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Beschreibung

»Ich bin stolz auf dieses vielseitige Brasilien, zu dem ich gehöre. Wo alles noch offen ist, wo man noch mit einer Utopie vor Augen in die Zukunft schauen kann …« (João Ubaldo Ribeiro) »Ordem e Progresso«, so lautet der Wahlspruch auf der brasilianischen Flagge. Ordnung und Fortschritt - das war das Ideal des französischen Philosophen Auguste Comte, das sich die junge brasilianische Republik von 1889 zu eigen machte. Brasilien ist nicht nur Kaffee, Samba, Strand und Fußball. Das fünftgrößte Land der Erde gehört mittlerweile zu den zehn führenden Industrienationen und bietet weitaus mehr als die bekannten Klischees. Und dieser Fortschritt ist zum Teil teuer erkauft. Die nächsten Jahre im Licht der Weltöffentlichkeit - Fußballweltmeisterschaft und Olympiade - werden zeigen, wie diese Gesellschaft mit den gewaltigen Umbrüchen umgehen wird und ob die Brasilianer sich Lebenslust, Improvisationskraft und ihren (Galgen-)Humor werden bewahren können. Das Lesebuch versammelt Leseproben von Caio Fernando Abreu, Cuti, Sérgio Sant'Anna und Márcio Souza, zur Literatura de Cordel sowie begleitende Texte.

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Seitenzahl: 97

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Brasilien

Ein Lesebuch mit Texten brasilianischer Autoren, von Michael Fisch, Uwe Hellner, Moritz Rinke und Henry Thorau

Herausgegeben von Helmut Lotz

Edition diá

Über dieses Buch

»Ich bin stolz auf dieses vielseitige Brasilien, zu dem ich gehöre. Wo alles noch offen ist, wo man noch mit einer Utopie vor Augen in die Zukunft schauen kann …« (João Ubaldo Ribeiro)

»Ordem e Progresso«, so lautet der Wahlspruch auf der brasilianischen Flagge. Ordnung und Fortschritt – das war das Ideal des französischen Philosophen Auguste Comte, das sich die junge brasilianische Republik von 1889 zu eigen machte. Brasilien ist nicht nur Kaffee, Samba, Strand und Fußball. Das fünftgrößte Land der Erde gehört mittlerweile zu den zehn führenden Industrienationen und bietet weitaus mehr als die bekannten Klischees. Und dieser Fortschritt ist zum Teil teuer erkauft. Die nächsten Jahre im Licht der Weltöffentlichkeit – Fußballweltmeisterschaft und Olympiade – werden zeigen, wie diese Gesellschaft mit den gewaltigen Umbrüchen umgehen wird und ob die Brasilianer sich Lebenslust, Improvisationskraft und ihren (Galgen-)Humor werden bewahren können.

Das Lesebuch versammeltLeseproben von Caio Fernando Abreu, Cuti, Sérgio Sant’Anna und Márcio Souza, zur Literatura de Cordel sowiebegleitende Texte.

Inhalt

Caio Fernando Abreu: Was geschah wirklich mit Dulce Veiga?Caio Fernando Abreu: Karnevalsdienstag

Sérgio Sant’Anna: AmazoneHenry Thorau: Rundumschlag – Sérgio Sant’Anna schreibt den Roman seiner Generation

Márcio Souza: Der fliegende BrasilianerMichael Fisch: Einsamkeit und Leidenschaft

Schwarze Poesie | Poesia Negra»Die Sklavenhaltermentalität ist nur scheinbar beendet.«

Das Mädchen, das mit dem Teufel Lambada tanzteUwe Hellner: Poesie von der Leine

Moritz Rinke: Die Edition diá – der heimliche Starverlag zum Buchmessen-Schwerpunktthema Brasilien

Die Autoren

Impressum

Caio Fernando AbreuWas geschah wirklich mit Dulce Veiga?

Hinter den dunklen Brillengläsern hervor, im Gegenlicht der Sonne um zwei Uhr nachmittags, eingerahmt vom Rechteck der Haustür und zerschnitten von den blitzenden Spiegelungen der Autos draußen, schien mir die Silhouette vom Ende des Korridors aus eine Frau zu sein. Eine Kundin für Jandiras Muschelorakel, die ihren Gatten an sich fesseln wollte, dienstags wurden die Muscheln geworfen. Oder eine Klientin der Jungs vom zweiten Stock, obwohl sie eigentlich zu jung war, um schon für einen Mann zu bezahlen. Ich hatte mich getäuscht.

Kniehohe weiße Stiefel, Minilederrock, die Haare hochgesteckt, rasselnde Armbänder und die Nuttenschminke verschmiert, als hätte sie geschlafen, ohne sich das Gesicht zu waschen, oder sich ohne Spiegel geschminkt – es war Jacyr.

»Hallo«, begrüßte er mich. Und dann, aggressiv: »Wasn los, Macker, haste mich noch nie gesehen?«

Ich sagte:

»Deine Mutter macht sich Sorgen. Du bist einfach abgehauen, Jacyr.«

Er warf den Kopf nach hinten. Er hatte einen Knutschfleck am Hals.

»Die kann mich mal. Und nenn mich nicht Jacyr, ich bin jetzt Jacyra.«

Statt zu stöhnen, nahm ich eine Zigarette.

»Gib mir eine.«

»Du bist erst dreizehn.«

Ich wollte die Schachtel einstecken, aber er riss sie mir aus der Hand. Als er sich vorbeugte, damit ich ihm Feuer gab, was ich auch tat, tauchten hinter ihm zwei überquellende Einkaufstaschen auf, vom Markt, und eine der alten Frauen ging vorbei, ohne zu grüßen.

»Vierzehn«, verbesserte Jacyr. Er hob den Kopf. Seine Pupillen waren erweitert und mit blauem Lidschatten umschminkt. Er blies mir eine Rauchwolke ins Gesicht, Haschisch- und Bierfahne, gab mir die Zigaretten zurück und brüllte der Alten hinterher: »Vogelscheuche. Kümmer dich um deine eigenen Angelegenheiten, du Krähe!«

Etwas mehr Respekt, wollte ich sagen. Sind doch schließlich alte Leute. Draußen ging eine Autoalarmanlage los, ich wollte den Tag nicht wieder mit Kopfschmerzen beginnen.

»Ich muss gehen. Bin spät dran.«

Ich war fast schon am Ausgang, da rief mich Jacyr. Ich sah zu ihm, zu ihr hinüber. Er stand an der Biegung der Treppe, hatte eine Hand in die Hüften gestemmt, in der anderen die Zigarette vor den falschen Brüsten. Er sah aus wie die dunkelhäutige Ausgabe von Jodie Foster in Taxi Driver. Die Stimme klang noch piepsiger:

»Soll ich heute nicht bei dir putzen? Ich brauch Kohle.«

»Morgen«, sagte ich, ohne nachzudenken.

Als ich das bereute, war es zu spät. Jacyr war schon hinter der Treppenbiegung verschwunden. Bevor ich auf die Straße ging, blieb ich einen Moment im Hauseingang stehen. Trotz der wild gewordenen Alarmanlage des Wagens konnte man ganz genau hören, wie die Absätze der weißen Stiefel energisch über die Betonstufen klackten.

*

In der fast leeren Redaktion sagte ich, bevor er mich nach dem Artikel fragen konnte:

»Castilhos, erinnerst du dich an Dulce Veiga?«

»Dulce wer?« Er bekritzelte wie besessen ein Blatt mit einem roten Kugelschreiber.

Ich wiederholte:

»Veiga. Dulce Veiga, die Sängerin.«

Castilhos steckte den Kugelschreiber in den Mund, als ob es eine Zigarette wäre. Und erst nachdem er gedankenverloren an der Kappe gelutscht hatte, wobei er mich über die Brille auf seiner Nasenspitze musterte, schien er zu begreifen. Er legte den Kugelschreiber neben den Aschenbecher mit den muschelförmigen Händen, nahm eine Zigarette und presste sie zwischen die Lippen. Er versuchte sie anzuzünden, es tat sich nichts. Ich zog eine Grimasse und machte ihn darauf aufmerksam:

»Der Filter.«

»Was?«

»Der Filter, du zündest die Zigarette am falschen Ende an.«

Das war noch nie passiert. Selbst im Dunkeln, mit verbundenen Augen und gefesselten Händen würde Castilhos immer Zigaretten im Chaos seines Tisches finden, sie in den Mund stecken und schnell und treffsicher anzünden, ohne sich von dem, was er gerade tat, ablenken zu lassen. Er hatte sozusagen den schwarzen Gürtel für Raucher. Das Telefon klingelte, doch statt sich zu melden, hob er den Hörer von der Gabel und verharrte in dieser Stellung – in einer Hand die am falschen Ende angezündete Zigarette, das Telefon in der anderen – und starrte mich an, als hätte ich gerade gesagt, ich wolle über die Landung der Außerirdischen auf der Avenida Paulista schreiben.

Ich rief:

»Castilhos.«

Er ließ weder das Telefon noch die Zigarette los und rezitierte mit leiser, getragener Stimme:

The most marvellous is not

the beauty, deep as that is,

but the classic attempt

at beauty,

at the swamp’s center.

Er starrte so intensiv an mir vorbei, dass ich mich schließlich umdrehte. Aber außer uns beiden und Teresinha O’Connor, die am Telefon hing, war niemand in der Redaktion. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wer der Autor dieser Verse sein könnte. Und diesmal schien es kein Test zu sein. Es klang eher wie ein Epigraph. Oder Epitaph.

Ich blieb hartnäckig:

»Erinnerst du dich an Dulce Veiga?«

»Sag das noch mal«, drängte er, er klang seltsam. »Sag mir das noch mal, ganz langsam.«

»Dulce Veiga, Castilhos, weißt du noch? Diese Márcia Fellatio von den Vaginas Dentatas ist Dulce Veigas Tochter.«

Er zerquetschte die Zigarette. Zündete sich jedoch keine neue an.

»Und wo steckt sie?«

Schuldbewusst schlug ich die Augen nieder:

»Sie probt, macht Aufnahmen und so. Für die neue Platte, die sie rausbringen, du weißt schon. Ich hab versprochen, heute anzurufen. Die Vaginas Dentatas sind nicht besonders umgänglich. Auf alle Fälle liefere ich morgen den Artikel ab.«

Castilhos knallte den Hörer so heftig auf die Gabel, dass zwei glühende Zigarettenstummel auf dem Tisch das Gleichgewicht verloren und auf den Boden fielen. Ich drückte sie mit der Fußspitze aus.

»Nein, du Idiot. Dulce, wo ist Dulce Veiga?«

»Woher soll ich das wissen? Laut der Tochter ist sie vor etwa zwanzig Jahren verschwunden.«

»Zwanzig, zwanzig Jahre«, seufzte er stoßweise, als ob es wehtäte. Er fuhr sich mit der Hand durch das lichte, fast völlig ergraute Haar, das hinter den Ohren in kleinen Kringellöckchen auf den nicht gerade sauberen Kragen des weißen Hemdes fiel. Seine Stimme klang untröstlich: »Zwanzig, zwanzig lange Jahre.«

Ich ärgerte mich über diese Szene, in Zeitlupe und mit einem Close-up seiner erinnerungsschweren Augen.

»Kannst du dich an sie erinnern?«

Er streckte seine geöffneten Hände über den Tisch, mir entgegen, als wollte er etwas in der Luft festhalten. Die rosa Handflächen nach oben gekehrt, so ruhig, als warteten sie darauf, dass sich ein Schmetterling – und ich dachte an die Brüste von Márcia, an den Losverkäufer von der Tierlotterie – auf ihnen niederließe, um sich dann vorsichtig und schnell um das Insekt zu schließen, der Schmetterling gefangen im Hohlraum der aufeinandergelegten Hände. Sie schwitzten, die rosigen Innenseiten von Castilhos’ zarten Händen.

Er nahm die Brille ab. Mit derselben eintönigen Stimme, mit der er Gedichte vortrug, sagte er:

»Und du glaubst, ich könnte sie vergessen? Ausgerechnet sie, Dulce Veiga, die Beste von allen. Die Eleganteste, die Ergreifendste, die Geheimnisvollste, gesegnet mit dieser rauchigen Stimme, die jeglichem Gefühl Ausdruck verleihen konnte, wenn es nur Tiefe hatte. Und etwas Leidvolles. Dulce besang das Leiden am Leben, wogegen kein Heilmittel hilft. Und schön war sie, wunderschön. Nicht nur ihre Stimme, auch die Art, wie sie sich mit einem trockenen Martini in der Hand an den Flügel lehnte, behutsam die Olive im Glas schwenkte und mit der anderen Hand langsam das Mikrofon ergriff. Nein, denk jetzt bitte nichts Abgeschmacktes. Als pflückte sie eine Rose, um sie auf dem Altar eines grausamen Gottes niederzulegen, so nahm sie das Mikrofon, um zu singen. Wie jemand, der eine Gabe annimmt, die weiteres Unheil verspricht, so sang sie. Dulce Veiga hatte nichts offen Sexuelles an sich, aber so eine Art Bedauern darüber, dass es die Sexualität gab. Mit allem, was sie sang, schien sie um Verzeihung dafür bitten zu wollen, dass sie Gefühle und Begierden hatte. Ein Teil von ihr stand im Mittelpunkt dieses Verlangens und suhlte sich im Schlamm der Leidenschaft. Der andere Teil war eine kalte Göttin, fernab von diesem jämmerlichen Morast des Menschen, der nur sein Vergnügen sucht. Ihr Gesicht schien wie aus weißem Marmor gemeißelt, so unerreichbar … Du denkst vielleicht, ich übertreibe, aber das sagt jeder, der sie einmal gesehen hat, und es gab eine Zeit, da waren wir zwar nicht viele, aber doch ein geschlossener Verein, eine Truppe, eine Sekte von Fans, die Dulce Veiga zu Füßen lagen. Niemals gab es eine wie sie, und niemals wird es eine andere geben. Du denkst vielleicht, ich übertreibe, aber wer das Privileg genießen durfte, sie einen Tag, eine Stunde oder nur fünf Minuten lang zu sehen, der weiß sehr genau, dass.«

»Ich durfte es«, unterbrach ich ihn.

Seine Augen leuchteten. Er muss ein schöner Mann gewesen sein, registrierte ich, einer von der Sorte, die nach dem dritten Whisky Gedichte vortragen. Castilhos heftete seinen feuchten Blick auf mich, die langen Wimpern streichelten seine Tränensäcke, gezeichnet von Alkohol, Zigaretten und der Zeit.

»Du bist noch sehr jung, mein Freund.«

»Nicht so jung, wie du denkst. Oder wie ich gerne wäre.«

Er setzte die Brille wieder auf.

»Du hast sie kennengelernt?«

Sich erinnern, sehr gefährlich. Aber ich versuchte es:

»Ich war nicht mal zwanzig. Ich glaube, es war das allererste Interview, das ich je gemacht habe. Für Bonita.«

Er lachte. Fleckige Zähne, aber echt.

»Bonita«, wiederholte er, »die Zeitschrift für die schöne Frau. Ist schon lange her, hat Spaß gemacht.«

Ich sagte:

»Ich war zweimal in ihrer Wohnung.«

Er stöhnte:

»Was geschah wirklich mit Dulce Veiga?«

Und klatschte kräftig in die Hände. Der Schmetterling, dachte ich, er hat den Schmetterling zerquetscht.

»Das Interview«, stotterte ich.

Castilhos streichelte die Hörner des Keramikochsen. Aber ich hatte nicht begriffen. Er machte sich eine Zigarette an, am richtigen Ende:

»Vergiss das Interview, das machst du morgen. Später, wenn du Zeit hast, ganz egal. Jetzt setz dich hin und schreib.«

»Was soll ich denn schreiben?«

»Ein Porträt. Du wirst ein Porträt schreiben, okay?«

Er hob die Hand und malte die Buchstaben mit Zigarettenrauch in die Luft: »Was geschah wirklich mit Dulce Veiga? Das wird der Titel. Ich will das unbedingt heute Nachmittag um sechs hier auf meinem Tisch haben.«