Brennender Midi / Gefährliche Côte Bleue - Cay Rademacher - E-Book

Brennender Midi / Gefährliche Côte Bleue E-Book

Cay Rademacher

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Beschreibung

Mord in der Provence – Zwei Krimis mit Capitaine Roger Blanc in einem eBook! Brennender Midi - Capitaine Roger Blancs dritter Fall Nach seinem turbulenten Start in der Provence hatte Capitaine Roger Blanc gehofft, es jetzt ruhiger angehen zu können. Doch la rentrée macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Ganz Frankreich kehrt aus den Sommerferien zurück, mit einem ordentlichen Kater und übler Laune. Da kommt es allerdings noch schlimmer. Im kleinen Ort Lançon stürzt ein Propellerflugzeug über einem Olivenhain ab, der Pilot der Maschine ist tot. Blanc und seine Kollege Marius Tonon eilen zum Unfallort. Und schon bald sehen sie sich mit vielen Ungereimtheiten konfrontiert … Gefährliche Côte Bleue - Capitaine Roger Blancs vierter Fall Während sich der Sommer dem Ende zuneigt, zieht es Capitaine Roger Blanc aufs Meer hinaus: Mit seinem Kollegen Marius Tonon soll er an der Côte Bleue eine geheimnisvolle Tauchmission der Regierung begleiten. Zunächst sieht das alles nach einem einfachen Job aus. Doch dann ist es schlagartig vorbei mit der Ruhe: Ein unbekannter Taucher treibt im Wasser, eine Harpune steckt in seinem rechten Auge. Blanc ahnt bald, dass dies kein schrecklicher Unfall war, sondern Mord … Mord in der Provence - Capitaine Roger Blanc ermittelt: Band 1: Mörderischer Mistral Band 2: Tödliche Camargue Band 3: Brennender Midi Band 4: Gefährliche Côte Bleue Band 5: Dunkles Arles Band 6: Verhängnisvolles Calès Band 7: Verlorenes Vernègues Band 8: Schweigendes Les Baux Band 9: Geheimnisvolle Garrigue Alle Bände sind eigenständige Fälle und können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Seitenzahl: 914

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Über die Bücher:

Mord in der Provence – Zwei Krimis mit Capitaine Roger Blanc in einem Band

Band 1: Brennender Midi

Tod im Olivenhain – Capitaine Roger Blancs dritter Fall

Nach seinem turbulenten Start in der Provence hatte Capitaine Roger Blanc gehofft, es jetzt ruhiger angehen zu können. Doch la rentrée macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Ganz Frankreich kehrt aus den Sommerferien zurück, mit einem ordentlichen Kater und übler Laune. Da kommt es allerdings noch schlimmer. Im kleinen Ort Lançon stürzt ein Propellerflugzeug über einem Olivenhain ab, der Pilot der Maschine ist tot. Blanc und seine Kollege Marius Tonon eilen zum Unfallort. Und schon bald sehen sie sich mit vielen Ungereimtheiten konfrontiert …

Band 2: Gefährliche Côte Bleue

Der Tod in den Tiefen des Meeres – Capitaine Roger Blancs vierter Fall

Während sich der Sommer dem Ende zuneigt, zieht es Capitaine Roger Blanc aufs Meer hinaus: Mit seinem Kollegen Marius Tonon soll er an der Côte Bleue eine geheimnisvolle Tauchmission der Regierung begleiten. Zunächst sieht das alles nach einem einfachen Job aus. Doch dann ist es schlagartig vorbei mit der Ruhe: Ein unbekannter Taucher treibt im Wasser, eine Harpune steckt in seinem rechten Auge. Blanc ahnt bald, dass dies kein schrecklicher Unfall war, sondern Mord …

Über den Autor:

© Francoise Rademacher

Cay Rademacher, geboren 1965, ist freier Journalist und Autor. Bei DuMont erschienen seine Kriminalromane aus dem Hamburg der Nachkriegszeit: ›Der Trümmermörder‹ (2011), ›Der Schieber‹ (2012) und ›Der Fälscher‹ (2013). Seine Provence-Krimiserie umfasst: ›Mörderischer Mistral‹ (2014), ›Tödliche Camargue‹ (2015), ›Brennender Midi‹ (2016), ›Gefährliche Côte Bleue‹ (2017), ›Dunkles Arles‹ (2018) und ›Verhängnisvolles Calès‹ (2019). Außerdem erschien 2019 der Kriminalroman ›Ein letzter Sommer in Méjean‹. Cay Rademacher lebt mit seiner Familie in der Nähe von Salon-de-Provence in Frankreich.

Mehr über das Leben im Midi erfahren Sie im Blog des Autors: Briefe aus der Provence

CAY RADEMACHER

BRENNENDERMIDI

GEFÄHRLICHECÔTE BLEUE

Zwei Provence-Krimis mit Capitaine Roger Blanc

Vollständige eBook-Ausgabe der im DuMont Buchverlag erschienenen Werke ›Brennender Midi‹ (© 2016) und ›Gefährliche Côte Bleue‹ (© 2017) eBook 2019 © 2019 DuMont Buchverlag, Köln Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln Umschlagabbildung: © Sorin Colac / Alamy Stock Foto eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck ISBN eBook: 978-3-8321-8487-2

CAY RADEMACHER

BRENNENDERMIDI

Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc

Vaincu, pleure, et l’Angoisse atroce, despotique,Sur mon crâne incliné plante son drapeau noir.

Charles Baudelaire

Der gefallene Engel

Capitaine Roger Blanc hatte noch nie eine Hexe gesehen. Und er hatte auch noch nie einen lachenden Toten gesehen. Das änderte sich in jener Nacht, in der ihn Lieutenant Marius Tonon anrief und lauter als notwendig sagte: »Wir haben hier einen Haufen Scheiße, den du dir ansehen musst.«

Es war Sonntag, kurz nach 22.00Uhr. Blanc saß im Büro der kleinen Gendarmeriestation von Gadet und tippte mit tauben Fingern unzählige Meldungen in seinen antiquierten Dienstcomputer. Morgen war der erste Montag im September, la rentrée, das Ende der endlosen Sommerferien. Der Tag, an dem die Nation mit einem ordentlichen Kater aus ihrem langen Mittagsschlaf erwachte.

Nachtdienst vor la rentrée war wie einst Nachsitzen in der Schule: Stunden öder Arbeit und zwischendurch den Müll vom Pausenhof aufsammeln. Denn dann kehrten die Familien zurück, die ihre Ferien bis zur letzten Stunde ausgequetscht hatten. Tausende an 364Tagen im Jahr ganz normale Franzosen boxten sich in dieser finalen Sommernacht gegenseitig mit ihren Renaults und Peugeots von den Straßen und kämpften auf den Rastplätzen mit blanken Fäusten um die Plastikbecher der Espresso-Automaten. Blanc ahnte, dass ihm sein Commandant diesen Nachtdienst aufgebrummt hatte, weil er nicht gerade der Liebling der Brigade war. Seine Aufgabe war es, missgelaunte Uniformierte mal zu einer Péage-Station, mal zu einem Kreisverkehr zu schicken. Wenn die Kollegen von ihren Einsätzen zurückgekehrt waren, musste Blanc Berichte über eingedrückte Kotflügel und aufgeplatzte Oberlippen in einer Computerdatei speichern, die wahrscheinlich nie wieder jemand öffnen würde.

Sein Freund Tonon war einer jener Gendarmen, die in die Nacht ausgeschwärmt waren. Es hatte eine ebenso vage wie hysterisch klingende Meldung eines Anwohners gegeben, der in der Nähe von Lançon einen »grauenhaften Unfall« gesehen haben wollte.

Tonon meldete sich nie per Funk, weil er in seiner Ausbildung den Funkunterricht verschlafen und es in dreißig Dienstjahren nicht für nötig gehalten hatte, diese Wissenslücke zu schließen. Blanc erkannte Tonons Namen auf dem Display seines Nokias.

»Sag mir nicht, dass ich für deinen Haufen Scheiße eine Route nationale sperren muss«, erwiderte Blanc jetzt seufzend. »Dafür müsste ich Verstärkung anfordern.«

»Der Unfall blockiert nicht einen Zentimeter Asphalt. Wir haben einen Toten in einem Olivenhain.«

»Merde. Wer ist so bescheuert und fährt mitten in der Nacht zwischen Olivenbäumen herum?«

»Unser Toter ist nicht gefahren. Er ist geflogen.«

Blanc brauchte zwei Sekunden, bis er das begriffen hatte. »Ein Flugzeugabsturz? Sag nicht, dass …«

»Keine Sorge, es ist kein deutscher Airbus.« Tonon lachte freudlos. »Bloß eine kleine Propellermaschine, die auf einen Hain bei Lançon niedergegangen ist, neben der Route départementale 113. Ein toter Pilot, ein toter Olivenbaum. Keine nationale Katastrophe, aber spektakulärer als die verbeulten Familienkombis am Straßenrand. Das wird es morgen bis auf die Seiten von La Provence schaffen, die ersten Reporter sind schon hier. Ich halte sie von der Unfallstelle fern, aber wir sollten zeigen, dass wir uns angemessen um den Vorfall kümmern.«

»Wie viele Leute hast du vor Ort?«

»Die Besatzung von drei Streifenwagen. Jemand hat schon bei der Gerichtsmedizin angerufen. Und wahrscheinlich werden Flugunfall-Experten kommen. Und ganz sicher ein Offizier der Luftwaffe.«

»Ein Militär? Du hast gesagt, es sei bloß eine Propellermaschine!«

»Komm es dir einfach ansehen.«

Lançon thronte sechs Kilometer von Gadet entfernt auf einem Hügel und wirkte, als hätte sich der Kulissendesigner eines Historienfilms hier einmal richtig austoben dürfen. Verborgene Scheinwerfer strahlten eine Burg an, die nur aus wuchtigen Außenmauern zu bestehen schien. Das Licht flackerte gelbrot über die schrundige Festung, als würden plündernde Horden irgendwo in den Gassen unterhalb der Wälle Fackeln entzünden. Die Dächer der mittelalterlichen Häuser darunter waren nur zu erahnen. In den Steinwänden waren Türen und Fensterläden verrammelt. Blanc war in den wenigen Wochen, die er schon in der Provence lebte, noch nie dort gewesen.

Zwischen Lançon und der Route départementale standen Olivenbäume in Reihen wie Kreuze auf einem Soldatenfriedhof. Ein Turm leuchtete im Lichtkegel der Autoscheinwerfer auf, ein zehn Meter hoher Zylinder mit schrägem Dach und glasierten Fliesen, die in das Mauerwerk eingelassen waren. Blanc fragte sich flüchtig, was dieses filigrane Monument wohl sein mochte, wie ein Wehrturm sah es nicht aus. Er bremste seinen alten Espace ab, in dessen Armaturenbrett seit drei Tagen eine Warnleuchte blinkte, deren Bedeutung er nicht kannte. Es waren bereits alle Streifenwagen im Einsatz gewesen, also hatte er sein Privatauto genommen. Er bog nach links ab. Über den von Traktorenreifen zerschundenen Asphalt eines Feldwegs steuerte er vorsichtig zu jenem kleinen Zelt aus Licht, das zwei mobile Scheinwerfer der Gendarmerie über die Unfallstelle gebreitet hatten.

Ein qualmendes Flugzeugwrack, noch vierzig Meter entfernt und bloß undeutlich auszumachen. Etwa zwei Dutzend cavaliers jaunes sprenkelten schon den Boden – »gelbe Ritter« nannten die Flics jene mit Ziffern versehenen Plastikhütchen, die dort aufgestellt worden waren, wo Wrackstücke oder andere Spuren lagen. Blanc hatte seit seinem Abschluss der Gendarmerieschule in Melun zwanzig Jahre zuvor kaum je eine dieser Markierungen angefasst, weil er die meiste Zeit bis zu seiner Versetzung als Aktenfresser verbracht hatte.

Rot-weiße Plastikbänder waren von Olivenbaum zu Olivenbaum in einem weiten Kreis um die Unfallstelle gespannt worden. Mehrere, zumeist verbeulte Wagen parkten an der Absperrung, ihre Fahrer waren in der windstillen Nacht ausgestiegen und wurden von einem müden Brigadier überwacht. Manche Journalisten rauchten, andere hielten Spiegelreflexkameras oder Digicams in die Höhe. Blanc bezweifelte, dass die Medienleute auf diese Entfernung brauchbare Bilder des abgestürzten Flugzeugs zustande bringen würden. Er erkannte Gerard Paulmier wieder. Der schmächtige Reporter war eigentlich schon Rentner, doch schrieb er weiterhin als freier Mitarbeiter für La Provence. Blanc war ihm bei seinem ersten Fall im Midi begegnet, wo Paulmiers alter Toyota von einem flüchtenden Mörder zu Schrott gefahren worden war. Nun lehnte er, ein wenig abseits der Kollegen, an der Motorhaube eines hochbeinigen Dacia Dusters, dessen Silberlack noch glänzte wie aus dem Prospekt. Er hatte als Einziger Blancs heranrollenden Minivan erblickt und setzte sich langsam zu ihm in Bewegung, unbeachtet von den anderen Journalisten.

Blanc stoppte weit vor dem Plastikband, neben einem Olivenbaum, dessen Laubkrone den Lichtschimmer der mobilen Scheinwerfer schluckte, sodass man den Wagen kaum noch sah. Er trug keine Uniform und nicht einmal die Armbinde mit der Aufschrift »Gendarmerie« über dem Ärmel seines T-Shirts. Blanc hoffte, dass ihn außer Paulmier kein weiterer Journalist erkennen würde. Er wollte sich lieber zunächst ungestört umsehen, bevor er vor die Presse treten musste.

Paulmiers graue Haare hatten die Länge von jemandem, der sich seit Wochen sagte, dass er eigentlich mal wieder zum Friseur gehen müsste. Sein verwaschenes Hemd und seine Stoffhose undefinierbarer Farbe hatten mal einem Mann gehört, dessen Körper größere Muskeln modelliert hatten. Ein süßlicher Tabakhauch umhüllte ihn.

»Ich weiß weniger als nichts«, begrüßte ihn Blanc und schüttelte ihm die Hand.

»Das hört man nicht oft von einem Flic.« Der alte Reporter lächelte milde. »Reden wir miteinander, wenn Sie mehr wissen?«

»Es könnte ein, zwei Stunden dauern, bis ich Zeit für Sie habe.«

»Ich bin Rentner«, erwiderte Paulmier und zog eine Pfeife aus der Hosentasche. »Ich warte auf Sie und auf den Tod. Wenn der liebe Gott es so einrichtet, dann in dieser Reihenfolge.« Blanc blieb stehen, bis Paulmier zu seinem Dacia zurückgekehrt war. Dann trat er vom Feldweg ins Dunkle und näherte sich unter den Laubschirmen der Olivenbäume der Unfallstelle. Der geharkte Boden krümelte unter seinen Sohlen wie Mürbeteig. Die Äste wanden sich aus verknoteten Stämmen. Blanc war fast zwei Meter groß und musste sich gelegentlich ducken, um sich nicht an einem von ihnen die Stirn zu stoßen. Zum Glück schimmerten die Blätter im schwachen Mondlicht wie abgegriffene Silbermünzen. Irgendwo stieß eine Eule ihren hohen Jagdruf aus. Blanc wandte den Kopf.

Da erblindete er.

Ein Schlag traf ihn, nicht wie von einer Faust, sondern eher wie eine Schaufel voll Sand, die ihm ins Gesicht geschleudert worden war. Seine Augen brannten. Er taumelte, riss die Hände hoch. Zu spät. Salz. Er spürte das Brennen, fühlte den Geschmack auf der Zunge. Er hörte Schritte auf dem trockenen sandigen Boden. Versuchte verzweifelt, irgendetwas zu fokussieren.

»Madame, beruhigen Sie sich. Der Monsieur hier gehört zu uns.« Tonons Bass.

Blanc tastete durch die Luft, suchte vergebens nach einer vertrauten Form. »Merde, Marius, was geht hier vor?«

»Ich habe eine Flasche Vittel dabei. Gleich ist wieder alles gut.«

Blanc bekam einen zweiten Schlag ins Gesicht, diesmal ein Schwall lauwarmen Wassers.

»Putain.« Er rieb sich die Augen. Durch einen Schleier hindurch sah er nun den älteren Lieutenant, die geöffnete Plastikflasche noch in der Hand, so, als wollte er ihm eine zweite Dusche verpassen. »Schon gut«, keuchte Blanc.

»Du siehst aus wie ein begossener …«

»Marius, was ist passiert?«

»Du hast den Weg einer Hexe gekreuzt.«

»Merde, ich …« Da erkannte Blanc einen zweiten Schemen neben seinem Kollegen. Er blinzelte, fischte schließlich sein Handy aus der Hosentasche und schaltete dessen Taschenlampe ein: eine kleine, ausgemergelte Frau, vielleicht vierzig Jahre alt, obwohl das schwer einzuschätzen war. Ihre Augen groß und so blau wie arktisches Eis. Ihre wirren grauen Haare sahen aus, als hätte sie sie nach dem Zufallsprinzip mit der Nagelschere traktiert. Sie trug Jeans und Sweatshirts, die man bei der Altkleidersammlung verweigern würde. Blanc sah auf ihre Füße: Sie war barfuß, die Haut so schmutzig und schrundig, als hätte sie schon sehr viele Kilometer ohne Schuhe zurückgelegt. In ihrer linken Hand hielt sie ein Stoffsäckchen. In ihrer Rechten glitzerten weiße Kristalle. Er konnte sich denken, was das war.

»Was, zum Teufel, hat das zu bedeuten?«

»Was wissen Sie schon vom gefallenen Engel?« Ihre Stimme klang heiser.

Marius trat dazwischen. »Ich bin sicher, dass es sich um einen Irrtum handelt«, sagte er in versöhnlichem Ton.

»Ich wusste nicht, dass er ein Flic ist«, verteidigte sich die Frau. »Ein Mann in Schwarz, der zwischen den Bäumen herumschleicht. Er hat den bösen Blick. Da musste ich ihm Salz in die Augen werfen.«

»Kann mir endlich jemand erklären, was hier gespielt wird?«

»Das ist mein Schutzzauber!«, keifte sie.

»Diese Dame hier ist eine Zeugin des Flugzeugabsturzes«, erklärte Marius freundlich. »Ich habe sie gebeten, zwischen den Bäumen auf dich zu warten, bis du sie befragst. Es ist hier …«, Marius zögerte und machte eine kaum merkliche Kopfbewegung Richtung Journalisten, »… bequemer für sie.«

Blanc holte tief Luft. Dann nahm er sich zusammen. Kein Flic kann sich seine Zeugen aussuchen. Mal hast du ein Fotomodel vor dir. Und ein anderes Mal eine Wahnsinnige, die dir Salz in die Augen schleudert. »Ich werde Sie zu gegebener Zeit befragen, Madame«, presste er hervor.

»Aber nur, wenn Sie mich nicht mehr so anstarren!«

»Die Lektion habe ich gelernt.« Blanc ließ sie stehen, nickte Marius zu und ging Richtung Absperrband. »Wer ist das?«, zischte er.

Sein Kollege blickte ihn erstaunt an. »Ich hätte darauf gewettet, dass du sie kennst.«

»Ich sehe sie zum ersten Mal, wenn man das ›sehen‹ nennen kann.«

»Sie ist Ziegenbäuerin. Schon ihre Mutter war in Gadet als Hexe verschrien. Die Frau hatte zwei Töchter. Eine hat sich als junges Mädchen im Wald erhängt. Niemand weiß, warum. Es gibt da Gerüchte … Na, jedenfalls, auch die andere Tochter ist nicht hundertprozentig klar hinter den blauen Augen. Praktisch jeder, der hier lebt, kennt sie. Wenn sie nicht irgendwo ihre Herde hütet, zieht sie mit Plastiktüten beladen die Straßen entlang – keiner weiß, wohin sie geht oder warum sie das tut. Aber man munkelt so dies und das. Ein Wunder, dass sie einen Mann abgekriegt hat.«

»Sie ist verheiratet?!«

»Madame Ange Douchy.«

»Douchy! Sie ist die Frau von meinem bescheuerten Nachbarn?«

»Deshalb dachte ich ja, dass du sie kennst.«

Blanc fasste sich an den Kopf, und es war nicht bloß das Salz, das ihm Schmerzen verursachte. Seit gut zwei Monaten lebte Blanc jetzt im Weiler Sainte-Françoise-la-Vallée. Mit seinen wenigen Nachbarn verstand er sich gut – bis auf einen, der am anderen Ufer der Touloubre hauste, die Blancs hinfällige ehemalige Ölmühle umfloss. Serge Douchy. Douchys stinkende Ziegen hatten ihm schon den uralten, haushohen Oleander kahl gefressen, seine cholerischen Flüche und sein von allen Schalldämpfern befreiter Traktor hatten ihn schon öfter aus dem Schlaf gerissen. Er wusste bloß, dass es auf Douchys verfallenem Hof eine Frau gab, doch hatte er sie noch nie gesehen. Er wünschte, es wäre so geblieben.

»Diese Nacht ist beschissen«, sagte er.

»Die nächsten Stunden werden das Niveau auch nicht mehr heben«, brummte Tonon und hob das Absperrband, damit Blanc seinen Körper darunter hindurchfalten konnte.

»Keine Presse!«, rief ein älterer Brigadier und kam über den Feldweg zu ihnen.

»Das ist ein Kollege«, erklärte Marius, doch der Gendarm tat so, als hätte er das nicht gehört.

Blanc wusste, dass sein Freund bei den Kollegen einen schlechten Ruf hatte. Er seufzte, zückte seinen Dienstausweis und stellte sich vor. Danach wühlte er in seinen Hosentaschen, bis er das Band mit der Aufschrift »Gendarmerie« herausgefischt und sich über den linken Oberarm gestreift hatte.

»Ich wusste nicht, dass es während des Sommers eine Versetzung gegeben hat, mon Capitaine«, stammelte der Brigadier.

»Ich war von der Versetzung nach Gadet genauso überrascht wie Sie«, versicherte Blanc. La rentrée, Rückkehrer überall. Er würde sich in den nächsten Tagen noch viele neue Gesichter merken müssen. »Ich sehe mich hier etwas um.«

»Kein schöner Anblick«, erwiderte der Brigadier, als müsste er sich auch dafür entschuldigen.

Die einmotorige Maschine hatte eine mindestens zehn Meter lange Schneise in den rostroten Erdboden gepflügt, bevor sie an einem Baum zerschellt war. Der vordere Teil des Flugzeugs hatte gebrannt, aber offenbar nicht lange: Zwischen dem grotesk verbogenen Propeller und dem zerschmetterten Cockpitglas war die einstmals weiße Motorhaube rußgeschwärzt. Auch der Stamm war zu zwei Dritteln niedergebrannt. Doch das Feuer hatte sich nicht weiter ausgebreitet, war wohl schon von alleine erloschen, noch bevor der erste Gendarm an der Unfallstelle aufgetaucht war.

Der tote Pilot saß noch angeschnallt im Cockpit, sein junges Gesicht war zu einem schrecklichen Lachen verzerrt. Blanc hätte nicht für möglich gehalten, dass die Züge eines Leichnams zu so einer Grimasse erstarren konnten. Sie wirkte wie ein missglückter Schockeffekt eines zu billig produzierten Horrorfilms. Vielleicht ist diese Fratze vom finalen Schmerz gezeichnet worden, dachte er, oder vom Schock in der allerletzten klaren Sekunde, als der Pilot erkannt hatte, dass sein Leben nur noch einen Herzschlag lang währen würde. Er atmete flach, denn durch die milde Nachtluft wehte der Gestank nach Flugbenzin und verschmortem Fleisch, nach heißem Öl und Kunststoff. Darüber schwebte der würzige Hauch von glimmendem Holz aus dem zerschmetterten Baum, ein ganz und gar unpassender angenehmer Duft, der in den archaischen Schichten von Blancs Gedächtnis Erinnerungen an Lagerfeuer vor dem elterlichen Zelt wachrief.

Ein abgerissener Ast steckte seitlich im Cockpitfenster und warf einen Schatten wie eine skelettierte Hand. Flammen mussten bis in den rußgeschwärzten Fußraum des Cockpits gezüngelt sein, von dort drang der Gestank nach angebranntem Fleisch heraus, und er wollte lieber nicht zu genau hinsehen. Die Flügel der Maschine waren noch einigermaßen intakt, nur an ihren Rückseiten waren die Landeklappen abgerissen und metallische, wurmförmige Gebilde ragten heraus. Möglicherweise Kabel, vermutete Blanc, oder Hydraulikleitungen, doch es war schwer, das in diesem Licht genauer zu erkennen. Der Rumpf hinter dem Pilotensitz und das Heckleitwerk waren kaum beschädigt. Deutlich waren die aufgemalten Buchstaben und Zahlen der Kennung zu lesen und darüber leuchtete eine rot-weiß-blaue Kokarde.

»Das war tatsächlich ein Flugzeug der Armee«, stellte Blanc erstaunt fest.

»Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von denen mal hier abschmiert«, erwiderte der Brigadier ungerührt. »Zwischen Salon und Lançon liegt die Base Aérienne 701. Die bilden da ihre neuen Piloten aus.«

»Ist die Ausbildung so schlecht?«

Der Brigadier starrte ihn verblüfft an.

»Das Unglück hat Sie nicht sonderlich überrascht«, erklärte Blanc geduldig.

Der ältere Uniformierte hüstelte. »Die fliegen hier jeden Tag herum. Starts, Landungen, Starts, Landungen, das hört sich an wie die Luftschlacht um England.« Er holte umständlich einen neuen Notizblock aus seiner Brusttasche, auf dem nur die erste Seite bekritzelt war. Er brauchte ziemlich lange, um seine eigenen Worte zu entziffern. »Die Meldung vom Absturz ging um 21.44Uhr bei der Feuerwehr ein, noch vor dem Alarm bei der Gendarmerie. So oder so: Die Flieger müssen nachts geübt haben. Und es sind halt Anfänger.« Er hob die Hände. »Das musste einfach irgendwann mal geschehen.«

Blanc sah sich um. Sein Blick fiel wieder auf jenes seltsame Bauwerk zwischen den Olivenbäumen. »Gehört das zur Basis? Ist das so eine Art Funkfeuer, das der Pilot angesteuert haben könnte?«

Der Brigadier lachte auf eine Art, die Blanc klarmachte, dass er ihn ab jetzt in die Kategorie der ahnungslosen Städter einordnete. »Das ist der Pigeonnier de la Goiranne«, antwortete er mit mehr als einer Spur Herablassung in der Stimme. »Da flatterten früher die Brieftauben der Burgherrn von Lançon herum.«

»Die Ritter waren Taubenzüchter? Ich dachte immer, diese Kerle haben sich mit Lanzenkämpfen und Edelfräulein vergnügt.«

»Im Mittelalter war der Handyempfang hier noch nicht so gut. Das war die Basis der Brieftauben. Und heute liegt nebenan die Basis der Luftwaffe. Witzig, nicht?«

Blanc und Marius wechselten einen Blick. In dem Moment trat ein weiterer Uniformierter auf sie zu. Eine andere Uniform. Luftwaffe. Ziemlich viele Streifen am Ärmel. »Colonel Hubert Duret.« Befehlsgewohnte Stimme. Zackiger militärischer Gruß.

»Mein Beileid«, erwiderte Blanc und reichte dem Offizier die Hand.

Duret schüttelte sie verblüfft. Er war höchstens einsfünfundsiebzig groß, hielt sich so gerade, als hätte ihm jemand eine Eisenstange an das Rückgrat geschweißt, hatte millimeterkurze graue Haare, eine Hakennase, dünne, farblose Lippen und einen nervösen Tick, der das Lid über seinem linken Auge in hoher Frequenz tanzen ließ. »Ich bin Ausbildungsleiter der Basis«, erklärte er.

Blanc stellte sich vor und bemühte sich, nicht auf die zuckende Hautfalte im Gesicht seines Gegenübers zu starren. Das musste die Hölle sein für die Rekruten. »Es handelt sich um einen Ihrer Schüler, mon Colonel?«

Der Offizier räusperte sich. »Bedauerlicherweise. Ich war im Tower, drüben, auf der Basis. Alle Schüler waren oben. Es war der letzte Anflug für heute. Finale Landung.« Er lachte kurz.

Das war die Nacht der miesen Scherze, dachte Blanc. »Haben Sie den Unfall gesehen?«

»Nicht direkt, dafür war es schon zu dunkel. Ich habe die Positionslichter der Maschinen und den Funkverkehr der Piloten verfolgt. Doch selbstverständlich hatte ich nicht alle Schüler die ganze Zeit im Blick.«

»Selbstverständlich.«

Duret räusperte sich wieder. »Ich habe einen dumpfen Knall gehört und den Lichtschein nach dem Aufschlag im Olivenhain gesehen. Wahrscheinlich ausgetretener Kraftstoff auf dem heißen Motor. Dann kamen Meldungen von den Piloten herein, die noch über der Basis kreisten. Ein bedauerlicher Unfall. Äußerst bedauerlich.«

Sie waren wieder nahe an das Cockpit herangetreten. Blanc zog ein Notizheft aus der Tasche, das aussah, als habe er es schon auf einer Amazonas-Expedition dabeigehabt. Dann zückte er einen blauen Supermarktkugelschreiber. Der Colonel starrte beides missfallend an, doch Blanc ignorierte den Blick. »Wie heißt der Tote?«, fragte er.

Duret nahm sich zusammmen. »Aspirant Arnaud Matelly. Dreiundzwanzig Jahre alt, er fliegt schon, seit er sechzehn ist, schon vor seiner Armeezeit: Ultraleichtflugzeug, Drachen, einmotorige Maschine. Morgen hätte er seine Abschlussprüfung gehabt.«

Blanc glaubte, eine winzige schwarze Perle des Missfallens aus den Worten des Offiziers herauszuhören. »War Matelly ein guter Schüler?«, hakte er nach.

Der Colonel zuckte mit den Achseln, was bei einem durch und durch militärischen Mann beinahe wie eine obszöne Geste wirkte. »Matelly hätte den Kurs bestanden.«

Blanc dachte an den deutschen Airbus und dessen wahnsinnigen Piloten. »Hatte Monsieur Matelly«, er zögerte, »persönliche Schwierigkeiten?«

Duret hatte ganz genau verstanden, worauf er anspielte. »Unsere Piloten sind geistig stabil«, versicherte er empört. »Bei uns stürzt sich niemand freiwillig vom Himmel!«

»Sie hatten noch nie einen Selbstmord auf der Basis?«

Der Colonel sah aus, als ringe er mit sich, die Wahrheit zu sagen. »Wir haben alle unsere Dienstwaffen, und die Ausbildung ist äußerst anspruchsvoll …«, gestand er schließlich. »Aber wir haben jetzt Präventionsprogramme, psychologische Tests, das ganze Spektrum. Ich bin seit zehn Jahren in Salon, und seither hatten wir keinen Vorfall dieser Art mehr!«

»Vorfall«, murmelte Blanc, notierte den Begriff und unterstrich ihn mehrmals.

Die Rettungssanitäter, die mit den ersten Gendarmen beim Wrack eingetroffen waren, hatten dem Piloten den Helm abgenommen, um Wiederbelebungsmaßnahmen zu starten. Aber sie hatten so rasch aufgegeben, dass sie sich bereits nicht mehr die Mühe gemacht hatten, seine Gurte zu lösen und ihn aus der Maschine zu hieven. Im Licht der Scheinwerfer glänzten die kurzen hellblonden Haare Matellys auf der linken Kopfseite in einem unheilvollen Schwarz-Rot. Auch auf der Innenseite der Cockpitscheiben und den Instrumenten klebte Blut. Trotz der Kopfverletzung und der lachenden Todesfratze erkannte Blanc, dass Matelly ein gut aussehender Mann gewesen sein musste: Die weit geöffneten, ins Leere starrenden Augen waren ozeanblau, das Kinn so markant, als wäre es mit Meißeln aus Marmor herausgehauen worden, die Nase ebenmäßig wie bei einem antiken griechischen Götterbild. »Hat Matelly Hinterbliebene, die wir informieren müssen? Eltern? Eine Frau oder Freundin?«

»Seine Eltern sind vor zwei oder drei Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben. Er war Einzelkind. Wenn er irgendwelche weiteren Verwandten hatte, dann werden wir sie finden. Und wir werden sie dann auch verständigen«, erwiderte Duret knapp.

Blanc nickte bloß. Die Benachrichtigung der Angehörigen: eine Sorge weniger. In seinen Block kritzelte er: M sieht aus wie Brad Pitt – keine Freundin? »Haben Sie denn schon eine Vermutung, warum Matelly abgestürzt ist?«

Der Colonel brachte es fertig, sich noch straffer aufzurichten. »Das werden wir herausfinden. Ein Fehler im Landeanflug? Hat er etwa die Höhe falsch eingeschätzt? Ein zu steiler Anflugwinkel? Ein nicht korrekt abgelesenes Instrument? Das Flugzeug war auf jeden Fall in einwandfreiem Zustand und …«

»Das müssen wir erst noch herausfinden«, unterbrach ihn ein Mann, der bis dahin unbeachtet neben einem der kleinen gelben Hütchen gekniet hatte und sich nun keuchend zu kolossaler Größe aufrichtete. Er war etwa dreißig Jahre alt und ungefähr so groß wie Blanc, aber mindestens doppelt so schwer. Seine fettigen schwarzen Haare fielen ihm bis auf die Schultern, seine Schuppen glänzten wie verstreute Salzkristalle, auf die Gläser seiner altmodischen Hornbrille zauberten Fettflecken winzige Regenbögen. Seine Haut war teigig, sein T-Shirt zu klein, und die verbeulte Hose war so weit heruntergerutscht, dass er Blanc, als er sich einmal kurz umdrehte, den Appetit verdarb. Wäre er ihm zufällig in Paris begegnet, er hätte ihn wohl für einen jener Spieler gehalten, die dreiundzwanzig Stunden am Tag vor dem Computer kauerten und in der verbliebenen Zeit hervorkrochen, unbeholfen wie Maulwürfe, um ihre Vorräte an Zwiebelchips und Diet-Coke aufzufüllen. Doch um den massigen Leib des Mannes flatterte eine gelbe Warnweste mit dem Aufdruck »BEA«, die ihm eine offizielle Aura verlieh, obwohl Blanc nicht wusste, welche Einheit damit gemeint sein könnte.

Der Dicke, der seinen Blick bemerkte, erklärte herablassend: »Bureau d’Enquêtes et d’Analyses pour la Sécurité de l’Aviation Civile.«

»Flugunfalluntersuchungsbehörde«, murmelte Duret. Er klang nicht glücklich.

Der Experte hielt eine Ledermappe in seiner wulstigen Hand, in der auf der einen Seite ein iPad blau leuchtete, in die andere Seite war ein Block mit Millimeterpapier geheftet. An seinem Gürtel baumelte ein Maßband. »Sie suchen die Black Box?«, fragte Blanc.

»Das abgestürzte Flugzeug ist eine Cirrus SR20. Die hat weder Flugdatenschreiber noch Voice Recorder.« Er klang, als hätte man Steve Jobs nach einem Windows-Update gefragt.

»Wie wollen Sie dann die Unfallursache herausfinden?« Blanc bemühte sich, höflich zu bleiben.

»Wir untersuchen vierhundert Vorfälle im Jahr. Wir finden heraus, was geschehen ist, verlassen Sie sich darauf. Gehen Sie einfach zurück in Ihr Büro und warten Sie auf unseren Bericht.«

»Wie lange wird das dauern?«

»Ein paar Wochen meistens. Manchmal ein paar Monate. Höchstens ein Jahr.« Er drehte sich um, watschelte zum Flugzeugheck und ließ eine Wolke aus Verachtung und Achselschweiß zurück.

»Der hat es nicht einmal für nötig gehalten, sich unsere Namen zu notieren«, zischte Duret.

»Dann kann er sich auch nicht über mich beschweren«, erwiderte Blanc und lächelte dünn.

»Was wollen Sie tun? Sie untersuchen nicht vierhundert Flugunfälle im Jahr.«

»Eben. Ich habe nur einen einzigen Absturz an den Hacken. Könnte sein, dass meine Ermittlungen schneller voranschreiten als seine.«

Für einen winzigen Augenblick glaubte Blanc, dass der Colonel erschrocken zusammenzuckte. Dann salutierte er rasch und verschwand in der Nacht.

Tonon räusperte sich und deutete zum Feldweg, wo ein metallicgrüner Range Rover herangebraust kam, als wollte dessen Fahrer die Gendarmerieabsperrung durchbrechen. Erst im letzten Moment hielt der schwere Geländewagen. Ein Mann von Mitte sechzig stieg aus, dessen dünne graue Haare quer über den Kopf gekämmt waren. Sein massiger Körper steckte in einer eleganten hellen Leinenhose, einem rosafarbenen Hemd und einem karierten Jackett. Ein Brigadier ließ ihn widerstandslos das rot-weiße Band passieren. Als er näher kam, hatte Blanc für einen Moment den irritierenden Eindruck, der Mann hätte kein Gesicht. Dann erkannte er, dass seine Brille diesen Effekt auslöste: Die Gläser waren so dick und so seltsam geschliffen, dass sie die dahinterliegenden Augen zugleich vergrößerten und verzerrten, als wären es die seelenlosen Sinnesorgane eines Roboters.

»Monsieur Hervé Bondard«, murmelte Tonon. »Ihm gehört dieser Olivenhain.«

»Kein Grund, ihn einfach durch die Absperrung zu lassen.«

»Wenn Monsieur Bondard irgendwo hinmarschiert, dann lassen Sie ihn besser marschieren, mon Capitaine«, riet der ältere Brigadier.

»Wer hat hier das Sagen?«, rief Bondard, als er näher an das Flugzeug getreten war. Der Anblick des toten Piloten schien ihn nicht zu interessieren.

Blanc dachte an Colonel Duret und den namenlosen Flugunfallexperten – und dann lächelte er. »Ich habe hier das Sagen.«

»Dann verlange ich, dass …«

»Verlangen Sie es auf dem Feldweg. Würden Sie mich bis zurück zur Absperrung begleiten, Monsieur Bondard?«

Er spürte einen abschätzenden Blick hinter diesen Panzergläsern. »Ich kenne die Flics der Gegend. Sie kenne ich nicht.«

»Sie werden mich schon noch kennenlernen«, versicherte Blanc und ging zum rot-weißen Band. Der Landbesitzer folgte ihm nach kurzem Zögern. Marius und der Brigadier tauschten Blicke und schlossen sich den beiden an.

»Wir werden uns bei unseren Untersuchungen bemühen, den Olivenhain nicht zu beschädigen«, versicherte Blanc, als sie sich jenseits der abgeriegelten Zone befanden. Einige Journalisten blickten neugierig herüber, aber niemand traute sich näher heran. Zwei oder drei Reporter packten sogar bereits ihre Kameras in Taschen und gingen zu ihren Wagen.

»Der Baum, den diese dämliche Maschine erwischt hat, ist hin«, beschwerte sich Bondard.

»Der Pilot in der Maschine ist auch hin«, erinnerte ihn Blanc.

»Wissen Sie, wie viel ein hundert Jahre alter Olivenbaum kostet?«

»Ich bin sicher, dass Sie der Luftwaffe eine präzise Rechnung stellen werden, Monsieur Bondard. Aber ich bin bei der Gendarmerie. Ich will nicht wissen, wie viel ein Olivenbaum kostet. Ich will bloß wissen, ob Sie Zeuge des Absturzes waren oder uns sonst irgendeinen sachdienlichen Hinweis zu diesem Vorfall geben können.«

»Sachdienlicher Hinweis, eh?« Bondards Riesenaugen fixierten ihn. Jetzt dachte Blanc weniger an einen Roboter als an eine Krake. Ohne diese verdammten Gläser hätte er vielleicht erkannt, ob der Landbesitzer kurz davor war, die Kontrolle über sich zu verlieren, oder ob er zu den Männern gehörte, die immer herumschrien, weil es ihnen einfach Spaß machte, herumzuschreien.

»Lançon ist das, was die Planer bei uns im Gemeinderat eine ›Schlafstadt‹ nennen. SCHLAFSTADT«, brüllte Bondard. »Achttausend Bürger, die schlafen wollen. Achttausend Bürger, die mittags ihre Siesta halten wollen. Achttausend Bürger, die nachmittags auf den Terrassen sitzen und zum Aperitif anstoßen wollen. Und was machen diese connards von der Base Aérienne?« Er deutete mit seiner behaarten Hand Richtung Flugzeugwrack. »Sie brummen über unsere Dächer, so dicht, dass Sie das Grinsen in den Gesichtern der Piloten sehen können. Morgens, mittags, abends – und, wie Sie merken, auch nachts. Geschieht denen ganz recht so!«

»Sie wohnen in Lançon?«

»Mein Haus ist nicht zu übersehen. Und ich bin im conseil municipal, seit zwanzig Jahren. Früher mal Gaullist, doch die tun ja auch nichts. Heute ohne Liste. Und außerdem«, setzte er triumphierend hinzu, »bin ich Vorsitzender von ›Albas‹!«

Blanc sagte nichts.

Bondards Krakenaugen musterten ihn einen langen Moment, als wartete er darauf, dass seinem Gegenüber doch noch die Erleuchtung kam. »Association de lutte contre le bruit aérien Salon-de-Provence«, trompetete er schließlich. »Die größte Anti-Fluglärm-Initiative in der ganzen Provence.« Er deutete auf die hell erleuchtete Burg. »Das ist meine, verstehen Sie? Ich baue nicht bloß Oliven an. Ich habe diesen Kasten da oben vor dreißig Jahren gekauft und renoviert. Ich habe dort Ferienappartements. ›Le Château de Raymond‹, aufgenommen in die ›Gîtes de France‹, fünf Sterne. Da erwarten die Gäste einen gewissen Luxus, verstehen Sie?«

»Fünf Sterne sind drei zu viel für mein Beamtengehalt.«

Bondard ignorierte den Einwurf. »Luxus!«, schrie er. »Das bedeutet auch: Ruhe! Stille! Frieden! Es gab Tage, da waren in der Apotheke von Lançon die Ohrstöpsel ausverkauft! Ich habe Albas gegründet, um diese Piloten endlich aus unserem Himmel zu vertreiben. Wissen Sie, wie viele Stornierungen ich inzwischen habe, nur weil diese Spinner hier Krieg spielen? Noch ein paar Flugmanöver, und ich kann meine Burg bei Ebay einstellen!«

»Ich vermute, dass zumindest morgen niemand fliegen wird«, versicherte Blanc.

»Ein erster Erfolg!«

Irgendetwas an dieser sarkastischen Erwiderung machte Blanc stutzig. Wenn er dem Kerl doch bloß in die Augen sehen könnte. »Ihre Aussage, Monsieur Bondard«, erinnerte er ihn, »was haben Sie gesehen?«

»Gar nichts«, gab der Landbesitzer schließlich zu. Seine Stimme klang auf einmal beinahe normal. »Ich war oben auf der Burg und habe mit meiner Frau Fernsehen geguckt, als ich einen Knall gehört habe. ›Jetzt werfen die auch noch Bomben ab!‹, habe ich zu ihr gesagt. Aber wir haben nicht einmal aus dem Fenster gesehen, da wir dachten, dass der Lärm vom Flugfeld kommt. Einer meiner Mitarbeiter ist aber zufällig ein paar Minuten später über die Route départementale 113 gefahren und hat das Feuer gesehen. Er ist bis zu mir hinaufgefahren und hat mich geholt. Ich wäre vor euch Flics hier gewesen, wenn nicht irgendein Idiot meinen Range Rover eingeparkt hätte. Marouani und ich mussten die Karre erst wegschieben.« Bondard deutete mit einer herrischen Bewegung auf einen alten, himmelblauen Citroën Berlingo am Rand des Feldweges, der hinter dem Range Rover angehalten hatte. Blanc erkannte, dass ein älterer Araber am Steuer saß, neben ihm ein junges Mädchen. Beide starrten nervös in die Dunkelheit, und es war nicht zu entscheiden, ob sie auf das Flugzeugwrack oder auf Bondard blickten.

»Der Mann im Auto ist Ihr Mitarbeiter, der den Unfall gesehen und Sie alarmiert hat?«

»Ja, er ist schon seit Jahren bei mir. Bloß ein Landarbeiter, aber …«

»Bonne nuit, Monsieur Bondard«, sagte Blanc und ging auf den Berlingo zu.

Der weiße Schriftzug des Wortes »Gendarmerie« auf Blancs Armband glänzte im Scheinwerferlicht wie ein Warndisplay. Als Marius und er näher kamen, öffnete der Araber schon seine Tür und trat heraus, als erwartete er, dass er gleich seine Hände auf das Wagendach legen müsste.

»Bonsoir, Monsieur«, begrüßte ihn Blanc und schüttelte eine Hand, deren Haut so hart war wie die Sohle eines Trekkingschuhs.

Der Mann blickte ihm einen Moment lang überrascht ins Gesicht. »Marouani«, stellte er sich vor, »Tahar Marouani.« Er sprach im kehligen Dialekt der algerischen Einwanderer. Der ist noch drüben geboren, vermutete Blanc. Er war ungefähr so alt wie Blanc, zwanzig Zentimeter kleiner, drahtig, die kurz geschnittenen Haare halb grau, halb schwarz, die Augen dunkel und glänzend wie Obsidian. »Meine Tochter Zineb, ich habe sie gerade vom Unterricht abgeholt«, setzte er hinzu und deutete vage in ihre Richtung, als habe er kurzzeitig vergessen, dass da noch jemand im Wagen saß. Blanc erkannte nicht mehr als einen dunklen, schlanken Teenager, eine Gestalt, die starr geradeaus sah, die um die Wangen fallenden Bahnen ihres Kopftuches legten undurchdringliche Schatten über ihr Gesicht.

»Sie haben Monsieur Bondard informiert?«, fragte Marius.

»Ich bin gerade von der 113 auf die Straße Richtung Lançon abgebogen, als es passiert ist.«

Blanc räusperte sich. »Haben Sie den Absturz beobachtet?«

Marouani wägte seine Worte sorfältig ab. »Nicht direkt«, antwortete er schließlich. »Natürlich habe ich schon auf der Route départementale die Flugzeuge gehört. Und auch ihre Lichter gesehen, weiß und rot und grün. Aber«, er hob entschuldigend die Hände so, dass die Handflächen nach oben wiesen, »die Flugzeuge sehen wir hier fast alle Tage. Da achtet man irgendwann nicht mehr darauf.«

Monsieur Bondard achtet jeden Tag darauf, dachte Blanc, doch er nickte verständnisvoll. »Und dann?«

»Plötzlich habe ich einen Knall«, er zögerte, »eh bien, einen Knall gespürt. Auf meinen Ohren, wie zwei Ohrfeigen mit Luft. Danach habe ich erst etwas gehört. Ich habe mich erschrocken, hab mich nach rechts und links umgedreht. Ich dachte, irgendwo wären zwei Wagen zusammengekracht. Und da sah ich, links von der Straße, Feuer im Olivenhain. Und die Flammen kamen aus einem Flugzeug. Da habe ich Gas gegeben.«

»Sie haben nicht angehalten?«

»Ich arbeite für Monsieur Bondard, seit ich in Frankreich angekommen bin. Und das war doch sein Hain!«, erklärte er entschuldigend. »Da war es sicherlich das Beste, dass ich meinem patron so schnell wie möglich Bescheid gesagt habe.«

Blanc dachte an den Anblick des toten Piloten. Matelly hatte nicht so ausgesehen, als hätte ihm Marouani noch helfen können. »Ich danke Ihnen. Sie haben mir den Weg zur Burg erspart, um Monsieur Bondard zu informieren.«

»Kann ich jetzt gehen? Meine Tochter muss ins Bett. Sie hat morgen einen langen Tag vor sich.«

Erst, als Blanc die Rücklichter des Berlingos auf dem Feldweg verschwinden sah, fiel ihm auf, dass Marouani behauptet hatte, seine Tochter vom Unterricht abgeholt zu haben. Dabei waren die Sommerferien doch heute zu Ende gegangen.

Als er sich umwandte, sah er eine schlanke Frau am Flugzeugwrack stehen. Sie war Mitte dreißig, trug eine riesige Brille, ihre brünetten Haare fielen ihr offen bis weit über die Schultern. Mit routinierten und erstaunlich kraftvollen Bewegungen hob sie den toten Piloten aus seinem Sitz und legte ihn auf den Boden neben die Maschine. Blut benetzte ihren weißen Kittel und ihre Gummihandschuhe, doch das schien sie nicht zu stören.

Der massige Flugunfallexperte watschelte so rasch zu ihr, wie es ihm möglich war. Blanc verstand nicht, ob er ihr helfen oder sie verscheuchen wollte. Doch nach einem Wortwechsel von wenigen Sekunden eilte er schwer atmend wieder von dannen. Er sah nicht so aus, als würde er in der nächsten halben Stunde noch einmal wiederkommen wollen.

»Hatten Sie ein interessantes Expertengespräch, Doktor?«, begrüßte Blanc die Frau, als er näher trat.

»Wir haben alle Unklarheiten beseitigt.« Fontaine Thezan, médecin légiste am Krankenhaus von Salon-de-Provence, bot ihm ihre Wange zum Kuss. »Was ist mit Ihren Augen passiert?«

»Zu viel Salz«, erklärte Blanc vage.

Die Ärztin bedachte ihn mit einem spöttischen Blick und begrüßte Tonon mit einem Nicken. »Lassen Sie mich bitte ein paar Augenblicke ungestört, Messieurs.«

Blanc und Marius traten respektvoll zurück. Die Gerichtsmedizinerin rückte einen der beiden mobilen Scheinwerfer näher heran und richtete seinen Lichtkegel auf den Toten. Fontaine Thezan öffnete ihren Arztkoffer und holte Geräte heraus, deren Funktion Blanc vom Schatten eines Olivenbaums, unter den er sich zurückgezogen hatte, nicht erkennen konnte. Er wollte auch gar nicht allzu genau hinsehen. Sie untersuchte den Körper des Toten und dessen Kopf. Inzwischen waren ihre ganzen Unterarme voller Blut.

Nach einigen Minuten richtete sich die Gerichtsmedizinerin auf. Blanc war ihr dankbar, dass sie sich Handschuhe und Kittel abstreifte, bevor sie zu ihnen kam. »Ein prachtvoller Kerl«, sagte sie.

»Nur ein bisschen schweigsam«, erwiderte Blanc.

Sie lächelte müde. »Unter diesem Syndrom leiden die meisten meiner Patienten. Dieser junge Mann hier hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Frakturen links im Os frontale, Os parietale und Os temporale.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, aber es klingt nicht gut.«

»Mehrere Brüche links an der Stirn und an der linken Schädelseite. Vielleicht ist er beim Absturz des Flugzeugs mit dem Kopf irgendwo im Cockpit hart aufgeprallt. Wahrscheinlich sind dabei nicht nur die Knochen gesplittert, sein Gehirn wird wohl schwere Blutungen und Quetschungen aufweisen. Es fühlt sich außerdem so an, als sei auch sein Genick gebrochen. Aber das alles werde ich mir auf dem Seziertisch noch genauer ansehen.«

»Sieht so aus, als habe er nicht lange leiden müssen«, kommentierte Marius.

»Er war sicherlich sofort bewusstlos und wahrscheinlich schon tot, als das Feuer vom Motor bis in den Fußraum des Cockpits vordrang.« Fontaine Thezan deutete auf Matellys halb verschmorte Pilotenschuhe. »Verbrennungen dritten Grades an beiden Füßen und Unterschenkeln.«

Blanc seufzte. »Reichen Ihnen Kopf und Füße? Oder muss es das volle Programm sein? Was werden Sie sich noch ansehen, wenn Sie ihn aufschneiden, Doktor?«

»Den Rest zwischen Kopf und Füßen.«

»Sie meinen das Prachtexemplar …«, entfuhr es Marius.

Fontaine Thezan legte den Kopf schräg und betrachtete ihn mit einer Art klinischer Neugier. »Sie haben wirklich eigenartige Vorstellungen von meinem Beruf, mon Lieutenant«, erklärte sie. »Ich dachte eher an Herz, Leber und Magen. Hat der Pilot vielleicht einen Infarkt erlitten und ist deshalb abgestürzt? Oder kann ich in seinen Verdauungsorganen Alkohol, andere Drogen, Medikamente oder Gifte nachweisen? Vielleicht ist der Pilot ja nicht abgestürzt und deshalb gestorben, sondern gestorben und deshalb abgestürzt. Bonne nuit, Messieurs.«

Während Marius bei der Maschine blieb, begleitete Blanc die Gerichtsmedizinerin bis zum Feldweg. Er erkannte ihren weißen Jeep Cherokee etliche Meter neben dem Asphaltband. Die grobstolligen Reifen des Geländewagens hatten ein Muster in den geharkten Boden zwischen den Bäumen gefräst. »Das wird den Besitzer des Olivenhains nicht glücklich machen«, stellte Blanc fest.

»Verpfeifen Sie mich nicht.«

»Verlassen Sie sich auf mich.«

Fontaine Thezan hatte schon die Fahrertür geöffnet, doch nun hielt sie inne. »Ich soll mich auf Sie verlassen? Wenn ich in den paar Wochen, die ich Sie jetzt kenne, eines gelernt habe, mon Capitaine, dann das: Wenn man sich auf Sie verlässt, dann kommt immer alles ganz anders, als man denkt. Erlebe ich gerade wieder eine Überraschung? Sie haben den Toten so seltsam angesehen. Glauben Sie etwa nicht, dass dieser Absturz ein Unfall war?«

Blanc lächelte. »Und Sie, Doktor Thezan? Glauben Sie tatsächlich, dass ein«, er zögerte, »dass ein Prachtexemplar wie Matelly schon vor dem Absturz durch einen Herzinfarkt oder eine Prise Heroin außer Gefecht gesetzt wurde?«

»Ich glaube gar nichts. Ich seziere.«

»Aber wenn Sie jetzt sofort Geld wetten müssten: Worauf würden Sie setzen?«

Sie schob ihre extravagante Brille aus dem Gesicht bis in ihre Haare. »Ich würde darauf wetten, dass dieser Pilot im Vollbesitz seiner Kräfte war, als sein Flugzeug aufschlug.«

»Sehen Sie«, erwiderte Blanc.

Er sah dem Jeep der Ärztin nach, bis dessen Rückleuchten zwischen den Olivenbäumen verglommen waren, dann erst blickte er sich um: Bondard und der Colonel waren schon lange verschwunden, ebenso wie inzwischen auch die meisten Journalisten. Der namenlose Experte der Flugunfallbehörde hatte seinen Leib halb ins Cockpit der zerstörten Maschine gewuchtet, leuchtete mit einer Taschenlampe hinein und notierte sich irgendetwas. Einige Brigadiers waren davongefahren, andere bewachten nur noch pro forma die Unfallstelle. Zwei hatten sich so weit entfernt, dass sie dachten, sich nun eine Zigarette anzünden zu können, ohne dass ausgelaufenes Flugbenzin den ganzen Hain in Flammen setzen würde. Der alte Reporter Paulmier saß pfeiferauchend in seinem Dacia, hatte die Innenbeleuchtung angestellt und las in einem Taschenbuch.

Marius stand nicht allzu weit entfernt wartend da. Ein Lichtschimmer fiel auf sein Gesicht. Er schmunzelte.

»Ich weiß nicht, ob mir dein Lächeln gefällt«, sagte Blanc.

»Vorfreude«, erklärte sein Partner. »Ich habe neben Madame Douchy noch zwei Zeugen für dich aufgespart.«

»Noch mehr Hexen?«

»Nicht ganz so schlimm.«

»Dann bin ich erleichtert.«

»Aber beinahe so schlimm.«

»Ich wusste, dass ich deinem Grinsen nicht trauen darf.«

Hexenleuchten

Blanc starrte einen Moment lang in den Himmel. Die Sterne sandten ein kaltes Licht durch die Schwärze des Alls. Als würden da oben Tausende Scheinwerfer die Orte Tausender schrecklicher Unglücke erhellen. Er erkannte den Großen Wagen, sonst fand er sich am Firmament nicht zurecht. Wozu auch? In Paris hatte der Schimmer der Straßenlaternen und Werbeschriften jedes Sternenlicht gefressen. Er wünschte, er wäre wieder dort.

»Bringen wir es hinter uns«, sagte er. Er merkte selbst, dass das nicht gerade höflich klang, aber er war zu müde, um es wiedergutzumachen.

Marius knipste eine Taschenlampe an, führte ihn ein Stück den Feldweg zurück und von dort auf einem Trampelpfad bis zum Kreisverkehr, der im pulsierenden Blaulicht eines Streifenwagens leuchtete. Neben dem Renault Mégane stand ein riesiger silbrig schimmernder Tankwagen auf dem Standstreifen. Gegen den Kotflügel lehnte sich ein muskulöser Mann von Mitte zwanzig, kahl geschorener Schädel, Unterhemd, beige Jogginghose, Flipflops. Der Mann zog eine Gauloises aus ihrer Packung. Blanc bezweifelte, dass es eine gute Idee war, neben einem Tankwagen zu qualmen.

»Sébastien Rognoni«, flüsterte Tonon im Näherkommen. »Der Fahrer des Tankwagens.«

»Monsieur Rognoni, wollen Sie, dass wir alle höher fliegen als die Flugzeuge der Base Aérienne?«, begrüßte ihn Blanc.

Der Fahrer blickte ihn verblüfft an, sah auf seine Zigarette, auf den Tankwagen, lachte und steckte die Gauloises wieder in die Schachtel. »Die Karre ist so sicher wie das Kondom von meinem Großvater!«

»Wenn das sicher gewesen wäre, wäre er nicht Ihr Großvater geworden.«

»Ich rauche immer beim Fahren. Nur, wenn ich den Saft aus der Karre an der Tankstelle herauspumpe, kaue ich Kaugummi.«

Blanc begann zu ahnen, warum Marius ihn vor den Zeugen gewarnt hatte. »Sie haben etwas gesehen?«

»Ich war genau hier, im Kreisverkehr, ganz allein. Ich wollte hoch nach Lançon, ich habe eine Lieferung für die Tankstelle am Intermarché dort. Ich bog gerade auf den Kreisverkehr ein, als ich das Flugzeug sah. Brennend. Feuer am Motor. Wie im Krieg. Peng, peng, peng. Ist abgeschmiert wie im Film, mit Flammen und Rauchfahne und allem Drum und Dran. Habe ich den Reportern alles schon erzählt. Rognoni, ›gn‹ in der Mitte, ich hoffe, die Kerle schreiben es richtig, sonst tätowiere ich denen einen Leserbrief in die Fresse.«

Blanc blickte wieder nach oben. Rauch am Himmel? In dieser dunklen Nacht hätte niemand Rauch sehen können. Peng, peng, peng? Ein Wichtigtuer. »Was haben Sie noch beobachtet?«

»Die Explosion am Boden. Zomm! Möchte nicht wissen, was die Maschine an Bord hatte. Ne Bombe?«

Blanc stopfte Kugelschreiber und Notizblock in seine Tasche. »Wenn Sie gerade im Kreisverkehr waren, als das Unglück passierte, warum haben Sie dann ausgerechnet hier angehalten und sind nicht weiter nach Lançon gefahren? Sie sind mit einem vollen Tankwagen in Sichtweite der Explosion geblieben.«

Rognoni starrte ihn mehrere Sekunden lang mit leerem Blick an. »Na, ich habe doch Pflichten als Staatsbürger und so«, erklärte er schließlich trotzig. »Zeugenaussagen und so. Da darf ich doch nicht gehen. Ist das nicht Unfallflucht?«

Du bist hiergeblieben, weil du es nicht erwarten konntest, den Journalisten deine Hollywoodgeschichte zu erzählen, dachte Blanc. Colonel Duret könnte morgen noch etwas unglücklicher werden, wenn er die Zeitung aufschlug. »Merci beaucoup, Monsieur Rognoni. Wir melden uns bei Ihnen, wenn wir Sie noch einmal benötigen.« Er machte sich nicht die Mühe, diesen Satz ehrlich klingen zu lassen.

»Diese Aussage wird eine Zierde meines Berichts sein«, brummte Blanc, als sie außer Hörweite des Tankwagenfahrers waren.

»Die beste, die du kriegen kannst«, erwiderte Marius.

»Der nächste Zeuge wird mir erzählen, dass er eine fliegende Untertasse gesehen hat?«

»Was er mir gesagt hat, klang ganz vernünftig.«

»Jetzt grinst du schon wieder so komisch.«

»Aber es kommt ja auch darauf an, wer das sagt.«

Blanc blieb stehen und starrte seinen Partner an. »Alors?«

Marius lächelte entschuldigend. »Farid Aklil, zweiundzwanzig Jahre alt, geboren in Canourgues. Das ist da, wo Salon aussieht wie Marseille und sich auch so anfühlt: Hochhäuser, in denen nachts die Kids mit den Kapuzenpullovern an den Eingängen stehen. Aklil war einer von ihnen und hat ein nettes Register. Verurteilt wegen Raub, Diebstahl, Drogenhandel. Zuletzt zwei Jahre Gefängnis.«

»Wie kann er dann hier sein, wenn sie ihn verknackt haben?«

»Er ist seit ein paar Monaten auf Bewährung draußen. Seither nicht mehr auffällig. Hat einen festen Job als Packer am Flughafen, einen gemeldeten Wohnsitz in einem der Blocks von Canourgues, und er hält regelmäßig seine Termine beim Bewährungshelfer ein. Scheint einer von den Guten geworden zu sein, aber das zählt ja nicht.«

Blanc nickte. Aklils Aussage würde sich in seinem Bericht nicht besonders gut machen. Denn irgendwann musste er diesen Bericht einem Untersuchungsrichter vorlegen – und Richter machten sich nicht viel aus den Aussagen von Kriminellen, gleichgültig, wie vernünftig sie im Einzelfall redeten. Aklils Worte würden nur halb so viel wert sein wie die von Rognoni.

Auf der dem Kreisverkehr gegenüberliegenden Seite parkte ein Auto, von dem Blanc dachte, dass es irgendwann in den achtziger Jahren von Frankreichs Straßen weggerostet sei: ein Renault Fuego, gelb, mit schwarzen Zierstreifen. »Gilt das noch als alte Karre oder schon als cooler Oldtimer?«, fragte er zur Begrüßung.

Der Mann, der bis dahin gleichmütig auf der Motorhaube des alten Sportwagens gesessen hatte, stellte sich hin. »Als mich Ihre Kollegen an den Eiern hatten, haben sie alles Dope in meiner Bude einkassiert und mein Bargeld gleich mit. Aber diesen Wagen wollten nicht mal die Flics beschlagnahmen.«

Aklil war unterdurchschnittlich groß und schmächtig, kleine Nase, dunkle Augen, ein offenes Gesicht, das noch zu einem Teenager passen würde. Vielleicht wollte er durch seinen Vollbart älter erscheinen, doch paradoxerweise ließ ihn die ziemlich lichte Gesichtsbehaarung jünger wirken, als er war.

»Von mir droht Ihrem Auto auch keine Gefahr«, versicherte Blanc. »Ich möchte nur wissen, was Sie gesehen haben.«

Aklil zuckte mit den Achseln. »Ich fuhr hinter dem Tankwagen da und hab mich geärgert, weil der so langsam dahinzockelte. Das Flugzeug hab ich nicht gesehen. Oder vielleicht doch, irgendwie unbewusst, aber ich hab nicht darauf geachtet. Die sind ja immer hier. Aber plötzlich gab es einen Flammenblitz am Boden, dann kam ein Knall. Das war es dann auch schon. Ich hab angehalten, weil ich neugierig war. Wollte sehen, was da passiert ist.«

»Sind Sie, nachdem Sie gestoppt hatten, die ganze Zeit über am Kreisverkehr geblieben?«

»Ich hab ein bisschen gewartet, weil ich Angst hatte, dass die Bäume anfangen zu brennen. Als die Flammen nicht größer wurden, wollte ich runtergehen, näher ran zur Action. Aber als ich auf halbem Weg im Olivenhain war, sah ich schon das erste Blaulicht. Die Flics und ich sind nicht gerade ziemlich beste Freunde. Also hab ich gedacht, ich verschwinde, bevor irgendeiner mit Uniform mir noch dumme Fragen stellt. Ich bin ja nur auf Bewährung draußen. Aber da waren am Kreisverkehr auch schon Streifenwagen. Also hab ich mir gedacht: Was soll’s? Und jetzt erzähle ich halt, was ich weiß. Und Sie können mir das glauben oder es sein lassen.«

»Sie haben kein Feuer am Himmel gesehen, vor dem Absturz? Keine Rauchfahne?«

Aklil schüttelte den Kopf. »Wir sind ja nicht im Krieg.«

»Gab es ein Geräusch? Vielleicht einen ungewöhnlichen Motorenlärm?«

»Die Musik-Anlage in meinem Fuego hat mehr PS als der Motor.«

Blanc nickte resigniert. Diesmal hatte er seinen Notizblock gar nicht erst aus der Tasche gezogen. »Fahren Sie weiter und schonen Sie Ihre Ohren.« Er gab den Brigadiers am Streifenwagen ein Zeichen, den Mann gehen zu lassen, und sah Aklils altem Renault nach, als er davonbrauste. Die rechte Rückleuchte war kaputt. Blanc seufzte und beschloss, dass er das nicht bemerkt hatte.

»Der hat seine Aussage zumindest nicht ausgeschmückt«, kommentierte Marius.

»Aklil hat gesagt, dass er hinter dem Tankwagen her in den Kreisverkehr gefahren sei. Rognoni hat gesagt, dass im Kreisverkehr kein anderes Fahrzeug gewesen sei als seines. Such dir eine Version aus.«

»Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einem kleinen Dealer eher glauben würde als einem unbescholtenen Bürger.«

»Wenn wir also Aklil und nicht dem Tankwagenfahrer glauben, dann gab es kein einziges Anzeichen dafür, dass das Flugzeug in Schwierigkeiten war. Kein Feuer, kein Rauch, kein ungewöhnlicher Lärm. Nichts, bis Matelly plötzlich in den Boden rast und an einem Olivenbaum sein Leben aushaucht.« Blanc rieb sich die Stirn. Ein Doliprane wäre jetzt nicht schlecht. »Der erste Zeuge ist ein Wichtigtuer, mit dessen Aussage du dir den Hintern abwischen kannst. Der zweite Zeuge ist ein Ex-Knacki, der eigentlich gar nichts gesehen hat.«

»Eh bien. Vielleicht hat Madame Douchy Sachen gesehen, die die beiden anderen nicht gesehen haben«, ermunterte ihn Marius.

»Dass diese Madame Sachen sieht, die niemand sonst sieht, glaube ich sofort.«

Sie schlenderten zu den Olivenbäumen zurück. Blanc hatte es nicht besonders eilig, Ange Douchy erneut gegenüberzutreten. Seine Nachbarin. Seit Anfang Juli wohnte er im Midi und hatte sie nie zuvor gesehen. Ob sie ständig auf endlosen Streifzügen über die Hügel wanderte? Oder ob sie sich die meiste Zeit im schäbigen Haus der Douchys versteckte? Schon ihr Mann Serge wirkte auf Blanc wie einer jener Bauern, die vor mehr als zweihundert Jahren mit Sicheln und Fackeln die Schlösser gestürmt hatten, um voll grimmiger Freude Adelsfamilien zu massakrieren. Seine Frau schien aus einer anderen, noch viel archaischeren Zeit gefallen zu sein. Die Touloubre, die Blancs alte Ölmühle von ihrem Bauernhof trennte, war nur drei, vier Meter breit und kaum hüfttief. Den Bach hatte man in zehn Sekunden überwunden. Er fragte sich, ob es nicht besser wäre, an seiner Uferseite eine Mauer hochzuziehen. Eine sehr, sehr hohe Mauer. Andererseits hatte ihn seine letzte Renovierung so viel gekostet, dass auf seinem Konto gerade noch genug Geld war für die bevorstehende Scheidung von Geneviève.

Sie fanden die Frau im Schneidersitz unter einem Olivenbaum, den Rücken gegen den knotigen Stamm gelehnt. Neben ihr lag eine prall gefüllte Einkaufstasche aus Plastik mit dem Aufdruck »Intermarché«. Das Salzsäckchen baumelte an ihrem Gürtel. Eine gefleckte Ziege, die mit einem groben Strick am nächsten Baum angebunden war, erhob sich und blökte sie an.

»Sie haben einen Wachhund mit Hörnern, Madame Douchy«, begrüßte Marius sie. Er sprach so freundlich, als sei es das Normalste auf der Welt, mit einer Ziege und einer Plastiktüte nachts unter einem Olivenbaum zu hocken.

»Tiere spüren das«, antwortete sie.

Blanc fragte sich vergebens, was sie damit wohl gemeint haben könnte. Da sie keinerlei Anstalten machte, sich zu erheben, und er andererseits nicht von oben herab mit ihr reden wollte, faltete er auch seine Beine zum Kreuz und hockte sich der Zeugin gegenüber. Er achtete allerdings darauf, einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihr einzuhalten. Marius ließ seinen massigen Leib in einer Art Sturzflug zu Boden plumpsen. Sie hockten nun zusammen wie zwei Trapper vor einer alten Indianerin. Was mochten die Brigadiers am Flugzeugwrack denken? Blanc blickte sich um: Die Wagen der Journalisten waren vom Feldweg verschwunden. Nur der silberne Dacia stand noch am Rand, doch es war unmöglich zu erkennen, ob Paulmier ihn beobachtete oder nicht, denn die Innenbeleuchtung war inzwischen erloschen.

»Madame«, begann Blanc, »in diesem Olivenhain ist bedauerlicherweise ein Flugzeug abgestürzt und …«

»Ich bin nicht bescheuert«, unterbrach sie ihn. »Ich habe Augen im Kopf.«

Marius hüstelte. Blanc räusperte sich. »Bon. Madame Douchy, wo waren Sie zum Zeitpunkt des Absturzes?«

»Genau hier. Mit meiner Ziege.«

»Das Land gehört Monsieur Bondard.«

»Scheiß drauf.«Marius’ Husten verstärkte sich.

»Warum waren Sie hier? Spätabends, mit einer Ziege? Was haben Sie hier gemacht?«

»Das würden Sie sowieso nicht verstehen.«

Blanc verspürte den irrationalen Wunsch, Ange Douchy ein Paar Handschellen anzulegen und sie den Rest der Nacht in einer Zelle schmoren zu lassen. »Alors, Madame, Sie waren hier, warum auch immer, an diesem Baum?«

»Sie brauchen immer etwas länger, eh?«

»Der Baum steht keine hundert Meter von der Absturzstelle entfernt. Was haben Sie gesehen?«

»Das Flugzeug kam herunter. So steil wie ein Falke, der sich auf eine Maus stürzt.«

Blanc blickte sie plötzlich aufmerksam an. »Sie haben die Maschine also noch in der Luft gesehen? Niemand sonst hat auf die Propellerflugzeuge geachtet, weil sie ständig hier herumkreisen. Aber Sie haben etwas bemerkt?«

»Ich habe die Gabe, wissen Sie.«

»Die Gabe, Flugzeuge zu sehen?«

»Sie sind wirklich langsam, selbst für einen Flic. Die Gabe, verstehen Sie nicht? Ich habe gespürt, dass das Flugzeug verhext wurde.«

»Verhext?«

»Das Flugzeug ist abgestürzt, das ist doch sogar selbst Ihnen aufgefallen?«

»Und Flugzeuge stürzen ab, weil sie verhext worden sind?«

»Dieses hier ja.«

Blanc sah Marius hilfesuchend an. Doch der litt an einem sehr hartnäckigen Husten und hatte inzwischen Tränen in den Augen. Dann starrte Blanc auf seinen schmuddeligen Notizblock und den Stift. Seine Hände weigerten sich, diese Aussage zu Papier zu bringen. Ein verhextes Flugzeug. Wenn er das in den Bericht schreiben würde, würden ihm die Kollegen nicht einmal mehr zutrauen, bei einem Ampelausfall den Verkehr zu regeln.

»Ich habe gesehen, wie das Flugzeug verhext wurde«, setzte Ange Douchy trotzig hinzu, die ihn aus ihren unfassbar blauen Augen aufmerksam musterte.

»Sie können Hexenzauber sehen?«

»Ein grünes Leuchten erfüllte den Himmel. Und dann ist das Flugzeug vom Himmel gekommen wie ein gefallener Engel.«

»Ein grünes Leuchten?«

»Ein grünes Licht. Grüner als Gras. Und dann kam der Tod.«

Grünes Leuchten – Ange Douchy, kritzelte Blanc schließlich in seinen Block, damit sie glaubte, dass er sie ernst nahm. »Merci beaucoup«, sagte er und sprang auf. Er wollte bloß fort von dieser Frau.

»Soll Sie einer unserer Wagen nach Hause bringen, Madame?«, fragte Marius, während er sich ächzend vom Boden stemmte.

»Ich gehe zu Fuß.«

Blanc, der sich schon halb von ihr abgewandt hatte, drehte sich verwundert um. »Haben Sie eine Taschenlampe?«

»Sehe ich so aus?«

»Wie finden Sie dann Ihren Weg über die Hügel? Sie sind barfuß, Sie müssen in den Wäldern höllisch aufpassen, wo Sie hintreten.«

»Meine Fußsohlen sind härter als Ihre dämlichen Turnschuhe. Und ich habe Ihnen schon mal gesagt, dass Sie nicht vom Teufel sprechen sollen.«

»Noch so ein paar Zeuginnen wie diese, und ich bewerbe mich als Leuchtturmwächter auf einem Felsen im Atlantik«, flüsterte Blanc, als er hoffte, dass sie sich außer Hörweite von Ange Douchy befanden.

»Wir haben also drei Zeugen, deren Aussagen nichts taugen. Wir haben einen Experten der BEA, der sich einen Scheißdreck um die Gendarmerie schert. Wir haben einen Luftwaffen-Offizier, der dir versichert, dass eigentlich alles in Ordnung ist. Wir haben einen cholerischen Politiker, der diesen Unfall als Munition für seine Kampagne nutzen wird. Wir haben die Arschkarte gezogen«, resümierte Marius.

»Wir haben einen toten Piloten.«

»Du willst doch nicht etwa wegen Mord ermitteln?« Marius lachte.

»Wir ermitteln die Unfallursache, nichts weiter. Aber wir werden ziemlich schnell präzise Antworten liefern müssen.« Blanc deutete mit dem Kinn auf Paulmiers Dacia. »Die Journalisten werden spekulieren. Das ist eine Geschichte, mit der sie ihre Leser fesseln können, weil sich offenbar der halbe Midi über die Flieger der Armee ärgert.«

»Sollen die Schreiberlinge spekulieren. Das ist ihr Job«, erwiderte Marius leichthin.

Blanc schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Und wenn in der Zeitung steht, dass die Gendarmen keine Ahnung haben, was geschehen ist?«

»Dann schreiben sie ausnahmsweise die Wahrheit.«

»Aber diese Wahrheit wird unseren Chef sehr unglücklich machen. Sollen seine Leute wie Idioten dastehen? Da schmiert ein Flugzeug mitten in der Provence ab – und der örtliche Commandant der Gendarmerie muss bekannt geben, dass er leider keinen blassen Schimmer hat, was geschehen ist?«

»Nkoulou könnte auf einer Pressekonferenz verkünden, dass das Flugzeug verhext worden ist.«

Blanc blieb stehen. »Mach darüber keine Witze. Schlimm genug, dass der Angeber Rognoni bereits mit den Reportern geredet hat. Wenn es aber diese Hexengeschichte bis in die Seiten von La Provence schafft, dann sind wir geliefert. Wir werden wie connards aussehen, allein schon, weil wir mit einer Verrückten wie Ange Douchy auch nur geredet haben. Nkoulou wird einen Anfall bekommen, wenn ausgerechnet seine Einheit zum Gespött wird.«

»Und was willst du dagegen unternehmen?«, fragte Marius. »Das klingt nach Arbeit. Ich dachte, wir hätten das Wichtigste bereits erledigt: Unfall aufgenommen, Zeugenaussagen protokolliert, ein paar Brigadiers räumen die Schweinerei weg, fertig.«

Blanc hob entschuldigend die Hände. »Ich werde erst einmal mit Paulmier reden. Er wird Verständnis dafür haben, dass wir den Unfall nicht so rasch rekonstruieren können. Das gibt uns ein paar Tage Zeit für unsere Nachforschungen, bevor er und seine Kollegen wieder neugierig werden.«

»Unsere Nachforschungen? Wo willst du forschen?«

»Ich habe keine Ahnung.«

Marius ging zu seinem Mégane der Gendarmerie und fischte eine Roséflasche aus dem Innern. Alkohol im Streifenwagen. Gut, dass die meisten Journalisten schon fort waren, dachte Blanc, während er zum Dacia schritt. Er öffnete die rechte Wagentür, ließ eine Wolke Pfeifentabak in die Nachtluft entweichen und setzte sich auf den Beifahrersitz.

»Alors?« Paulmier öffnete das Fenster und klopfte erkaltete Asche aus dem Pfeifenkopf.

Blanc hatte sich auf dem Weg zum Auto überlegt, was er preisgeben wollte. Er berichtete in knappen Worten vom Zustand des Piloten und seines Flugzeugs. Matellys Namen nannte er nicht, das sollte Duret tun. »Leider haben wir keine brauchbaren Zeugenaussagen«, schloss er.

»Überrascht mich zu hören, mon Capitaine. Die Geschichte dieses Tankwagenfahrers klang ziemlich brauchbar. Er hat uns viele Einzelheiten in die Blöcke diktiert.«

Blanc seufzte. »Ich glaube dem Kerl kein Wort.«

»Darf ich das so schreiben?«

»Das ist meine Privatmeinung. Ich habe seine Aussage selbstverständlich aufgenommen. Und Sie dürfen Rognoni selbstverständlich zitieren. An Ihrer Stelle würde ich allerdings vorsichtige Formulierungen wählen. Monsieur Rognoni hat seine Beobachtungen …«, Blanc zögerte, »… möglicherweise etwas ausgeschmückt.«

»Verstehe.« Paulmier tippte auf das Radio im Armaturenbrett. »Die lokalen Stationen bringen Rognonis Version schon in den Nachrichten. La Provence kann das nicht ignorieren. Wenn die Zeitung morgen herauskommt und etwas nicht bringt, das auf allen Sendern schon seit Stunden herausgeblökt worden ist, dann stehen wir wie Idioten da.«

»Ich weiß, wie sich das anfühlt«, versicherte Blanc. »Hatten Sie so eine Geschichte schon mal in Ihrem Lokalteil? Ein Flugzeug im Olivenbaum?«

Der alte Reporter lachte. »Meine Zeitung ist sozusagen ein Album der tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten. Hier im Süden ist Fliegen noch ein echtes Abenteuer! Antoine de Saint-Exupéry ist vor Marseille ins Meer gestürzt, wussten Sie das nicht?«

»Wir reden hier nicht vom kleinen Prinzen.« Aber von Hexen, dachte Blanc, doch das konnte er dem Journalisten ja schwerlich auf die Nase binden.

Paulmier lächelte nachsichtig, hob die Rechte und zählte an seinen Fingern ab: »1996 wird ein Airbus aus Paris-Orly auf dem Flughafen Perpignan direkt nach der Landung von einigen Bewaffneten überfallen, noch bevor er überhaupt am Terminal angelangt ist. Die Maskierten öffnen den Frachtraum und rauben innerhalb von zweieinhalb Minuten fast vier Millionen Franc. Siebenundzwanzig Kilogramm Geldscheine! Aufklärungsquote: null Prozent. Ihre Kollegen haben bis heute keine Ahnung, wer diese Sache durchgezogen hat oder wo die Mäuse geblieben sind. 2010 wird ein Airbus auf dem Flughafen Marseille von fünf Bewaffneten überfallen. Da die Maschine jedoch keine Wertsachen an Bord hat, stehlen die Angreifer dem Piloten und dem Copiloten kurzerhand die Brieftaschen. Aufklärungsquote: null Prozent. Und neulich haben am selben Flughafen Ihre Kollegen von der Hundestaffel junge Vierbeiner trainiert; sie haben im Airport Pakete mit Plastiksprengstoff versteckt, jeweils 100Gramm C4