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Die Brillenschlange ist das Zentralorgan der Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten". Mit der 11. Ausgabe verabschieden sich die Autoren von ihrem Publikum und ihren Lesern.
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Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort 1
Vorwort 2
Jochen Schmidt
Bommelmütze
Jochen Schmidt
Dein Leben ohne mich
Stephan Serin
Altersmilde
Kirsten Fuchs
Meine Diebstähle
Dan Richter
Die Ereignisse bis zur Boston Tea Party 1773 nach den Tagebuchaufzeichnungen des englischen Königs George III
Andreas Kampa
Sehend unter Brillenschlangen
Andreas Gläser
Ich fahre, fahre, fahre auf der Autobahn
Jochen Schmidt
Tagebuch eines Bestattungsunternehmers
Andreas Kampa
Tante Dörte und die Kettwurst der Versöhnung
Volker Strübing
Es war bedrückend
Stephan Serin
Geheimes Gedankenprotokoll der Mondlandung
Andreas Kampa
Ich war ein Besser-Ossi oder Onkel Hain kommt
Dan Richter
Dinge, deren Kauf mir unangenehm ist: Teil 1
Stephan Serin
Chips and Drugs and Rock’n’Roll
Dan Richter
Mathematikbuch Klasse 1
Jochen Schmidt
Soliparty
Robert Naumann
Hall of fame
Hall of help
Aus dem elektronischen Gästebuch der Enthusiasten
Aus dem elektronischen Postverkehr der Enthusiasten
Nachwort
Stephan Serin
Dan Richter
Liebe Leserin!
Mit diesem Heft verabschiedet sich die Chaussee der Enthusiasten von dir. Haben unsere Texte dein Hirn auf molekularer Ebene verändert? Wenn ja, dann hoffentlich zum Guten.
Dieses Heft soll dir eine kleine Erinnerung an uns sein. Trag es stets in deiner Jackentasche, dann atmen wir mit dir.
Jochen Schmidt
Als wir im Herbst 1999 die Chaussee der Enthusiasten gründeten und uns vornahmen, ab jetzt 16 Jahre lang jeden Donnerstag mit jeweils zwei neuen Texten aufzutreten, hatten wir durchaus Zweifel, ob das zu schaffen sein würde, denn die wenigsten von uns hatten damals 1760 Texte auf Lager, wir mußten sie in den ganzen Jahren praktisch parallel zu unseren sonstigen Verpflichtungen schreiben. Wenn man sich die 880 Shows noch einmal auf Kassette anhört, stellt man fest, daß man dafür 73 Tage braucht, und daß die Zeit trotzdem wie im Flug vergeht. Was ist Zeit? Man weiß es irgendwie, aber wenn man es erklären soll, fehlen einem die Worte. Und im Grunde gilt das ja für alles.
Jochen Schmidt
Es gibt unsympathische Kleidungsstücke, wie den Trenchcoat, den vor allem Spitzel tragen, um sich zu tarnen, ein ledernes Waffen-Holster, eher etwas für Angeber, und natürlich die spitze schwarze Kappe aus dem Henkerbedarf. Springer-Stiefel sind unsympathisch, aber auch Lederhosen, außer wenn sie von Bayern getragen werden, die zweimal jährlich höchstpersönlich mit einer Sense das Gras auf einer nur zu Fuß zu erreichenden Alm mähen. Mir sind Pascha-Hosen bei Frauen unsympathisch, vor allem in Kombination mit Stiefeletten, meistens getragen von mittelalten Frauen, die nicht mehr in ihre Jeans passen, sich aber zu emanzipiert für Röcke fühlen. Bei Männern kann man davon ausgehen, daß Träger von DJ-Ötzi-Wollkappen inwendig so hohl sind, wie ein ausgenagtes Frühstücksei. Manchem ist vielleicht auch unsympathisch, was ich anziehe, obwohl es bei meiner Kleidung überhaupt keine Erklärung dafür gibt, warum ich sie trage, sie lag eben morgens im entscheidenden Moment oben auf dem Haufen. Einigkeit dürfte aber darüber herrschen, was das sympathischste Kleidungsstück ist, nämlich die Bommelmütze. Und das liegt nicht unwesentlich an der Bommel. Mörder tragen keine Bommelmützen, auch Diktatoren würden nie Bommelmützen tragen, sie würden zu starke Selbstzweifel bekommen. Soldaten mit Bommelmützen? Undenkbar! Gut, die französische Marine hatte früher Bommeln, aber Matrosen sind ja keine richtig bösen Soldaten, das sind eher naturverbundene Weltenbummler, die für alle Eventualitäten mit Waffen ausgerüstet sind. Und in der Britischen Armee hatten schottische Einheiten Bommeln, sicher um sich von den unsympathischen Engländern abzugrenzen und zu signalisieren, daß sie lieber gar nicht in den Krieg ziehen würden. Die Bommel war so ein Augenzwinkern, mit dem sie den Feind dazu einladen wollten, das Gemetzel doch lieber sein zu lassen. Selbst Bommel, der Wüstenfuchs, gilt ja vielen heute noch als nicht ganz so schlimmer Wehrmachtsoffizier. Die Bommel ist ein friedliches Accessoire, das längst den Friedensnobelpreis verdient hätte, weil es so lieb ist. Beim liebsten und friedlichsten Tier der Welt, dem Kaninchen, ist sie sogar am Po festgewachsen. Die Bommel, oder der Bommel, wie meine Freundin sagt, die mir gerne widerspricht, und wenn es nur in der Frage des Geschlechts ist. Dabei heißt es doch auch „die Zwiebel“ und „die Immatrikulationsbescheinigung“. Umso rätselhafter ist daß niemand weiß, wozu die Bommel eigentlich dient? Damit man in niedrigen Räumen nicht an die Decke stößt? Damit man seine Mütze nicht verbommelt? Damit Omas was zu tun haben? Ich frage mich, wann Frauen in ihrem Leben eigentlich die Kunst des Bommel-Strickens lernen. Ich habe davon bei den Frauen, die mir zeitweise zugeteilt waren, noch nie etwas mitbekommen. Irgendwann müssen sie es aber lernen, denn irgendwann sind sie Omas und können es. Gab es zuerst die Bommel, oder die Mütze? Wer ist auf die geniale Idee gekommen, beide zu kombinieren? Eine ähnlich geniale Idee wie Erdbeerkuchen mit Schlagsahne. War es der französische Adlige Robert-Hugue-Baptiste Bommel? Jedenfalls kann man sich die Bommel ohne die Mütze heute kaum noch vorstellen. In einem bestimmten Alter, nämlich genau, wenn wir von unschuldigen Engeln zu hinterhältigen Teenagern werden, schneidet sich jeder seine Bommel von der Mütze. Man würde sich im Winter lieber eine Badekappe aufsetzen, als mit Bommelmütze gesehen zu werden. Guckt mal, bei dem bammelt ’ne Bommel! Der letzte, der noch eine Bommel trägt, ist der Bommelletzte und wird eingeseift. Als Kleidungsstück hat die Bommel ausgedient, wie Sandalen und Kniestrümpfe. Sollten unsere Omas mit ihren Bommeln doch ihren Sarg ausstopfen.
Er sah meine Bommel. Fünf Sekunden später war der Friedensvertrag unterschrieben. Eine Woche später heirateten wir.
Man konnte die Mütze auch umkrempeln, und die Bommel so heimlich weitertragen.
Man konnte seine Bommel tarnen, indem man noch mehr Bommeln annähte.
Man konnte behaupten, daß Bommeln im Westen total modern waren.
Nein, die Bommel mußte ab. Helden trugen keine Bommeln.
Dabei war jede Bommel die Träne einer Großmutter. Früher konnten Frauen ihre Gefühle ja nur strickend zeigen.
Manchmal, wenn ich zuhause sitze und in meine alte Bommel weine, in die unendlich viele Tränen passen, dann vermisse ich diese seltsamen Frauen, die angeblich die Mütter meiner Eltern waren.
Stephan Serin
„Stephan! Angenommen, du würdest sterben. Würdest du dann wollen, dass ich noch mal mit einem anderen Mann glücklich werde oder nicht?“
Stephans Freundin war klug genug, ihn frühzeitig mit ihrer Nachfolgerin vertraut zu machen.
Maries Frage traf mich völlig unvorbereitet. Wieso wollte sie das wissen? War ich etwa todkrank? Wie viele Monate blieben mir denn noch? Und weshalb wusste Marie, dass ich nicht mehr lange zu leben hatte, bevor ich davon erfahren hatte? Steckte sie mit unserem Hausarzt unter einer Decke? Hatten sie beschlossen, dass Unausweichliche so lange wie möglich vor mir geheim zu halten? Die Welt war so ungerecht. Ich war doch noch gar nicht so alt. In meinem Kopf ging ich sofort die möglichen Ursachen für mein frühes Ende durch. Tschernobyl, als ich noch nicht mal acht war, der Zug an der Zigarette meines Großvaters mit zehn und letztes Jahr das Sandwich, bei dem ich erst, nachdem ich schon die Hälfte verspeist hatte, bemerkte, dass es innen bereits schimmelte. War da noch was?
„Stephan, du weinst ja?“, unterbrach Marie meine Reflexionen.
„Ich möchte noch nicht sterben.“
„Wer sagt denn das?“
„Na, du hast mich doch gerade gefragt, ob ich möchte, dass du noch mal mit einem anderen Mann glücklich wirst.“
„Das habe ich doch nur gefragt wegen des Films gestern.“
Wir hatten Mein Leben ohne mich von Isabel Coixet gesehen, indem die 23-jährige Ann erfährt, dass sie an Eierstockkrebs erkrankt ist und nur noch 2-3 Monate zu leben hat. Sie erzählt niemandem davon, nicht einmal ihrer Familie. Sie setzt sich in ein Café und schreibt eine Liste von Dingen, die sie gern tun möchte, bevor sie stirbt. Neben scheinbar banalen Alltäglichkeiten wie der Veränderung ihrer Frisur möchte sie unter anderem zum ersten Mal Sex mit einem anderen Mann haben, da ihr Ehemann ihr erster und einziger Mann ist. Und sie wünscht sich, dass sie sich in jemanden verliebt. Gleichermaßen regelt sie die Zeit nach ihrem Tod. Unter andrem sucht sie eine neue Frau für ihren Partner.
Ich wischte meine Tränen weg und atmete tief durch.
„Puh! Ich hab echt gedacht, mein letztes Stündlein hat schon geschlagen.“
„Also, was nun? Würdest du wollen, dass ich noch mal mit einem anderen Mann glücklich werde oder nicht?“
In meiner momentanen Euphorie drängte es mich zu antworten: „Natürlich möchte ich, dass du nochmal mit einem anderen Mann glücklich wirst.“ Zum Glück fing ich mich aber wieder. Wollte ich das überhaupt? Im Film hatte sich Ann, ohne lange zu überlegen, dafür entschieden, eine Nachfolgerin für ihren Partner zu suchen. Ich fand das ein bisschen unglaubwürdig. Ich hätte ewig mit mir ringen müssen. Wahrscheinlich hätten mir die verbleibenden 2-3 Monate gar nicht gereicht.
„Ich weiß nicht.“, zuckte ich mit den Schultern. „Frag mich doch lieber, ob ich noch mal Lust hätte, mit einer anderen Frau Sex zu haben. Das kann ich dir schnell beantworten.“
„Stephan, die Antwort kenne ich.“ Das mochte sein. Aber das war natürlich noch nicht alles. Sex mit mehreren anderen Frauen, inklusive eines Dreiers, mehrmals, sollte es schon sein, wenn ich früher als geplant abdankte. Um nicht als vermessen und gierig zu gelten, würde ich zum Ausgleich darauf verzichten, mir eine andere Frisur schneiden zu lassen. Und mir wäre es nicht so wichtig, mich noch mal in jemanden zu verlieben. Ich verliebte mich sowieso ständig. Es würde mir mehr bedeuten, wenn sich endlich mal wieder eine Frau in mich verliebte. Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, wann das das letzte Mal geschehen war.
Die Vorstellung, dass Marie einen anderen Mann liebte, mit ihm glücklich war und ich in ihrem Leben keine Rolle mehr spielte, machte mich irgendwie ziemlich traurig, wo ich so darüber nachdachte. Am liebsten wäre es mir eigentlich, mein Tod würde eine Wunde reißen, die nie mehr verheilte. Sie würde depressiv dahinvegetieren und schließlich Selbstmord begehen. Das war natürlich sehr viel verlangt. Vermutlich würde sie nicht so weit gehen. Möglicherweise würde sie mich sogar dazu überreden können, ihr einen neuen Mann auszusuchen. Mir fiel es grundsätzlich schwer, ihr eine Bitte abzuschlagen. Und ich würde selbstverständlich keinen Kerl nehmen, der sie schlecht behandelte, der sie schlug, der Alkoholiker war und spielsüchtig. Aber ich würde sicherstellen, dass er unattraktiver war als ich, langweiliger, dümmer als sie und dass er keinen Humor besaß. Es würde ein Mann sein, der sie anödete und intellektuell unterforderte. Das konnte ich ihr allerdings so nicht unter die Nase reiben. Die Wahrheit ließe mich in schlechtem Licht dastehen. Ich gestand ihr schließlich auch nicht, dass es mir lieber wäre, sie würde vor mir sterben als umgekehrt. Sie würde mir Egoismus vorhalten. Wahrscheinlich würden wir uns den ganzen Tag streiten. Und dann gäbe es für mindestens eine Woche keinen Körperkontakt. Da ich sie mittlerweile gut genug kannte, wusste ich, was sie hören wollte. Und so antwortete ich schließlich, nicht ehrlich, sondern weise:
