich, wie alt er wurde.
»Wie kommen unsere Männer voran?« Rafael Alves lehnte auf der Brüstung der großen Terrasse seines Anwesens in Manaus und nahm einen tiefen Zug an seiner Zigarre. Er ließ sie sich aus Kuba einfliegen. Er war ein großer und beleibter Mann, dessen schwarzes Haar bereits einige Lücken auf der Kopfhaut aufwies. In seiner Jugend hatte man ihn »O lindo« genannt, den Schönen, doch von seiner Schönheit war nicht viel übriggeblieben. Doch Rafael Alves brauchte längst keine Schönheit mehr, denn er hatte etwas viel Besseres gefunden: Macht und Geld. Der Handel mit Frauen und Waffen hatte ihn reich gemacht, doch seit Brasilien sich aufmachte, den Sprung von der dritten in die erste Welt zu schaffen, verlegte auch er sich lieber auf ehrenwerte Geschäfte wie etwa den Handel mit Land. Hinter Manaus lag die Wildnis, die unendlichen grünen Weiten des Amazonas, mit seinem fruchtbaren Boden. Früher hatte man die Bevölkerung dort versklavt, um Kautschuk zu ernten, heute rodete man die Urwälder, um dort Soja anzubauen. Und genau von diesem Kuchen wollte auch Rafael Alves ein Stück abhaben.
»Bis zum Abend ist das Dorf geräumt.« Diego Correia trat durch die weit geöffneten Türen nach draußen. Von drinnen war leise Musik zu hören, unterbrochen von Frauengelächter.
»Gab es Komplikationen?«
»Soweit ich weiß, nicht. Niemand wusste, dass wir kamen. Die Indios wurden überrascht.«
Alves nickte und schwieg. Sein Blick schweifte über die Dächer der Millionenstadt Manaus, von deren Lärm und Dreck man hier nur sehr wenig mitbekam. Friedlich wirkte die Stadt mit ihren unzähligen Lichtern auf die Entfernung sogar.
»Das verdammte Pack. Sie hätten das Geld nehmen und einfach wegziehen können, das Land ist doch groß genug. Aber ihr Anführer hat lieber ständig von seinen Ahnen geredet.«
Correia spuckte aus.
»Diese Idioten. Sie wollten es ja nicht anders.«
Alves streifte die Asche seiner Zigarre am Geländer ab und griff nach seinem Whiskey-Glas.
»Wann können wir mit der Rodung beginnen?«
»Vermutlich schon morgen, wenn das Feuer gelöscht ist.«
Alves kniff die Augen zusammen. In Gedanken ging er noch einmal durch, was ihn der Einsatz der Männer bis morgen kosten würde, zusätzlich zu den Bestechungsgeldern an die lokalen Politiker, die Zeitungen und das Militär, damit sie alle über das, was gerade tausend Kilometer weiter nordwestlich in den Tiefen des Amazonas geschah, Stillschweigen bewahren würden. Keine Spur dürfte zu ihm, Rafael Alves, zurückführen, immerhin kandidierte sein Bruder Carlos Alves für einen der wenigen Senatorensitze im Bundesstaat Amazonas, da durfte keine Spur zu seiner Familie führen.
Normalerweise scherte sich niemand darum, was die Indios im Dschungel trieben und wer sie umbrachte, doch seit einigen Jahren gab es die Menschenrechtsorganisationen, die darüber berichteten, wenn es wieder zu einem Massaker kam und das konnte sich auf die politische Karriere seines Bruders negativ auswirken. Die Zeiten hatten sich geändert.
Als das Militär noch an der Macht gewesen war, hatten sich die Dinge viel leichter klären lassen. Mit Geld war beinahe jedes Problem zu lösen, doch seit es freie Wahlen gab, zählte die öffentliche Meinung etwas.
Im Westen der Stadt ging die Sonne unter, ein großer glühender Feuerball, der die Dächer in jenem besonderen Goldton zum Glühen brachte. Auf der anderen Seite des Himmels ging bereits der Mond auf, voll und hell. Alves betrachtete das Schauspiel und spürte, wie sich in seinem Inneren jene Ruhe ausbreitete, die er immer fühlte, wenn einer seiner Pläne aufging. In wenigen Tagen würde er einer der reichsten Großgrundbesitzer nördlich von Manaus sein und kein Indio-Volk würde ihm mehr auf der Nase herumtanzen.
Das Massaker dauerte bis zum Abend. Dann erst wurde es still im Dorf. Ollin konnte hören, wie die Männer auf ihre Jeeps sprangen und mit aufheulenden Motoren davonjagten. Die Dunkelheit brach herein und er konnte hören, wie die Jäger im Dschungel hinter ihm zum Leben erwachten und doch wagte er es nicht, zurück in das Dorf zu gehen. Fest hielt er seine Knie umklammert, die Augen geschlossen und erzählte sich selbst Geschichten, jene Geschichten, die ihm sein Großvater oft vor dem Einschlafen erzählt hatte. Jaguare kamen in ihnen vor, jene Könige des Urwalds, aber auch andere Tiere wie Papageien und Kaimane. Die Baniwa glaubten daran, dass jedes Tier eine Seele besaß, mit der man sprechen konnte. Manche Menschen hatten die Gabe, die Worte der Tiere laut und klar hören zu können, andere wiederum nur sehr leise.
Zu allen Zeiten aber hatten die Baniwa mit den Bewohnern des Waldes gesprochen, sie um Rat und Hilfe gebeten und von ihnen gelernt. Besonders die Vögel beschützten die Baniwa.
Doch heute hatten sie versagt. Scheinbar wussten sie das, denn sie schwiegen. Kein Laut war aus den Baumkronen zu hören. Ollin spürte, wie noch immer Tränen über seine Wangen liefen. Er konnte nicht aufhören zu weinen. Längst hatte er kein Gefühl mehr in seinen Knien.
Es war der Hunger, der ihn schließlich dazu antrieb, aufzustehen. Im Zickzack lief er durch das zerstörte Dorf, das bis zum Morgen noch sein Zuhause gewesen war, doch alles, was er fand, war nur Tod und Vernichtung. Die Männer hatten ganze Arbeit geleistet. Keine Hütte war verschont geblieben. Viele waren niedergebrannt, in einigen loderten sogar noch Feuer. Zwischen ihnen lagen sie, erschlagen und erschossen, die Bewohner des Dorfes, Männer, Frauen und Kinder. Keiner war entkommen.
Verzweifelt lief Ollin umher und rief die Namen der Menschen, die er kannte, doch niemand antwortete ihm. Als er schließlich vor den Ruinen des Versammlungshauses stand, begriff Ollin, dass er nun allein auf der Welt war. Alle, die er gekannt hatte, waren tot, ermordet an nur einem Morgen von fremden Männern auf Jeeps.
Hierher kamen nicht oft Fremde und wenn, dann kamen sie mit dem Boot. Was hatten die Männer gewollt?
»Eine Zeit der Veränderung steht uns bevor«, hatte sein Großvater ihm immer wieder gesagt.
»Großvater, wo bist du?«, flüsterte Ollin. In den umgeworfenen Schalen war noch der Maniokbrei zu erkennen, den die Frauen für das Frühstück vorbereitet hatten, doch nun gab es niemanden mehr, der ihn essen würde.
Ein plötzliches Geräusch ließ Ollin zusammenfahren. Waren das die Männer? Kamen sie etwa zurück? Dieser Gedanke flößte ihm große Furcht ein. Er wusste nicht, warum die Männer gekommen waren, doch es war gut möglich, dass sie wiederkamen. Er musste das Dorf verlassen. Vorsichtig kroch er unter das eingestürzte Dach des Versammlungshauses und suchte nach etwas Essbarem. Er fand etwas rohen Maniok und Pfeffer. Beides steckte er ein. Dann kehrte er zu seiner Mutter zurück.
Ihre Augen standen noch immer weit offen, doch selbst im sehr schwachen Widerschein des Feuers konnte Ollin erkennen, dass sie inzwischen glasig waren. Die Seele seiner Mutter hatte ihren Körper verlassen. Er ging neben ihr in die Hocke und dann begann er zu weinen. Er weinte und weinte, bis keine Träne mehr kam. Er dachte daran, wie ihn seine Mutter, als er noch kleiner gewesen war, mit sanftem Schaukeln in den Schlaf gewiegt hatte, er erinnerte sich an ihr Lachen und wie sie in die Hände klatschte, wenn sie sich über etwas sehr freute.
Er überlegte kurz, ob er nach seinen Geschwistern suchen sollte, doch etwas in ihm sagte ihm, dass auch sie nicht länger am Leben waren. Am Horizont verfärbte sich der Himmel bereits wieder grau, der neue Tag brach an. Ollin hatte keine Ahnung, wohin er gehen sollte. Das nächste Dorf war mehrere Tagesmärsche entfernt und er wusste nicht, wie er dorthin kam. Aber hier, an diesem Ort, konnte er nicht mehr bleiben. Vielleicht hatte sein Vater mit einigen der anderen Männer auf dem Fluss überlebt und würde nach ihm suchen. Ollin beschloss, ihm eine Nachricht zu hinterlassen. Er nahm einen Stock und ritzte einen großen Kreis in die Erde, in dessen Mitte er eine Pfefferschote legte. Sein Vater würde wissen, was das zu bedeuten hatte.
Dann verließ der Junge, der letzte Überlebende seines Dorfes, den Ort, an dem er sein ganzes Leben lang gelebt hatte, um in der Morgendämmerung in den Urwald zu gehen.
In der Nacht roch der Urwald anders als am Tag. Viele Pflanzen, wie die »Königin der Nacht« mit ihren riesigen rosa Blüten, öffneten diese nur in der Dunkelheit, um nachtaktive Tiere wie Fledermäuse oder auch Insekten anzulocken. Jetzt, im Morgengrauen, schlossen sie sich langsam wieder. Der Humus unter seinen bloßen Füßen federte leicht, als Ollin sich auf den verschlungenen Pfaden, die nur die Bewohner des Dorfes kannten, durch den Regenwald bewegte. Er hatte vor, eine große Schleife zu ziehen, um später wieder zum Fluss vorzustoßen und dann flussabwärts zu marschieren, in der Hoffnung, eine andere Siedlung zu finden. Er wusste, dass es sie gab, denn die Männer seines Volkes trieben Handel mit ihnen, sie tauschten unter anderem Töpfe, Messer und Macheten gegen seltene Fische und andere Dinge. Er konnte nur hoffen, dabei nicht in die Hände der Bösen zu fallen. Die Bilder der vergangenen Nacht blitzten immer wieder in seinem Bewusstsein auf und ließen seine Kehle austrocknen und sein Herz schneller schlagen. Er versuchte, die Panik zu bekämpfen, doch es gelang ihm nur schwer.
Sie alle waren tot. Seine Familie, seine Geschwister, alle Bewohner seines Dorfes, umgebracht in einer einzigen Nacht des Blutrausches. Woher waren die Männer gekommen und was hatten sie gewollt? Er war sich nicht sicher, wohin sie gegangen waren, doch hier, im Schutz des Dschungels, war er ihnen überlegen. Er kannte sich hier sehr gut aus, kannte jedes Tier und jede Pflanze beim Namen und wusste, wovor er sich in Acht nehmen musste.
Hoch ragten die Kapokbäume mit ihren mächtigen Stämmen über ihm auf, sie waren so hoch wie fünfzig Männer und uralt. Aus ihren Samen ließ sich ein Tee bereiten, der Wunden und Krankheiten heilte, und unter ihnen fand man immer Schatten. Die Schlingen der gelben Passionsfrucht wanden sich um ihn und ihre köstlichen, süßen Früchte verströmten einen angenehmen Duft. Ollin pflückte zwei von ihnen, die eine aß er sofort. Ihr wohlschmeckender Saft troff ihm von den Fingern, während er ihr weiches Fruchtfleisch verzehrte und die Samen ausspuckte.
Es würde ein heißer Tag werden. Die Wolken des vergangenen Tages hatten sich verzogen, eine schwüle, feuchte Hitze breitete sich unter dem ewigen Blätterdach des Dschungels aus.
Ollin ging in schnellen, aber vorsichtigen Schritten, denn überall konnte eine Giftschlange oder eine Spinne darauf warten, ihn zu beißen. Die festen Schritte vertrieben sie normalerweise, doch er wusste, dass er sich in Acht nehmen musste. Ein falscher Schritt konnte genügen und er verletzte sich oder zog sich einen Biss zu, an dem er innerhalb weniger Stunden einen grausamen Tod sterben konnte.
Er bewegte sich immer tiefer in den Wald hinein, unter die dichten Blätter der Tucuma-Palmen, vorbei an den blauen Blüten des Parápará-Baumes und versuchte, die furchtbaren Bilder des vergangenen Tages zu verdrängen. Es war ihm, als könnte er das Blut noch immer riechen, das die Männer vergossen hatten. Wenn er daran dachte, rauschte ihm das Blut in den Ohren und sein Herz pochte so heftig in seiner Brust, dass er glaubte, es zerspringe.
Am Mittag rastete er kurz unter einem Cashew-Baum, wo er sich an den Samen aus den roten Früchten des Baumes satt aß. Als am Nachmittag Wolken aufzogen und der Regen mit aller Macht auf den Urwald niederging, suchte er Schutz unter einem Jurubeba-Baum. Er erinnerte sich daran, wie seine Mutter ihm einst von der Heilkraft der Wurzeln dieses Baumes erzählt hatte. Als er Durst bekam, griff er nach einer Liane und brach sie an zwei Stellen auseinander, so dass ihr würziger Saft in seinen Mund schoss und ihn mit Flüssigkeit versorgte.
Im Urwald kam die Dunkelheit schnell, und so war er gezwungen, sich frühzeitig Gedanken darüber zu machen, wo er schlafen sollte. Auf dem Boden wäre er leichte Beute für die Insekten und die großen Raubkatzen, in der Nähe des Flusses würden ihn die Kaimane verspeisen. Außerdem war es zu feucht, um ein Feuer zu entzünden, auch wenn ihn der Ruß am besten vor den Mücken schützen würde.
Er entschied sich dazu, auf einen Kapokbaum zu klettern und sich dort mit einigen Lianen festzubinden, so dass er im Schlaf nicht nach unten stürzte. Etwas unterhalb rankten Pfeifenwinden an dem Baum. Ihre seltsam geformten Blüten stanken nach verfaulendem Fleisch, um Insekten anzulocken. Auch diese Pflanze besaß mächtige Heilkräfte, man nannte sie auch die »Liane der 1000 Männer«. Sie heilte Schlangenbisse, vertrieb Wurmbefall und half bei Fieber.
Doch immer wieder schob sich das Gesicht seiner Mutter in seine Gedanken, und als er sich endlich zum Schlafen zusammenrollte, notdürftig gesichert durch die Lianen, da kamen auch die Tränen. Er weinte, bis es in seinem Inneren keine Tränen mehr gab und er endlich einschlief.
Als Ollin erwachte, war es merkwürdig still um ihn. Es war, als hielte der Dschungel den Atem an. Kein Blatt bewegte sich, sogar die Brüllaffen und Papageien schwiegen. Ein seltsames, silbernes Licht erfüllte den Urwald. Verwundert blickte sich Ollin um. Träumte er noch immer?
»Er wird kommen, um dich zu holen«, sagte eine Stimme. Ollin sah sich um. Neben ihm auf dem breiten Ast saß ein Wesen, etwa so groß wie er, mit heller Haut und rotem Haar und einem Gewand aus Blättern. Es hatte den Kopf auf die Arme gestützt und die Knie angezogen und sah sehr traurig aus. Das Bemerkenswerteste an ihm aber waren seine Füße. Sie zeigten nach hinten. Ollin betrachtete ihn neugierig.
»Ich kenne dich«, sagte er schließlich und seine Stimme klang merkwürdig dumpf, so als befände er sich in einer Höhle.
»Sie erzählen von dir. Du bist der ›Hüter des Waldes‹.«
Das Wesen legte den Kopf schief und sah ihn an. Aus seinem Blick sprach tiefe Traurigkeit.
»Ja, so nennen sie mich. Ich habe gesehen, was die Männer mit deinem Dorf getan haben.«
Ollin schluckte. Tränen brannten ihm in den Augen.
»Es sind böse Männer, getrieben von Gier und Zerstörung. Sie achten weder den Wald noch die Natur. Sie sind gekommen, um die Bäume abzuholzen und alles zu töten, was sich ihnen in den Weg stellt.«
Das Wesen streckte seine Hände aus, welche durchscheinend waren wie der Nebel über dem Fluss am Morgen.
»Früher gelang es mir, etwas gegen sie zu unternehmen. Ich zerstörte ihre Fahrzeuge, ihre Waffen, ich spielte ihnen Streiche. Doch mit jedem Baum, der fällt, sinkt auch meine Macht.«
Ollin betrachtete das Wesen.
»Was ist mit deinen Füßen?«
Das Wesen lachte kurz auf.
»Das ist, um sie zu verwirren. Wenn ich laufe, deuten meine Spuren in eine andere Richtung.« Für einen kurzen Augenblick leuchteten seine Augen auf, bevor er sofort wieder ernst wurde.
»Die Geister des Waldes sind verzweifelt, Ollin. Immer mehr von den Männern kommen.«
Er wies mit dem Kopf zum Boden. Ollin folgte seinem Blick und entdeckte einen jungen Hirsch, dessen Fell ganz weiß war. Seine Augen glühten so rot wie glühende Kohlen.
»Habe keine Angst, Ollin. Dir wird nichts geschehen, hier in diesem Wald. Der Wald ist dein Zuhause. Fürchte dich nicht vor den Gefahren hier, niemand wird dir etwas zu Leide tun. Vielleicht wirst du eines Tages zurückkehren und uns bei unserem Kampf unterstützen, doch bis dahin sei behütet und beschützt und vergiss nie, wo du herkommst. Der Dschungel, er atmet in deinen Lungen und pulsiert in deinem Blut und niemand wird dir je deine Freiheit nehmen können. Du bist ein Sohn des Waldes, du bist so frei wie die Vögel über den Baumkronen.«
Ollin wusste nicht, was diese Worte zu bedeuten hatte, doch sie zu hören, tröstete ihn. Jetzt fühlte er sich weniger allein.
»Was soll ich jetzt tun?«, fragte er, doch das Wesen war verschwunden, ebenso wie der Hirsch mit den glühenden Augen und das silberne Licht. Die Geräusche des Urwalds hatten wieder eingesetzt und erfüllten die Luft. Verwirrt schloss Ollin erneut die Augen und schlief ein, ohne noch einmal zu träumen.
Als der Morgen anbrach, kletterte Ollin von dem Baum herab und setzte seinen Weg fort. Er versuchte, sich an den Bäumen und den Spuren der Jäger zu orientieren, die sie hin und wieder in der Rinde der Bäume hinterließen, auch am Stand der Sonne, doch als am Nachmittag der Regen kam, wurde das schwierig. Er ernährte sich von den Früchten des Waldes, hin und wieder verspeiste er auch die dicken Larven der Käfer. Roh schmeckten sie nicht besonders, doch es gab kein Feuer, über dem er sie rösten konnte.
Während er allein durch den Dschungel schritt, dachte er an all die Lieder und Geschichten, die er in seinem Dorf gehört hatte und versprach sich, sie nie zu vergessen. Er war der Einzige, der sich noch an sie erinnerte, wenn er sie nicht aufbewahrte, dann wären sie für immer verloren.
Da war zum Beispiel die Erzählung über den schönen Mann, der des Nachts kam und die jungen Frauen verführte. In Wirklichkeit war er ein verzauberter Flussdelfin. Er war so schön, dass die Mädchen alle ganz von Sinnen waren, wenn sie ihn erblickten und sie folgten ihm bereitwillig in den Fluss und in sein Königreich unter dem Wasser. Es hieß, dort wartete ein großes Haus aus Muscheln und der Mann war dort König. Die verführten Mädchen aber mussten dort leben und ihm Kinder gebären und durften nie mehr an die Oberfläche, ganz gleich, wie sehr sie ihre Eltern, die Sonne und die Bäume vermissten. Nur an manchen Vollmondnächten ließ der Mann zu, dass sie nach oben tauchten und dann erfüllte ihr sehnsuchtsvoller Gesang die Luft.
»Hüte dich vor der Schönheit«, sagten die Alten im Dorf immer, wenn sie diese Geschichte erzählten, »denn sie ist dein Verderben. Es ist wie mit den Blüten im Urwald, je schöner und prächtiger sie sind, umso stärker ist ihr Gift. Vertraue lieber auf die Wurzeln, die die Bäume in der Erde halten, sie sind unscheinbar, aber nahrhaft und vor allem beständig.« Dann lachten sie verschmitzt und dachten vermutlich daran, dass auch sie einst jung und von der Schönheit besessen gewesen waren.
Eine andere Sage erzählte vom ersten Krieger, der während eines Unwetters von den Wolken hinabstieg und in den Dschungel kam. Was ihn sah, erfüllte ihn mit Furcht. Er kämpfte mit dem Jaguar und der großen Schlange, er besiegte sie alle mit seinen bloßen Händen. Er verjagte die Spinnen und die Fledermäuse und dann nahm er einen Ast und ritzte ein Zeichen in den Boden.
»Hier soll mein Volk leben und es soll seinen Platz haben unter allen Geschöpfen des Urwalds.«
Doch der erste Krieger war auch nur ein Mensch und Menschen machten Fehler. So verriet er seine Mutter, die Mutter des Waldes, als die Flussschlange ihm großen Reichtum versprach. Als der Krieger seine Belohnung entgegennahm, zerfiel das Gold zu Asche. In anderen Erzählungen wurde von der Ankunft der Weißen erzählt, wie sie in ihren Booten auf dem Fluss auftauchten, mit all den Haaren im Gesicht und ihrer seltsamen weißen Haut. Zuerst hatte man sie für Geister gehalten, bis man erkannte, dass viele von ihnen sehr krank waren. Ollins Vorfahren hatten sie gepflegt und ihnen Nahrung gegeben, nicht wissend, dass ihre Nachkommen einst zu ihren Mördern werden würden.
Ollin suchte sich einen abgebrochenen Ast, auf den er sich bei seiner Wanderung stützen konnte und mit dem er das Gebüsch beiseite schob, wenn es über seinen Weg wucherte, und dann ging er weiter, immer weiter.
Nachdem er drei Tage in den Dschungel hineingelaufen war, entschied er am Morgen des vierten Tages, dass er nun weit genug entfernt von den bösen Männern war und es wagen konnte, sich wieder dem Fluss anzunähern, wo er auf Menschen stoßen würde, vielleicht sogar Angehörige seines Volkes. Er hatte keine Ahnung, wie weit er bereits gegangen war und was vor ihm lag, doch er wusste, dass er auf Dauer allein im Urwald nicht überleben konnte.
»Weißt du, was es heißt, ein Mann zu sein?«
Das Gesicht seines Vaters trat ihm vor Augen. Sein Vater war ein erfahrener Jäger und ein mutiger Krieger, über den sogar Lieder gesungen wurden.
