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Briefe wurden schon zerrissen und geküsst, mit ihnen wurden Kriege erklärt, Morde gebeichtet oder dafür genutzt, den geliebten Menschen in Übersee etwas lauter zu vermissen. Es gibt kein Medium, in dem Worte so sorgfältig ausgewählt werden wie handschriftlich auf einem Blatt Papier. Meine Seele kann ich nur Papier anvertrauen, heißt es in einer der fünfzehn Geschichten in diesem Buch. Nimm dir Zeit, denn dieser Brief ist für dich. Öffne ihn. Folgende Autoren sind in diesem Buch versammelt: Nicole Neubauer June Is Wolfgang Lamar Esther Wagner Julia von Rein-Hrubesch Wiebke Tillenburg Kia Kahawa Magret Kindermann M.D. Grand Alexander Greiner Denny Sachs Vanessa Glau Jessica Iser
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Wiebke Tillenburg und Magret Kindermann
Das Haus der verlorenen Zeit
Nicole Neubauer
Kälteschlaf
Esther Wagner
Von Möbeln und Marotten
Wiebke Tillenburg
Meine Wahrheit
Kia Kahawa
Moleküle der Wolken
Magret Kindermann
Von Türmen und Nächten
Wolfgang Lamar
/paperporn
M.D. Grand
Der Ohrring
June Is
Abgesang
Vanessa Glau
Das Kandldirndl
Alexander Greiner
Ein Katzenmittwoch
Denny Sachs
Regenwelten
Wiebke Tillenburg
Das Sonnenzimmer
Magret Kindermann
Am Ende
Jessica Iser
Alle Farben grau
M.D. Grand
Einen alten Baum
Julia von Rein-Hrubesch
Über die Autoren
››Das Briefeschreiben ist für mich wie das Hochwerfen von Omeletts.‹‹ Virginia Woolf
Beim Schreiben eines Briefes zählt der geschickte Schnick im Handgelenk ebenso wie die Balance und der entscheidende Impuls im passenden Augenblick. Das Ergebnis ist entweder perfekt, klebt an der Decke, wo es auf ewig einen Fettfleck hinterlässt, oder landet zermatscht auf dem Fußboden. Kein Brief ist wie der andere, jeder ist auf seine eigene Art persönlich. Und nicht jeder erreicht sein Ziel.
Die ursprüngliche Idee, sich für eine Anthologie zusammenzutun, stammte von Nika Sachs, einer der Herausgeberinnen der Sehnsuchtsfluchten. Nun folgen wir als Autoren-Potpourri unter dem Namen Nikas Erben. Als Folgeprojekt servieren wir dir unterschiedliche Autorinnen und Autoren, die es verdient haben, gehört und vor allem gelesen zu werden. Ob bisher unveröffentlicht oder bereits in den Bestsellerlisten, Self-Publisher oder mit Verlagsvertrag und ohne Altersbeschränkung: Wir sind ein wilder Mix. Ziel ist es, eine Plattform zu bieten, in der wir uns gegenseitig unterstützen und voneinander lernen. Austausch ist uns ebenso viel wert wie die Veröffentlichung unserer Geschichten.
Dieses Buch, das wir vertrauensvoll in deine Hände legen, hat einen weiten Weg hinter sich. Jede Geschichte durchlief das gnadenlose Doppellektorat der Herausgeberinnen. Michaela Stadelmann schmeckte die Texte mit ihren gefürchteten Kommentaren ab. Dieses Vorgehen war umständlich, arbeitsreich und teilweise anstrengend, doch es hat sich gelohnt! Die Autorinnen und Autoren gingen aus diesem Prozess mit dem Gefühl hervor, über sich hinausgewachsen zu sein.
Die Titel der Geschichten sind in den Handschriften der Verfasserinnen und Verfasser geschrieben. So kannst du wie bei einem echten Brief das Schriftbild zur Geschichte erleben, es sogar analysieren oder dich über die unleserliche Krakelei ärgern. Es gibt eine Ausnahme, denn für Nicole Neubauers Das Haus der verlorenen Zeit stand ihre elfjährige Tochter mit Schreibschriftkompetenz zur Seite. Drei Geschichten beinhalten originale Briefe oder Auszüge daraus: Meine Wahrheit von Kia Kahawa, Am Ende von Jessica Iser und Das Sonnenzimmer von Magret Kindermann.
In den folgenden Geschichten wirst du viele Briefmahlzeiten finden und letztlich selbst entscheiden müssen, welche dir am besten schmeckt. Genieße die Briefe! Wir freuen uns jederzeit über eine Antwort. Guten Appetit!
Wiebke Tillenburg
Magret Kindermann
Mai 2018
Alles beginnt mit einem leeren Blatt.
Es ist das letzte Haus am Ende der Straße. Ich bin nicht mehr oft im Freien und staune jedes Mal, wie wenig es sich verändert hat. Der Wald hat es rundherum in Besitz genommen, kein anderes Gebäude ist zu sehen. Nur graue Winterbäume und die Straße, die ohne Ortsschild in den Wald verschwindet. Dahinter kommt sehr lange nichts, kein Auto fährt vorbei.
Geduldig warte ich, während die Frau mit der Fototasche sich am Haustürschloss abmüht. Sie arbeitet konzentriert, ohne am grauen Putz hochzuschauen. Vorher hat sie ein paar Fotos vom Anwesen gemacht, aber es bald wegen des Lichtes aufgegeben. Hier am Anfang des Waldes herrscht ewige Dämmerung. Das Toilettenfenster neben der Haustür ist dunkel und lässt einen vergilbten Vorhang erahnen. Nur ein Fenster an der Seite ist erleuchtet und wirft orangefarbenes Licht auf das Dickicht des Gartens. Niemand hat je die Lampe ausgeknipst und die Glühbirne will einfach nicht den Geist aufgeben. Die Frau, die mit Spanner und Pick im Schloss hantiert, hat sich als Greta vorgestellt. Ihre Fotoausrüstung hat sie zwischen die Füße gestellt, in einer Sporttasche trägt sie Werkzeug mit sich. Ihr Begleiter Sam, ein dürrer Junge im Parka, hat nur ein Fotohandy bei sich. Zur tiefen Verachtung von Greta. Soweit ich es mitbekommen habe, hat sie Sam in einem Urbex-Forum kennengelernt, er ist Anfänger, der eine erfahrene Begleiterin für eine Tour gesucht hat. Ich glaube, Greta bereut es schon, ihn dabei zu haben. Ich habe die beiden nie zuvor gesehen.
Sam geht einmal ums Haus und kommt durch das mannshohe Gras zurück, seine Stoffturnschuhe haben nasse Flecken. Das Wohnhaus ist länger, als es von vorne aussieht, es schiebt sich wie ein Riegel in den Wald hinein.
››Hinten ist ein Fenster eingeschlagen‹‹, sagt er. ››Wenn wir ein bisschen Glas rausbrechen ...‹‹
››Wir zerstören nichts‹‹, sagt Greta mit einem Pick zwischen den Zähnen. ››Wir machen nichts kaputt, wir verändern nichts. Wir machen nur Fotos.‹‹
So viel habe ich in der Zeit gelernt, die ich mit verschiedenen Urbexern verbracht habe: Sie haben einen Ehrenkodex. Sie sind keine Vandalen, nähern sich ihren Stätten mit Respekt. Lost Places. Verloren gegangene Orte.
Greta wechselt den Pick, tastet, lauscht, dann klickt das Schloss und die Haustür geht auf.
Abgestandene Luft schlägt uns entgegen, wie aus einem Speicher, in dem man lange nicht gelüftet hat. Man riecht, dass hier ein alter Mensch gelebt hat, die Verbrauchtheit und den Verfall. Ich folge den beiden ins Haus. Ein Luftzug schlägt die Tür zu und taucht uns in Dunkelheit. Sam bleibt stehen, seine Schultern spannen sich, als durchlaufe ihn ein Frösteln. ››Das muss vom offenen Fenster kommen‹‹, sagt er wie zu sich selbst. Der Singsang eines Kindes im Wald. ››Bestimmt vom Fenster.‹‹
››Das Licht ist hinüber‹‹, sagt Greta mit einem Blick auf Sam. ››Wir sind viel zu spät dran. Wenn ich nicht auf dich hätte warten müssen ...‹‹ Sie öffnet die Tür zum Wohnzimmer. ››Verdammt‹‹, sagt sie. ››Wir können auch gleich wieder gehen.‹‹
Nein, denke ich. Bitte bleibt. Ich brauche euch hier.
Das letzte fahle Tageslicht macht die ganze Verwüstung im Raum sichtbar. Die Schrankwand aus Eichenholz ist mit Graffiti beschmiert, der Röhrenfernseher eingeschlagen, Bierdosen und Pizzakartons liegen auf dem Tisch. Die Wände sind fleckig und riechen nach Urin.
››Solche Idioten‹‹, sagt Sam.
Greta wirft ihm einen Blick aus schmalen Augen zu, als wolle sie abschätzen, ob er einer von ihnen ist. ››Das Wohnzimmer können wir schon mal vergessen.‹‹ Sie läuft mit ihren Stahlkappenstiefeln über die knirschenden Scherben voraus. Ohne sich umzudrehen, sie braucht uns nicht. Zielsicher geht sie Richtung Küche. Innerlich triumphiere ich. Vielleicht kann ich auf die Neugier einer Frau wie Greta zählen, endlich, nach all den Jahren.
Die Vandalen haben die Küche in Ruhe gelassen. Eine Tasse mit Rändern von eingetrocknetem Bohnenkaffee steht auf dem Tisch, daneben ein Teller mit dem mumifizierten Rest von einem Stück Gebäck. Die Rollläden sind halb heruntergezogen, Greta zieht sie hoch, doch es wird nicht viel heller. Es dämmert draußen, als drehe jemand am Himmel einen Regler herunter, rasch und unbarmherzig.
Der Briefumschlag liegt immer noch unberührt auf dem Tisch.
Sam lässt das Licht des Handys darauf ruhen. Ich schaue ihm über die Schulter.
››Handgeschrieben.‹‹ Er hebt ihn hoch und studiert die Namen auf dem Luftpostumschlag. In steilen, dünnen Buchstaben von jemandem, der Sütterlinschrift gewohnt war. ››Wer schreibt denn heute noch Briefe?‹‹
Lies ihn, denke ich mit all meiner Kraft. Ich bin nur Zentimeter von seinem Kopf entfernt. Könnte ich nur hineinkriechen. Mach den Umschlag auf.
Ich kann mich nicht zu erkennen geben. Noch nicht. Noch muss ich auf die Neugier der Besucher zählen.
››Lass das‹‹, sagt Greta.
››Ich schau doch nur.‹‹
Sam macht ein Foto davon. Wenn ihn der Brief so interessiert, warum reißt er den Umschlag nicht einfach auf? Lies den Brief, flehe ich ihn in Gedanken an. Doch Sam schaudert nur, als friere er.
Das Kuvert bleibt mit dem Empfänger nach oben liegen.
Es ist mein eigener Name.
Sam wendet es und betrachtet es von jeder Seite, hat schon seinen Fingernagel an der Ecke des Umschlags.
››Lass ihn liegen. Der gehört uns nicht‹‹, sagt Greta. Ihr Ton bewirkt, dass Sam den Brief loslässt, als wäre er heiß.
››Willst du so sein wie die?‹‹, fragt Greta und zeigt in Richtung des Wohnzimmers.
Sie lässt Sam in der halbdunklen Küche stehen. Auch er will sich abwenden, doch ein Luftzug wirft den Brief auf den Boden. Mit einem Seitenblick in Gretas Richtung bückt Sam sich und lässt den Umschlag in der Jackentasche verschwinden. So war das nicht geplant. Wenn er den Brief jetzt mitnimmt, werde ich ihn nie wiedersehen. Und nie erfahren, was darin steht. Vergebung oder Verdammnis. Hätte ich doch damals nicht gezögert.
Eines Tages bleibt der Laden im Erdgeschoss geschlossen. Das Schaufenster hinter dem Schild Schuhmachermeister & Einlagen Schwartz ist dunkel und in der Tür hängt der handgeschriebene Zettel ››Komme gleich wieder‹‹, der außerhalb der Öffnungszeiten immer dort hängt. Die junge Frau klemmt sich die Handtasche unter den Arm, schirmt die Augen mit den Händen ab und späht durch die Glastür. Im Schirmständer stehen ein paar vergessene Regenschirme, hinter der Registrierkasse hängen ordentlich die Schuhe an den Haken. Durch die Tür dringt der scharfe, gegerbte Duft des Leders. Sie steigt ein Stockwerk hoch und klingelt an der Tür mit den goldenen Buchstaben ››Schwartz‹‹, aber niemand macht auf. Als sie mit dem frischen Hefegebäck in die Wohnung der Eltern kommt, verliert sie kein Wort über die Familie Schwartz. Niemand redet davon, wenn nachts die Polizei im Haus war, als wäre es dann nur ein böser Traum, der Realität wird, sobald man ihn ausspricht. In letzter Zeit war mehrmals die Polizei im Haus; die geben sich nicht einmal Mühe, leise zu sein. Und jetzt sind die Schustersleute fort. Eva kaut an einem Stück Osterfladen, sie bekommt nichts hinunter, sie kann nur an eines denken. Was ist mit Luis? Luis Schwartz ist mit ihr im Mietshaus aufgewachsen, sie sind zusammen zur Schule gelaufen mit dem Tornister auf dem Rücken, Hand in Hand. Als sie älter wurden, haben sie aufgehört, einander an den Händen zu halten. Aber ohne es auszusprechen, war ihnen klar, dass sie untrennbar sind.
Mit den Eltern kann sie nicht über Luis reden. Sie solle nicht immer mit ihm herumziehen, hat die Mutter erst neulich gesagt. Das sei eine fremde Kultur, hat sich der Vater eingemischt, die seien fahrendes Volk seit Generationen, das Stehlen und Betrügen sei bei denen im Blut, das bekäme man nicht einfach heraus. Verrottetes Blut. Nicht doch, hat die Mutter gesagt, die immer ihre Schuhe zum alten Schwartz bringt. Jemand, der seit vierzig Jahren einen Handwerksbetrieb habe, gehöre ja nicht gerade zum fahrenden Volk. Der Vater hat gesagt: ››Meine Tochter geht nicht mit Juden.‹‹ Man fühle sich ja nicht mehr zuhause im eigenen Land und die seien schuld, dass alles den Bach hinuntergegangen sei. Wie immer haben sie schnell das Thema gewechselt, wenn er in dieser Stimmung war.
Sie und Luis haben sich trotzdem getroffen, auf dem Nachhauseweg oder am Wochenende oder beim Tanz in den Kellern, wenn sie wieder mal Verdunkelung angeordnet haben. Dort unten ist Jazz gespielt worden, Negermusik, wie der Vater gesagt hätte. Sie spürt noch seine Hand in der Taille vom letzten Tanz, bevor der Alarm aufgehoben wurde. Das letzte Mal, als sie ihn gesehen hat.
Es soll Tage dauern, bevor sie etwas von Luis erfährt.
Greta trampelt durch das Haus, als gehöre es ihr. ››Im Erdgeschoss muss es doch noch mehr Zimmer geben.‹‹ Sie klingt zunehmend genervt. ››Der Kasten ist doch riesig.‹‹ Sie rüttelt an einer Tür, sie ist fest verschlossen. Zugesperrt. Durch das Schlüsselloch scheint orangefarbenes Licht.
››Mach es doch mit dem Werkzeug auf‹‹, schlägt Sam vor.
Greta bückt sich zum Schlüsselloch hinunter und schaut hindurch. ››Können wir vergessen. Da steckt ein Schlüssel von innen.‹‹
››Dann lass uns halt in den ersten Stock schauen.‹‹
››Ich weiß nicht. Glaubst du, die Treppe ist sicher?‹‹
››So alt ist das Haus noch nicht.‹‹
››Hier war schon lang kein Statiker mehr drin.‹‹
››Hast du etwa Angst?‹‹, fragt Sam.
Greta schnaubt und steigt die Treppe hoch. Die Dielen knarzen unter ihren Stiefeln. Sam folgt ihr, ich bleibe dicht bei ihm, darf ihn und meinen Brief nicht aus den Augen lassen. Immer wieder dreht Sam sich nervös zu mir um.
Oben waren die Vandalen noch nicht. Hier riecht es nicht nach Urin, nur nach toter Luft und schlafenden Zimmern, und alle Türen sind geschlossen.
Greta öffnet die Tür zum Arbeitszimmer, ihre Schritte lassen die Gläser in einer Vitrine vibrieren. Auf dem Schreibtisch liegt Papier, gelb an den Rändern, ein Stapel Rechnungen wird nie mehr bezahlt werden. Die Bücher in den Regalen neigen sich zur Seite, als schliefen sie und warteten nur darauf, wachgerüttelt zu werden. Eine altmodische elektrische Schreibmaschine nimmt den größten Teil der Arbeitsplatte ein, Staub liegt auf den Buchstaben. Im gepolsterten Stuhl hat sich eine Vertiefung eingegraben. Sam schaltet die Schreibtischlampe ein und die Birne verabschiedet sich mit einer klirrenden Explosion. Er öffnet eine Schreibtischschublade, der scharfe Lösungsmittelgeruch von Matrizen dringt heraus.
››Lass das‹‹, sagt Greta. ››Nicht herumwühlen. Wir haben einen Ruf zu verlieren. Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Eigentümer in die Anwesen hineinlassen.‹‹
››So wie das hier? In das wir eingebrochen sind?‹‹
››Ich konnte keinen Eigentümer ermitteln.‹‹
››Und deswegen hast du professionelles Werkzeug zum Schlösserknacken dabei?‹‹
Bevor Sam die Schublade zuschlägt, nimmt er sich einen kleinen goldenen Briefbeschwerer und steckt ihn in die Jackentasche. Ich höre darin das Papier des Luftpostkuverts rascheln.
Die Nachricht von Luis ist nur ein kleiner linierter Zettel, hastig mit Füllfederhalter bekritzelt, den sie vor dem Briefschlitz aufsammelt, gerade noch rechtzeitig, bevor die Eltern ihn sehen. Sie weiß, von wem er ist, schon als sie die Knicke herausstreicht. Die krakelige Kinderschrift von Luis können nur wenige lesen. Im Bad dreht sie den Schlüssel herum, setzt sich auf den Toilettendeckel und liest.
››Ich brauche deine Hilfe‹‹, so beginnt der Zettel. Sie liest ihn bis zum Ende, schließt die Augen und die Wörter tanzen in ihrem Kopf. Untertauchen, Grenze, Einreise, Schiff, Pässe, Geld, immer wieder Geld. Und immer wieder: wir. Und die Worte des Vaters ätzen sich in ihre Gedanken wie Gift.
Die sind nur an Geld interessiert.
Die nehmen dich aus, wo sie können.
Das ist bei denen in der Natur.
Sie versucht, sich dagegen zu wehren, aber wie soll man sich gegen ein Gift schützen, das täglich in kleinen Dosen in ihre Gedanken träufelt?
››Wir könnten dort heiraten‹‹, schreibt Luis. ››Sie werden sich nicht trauen, mir etwas zu tun, wenn wir verheiratet sind.‹‹
Die Buchstaben von Luis neigen sich zur Seite, als seien sie auf der Flucht.
››Sie haben meine Eltern abgeholt und ich weiß nicht, wo sie sind. Was können wir tun? Was passiert hier?‹‹
Leise öffnet sie die Badezimmertür. Der Duft von Kaffee zieht durch den Flur, die Nähmaschine rattert. Durch die offene Tür sieht sie die Mutter am Nähtisch, eine Tasse Bohnenkaffee neben sich. Wie oft hat sie schon die Tasse über ihre Stoffe umgeworfen und sich geärgert. ››Katastrophe‹‹, ruft sie dann immer. ››Katastrophe!‹‹ Stoffe sind so teuer geworden in den Kriegstagen.
Sie nutzt den Lärm der Nähmaschine, um die Handtasche der Mutter zu öffnen und das Portemonnaie zu durchwühlen. In einem Fach steckt ein Packen Scheine, sie nimmt ihn heraus, ohne das Geld zu zählen. Das Schloss der Tasche schnappt geräuschvoll zu, aber die Mutter dreht sich nicht um. Auch nicht, als sie sich möglichst leise die Schuhe anzieht und ihren Mantel über den Arm hängt. Erst als die wuchtige Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fällt, hört sie leise ihren Namen von drinnen, aber da läuft sie schon die Stiegen hinunter. Raus aus dem Haus, an der dunklen Ladentür der Schwartzens vorbei und zur Tram, die gerade um die Ecke rattert.
Greta schließt eine kleine Baustellenlampe an die Steckdose an, der Strom funktioniert auch nach der langen Zeit noch. Jemand hat vergessen, ihn abzustellen, auch als die Rechnungen an die Stadtwerke nicht mehr bezahlt wurden. Jeder hat das Haus vergessen. Das Scheinwerferlicht erweckt die Ecke mit dem Mahagonischreibtisch und dem Bücherregal zum Leben. Ich habe sie immer gemocht.
Sam lässt Greta allein und geht ins Nebenzimmer, ich folge ihm. Die Tür öffnet sich zu einem kleinen Salon mit vergilbten Stores, die bis zum Boden reichen und den Raum in ewige Müdigkeit versetzen. Der Samt auf den Armlehnen der Sessel ist abgewetzt. Die Tapete ist unversehrt, Seide und Blumen und Reiher. Hier knackt der Boden lauter als im Arbeitszimmer, er hängt in der Mitte durch wie eine Wanne. Die Dielen sind mit einem Perserteppich bedeckt, ausgeblichen, wo das Licht vom Fenster ihn erreicht hat. Der einzige Schmuck im Zimmer ist eine kleine gerahmte Fotografie an der Wand von einem jungen Mann mit dichtem schwarzen Haar. Sam beachtet sie nicht, er zieht eine Schublade nach der anderen auf und lässt Dinge in den Taschen seiner Daunenjacke verschwinden. Mein Herz sinkt. Er wird meinen Brief mitnehmen, zusammen mit den anderen Schätzen.
Er greift nach dem Foto.
Finger weg, denke ich und bündle all meine geschwundene Kraft zu unsäglicher Wut. Der Nagel bröckelt aus der Wand und das Bild fällt zu Boden, das Glas zersplittert.
Sam zischt einen Fluch durch die Zähne und weicht zwei Schritte zurück. Unter seinen Füßen knackt es. Nicht das normale Knarzen einer Diele. Es ist das Geräusch von splitterndem Holz, das Knirschen von Kies, das Platzen von Putz. Der Boden unter ihm gibt nach, die Ränder des Perserteppichs ziehen sich zur Mitte zusammen, Sam versinkt wie im Treibsand, sein Gesicht nimmt einen unglaublich blöden Ausdruck an. Er versucht, sich festzuhalten, doch greift nur nach Stoff. Für einen Augenblick bleiben er und der Teppich im Loch stecken, es knackt noch einmal und er fällt. Ein dumpfer Aufprall, dann dringt Stöhnen aus dem Loch.
››Greta!‹‹ Seine Stimme klingt gedämpft, wie durch drei Schichten Perserteppich. ››Greta! Hilfe! Der Boden ist durchgebrochen!‹‹
Greta kommt angelaufen und macht eine Vollbremsung in der Tür, als sie das Loch sieht. Aus der Öffnung im Boden scheint das gelbliche Licht der Glühbirne.
››Hast du dich verletzt?‹‹
››Geht schon.‹‹ Sams Stimme klingt gepresst. ››Nichts gebrochen. Der Teppich hat einiges abgefangen.‹‹
Greta verdreht die Augen. ››Ich komm runter‹‹, sagt sie im Ton einer Mutter, die in der Küche eine Bescherung aufwischen soll.
››Warte ...‹‹, sagt Sam, seine Stimme klingt verändert, bringt sie dazu, in der Bewegung einzufrieren. ››Greta, da ist ... da ist ... Ich will hier sofort raus!‹‹
Luis wartet an der vereinbarten Straßenecke. Nervös schaut er auf die Uhr, geht hin und her, dreht sich in ihre Richtung, sodass sie sich tiefer in den Schutz der Baumgruppe zurückzieht. Er trägt eine dunkle Brille, die Haare hat er kurz geschnitten und an den Seiten rasiert, wie es bei den deutschen Jungen in Mode ist. Trotzdem zieht er die Blicke auf sich, die Leute machen einen Bogen um ihn, als würden sie seine Angst riechen.
Sie könnte hingehen und ihm die Hand hinstrecken, um die Kluft zu überbrücken, die zwischen ihm und der Welt liegt. Doch ein Motorengeräusch lässt sie verharren. Ein Wagen der Schutzpolizei fährt langsam an ihm vorbei, hält kurz an, als wolle die Besatzung abschätzen, ob sich eine Kontrolle lohne, und rollt weiter. Luis hat nicht hingeschaut, die Muskeln an seinem Nacken sind starr und seine Haltung verrät nackte Panik.
Wenn sie jetzt mit ihm geht, wird sie nichts bei sich haben. Ihre Handtasche, ein Paar flacher Schuhe, einen Sommermantel, das Kleid, das sie am Leib trägt. Das Grüne mit den vielen Falten in der Taille, das ihre Mutter in diesem Frühjahr genäht hat. Es ist viel zu auffällig. Luis und sie müssten mit falschen Pässen reisen. Was ist, wenn die Grenzpolizei sie herauszieht? Was passiert dann mit ihnen? Zum ersten Mal spürt sie die Bedrohung körperlich. Die nächtliche Polizei, der schwarze Wagen. Wo sind die Eltern von Luis wirklich? Gibt es sie, die Züge, die voller Menschen losfahren und leer zurückkommen, wie ihr ehemaliger Lehrer es behauptet hat? Es fühlt sich nicht mehr an wie ein Abenteuer, auf das sie sich einlässt, nur noch wie ein Sprung in ein schwarzes Loch. Das Geld der Mutter wiegt schwer in ihrer Tasche.
Es sind Diebe, seit Generationen.
Das bekommt man bei denen nicht raus.
Verrottetes Blut.
Sie wendet sich ab und rennt davon, ihr Rock schwingt mit der Bewegung. Sie bildet sich ein, dass Luis das im Augenwinkel gesehen hat, meint, seinen Blick in ihrem Rücken zu spüren, doch ein zweites Mal an diesem Tag dreht sie sich nicht um und Tränen laufen über ihr Gesicht.
Ich stehe dicht hinter Sam, sodass ich ihm ins Ohr flüstern könnte. Ein Zittern durchläuft ihn. Der Schlafzimmerspiegel ist alt und blind von Hunderten schwarzer Flecken, doch ich kann uns beide darin sehen. Den dürren Jungen in der viel zu großen Jacke und die Frau in dem grünen Sommerkleid, das in der Taille in so viele Falten gelegt ist. Es ist ein Kleid für ein junges Mädchen, doch ihr Gesicht im Spiegel ist das einer bösen Alten mit Nussknackermund. Sam schaut hoch und trifft seinen Blick im Spiegel und ich weiß, dass er nur sich selbst sieht.
Nach dem Krieg haben sie Bilder von den Lagern gezeigt, von den Toten, den goldenen Ringen, den Kinderschuhen. Sie hat es nicht geglaubt. Das sind Fälschungen, hat sie gesagt, immer sturer, immer bissiger, bis ihr Mund eine dünne schmale Linie geworden ist, noch vor ihrem dreißigsten Lebensjahr.
Sie hat nichts mehr von ihm gehört, bis der Brief gekommen ist. In einem Luftpostumschlag mit blaurotem Rand. Noch nie hat sie einen Luftpostbrief bekommen. Sofort weiß sie, von wem er sein muss. Von einem Toten. Sie hat sich immer geweigert, über Luis nachzudenken, aber etwas in ihr ist sicher gewesen, dass er tot ist.
Louis Schwartz
Wayne, NJ 07477
Eine Adresse in New Jersey, USA. Luis hat es doch nach drüben geschafft, ohne sie, ohne ihr Geld, ohne das wir. Kurz flackert Genugtuung auf. Dann hat sie doch alles richtig gemacht? Doch ihre Erinnerung blättert die Bilder auf. Luis einsam an der Straßenecke, das langsam fahrende Auto, ihr Verrat, und auf einmal hat sie Angst, den Brief zu öffnen.
Warum schreibt er ihr? Und warum erst jetzt? Nach den vielen verlorenen Jahren? Will er ihr vergeben? Oder enthält der Umschlag die endgültige Verdammnis?
Ihr Herz klopft unregelmäßig. Es war noch nie ein gutes Herz gewesen, seit Jahren muss sie diese Tabletten nehmen, die sie müde und fahrig machen. Für den Brief muss sie Mut sammeln. Sie macht sich eine Tasse Kaffee, obwohl er sie abends sonst zu sehr aufregt. Aber jetzt braucht sie die Stärkung.
Und wenn sie den Brief erst morgen liest? Das ist eine gute Idee. Im Morgenlicht geht alles leichter, auch das Aufreißen des Umschlags. Ein neuer Tag mit neuer Kraft. Sie legt den Umschlag auf den Tisch, wo sie ihn morgen finden wird, und trinkt den Kaffee mit kleinen Schlucken. Zum Abräumen des Tisches fehlt ihr die Kraft, der Brief bringt alles durcheinander. Morgen, morgen ist ein neuer Tag, morgen wird sie erfahren, ob sie Vergebung findet.
Sie zieht das Nachthemd über und flicht ihre Haare zu einem Nachtzopf. Ihr Gesicht schaut ihr vom Spiegel am Schlafzimmerschrank entgegen. Die Lippen sind dünn, scharfe Falten ziehen sich von den Mundwinkeln hinunter. Das Herz schlägt viel zu schnell mit schmerzhaften Aussetzern. Zum Einschlafen lässt sie das Licht an, wie immer; der Wald ist schon viel zu nah an ihr Haus gerückt und die Stimmen aus der Vergangenheit flüstern in den Wänden. Ihr Herz rast, das Blut tobt durch ihre Adern. Verrottetes Blut.
Sam rennt zur Tür und rüttelt an der Klinke, versucht, den Schlüssel zu drehen, aber der hat sich in all den Jahren festgefressen und bewegt sich keinen Millimeter.
››Greta! Jetzt beeil dich! Mach irgendwie, dass die Tür aufgeht, da liegt eine verdammte Tote im Bett!‹‹
Ein letztes Mal schlägt er kraftlos gegen die Tür. Von draußen kommen Schritte, Greta ruft etwas.
Sam schaut sich nach meinem toten Körper um. Es gibt nichts Bedrohliches am Anblick der Leiche. Die Haut hat sich straff über die Knochen gelegt und in die Augenhöhlen gezogen, der Mund ist zu einem Loch geöffnet, die grauen Haare sind streng nach hinten zum Zopf gekämmt. Eine perfekte Mumie. Emotionen flackern durch das Gesicht des Jungen: Schock, Ekel, Angst, und dann der Anflug von Gier, den ich an ihm schon im Lesezimmer gesehen habe, wo er in den Schränken gewühlt hat. Von draußen klappert Werkzeug im Schloss. Mit wenigen Schritten ist Sam an meinem Nachttisch, zieht die Nachttischschublade auf und lässt eine Halskette, eine Armbanduhr, ein paar Ohrringe in seinen Taschen verschwinden. In die Ohrringe sind kleine Smaragde eingelassen. Sie haben immer so gut zu dem grünen Kleid gepasst, das ich hernach nie mehr getragen habe. Sam stopft sie in die Jackentasche. Seine Hand stößt auf das Papier des Umschlags und er hält inne.
Ich lege mich um seine Schultern wie ein Schal aus kühler Luft. Lies den Brief, flüstere ich mit der größten Willenskraft, die mir noch bleibt.
Sam nestelt das blaurote Kuvert heraus und reißt ihn mit hungrigem Blick auf. Ich versuche, einen Blick auf die Buchstaben zu erhaschen. Was hat Luis mir nach Jahrzehnten der Stille geschrieben? Seine Schrift war schon immer unleserlich gewesen.
