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Das Buch zeigt anhand von vielen Briefen an seine Frau die Stationen und den Alltag eines jungen Mannes während der Kriegszeit im zweiten Weltkrieg. Er hatte fast täglich geschrieben und darin über seine Ausbildung zum Soldaten in Danzig, seine Zeit an der Westfront bis zum Waffenstillstand 1940, seinen Einsatz in Russland, seine Ausbildungszeit zum Offizier in Prag und seinen anschließenden Teilnahme an den Kämpfen um Orel bis zu seiner Verwundung und seinem Tod 1943 berichtet. Bemerkenswert sind seine Ausführungen über seine Anstellung bei den Farbenfabriken Bayer in Leverkusen als Chemielaborant und deren Unterstützung zum Studium und die Möglichkeit der Promotion während der Kriegszeit als Dr.rer.nat. an der TH in Berlin. Ebenso beeindruckend sind einige Briefe seiner Ehefrau Inge aus dem Westen, die einen Einblick in das Leben der Frauen und Kinder während ihrer Evakuierung auf dem Lande gibt. Zu erwähnen sind die Originalunterlagen von Zeugnissen, Dokumenten, Fotos und Beileidsbekundungen aus dieser Zeit.
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Seitenzahl: 739
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Meinem Vater zum 100. Geburtstag
„Bald wird der Krieg zu Ende sein und wir werden wieder zusammen sein und viele, viele schöne Jahre sollen folgen...“
[Im Osten, 11. November 1942, dritter Hochzeitstag]
Vorwort
Lebenslauf von Wilhelm „Willi“ Ufer
Ausbildung zum Soldaten in Danzig-Langfuhr 02.02.1940 - 26.03.1940
„Im Felde“ – Westfront 29.03.1940 - 07.08.1940
Freistellung von der Wehrmacht 01.09.1940 - 28.01.1942
Vorbereitung zum Einsatz an der Ostfront in Aachen 29.01.1942 - 24.02.1942
Im Osten – Einsatz mit der 9. Armee in Russland 29.01.1942 - 30.11.1942
Offiziersausbildung in Milowitz/Prag 16.01.1943 - 02.04.1943
Reiterausbildung in Warendorf 03.07.1943 - 10.07.1943
Russland – Orel und Wjasma 17.07.1943 - 17.08.1943
Briefe von Ehefrau Inge – unzustellbar zurück 07.07.1943 - 11.09.1943
Ungewissheit, Tod und Trauer
Kondolenz
Ein Grab in Warschau
Wie es weiter ging
Nach dem Tode meiner Mutter im Jahre 1988 entdeckte ich auf dem Speicher ihres Hauses in Lüdenscheid die Briefe meines Vaters, die er während seines Kriegseinsatzes im Zweiten Weltkrieg fast täglich an sie geschickt hatte. Es waren Briefe aus Danzig-Langfuhr, wo er seine soldatische Ausbildung erhielt, von der Westfront, wo er als Soldat an der Maginot-Linie kämpfte, aus dem Osten, wo er an der Front eingesetzt war, von seiner Offiziersausbildung in Aachen und Milowitz bei Prag und schließlich noch die Briefe, die er als Offizier im Osten bis zu seiner Verwundung bei Orel/Russland im August 1943 schrieb.
Neben den Briefen meines Vaters fand ich auch die noch verschlossenen Briefe meiner Mutter, die ihren Mann aufgrund seiner Verwundung in Russland nicht mehr erreicht hatten und wieder zurück geschickt worden waren. Meine Mutter hatte die Briefe meines Vaters sortiert, gelocht, mit Bändchen zusammengebunden und in dem auf dem Titelblatt abgebildeten Holzkoffer aufgehoben. Dieser Koffer hatte meinen Vater während seines Einsatzes im Krieg begleitet. Laut Brief vom 29.07.1943 kam er ihm aber bei den Kämpfen um Orel abhanden. Einen Monat nach seinem Tode wurde er gefunden und meiner Mutter mit den darin verstauten „Eigentumssachen“ nach Kleingartach/Kreis Heilbronn zugeschickt. Dort hatten meine Mutter und ich während der Kriegsjahre bei Verwandten Unterschlupf gefunden.
Für mich war das Finden der Briefe auf dem Dachboden ein großer Glücksfall. Sie ermöglichten mir, etwas über das gemeinsame Leben meiner Eltern zu erfahren, über das ich so wenig wusste. Ich wollte verstehen, welchem Gedankengut und welchen politischen Einflüssen meine Eltern gefolgt waren. Ich fand das Parteibuch meines Vaters und auch Fotos meiner Mutter, wie sie fröhlich im Kreise der BDM Mädchen durch den Ort zieht. Und immer wieder stellte sich mir die Frage, wie sie als rational denkende Menschen – mein Vater Dr. rer. nat. und meine Mutter Abitur mit Auszeichnung – auf Hitler und seine Helfer hereinfallen konnten. Die Begeisterung meines Vaters, für sein Vaterland in den Krieg zu ziehen, war für mich erschreckend. Ich wusste ja nun, dass es sich nicht um ein kurzes kriegerisches „Intermezzo“ handelte, um die, wie er schrieb, „Ungerechtigkeit aus dem Weltkrieg wieder gut zu machen“, sondern dass es eine Zeit voller Unglück und Trauer mit mehreren Millionen Toten werden sollte. Meine Eltern waren offensichtlich voller Idealismus dem Nationalsozialismus gefolgt. Sie zweifelten wohl erst, als es zu spät war. Das war im Jahre 1940, wie mir später meine Mutter und mein Großvater, ein Volksschulrektor, erzählten: „Und da war alles schon gelaufen!“
Die Briefe ermöglichten mir einen sehr persönlichen Zugang zur Zeitgeschichte und vor allem zu meiner Familiengeschichte. Daher war es mir auch ein Bedürfnis, die gemeinsame Lebenszeit meiner Eltern Willi und Inge zu dokumentieren und für meine Familie zu überliefern.
Sigrid Lützenkirchen, geb. Ufer, März 2013
03.03.1913
geboren in Leverkusen-Schlebusch
1919 – 1924
evangelische Volksschule Leverkusen-Schlebusch
1924 – 1933
Oberrealschule Opladen – Abitur
01.01.1933
Eintritt in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
01.05.1933 – 30.06.1933
freiwilliger Arbeitsdienst
01.07.1933 – 04.06.1934
Hilfsangestellter Sparkasse Leverkusen
05.06.1934 – 05.04.1935
Laborant I. G. Farbenindustrie AG, Leverkusen
01.05.1935 – 30.06.1937
Werkstudent I. G. Farben und Studium Universität Köln
01.08.1937 – 30.04.1939
Chemotechniker I. G. Farben
01.05.1939 – 30.06.1939
beurlaubt zum Studium Universität Köln
25.05.1939
Verbandsexamen, Diplom-Chemiker
01.07.1939 – 31.01.1940
Chemotechniker I. G. Farben
11.11.1939
Heirat mit Ingeborg Hildebrand
02.02.1940 – 26.03.1940
militärische Ausbildung in Danzig-Langfuhr
29.03.1940 – 07.08.1940
Wehrdienst – Erstürmung der Maginot-Linie
01.09.1940 – 31.03.1941
Wirtschaftsurlaub; Promotion Dr. rer. nat, TH Berlin
07.01.1942
Geburt von Tochter Sigrid
01.04.1941 – 28.01.1942
I. G. Farben
29.01.1942 – 24.02.1942
Vorbereitung zum Einsatz Ostfront, Aachen
26.02.1942 – 30.11.1942
9. Armee im Osten
16.01.1943 – 01.04.1943
Ausbildung zum Leutnant in Milowitz bei Prag
02.04.1943 – 09.07.1943
I. G. Farben
10.07.1943 – 14.07.1943
Reiterlehrgang in Warendorf
17.07.1943 – 31.07.1943
Stellungskämpfe östlich von Orel, Russland
01.08.1943 – 07.08.1943
Abwehrkämpfe südwestlich von Wjasma, Russland
17.08.1943
verwundet in Ljuben, Russland
24.09.1943
verstorben im Lazarett in Warschau
27.09.1943
beerdigt auf dem Heldenfriedhof in Warschau
Die Eltern Anna Ufer, geb. Grotensohn und Friedrich Wilhelm Ufer (1930er Jahre).
Das Geburtshaus in Leverkusen-Schlebusch, Bergische Landstraße 24.
Wilhelm „Willi“ Ufer (1940).
Die Geschwister Johanna „Hanna“, Rudolf und Wilhelm „Willi“ (um 1922).
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Danzig, den 2.2.1940
Mein liebes Kind,
So fing es an! Du hast sicher schon früher auf eine Nachricht von mir gewartet. Dies hätte ich auch schon längst gemacht, wenn wir nicht mit 1 ½ Tag Verspätung hier angekommen wären. Die Fahrt war einfach toll. Also: Von Ohligs bin ich mit der Linie 2, die ich sofort erreichte, bis Kaiser-Wilhelm-Platz gefahren, dann weiter mit der 2 zum Bahnhof. Im Wartesaal I. Kl. traf ich dann Tante Änna und Onkel Walter. Wir haben dann noch bis 11.30 zusammen gesessen. Die beiden mussten dann gehen. Vom Bahnhofswirt erfuhr ich bald, dass wir erst morgens 7.05 von Solingen abfuhren. Dies stimmte genau. Um 6.00 Uhr erschien ein Unteroffizier, der uns namentlich vorlas und uns nach Bestimmungsort und Waffengattung einteilte. Es kamen auch Leute nach Zoppot, Graudenz, Kuhn und Thorn. Im Solinger Wartesaal bekamen wir dann die Reiseverpflegung: 1 Brot, ½ Pfund Butter, 1 Pf. Leberwurst und ½ Pf. Blutwurst, vorzügliche Ware. 7.05 Abfahrt mit dem Fahrplan-Zug nach Düsseldorf. Vorher traf ich noch Lotte, die nach Halver fuhr. In Düsseldorf ging dann um 9.00 Uhr ein Sonderzug ab. Wir fuhren über Mettmann nach Schwelm – Hagen und landeten um 16.30 in Osnabrück. Unentwegt wurden immer noch Rekruten aufgenommen. In Osnabrück bekamen wir Kaffee und Erbsensuppe. Trotz der starken Kälte war der Zug sehr gut geheizt. Erst um 20.00 fuhren wir in Osnabrück ab. Wir merkten bald, dass es im Abteil ziemlich kalt wurde und sich dicke Eisblumen an den Fenstern bildeten. Die Heizkörper wurden immer kälter und waren bald so kalt wie unsere Füße. Es stellte sich heraus, dass durch das lange Stehen in Osnabrück die Heizung eingefroren war und der Heizwagen auch nicht mehr klappte. Ich habe gefroren, wie ich im Leben noch nicht gefroren habe. Um 4.00 landeten wir in Hamburg, wo wir uns ½ Stunde im Wartesaal aufhalten durften. Auch bekamen wir dort einen Schlag Graupensuppe. Dann ging`s um 6.20 Uhr weiter im kalten Abteil und erreichten um 10.30 h (Donnerstag) Lübeck. Wir bekamen von der Gegend nichts zu sehen, denn die Eisblumen waren nicht von den Fenstern wegzubringen. In Lübeck wurde die ganze Bande in die nahe liegende Kaserne gebracht, wo wir bald auftauten. Um 15 Uhr ging`s von Lübeck weiter, nachdem wir durch fast einstündiges Stehen auf dem Bahnsteig wieder eingefroren waren. Nun ging`s immer an der Ostseeküste vorbei. Nachts um 4.00 Uhr waren wir in Köslin. Die Temperatur betrug – 28 Grad C auf dem Bahnhof. Freitag 16.00 Uhr kamen wir in Langfuhr an und waren bald in der Kaserne untergebracht. Es ist ein veralteter Bau und nicht so bequem, wie wir uns dies vorgestellt hatten. Interessant war die Fahrt durch den ehemaligen Korridor. In Gotenhafen konnte man noch gut die Einschläge der Geschosse in die Häuser erkennen. Teilweise waren die Häuser auch vollkommen zerstört. – Nun haben wir uns zum erstenmal als Soldaten kultiviert natürlich im Hof unter dem Wasserhahn bei einem tollen Schneetreiben. Das hat sehr gut getan und wir sind nun alle munter und froher Dinge und warten mutig die Zukunft ab. Ich habe gute Kameraden getroffen, keine Schlebuscher, aber Wiesdorfer, Monheimer, Solinger usw. Der einzige Schlebuscher ist auf einer anderen Stube.
So, mein liebes Kind, habe ich Dir wohl ausreichend über die erste Etappe meines Soldatenlebens berichtet. Ich freue mich schon auf die erste Nacht, da wir dann nach 3 Nächten zum erstenmal wieder ein Bett sehen und benutzen werden.
Sei aufs allerherzlichste gegrüßt und innig geküßt von Deinem „Jung“!
Anschrift: Schütze Willi Ufer, Inf. Panz. Abw. Ers. Komp. 6, Danzig-Langfuhr, Leithusarenkaserne
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Danzig-Langfuhr, den 4.2.1940
Mein liebes Kind!
Ich hoffe, dass Du inzwischen meinen ersten Brief bekommen hast. Nun will ich Dir von den ersten Tagen meines Kasernenlebens schreiben. Gestern Samstag wurde um 7 h geweckt. Nachdem wir uns gewaschen hatten, Kaffee getrunken und die Stube in Ordnung gebracht hatten ging`s zur ärztlichen Untersuchung. Bei mir war alles in Ordnung, mich frug der Arzt nur: „Sind Sie Westfale?“ Nach dem Mittagessen wurden wir gegen 3 h eingekleidet. Wir erhielten alles alte Klamotten. Die Schuhe und die Schnallenstiefel sind gut und derb. Eigene Wäsche brauchen wir überhaupt nicht, deshalb schicke ich die meisten eigenen Sachen nach Hause. An Wäsche erhielten wir 3 Paar neue, gute Strümpfe, 2 Unterhosen, 2 Nacht- und 2 Taghemden, Kopfschützer, Handtücher, Halsbinden usw. Die Wäsche wie Strümpfe usw. wird jede Woche gegen frische ausgewechselt. Wir haben den Nachmittag mit Einkleiden und Anprobieren verbracht. Interessant sehen wir in den Drillanzügen aus. Abends sind wir dann in die Kantine gegangen und haben ein paar Glas Bier getrunken.
Sonntagmorgen wird hier um 8 h aufgestanden. Den Vormittag haben wir mit Waschen verbracht. Die Spiegel und Abzeichen auf den Waffenröcken wurden abgeseift. Mittags bekamen wir Sauerkraut und Kartoffeln und 1 Kotelett. Als Nachtisch gab`s Pudding. Das Essen ist gut und reichlich. Im übrigen haben wir am Sonntagnachmittag frei. Morgen ist um 7 h aufstehen. Dann werden Waffen empfangen, und der Dienst beginnt so langsam. Wir freuen uns darauf, denn das Sitzen in der Bude sind wir satt.
Die Leute auf meiner Bude sind, so glaube ich, in Ordnung. Aus Schlebusch ist nur einer da namens Widderhöfer aus Fettehenne. Er ist mit einer Tochter des Bäckers Teitscheid aus Neuboddenberg verheiratet. Ich glaube, Du kennst das Mädchen. Er ist Kraftfahrer und liegt auf einer anderen Stube. Ansonsten sind noch welche aus Wiesdorf, Küppersteg, Bürrig, Langenfeld und Solingen da.
Gestern Abend traf ich in der Kantine 3 Gefreite, die mit Rudolf zusammen an einem Geschütz gedient haben. Sie sind vor einigen Wochen nach hier versetzt worden. Vorher waren sie mit Rudolf im Westen. Das freut einen, wenn man auf diese Weise sich kennenlernt. Sonst ist hier weiter nichts Nennenswertes passiert. Die Zivilsachen werden wohl morgen abgeschickt. Es dauert wahrscheinlich ziemlich lange, bis sie dort ankommen. Viele Sachen, die ich mitgenommen habe, kann ich nicht gebrauchen. Dagegen fehlen mir verschiedene Sachen dringend. Vor allem eine Nagelbürste, 1 Rasiernäpfchen, 1 Abwischtuch zum Reinigen des Essgeschirrs und Streichhölzer, die hier nicht zu haben sind. Später müsste ich dann noch meine schwarzen Halbschuhe und 1 Paar schwarze, dünne Strümpfe haben. Sei so gut und schicke mir diese Sachen umgehend. Auch 1 Paar Lederschnürriemen könnte ich gut gebrauchen. Bedenke aber, dass der Weg hierhin sehr weit ist, und dass ein Brief ca. 4 Tage läuft. Paketchen werden noch länger brauche.
Ich glaube nicht, dass wir während unserer Ausbildungszeit in Urlaub kommen werden. Hoffentlich bist Du nicht so einsam. Wenn wir auch vorläufig nicht zusammen sein können, so denken wir doch immer an uns und trösten uns an den schönen Tagen, die wir bisher in unserem gemütlichen Heim verleben durften. Das kommt bestimmt alles wieder und unser erster Wiedersehenstag wird wie der Hochzeitstag sein. Wäre ich nicht hier, dann hätten wir diese schöne Hoffnung nicht.
Ich grüße Dich herzlich, wünsche dir alles Gute und gebe Dir in Gedanken einen herzhaften Kuß!
Dein Willi
Gruß an die lieben Eltern und Omas, sowie an unsere Bekannten
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Danzig, den 6.2.1940
Mein liebes Kind!
Am 11. Februar sind wir gerade ¼ Jahr verheiratet. Aus diesem Anlaß schikke ich Dir ein süßes Päckchen mit recht seltenen Sachen, die ein Soldat aus Schlebusch für mich organisiert hat.
Ich denke an diesem Tage zurück an jenen Tag, der unser Leben auf ewig zusammenknüpfte. All die schönen Tage in unserem neuen Heim erlebe ich an unserem neuen Ehrentag noch einmal in Gedanken. Und ich weiß, dass auch du an diesem Tag besonders innig in Gedanken bei mir bist.
Ich küsse mein liebes Kind recht innig und grüße es herzlich!
Dein treuer Willi
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Danzig-Langfuhr, den 6.2.1940
Mein liebes Kind!
Es ist Dienstagabend. Gerade bin ich mit der Putzerei fertig. Es ist darüber 9 h geworden. Es fängt langsam an reichhaltig zu werden. Seit heute morgen um 6 h sind wir auf den Beinen und den ganzen Tag über in Bewegung gehalten worden. Kaum hat man Zeit, zu frühstücken oder zum Lokus zu gehen. Dies hat den Vorteil, dass es einem nicht langweilig wird. Es ist wieder sehr kalt geworden, und wir exerzieren nur eine knappe Stunde im Freien, sonst spielt sich alles in einer mäßig geheizten Halle oder auf der sehr engen Stube ab. Abends trinken wir ab und zu ein Glas Bier in der Kantine. Dort herrscht stets ein sehr lauter Karnevalsbetrieb, wo der Krach bei Ferger gar nichts ist. Das kommt daher, dass die vielen Rekruten noch nicht in die Stadt gelassen werden. Später wird dies wohl anders werden. Vorgestern bin ich in eine andere Stube gekommen und musste die Kameraden, an die ich mich schon so gut gewöhnt hatte, verlassen. Nun liege ich mit lauter Unbekannten zusammen. Sie sind meistens aus Mönchen-Gladbach, Rheydt und von der holländischen Grenze. Die Leute gefallen mir noch nicht so gut wie die anderen. Sie sind ziemlich laut und manchmal recht einfältig. Allerdings kann ich darüber noch nichts endgültig sagen und hoffe, dass ich nun angenehm überrascht werde. Unser neuer Stubenältester ist jedenfalls sehr in Ordnung. Soweit das Neue von hier.
Gestern erhielt ich Deinen ersten Feldpostbrief, wofür ich Dir, mein liebes Kind, recht dankbar bin. Wenn ich Deine Schrift sehe und den Brief lese, stehst du in Gedanken vor mir und ich möchte Dir am liebsten einen Kuß geben und ein wenig mit Dir schmusen. Also nochmals recht herzlichen Dank. Du hast sicher meine Briefe inzwischen erhalten und weißt wie es mir bisher gegangen ist. Am betreffenden Donnerstagnachmittag um 17.30 h, als Du den Brief schriebst, waren wir nun keineswegs schon in Danzig, sondern erst in Lübeck und erst 24 h später an unserem Bestimmungsort. Dein Brief kam am 5.2. abends in meine Hand, so dass er also gut 4 Tage unterwegs war.
Schlafanzug oder Nachthemd brauche ich nicht, auch nicht die schwarzen Halbschuhe, die ich schon in einem meiner Briefe erbeten hatte. Ebenso brauche ich keine Handschuhe, weil wir mit allem gut versorgt wurden. Du kannst mir aber die RLZ nach hier schicken lassen, denn ich weiß überhaupt nicht mehr, was passiert ist. Auch Verpackungsmaterial (kleine Kartons, Packpapier, Kordel, Klebstoff) sind gewünschte Artikel. Es wird sich lohnen, wenn Dur mir diese Sachen schickst, denn ich habe hier gute Quellen. Heute habe ich ein Päckchen an dich gesandt, über dessen Inhalt Du sicher Freude haben wirst. Gelegentlich kannst du mir auch 5 DM schicken, damit ich weitere Einkäufe tilgen kann.
Übrigens haben wir heute die erste Löhnung bekommen. Für den 1.-10.2. DM 10,-- + 5 DM Rückgeld. Die „Chemische Fabrik’“ hebe mir bitte zu Hause auf.
Was Du mit dem Geld machen sollst? Mach es, wie Du es für richtig hälst, tue es auf die Kasse. Kaufen kannst Du ja doch nichts. Das Angebot von Vater betr. Kostgeld ist großzügig, sage ihm meinen Dank dafür. Ich will nur nicht, dass wir irgendwie Deinen lieben Eltern, die schon so viel gegeben haben, zur Last fallen! Wenn Du mit einem meiner Kollegen zusammenkommst, dann grüße sie bitte alle und sage Ihnen, dass ich noch schreiben werde, sobald ich Zeit habe.
Die Sache mit Splittgerber werde ich so regeln: ich schreibe ihm, dass ich versuchen will, nach Beendigung der 8wöchentlichen Ausbildung, vorläufig beurlaubt zu werden, um meine Arbeit endgültig fertig zu stellen und mein Examen zu machen. Ich habe den Eindruck, dass vorher wenig zu machen ist. Natürlich müssen Splittgerber und Dr. Werner sich dafür einsetzen, woran ich nicht zweifeln werde. Du hälst das doch sicher auch für am besten. Erst im März könnte ich dann wieder bei Dir sein. Das wird aber eine große Freude werden. Schreibe mir bald einmal, was Du den ganzen Abend alleine machst, und gehe öfter zu meinen Eltern und lasse sie die Briefe lesen. Sage ihnen, dass ein Brief an Dich als Brief an die ganze Familie Hildebrand-Ufer gilt. Aus Zeitmangel spare ich mir die Wiederholung
Grüße meine lieben Eltern, Geschwister und die Omas recht herzlich.
Es wird Zeit ins Bett zu gehen, es ist bereits 9.30 h. Ich schreibe mit Blei, weil mir das am bequemsten ist. Der Füllfederhalter kleckst. Der Gute wäre aber hier zu schade.
Nun mein liebes Kind, schlafe recht wohl und sei mit aller Innigkeit geküsst von
Deinem Willi
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Danzig, den 9.2.1940
Mein liebes Kind!
Es ist Freitagabend 19.30 h. Wir haben soeben unseren Dienst mit dem Abendessen aufgegeben. Es fällt mir kaum schwer. Teilweise ist es sehr gut, dass Schnee liegt, denn wir beschmutzen kaum unsere Kleidung und haben deshalb mit Putzen wenig zu tun. Wir denken mit Schrecken daran, wenn Tauwetter eintritt. Die Kälte ist nicht mehr so scharf. Fast jeden Morgen sind ca. 5 cm Neuschnee gefallen. Beim Laufen hindert der Schnee etwas. Gegen die Kälte sind wir sehr gut geschützt durch gutes Schuhzeug, Pullover und Kopfschützer. Die Ausbildung geht sehr schnell vorwärts. Morgen (Samstag) werden wir schon vereidigt und am Sonntag werden wir voraussichtlich schon ausgeführt. Viele von unserer Stube haben schon mächtig Heimweh. Sie lassen dies offen merken. Du weißt, dass ich solche Gefühle nicht offen zeige, sondern sie still für mich behalte. Auch ich denke viel an zu Hause und an Dich. Du weißt ja, wie gerne ich immer bei Dir gewesen bin, und wie sehr ich mich freue, wenn ich wieder bei Dir bin. Aber ich lasse nichts davon merken.
Gestern habe ich Deinen 2. Brief erhalten. Jedes Zeichen von Dir freut mich kolossal. Die Bilder von mir sind sehr schön. Ich schlage Dir vor, auch 3 Bilder von der Seitenansicht anfertigen zu lassen. Ich weiß, dass Du jeden Abend vor dem Schlafengehen mein Bild betrachtest, so wie ich auch allabendlich das Deine betrachte. Dies geschieht meistens abends gegen 10 h, so dass wir uns dadurch allabendlich in Gedanken treffen und uns „Gute Nacht“ sagen.
Die Bilder schicke ich Dir beide zurück, denn ich kann sie hier doch nicht gebrauchen. Es ist recht, dass Ihr öfters in unsere Wohnung geht. Vater kann doch schön da seine Rauch- und Lesestunde abhalten. Dann ist die Wohnung wenigstens nicht so vereinsamt. Die Steppdecken machst du mit Mutter dort auch zurecht?
Dr. Splittgerber und Dr. Werner habe ich vorgestern geschrieben und beiden den Plan vorgeschlagen, den ich auch dir mittelte. Ich glaube, dass es so am besten ist.
Den Eltern danke ich vielmals für ihre Zeilen und auch der lieben Oma Schröder für ihren eigenhändigen Gruß. Es hat mich allerdings etwas komisch berührt, dass Mutter mich nur wegen des Bieres vermisst. Aber ich glaube, dass sie mich auch anderswie vermisst und es ihr schon deshalb leid tut, weil es ihrem Kind leid tut. Es ist natürlich nicht schön, dass Papi sie in Bezug auf Biertrinken so klein hält. Man kann es ihr dann wirklich nicht verdenken, wenn sie sich mit der Nas anfreundet. Dann kann sich Papi ja mit der Frau Nas anfreunden.
Rudolf hat mir gestern auch geschrieben. Er ist hier vielen Längerdienenden bekannt. Es ist sehr gut möglich, dass ich einmal in seine Kompanie komme.
Für heute will ich nun schließen, denn es gibt sonst nichts Neues. Wenn wir Stadturlaub haben, werde ich sehen, was noch zu organisieren ist. Hier ist noch nicht alles so knapp wie bei Euch. So können wir genügend Heringe und dergleichen bekommen.
Mami, Papi und Oma Schröder recht herzliche Grüße vor allem aber gelten Dir, wie immer,
meine innigsten Grüße und Küsse.
Dein Jung!
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Nr. 6
Danzig, den 11.2.1940
Mein liebes Kindchen!
Es ist Sonntagnachmittag 17 h. Leider hat es mit unserem erhofften Sonntagsausgang nichts gegeben. Die ganze Kompanie hat nämlich Ausgangsverbot, und es wäre deshalb sehr komisch, wenn man uns Rekruten rausließe. Die Sonntage auf unserer Bude sind sehr langweilig. Stelle Dir vor: in einem Raum von 5 x 10 m mit 2 Tischen müssen 17 Mann von morgens bis abends hausen! Ich habe am Vormittag meine schmutzige Wäsche gewaschen. Nach dem Mittagessen habe ich bis 4 h einen Mittagsschlaf gehalten und mich dann rasiert und gewaschen. Abends gehen wir gewöhnlich in die Kantine 1 Glas Bier trinken. Um 10 h müssen wir alle im Bett sein. Da ich nun bis zum Abendessen nichts mehr zu tun habe, will ich ein wenig mit Dir plaudern. Denn ich nehme an, dass Du Dich über einen Brief von mir freust. Bei mir ist es jedenfalls so. Leider habe ich seit 3 Tagen nichts mehr von Dir gehört. Heute morgen erhielt ich einen Brief von Hanna. Der Brief hat 5 Tage gebraucht, um in meine Hände zu kommen. Die Sache mit der Dynamit scheint also zu klappen. Du musst, falls nötig, unbedingt darauf bestehen, dass Du am 1.5. aufhören musst. Laß Dich nicht irgendwie bereden.
Gestern sind wir vereidigt worden. Es war ein kurzer militärischer Akt, der auf dem Kasernenhof stattfand. Es herrschte ein starker Schneefall. Überhaupt fällt ständig Neuschnee und von Tauwetter ist keine Rede. Durch die primitiven Waschverhältnisse habe ich mir noch einen Schnupfen zugezogen. Einen leichten Husten hatte ich von der Fahrt her. Vorige Woche hatte ich außerdem einen kleinen Anfall von Mandelentzündung. Da habe ich abends 3 Grogs und verschiedene Gläschen Machandel getrunken. Da war am anderen Morgen alles vorbei. Es ist natürlich nicht so, dass ich krank bin. Keineswegs! Darüber kannst Du beruhigt sein. Meine Leistungsfertigkeit hat in keiner Weise gelitten.
Gestern, Samstagabend, haben wir unsere 2 Kaffeekannen voll Bier geholt. Abends nach 10 h, nachdem der Unteroffizier vom Dienst seinen Rundgang gemacht hatte, ging der Budenzauber los, der bis Mitternacht dauerte. Das war eine tolle Sache. Ich hatte eine halbe Schüssel Wasser ins Bett bekommen und musste, statt unter den Decken, auf den Decken schlafen. Ich bin noch gnädig davongekommen. Jaja, in der Langeweile wird man manchmal wie Kinder. Es ist sonst nichts Neues hier passiert.
Wenn Du willst, kannst Du mir ab und zu Geld schicken. Ich kann es gebrauchen, wenn wir in die Stadt kommen. Ich will nämlich sehen, was es noch zu kaufen gibt. Ferner muß auch noch der Verein deutscher Chemiker Bescheid bekommen, dass ich eingezogen bin. In der Briefschale auf dem Papierkorb in unserer Wohnung liegt eine vorgedruckte Mitteilung. Fülle die Karte bitte aus und schicke sie weg. Die Frage, ob die Bedingung zum Ruhen der Beitragspflicht erfüllt ist, musst Du bejahen. Für das 1. Quartal habe ich den Beitrag bezahlt. Er ruht also so lange, bis ich wieder meine Arbeit aufgenommen habe.
Von F.R. Meyer habe ich noch nichts wieder gehört. Ich habe ihm vor einigen Tagen geschrieben. Es ist unwahrscheinlich, dass wir uns hier im Osten einmal treffen können. Jetzt, nachdem ich selbst die Verhältnisse in den überfüllten Kasernen kennen gelernt habe, kann ich seine Bedrücktheit verstehen. Er ist kein Kerl für solche Verhältnisse. Es ist auch hier so, dass man mit keinem über solche Sachen sprechen kann, die einen interessieren. Es ist nicht jedem gegeben, sich darüber hinwegzusetzen und nur oberflächliches Zeug zu reden. Auch der Betrieb in der Kantine ist keineswegs für zart besaitete Leute angenehm. Es herrscht immer ein furchtbarer Krach und ein großes Besäufnis. Ich habe schon oft das arme Klavier bedauert, auf dem ständig herumgeklopft wird. Man muß staunen, was für Talente sich allabendlich treffen. Ich habe Dir viel zu erzählen, wenn wir wieder in unserer Wohnung sitzen.
So nun für heute Schluß. Grüße die Eltern und Oma recht herzlich.
Mit herzlichen Grüßen und lieben Küssen bin ich immer Dein Willi
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Nr. 8
Danzig-Langfuhr, den 16.2.1940
Mein liebes Kind!
Herzlichen Dank für Deinen Brief vom 12.2. und für den Federhalter mit der Lg Federn. Sie brauchen mich nicht erst, wie Du wohl meinst, ans viele Schreiben bringen, denn dies habe ich wohl bisher redlich besorgt, wenn auch mit Tintenstift. – Ich wollte, ich könnte auch wieder dabei sein, wenn Ihr in unserer Wohnung einen „gemütlichen Nachmittag“ macht. Die Kälte ist hier allerdings sehr scharf, so habe ich sie bisher noch nicht kennen gelernt. Ab und zu macht sie sich empfindlich bemerkbar. Immerhin sind wir gut dagegen geschützt. Pakete sind bisher noch nicht angekommen. Ich bin gespannt, wann die landen werden. Die Äpfel sind doch sicher verdorben, wenn die ankommen. Schmutzige Wäsche und Strümpfe wasche und stopfe ich selbst. Wir bekommen nämlich Stopfgarn. Es hat keinen Zweck und ist zu unsicher, die Sachen nach Hause zu schicken. Hoffentlich findet sich hier bald ein Photograph, der uns einmal in Uniform oder bei der Putzerei fotografiert. Dann kannst Du Dir ein Bild davon machen, welches Gestell ich dabei abgebe. Ich weiß nicht, welchen Soldat Fischer Du ein Päckchen schicken willst. Meinst Du etwa den jungen Fischer aus Lamerstein (b. Danzig)? Dem brauchst Du nichts zu schicken, ich weiß übrigens auch seine Adresse nicht. – Ferner erhielt ich soeben Deinen Brief vom 14.2., den Du in der Mittagspause geschrieben hast. Selbstverständlich danke ich Dir ebenso herzlich dafür. Es freut mich, dass die Schokolade pünktlich angekommen ist, und daß sie Euch schmeckt. Ich selbst habe noch keine probiert. Mit diesem Brief geht Dir wieder ein Päckchen mit 4 Tafeln zu. Laßt Euch auch diese Sendung gut schmekken. Über den Besuch von Braulitsch hast Du sicher inzwischen in meinem Brief gelesen. Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich auf mein Heimatbett freue und auf die fedrigen Steppdecken, sowie auf den schönen Monat Mai, wenn die ganze Friererei vorbei ist. – Nun, mein liebes Kind, muss ich Dir 2 kleine, wohlwollende Vorwürfe machen:
1. Deine Grüße und versprochenen und erbetenen Geldsendungen kommen recht spärlich an. Bis jetzt habe ich nur Rm 5,- erhalten. So sitze ich heute am Freitagabend angesichts des 1. Ausgangs sonntags mit ganzen 24 Pfennigen in der Bude. Bitte schicke mir doch Geld, oder ich muß als I.G. Angestellter bei meinen Kameraden, die alle Arbeiter sind, eine Ausleihe machen. Das willst Du doch wohl auch nicht. Übrigens willst Du doch auch noch Päckchen haben.
2. Ich weiß kaum, welche Briefe in Deine Hände gekommen sind, weil Du gar nicht Bezug nimmst auf das, was ich geschrieben habe. So weiß ich nicht, ob Du über alles Bescheid weißt, was ich hier erlebt habe.
Das sollen keineswegs Vorwürfe sein, sondern bitte nur Hinweise, um Missverständnisse unmöglich zu machen.
Was gibt es nun Neues hier? Heute, Freitagnachmittag, waren wir im Zirkus Althoff. Es war ein gutes Programm. Für uns natürlich eine besondere Abwechslung. Wir haben zum erstenmal nach langer Zeit wieder was anderes gesehen als Kaserne und Soldaten. Der Dienst wiederholt sich sonst wie üblich. Morgen, Samstagmorgen, haben wir zum erstenmal Scharfschießen mit dem Karabiner. Mit den Geschützen haben wir noch nicht geübt. Das wird aber bald kommen. Sonst nichts Neues.
Herzliche Grüße an Alle und Dir außerdem einen lieben Kuß und „gute Nacht“, mein Kind.
Dein Willi
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Nr. 9
Danzig, den 18.2.1940
Mein liebes gutes Kind!
Sonntagnachmittag, 15 h. Wieder einmal hat man uns mit dem Stadturlaub draufgesetzt. Es ist nun schon der 3. Sonntag, den wir in unserer muffigen Bude verbringen müssen. Natürlich können wir vorschriftsmäßig grüßen. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag sind wieder neue Rekruten angekommen, allerdings mit 2 Tagen Verspätung. Heute Mittag beim Essenempfang machte ich eine tolle Entdeckung. Stell Dir vor, einige Meter vor mir steht Fritz Berchelmann in der Reihe und vor ihm noch ein ehemaliger Doktorand, den ich auch kenne. Du kannst Dir denken, was für eine Freude wir hatten, als wir uns so unverhofft trafen. Er ist auch zur Panzerabwehr gekommen und liegt genau über uns. Es gibt doch tolle Zufälle und meine Militärzeit scheint besonders reich daran zu sein. Nun habe ich Kameraden, mit denen ich noch mal Gedanken austauschen kann und mit denen mich viele gemeinsame Erinnerungen verbinden. Ich habe noch nicht viel mit ihm sprechen können, das wollen wir aber bald nachher in der Kantine besorgen. – Gestern haben wir zum ersten mal mit dem Karabiner auf 100 m scharf geschossen. Es sind gute Schießergebnisse erzielt worden, und der „Alte“ hat sich sehr gefreut. Ich schoss 10, 10, 9 also 29 Ringe. Das ist ein gutes Durchschnittsergebnis. Es sind sogar verschiedentlich 35 Ringe geschossen worden. Am Montag beginnt der Dienst an den Geschützen. Du siehst, dass alles sehr flott vorangeht. Den ganzen Sonntagvormittag habe ich meine schmutzigen Taschentücher, Strümpfe und die Uniform gewaschen. Du wirst sehen, dass ich ein wahrer „Mustergatte“ geworden bin, wenn ich wieder bei Dir bin. Soweit das Neue von hier. Sonntagnachmittag sind wir 2mal geimpft worden, einmal in den Arm und einmal in die Brust. Wir haben alle eine geschwollene Brust, und wir hatten ein wenig Fieber. Nun ist aber alles wieder vorbei.
Gestern ist das erste Paket angekommen. Meinen allerherzlichsten Dank auch an die liebe Mutter, die noch ein paar Zeilen dazugeschrieben hatte. Die Sachen konnte ich alle gut gebrauchen. Die Äpfel waren steinhart gefroren und nach dem Auftauen nicht mehr genießbar. Schade darum! Schickt also kein Obst mehr. Die Hustenbonbons sind sehr gut. So etwas habe ich vermisst, da ich einen ewigen Husten habe, der nicht fortzukriegen ist, da wir ständig der starken Kälte ausgesetzt sind. Es ist nicht schlimm, nur lästig. Das Gebäck und der Keks haben mir gut geschmeckt. Auch die Zigaretten haben mich sehr gefreut. Hier das Danziger Zeug hängt einem bald am Hals heraus. Es gibt natürlich keine deutschen Zigaretten. Gelegentlich kannst Du auch bei Hans Wilke vorbeigehen und versuchen einige North State und Zigarillos zu bekommen. Auch die anderen Sachen, wie Rasiernäpfchen, Abwischtuch, Taschentücher usw. kamen sehr gelegen. Nochmals den allerherzlichsten Dank! Ich werde Dir das lohnen.
Gefreut habe ich mich über den Brief von Willi Fischer. Er ist doch der Junge aus Lauenstein. Ich werde ihm bald einmal schreiben, nur Du kannst ihm ein Paketchen schicken und auch ein paar Zeilen dazu schreiben. Seine Adresse: Schütze Willi Fischer, Postsammelstelle 5, Feldpost Nr. 460, 4.M.G.Komp. E.B. 2+ 3. Auch über den Brief von Reinhold Spiegel habe ich mich sehr gefreut und über das nachträgliche Geschenk, von dem Du mir leider noch nichts geschrieben hast. Ihm werde ich ebenfalls schreiben und Du kannst Dich ja auch bei den beiden bedanken.-
Ferner erhielt ich Deinen lieben Brief vom 13.2. Ich bin glücklich, Dir mit dem Päckchen zum Hochzeitstag eine Freude gemacht zu haben. Ich will, mein liebes Kind, alles tun, um Dir erneut zu beweisen, wie gern ich Dich habe. Jeden Tag denke ich an Dich und bin so froh, dass wir uns gefunden und auf ewig zusammengeknüpft haben.
Was Dr. Werner über meinen Vorschlag geschrieben hat, habe ich Dir ja mitgeteilt. Es ist demnach alles in Ordnung. Vielleicht wäre zu überlegen, ob Du nicht schon am 1. April aufhörst, was hälst Du davon? Wenn ich meine Arbeit fertig machen kann, haben wir beide genügend Arbeit. Überlege also einmal. – Die angewandte Chemie muß jeden Samstag kommen, anderenfalls musst Du bei der Post reklamieren (schriftlich in Schlebusch 1). Schicke auch Rudolf ein Paketchen und tu ihm etwas Geld dabei. Er schrieb mir, dass er in Bingen ist, und dass er vielleicht nach Bonn kommen soll. Das ist sehr gut möglich, denn auch von hier sind welche nach Bonn ausgerückt. Es ist gut, dass Du das Geld zur Sparkasse bringst. Wir können es für die Doktorarbeit gebrauchen, die selbstverständlich noch Geld kostet. Seife habe ich hier bekommen. Mit den Werkstätten darfst Du nicht locker lassen! Die Zeitungen kommen regelmäßig an, auch dafür meinen besten Dank. Heute bekam ich auch Deinen Brief vom 15.2. Es freut mich, dass Du so oft schreibst. Es tut mir immer gut, wenn ich hier Deine lieben Zeilen lesen kann. Die „Wehrmacht“ ist noch nicht angekommen. Ich bin bestimmt nicht kränker, als ich geschrieben habe, darüber kannst Du ganz unbesorgt sein! Gehe öfters mit Hanna raus, allerdings wünsche ich nicht, dass Du in Gesellschaft vom wohllöblichen Herrn Schwartze kommst! An Wenzels habe ich auch schon vor einigen Tagen geschrieben. Ebenso an Clemens, die mir heute eine drollige Karte geschrieben haben.
Was wir von der Lage wissen? Gar nichts, man hört und sieht hier nur Soldatenleben. Der Gesprächsstoff dreht sich immer um andere Dinge. Nicht einmal Radio haben wir.
Für die 5,- Rm vielen Dank, wie gut ich sie gebrauchen kann, habe ich schon geschrieben. Das Essen ist gut, d.h. viele, ja die meisten schimpfen darüber, weil sie sich nicht in die neue Lage hineinfinden können. Wir können in der Kantine außerdem Brötchen, Teilchen, Heringe und dergl. kaufen. Gestern sind wir gewogen worden. Ich wiege nackt 168 Pfund. Ich glaube, dass ich etwas abgenommen habe. Das liegt aber nicht am Essen, sondern an der vielen Bewegung.
Nun will ich für heute schließen, denn Fritz Berchelmann wartet auf mich.
Ich grüße mein liebes Kind und küsse es recht innig!
Dein Jung!
PS. An Papi habe ich schon vor einigen Tagen eine Geburtstagskarte geschickt, er hat sie sicher inzwischen schon erhalten. Herzlichen Gruß an die lieben Eltern und einen besonders lieben Gruß an die brave Oma Schröder. An Karle werde ich auch bald schreiben. Auch an meine Eltern u. Hanna und Oma herzliche Grüße
Bitte merken und behalten: Meine Erkennungsmarke Nr. 407 Inf. Panz. Abw. Fr. Kom.6
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Nr. 10 – Antwort auf 9
Danzig, den 20.2.1940
Mein gutes Kind!
Recht herzlichen Dank für Deinen langen, lieben Brief vom 17.2.1940 (Antwort auf 7). Es ist Dienstagabend 19.30. Ich sehe aus dem Brief, dass Du bis zum Samstag meine Briefe 8, 9 und das 2. Päckchen mit Schokolade noch nicht erhalten hast. Die Briefe kommen doch sehr unregelmäßig an. Ich glaube auch, dass der starke Schneefall daran Schuld ist. Von den Postsendungen, die Du in Deinem Brief aufzählst, habe ich bis jetzt erhalten:
Die Briefe vom 10.2., 13.2. (mit Federhalter u. Federn), vom 14.2.; 15.2. (mit Rm 5,-) sowie das große Paket von Mutter mit Äpfeln, Gebäck, Keks usw. Auch die Briefe von R. Spiegel und von W. Fischer habe ich dabei erhalten und am Sonntag beide beantwortet. Die anderen Sachen: Brief vom 7.2. (Handtuch, Lederschnürriemen, Bürste usw.), Päckchen mit leeren Kartons und Papier vom 10.2. und den Brief vom 16.2. mit Taschentüchern habe ich bisher noch nicht erhalten. Sie können also noch jeden Tag einlaufen. Es freut mich, dass auch zu Hause die Schokolade angekommen ist. Die Eltern sind leider etwas zu kurz gekommen. Ich konnte aber im Moment nicht mehr bekommen. Das nächste Mal soll es auch für sie besser werden. Du weißt nicht, was Du mir schicken sollst? Es gibt hier ein Sprichwort, was wahrlich sehr viel Wahrheit hat: „Willst Du Deinen Mann noch retten, so schicke ihm Geld und Zigaretten!“ Wenn Du mir ab und zu Geld schickst und deutsche Zigaretten (von Hans Wilke North State) sowie einige Zigarillos, so bin ich vollkommen zufrieden. Andere Sachen kann ich hier bekommen. Auch Wäschestücke, Taschentücher usw. kann ich nicht gebrauchen und belasten nur die Ordnung in meinem Spind. Ich habe wirklich nichts weiter nötig. Geld kannst Du übrigens auch per Postanweisung an mich schicken. Allerdings dann keine kleinen Beträge, sonst lacht man mich auf der Schreibstube aus.
Ich glaube auch, dass es mit der Beurlaubung klappen wird. Werner ist ja schon dafür. In den nächsten Tagen werde ich an Splittgerber schreiben, dass er mir die nötigen Unterlagen für den Beurlaubungsantrag zustellt. Halte den Daumen und es wird schon klappen. Übrigens soll die Ausbildung schon in 6 Wochen erledigt sein. Der Dienst geht eisern weiter. Auch jetzt ist es für mich ein zwar regelmäßiger und langer, dafür aber durchaus erträglicher Sport. Wir sind jetzt viel draußen, und was draußen gemacht wird, darüber kann Dir Vater als alter Soldat manches erzählen. –
Ich freue mich, dass Du so brav Deine Arbeitszeit einhälst. Höre spätestens am 1.5. auf, am liebsten wäre mir, wenn Du schon am 1.4. Schluß machen würdest. Ich habe diesen Vorschlag ja schon in einem früheren Brief gemacht. Du sollst so bald wie möglich nur noch Deinem Haushalt dienen. Du freust Dich doch sicher auch darauf, wenn wir morgens gemütlich zusammen Kaffeetrinken können.
Nun habt Ihr das Konzert in Schlebusch schon wieder hinter Euch. War es schön? Wie war es bei Jagers? Grüße alle, wenn Du mit ihnen zusammen kommst. – Hans Dünner wird nun auch einmal etwas anderes kennen lernen, ihm gönne ich das, denn er hatte sich in der letzten Zeit so viele Urteile über Sachen erlaubt, die er noch gar nicht kannte, nun aber gründlich kennen lernen wird! Es fehlte mir noch der dicke Büttgen. –
Also, mein liebes Kind, nochmals herzlichen Dank für Deine Mühe und viele Küsse von Deinem treuen Jung!
Die Zeitungen kommen regelmäßig.
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Danzig, den 20.2.1940
Lieber Papi und Mami!
Recht herzlichen Dank für Eure lieben Zeilen, die mich außerordentlich gefreut haben. Vor allem Vaters Brief hat mir sehr gut gefallen, weil er in einer so schönen, lustigen Art geschrieben hat. Man merkt doch den alten Soldaten heraus, der genau weiß, wie man „das Kind beim Namen nennen muss“. Aber auch der Brief von Mutter hat mir sehr gut gefallen. Sie hatte es ohne Zweifel schwerer, weil Paul ihr schon alle Neuigkeiten vorweggenommen hat. Ich habe an den Briefen gemerkt, dass auch Ihr in so liebevoller Weise an mich denkt, und mich ebenso vermisst, wie auch ich Euch vermisse. – Nur das mit den sauren Nieren war nicht schön. Da habt Ihr mir ordentlich die Zähne lang gemacht, zumal ich mir gerade den schon ganz soldatisch gewordenen Magen mit Kommisbrot und Schmalz voll geschlagen hatte. Den Vorwurf von Oma Schröder nehme ich nicht so tragisch, Hauptsache, dass uns der Krug immer gut geschmeckt hat, nicht wahr Mami? Und wenn ich wieder zu Hause bin, wollen wir dem armen Dahlhaus wieder in aller Frische unter die Arme greifen. Man soll immer denken: Leben und leben lassen! Wir beide trinken sein Bier, nur Papi bekommt die guten Flaschen Wein, wenn er eine dicke Backe hat! Na egal, man wird ja doch immer verkannt. –
Mir geht es, wie nicht anders zu erwarten, immer noch gut. Es soll mir keiner auf die Preußen schimpfen! Es sind ganz annehmbare Leute. Mir macht der Dienst Spaß, manchem macht er Verdruß, tut ihm aber dann besonders gut. Es sind meistens Leute, die man gewöhnlich „Krücken“ nennt. Mir hat noch keiner ein schiefes Wort gesagt.
Also nochmals recht herzlichen Dank für Eure lieben Briefe. Bewahrt mir mein Kind gut und seid herzlich gegrüßt von Eurem Willi!
Lieber Papi, solltest Du meine Geburtstagskarte noch nicht erhalten habe, so wünsche ich Dir an dieser Stelle das Allerbeste zu Deinem Ehrentage. Ich hoffe und wünsche, dass ich Dich ebenso froh, munter und gesund wieder antreffe, wie ich Dich verlassen habe, und dass wir noch viele Jahre gemeinsam unsere lieben Frauen betreuen können.
Immer Dein Willi.
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Nr. 11 Antwort auf 11 u. 12.
Danzig, den 22.2.1940
Meine gute Inge!
Donnerstagabend 20 h. – Heute habe ich bei der Postverteilung in unserer Stube am besten abgeschnitten: 3 Zeitungen und 3 Briefe! Ich habe mich sehr gefreut und danke Dir für alles recht herzlich. Es tut mir immer gut, wenn ich Deine lieben Briefe lesen kann und bin stolz, ein Frauchen zu haben, das in seinen Gedanken immer bei mir weilt. – Ich bin bestimmt nicht böse auf Dich gewesen, wenn ich auch eine Zeitlang blank gewesen bin. Das ist nun alles behoben. Inzwischen haben wir wieder Rm 10,- Löhnung und außerdem noch eine Nachzahlung von Rm 6,- bekommen. Dazu kommen nun noch die 10,- Rm, die in Deinen Briefen Nr. 11 u. 12 lagen. Auch dafür meinen besten Dank. Ich werde Dich dafür belohnen. Wenn Du mir wöchentlich Rm 5.- bis 10.- schickst, komme ich gut aus. Es schadet ja nichts, wenn sich das Geld etwas bei mir anhäuft. Dann kann ich auch Einkäufe für Dich machen. Auch werde ich bald einmal nach Lamenstein fahren, wozu ich dann Geld brauchen werde. Die Zivilsachen, die Du schweren Herzens ausgepackt hast, kannst Du hoffentlich bald wieder leichten Herzens einpacken. Es wird sich alles zum Guten wenden, und wenn ich wieder zu Hause bin, werden wir unser glückliches Gemeinleben fortsetzen. – Es freut mich, dass Du am Konzert Freude gehabt hast, und dass der Sonntag mit Schallers und den anderen Bekannten einmal wieder eine Abwechslung in Dein leider einsames Leben gebracht hat. Grüße Schallers u. Gagers recht herzlich von mir, auch Syberts, wenn Du mit ihnen zusammen kommst.
Die Sache mit dem wohllöblichen Herrn Graf ist mir zu dumm, als dass ich mich jetzt noch darüber ärgern sollte. Ich werde in Zukunft für dieses hinterhältige Pack keinen Finger mehr rühren. Diese Intelligenzakrobaten und Klugschwätzer sind gar nicht wert, dass man ihnen noch Achtung schenkt. Man muß sich nur wundern, mit welcher Skrupellosigkeit die sog. Nazis vor die Öffentlichkeit treten. Ich wünsche gerade diesen Brüdern ein paar Monate Kasernenleben und dazu jede Nacht den „heiligen Geist“. Schwamm darüber. Ist Burbach, mit der steilen Garage, nicht nach vorne gelaufen und hat die Notenblätter rumgeschlagen? Der Brand auf der M.P. ist doch toll. Da hat sicher der Altmeister ordentlich getobt, nur der Müzi hat bestimmt eine schwere Zigarre bekommen. Abgesehen davon, wäre also der Traum von Gager, Meyer, Schaller nun fast in Erfüllung gegangen. Die M.P. sollte nämlich auch mal über Nacht abbrennen, und Werner sollte eine neue M.P. bauen.
Über den Brief von Oma Schröder habe ich mich sehr gefreut. Ich werde ihr bald darauf antworten. Päckchen sind bis jetzt noch keine angekommen. Ich freue mich auf deutsche Zigaretten. Die Piep ist bisher meistens kalt geblieben.
Nun noch kurz das Neue von hier. Seit heute Morgen weht ein recht warmer Frühlingswind, die Sonne scheint sehr warm, so daß wir ohne Mäntel herausgehen. Der Schnee schmilzt sehr schnell weg. Heute sind wir zum ersten Mal mit den Geschützen im Schnee gewesen, Es ist doch ziemlich anstrengend, die an sich kleinen Kanonen durch den tiefen und feuchten Schnee zu ziehen. Aber das dauert nur eine Stunde. Unsere Abteilung ist beim Geschütz in Stellung zu bringen, immer die erste gewesen, so dass wir bei unserem Vorgesetzten gut angeschrieben sind. Morgen, Freitag, machen wir am Vormittag einen Ausmarsch, auch eine willkommene Abwechslung. Ziel: Der Goldkrug. Die halbe Stubenkasse soll mitgenommen werden. Nachmittags ist dann nur noch Fußpflege und Gewehrreinigen. Heute haben wir unsere Ausgehuniform für Sonntag bekommen. Es sind schöne Sachen, und wir sehen darin sehr anständig aus. Am Montag kann ich Dir dann vom ersten Besuch in Danzig berichten.
Fischers aus Lamenstein haben mir auch geschrieben, und mich herzlich eingeladen. – Damit für heute Schluß, denn ich habe noch Stubendienst.
Sei herzlich gegrüßt und innig geküsst von Deinem Willi
Herzliche Grüße auch an die Eltern, Geschwister und die Oma
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Nr. 12. Antwort auf 13.
Danzig, den 23.2.1940
Mein liebes Kind!
Recht herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 19.2. Ich danke Dir, dass Du mir so oft schreibst. Es ist immer der schönste Augenblick des Tages, wenn ich nach dem Postempfang Deinen Brief lesen kann. Die Verteilung findet immer abends um 7 Uhr nach dem Dienst statt. – Sobald ich in die Stadt komme, werde ich ein Bild von mir machen lassen. Dann kannst Du mich einmal als Soldat sehen, wenn es auch nur auf einem Bild ist. Heute erhielt ich auch einen Brief von meiner Mutter.
Du brauchst Dir nun mehr keine Sorge wegen der Kälte zu machen, denn hier herrscht Frühlingswetter. Der Schnee schmilzt schnell weg. Heute haben wir einen schönen Ausmarsch gemacht. Nach 1 Stunde landeten wir an der ehemaligen Danzig-polnischen Grenze. Wir kehrten dann in ein Waldrestaurant ein, wo wir eine lustige Pause von 1 Stunde machten. Dann ging’s wieder nach Hause. Nachmittags hatten wir dann Fußpflege (Füße waschen) und noch 1 Stunde Unterricht. Morgen findet das 2. Scharfschießen mit dem Karabiner statt. Sonntag ist bombensicher Ausgang. – Soweit das Neue von hier.
Den beiliegenden Brief an Oma Schröder habe ich in deutscher Schrift geschrieben. Es hat mich viel Mühe gekostet. Ich werde nun schließen, denn ich will noch an Splittgerber schreiben.
Sei für heute recht herzlich gegrüßt und empfange liebe Küsse
Immer Dein treuer Willi.
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Danzig, den 21.2.1940
Mein liebes Kind!
Soeben erhielt ich Deinen Brief mit dem Wischtuch, der Bürste, dem Lederschnürriemen und der Schachtel Streichhölzer, wofür ich Dir vielmals danke. Auch für den lieben Begleitbrief recht herzlichen Dank! Der Brief war seit dem 7.2. unterwegs, also eine ungewöhnlich lange Zeit. Die Sachen konnte ich gut gebrauchen. Nun ist meine Ausrüstung komplett und Du brauchst mir nichts mehr dergleichen zu schicken.
Die Neuigkeiten von hier habe ich Dir bereits in meinem gestrigen Brief geschrieben. Soeben kommen wir vom Baden und fühlen uns alle sehr wohl. Es steht nun endgültig fest, dass wir Sonntag rauskommen, allerdings nur in Begleitung. Aber die Begleitung ist so, dass wir uns keineswegs als Ausgeführte zu fühlen brauchen. Bald wieder mehr. Diese Karte sollte nur ein Gruß an mein liebes Kind und eine herzliche „Gute Nacht“ für heute sein! Schlafe wohl und sei vielmals geküsst von Deinem Willi.
Den lieben Eltern und der braven „Dante“ sowie der guten Oma Hildebrand (falls sie schon wieder zu Hause ist) ebenfalls viele Grüße. Dergleichen natürlich auch den Lieben von Berg. Landstr. 24.
Absender: Inf. Panz. Abw. Ers.K. – Danzig-Langfuhr, Husarenkaseren 1
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Nr. 13. Antwort auf 14 u. 15.
Langfuhr, den 26.2.1940
Montagabend 20 h
Mein gutes Kind!
Am vergangenen Sonnabend erhielt ich Deinen lieben Brief Nr. 14, 2 Päckchen und die Postanweisung über Rm 10.- Heute, Montag, kamen dazu Dein Brief Nr. 15, 3 Landzeitungen und 2 Kölnische Illustrierten. Ich muß Dir ein großes Kompliment über Deine Aufmerksamkeit machen. Mein liebes Kind, ich bin Dir so dankbar, dass Du stets in Gedanken bei mir bist, und mir so oft schreibst. Den Inhalt des Päckchen und des großen Briefes konnte ich gut gebrauchen. Die Spezialzigaretten haben gut geschmeckt und vor allem auch der Traubenzucker. Gestaunt habe ich über das feine Klo-Papier, solche Toilettenartikel sind mir schon ganz fremd geworden. Ich muß mich erst wieder daran gewöhnen, denn man drückt sonst zu leicht ein Loch mit den Fingern hinein. – Ich habe zwar keinen Schnupfen mehr, aber trotzdem können die Taschentücher nicht schaden, der kommt sicher noch mal wieder. Ich meine, ich merkte schon etwas Kratzen im Hals. Also nochmals für alles herzlichen Dank! Die einliegenden Zeitungen waren natürlich längst überholt, denn sie waren vom 8. u. 9.2. Damit scheint nun alles angekommen zu sein, was schon als verloren gegolten hat.
Nun zu Deinem Brief Nr. 14: Selbstverständlich sollst Du nicht alles bei Euch oder bei uns vorlesen. Gewisse Abschnitte sind ausschließlich für Dich, mein Kind! Das ist nämlich das, was ich Dir unter anderen Umständen ins Ohr geflüstert hätte. Deshalb hoffe ich auch, dass meine Briefe nur von Dir geöffnet werden. –
Die Schlebuscher Jungens (Dünner, Blum und Müller) werde ich wohl kaum zu sehen bekommen, denn ehe die einmal Ausgang haben, sind wir sicher schon lange weg von hier. Was eigentlich mit Meyer los ist, ist mir ein Rätsel. Willst Du nicht einmal seine Frau anrufen? Vielleicht ist er ausgerückt. Mit den Möbeln darfst Du nicht locker lassen. Es ist schon recht, wie Du es gemacht hast. Wenn der Geschäftsführer nicht bald antwortet, musst Du wieder bei ihm anrufen. – Wenn ich Dir auch, meine liebe Inge, „wohlwollende Vorwürfe“ gemacht habe, so musst Du das nicht so ernst nehmen. Ich habe das wirklich nicht so gemeint. Wie könnte ich das auch, wo Du doch so gut für mich sorgst. Sei darüber also ganz beruhigt. –
Dein Vorschlag, ein Postsparbuch für mich anzulegen, ist an sich sehr gut, lässt sich aber leider nicht verwirklichen, da ich innerhalb der Schalterstunden keinen Ausgang habe. Wir haben ja in der Woche immer bis 18 h Dienst, einschließlich Samstag. Sonntagmorgens ist hier nichts los. Du siehst, dass das nicht zu machen ist, Du hast ja auch selbst schon daran gedacht. Du kannst mir das Geld immer durch Postanweisung schicken. Am besten alle 14 Tage Rm 20,-. Auch der 2. Vorwurf hatte, wie ich nun feststelle, keine Berechtigung. Die Post war nämlich an allem Schuld. Die Briefe sind nicht in der richtigen Reihenfolge angekommen. Dann zu Deinem Brief Nr. 15. Es ist sehr rührend, dass Du Dich noch so spät hinsetzt, und einen so langen Brief an mich schreibst. Bist Du am anderen Morgen nicht müde gewesen?
Leider treffe ich Berckelmann sehr wenig. Sie haben ganz anderen Dienst und sind meistens, genau wie ich, in der wenigen Freizeit mit ihrer Stubengemeinschaft zusammen. Der eine Bekannte ist übrigens ein eingebildeter Pinsel, der sich wenig an das Soldatenleben gewöhnen kann. Ich hoffe aber, dass, wenn wir gemeinsam Ausgang haben, wir uns öfters treffen. In der Kantine haben wir schon öfters zusammen gesessen, auch bin ich mit seinen Stubenkameraden bekannt.
Am Samstag erhielt ich ein Schreiben von Splittgerber. Er schlug vor, dass ich mich zum nächsten Trisemester also zum 15. April in Berlin einschreiben lassen soll. Ich habe ihm gleich geantwortet, und seinem Vorschlag zugestimmt. Gleichzeitig habe ich ihm meine Absicht mitgeteilt, mich nach der Ausbildungszeit beurlauben zu lassen, um die Arbeit und das Examen fertig zu stellen. Dafür werden nach meiner Schätzung etwa 2 – 3 Monate erforderlich sein. Ich habe ihn um Zusendung entsprechender Unterlagen gebeten. Wenn alles klappt, werde ich Mitte März oder Anfang April wieder bei Dir sein. Das soll natürlich ein Fest werden, von dem noch Generationen reden werden! Es wäre also angebracht, bereits zum 1.4. zu kündigen. Wenn es nicht klappt, kannst Du ja wohl noch den Monat April arbeiten, wenn Du Teevs erklärst, weshalb Du schon einen Monat früher gehen willst. Übrigens ist dies auch eine gute Begründung für die Kündigung. –
Ich glaube bestimmt, dass bald eine Verschärfung des Krieges eintritt, ob sich die feindlichen Flugzeuge aber sofort die verhältnismäßig kleine O.A.G. aussuchen, erscheint mir zweifelhaft. Es weiß ja überhaupt keiner, wie es kommt, und wann es kommt. –
Rudolf hat wirklich Pech mit seinem Urlaub. Seine Kameraden von hier sind alle Weihnachten zu Hause gewesen. –
Nun noch das Neue von hier: In der vorigen Woche war, wie ich ja schon schrieb, Tauwetter eingetreten. Du kannst Dir denken, was das für eine Biesterei war, sich in den hohen beschlagenen Stiefel zu bewegen. Es sind viele hingefallen und haben sich blaue Flecken geholt. Man kann dabei sehr unglücklich fallen, weil man so allerhand Zeug, wie Gewehr, Gasmaske, Geschütze stets bei sich hat.
Auch ich bin auf den Hinteren geflogen, habe mir aber nicht wehgetan. Meine Grippe ist sozusagen verschwunden. Ich habe nur noch den Husten, den hier aber jeder hat.
So mein liebes Kind, nun habe ich noch einmal alles geschrieben, was ich wusste. Achte nicht besonders auf die äußere Form des Briefes. Du weißt ja, dass hier sehr primitive Schreibverhältnisse herrschen. Zu schicken brauchst Du mir nichts (ausgenommen Geld u. Zigaretten, sowie etwas Gebäck, wenn Ihr was habt). Wenn der Frost vorbei ist, würde ich mich über etwas Obst sehr freuen.
Sei für heute recht herzlich gegrüßt und empfange viele liebe Küsse von Deinem Jung.
P.S. Reinemann von der I.G. hat mir geschrieben und Zeitschriften geschickt. Wer hat eigentlich die kölnischen Illustrierten für mich bestellt, sie kommen direkt vom Verlag?
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Nr. 14 Antwort auf 16.
Danzig, den 28.2.1940
Mein gutes Kind!
Ich habe noch etwas Zeit vor dem Schlafengehen Deinen lieben, langen Sonntagsbrief, für den ich Dir einen festen Kuß gebe, zu beantworten. Allerdings muß ich als Schreibunterlage meinen Strohsack nehmen, denn die Kameraden sind noch alle dabei, ihre Schuhe und Kleider in Ordnung zu bringen.
Heute war nämlich ein saumäßiger Tag. Hier herrscht seit Dienstag Tauwetter und der Kasernenplatz, der noch vor kurzem vollkommen vereist war, bildet jetzt wieder eine große Wasserfläche, die sich nach dem Hin- und Hertrampeln in eine rotbraune Schlammschicht verwandelt hatte. Wir brauchen nicht nur mit den Füßen hindurch, sondern mussten uns auch mitten in den Mist legen. Du kannst Dir vorstellen, wie wir nachher aussahen und was wir putzen mussten, bis alles wieder in Ordnung war. Morgen soll es weiter gehen, ich bin mal gespannt, wie das endet. Mir ist alles egal, da steht man sich am besten. Hoffentlich hört der Klimbim bald auf. Heute morgen war der Divisionskommandeur beim Exerzieren zugegen. Da hat es auch schwer gerappelt. –
Erfreulich war mein heutiger Postempfang: Dein Brief, das Päckchen von Hanna mit Wehrmacht und Zigaretten, 3 Landeszeitungen und 1 Kölnische Illustrierte. Die Kölnische Illustrierte wird im Auftrag der I.G. geschickt, wie mir der Verlag mitteilte. Das ist sehr zuvorkommend, und ich habe mich bei der Direktion bedankt. Auch Dir, mein liebes Kind, und Hanna, vielen Dank für die Sendungen. –
Wegen Deiner Kündigung musst Du natürlich einen günstigen Moment abwarten, und diplomatisch verhandeln. Wenn die O.A.G. anständig ist, werden sie Dir einen Teil des Urlaubs gewähren. – Es war bestimmt sehr gut, dass wir geheiratet haben. Nicht nur, dass es uns so schöne Tage bereitet hat, sondern auch von der rein praktischen Seite ist es sehr vorteilhaft gewesen. – Was macht eigentlich unsere Wohnung und Schombardts? Wird immer geheizt, gehst Du oft dahin? – Vater hat ja mal wieder Pech gehabt. Er soll doch lieber Gerstenkörner an sein Leghorn verfüttern, als sie sich in die Augen zu stecken. –
Nun, meine liebe Inge, will ich schließen, denn ich muß noch einmal schnell über meine Uniform bürsten und dann schnell ins Bett gehen, denn wir haben jetzt immer schon um 5.30 Uhr wecken.
Schlafe in Gedanken an mich ein, so wie ich es immer tue, sei herzlich gegrüßt und empfange liebe Küsse
Dein treuer Jung!
Herzliche Grüße an die Eltern und Omas sowie auch an Familie Probst
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Langfuhr, den 1.3.1940
Mein allerliebstes Kind!
Soeben erhalte ich Deine 2 Päckchen mit den Zigaretten und dem Gebäck mit den 2 Eiern. Für Deine lieben Geburtstagswünsche und die Geschenke meinen innigsten Dank! Mein liebes Kind! An meinem Geburtstag gedenke ich mit besonderer Liebe an Dich und lasse die Jahre unserer schönen jungen Liebe und die leider wenigen Tage unseres Eheglücks in Gedanken noch einmal aufleben. Es ist wahrhaftig ein beglückendes Gefühl hier weit ab von der Heimat einen Menschen zu wissen, der nur erfüllt ist von Liebe zu mir und mit Sorge um mein Wohlergehen! Ich kann Dir mit Worten meine Gedanken und Gefühle nicht schildern, aber ich weiß, dass sie von Herz zu Herz gehen. Du weißt, dass mein Leben inhaltslos wäre, wenn Du nicht wärst. Ich habe Dir manchmal harte Worte gesagt und bin böse zu Dir gewesen. Mein liebes Kind! Ich verspreche Dir von hier, dass dies nicht mehr vorkommen wird. Bitte verzeihe mir diese Fehler, verzeih mir, wenn mich meine Heftigkeit manchmal aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Trotzdem bist Du doch immer mein ein und alles gewesen und wirst es auch in Zukunft immer bleiben! – Ich bin überglücklich bei dem Gedanken unseres Wiedersehens, das wohl hoffentlich bald kommen wird. Da wollen wir dann zu zweien die Geburtsfeier nachholen in stiller, einsamer und deshalb besonders tiefen Glückseligkeit!
Ich habe in meinem jungen Leben trotz großer Schwierigkeiten manches erreicht. Der Ansporn dazu bist nur Du gewesen. Für was hätte ich mich sonst mühen sollen? Für mich persönlich? Nein! Alles hat und wird auch in Zukunft nur unserem gemeinsamen Glück gelten. In diesem Zeichen werde ich auch das letzte Examen bestehen, davon bin ich fest überzeugt!
Nun, mein liebes Kind, grüße ich Dich in froher Erwartung unseres Wiedersehens.
Empfange besonders innige Küsse und denke dabei an Deinen immer treuen Geburtstags-Jung
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Nr. 17 Antwort auf 18 u. 19
Danzig, den 4.3.1940
Montagabend 8 h
Mein liebes, gutes Kind!
Nun weiß ich bald nicht, wo ich anfangen soll, soviel Post habe ich an den beiden letzten Tagen erhalten. Zunächst kamen am Samstag Dein Geburtstagspäckchen, Dein Geburtstagsbrief und die Pakete von zu Hause. Am Sonntag kam Dein Brief vom 26.2., am Montagmorgen Dein Eilbrief mit dem hübschen Geschenk, am Montagabend Dein sehr langer Brief Nr. 19, Dein liebes Päckchen mit den Zigaretten und dem Tabak und der Brief von den lieben Eltern. Ich bin vollkommen überrascht über die Anteilnahme an meinem Geburtstag. Aus allen Briefen lese ich immer dieselbe Liebe und Sorge um Euren Soldatenjung. Ich weiß nicht, wie ich Euch und vor allem Dir, mein liebes Kind, dafür danken soll. Ich bin so glücklich über alles, dass ich es Dir gar nicht in Worten ausdrücken kann. Habt alle recht herzlichen Dank, und besonders Dir will ich es immer lohnen, so gut und so oft ich es in Zukunft kann. –
Du wirst nun gespannt sein, wie ich meinen Geburtstag gefeiert habe. Sonntagmorgen haben wir gemeinsam Mutters Kuchen verzehrt, dann ging’s an die Wäsche. Für Montagabend war Appell in Drillichzeug angesagt. Da blieb mir für Sonntagmorgen nichts anderes übrig, als unsern weißen Leinenanzug abzuseifen. Na, das haben wir dann auch redlich besorgt. Ich hätte nicht gedacht, dass man hier nebenher zum Packesel auch noch zur Waschfrau ausgebildet wird. Nach dem Mittagessen sollten wir wieder von 2 – 7 h ausgeführt werden. Da haben wir aber gemeinsam gestreikt und sind nach und nach durch die Wache entwischt. Ich kam gegen ½ Uhr am Danziger Brauhof mit einigen Kameraden an, habe aber leider den W. Fischer nicht angetroffen, sodass ich vermute, dass er bereits ausgerückt ist. Wir haben uns dann Danzig angesehen, verschiedene Lokale besucht, noch einmal bürgerlich zu Mittag gegessen und abends ein Tanzlokal aufgesucht. Es war einmal etwas anderes. Aber was ich auch unternehme, eine richtige Freude kommt nicht bei mir auf, weil mir eben etwas fehlt, und das bist Du. Man hat sich doch so sehr aneinander gewöhnt, dass man sich stets vermisst. Ich weiß, Dir wird es ebenso gehen. Um 10 h waren wir dann wieder in den Betten. Das war mein diesjähriger Geburtstag.
In Danzig habe ich erfahren, dass seit dem Krieg kein Omnibus sonntags nach Lamenstein fährt. Sie verkehren nur an Werktagen. Das ist natürlich ein großer Jammer, und es besteht die Gefahr, dass ich gar nicht nach Lamenstein kommen kann. Vielleicht erst dann, wenn ich in Urlaub bzw. beurlaubt nach Hause fahre. Auch will ich noch einmal schreiben, ob der Fahrplan stimmt.
Heute haben wir unsere 3. Typhusspritze bekommen und erwarten wieder eine dicke Brust. Das war die letzte Spritze. Gott-sei-Dank. Sonst geht es mir noch gut, das heißt, wieder gut. Der Husten und der Schnupfen sind weg. Draußen herrscht starkes Tauwetter mit Regen. Hoffentlich erkälten wir uns nicht wieder. Dann heißt es wieder Chinin einnehmen, das mir wieder gut auf die Beine geholfen hat. Soweit das Neue von hier.
Nun zu Deinen Briefen: Die Postanweisung über Rm 20,- habe ich auch heute erhalten, sie kam gerade recht. Ich bin mal gespannt, ob ich den Ernst hier treffen werde. Du weißt auch nicht, zu welchem Truppenteil er gekommen ist? Dein Geburtstagsgeschenk hat mich sehr überrascht. Die Bilder sind sehr schön. Ich habe richtig Sehnsucht nach unserer Wohnung bekommen. Es war doch schön und so sorgenlos. Auch Dein Bild finde ich schön. Hast Du es extra machen lassen? Es war wirklich ein schönes und vor allem überraschendes Geburtstagsgeschenk. Ich sehe mir die Bilder öfters an und bin dann immer im Geiste bei Dir in unserem gemütlichen Heim. –
Um was für Kanönchen es sich hier handelt, kann ich Dir nicht so ohne weiteres schreiben. Du kannst Dir denken, dass wir darüber nicht das geringste schreiben dürfen. Immerhin vermutest Du ungefähr das richtige. Sie sind jedenfalls klein, aber trotzdem schwer und viel besser mit dem Auto zu transportieren als von Hand zu ziehen. –
Du hast ja allerhand Laufen am Gang. Ich freue mich darüber, da brauchst Du nicht immer so alleine zu Hause sitzen. An Karl Kamphausen muss ich auch unbedingt mal schreiben. Ich habe das bisher im Rummel vergessen. Natürlich kannst Du alle recht herzlich von mir grüßen. Den anderen habe ich ja schon zweimal geschrieben z.B. an Schaller, Gager, M.P. und Wenzel. Sind die Karten eigentlich gar nicht angekommen? Ich habe nämlich gar nichts mehr darauf gehört. Ich hoffe bestimmt, dass ich auch für 1 Semester als Soldat Urlaub bekommen werde. Von Splittgerber habe ich bisher noch nichts weiter bekommen. Auch Bertholds kannst Du gelegentlich grüßen. Er war ja schon krank, als ich fortging.
Nun Dein Brief Nr. 19. Du hast Dir wirklich Mühe gegeben, und ich habe über die Länge gestaunt. – Übrigens, die beiden Eier, die Du mir geschickt hast,
