Brookhurst - Verborgenes Spiel - Kate Brinkhouse - E-Book

Brookhurst - Verborgenes Spiel E-Book

Kate Brinkhouse

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Beschreibung

West Sussex, England. Louisa hat sich in ihrem neuen Zuhause auf Brookhurst Manor inzwischen eingelebt und arbeitet unermüdlich daran, ihr Familienerbe zu erhalten. Mitten in ihrem Alltag taucht plötzlich ein Fremder auf, seine eigene Geschichte hat ihn nach Brookhurst geholt. Er beschließt sich in Brookhurst einzuquartieren, um einen verschlagenen Plan in die Tat umzusetzen, und wird dabei sogar Teil der Dorfgemeinschaft. Wer ist dieser Mann? Die Begegnung mit diesem Fremden verändert Louisas Leben auf eine Weise, mit der sie niemals gerechnet hätte. Doch niemand ahnt, was er wirklich im Schilde führt. Dies ist die Fortsetzung von Kates Erstlingsroman, Das Erbe von Brookhurst.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Von der Autorin bisher erschienen:

„Das Erbe von Brookhurst“ Books on Demand, 2022/23

„Haunted Herbst!“ 2. Auflage, Books on Demand, Oktober 2025

Danke an alle meine Leser,

die mit Begeisterung nach Brookhurst gereist sind,

und es kaum erwarten konnten,

dass es endlich weitergeht!

Dieses Buch ist für Euch.

Im Besonderen:

Für meinen lieben Papa,

der voller Stolz den ersten Teil

von Brookhurst angefangen hatte zu lesen, bis zu der Seite, als

Hannas Geist ihrem William erschienen war;

das Lesezeichen steckt noch immer an der gleichen Stelle.

R.I.P.

Und für die liebe Andrea im Zillertal,

die mir immer Mut gemacht und im Urlaub bei ihr

immer den Rücken freigehalten hat.

O-Ton:

„Lasst bloß die Kate in Ruhe schreiben,

damit ich endlich meine Fortsetzung bekomme!“

Inhaltsverzeichnis

Prolog: London 1976

Brookhurst, Frühling 2001

Ostern 2001

Sommer 2001

Juli 1964

September 2001

Herbst 2001

Weihnachten 2001

Prolog

London 1976

Du bist ein aufgeblasener Hochstapler, Osborne Burton.“

„Wenn hier jemand aufgeblasen ist, dann du, Charlie“, knurrte Osborne.

Charles Pimpleton erhob sich ruckartig aus dem ledernen Chesterfieldsessel und hämmerte sein Whiskyglas auf den Beistelltisch. Die gesamte Gesellschaft im Club war plötzlich still geworden. Jeder lauschte gebannt diesem lange überfälligen Disput. Osborne und Charles waren immer wieder aneinander geraten, doch dieses Mal drohte die Stimmung überzukochen.

„Mein Guter, dies ist ein Noble Gentleman’s Club, und soweit ich jüngst informiert wurde, bist du weder nobel noch ein Gentleman. Du solltest zum Traveller’s Club wechseln, die lassen jeden rein.“

Osborne war puterrot angelaufen, er hatte Charles Pimpleton noch nie leiden können.

„Was fällt dir ein, Pimpleton?“, brauste Osborne los und erhob sich gleichermaßen aus seinem Sessel.

„Nun, ich habe erfahren, dass du gar nicht der Erbe von Brookhurst bist, oder jemals sein wirst. Es gibt einen leiblichen Sohn, zwar unehelich, aber es gibt ihn. Er wird eines Tages der Earl werden, und nicht du!“ Charles trat einige Schritte provokativ auf Osborne zu und schaute ihn herablassend an. „Wie lange hast du es schon gewusst? Wie lange hast du uns allen hier was vorgemacht?“

„Ich habe Euch überhaupt nichts vorgemacht.“ Doch Osborne wurde etwas unsicher, er versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen. Eigentlich hatte er es schon fast sein ganzes Leben lang gewusst, doch hatte er nie wirklich an den ominösen anderen Erben geglaubt. Das tat er auch jetzt noch nicht.

„Du wirst schon sehen, Charlie, das Erbe geht an mich, auch wenn der alte Knabe sich auf seinen vermeintlichen Sohn versteift. Es wird ihm am Ende nichts anderes übrig bleiben. Ich bin schließlich der einzige in Frage kommende Verwandte, das wird auch jeder Richter so sehen. Warte nur ab!“

Doch Charles hatte sich nur mit einem verächtlichen Schnauben seinem Drink zugewandt, und auch die anderen Herren, ob sie die ganze Geschichte kannten oder nicht, drehten sich murmelnd wieder ihren Gesprächspartnern zu.

Osborne war nicht sehr beliebt im Club, er galt als großspurig und arrogant. Doch er war einer von ihnen, zumindest hatten sie es bisher geglaubt.

Das Blatt schien sich zu wenden, denn Charlie’s Quelle war zuverlässig. Ob diese es hätte überhaupt preisgeben dürfen, war eine ganz andere Frage, doch man konnte davon ausgehen, dass ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte stimmte.

Osborne trat durch die raunende Menge der anderen Mitglieder an die Bar. Dort bestellte er sich einen doppelten Whisky und stürzte diesen in einem Zug hinunter.

„Na Osborne, noch eben schnell die freien Drinks nutzen, bevor dir hier der Einlass verwehrt wird?“, höhnte jemand von der Seite.

„Halt’s Maul, Macintosh“, knurrte Osborne und orderte den nächsten Drink.

Es dauerte nicht lange, bis Osborne kaum noch geradeaus laufen konnte.

„Lass Dich nicht überfahren, Burton. Oder vielleicht besser doch, dann wäre die Erbfrage jedenfalls eindeutig geklärt!“, grölte Charles. Der halbe Raum johlte mit ihm.

Osborne torkelte Richtung Eingangshalle, ließ sich seinen Mantel geben und schwankte zur Tür.

Der Regen peitschte waagerecht vom Himmel, als Osborne auf die St. James’ Street trat.

Er hatte den Kragen seines Trenchcoats hochgestellt, um wenigstens seinen Nacken gegen die nassen Hiebe zu schützen. Die Kragenspitzen standen wie Scheuklappen neben seinem Gesicht, als er den Eingang seines Clubs verließ.

Kaum stürzte er auf den Bürgersteig, stieß er schon mit einer jungen Frau zusammen, die eilig die Straße entlang lief. Sie hatte den Schirm sehr weit nach unten gehalten und sah Osborne in seiner Instabilität nicht kommen.

„Bitte entschuldigen Sie, Sir, sind Sie in Ordnung? Ich habe Sie wirklich nicht gesehen. Dieser Regen…!“

Osborne nuschelte ein kaum verständliches „Alles okay“, bevor er aufblickte und sie ansah. Er versuchte seine Augen auf die junge Frau zu fokussieren, bis er schließlich ihren besorgten Blick wahrnahm.

Er schien schlagartig nüchtern zu werden. Er fand sie bildschön. „Machen Sie sich keine Vorwürfe, Gnädigste, ich habe nicht aufgepasst.“

Sie lächelte ihn an. Sie sah einen attraktiven, gut gekleideten Herrn um die dreißig, der zwar etwas betrunken wirkte, aber das war nichts Ungewöhnliches an dieser Straße. An der St. James’ Street gab es eine ganze Reihe exklusiver Clubs, wo es nicht selten vorkam, dass ein Gentleman aus feiner Gesellschaft beschwipst auf die Straße taumelte.

Das wusste sie, arbeitete sie schließlich um die Ecke im Golden Lion.

„Ich nehme ein Taxi, darf ich Sie irgendwohin mitnehmen?“, bot Osborne der jungen Frau an, als er eines der Black Cabs auf der Straße anhielt.

„Das Angebot nehme ich gerne an, ich wollte eigentlich gerade zur Green Park Station.“

Osborne öffnete der Frau die Tür.

„Ich fahre mit Ihnen, wohin Sie wollen, auch bis ans Ende der Welt!“, säuselte er.

Sie lächelte ihn an. „Vielen Dank. Ich heiße übrigens Judy. Judy Hunter.“

Osborne nannte ihr seinen Namen, ließ Judy einsteigen und schloss die Autotür hinter sich.

Judy nannte dem Fahrer ihre Adresse im Stadtteil Camden Town. Das Taxi brummte los. Osborne flirtete mit Judy und sie ließ es sich gefallen. Sie war genau das, was er gerade brauchte. Er merkte trotz seines Pegels, dass Judy auf seine Komplimente mit einem koketten Augenaufschlag reagierte. Ja, sie würde ihm sicher ein paar schöne Stunden schenken.

Nach zwanzig Minuten hatten sie Camden Road erreicht. Das Taxi hielt vor einer schäbigen Snackbar, in der eine gelangweilte Angestellte auf Kundschaft wartete.

Judy bedankte sich bei Osborne. „Möchten Sie vielleicht noch auf einen Tee mit hinaufkommen? Oder auf einen Gin Tonic? Ich möchte mich gerne bei Ihnen für Ihre Freundlichkeit revanchieren.“ Judy hatte längst erkannt, was Osborne’s Beweggründe waren, und was soll’s, sie hatte nichts dagegen. Im Gegenteil, sie konnte ein wenig Abwechslung von ihrem langweiligen Arbeitsalltag im Pub vertragen, wo sie zwar auch oft genug von Männern angemacht wurde, allerdings auf eine sehr offensichtliche und plumpe Art. Osborne war nach langer Zeit mal wieder jemand, der ihr auch das Gefühl gab, jemand Besonderes zu sein. Sie fühlte sich begehrenswert, und das wollte sie ausnutzen!

Osborne lächelte sie an. „Sehr gerne.“ Innerlich freute er sich darüber, dass sie auf seine Schmeicheleien hereingefallen war. Er bezahlte den Fahrer und öffnete die Wagentür.

Osborne rümpfte die Nase, als er ausstieg. Eine fürchterlich dreckige Gegend war das hier, nicht seine alltägliche Adresse. Er musste auffallen wie ein bunter Hund in seinem schicken Trench und der Cordhose. Judy folgte ihm und bat ihn, ihr zu folgen. Sie ging auf die mit Graffiti besprühte Haustür neben der Snackbar zu und kramte ihren Schlüssel aus ihrer großen Tasche hervor.

Sie stieß die Tür auf und stieg die direkt dahinterliegende Treppe in den ersten Stock hinauf. Der alte Teppich auf den Stufen sonderte einen undefinierbaren Geruch ab. Osborne folgte Judy in ein winziges Wohnzimmer, worin nur ein Sofa mit einem gebatikten Überwurf, eine kleine Kiste als Tisch sowie ein kleiner Fernsehapparat standen. In einer Ecke vegetierte eine großblättrige Zimmerpflanze.

Judy klopfte ein Sofakissen auf und bat Osborne Platz zu nehmen, während sie sich um die Getränke kümmern wollte. Sie eilte in die kleine Küche und holte die Ginflasche aus dem Vorrat und eine Flasche Tonic aus dem Kühlschrank.

Sie mutmaßte, dass sich Osborne momentan eher nicht für Tee interessierte. Sie mischte die Getränke, fügte eine Scheibe Zitrone dazu und trug beide Gläser in ihr Wohnzimmer, wo sie Osborne dabei antraf, wie er sich die Fotos an ihren Wänden betrachtete.

„Sorry, es ist hier ein wenig klein und schäbig, aber mehr kann ich mir im Augenblick nicht leisten. Und ich wollte unbedingt in der Stadt wohnen, raus aus Croydon.“ Judy hielt Osborne eines der Gläser hin. Er nahm es schweigend entgegen.

„Alles gut, es ist sehr…behaglich.“

In Wirklichkeit fand er es grässlich. Er hatte zwar auch keine große Wohnung, aber sie lag immerhin in Belgravia und war geschmackvoll eingerichtet. Dies hier war eine Absteige.

Aber was soll’s, da musste er jetzt durch. Zum Glück war Judy sehr attraktiv, worauf er sich zu konzentrieren begann.

Die beiden sahen sich in die Augen und stießen auf ihr gemeinsames Wohl an. Dann nahm Osborne Judy das Glas aus der Hand und stellte beide auf die Kiste.

Er nahm ihr hübsches Gesicht in beide Hände und gab ihr einen eindeutigen Kuss, den sie nahezu wollüstig erwiderte. Wie im Rausch fielen sie übereinander her und liebten sich über mehrere Stunden ekstatisch.

Als Osborne aus einem tiefen Schlaf erwachte, dämmerte draußen schon der Morgen. Sein Schädel brummte.

Im ersten Moment wusste er nicht, wo er war, doch dann kam seine Erinnerung zurück. Er war in dieser kleinen Wohnung irgendwo in Camden Town. Neben ihm lag dieses hübsche Ding, welches sich ihm heiß und hemmungslos hingegeben hatte. Das war genau das, was er nach so einem furchtbaren Nachmittag wie gestern gebraucht hatte.

Nett, die Kleine, dachte er sich. Zu schade, dass sie nicht von höherer Gesellschaft war, sie käme sonst glatt als äußerst hingebungsvolle Ehefrau in Frage.

Er schlich sich aus dem Schlafzimmer und raffte seine Kleidung zusammen. Osborne wollte schleunigst verschwinden, bevor ihn jemand hier sah. Gleichzeitig schnaubte er verächtlich, dass niemand seiner Bekannten sich in dieser Gegend freiwillig aufhalten würde.

Er fand im Wohnzimmer einen Block Papier und ein paar Stifte und kritzelte ein „War fabelhaft, Danke! Os.“ auf ein Blatt und verließ die Wohnung.

Der alte Teppichboden auf der Treppe musste über Nacht sein Aroma verdreifacht haben, er stank widerlich, dachte Osborne.

Draußen auf der Straße blickte er sich um. Um diese Zeit waren nur wenige Menschen unterwegs. Osborne lief in Richtung der großen Kreuzung, die sich am oberen Ende der Straße abzeichnete. Von dort würde er sicher ein Taxi nehmen können, und dann nichts wie weg hier.

„So eine Katastrophe!“, dachte sich Judy, als sie aus der Praxis kam. Sie war schwanger. Wie konnte das nur passiert sein? Sie hatten doch aufgepasst!

Zugegeben, es war im Laufe der Nacht etwas ausgeartet, dieser Osborne hatte nicht genug von ihr bekommen können. Und dann war er einfach im Morgengrauen verschwunden, ohne seine Adresse oder Telefonnummer zu hinterlassen.

Erst tat er so, als wäre sie die schönste Frau der Welt, und dann machte er sich mir nichts, dir nichts aus dem Staub. Im Grunde wollte sie vor zwei Monaten nichts anderes als er, einfach Spaß haben und sich von ihren trüben Gedanken ablenken. Dass nun eine solche Ablenkung dabei herumgekommen war, hatte sie nicht kommen sehen. Was sollte nur aus ihr werden? Sie würde nicht mehr lange arbeiten können, und musste sich dann um das Kind kümmern. Wie zur Hölle sollte sie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Sie würde auf gar keinen Fall zu ihren Eltern nach Croydon zurückgehen, die würden sie nur maßregeln. Sie war schließlich eine erwachsene und selbstständige Frau.

Doch Verzweiflung überkam sie. Musste sie dann etwa in eines dieser Heime für ledige Mütter ziehen? Allein die Vorstellung war ihr in Gräuel.

Sie musste diesen Osborne ausfindig machen, nur er konnte ihr helfen. Vielleicht würde er sie ja auch sogar heiraten. Ihr Eltern würden platzen vor Stolz, wenn sie einen zukünftigen Earl ehelichte. Ja, Osborne hatte ihr im Eifer des Gefechts gesagt, wer er war. Der Erbe von Brookhurst, einem stattlichen Anwesen in Sussex. Es machte Judy ein wenig stolz, dass sie die Aufmerksamkeit eines solchen Gentleman auf sich gezogen hatte. Er war ihre einzige Hoffnung.

Sie wischte sich die Verzweiflungstränen aus dem Gesicht und eilte zur nächsten Tube Station. Sie musste schleunigst nach Green Park gelangen. Sie wollte versuchen, Osborne in dem Club aufzuspüren, vor dessen Tür er sie einst umgerannt hatte. Vielleicht konnte man ihr dort weiterhelfen.

Judy erreichte St. James’ Street im Handumdrehen. Sie stand vor der Tür des Clubs, doch ein Portier in einer edlen Livree trat ihr fast unmerklich gegenüber.

„Kann ich Ihnen behilflich sein, Miss?“

„Verzeihung, ich bin auf der Suche nach Mr. Osborne Burton. Können Sie mir sagen, ob er hier ist?“

„Wenn Sie bitte einen Augenblick hier warten würden, Miss.“

„Ja sicher, kein Problem.“ Judy wollte keineswegs negativ auffallen, sonst würde man sie nicht zu ihm lassen.

Sie wartete geduldig ein paar Minuten, dann erschien der Portier wieder in der Tür.

„Mr. Burton wird jeden Moment hier sein.“

„Vielen Dank.“

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Osborne in seiner stattlichen Figur in der Tür stand.

„Ja bitte? - Oh.“

„Guten Tag, Osborne.“

„Miss Judy, welch’ eine Überraschung. Wir haben uns ja… lange nicht mehr gesehen. Was verschafft mir die Ehre?“

„Könnten wir uns bitte kurz unter vier Augen unterhalten?“ Sie versuchte so höflich und damenhaft zu sein, wie es ihr möglich war. Osborne nickte und führte sie ein paar Meter die Straße hinunter.

„Was kann ich für dich tun, Judy?“ Es war ihm sichtlich unangenehm, mit dieser jungen Frau aus diesen unterschichtigen Verhältnissen gesehen zu werden.

„Ich komme gerade vom Arzt, Osborne. Ich bin schwanger, in der 8. Woche.“

Osborne lachte verächtlich. „Und was habe ich damit zu tun?“

Judy war schockiert. Wie konnte er vergessen haben, was vor zwei Monaten passiert war?

„Was du damit zu tun hast? Alles, Osborne, alles!“

„Das ist wohl kaum möglich. Wir haben schließlich verhütet“, zischte er sie an.

„Nicht die ganze Zeit, erinnerst du dich? Nein, wie könntest du auch. Du warst ja betrunken“, zischte sie erbost zurück.

Osborne erinnerte sich nur dunkel daran, doch er wusste, dass er in dieser einen Nacht mit Judy bis zur Erschöpfung befriedigt worden war. Trotzdem konnte sie hier nicht einfach aufkreuzen und behaupten, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Er war schließlich nicht irgendjemand, das könnte seinem Ruf schaden.

„Hast du dafür auch Beweise? Nein?“

„Noch nicht, gib mir neun Monate, dann stelle ich dir den Beweis persönlich vor.“

„Das Kind könnte ja von jedem sein. Wer weiß, mit wie vielen Kerlen du es noch getrieben hast.“

„Es könnte eben nicht von jedem sein, denn auch wenn ich nicht aus deiner Gesellschaftsschicht stamme, bin ich nicht jemand, die es permanent mit jedem x-beliebigen Typen treibt. Ich habe auch meine Würde.“ Judy war wütend.

Osborne hingegen war von ihrer Empörung über seine bewusste Beleidigung überrascht, er glaubte ihr, auch wenn er es ihr gegenüber nicht zeigen würde.

„Und was erwartest du jetzt von mir? Wenn du glaubst, dass ich dich heirate, dann hast du dich geschnitten. Ich muss standesgemäß heiraten, schließlich habe ich eine bedeutsame Zukunft vor mir. Schade eigentlich, denn ich könnte mir dich gut als meine Frau vorstellen. Wir hätten sicher eine Menge Spaß zusammen.“ Er grinste schmierig.

„Das erwarte ich ohnehin nicht von dir, Osborne. Aber ich erwarte, dass du dich deiner Verantwortung stellst. Wenigstens für den Unterhalt des Kindes solltest du sorgen.“

Osborne knirschte mit den Zähnen. So unnachgiebig er Judy gegenüber bleiben wollte, fiel es ihm schwer, denn er wusste wie es seinem Vater ergangen war, als dieser seinen Sohn allein versorgen musste. Zum Glück hatten sie Unterstützung von seiner Patentante, Lady Augusta, bekommen. Doch ohne sie hätte es ganz anders ausgesehen.

„Fein. Das mache ich. Melde dich bei mir, wenn das Kind da ist und ich werde dafür finanziell aufkommen. Aber mehr kannst du nicht erwarten.“

„Mehr will ich auch gar nicht“, entgegnete Judy zufrieden. Dann zog sie Osborne am Ärmel zum Portier zurück.

„Verzeihen Sie, könnten Sie bitte bezeugen, dass Mr. Osborne Burton sich dazu verpflichtet hat, für unser gemeinsames Kind finanziell Sorge zu tragen?“

Osborne blickte beschämt zu Boden, als der Portier ihn musterte und überrascht zustimmte. Damit war sein Schicksal besiegelt, Judy war offensichtlich nicht dumm.

Nun, jeder große Mann hatte Bastarde in die Welt gesetzt, warum sollte er es nicht auch tun? Ohne ein weiteres Wort drehte er auf dem Absatz um und ging zurück an die Bar.

Die anderen Herren im Club missachteten ihn weitestgehend nach dem Auftritt an jenem folgenschweren Nachmittag vor zwei Monaten. Nun würde er im nächsten Jahr auch noch Vater werden, das verlangte nach nicht nur einem, sondern mindestens nach zwei doppelten Drinks.

Charles Pimpleton trat an seine Seite.

„Na Burton, haben wir eine neue Bettgefährtin? Ich kenne sie aus dem Golden Lion. Entzückend, die kleine Bardame! Nur schade, dass sie nicht dein Kaliber hat, aber sie will sich bestimmt nicht so weit herablassen.“

Osborne drehte sich schweigend zu Charles um, holte aus und verpasste diesem seine rechte Faust mittig auf die Nase, welche daraufhin einmal laut knackte.

Wortlos wurde Osborne sofort von zwei weiteren Herren ergriffen und hinausgezogen, bevor Charles überhaupt wusste, was geschehen war.

Der Vorsitzende des Clubs trat auf Osborne zu.

„Mr. Burton, Sie stiften Unfrieden unter den Mitgliedern und Ihr Verhalten ist bedauernswerterweise nicht untadelig, Ihre Anwesenheit ist hier nicht länger erwünscht. Bitte gehen Sie.“

Osborne zupfte seinen Anzug zurecht, entriss dem Concierge wortlos seinen Mantel und verließ das Gebäude.

Er überlegte nicht lange. Er winkte ein Taxi heran und nannte dem Fahrer die Zieladresse. Und ehe er es sich versah, stand er vor Judy Hunter’s Tür.

Brookhurst, Frühling 2001

Louisa blickte über die Weite der South Downs. Die grünen Hügel wellten sich, soweit das Auge reichte. Die Wälder und Baumreihen hinterließen dunkle Flecken auf dem hellen Teppich der Weiden, auf denen zahllose Schafe ihrem täglichen Genuss nachkamen. Von hier oben konnte man bei sehr klarem Wetter sogar ein bisschen vom Meer sehen. Heute war der Himmel allerdings bedeckt.

Der Frühling war gerade in voller Blüte, obwohl den Bäumen das eine oder andere Laubkleid noch fehlte.

Louisa kam oft hierher, hier oben fühlte sie sich ihrem verstorbenen Großvater William Burton sehr nahe. Denn an diesem Ort war er gestorben.

Während die Schafe auf den Weiden unbeirrt weiter grasten, war William an dieser Stelle zusammengebrochen und wurde im Tod endlich mit seiner geliebten Hanna wiedervereint.

Der Gedanke, dass ihm ihre Oma an dieser Stelle erschienen sein soll, um William abzuholen, rührte Louisa zu Tränen. Louisa hatte ihrer Oma Hanna sehr nahe gestanden, eine liebevollere Großmutter hätte sich kein Kind wünschen können.

Doch durch die unglaublichen Ereignisse des vergangenen Sommers hatte sie das Gefühl, dass sie ihre Oma eigentlich nicht wirklich gekannt hatte. Ihr ganzes Leben lang hatte Hanna mit William Kontakt gehalten. Sie hatten einen gemeinsamen Sohn, Louisas Vater. Niemand aus der Familie hatte davon gewusst, außer Hannas jüngerer Bruder, sowie ihre Nichte und gleichzeitig beste Freundin Mia, und deren britischer Mann Ted.

An diesem wunderschönen Ort mit dem Blick über Sussex, hatte ihr eigenes Kapitel mit Brookhurst begonnen, bevor sie selbst überhaupt davon auch nur geahnt hatte.

Nun lebte Louisa schon seit etwa sieben Monaten auf dem Familiensitz, die Zeit war wie im Flug vergangen. Es war so viel passiert!

Vor einem Jahr hatte sie sich noch Gedanken darüber gemacht, wie es nach ihrem Studium weitergehen sollte; und heute überlegte sie, wie sie ihr Anwesen wirtschaftlicher und besucherfreundlich gestalten könnte.

Louisa hatte sich schnell auf Brookhurst eingelebt, auch wenn es anfangs schwer gewesen war, weil Osborne Burton, ein Vetter 2. Grades ihres Großvaters, ihr das Erbe streitig machen wollte. Doch eine alte Geschichte besagte, dass ein königlicher Erlass es auch unehelichen Söhnen der Earls von Brookhurst fortan ermöglichen sollte, das Erbe anzutreten. Es wurde im Dorf schon immer davon erzählt, doch niemand hatte gewusst, wo sich dieses sagenumwobene Schriftstück befunden hatte.

Sie hatte sich kurzerhand auf die Suche nach dem Erlass aus dem 18. Jahrhundert gemacht. Sie wollte Brookhurst auf jeden Fall behalten dürfen.

In kürzester Zeit hatte sie das Geheimnis gelüftet, von dem ursprünglich niemand jemals etwas erfahren sollte. Sie hatte sich unermüdlich durch Bücher gewälzt, durch alte Baupläne gekämpft und Wände abgeklopft, bis sie eine bisher unbekannte Geheimtür fand.

Diese öffnete den Weg zu einem geheimen Gewölbekeller, wo sie die sterblichen Überreste ihres ermordeten Vorfahren James entdeckte hatte, und mit ihm das legendäre Schriftstück, das sie am Ende zur rechtmäßigen Erbin gemacht hatte.

Osborne Burton hatte sie seither in Ruhe gelassen. Sie waren sich gelegentlich im Dorf begegnet, nickten einander zu, doch er verursachte ihr immer noch Bauchschmerzen.

Dieser Mann hatte ihre schlimmsten Seiten zum Vorschein gebracht. Er war ein Parasit, ein Dorn in ihrem Fleisch. Er schaffte es, dass Menschen die Straßenseite wechselten, wenn sie ihn kommen sahen. Rein rechtlich konnte er zwar nichts mehr gegen Louisa ausrichten, doch sie hatte eine beißende Ahnung, dass er sich nicht so leicht geschlagen geben würde, dafür hatte er zu lange um Brookhurst gekämpft.

Das bereitete ihr Kopfzerbrechen, denn was immer sich Osborne möglicherweise einfallen ließ, er würde äußerst geschickt vorgehen.

Louisa blickte auf ihre Armbanduhr, es war schon spät geworden, sie musste zurück nach Hause, denn Henry hatte sich zum Tee angekündigt. Er war der Bruder ihrer besten Freundin Minty, und wohnte auf dem benachbarten Gut Hollowfield, einige Meilen entfernt. Er und Louisa kannten sich schon einige Jahre, doch ihre gegenseitige Zuneigung füreinander hatte sich erst mit Louisas Umzug nach Brookhurst offenbart. Seither war kaum ein Tag vergangen, an dem die beiden keine Zeit miteinander verbrachten.

Sie erhob sich von der Bank am Aussichtspunkt, während ein paar Wanderwütige dem South Downs Way quer über die Hügelkette folgten und dabei grüßend an ihr vorüber stapften.

Sie ging zurück zu dem alten Landrover, den sie weiter unten geparkt hatte, und fuhr Richtung Brookhurst davon. Die Straßen führten durch Wälder, die im Sommer am Boden dicht von Farnen und wilden Brombeersträuchern besiedelt waren.

Doch jetzt, im Frühling, waren es nur welke Blätter und braune Erde, durch die langsam die ersten neuen Farnrollen empor krochen.

Louisa hatte diesen alten Wagen lieben gelernt, er fuhr sich wie ein starrer Traktor, doch war zuverlässig und nahm jede Unebenheit mit Leichtigkeit. Wenn er mal nicht sofort ansprang, half der Hammer. Das hatte Mr. Percy ihr sofort gezeigt, als sie das erste Mal in den alten „Hector“ eingestiegen war. Der Hammer lag stets griffbereit zwischen den Sitzen, ein Schlag auf die richtige Stelle am Motor und Hector knatterte sofort los.

Als sich die Straße durch den Wald lichtete, tauchten die ersten Häuser von Brookhurst auf. Eine enge Straße führte zum Dorfkern, an der verwinkelte und teilweise verwunschene Cottages lagen, die ortstypisch häufig eine Fassade aus Feuerstein besaßen, und manchmal sogar ein Reetdach. Als Louisa dem Dorfkern näher kam, wurde sie von allen Seiten gegrüßt. Jeder im Dorf kannte Louisa inzwischen, doch auch wenn sie von allen geschätzt wurde, war nicht jeder der Ansicht, dass sie es schaffen würde, Brookhurst auf lange Sicht zu erhalten. Doch das würde man ihr niemals ins Gesicht sagen.

Gerade die ältere Generation stand der jungen Frau aus Deutschland skeptisch gegenüber, trotz des Wissens, dass es der Wunsch vom alten Earl gewesen war, dass sie Brookhurst übernahm. An der einen oder anderen Stelle wurden Stimmen laut, die darauf drängten, dass Louisa doch besser die Bauernhöfe an die sie bewirtschaftenden Farmer verkaufen sollte, um überhaupt genug Geld für den Erhalt des Hauses aufbringen zu können.

Doch weder Aufgeben noch Verkaufen kam für Louisa in Frage. Sie hatte über Mrs. Shipley von diesem Gerede erfahren, und fragte direkt bei Mr. Percy nach, ob dieser einen Verkauf selbst für notwendig erachtete. Doch der Verwalter konnte ihre Sorgen im Keim ersticken, Brookhurst stand im Moment relativ stabil da, auch wenn sich auf Dauer eine lukrative Lösung finden musste, um das Gut sorgenfrei führen zu können.

Erst im vergangenen Herbst, nachdem die Presse vom entdeckten Leichnam im Gewölbekeller berichtet hatte, war Brookhurst auch über die Region hinaus bekannt geworden. Zahlreiche Menschen interessierten sich für dieses Ereignis und waren neugierig geworden - sie wollten den Ort des Geschehens, das geheime Gewölbe, mit eigenen Augen sehen. Die Legende von James und seinem königlichen Erlass wurde über 250 Jahre im Dorf und darüber hinaus erzählt, und niemand konnte zuvor jemals mit Gewissheit sagen, ob sie stimmte oder wie groß der Wahrheitsgehalt tatsächlich war.

Louisa war entschlossen, Brookhurst auf die Landkarte historischer Häuser zu bringen, die sich als sehenswert herausstellten. Deswegen hatte Louisa mit ihrer Haushälterin Mrs. Shipley vereinbart, die Gewölbe an ein paar weiteren Terminen im Herbst und Winter in einer Führung Interessierten zu zeigen, mit anschließender Tea time.

Mr Percy war anfangs von Louisas Idee von Führungen in den Keller nur wenig begeistert gewesen, denn er war der Ansicht, dass scharenweise fremde Menschen im Haus nur zusätzliche Sorgen bereiteten. Doch als er sah, wie sehr diese Führungen gefragt waren - und gut bezahlt wurden, änderte er rasch seine Meinung dazu und unterstützte seine Dienstherrin, wo er nur konnte.

Das Interesse an den Ereignissen riss auch im neuen Jahr nicht ab, ganz im Gegenteil, die Leute waren nach wie vor begeistert.

Mrs. Shipley hatte die letzten Reste ihrer selbst gemachten Konfitüre aus den Tiefen der Vorratskammern geholt und kiloweise Scones gebacken.

Louisa war insgeheim fest davon überzeugt, dass es weniger der alte Keller, als vielmehr die Backkünste ihrer Haushälterin waren, die die Leute nach Brookhurst lockten.

Louisa bog nach rechts in die Hauptzufahrt von Brookhurst Manor ein. Aus dem Pförtnerhaus winkte Mrs. Thornton, die gerade dabei war, die Fenster zu putzen. Louisa grüßte zurück und bemerkte in dem Augenblick, dass ein weiterer Landrover aus der anderen Richtung nach Brookhurst Manor abbog. Es war Henry. Ihr Herz machte einen Sprung und sie fuhr die Auffahrt weiter zum Haus hinunter. Die großen Eichen, die den Weg zu Beginn säumten, waren noch nicht ganz grün, aber es würde nicht mehr lange dauern. Das Gras am Wegesrand und auf den Weiden war hingegen frühlingshaft grün, und auch hier machten sich die Schafe und ihre Lämmer darüber her.

Henry folgte ihr, als Louisa den Wagen auf den Hinterhof steuerte und neben dem Dienstboteneingang stehen blieb.

„Guten Tag, Mylady!“, begrüßte Henry sie mit einer übertriebenen Verbeugung.

„Wie können Sie es wagen, mir einfach zu folgen, Sir? Dies hier ist Privatbesitz!“, blaffte Louisa ihn mit affektierter Stimme an, bevor sie ihre Arme um ihn schlang und ihm einen Kuss gab.

„Hallo Frau Nachbarin, wie geht es Ihnen denn heute?“, lächelte Henry sie an.

„Ich komme gerade vom Aussichtspunkt, ich habe ein bisschen nachgedacht. Mir geht es aber gut, ich hoffe Dir auch?“ Henry nickte zustimmend.

„Komm’ wir gehen hinein und ich mache uns einen Tee. Mrs. Shipley steckt wieder in den Vorbereitungen für morgen, da haben wir wieder eine Führung.“

Die beiden gingen in die Küche, wo Mrs. Shipley bereits den Kessel aufgesetzt hatte, der kurz vorm Brodeln war. Von der Haushälterin fehlte jedoch jede Spur. Louisa bereitete mit wenigen Handgriffen das Teetablett zu und brachte es zum großen Tisch, wo Henry bereits Platz genommen hatte.

„Weißt Du was, komm, wir setzen uns damit nach draußen, es ist so schön heute!“ Louisa lief Richtung Gartentür, ohne auf Henrys Reaktion zu warten, doch er folgte ihr sofort, denn auch er war bei diesem trockenen Frühlingswetter am Liebsten draußen.

Vor der Hintertür an der Küche stand eine Bank mit einem kleinen Tisch. Von hier aus blickten sie direkt auf die Stallungen und auf die Mauer vom Küchengarten. Neben die alte Holztür hatte der Gärtner ein paar Kübel mit Narzissen und Krokussen gestellt, und auf dem Tisch standen rote Tulpen in einem Terracottatopf.

Henry nahm Louisa das Tablett ab und sie stellte die Tassen und Kanne auf den Tisch, bevor sie sich zusammen auf die Bank setzten.

„Worüber hast du denn so intensiv nachgedacht, dass du fast zu spät zu unserer Verabredung gekommen wärst?“, fragte Henry.

Louisa schenkte ihnen beiden Tee ein, bevor sie ihm antwortete.

„Ich mache mir Gedanken darüber, wie wir Brookhurst dauerhaft halten könnten. Natürlich haben wir die Führungen und Mrs. Shipley’s hervorragenden Konfitüren und Scones, aber zumindest das Interesse für die Führungen wird sicher bald abebben. Mir geht die Idee von einem richtigen Hofladen mit Tearoom nicht mehr aus dem Sinn. Denn das wird sicher immer noch gefragt sein, wenn das Gewölbe bereits wieder verstaubt und vergessen unterm Haus liegt.“

„Du unterschätzt diese Geschichte. Daraus lässt sich bestimmt unglaublich viel machen. Geschichtsabende, Kinderbücher, Halloween, Ausstellungen, und sicher noch einiges mehr, dass die Geschichte rund ums Jahr präsent hält. Das ist Brookhurst’s Alleinstellungsmerkmal. Ich wünschte, wir hätten zu Hause auf Hollowfield auch nur ansatzweise so etwas Spannendes in der Geschichte. Das Aufregendste das wir zu bieten haben, ist das Holzbein von Urgroßonkel Alistair.“

Henry nippte an seinem Tee. „Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass ein gut geführter und gefüllter Hofladen der Renner werden könnte. Und ein Tearoom wird ganz sicher auch mit Begeisterung angenommen. Man muss sich ja nur mal ansehen, wie das Scones-Buffet nach den Führungen geplündert wird.“

„In der Tat, sie sind die eigentlichen Stars der ganzen Führung!“

„Und wenn du die öffentlichen Wanderwege mit einbindest und einen Teil des Gartens für Besucher öffnest, kommen die Leute auch dafür scharenweise. Denn nichts lieben die Engländer nach einem Landspaziergang mehr, als eine gepflegte Tasse Tee mit Gebäck. Daher bin ich sicher, dass ein schön gestalteter Tearoom immer Kunden haben wird.“

Louisa ließ sich Henrys Worte durch den Kopf gehen. Sie war froh, dass er sie und ihre Ideen verstand und unterstützte.

Die alte Gesindehalle, zuvor ein lange vernachlässigter Raum, hatte Louisa mit ihren eifrigen Helfern vor Weihnachten ein wenig renoviert, und neben ein paar alten Tischen mit Stühlen für die Tea time nach der Führung auch einen provisorischen Verkaufstresen aufgebaut. Doch auf Dauer würde dieser Raum wesentlich besser werden müssen, damit die Gäste gerne hierher kamen. Er war sehr groß, hell durch große Schiebefenster, und hatte an der Innenwand einen großen Kamin mit einer hölzernen Kaminumrandung, die schon mindestens zehn Mal überlackiert wurde. Darüber hing ein Gemälde von Brookhurst aus viktorianischer Zeit. Die Gesindehalle hatte zuletzt nur die Anrichte, den großen Gesindetisch und eine Bank beherbergt, viele der Stühle und Sessel waren schon vor langer Zeit entweder im Feuer oder auf dem Dachboden gelandet. Die alte Anrichte war in seiner naturbelassenen Farbe geblieben, den Beinen des improvisierten Kassentisches hatten Louisa und Henry ein schönes ‚Cottage blue‘ verpasst und die Holzplatte abgeschliffen. Zur Dekoration hatten sie an den Wänden alte Stillleben und Drucke vom Dachboden und ein paar alte Backformen angebracht.

Louisa hatte einige alte Möbel, die noch halbwegs stabil waren, vom Dachboden geholt, um den Raum für die Gäste der Führung nutzbar zu machen. Doch um ihn wirklich attraktiv für Besucher zu machen, musste noch so viel mehr geschehen.

Groß genug war der Raum allemal, sowohl für Teegäste in der einen, als auch für gute Produkte vom Hof und aus der Region in einer anderen Ecke. Sie verlor sich wieder in diesen Gedanken und ihr Kopf sprudelte vor Ideen.

Sie hatte ihren Gärtner Mr. Gates schon vor ein paar Monaten damit beauftragt, dass er seine Gemüse- und Obstzucht wieder verstärken sollte, damit sie nicht nur die Küche, sondern auch zukünftig den Laden mit den Erträgen bestücken konnten.

In den letzten Jahren war nur noch wenig Gemüse angebaut worden, da der alte Earl auf Brookhurst fast alleine gelebt hatte, von seiner Hauswirtschafterin abgesehen. Bisher gedieh alles prächtig. Der Gärtner hatte sich sogar freiwillige Helfer besorgt, die ihm unter der Woche abwechselnd zur Hand gingen.

Henry scherzte einmal, dass Mr. Gates seinen Kohlrabi vermutlich auch in den Schlaf singen würde, wenn er es für nötig hielt. Und das würde er tatsächlich tun, dessen war sich Louisa sicher. Sie hatte ihn einmal dabei beobachtet, wie er mit den Salatköpfen sprach und sie bat, ihre Köpfe nicht hängen zu lassen, sie seien doch wunderschön. Und es funktionierte!

Mr. Gates war der festen Überzeugung, dass das Reden mit dem jungen Gemüse der Ernte zugute kam. Er hatte sogar vor einigen Jahren den Wettbewerb im Dorf um das größte Gemüse mit seinem Butternut-Kürbis gewonnen, etwas, worauf er immer noch sehr stolz war.

Henry hatte versprochen, dass er, sollte der Laden einmal angelaufen sein, ihn mit Fleischprodukten von Hollowfield zu beliefern.

Und natürlich musste auch Mrs. Shipley Unterstützung in der Küche bekommen. Es gab so vieles, an das es zu denken galt.

Louisa und Henry sprachen noch eine ganze Weile über dieses Projekt, bis es am späten Nachmittag schon leicht zu dämmern begann und es draußen hinter dem Haus frisch wurde. Henry verabschiedete sich von Louisa und versprach sich weiter Gedanken zur Umsetzung zu machen.

Die Abendstunden hatten schon begonnen, als Mrs. Shipley sich ihre Hände an der Schürze abwischte und dabei einmal laut seufzte, als Louisa mit dem Tablett von draußen in die Küche trat. Henry war kurz zuvor erst gefahren.

„Hallo, Mrs. Shipley!“

„Lady Louisa, warten Sie, ich nehme Ihnen das Tablett ab.“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage, ich räume alles weg. Und Sie setzen sich erstmal, ich mache Ihnen eine gute Tasse Tee. Sie sind ja völlig erschöpft.“

Mrs. Shipley ließ sich nicht zweimal bitten, sondern nahm dankend das Angebot von Louisa an und ließ sich auf den Stuhl am Kopf des großen Tisches fallen.

„Ich habe für die Führung morgen 50 Scones, eine Dose Shortbread und drei Laibe Brot gebacken. Ich bin fix und fertig!“

„Das kann ich mir gut vorstellen, Mrs. Shipley, das nächste Mal sagen Sie mir bitte Bescheid und ich helfe Ihnen.“

„Sie haben doch selber genug zu tun, Mylady.“

„Dann besorge ich Ihnen Hilfe. Das hatte ich sowieso vor.“

Louisa räumte das schmutzige Geschirr in den Geschirrspüler, spülte die Teekanne aus, füllte neuen Tee hinein und goß diesen mit heißem Wasser auf. Dann holte sie eine Tasse samt Unterteller aus dem Schrank und brachte alles zu Mrs. Shipley an den Tisch. Louisa wusste, dass Mrs. Shipley sehr ungerne aus großen Teebechern trank, sie bevorzugte das klassische Tässchen.

„Mrs. Shipley, ich habe heute ein wenig nachgedacht. Mr. Gates hat ja bereits ein paar freiwillige Helfer, die ihm im Garten zur Hand gehen. Was halten Sie davon, wenn wir eine Art von Verein oder eine Stiftung, den „Brookhurst Trust“, gründen, in dem sich alle diejenigen zusammenschließen, die Brookhurst schätzen und erhalten möchten? Jeder könnte hier auf seine Weise versuchen, sich einzubringen, durch ehrenamtliche Arbeiten in Haus und Garten, Ihnen in der Küche helfen, wenn es wieder um Veranstaltungen wie Führungen geht; Führungen geben, die Geschichte recherchieren; und vielleicht wären auch Handwerker dabei, die das eine oder andere an den Gebäuden machen könnten. Das würde uns um viel Arbeit erleichtern und Brookhurst hätte eine große Gruppe an Freunden, die dabei helfen, das Gut zu bewirtschaften und auch durch Veranstaltungen ein bisschen Geld einzubringen. Was meinen Sie?“

Louisa wusste, dass sie eigentlich nicht auf Mrs. Shipleys Meinung Rücksicht nehmen musste, doch ihr war wichtig, was die Haushälterin von ihren Ideen hielt, denn ohne sie würde hier gar nichts funktionieren. Und Brookhurst war schließlich auch Mrs. Shipleys Zuhause.

Mrs. Shipley blickte Louisa an. „Sie meinen sowas wie den National Trust?“

Louisa lachte. „Ja, so ähnlich, aber viel, viel kleiner! Eben nur für Brookhurst. Das Haus wird natürlich weiterhin von uns bewohnt, anstatt zu einem Museum umgewandelt. Viele Landgüter haben eine solche private Initiative gegründet, um sich erhalten zu können.“

Mrs. Shipley überlegte kurz. „Das kann ich mir sehr gut vorstellen! Und das wäre doch eine große Erleichterung für uns alle. Brookhurst war immer das Zentrum dieser Gemeinschaft, und so kann jeder, der möchte, seinen Teil dazu beitragen.

„Wunderbar, dass Sie das genau so sehen, Mrs. Shipley. Ich werde mal überlegen, wie wir das anzetteln können.“

„Machen Sie doch einen Aushang, zum Beispiel in der Post, im Laden und am Kirchenbrett!“

„Das ist eine prima Idee! Gleich morgen früh werde ich als Erstes ein Plakat entwerfen.“

„Machen Sie das, Mylady. Kann ich noch irgendetwas für Sie tun?“

„Vielen Dank, nein, Sie haben sich Ihren Feierabend verdient. Ich mache mir gleich noch einen Toast und verschwinde dann auch nach oben.“

„Dann wünsche ich Ihnen schon mal einen schönen Abend, Mylady.“

„Ihnen auch, Mrs. Shipley.“ Sie freute sich darauf, sich vor den Fernseher zu setzen und sich von ihrer Lieblingssendung berieseln zu lassen.

Louisa wartete noch, bis die Haushälterin durch die Tür war und die Gesindetreppe nach oben stieg, bevor sie sich selber vom Tisch erhob und abermals das Geschirr abräumte. Dann begann ihr abendliches Ritual. Sie ging zuerst zu den Hintertüren und verriegelte sie gewissenhaft.

Sie überprüfte in den hinteren Räumen die Fenster, klappte die Fensterläden davor, ehe sie wieder durch die Küche in den anderen Trakt des Hauses ging, um den Vorgang bei den hier liegenden Räume zu wiederholen.

Dann lief sie durch die „Pantry“ in das Speisezimmer, weiter in den Salon und die Bibliothek, wo sie nacheinander auch alle Fenster, Fensterläden und Türen schloss.

Dann musste sie auf der anderen Seite der Eingangshalle alle Zimmer absichern und zum Schluss die Haupttür. Die wurde im Alltag zwar selten benutzt, aber dennoch jeden Morgen aufgeschlossen. Dieser Rundgang war eine Notwendigkeit, denn besonders hier in der Ruhe und Stille des Landes kam es hin und wieder vor, dass Unbefugte versuchten, sich in große und einsam gelegene Häuser Zutritt zu verschaffen. Außerdem musste Louisa prüfen, ob alle Kerzen gelöscht und die noch brennenden Feuer in den Kaminen sicher waren. Wenn hier etwas in Brand geriet, würde es kaum aufzuhalten sein, und das wäre eine Katastrophe! Louisa knipste alle Lichter aus und ging über die Haupttreppe nach oben in ihre Zimmer.

Es war bereits mitten in der Nacht, doch Louisa lag noch immer wach. Sie machte sich zu viele Gedanken, das passierte ihr in letzter Zeit öfter. Wieso war es so, dass man sich ausgerechnet nachts immer den Kopf über Nichtigkeiten zerbrach? Sie hatte es sich schon angewöhnt, einen Block mit Bleistift auf ihren Nachttisch zu legen, dass sie plötzlich auftauchende Gedanken, Vergessenes und Wichtiges sofort aufschreiben konnte, so dass sie sich nicht die halbe Nacht damit herumquälen musste. Das half ihr, aber es war im Moment ein buntes Gedankenkarussell, welches sie vom Schlaf abhielt. Alles tauchte darin auf: Henry, das Haus, die Karotten, der Laden, der Keller, das glückliche Schwein, die Plakate, die Kartoffeln, die Rosenblüten, ihre Großeltern, das Dach, die Regenrohre, alles fuhr munter durcheinander Achterbahn und machte überhaupt keinen Sinn.

Sie setzte sich auf ihre Bettkante und knipste das Licht an.

„Vielleicht sollte ich mir eine warme Milch machen, das hat früher ja schließlich auch beim Einschlafen geholfen“, dachte sie bei sich und trat auf den Korridor hinaus. Sie schaltete auch hier das Licht an, denn seit ihr im vergangenen Herbst der Geist von James erschienen war und sogar ein Porträt von der Wand geholt hatte, fühlte sie sich im Lichtschein sicherer. Sie lief über die Empore auf die andere Seite des Obergeschosses, den Gang nach hinten entlang, wo die Gesindetreppe hinunter in die Küche führte. Kaum hatte sie den Dienstbotengang erreicht, war ein lautes Rumpeln zu hören, welches durch die Stille der Nacht hallte. Erschrocken blieb Louisa stehen.

Was war das?

Sie wusste, dass Mrs. Shipley in den oberen Räumen ihre Wohnung hatte. Hoffentlich war ihr nichts passiert, sie war schließlich auch nicht mehr die Allerjüngste. Louisa zögerte nicht, sondern stieg eilig die Treppe nach oben anstatt nach unten. Laut klopfte sie an Mrs. Shipley’s Wohnungstür.

„Mrs. Shipley? Hallo? Können Sie mich hören? Mrs. Shipley!?“ Sie klopfte lauter und energischer, bis sie endlich ein Rascheln hinter der Tür vernahm, und kurz darauf das Drehen eines Schlüssels.

„Lady Louisa, ist was passiert?“ Eine schlaftrunkene Mrs. Shipley öffnete die Tür.

„Entschuldigen Sie bitte, Mrs. Shipley, das wollte ich von Ihnen wissen. Ich war gerade auf dem Weg in die Küche, da hörte ich ein lautes Poltern, so als wäre etwas oder jemand irgendwo hinuntergefallen. Und da Sie in diesem Trakt die Einzige sind, habe ich mir Sorgen gemacht.“

„Ach, herrje, meine Liebe. Mir geht es gut, mir ist nichts passiert, im Gegenteil, ich war fest am Schlafen, als im Traum jemand beharrlich an meine Tür klopfte!“

„Aber was kann das für ein Krach gewesen sein?“ Erschrocken ergänzte Louisa „Ob noch jemand im Haus ist?! Ich habe eigentlich alles gründlich verschlossen. Soll ich die Polizei rufen?“

„Kindchen, nein, das ist wirklich nicht nötig, denn sie werden eh niemanden finden.“

„Wie meinen Sie das?“

„Das, was Sie gehört haben, passiert öfter mal, es ist nichts Ungewöhnliches.“

„Was genau…!?“

„Das ist vermutlich der Geist eines Kindes.“

„Ein Kind?“ Louisa war schockiert. „Großvater schrieb nur von einer alten Nanny, die hier oben spuken soll, aber von einem Kind hat er nichts erzählt.“

„Ja, es ist eine traurige Sache. Die Nanny soll eines ihrer Schützlinge aus den Augen verloren haben, und das Kind ist im Spieleifer eine Treppe hinuntergestürzt. Erst hört man das Poltern auf der Treppe, und bald gefolgt von einem Schrei und einem längeren lauten Weinen…Pssst!“

Louisa hielt die Luft an und rührte sich nicht. Tatsächlich, das verzweifelte Weinen einer Frau war zu hören.

„Wie unheimlich das klingt“; Louisa lief es eiskalt den Rücken hinunter, „die arme Frau. Wo ist denn diese Treppe?“

„Die muss da hinten irgendwo gewesen sein, den Gang hinunter, aber ich habe keine Ahnung, wo, denn dort ist keine Treppe mehr zu finden.“

„Ehrlich wahr? Hat man sie vielleicht zugemauert, aus Angst vor weiteren Gefahren?“

„Das ist gut möglich. Wenn Sie jetzt dorthin gehen möchten, tun Sie sich bitte keinen Zwang an, aber mich bekommen auch hier keine zehn Pferde den Flur hinunter, zumindest nicht mitten in der Nacht, zumal das Licht dahinten nicht das zuverlässigste ist. An das Poltern und Weinen habe ich mich inzwischen gewöhnt, aber deswegen muss ich nicht auf Geisterjagd gehen, vielen Dank!“

Wie aufs Stichwort begann die Lampe im Gang zu flackern.

Louisa hatte ihre Schlaflosigkeit und die Milch längst vergessen, sie war nun so aufgeregt, dass ihr der Bauch kribbelte. Jetzt würde auch keine Milch mehr helfen, sie war hellwach. Doch traute sie sich alleine den Gang entlang zu laufen und nach einer vergessenen Treppe zu suchen, geschweige denn nach einem vermeintlichen Geist? Der Flur sah nicht besonders einladend, aber auch nicht besonders gruselig aus. Er war lang, in einem hellen Beige gestrichen, rechts und links gingen einige der grünen Zimmertüren von ehemaligen Dienstboten ab. In ein paar Türen steckten noch vergilbte Namensschilder der letzten Bewohner.

Am anderen Ende des Traktes war die frühere Kinderstube untergebracht, die wiederum durch eine weitere Tür von den Zimmern der Dienstboten abgeteilt war; schließlich war selbst die Nanny früher strikt vom übrigen Personal getrennt worden.

Louisa war schon einige Male hier oben, allerdings immer nur bei Tageslicht. Die Zimmer waren klein und spartanisch eingerichtet oder standen komplett leer, und die Tapeten schälten sich von den Wänden. In einem Raum waren Koffer und Truhen untergebracht, die noch immer geduldig auf ihre nächste große Reise warteten.

Die kleine Lampe im Flur flackerte erneut. Sollte sie es wagen? Sie könnte die Dienstbotentreppe auf der anderen Seite des Hauses wieder nach unten gehen. Der Korridor sah eigentlich harmlos aus, doch endete er in einer beklemmenden Dunkelheit. So mutig war sie dann doch nicht.

„Mrs. Shipley, ich will Sie gar nicht länger wachhalten. Bitte, wie häufig kommen diese Geräusche vor?“

„Ach Mylady, wenn ich das so genau wüsste, aber jeden Monat bestimmt.“

„Könnten Sie, sofern Sie es mitbekommen sollten, die nächsten Male dokumentieren? Heute ist der 6. April, vielleicht können wir ja eine Regelmäßigkeit entdecken.“

„Das will ich gerne tun.“

„Dann schlafen Sie jetzt weiter. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Lady Louisa.“

Kurz entschlossen ging Louisa den Weg zurück, den sie gekommen war. Sie würde jetzt nicht mehr in die Küche gehen, geschweige denn den finsteren Dienstbotentrakt hinunter laufen. Plötzlich gähnte sie herzhaft und merkte, wie müde sie doch war.

Als sie in ihrem Schlafzimmer angekommen war, fiel ihr plötzlich der Begriff ein, den Henry neulich genannt hatte, nämlich „Brookhursts Alleinstellungsmerkmal“.

Vielleicht konnte man auch aus dieser Geschichte etwas Interessantes kreieren. Mit diesem Gedanken knipste Louisa ihre Nachttischlampe aus und war auch schon im Nu eingeschlafen.

Am nächsten Morgen schwang Louisa ihre Beine voller Elan aus dem Bett. Schnell machte sie sich fertig und eilte hinunter in die Küche, wo Mrs. Shipley ihr bereits den Tee hingestellt hatte. Sie wünschten sich einen guten Morgen, Louisa griff nach ihrer Lieblingstasse, die auch die ihres Großvaters gewesen war, und ging hinaus auf den Hof. Heute hatte sie viel zu erledigen und machte sich im Geiste eine Liste, was zuerst zu tun war.

Mr. Gates war bereits fleißig, er hatte schon den Hof gekehrt und hakte nun den Kies auf dem Vorplatz, denn am Nachmittag stand wieder eine Führung auf dem Programm. Er winkte Louisa mit seiner Mütze zu und rief ihr ein „Guten Morgen!“ entgegen.

Louisa ging zum Stall, begrüßte die paar Pferde jeweils mit einer Hand voll Hafer, lief danach zum Hühnerstall, um die gelegten Eier einzusammeln. Diese Aufgabe hatte sie Mrs. Shipley abgenommen, und sie liebte es, den Hühnern zuzuschauen. Patrick, der Hahn stand einbeinig und erhobenen Hauptes auf einem großen Holzhaufen und hielt Hof über seine acht gurrenden Damen. Diese jedoch achteten nicht auf ihren Hahn und pickten unbekümmert die Körner auf, die Louisa ihnen hingestreut hatte. Patrick gab ein lautes majestätisches Krähen von sich, ehe er sich von seinem Podest hinab zu seinen Damen begab, um das Frühstück nicht zu verpassen.

Louisa ging mit dem gefüllten Eierkörbchen in der einen und der Tasse in der anderen Hand wieder Richtung Küche, um selber zu frühstücken und den Tagesablauf mit ihrer Haushälterin zu besprechen. Die beiden Frauen einigten sich darauf, dass Louisa die Teetafel in der Gesindehalle vorbereitete, während Mrs. Shipley letzte Hand an die Speisen legte, die sie für die 15 Besucher am Nachmittag vorbereitet hatte.

Weitere Termine für die Gewölbeführung waren nicht geplant, denn Louisa wollte sich erst einmal ein Konzept überlegen, wie sie es zukünftig angehen könnte, Brookhurst selbst als Einnahmequelle zu nutzen.

Sie stand nun in der Gesindehalle und überlegte, wie sie die Möbel rücken sollte. Mit jedem weiteren Mal einer Führung versuchte sie den Raum etwas besser oder schöner zu gestalten.

Sie lief auf und ab, schob und rückte die Holzstühle um runde und eckige Tische. Blumen mussten her, die würde sie selber pflücken gehen, ein wenig alte Musik aus dem Grammophon vielleicht, dazu das alte grüne Geschirr aus der Küche.

Dafür liebte sie den Frühling, er machte alles neu und öffnete die vom langen Winter verklebten Augen.

Louisa fühlte sich wie in eine romantische Wolke gehüllt. Im Augenblick war alles in ihrem Leben schön. Sie lebte auf einem wunderschönen Anwesen, welches ihr gehörte; sie konnte sich tagein, tagaus ihrer Leidenschaft für Historisches hingeben, weil es nun einmal dazu gehörte; sie hatte einen liebenswerten Partner in Henry gefunden, mit dem sie auf einer Wellenlänge lag und der ihr Herz erfüllte. Sie arbeitete an der Verwirklichung eines weiteren Traumes, der nun zum Greifen nah war, ihrem eigenen kleinen Hofladen mit Tearoom. Und sie war in England, dem Land, in dem ihre Seele einfach zu Hause war. Das konnten jedoch die wenigsten Menschen in ihrer Heimat verstehen oder gar nachvollziehen.

Für die meisten bedeutete England rote Telefonzellen, Big Ben, Tea time, die Königsfamilie und der Union Jack. Dabei war es so viel mehr als das. Viele kannten das wahre England gar nicht, sie schoben sich busweise durch die Touristenorte und berühmten Englischen Gärten, meistens entlang der Südküste und natürlich in London; stellten sich in die berühmten Telefonzellen und ließen sich darin fotografieren; freuten sich, wenn sie einen Doppeldeckerbus sahen und lachten sich kaputt, wenn sie beinahe von einem Auto auf der „falschen“ Straßenseite überfahren wurden.

Die Engländer wären ja ein komisches Volk, überwiegend sonnenverbrannt und oben ohne unterwegs, nähmen aber pflichtbewusst täglich ihren sogenannten „Fünf-Uhr-Tee“ mit einer überladenen Etagere an Häppchen zu sich. Über diese klassischen Klischees konnte Louisa nur schmunzeln. Natürlich gab es all diese Dinge hier, aber nichts davon entsprach dem wirklichen England, welches sie kannte und liebte. Sollten diese Menschen mit ihrem Bild von England glücklich werden!

Sie war mittendrin im Englischen Leben. Sie wusste auch bei Smalltalk immer genau das Richtige zu sagen, entschuldigte sich automatisch, wenn ihr jemand auf den Fuß trat oder wenn sie