Brodwerscht und Präludium - Melanie Schubert - E-Book

Brodwerscht und Präludium E-Book

Melanie Schubert

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Beschreibung

Isabells bis dahin beschaulicher Alltag in Bayreuth bricht zusammen, als sie ihren Mann mit einer anderen Frau erwischt. Eine wahre Pechsträhne folgt, die ihr Leben auf den Kopf stellt. Obwohl sie die Hilfe von Stan, einem charmanten und viel zu gut aussehenden Mann, in Anspruch nimmt, bleibt die Frage, ob er der Schlüssel zu ihrem Neuanfang ist - oder nur ein weiterer Wendepunkt in einem Leben, das aus den Fugen geraten scheint. Kann er den Scherbenhaufen ihres Lebens wieder zusammenfügen? Oder wird er auch Teil des Chaos? Der dritte Teil der Oberfranken-Liebesromane entführt nach Bayreuth, einer Stadt im kulturellen Spannungsfeld zwischen Bratwurst und Musik. Wie passt da die Romantik rein? Na, einfach perfekt!

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Für Helga, die beste Erzählerin

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Kapitel 1

„Dieser verblödete Wicht! Mit seiner Sekretärin! Ist das zu glauben?“, erklärte ich gerade zum x-ten Mal meiner aktuellen Sitznachbarin Manuela, die von meiner Skandalgeschichte offenbar nicht genug bekommen konnte. „Wenn der mir noch einmal unter die Augen tritt, schneid ich ihm sein …“ Wild mit den Armen fuchtelnd suchte ich nach einem starken Wort, das meine ganze Abscheu für Adrians Schandtaten ausdrückte. Aber ich fand keins. Ich hatte auf jeden Fall zu viel getrunken. Das Glas Sekt in meiner Hand war auch schon wieder leer. War das nicht eben noch halb voll gewesen? Im selben Moment, in dem ich den Satz mit „… Hirn ab“ beendete, tippte mir jemand auf die Schulter.

„Entschuldigung, dass ich dich bei deinem Monolog unterbreche, aber vermisst du vielleicht deinen Sekt?“ Schwerfällig drehte ich mich zu der Person um, die am Tisch hinter mir saß. Tief liegende, dunkle Augen musterten mich streng und leicht erbost. Glaubte ich zumindest; ich war mir nicht sicher. Nach dem fünft en Glas Sekt (oder dem sechsten?) hatte ich meine Fähigkeit, Gesichtsausdrücke richtig zu interpretieren, verloren.

„Hä?“, forderte ich zur Konkretisierung seiner Frage auf.

„Ich glaube, du hast deinen Sekt verloren.“ Er sprach langsam und ruhig. Als würde er mit einer Verrückten reden.

„Hä?“, wiederholte ich meine Frage. Ein Seufzen antwortete mir.

Eine braune, feuchte Locke fiel ihm in die Stirn, als er sich mir ganz zuwandte. Auch sein Gesicht glänzte. Warum schwitzte der so?

„Ich habe ihn gefunden. Du hast ihn mir ins Gesicht geschüttet.“

Langsam fiel der Groschen und die Erkenntnis sickerte in meinen Magen. Oh.

„Oh“, sagte ich. Das war mir wirklich unendlich peinlich. Gott, was für ein Scheißtag. Man sollte, wenn man am Abend vorher seinen Ehemann beim Sex mit dessen Sekretärin erwischt hatte, vielleicht die Öffentlichkeit meiden. Hatte ich aber nicht. Stattdessen war ich zum Klassentreffen gegangen.

Zehn Jahre Abitur. Wow! Ich hatte mich so lange schon darauf gefreut, dass ich beschlossen hatte, mir das von dem Arschloch von Ehemann nicht kaputtmachen zu lassen. Und war hingegangen. Aus Rache, wurde mir klar. Ich brauchte den Idioten nicht, um Spaß zu haben. Niemals wieder! Gefühlt jedem hatte ich meine traurige Geschichte erzählt. Aber was sollte ich machen, wenn ich nach dem Familienstand gefragt wurde? Verheiratet. Noch!

Der Abend war mir dann wohl etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich war eigentlich nicht so eine Plaudertasche, aber die Wut wollte mit jedem Schluck Alkohol mehr aus mir raus. Und mit ihr der Drang, allen davon zu erzählen. Dieser Verrat war unverzeihlich.

Mit dem letzten Rest Selbstbeherrschung griff ich nach der unbenutzten Serviette vom nun unbesetzten Platz neben mir (Manuela, die feige Nudel hatte sich verzogen) und reichte sie dem geheimnisvollen Fremden hinter mir mit einem gemurmelten, aber ernst gemeinten: „Sorry.“

Er nahm sie, warf mir ein schiefes Grinsen zu und sagte zu seinem Sitznachbarn: „Bin kurz auf der Toilette. Halt mir den Platz frei, Wolli.“ Dann stand er auf und quetschte sich zwischen unseren Tischen durch. Netter Hintern. Ganz mein Fall.

„Klar, Stan“, meinte Wolli und warf mir kopfschüttelnd tadelnde Blicke zu. Dabei bewegte sich sein blondes Deckhaar lebhaft über seinem ausgeprägten Undercut. Nicht mein Fall dieser Wolli. Ich drehte mich wieder zu meinem Tisch um.

Um mich herum war es in dem kurzen Moment, als ich mit dem Nebentisch beschäftigt war, ganz schön leer geworden. Ich hatte doch wohl nicht alle vergrault, oder? Nee. Sicher nicht. Na gut, offenbar doch, so weit, wie die sich von mir wegbewegt hatten. Die sammelten sich alle am anderen Tischende um Vroni. Wie Geier, die ihre Beute umkreisten.

Wie Vroni in den letzten zehn Jahren eine bekannte Youtuberin hatte werden können, war mir ein Rätsel. Mit Schminktutorials und einem Fashionvlog. War wohl komplett an mir vorübergegangen, dass die in der Schulzeit so einen tollen Modegeschmack gehabt hatte. Vielleicht hatte sie das auch erst selbst bei ihrem Modestudium entdeckt oder entwickelt. Aber wenn ich jetzt so darüber nachdachte, fand ich die immer schon unsympathisch. Nicht erst, seit sie mir in der zehnten Klasse meinen Schwarm vor der Nase weggeschnappt hatte.

Michi, der mir vorhin erst von seiner tollen Frau, den tollen Kindern, dem tollen Haus und dem Wahnsinnsjob erzählt hatte, konnte gar nicht seine Augen, geschweige denn seine Finger von Vroni lassen. Tja. So viel zum Treuegelöbnis bei der Eheschließung. Der konnte dann auch dem Klub der betrügerischen Ehemänner beitreten wie Adrian, der Arsch.

Wäre doch nur Nele hier! Aber meine beste Freundin musste ja ausgerechnet, wenn ich sie am meisten brauchte, ein Jahr Backpacking in Asien machen. Die würde was zu hören kriegen, sobald sie wiederkam. Mich in meiner elenden Situation mit diesen Wichtigtuern allein zu lassen.

Am Tisch hinter mir kam Bewegung in die Sitzordnung. Dieser Stan quetschte sich wieder zu seinem Platz neben Wolli durch. Ich wollte mich noch mal für mein Missgeschick entschuldigen, aber ich brachte keinen Ton heraus. Stattdessen starrte ich mit einem dumpfen Pochen in den Schläfen auf mein leeres Sektglas, als mein Handy vibrierte. Thorsten rief an. Was der wohl jetzt wollte so spät am Abend? Ich erwog kurz, ihn wegzudrücken, aber dann entschied ich mich um. Es saß ja eh niemand bei mir, den ich mit dem Telefonat hätte stören können.

„Ja?“, meldete ich mich unhöflich.

„Hey, Bello! Ich ruf wegen Mamas Geburtstag nächste Woche an.“ Er zögerte kurz. „Wo bist du? Ist so laut bei dir.“

„Klassentreffen“, antwortete ich knapp. Warum musste er mich immer so nennen? „Hör auf, mich Bello zu nennen.“

„Ach komm, Bello. Sonst hat es dir doch nie was ausgemacht. Warum jetzt?“

„Als beinahe geschiedene Frau hab ich es nicht nötig, mich von meinem großen Bruder verarschen zu lassen.“

„Was heißt, beinahe geschiedene Frau? Ist was mit Adrian?“, rief Thorsten entsetzt ins Telefon.

„Seine Sekretärin ist passiert!“

„Scheiße, Isi.“ Aha, ging doch. „Das tut mir unendlich leid. Soll ich zu dir kommen? Brauchst du was?“

„Danke, Thorsten“, sagte ich ehrlich gerührt. „Das ist nicht nötig. Ich komme klar. Ist nur etwas frisch. Ich fang mich schon wieder. Die Wut hält mich am Leben.“

„Also gut.“ Er klang nicht überzeugt. „Aber wenn was ist, ruf mich an, ja? Kommst du dann überhaupt zu Mamas Geburtstag heim nach Oberstemmenreuth?“

„Klar komm ich. Mach dir bitte keine Sorgen. Um nichts in der Welt werde ich Mamas sechzigsten Geburtstag verpassen.“

„Okay, ich glaub dir mal. Resi kümmert sich um das Geschenk, du musst uns dann nur das Geld geben.“

„Alles klar, ich leg jetzt auf. Muss mehr Alkohol trinken. Servus!“

Ich konnte gerade noch einen Ausruf des Protests verstehen, bevor ich den Anruf beendete. In dem Moment war es mir egal, ob er sich Sorgen machte. Ich hatte keine Kraft mehr, mich auf etwas anderes zu konzentrieren als mich selbst und meinen Schmerz. Noch nie im Leben hatte ich mich so allein gefühlt wie heute und in dieser Situation. Die Kneipe war gestopft voll, aber die Plätze um mich herum waren leer, als hätte ich eine ansteckende Krankheit.

Ich seufzte laut auf und hob schließlich mit großer Kraftanstrengung den Blick, um einen Kellner zu finden, der mir bei meinem Vorhaben des Besäufnisses weiterhelfen konnte. Ich sah einen, winkte ihn zu mir und bestellte Whisky-Cola. Auf das Gesöff schlug ich an wie auf sonst nichts. Es hatte in der Vergangenheit so manche durchzechten Nächte gegeben, die in einem Dunst von Whisky-Cola vorbeigezogen waren. Ich vertrug es auch nicht besonders, aber das war mir egal.

Ich freute mich sogar auf den Brummschädel am nächsten Tag und das Elend, das ich durchleiden würde, weil ich hoffte, dass es meinen eigentlichen Kummer wenigstens kurz überdecken würde. Mein Kopf brauchte eine Pause vom ständigen Karussellfahren in den Abgrund. Keine Gedanken mehr an Adrian und die Folgen der Trennung, meine Einsamkeit, meine Enttäuschung, meine Angst vor der Zukunft, meine Selbstzweifel. Der Tag nach einem anständigen Suff stand ganz im Zeichen des Überlebens. Einfach nur Überleben.

Der Kellner brachte die Whisky-Cola und ich trank sie schneller, als vernünftig war. Davon abgesehen, dass Vernunft sowieso heute rar war in meinem Verhaltenskodex. Sie schmeckte scheußlich und verheißungsvoll nach grauenhaften Erlebnissen aus meiner jugendlichen Vergangenheit. Schaudernd stellte ich das leere Glas ab.

Für die nächste Whisky-Cola ließ ich mir etwas mehr Zeit. Die ging schon nicht mehr allzu leicht runter. Gut. Noch eine, dann hätte ich mein Limit erreicht und würde aufhören. Ich wollte mich ja schließlich nicht umbringen. Wie dichter werdender Nebel flutete der Alkohol meinen Kopf und dockte mit dem Gefühl nachhaltigen Einflusses an meinen Sinnesorganen an. Meine Finger fühlten sich taub an, als ich sie aneinanderrieb, und mein Blick wurde schmal wie ein Bild von einer Lochkamera. Die Ränder verschmolzen langsam zu einem schwärzer werdenden Rahmen.

Als der Schwindel einsetzte, lächelte ich und schloss die Augen. Ein sanfter Luftzug und eine Bewegung neben mir ließen sie mich wieder öffnen. Die durchsichtige Flüssigkeit in dem Glas vor mir sprudelte nicht und schwabberte noch leicht, als wäre das Glas eben erst vor mir abgestellt worden.

„Kein Wodka. Ist Wasser“, sagte eine tiefe Stimme neben mir, was mich vor Schreck zusammenzucken ließ. Wow. Da konnte einer Gedanken lesen.

„Schaade“, sagte ich gedehnt, nahm aber klaglos das Glas und trank das Wasser in drei Schlucken aus. Erschrocken stellte ich es ab. Scheiße. Hatte ich gerade ein Glas mit einer Flüssigkeit unbestimmter Herkunft und ungewisser Zusammensetzung getrunken, das mir ein unbekannter Kerl vor die Nase gestellt hatte? Was, wenn da K.-o.-Tropfen drin waren? Ich wandte den Kopf, um den edlen Spender oder elenden Wüstling in Augenschein zu nehmen. Es war dieser Stan-Typ vom Tisch nebenan.

„Hast du mir gerade was untergejubelt?“, fragte ich direkt, um eine Reaktion bei ihm hervorzurufen.

„Was?“ Er wirkte verwirrt und zog leicht die Augenbrauen zusammen.

„Na, K.-o.-Tropfen oder so was“, ergänzte ich.

„Großer Gott! Nein!“ Er wirkte tatsächlich bestürzt. Entweder war er ein großartiger Schauspieler oder unschuldiger Edelmann. Ich entschied mich, ihn für Zweiteres zu halten, weil ich mich angesichts seines schockierten Gesichtsausdruckes etwas beruhigte.

„S’ist besser so“, lallte ich. „Sonst biste tot.“

„Ich schwöre hoch und heilig, dass ich dir nur Wasser gegeben habe.“ Feierlich hob er seine Hand. Ich schlug ein. Machte man doch so, oder? Ich hatte eindeutig zu viel getrunken.

„Ich glaub, ich geh heim. Will eh keiner hier mit mir reden. Alles Arschlöcher!“, rief ich in Richtung von Vroni, Michi und Konsorten. Da aber alle gerade über einen von Vronis sicherlich grottenschlechten Witzen lachten, hörte mich keiner. Ich musste mich an der Stuhllehne festklammern, um nicht umzufallen, nachdem ich mich ruckartig erhoben hatte. „Mir wird schlecht von dem ganzen Quatsch hier.“

„Ich bring dich nach Hause“, sagte Stan bestimmt und griff nach meinem Ellenbogen, um mich am Umfallen zu hindern. Roch gut der Typ. Richtig gut.

„Du riechst gut“, rutschte es mir heraus. Es war eh schon egal, was der von mir hielt. Ich hatte bei ihm wohl sowieso den schlechtesten ersten Eindruck aller ersten Eindrücke gemacht. Außerdem kannte ich ihn ja gar nicht und würde ihn sicherlich nach heute nicht wiedersehen.

„Vielen Dank“, sagte er nur trocken und hob leicht einen Winkel seines Mundes. Ob freundlich oder nur belustigt konnte ich beim besten Willen nicht sagen.

„Warum sollte ich mit dir mitfahren? Ich kenn dich ja gar nicht. Ich ruf mir ’n Taxi.“ Entschlossen holte ich das Handy aus der Tasche.

Erst hob ewig keiner ab und dann wurde ich mit den unfreundlichen Worten abgefertigt: „Na, Sie sind lustig! Das Konzert in der Oberfrankenhalle ist grad aus. Vor anderthalb Stunden oder so wird’s nix.“ Mist. Ich legte auf.

Mit schräg gelegtem Kopf musterte mich der Stan-Typ und meinte: „Doch mitfahren?“ Da merkte ich, dass er mich immer noch sanft am Arm stützte.

„Ich geh noch aufs Klo, dann verschwinde ich von hier“, sagte ich bestimmt und mit stolz erhobenem Kopf. Stans Hand glitt von meinem Ellenbogen und ich machte mich schwankend auf den Weg zum Ausgang der Kneipe, wo ich auch die Toiletten vermutete. „Wie auf ’m Schiff hier“, murmelte ich, während ich mir den Weg hinaus bahnte.

Auf der Toilette klappte es besser, als ich befürchtet hatte. Ich konnte sogar mit dem Hintern über der Schüssel schwebend pinkeln, ohne umzufallen. Stolz kontrollierte ich bestimmt zehnmal, ob ich meinen Rock auch nicht in die Strumpfhose gesteckt hatte, bevor ich die Kabine verließ. Draußen vor den Toiletten wartete niemand auf mich. Ich sah mich um und konnte Stan nirgendwo sehen. Mist. Meine Mitfahrgelegenheit hatte wohl doch kalte Füße bekommen.

Frustriert schulterte ich meine Handtasche, als jemand nahe an meinem Ohr flüsterte: „Hey Süße. Brauchst du Hilfe?“ So betrunken war ich nicht, um nicht zu begreifen, dass das nicht Stan war.

„Nee“, sagte ich abwehrend. „Alles prima.“ Hoffentlich ließ der Typ mich in Ruhe. Ich blickte mich vorsichtig zu ihm um, um zu sehen, ob es einer meiner ehemaligen Klassenkameraden war. Aber ich kannte ihn nicht. Er hatte übertrieben gegelte braune Haare und trug ein hässliches dunkelblau und weiß gestreiftes Polohemd.

„Bist du bei der Marine?“, fragte ich daher.

„Hä? Nö. Wie kommst du da drauf? Stehst wohl auf Rollenspiele?“

„Was? Nee. Argh. Igitt.“ Es schüttelte mich bei dem Gedanken an intime Spielchen mit diesem Kerl.

„Willst du vielleicht noch mit zu mir? Würde dir sicher gefallen“, sagte er und kam meinem Gesicht mit seinem eindeutig zu nahe.

„Spinnst du? Auf keinen Fall.“ Ich versuchte, ihn von mir wegzudrücken, aber er ließ sich keinen Zentimeter bewegen. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun, die sich stetig einen Weg durch den Alkoholdunst in meinem Kopf bahnte und anfing, laut „Lauf weg!“ zu schreien.

„Jetzt zier dich doch ni…“ Er verstummte, als sich jemand energisch zwischen uns schob.

„Du gewinnst Land, sonst wachst du im Krankenhaus auf.“ Ich erkannte Stan sofort am Geruch. Die Stimme, mit der er dem Kerl drohte, ließ auch mir das Blut in den Adern gefrieren. Das Gesicht des Typen konnte ich zwar nicht sehen, weil Stans Rücken zwischen uns war, aber ich stellte mir einen dümmlichen Gesichtsausdruck vor und musste grinsen.

„Dich kann man auch nicht alleine lassen, oder?“, fragte Stan schließlich, als er sich zu mir umgedreht hatte.

„Soll das ein Vorwurf sein?“, fragte ich empört. „Liegt doch nicht an mir, dass der Typ ein Arschloch ist.“

„Nein, hast recht.“

„Wo warst du eigentlich?“ Wenn er auf mich gewartet hätte, wäre das sicher nicht passiert.

„Ich hab gezahlt“, sagte er. „Für uns beide.“

„Oh.“ Mist. Hatte ich voll vergessen. „Was schulde ich dir?“, fragte ich, während ich schon in meiner Handtasche herumkramte, ohne bei dem Schummerlicht auch nur das Geringste darin erkennen zu können.

„Nichts. Ich habe es nicht gesagt, um das Geld von dir zu kriegen, sondern nur um einem eventuellen schlechten Gewissen morgen vorzubeugen.“

„Bist von Beruf Ritter, hä?“, sagte ich grinsend. Er lachte. Angenehm. Ohne zu grunzen, wie es mir manchmal passierte.

„Nebenberuflich“, sagte er nur und begann, mich bestimmt Richtung Ausgang zu bugsieren. Die Luft war noch kühl, da der Frühling erst so langsam Fahrt aufnahm. „Mein Auto steht gleich da vorne. Ich hatte Glück mit dem Parkplatz.“ Er deutete vage die Straße entlang auf eine schicke schwarze Limousine oder einen kleinen, hässlich hellgrünen Corsa. Bitte nicht der Corsa, schoss es mir durch den Kopf. Zu meiner Erleichterung schloss sich die Limousine auf, als wir ihr näher kamen.

„Was machst du hauptberuflich? Präsident oder so was?“, fragte ich ehrfürchtig, als ich mich in das Wageninnere gleiten ließ. Das Auto roch brandneu und war mit mehr Extras ausgestattet, als ich je gesehen hatte. Und der Beifahrersitz nahm mich auf, als wären wir alte Freunde.

„Nein.“ Wieder lachte er. Ich mochte das. „Jurist und Betriebswirt.“

„Beides? Wow“, sagte ich ehrfürchtig.

„Und du?“

„Buchhalterin. Spannend, oder?“

„Na geht so“, sagte er und zwinkerte mir amüsiert zu. Seine braunen Augen waren echt toll.

Als er den Motor anließ, fragte ich: „Biste ein Lustmolch?“

„Nein“, sagte er sofort in trockenem Ton.

„Lustmolch, was für ein bescheuertes Wort“, meinte ich nachdenklich.

„Sind ja auch bescheuerte Typen.“

„Kennst du Lustmolche?“, fragte ich mit ehrlichem Interesse.

„Nee, zum Glück nicht.“

„Meinst du, das eben war einer?“

„Keine Ahnung. Kam dem aber schon nahe, find ich.“

„Würde ein Lustmolch zugeben, dass er einer ist?“ Oje. Jetzt kam ich in meine philosophische Phase. In die ich immer verfiel, wenn ich zu viel getrunken hatte.

„Vermutlich nicht“, antwortete er weiterhin geduldig.

„Hm. Es besteht also immer noch die Möglichkeit, dass du einer bist. Weil du es nicht zugibst.“

„Sag mir lieber mal deine Adresse. Damit wir nicht die ganze Nacht durch Bayreuth fahren müssen, bis ich durch Zufall dein Zuhause gefunden habe.“

„Hast recht.“ Ich nannte meine Adresse und ließ meinen Kopf an die total gemütliche Kopfstütze sinken. „Ich bin übrigens Isi“, sagte ich noch, bevor ich einschlief.

Ich konnte nicht lange geschlafen haben, denn als ich die Augen wieder aufschlug, waren wir erst am Wittelsbacherring. Mit dem Pudding in meinen Armen versuchte ich mich in dem ultrabequemen Sitz etwas hochzustemmen.

„Wir sind noch nicht da. Du warst vielleicht zwei Minuten weg.“

„Boah. Mir gehts gar nicht gut.“ Schlecht war mir und schwindelig. Und ein Gewicht begann, sich auf mein Herz zu legen und es langsam zerquetschen zu wollen.

„Kann ich mir vorstellen. Ich bin wirklich froh, dass du das Glas Wasser der dritten Whisky-Cola vorgezogen hast. Wenn ich anhalten soll, sag es mir bitte. Rechtzeitig!“, betonte er.

„Hm“, konnte ich nur murmeln. Mehr ging nicht. Die vorbeiziehenden Lichter der nächtlichen Stadt hatten in meinem Zustand etwas Hypnotisches. Die Tränen, die mir die Wangen hinabliefen, bemerkte ich erst, als sich welche im Mundwinkel sammelten. Hektisch wischte ich sie weg. Stan sollte nicht noch mehr ‚ersten Eindruck‘ von mir bekommen. Aber er schien es trotzdem gemerkt zu haben, denn bei einer Bushaltestelle fuhr er in die Bucht und hielt den Wagen an.

Er kramte etwas aus dem Fach seiner Tür und hielt mir dann eine Packung Taschentücher hin. Dankbar seufzend nahm ich sie entgegen. Ich tat mich in meinem Zustand wahnsinnig schwer, ein Taschentuch rauszufummeln, aber als es mir endlich gelungen war, schnäuzte ich mich erleichtert trompetenartig hinein.

Stan sagte nichts, er musterte mich nur. Besorgt? Kritisch? Traurig? Meine Fähigkeit, Gesichter zu interpretieren, hatte ich mir heute wohl erfolgreich mit Alkohol entfernt. Nach einer Weile des Vormichhinweinens und Schnäuzens spürte ich eine leichte Berührung. Stan hatte seine Hand auf meine Schulter gelegt und tätschelte und streichelte sie leicht. Nicht aufdringlich, nicht unangenehm, sondern tröstend. Er konnte damit zwar nicht das überwältigende Gefühl der Einsamkeit aus meinem erstarrten Herzen vertreiben, aber er schenkte mir etwas Wärme. Das war schön, tat wirklich gut. Keine leeren Worte, kein Zureden, dass alles bald wieder besser werden würde, kein Mitleid. Er war einfach nur da.

„Ich hab mal gehört“, sagte er leise nach einer Weile, in der er mich tätschelte und ich weiter weinte, „dass das, was einem beim Weinen aus der Nase kommt, kein Rotz, sondern Tränen sind. Der Tränenkanal hat sozusagen einen Abfluss ins Auge und in die Nase.“

„Aha“, sagte ich nicht uninteressiert an diesem unerwarteten Gesprächsthema. „Und warum schleimt das trotzdem so?“

Er zuckte mit seinen breiten Schultern und meinte dann: „Vermutlich ist da auch Rotz dabei.“

„Kommt mir auch so vor“, sagte ich und schnäuzte mich noch mal kräftig in das letzte Taschentuch. Ich hatte die gesamte Packung verbraucht. Wieder peinlich. Aber der Tränenfluss hatte aufgehört. Energisch wischte ich sie mir mit dem Ärmel aus dem Gesicht.

„Wie seh ich aus? Sieht man, dass ich geweint habe?“

„Öh“, machte Stan und grinste mit einem Mal breit. „Ganz wenig.“

Die Ironie verstand ich trotz des Suffs. Ich war ja nicht tot. Erschrocken klappte ich die Sonnenblende herunter und den Schminkspiegel auf. Ein letzter Rest Wimperntusche hielt sich noch an ihrem Bestimmungsort, aber die anderen 99 Prozent waren in meinem gesamten Gesicht verteilt. Ich sah aus, als hätte jemand einen Pandabären gemalt und dann versucht, ihn wegzuradieren.

„O Gott“, war alles, was ich dazu rausbrachte.

Jetzt lachte Stan so laut los, dass das Auto regelrecht vibrierte. „Ich fahr mal weiter. Haben ja noch ein Stückchen.“ Er ließ den Wagen mit einem Knopfdruck an und setzte ihn in Bewegung.

Stan wurde wieder ernst, bis auf ein kleines Lächeln, das er anscheinend nicht vom Gesicht bekam. Ich schämte mich abgrundtief. Das konnte alles nicht schlimmer werden. Mit etwas Spucke an meinem Ärmel versuchte ich, mein Gesicht wieder auf Vordermann zu bringen. Der Versuch endete mit dem Signal des Navis. „Sie haben Ihr Ziel erreicht. Es befindet sich auf der rechten Seite.“

Ich konnte ein leises Aufstöhnen nicht unterdrücken. Schließlich bestand das Ziel auf der rechten Seite aus zwei Hälften. Aus einer Doppelhaushälfte von mir und Arschloch-Adrian und einer von meinen Noch-Schwiegereltern. Ich musste mich schleunigst nach einer neuen Wohnung umsehen. Hier konnte und wollte ich beim besten Willen keine Sekunde länger bleiben, als ich musste.

Die Schwiegerleute würden sicherlich froh sein, mich loszuwerden. Wir waren nie wirklich warm miteinander geworden. Ich glaubte sogar, dass mich meine Schwiegermutter hasste. Vielleicht nicht bewusst, aber tief in ihrem Inneren hatte sie wahrscheinlich ähnliche Gefühle mir gegenüber wie ich ihr.

„Wird dein Mann da sein?“, fragte mich Stan vorsichtig.

„Nein. Der hat sich zu seiner Geliebten verpisst, bis ich was Eigenes habe. Blöderweise gehört das Haus seinen Eltern. Die wohnen auch nebenan.“ Ich seufzte noch einmal aus tiefster Seele. „Ich kann mich also nicht mal auszahlen lassen.“

„Scheiße“, meinte Stan leise.

„Ja. Scheiße. Ist ’ne Lose-Lose-Situation für mich. Für den Arsch bleibt alles gleich, nur dass er halt jetzt ’ne andere knödelt.“

Mir wurde wieder schlecht. Richtig schlecht. Ich beugte mich schnell nach vorne und griff nach dem Hebel für die Tür, aber da war es auch schon passiert. Die Kotze brach nur so schwallartig aus mir heraus und klatschte gegen die ungeöffnete Tür und die türnahe Lüftung.

Bevor der nächste Schwall kam, hatte ich die verdammte Tür endlich auf und spie herzhaft auf den Asphalt vor dem Doppelhaus. Ich spürte, wie der Anschnallgurt mich ruckartig freigab. Hatte Stan sicherlich gelöst. O Gott. Ich hatte ihm in das nigelnagelneue Auto gekotzt. Vor lauter Scham brannte mir das Gesicht und wieder traten mir Tränen in die Augen.

Mühsam befreite ich mich aus dem Wagen und taumelte auf das Doppelhaus zu. Erneut musste ich würgen und erbrach mich dann direkt in die Hortensien meiner Schwiegermutter. Keuchend vor Anstrengung rief ich der Haushälfte zu: „Schöne Grüße!“ Alles blieb dunkel. Tja. Offenbar würden nur Stan und ich von meinen nächtlichen Eskapaden erfahren.

Ich erschrak furchtbar, als eine Stimme neben mir plötzlich fragte: „Gehts?“

Dem edlen Ritter das edle Ross vollgebrochen zu haben, nachdem ich seine ganze Packung Taschentücher weggeweint hatte, überforderte mich derart, dass ich nicht antworten und nur schwerfällig nicken konnte. Nach einigen tiefen Atemzügen brachte ich endlich hervor: „Schick mir bitte die Rechnung für die Reinigung zu. Danke für alles. Und es tut mir schrecklich leid. Auch alles.“

Ohne Stan noch einmal anzusehen, schwankte ich den Weg zu meinem Noch-Zuhause entlang und fingerte meine Hausschlüssel aus der Handtasche, die ich wie durch ein Wunder bei meinem überstürzten Ausstieg aus Stans Auto mit mir geschleift haben musste.

Die Tür aufzusperren, erforderte meine gesamte Selbstbeherrschung. Taumelnd schaffte ich es in die Küche, um mir den widerlichen Geschmack von Galle und Whisky-Cola und Sekt und Scham aus dem Mund zu spülen.

Ich streifte mir die Schuhe von den Füßen, schleppte mich mit letzter Kraft ins angrenzende Wohnzimmer und ließ mich bäuchlings auf das Sofa fallen. Gnädigerweise überkam mich sofort ein tiefer Suffschlaf und riss mein Bewusstsein bis zum späten Vormittag des nächsten Tages mit.

Kapitel 2

Adrians Geruch war das Erste, das mir in den Sinn kam, als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug. Mein Gesicht lag auf einem seiner getragenen T-Shirts, die er überall liegenzulassen pflegte. Alles andere räumte er immer in den Wäschekorb, nur seine T-Shirts nicht. Hatte ich noch nie verstanden. Na, das musste ich jetzt ja auch nicht mehr, dachte ich. Wütend zerrte ich den Stoff unter meinem Kopf hervor und schleuderte ihn weit von mir in den Raum hinein.

Die Sonne blendete mich und ich stöhnte leise, als mir ein übler Kopfschmerz ins Hirn fuhr. Ich hatte es ja so gewollt. Ein Tag im Zeichen des Überlebens. Anders als erhofft , war der Kopfschmerz aber nicht allein gekommen. Der Herzschmerz setzte plötzlich und so heftig ein, dass ich kaum Gelegenheit bekam, ihn abzuwehren. Hier lag ich. Allein, verlassen, quasi obdachlos und halb tot von Sekt und Whisky-Cola.

Mit 29 Jahren musste ich also noch mal ganz von vorne anfangen. Der Gedanke versetzte mich in Panik. Was, wenn ich mir keine Wohnung leisten konnte? Mein Verdienst als Buchhalterin bei der Main Group war zwar nicht schlecht, aber auch nicht berauschend. Mehr als eine kleine Ein- bis Zweizimmerwohnung würde ich mir in Bayreuth damit nicht leisten können. Alle Pläne, die ich mit Adrian zusammen gehabt hatte, waren mit einem Mal nichts mehr wert. Ich musste mir nicht nur eine neue Wohnung, sondern auch neue Träume suchen. Kein Sparen auf einen Urlaub in der Karibik, kein Gartenhäuschen und keine Sauna im Keller.

Es war so unfair! Er baute Scheiße und ich stand plötzlich mit nichts da. Er konnte trotzdem in die Karibik. Mit einer anderen. Er würde sich ein Gartenhäuschen und eine Sauna bauen. Das hier gehörte alles ihm. Ich würde mit meinem Schreibtischstuhl und zwei Koffern hier rausgehen. Was würde ihm fehlen? Meine Barfußtanzeinlagen, wenn ich saugte? Mein Parfum? Meine Bügelkünste? Mein Grunzen, wenn ich bei einer witzigen Filmszene lachen musste? Ich bezweifelte, dass er das alles nachhaltig vermissen würde.

Wenn ich nicht schaffte, eine Wohnung zu finden, würde ich wohl oder übel vorübergehend zu meinen Eltern nach Oberstemmenreuth ziehen und jeden Morgen mehr als eine Dreiviertelstunde zur Arbeit fahren müssen – und das Gleiche am Abend wieder zurück. Super. Ich schauderte beim Gedanken an eine tägliche Pendelei über die Bundesstraße 303.

Meine Mutter würde versuchen, mich mit irgendwelchen ewigen Junggesellen aus der Nachbarschaft zu verkuppeln, und ich würde darüber hinaus das Gesprächsthema Nummer eins im ganzen Ort sein.

‚Das ist doch die, die ihren Mann mit der Sekretärin erwischt hat.‘

‚Na, kein Wunder, dass der sich eine andere gesucht hat. Die Isi kriegt ja nichts auf die Reihe. Hat sie doch noch nie.‘

Entschlossen wuchtete ich mich von der Couch hoch. Und bereute es sogleich. Der Schwindel war überwältigend. Stöhnend ließ ich mich zurücksinken. Erst mal wieder für den Moment auf die Beine kommen, dann einen Plan schmieden. Mein nächster Versuch, aufzustehen, fiel etwas vorsichtiger aus und so gelang es mir tatsächlich, meinen geschundenen Körper in die Küche zu schleppen, um ihn mit einer riesigen Menge Wasser aus der Leitung zu fluten.

Zuerst einmal musste der Alkohol aus mir raus. Das lauwarme Wasser rann bei meinen gemächlichen Schlucken die Kehle herab. Sie kratzte immer noch etwas vom Erbrechen letzte Nacht. Die siedeheiße Scham, die von meinem Magen den Hals bis in meine Wangen kroch, verbrannte mir beinahe das Gesicht. O Gott. Ich hatte diesem blendend aussehenden, supernetten und zuvorkommenden Stan-Typen das nigelnagelneue Auto vollgekotzt.

Nein! Noch schlimmer! Ich hatte in die Lüftung dieser Luxuslimousine gespien. Wie schrecklich! Für die Reinigung musste man doch sicherlich die halbe Innenverkleidung auseinanderbauen! Ich würde sofort anfangen müssen, zu sparen, um die Rechnung dafür begleichen zu können. Da auch noch das Geburtstagsgeschenk für meine Mutter dazukam, würde ich mich wohl oder übel von Nudelsuppen ernähren müssen, wie schon während meiner Ausbildungszeit, als gegen Monatsende immer das Geld knapp geworden war. Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass ich diese Lebensphase längst überwunden hätte. Tja. Weit gefehlt. So schnell war man wieder zurückgefallen.

Mit einem kleinen Rülpser stellte ich das leere Wasserglas neben der Spüle ab. Mit den schwarzen Flecken auf dem Ärmel meiner Bluse wusste ich zuerst nichts anzufangen. Erst nach und nach fraßen sich die Geschehnisse des vergangenen Abends in mein Bewusstsein. Ich hatte versucht, mir das Gesicht von der verschmierten Schminke zu befreien.

O Mann! Was Stan wohl von mir halten musste? Ich würde alle verfügbaren Götter in Gebeten darum bitten, ihm niemals wieder zu begegnen. Sonst würde sich einfach vor mir der Boden auftun und mich verschlucken. Ich hatte mich noch nie einem anderen Menschen gegenüber so geschämt.

Ob Duschen meine körperliche Verfassung verbesserte, würde sich zeigen. Ich beschloss, eine Zeit lang heißes Wasser über meinen Körper laufen zu lassen. Änderte vielleicht an der Situation nichts, aber eventuell an meinem Wohlbefinden. Das musste sich dringend verbessern.

Das Badezimmer lag im ersten Stock direkt über dem Hauseingang. Das Fenster war gekippt, als ich eintrat, daher konnte ich ausgezeichnet mithören, als eine aufgebrachte Frauenstimme draußen vor dem Haus ausrief: „Iiigitt! Was ist das? Ist das etwa Kotze? Wer hat mir in die Hortensien gekotzt? Wer macht denn so was? Und da vorne an der Straße ist noch mehr! Wää!“

Tja, liebe bald Ex-Schwiegermutter, das war dann wohl ich. Und das war das Einzige am vergangenen Abend, das mir überhaupt nicht leidtat.

Nach der ausgiebigen heißen Dusche fühlte ich mich tatsächlich um einiges besser. Die Übelkeit war in den Hintergrund getreten und ich hatte gerade beschlossen, mich mit einer Kanne Tee, Laptop und meinen bequemsten Klamotten auf der Couch niederzulassen, um den Wohnungsmarkt in Bayreuth abzuklappern, als es an der Haustür klingelte.

Auf keinen Fall würde ich aufmachen. Das konnten nur meine Schwiegermutter oder irgendeine zwielichtige Religionsgemeinschaft sein. Beide würden von mir etwas wollen, das ich nicht wollte. So war das immer. Also beschloss ich, mich tot zu stellen. Aber der Besucher war hartnäckig. Es klingelte noch viermal, bevor es endlich still wurde und die Hoffnung in mir aufkeimte, dass sich die Person an der Tür entschieden hatte, mir nicht weiter auf die Nerven zu gehen.

Gerade, als ich meinen Mund an die Tasse heißen Tees setzte, vibrierte mein Handy. Thorsten.

„Ja?“, eröffnete ich das Gespräch in lustlosem Ton.

„Bello? Bist du daheim?“ Klang leicht angenervt, der große Bruder.

„Ja. Wieso?“

„Dann mach gefälligst die Tür auf! Ich bin nicht fast ’ne Stunde hergefahren, um ausgesperrt zu werden!“

Ups. War wohl doch nicht die Schwiegermutter, die geklingelt hatte. Seufzend hievte ich mich hoch und bewegte meine müden und schmerzenden Glieder zur Haustür. Kaum hatte ich die Klinke heruntergedrückt, da schob sich schon die kleine Laura durch die Tür und hielt mir schweigend einen Teddybären hin. Ihre großen hellbraunen Augen bohrten sich in meine dunkelbraunen.

„Nimm!“, forderte sie mich energisch auf, als ich nicht reagierte. „Ist der Tröstibär. Du darfst ihn ausleihen.“

War ich mit vier Jahren auch schon so groß gewesen? Und vor allem so selbstbewusst? Meine Güte. Mir schossen Tränen in die Augen, als ich das dargebotene Kuscheltier aus ihren kleinen Händen nahm und sogleich an mich presste. Auch Resi und Thorsten waren mittlerweile reingekommen und musterten die Szene gleichermaßen stolz wie gerührt. Ungerührt davon bückte sich Laura, um ihre Klettverschluss-Schuhe auszuziehen, die sie ordentlich nebeneinanderstellte, ehe sie, ohne sich umzudrehen, ins Wohnzimmer steuerte.

„Sie ist so toll“, sagte ich und wischte mir über die nassen Augen. „Ich frage mich immer wieder, wie du das hinbekommen hast, Thorsten.“

„Sind meine Gene. Überwiegend“, meinte Resi und drückte mich so fest an sich, dass ich kaum mehr Luft bekam.

Meine Schwägerin war recht klein, aber ich war kleiner. So musste ich mich nicht für die Umarmung herunterbeugen oder strecken. Mit ihrem fröhlichen Wesen tröstete sie mich oft schon einfach nur durch ihre Anwesenheit. Fest streichelte sie mir über den Rücken und machte keine Anstalten, mich loszulassen, was mir noch mal mehr die Tränen in die Augen trieb. Kaum hatte sie sich von mir gelöst, wurde ich in die nächsten Arme gezogen.

Mein Bruder küsste mich dabei leicht auf meine Wange und sagte leise in mein Ohr, sodass seine Frau und seine Tochter nichts hören konnten: „Den Kerl werde ich umbringen.“

Ich vergrub mein Gesicht an seiner Brust und begann, hemmungslos zu schluchzen. Die Einsamkeit, die zuvor mein Herz zugeschnürt hatte, wandelte sich in Dankbarkeit, eine so tolle Familie zu haben. Sooft und ausgiebig ich mit Thorsten stritt, sosehr hatte ich es immer genossen, einen großen Bruder als Beschützer zu haben.

Als ich mich von ihm löste, strich er mir noch einmal sanft übers Haar, gab mir einen Kuss auf die Stirn und zog mich hinter sich her in die Küche. Dort war Resi schon damit beschäftigt, eine riesige Kanne Kaba zu kochen. Den Tröstibär hielt ich immer noch fest an mich gedrückt.

„Solange Laura nicht zu uns stößt, erzähl uns bitte jedes schmutzige Detail. Danach werden wir nie wieder davon sprechen“, sagte Resi in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Und so erzählte ich in knappen Worten noch mal alle Vorkommnisse des Abends vor zwei Tagen. Als ich Adrian telefonisch nicht erreichen konnte und mir Sorgen gemacht hatte, dass er auf dem Heimweg einen Unfall gehabt haben könnte. Wie ich nach dem fünften vergeblichen Anruf kurz entschlossen zu seinem Büro gefahren war, um zu sehen, ob er noch arbeitete. Wie das Licht in seinem Büro gebrannt hatte und ich eigentlich wieder gehen wollte, als ich merkwürdige Bewegungen und Schatten dort erkannt hatte.

Wie ferngesteuert war ich auf das Gerüst geklettert, das zurzeit das Gebäude einrahmte, und war bis vor sein Bürofenster im zweiten Stock gestiegen. Niemals würde ich den Schock in den Augen seiner Sekretärin vergessen, als sie mich vor dem Fenster stehen sah. Und niemals würde ich den Anblick vergessen, den sie nackt auf seinem Schoß geboten hatte.

„Ich hoffte echt, er würde von dem Schreck, dass ich vor seinem Fenster auftauche, einen Herzinfarkt bekommen. Aber er hatte sich von uns dreien noch am besten im Griff. Hat sie von sich runtergeschoben, ist aufgestanden, nackt an das Fenster getreten, hat es aufgemacht und zu mir gesagt: ‚Wie ärgerlich, dass du es gesehen hast.‘“

„Ich werde das Dreckschwein töten. Ganz langsam und qualvoll“, flüsterte Thorsten bedrohlich.

„Was hast du daraufhin gemacht?“, fragte Resi mit entsetztem Gesichtsausdruck.

„Ich hab ihm gesagt, dass sich mein Anwalt bei ihm melden würde, er die nächsten Tage gefälligst von zu Hause wegbleiben sollte und ich mir eine Wohnung suchen würde. Das hab ich alles ganz ruhig gesagt. Mit einer Stimme, als wäre es nicht ich. Als ich wieder das Gerüst heruntergeklettert war, rief er mir hinterher, ich sollte mir das alles noch mal überlegen. Daraufhin hab ich ihm den Mittelfinger gezeigt und bin nach Hause gefahren. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen oder mit ihm gesprochen.“

„Und besteht eine noch so kleine Chance, dass du es noch einmal mit ihm versuchen wirst?“, fragte Resi vorsichtig nach. Thorsten und ich starrten sie entsetzt an.

„Niemals!“, rief ich entrüstet. „Betrug und Verrat sind das Schlimmste. Dafür gibt es keine zweite Chance. Ich könnte ihm niemals wieder vollständig vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis einer jeden Beziehung. Beruflich wie privat.“ Thorsten nickte eifrig.

„Komm doch zu uns! Du kannst so lange bei uns wohnen, wie du willst“, schlug Resi vor und wieder nickte Thorsten lebhaft.

„Danke, aber ich hab keine Lust, immer so lange zur Arbeit zu fahren. Ich versuche, hier etwas zu finden. Sollte ich kein Glück haben, werde ich aber auf euer Angebot zurückkommen“, meinte ich.

„Dann rufe ich jetzt Basti an. Ich weiß, dass ein alter Studienkollege von ihm in Bayreuth Wohnungen vermietet. Ich muss ihm dafür aber leider deine Geschichte erzählen, damit er weiß, wie dringend das ist. Ist das okay für dich?“, fragte Resi.

„Bleibt mir ja kaum was anderes übrig“, seufzte ich. „Erzähl deinem Bruder ruhig davon. Ich werde wohl auch heute bei Mama und Papa anrufen müssen, oder?“, wandte ich mich an Thorsten.

„Ich fürchte, du wirst nicht drumherumkommen. Nicht, dass sie es von anderen erfahren. Das wäre viel schlimmer für sie.“

Ich seufzte noch einmal sehr tief. Dann nahm ich mein Handy und ging ins Schlafzimmer. Ich würde das gleich hinter mich bringen, bevor Mama beim Bäcker in Oberstemmenreuth am Montag früh die pikanten Nachrichten über mich erfuhr.

Nach gut einer halben Stunde Telefonat voller Tränen ging ich ins Wohnzimmer, wo meine drei Besucher eine Comicserie im Fernsehen ansahen.

„Und?“, fragte Thorsten sofort.

„Na ja. Mama hat ihn zum Teufel gewünscht, ein bisschen geweint, wieder gewütet und ihn dann noch mal herzhaft verflucht. Ich konnte sie erfolgreich davon abhalten, sofort ins Auto zu steigen und hierherzufahren, um seinen Genitalien etwas Schmerzvolles anzutun.“

Thorsten grinste. „Ach, die Mama“, sagte er liebevoll.

„Ich hab gute Neuigkeiten“, meinte Resi. „Basti hat direkt seinen alten Studienkumpel angerufen. Und du wirst es nicht glauben, aber der hat gerade wirklich eine Wohnung frei. Am Roten Hügel oben in einer Wohnanlage. Der Mieter ist erst gestern überstürzt ausgezogen, weil er spontan einen Job im Ausland angenommen hat. Daher hatte Bastis Kumpel noch gar keine Gelegenheit, die Wohnung ins Netz zu stellen.“

„So viel Glück werde ich doch wohl nicht haben“, meinte ich perplex. „Da ist sicherlich ein Haken.“ Ich konnte nicht glauben, dass mein Wohnungsproblem so schnell gelöst werden würde.

„Du kannst dir die Wohnung heute Abend um sechs anschauen, hat Basti direkt mit ihm ausgemacht. Der Vermieter heißt Hannes Borowska. Sie hat einen Tiefgaragenstellplatz, sechzig Quadratmeter und Balkon mit Blick über die Stadt.“

„Ich hab irgendwie das Gefühl, du verarschst mich“, sagte ich zu Resi, die mich breit anstrahlte.

„Nein! Wie kommst du dadrauf?“ Sie wirkte angesichts meiner Skepsis leicht irritiert.

„Manchmal schenkt einem das Leben eben auch süße Früchte, nicht nur saure“, schaltete sich Thorsten ein.

„Gott“, sagte ich, „bitte tu mir den Gefallen und philosophier jetzt nicht.“ Ich musste lachen. Endlich. Vor Erleichterung. Resi und Thorsten stimmten mit ein. Und die kleine Laura schaute eisern weiter ihre Comicsendung. Unerschütterlich das Kind.

Ich kniete mich neben sie und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Diese Familie machte mich glücklich und daran konnte auch kein blöder Bald-Ex-Mann etwas ändern. Ich würde wieder auf die Spur kommen und dann würde ich so schnell keinen Mann mehr in mein Leben lassen. Das schwor ich mir.

Gegen halb sechs verabschiedeten sich die drei Kolbs. Das ließ mir nur ein paar Minuten Zeit, mein ramponiertes Äußeres so weit in Ordnung zu bringen, dass ich einem nicht verwandten Menschen unter die Augen treten konnte. Allerdings wollte ich ja nur eine Wohnung, keinen Modelvertrag.

Knapp vor der verabredeten Zeit parkte ich mein Auto, einen kleinen, etwas in die Jahre gekommenen Nissan, am Straßenrand vor einer gemütlichen Wohnanlage. Sie war halbkreisförmig um eine Art kleinen Park angelegt und schien aus sechs Mehrfamilienhäusern zu bestehen. Zwischen den Häusern schlängelten sich Fußwege, die Eingänge lagen alle in Richtung Park. Da der Stadtteil Roter Hügel tatsächlich an einem Hügel lag, hatte man von den oberen Balkonen wahrscheinlich wirklich einen hervorragenden Blick über die Stadt. Mit vor Aufregung laut schlagendem Herzen durchquerte ich den Park zur Hausnummer 42d.

Ein riesiger, schlaksiger Mann stand vor dem Eingang und hielt Ausschau. Anscheinend nach mir, denn als er mich sah, lächelte er fröhlich und kam mir mit übermenschlich großen Schritten entgegen. Da ich leider die Marke von 1,60 Meter Körpergröße nie geknackt hatte, musste ich meinen Kopf ziemlich in den Nacken legen, um dem Typen überhaupt ins Gesicht schauen zu können.

„Frau Kolb?“, fragte er freundlich und mit irritierend hoher Stimme.

„Ja, genau. Sie müssen Herr Borowska sein“, antwortete ich lächelnd und streckte meine Hand in die Höhe. Wir mussten ein lustiges Bild abgeben, wie wir da so unsere Hände schüttelten, er mindestens einen halben Meter größer als ich.

„Sie sind die Schwester des Schwagers von Bastian Langmaier, richtig?“

„Oh“, sagte ich überrascht von so präziser Beziehungsbeschreibung. „Das ist richtig. Sie sind gut informiert.“

Er lächelte breit. „Basti ist einer meiner besten Freunde. Nach wie vor. Da bin ich immer bereit, zu helfen, wenn Not am Mann ist. Und sein Anruf kam exakt in dem Moment, als ich anfangen wollte, die Wohnung zur Vermietung in die einschlägigen Portale zu stellen. Wenn sie Ihnen gefällt, erspart mir das viel Arbeit.“

„Na dann. Ich bin gespannt“, sagte ich und wir wandten uns der Haustür zu, die Herr Borowska gebückt durchschreiten musste.

Im dritten Stock eines sauberen Treppenhauses angekommen, sperrte er die Tür zu unserer Linken auf und ließ mir den Vortritt. Tja. Mir verschlug es kurz die Sprache, als ich den durchweg schwarz gestrichenen Flur sah.

„Das ist der Haken an der Sache“, meinte Herr Borowska und räusperte sich anscheinend etwas unangenehm berührt. „Der Vormieter bevorzugte eher die Düsternis. Und da er nicht mehr dazu kam zu streichen, weil er spontan doch eine Greencard für die USA bekommen hatte, haben wir ausgemacht, dass ich ihm die Rechnung für die farbliche Renovierung schicke. Entweder Sie warten, bis ich Maler aufgetrieben habe, oder Sie toben sich selbst an den Wänden aus und ich beziehungsweise der Vormieter übernimmt alle Kosten, die dabei entstehen.“

Das würde sicherlich viel Arbeit werden. Aber mich überkam mit einem Mal ein überwältigendes Gefühl des Tatendrangs. Ich hatte noch nie alleine über Wandfarben entscheiden können. In der WG, in der ich während der Ausbildung gewohnt hatte, durfte ich nichts ändern und danach hatte Adrian bestimmt, wie etwas werden sollte.

Herr Borowska führte mich in ein kleines Schlafzimmer, ebenfalls schwarz gestrichen, in ein Wohn- und Esszimmer, mit dunkelblauen Wänden, in ein Badezimmer mit Wanne und Dusche, zum Glück weiß gefliest, und eine kleine Küche mit hellblauen Schränken und, wie sollte es anders sein, schwarz gestrichenen Wänden. Schweigend beobachtete er mich, während ich alles ganz genau in Augenschein nahm.

„Ich liebe es“, sagte ich schließlich. Herr Borowska entspannte sich sichtlich bei meinen Worten. „Wann kann ich einziehen?“

„Ich kann Ihnen direkt den Schlüssel geben, wenn Sie wollen. Aber das Beste an der Wohnung haben Sie ja noch gar nicht gesehen.“ Gut gelaunt führte er mich noch mal durch das Wohnzimmer auf die Balkontür zu. Schon von der Tür aus konnte ich den Blick erahnen, der sich mir draußen bieten würde.

Er öffnete die Tür und ließ mir den Vortritt. Der Balkon war klein, man konnte aber sicherlich zu zweit gut hier sitzen und den Blick genießen. Der war grandios. Über den kleinen Park hinweg konnte man beinahe über das gesamte Bayreuth schauen. Das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel, das Rathaus im Zentrum und die hügelige Landschaft hinter der Stadt boten ein großartiges Bild.

„Wow“, sagte ich nur.

„Ja, gell?“

Da fiel mir siedeheiß ein, dass ich noch gar nicht nach dem Preis gefragt hatte. Ich war mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob ich mir die Wohnung überhaupt würde leisten können.

„Wie viel Miete verlangen Sie im Monat?“, traute ich mich schließlich doch zu fragen und hielt angespannt die Luft an.

„Tausend im Monat, warm. Und noch mal fünfzig für den Tiefgaragenstellplatz.“

Puh. Erleichtert atmete ich aus. Das war zwar viel für mich, aber machbar.

„Deal“, sagte ich und streckte ihm meine Hand hin. Er schüttelte sie lächelnd.

„Gehen wir in die Küche. Da können wir den Papierkram machen.“

„Was hat der Vormieter eigentlich auf die Schnelle mit seinen Möbeln gemacht?“, fiel mir die Frage wieder ein, die ich mir beim Anblick der finsteren und leeren Zimmer gestellt hatte.

„Eingelagert, glaub ich. Er hatte wohl auch nicht viel. Ein wirklich merkwürdiger Kerl war das.“

„Wirkt so“, meinte ich und folgte ihm in die Küche.

Eine halbe Stunde später verabschiedeten wir uns bei meinem brandneuen Tiefgaragenstellplatz und er drückte mir mehrere Schlüssel für Wohnung und Briefkasten und einen Chip für die Tiefgarage in die Hand. Die Freude über dieses unfassbare Glück verdrängte den dumpfen Schmerz, den ich seit zwei Tagen dauerhaft in mir spürte. Viel schneller als gedacht würde ich mein altes Leben und Adrian hinter mir lassen können.

In Adrians Haus, ich konnte es schon nicht mehr als mein Zuhause betrachten, begann ich sofort damit, meine Sachen zusammenzusuchen und in alles zu verpacken, was mir dafür in die Finger fiel. Plastiktüten, Papiertüten, Mülltüten, neu zusammengeklebte Kartons aus dem Papiermülleimer, Wäschekörbe.

Tatsächlich war der letzte verfügbare Wäschekorb halb gefüllt, als ich zu der Überzeugung kam, dass das alles war, was ich mitnehmen würde. Entweder hingen zu viele Erinnerungen an den Dingen oder aber ich war mir unsicher, ob sie mir alleine gehörten. Ich würde wohl einige Sachen neu anschaffen müssen.

Erschöpft strich ich mir eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. Mit in die Luft gereckten Armen streckte ich mich weit nach hinten. Es krachte vernehmlich in meinem Rücken und der Schmerz, der in den letzten zwei Stunden in dessen unterem Bereich durch das ständige Bücken angeklopft hatte, verstummte für einen Moment. Ich musste eindeutig mehr Sport machen. Oder nicht so viel trinken, wenn ich unterwegs war. Oder am besten beides. Der Suff vom Vorabend hatte mich äußerst aggressiv durch den ganzen Tag begleitet.

Ich griff mir eine angebrochene Wasserflasche und ließ mir den kühlen und erfrischenden Inhalt genüsslich die Kehle hinablaufen. Mit einem herzhaften Rülpser stellte ich sie auf dem Tisch ab. Thorsten und Resi würden mir morgen beim Umzug meiner wenigen Habseligkeiten behilflich sein. Möbel hatte ich ja nicht viele, nur eine Schlafcouch im Büro, Schreibtisch und Bürostuhl waren von mir. Beim Coronalockdown hatte ich mir einen Heimarbeitsplatz einrichten müssen und so hatte ich damals etwas Geld in die Hand genommen und mir ein nettes Büro zugelegt. Also Sitzen, Schlafen, Essen am Tisch, check. Was wollte ich auf die Schnelle mehr?

Ohne zu duschen oder Zähne zu putzen, legte ich mich in das Bett, das mir nicht mehr gehörte, und schlief sofort ein. Am nächsten Morgen machte mich der Wecker meines Handys gnadenlos auf das Aufstehen aufmerksam. Viel zu früh an einem Sonntag. Aber es musste sein. Schließlich war heute großer Umzugstag angesagt.

Die Entschlossenheit trieb mich aus dem Bett. Hoffentlich würden mir meine neuen Nachbarn verzeihen, dass ich an einem Sonntag einzog. Ich würde gleich morgen Besänftigungspralinen besorgen und jedem eine Packung vor die Tür legen.

Nach viel Schweiß und einem geklemmten Finger von Thorsten („Wer zum Teufel hat sich ausgedacht, die ScheißSchraube so unerreichbar zu platzieren? Das hätte unser Rick sicherlich anders gelöst. Ich hätte ihn fragen sollen, ob er mithilft, ich Trottel.“), ließen wir unsere Hintern auf das wieder errichtete Schlafsofa sinken und ich bestellte beim Lieferdienst Pizza für uns drei. Mein Magen knurrte lauter als ein aggressiver Rottweiler.

Während wir warteten, musterten wir das dunkelblaue Wohnzimmer, das ich einstweilen zu meiner Basis gemacht hatte. Zum einen wegen des großen Fensters und des Balkons, zum anderen, weil dunkelblau doch noch eine winzige Spur freundlicher war als schwarz, wie das Schlafzimmer gestrichen war. Der traurige Anblick all meiner Habseligkeiten, die in diesem einen Zimmer vereint waren, zog mich mehr runter, als ich zugeben wollte.

„Was hat deine Schwiegermutter eigentlich zu der Neuigkeit gesagt?“, fragte Resi nach einer Weile des Schweigens. Die liebe Bald-Ex-Schwiegermama hatte uns natürlich beim Heraustragen der Möbel erwischt.

„Sie hat gefragt, ob ich euch wohl die Sachen schenke.“

„Und was hast du gesagt?“ Resi musterte mich neugierig.

„Ich habe gesagt, dass wir die Sachen in meine neue Wohnung bringen und ich ihr den Schlüssel am Ende in ihren Briefkasten werfen werde. Hat sie erst nicht gecheckt, glaub ich, also meinte ich dann noch, dass sie zu dem Warum ihren schwanzgesteuerten Sohnemann befragen soll. Falls er die Zeit findet, sich von seiner Eroberung zu lösen. Daraufhin hat sie mich stehen lassen und ist ins Haus gestürmt. Wahrscheinlich, um den Schwerenöter anzurufen“, beendete ich grinsend meine Erzählung.

„Das hab ich gesehen“, meinte Thorsten. „Sie ist reingerauscht wie so ein Drache in seine Schatzhöhle. Meinst du, sie hat dir geglaubt?“

„Keine Ahnung“, antwortete ich schulterzuckend. „Ist mir aber irgendwie voll egal. Ich bin einfach nur froh, mit der Frau nichts mehr zu tun zu haben. Das Einzige, was bei uns auf Gegenseitigkeit beruhte, war unsere Abneigung.“

„Ich fand sie auch nicht sehr sympathisch. Die hat einen immer so abschätzig gemustert. Als wären wir nicht gut genug für ihren Sohn“, meinte Thorsten nachdenklich. „Laura wollte ihr gar nicht die Hand geben, weil sie die Vibes wohl auch gespürt hat. Da hat die olle Hexe dann zu mir gesagt, ich solle meiner Tochter mal ein paar Manieren beibringen.“

„Was!?“ Die hatte sie doch nicht mehr alle. Meinen Engel zu beleidigen! Ich war eindeutig viel zu nett zu dieser Schrulle gewesen. Hoffentlich fand sie in meiner Nachfolgerin ihre Meisterin.

„Da fällt mir ein“, sagte Resi plötzlich und stand auf, „dass ich längst mal bei Basti und Maike anrufen wollte. Ist schließlich Lauras erster Übernachtungsbesuch bei den beiden. Ich hoffe, alles geht gut. Wann soll ich sagen, dass wir sie morgen abholen?“, fragte sie Thorsten.

„Wenn wir ausgeschlafen haben?“, schlug er achselzuckend vor. Dafür kassierte er einen Boxschlag auf den Oberarm.

„Ich hole mein Baby sicherlich nicht erst mittags ab, wenn der Herr sich aus den Federn bequemt hat. Du spinnst wohl.“

In dem Moment klingelte es an der Tür und ich sprang auf, packte meinen Geldbeutel, rannte zur Haustür und riss sie so schwungvoll auf, dass der junge Mann davor erschrocken zusammenfuhr.

„Sie haben wohl ganz schön Hunger, was?“, kommentierte er trocken.