Tagebuch eines Zigarrenschmugglers - Ulas Senkal - E-Book

Tagebuch eines Zigarrenschmugglers E-Book

Ulas Senkal

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Beschreibung

Havanna, 1993: In einer Stadt, die im Schatten des Niedergangs und der Wirtschaftskrise steht, kämpft Orlando Molina, ein talentierter Zigarrenroller, gegen die Dämonen seiner Vergangenheit und die Ausweglosigkeit seiner Gegenwart. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks versinkt Kuba im Chaos, und Orlando lässt sich auf einen gefährlichen Plan ein: Zigarrenschmuggel für die Revolution. Getrieben von Schuldgefühlen und den Geistern seiner Kindheit, verliert Orlando sich zunehmend in surrealen Träumen und dunklen Gedanken. Jeder Tagebucheintrag enthüllt ein Stück mehr von seinem Verfall und der Einsamkeit, die ihn umgibt. Kann er den Schatten der Vergangenheit wirklich entkommen? Oder wird Havanna ihn einholen, wie es so viele andere vor ihm verschlungen hat?

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Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Eintrag Nr. 1 (So 14.02.93)

Eintrag Nr. 2 (Mo 15.02.93)

Eintrag Nr. 3 (Di 16.02.93)

Eintrag Nr. 4 (Mi 17.02.93)

Eintrag Nr. 5 (Do. 18.02.93)

Eintrag Nr. 6 (Do 18.02.93)

Eintrag Nr. 7 (Do. 18.02.93)

Eintrag Nr. 8 (Fr 19.02.93)

Eintrag Nr. 9 (Sa 20.02.93)

Eintrag Nr. 10 (Sa 20.02.93)

Eintrag Nr. 11 (So 21.02.93)

Eintrag Nr. 12 (Mo 22.02.93)

Eintrag Nr. 13 (Di 23.02.93)

Eintrag Nr. 14 (Di 23.02.93)

Eintrag Nr. 15 (Do 25.02.93)

Eintrag Nr. 16 (Do 25.02.93)

Eintrag Nr. 17 (Fr 26.02.93)

Eintrag Nr. 18 (Sa 27.02.93)

Eintrag Nr. 19 (SA 27.02.93)

Eintrag Nr. 20 (Sa 27.02.93)

Eintrag Nr. 21 (Sa 27.02.93)

Eintrag Nr. 22 (So 28.02.93)

Eintrag Nr. 23 (Mo 01.03.93)

Eintrag Nr. 24 (Mo 01.03.93)

Eintrag Nr. 25 (Mi 03.03.93)

Eintrag Nr. 26 (Do 04.03.93)

Letzter Eintrag (Fr 05.03.93)

Eintrag Nr. 1 (So 14.02.93)

Ich halte es nicht mehr aus. Meine Gedanken, sie quälen mich, bohren sich tief in meinen Schädel wie Nadeln, immer wieder. Meine Ängste, sie lähmen mich, legen mein Leben in Ketten, und ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würden sie mich von innen auffressen, wie Krebszellen, die langsam alles verschlingen, was von mir noch übrig ist. Doch ich kann sie nicht loswerden, egal wie sehr ich es versuche. Der Schlaf, mein einziger Zufluchtsort, entgleitet mir wie Sand durch meine Finger. Jede Nacht dasselbe: Tausende Gedanken, die sich überschlagen – tausende Fragen, die keine Antworten finden. Ich habe Angst, dass ich bald in einem Strudel aus Verzweiflung versinken werde, dass ich zusammenbrechen werde, wie ein Kartenhaus, das beim kleinsten Windhauch in sich zusammenfällt.

Angst zu verlieren. Angst zu versagen. Angst vor all den Konsequenzen, die unweigerlich auf mich zukommen werden. Vielleicht bin ich krank? Vielleicht hat mich mein Schicksal verrückt gemacht? Doch wer würde das zugeben, wenn er den Verstand verloren hat? Es klingt absurd. Etwas stimmt nicht mit mir. Jeder Atemzug ist schwer, als würde die Luft selbst sich weigern, in meine Lungen zu strömen. Es fühlt sich an, als ob eine unsichtbare Hand meinen Hals zudrückt. Ich glaube, ich ersticke.

Verflucht sei der Tag, an dem alles begann, vor drei Monaten, als Ramon mich in diese Hölle hineinzog. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Warum habe ich nicht auf mein Herz gehört, das mir sagte, dass dieser Weg ins Verderben führt? Damals schien es noch so einfach, so klar. Doch jetzt ... jetzt sehe ich nichts mehr deutlich. Alles verschwimmt in einem dichten Nebel aus Angst und Unsicherheit. Möge Gott mir verzeihen, was ich getan habe. Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte ...

Eintrag Nr. 2 (Mo 15.02.93)

Gestern hatte ich das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Ein Nervenzusammenbruch? Vielleicht. Doch wenn ich meine Worte von gestern lese, erkenne ich mich selbst nicht wieder. Heute scheint die Welt wieder in den gewohnten Bahnen zu laufen, als wäre nichts geschehen. Vielleicht war ich einfach nur überfordert, erschöpft von den unzähligen, schlaflosen Nächten, die mich gequält haben. Wahrscheinlich waren es ganz gewöhnliche Stimmungsschwankungen, wie sie jeder Mensch durchmacht. Oder etwa doch mehr?

In den dunklen Stunden der Nacht fragte ich mich, ob ich wie mein Jugendfreund Jacobo leide. Er, der schon als Kind von einer endlosen Traurigkeit geplagt wurde. Jacobo war gefangen in einem Netz aus negativen Gedanken, die ihn nicht losließen. Ziellos, lustlos, suchte er nach einem Sinn in seinem Leben, doch fand keinen. Selbst die Medikamente brachten ihm keine Erlösung. Ehrlich gesagt, ich weiß bis heute nicht, was eine Depression wirklich ist. Ist es dieses nagende Gefühl von Traurigkeit und Antriebslosigkeit? Oder ist es die innere Wut, die einem den Verstand raubt?

Aber ich bin doch nicht wie Jacobo. Ich bin voller Energie, zumindest rede ich mir das ein. Ich liebe das Leben, zu sehr, um jemals in eine solche Lage zu geraten. Doch ... habe ich wirklich keine Zeit zum Trauern, oder ist es das Chaos in meinem Kopf, das mich davon abhält, den Schmerz zu fühlen? Welche Trauer? Ich bin der große Orlando, der Auserwählte im Dienst des Staates. Und dennoch, tief in mir drin, vermisse ich meine Eltern. Sie sind seit 15 Jahren nicht mehr bei mir. Gott, warum hast du mir das angetan? Warum sie? Dieser Schmerz – es tut immer noch weh, als wäre es gestern gewesen ...

Und was macht wohl meine Tante Hermosa jetzt? Sie hat mir so viel gegeben, mich großgezogen, mir ein Zuhause geschenkt. Doch ich habe sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich ist sie mit einem Mann beschäftigt, so wie immer. Diese Frau ist unglaublich. Und doch, trotz allem, ist sie ein Engel auf Erden. Während ich hier schreibe, wird mir klar, dass ich Selbstgespräche führe. Wann habe ich damit angefangen? Früher dachte ich, nur alte, einsame Menschen, die den Verstand verloren haben, reden mit sich selbst. Nur die, die psychisch krank sind. Aber heute erkenne ich: Ich bin mein eigener Gesprächspartner geworden. Der eine Orlando stellt die Fragen, der andere versucht, Antworten zu finden. Doch beide scheitern.

Das Niederschreiben meiner Gedanken bringt keine Erlösung. Im Gegenteil, es macht mir nur noch deutlicher, wie verloren ich bin. Vielleicht ist es an der Zeit, an die frische Luft zu gehen. Zeit, eine gute Zigarre zu rauchen, die einzige Konstante in meinem Leben seit drei Monaten. Mein Balkon ist mein Zufluchtsort geworden, mein einziges Fenster zur Welt. Heute Nacht geht es wieder hinaus in die schwarzen Weiten des Ozeans, unter dem kalten Licht des Mondes und der fernen Sterne. Möge Gott mir beistehen ...

Eintrag Nr. 3 (Di 16.02.93)

Es ist 3:45 Uhr morgens. Die Dunkelheit hat mich umhüllt, als ob die Nacht selbst mich verschlingen will. Kein Strom. Der zähe, drückende Mangel an Licht scheint die ganze Welt in eine trübe Starre zu versetzen. Mit kleinen flackernden Flammen von zwei Feuerzeugen habe ich es gerade noch zur Wohnungstür geschafft. Das Mondlicht, das durch die Balkontür flutet, war mein einziger Anker in dieser Finsternis, gerade genug, um die Zündhölzer zu finden und zwei Kerzen anzuzünden. Die Schatten an den Wänden tanzen wie geisterhafte Silhouetten, und ich frage mich, ob diese Nacht mich auch in den Wahnsinn treiben wird.

Ich muss das hier durchziehen, um jeden Preis. Aber die Müdigkeit lastet schwer auf mir. Jeder einzelne Knochen, jede Muskelfaser in meinem Körper schreit nach Ruhe. Mein Rücken brennt vor Schmerzen, und mir ist übel, als ob die Übelkeit selbst ein ständiger Begleiter geworden ist. Doch das Adrenalin hält mich wach, zwingt mich, weiterzumachen. Vielleicht ist es die See, die mich krank macht. Das Meer war heute rau, wütend, als ob es mich verschlingen wollte.

Diese ersten beiden Einträge haben mir zumindest das Gefühl gegeben, nicht völlig allein zu sein. Dieses Tagebuch ist zu meinem stummen Vertrauten geworden, ein Gefährte, der meine Last mitträgt, zumindest ein wenig. Es hört mir zu, ohne zu urteilen, ohne mir Ratschläge zu geben, die ich nicht hören will. Es nimmt meine Worte auf, als wären sie kostbare Geheimnisse. Aber was weiß ich schon darüber, wie man ein Tagebuch führt? Gibt es überhaupt ein »richtig« oder »falsch«? Ich schreibe einfach alles nieder, was mir in den Sinn kommt. Einfach alles. Alle Gedanken, alle Fragen, alle inneren Monologe.

Doch ich habe Angst. Angst davor, dass ich nicht alles aufschreiben kann. Meine Gedanken, sie kommen in Strömen, wild, ungezähmt, als würden sie miteinander kämpfen, ein Chaos, das ich nicht beherrschen kann. Es ist, als ob sie mit Lichtgeschwindigkeit in meinem Kopf kreisen, ein Karussell, das mich mitreißt, begleitet von einer Kakophonie aus lauter, unstimmiger Musik. Ich habe das Gefühl, all meine Gedanken bekriegen sich. Und bevor ich einen von ihnen fassen und niederschreiben kann, wird er von den anderen erdrückt, erstickt irgendwo in den tiefen, endlosen Weiten meines Bewusstseins.

Doch was kann ich dagegen tun? Ich bin machtlos. Meine Kontrolle über meinen eigenen Geist schwindet, je mehr ich versuche, sie zu halten. Ich habe viel zu lange dagegen angekämpft, und es wurde nicht besser, nur schlimmer. Zu versuchen, meine Gedanken zu kontrollieren, ist, als würde man qualvoll ersticken. Vielleicht, nur vielleicht, verschaffen mir diese unzähligen, wirren Gedanken etwas Luft zum Atmen. Während sich das Karussell dreht, bleibt mir keine Zeit, tiefe Angst zu empfinden oder falsche Entscheidungen zu treffen. Aber die Frage lautet, ob ich überhaupt noch Entscheidungen treffe? Es fühlt sich an, als würde ich nur noch funktionieren, als wäre ich ein Mechanismus, der nur das tut, was von ihm verlangt wird.

Schön langsam wird mein Körper schwerer, meine Hände beginnen zu kribbeln und schlafen ein, und mein Geist vernebelt sich. Ich weiß nicht, wohin mich diese Reise führen wird, doch eines steht fest: Es gibt kein Zurück mehr …

Eintrag Nr. 4 (Mi 17.02.93)

In einer Stunde geht es wieder los. Ich blicke aus dem Fenster und sehe die Dunkelheit, die sich wie ein schwerer Vorhang über die Stadt gelegt hat. Ein feiner Nieselregen fällt auf die staubigen Straßen der Stadt, und der schwüle Wind weht in mein Zimmer, bringt die salzige Luft des Meeres mit sich. Wie konnte es soweit kommen? Nachtfahrten... ich hasse sie, mittlerweile mehr als alles andere. Ich war nie ein Nachtmensch, noch weniger jetzt, wo jede Fahrt mich tiefer in die Dunkelheit zieht.

Heute ist es anders. Heute soll ich den Lastwagen zum ersten Mal selber fahren. Ein riesiges Fahrzeug, schwer und bedrohlich wie die Verantwortung, die auf mir lastet. Sicher, ich habe den Führerschein, aber was nützt mir das? 0 Praxis, und seit der Prüfung habe ich kein einziges Lenkrad mehr in der Hand gehabt. Wie soll das gut gehen? Die Straßen hier kenne ich nicht. Und dann dieser neue Treffpunkt – nicht der übliche Ort, an den wir seit Wochen fuhren, sondern eine gottverlassene Stelle irgendwo in der Wildnis, weitab der Küste, zwischen dichtem Dschungel und Klippen, die nur die älteren Fischer kennen. Wie soll ich bei Dunkelheit die Wegbeschreibung lesen? Ich kann nicht mal richtig Karten lesen. Es macht mich krank.

Es ist wie ein höhnisches Spiel. Immer wieder frage ich mich, warum ausgerechnet ich. Laut Onkel Ramon musste Ortega abgezogen werden, angeblich wird er woanders dringender gebraucht. Vielleicht ist das wahr, vielleicht aber auch nicht. Doch die Wahrheit spielt für mich ohnehin keine Rolle mehr. Ortega hatte die Ruhe und die Erfahrung, er wusste, wie man sich durch das Labyrinth der Straßen manövriert. Aber ich? Was ist mit mir? Wer denkt an mich? Wer fragt mich, ob ich kann, ob ich will, ob ich noch die Kraft habe, weiterzumachen? Niemand. Niemals.

Manchmal frage ich mich, ob das alles Schicksal ist. Ob ich dafür bestimmt bin, mich Nacht für Nacht in den Abgrund zu stürzen, auf diesen verdammten Straßen, die im Dunkeln verschwinden wie die Schatten meiner eigenen Angst. Ist das meine Bestimmung? Wer hat mich jemals gefragt, ob ich damit einverstanden bin? Niemand. Niemals. Nicht einmal Gott selbst.

Was ist nur aus mir geworden? Ich erkenne mich nicht mehr. Ich fühle mich, als wäre ich in einem fremden Körper gefangen, einer leeren Hülle, oder schlimmer, in einer Seele, die nicht die meine ist. Es ist, als würde ich von Tag zu Tag ein wenig mehr verschwinden, aufgesogen von der Leere dieses Daseins. Ich sitze und starre auf die Wanduhr, die Sekunden verrinnen so schnell, doch meine Gedanken sind träge, wie festgefahren im Sumpf der Zweifel.

Ich werde nach diesen Zeilen die alte Rumflasche von Onkel Ramon öffnen. Angeblich ist sie aus den 70er Jahren. Vielleicht wird mir ein Schluck helfen, den Sturm in meinem Inneren zu beruhigen. Vielleicht auch nicht. Was bleibt, ist ein kleiner Funken Hoffnung – dass diese Nacht nicht die letzte sein wird, in der ich aufwache und ein Stück von mir selbst wiederfinde. Möge Gott mir beistehen.

Eintrag Nr. 5 (Do. 18.02.93)

Ich habe die Nacht tatsächlich überstanden. Noch während die Dunkelheit mich umhüllte, gelang es mir, die Tour reibungslos hinter mich zu bringen. Die Fahrt mit dem Lastwagen, die ich so sehr gefürchtet hatte, erwies sich als einfacher, als ich je erwartet hätte. Pablo, ein junger Soldat mit ernstem Blick, drückte mir die Schlüssel in die Hand und sagte nur: »Wegbeschreibung, Straßenkarte, zwei Taschenlampen – alles, was du brauchst, liegt auf dem Beifahrersitz. Viel Glück, Genosse!«

Der Moment, in dem ich den Motor startete, war wie eine Verschmelzung. Das gewaltige Lenkrad schien sich meinen Händen anzupassen, als wäre es ein Teil von mir. Ich konnte es nicht mehr loslassen, als wären meine Hände daran festgeklebt. Jede Bewegung, jedes Geräusch des Motors wurde zu einer Verlängerung meines eigenen Körpers. Das Drehen im Stand war schwerfällig und verlangte meinen Armmuskeln alles ab. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde, doch sie verging wie im Flug. Der Lastwagen bewegte sich fast wie von selbst, als ob er den Weg bereits kannte.

Kurz vor dem Ziel passierte es – ein kleiner Fahrfehler. Für einen Moment verlor ich die Orientierung, doch ich fing mich schnell wieder und drehte um. Dabei entdeckte ich, wie viel unberührten Wald es noch an Kubas Küsten gibt, dunkle Wälder, die wie ein Schutzschild gegen die Welt wirken. Die ausgemachte Stelle am Strand war nicht schwer zu finden; Gabriel gab mir ein blinkendes Zeichen mit seiner Taschenlampe. Er musste die brummenden, lauten Motorgeräusche des Lastwagens schon von weitem gehört haben.