• Herausgeber: 110th
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Zwölf Kurzgeschichten, heiter und traurig, nachdenklich und spannend, für jeden Monat eine. 1.Bruno - Lebenslauf eines Pechvogels / 2.Auf ein Wort, Hochwürden - Was geschah wirklich bei dem Bauern in Gillendorf? / 3.Ich liebe ihn - Stoßgebet einer unverstandenen Frau / 4.Lebenslinien - Man begegnet sich immer zweimal im Leben / 5.Es geschah am frühen Morgen - Ein Mann versucht einen Neuanfang / 6.Das Leben geht weiter - Eine Beerdigung und die Gedanken der Trauernden / 7.Freundinnen - Waren sie das wirklich? / 8.Beim Schuhkauf - Munterer Dialog über ein unerschöpfliches Thema / 9.Momentaufnahme - Die Welt steht still als Charly R. den Raum betritt / 10.Umwege des Lebens - Das Alter hält nicht nur Beschwernis bereit / 11.Telefonate - Ein Wochenende voller Überraschungen / 12.Quark oder Joghurt? - Das ist hier die Frage

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Seitenzahl: 109

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Bruno

und andere Gestalten

zwölf Kurzgeschichten

heiter und traurig,

nachdenklich und spannend,

für jeden Monat eine

von

Monika Heil

Impressum:

Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency

Foto: fotolia.de

© 110th / Chichili Agency 2015

EPUB ISBN 978-3-95865-674-1

MOBI ISBN 978-3-95865-675-8

Urheberrechtshinweis:

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Inhaltsverzeichnis:

Bruno

Lebenslauf eines Pechvogels

Auf ein Wort, Hochwürden

Was geschah wirklich bei dem Bauern in Gillendorf?

Ich liebe ihn

Stoßgebet einer unverstandenen Frau

Lebenslinien

Man begegnet sich immer zweimal im Leben

Es geschah am frühen Morgen

Ein Mann versucht einen Neuanfang

Das Leben geht weiter

Eine Beerdigung und die Gedanken der Trauernden

Freundinnen

Waren sie das wirklich?

Beim Schuhkauf

Munterer Dialog über ein unerschöpfliches Thema

Momentaufnahme

Die Welt steht still als Charly R. den Raum betritt

Umwege des Lebens

Das Alter hält nicht nur Beschwernis bereit

Telefonate

Ein Wochenende voller Überraschungen

Quark oder Joghurt?

Das ist hier die Frage

Bruno

Sein Leben bestand aus einer Kette von Missgeschicken. Selbst anfangs scheinbar gute Zeiten erwiesen sich im Nachhinein als Irrtum, entpuppten sich im besten Fall als kleine Störfälle, wurden hin und wieder gar richtige Tragödien.

Es begann damit, dass er in die falsche Familie geboren wurde. Das war nicht seine Schuld. Wie auch? Er konnte schließlich nichts dafür, dass sich zwei Menschen begegnet waren, die seine Erzeuger wurden. Eine zufällige, alkoholbedingte Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau. Rosenmontag. Sie setzten zwanzig Millionen kleine, schwanzwedelnde, wetteifernde Spermien in Bewegung. Er gewann das Rennen. Welch ein Sieg!

»Oh verdammt«, lautete der knappe Kommentar seiner Mutter. Der Vater konnte keinen abgeben, denn der verschwand bereits am Aschermittwoch. Man ließ ihn nur sieben Monate wachsen. Zwei Monate zu früh kam er zur Welt – klein, schwach, ungeliebt. Ein Unglück ja, doch keine Tragödie. Die Mutter nannte ihn Bruno.

Seine Kindheit verlief unbemerkt. Er besuchte nie einen Kindergarten. Sein Spielplatz war die Straße. Schulfreunde hatte er keine. Familie auch nicht. Die Mutter lebte in ihrer eigenen Welt. Ein Vater war nicht vorhanden. Die Lehrer gaben sich Mühe. Zu seinem eigenen Erstaunen fand er auf Anhieb eine Lehrstelle. Welch ein Glück! Bruno – selbst seinen Namen empfand er als Missgeschick – konnte es nicht fassen. Er arbeitete in einer Schreinerei. Dort gefiel es ihm richtig gut. Der Umgang mit Holz bereitete ihm Freude. Weil sich der Weg von zu Hause, das kein Zuhause für ihn war, ohne Busverbindung als ziemlich umständlich erwies, durfte er für einen sehr geringen Mietpreis in einem kleinen, dunklen Zimmer im Dorf nahe der Schreinerei wohnen. Obwohl seine Ausbildungsvergütung karg bemessen war, kam Bruno damit aus.

Die Vermieterin war eine fast Achtzigjährige, deren Gedanken sich ab und zu verirrten. Seit Bruno bei ihr wohnte, geschah das immer öfter. Dann glaubte sie, wieder achtzehn zu sein und machte ihm schöne Augen. Er tat, als bemerke er es nicht. Bis er eindeutige Angebote erhielt.

»Verdammt, lass mich in Ruhe«, murmelte er und lief schnell in sein Zimmer.

Trotzdem hatte er zum ersten Mal das Gefühl, sein Leben sei keine Kette von Missgeschicken mehr. Bis er mit der linken Hand in die laufende Kreissäge geriet. Der Rettungswagen kam schnell. Das half aber auch nicht wirklich. Notoperation, vier Wochen Krankenhaus, Reha, Arbeitsamt, Umschulung. Bruno schien die Katastrophen einfach anzuziehen.

Dann hatte er eines Tages wieder einmal Glück. Er zog in die Stadt. Ein dort ansässiger, internationaler Konzern stellte ihn ein. In diesem Betrieb arbeiteten so viele Menschen, dass er in der Masse unterging. Das gefiel ihm. Sein unmittelbarer Vorgesetzter war ein netter und umgänglicher Mann. Bruno mochte ihn auf Anhieb. Bald waren sie per du. Waldemar trank ein bisschen viel. Das störte Bruno schon ein wenig, doch sonst konnte er gut mit ihm auskommen. Auch Waldemar war nicht gerade ein Glückspilz gewesen, hatte sich trotzdem ganz gut durchs Leben geschlagen. Seit kurzem lebte seine Tochter bei ihm, nachdem ihre Mutter - von der er sich vor Ewigkeiten getrennt hatte - sehr plötzlich verstorben war. Bruno war ihr bisher erst zweimal flüchtig begegnet. Waldemar fand Familie wichtig. Deshalb hatte er sich auch irgendwann zu Brunos Ersatzvater erklärt, weil der seinen richtigen nicht kannte. Inzwischen hatten beide das Gefühl, die ewigen Missgeschicke in ihrem Leben gehörten der Vergangenheit an.

An einem schönen Sommerwochenende wurde in der Stadt Kirmes gefeiert. Bruno und Waldemar verabredeten sich auf dem Rummelplatz.

»Ich bringe Tina mit. Da habt ihr mehr Zeit zu reden und könnt euch endlich richtig kennenzulernen.«

»Okay, meine Mutter wird auch da sein. Sie kommt so selten hierher, da will ich ihr nicht absagen. Ich finde, es wird ihr gut tun, mal etwas anderes zu sehen, als immer nur ihre eigenen vier Wände.«

»Wie sieht sie denn aus, deine Mutter?« Bruno lachte.

»Ich glaube, die wäre dein Typ. Na ja, jedenfalls wenn sie Lust hat, sich zurecht zu machen. Früher war die sehr hübsch. Jetzt raucht und trinkt sie ein bisschen viel. Das steht ihr nicht.« Waldemar lachte auch. Es klang nicht besonders fröhlich.

»Na, wenn sie gern einen hebt, passen wir doch zusammen. Und meine Haut ist schließlich auch nicht mehr jugendlich straff. Wie alt ist denn deine Mutter?« Darüber musste Bruno erst mal nachdenken.

Es wurde ein feucht-fröhlicher Nachmittag. Bruno wusste bald, wer Tina bekommt, ist ein Glückspilz. Und er wollte einmal im Leben auch ein Glückspilz sein. Tina mochte ihn ebenfalls. Das spürte er. Dann kam Anna, Brunos Mutter. Sie erkannten sich sofort. Anna und Waldemar. Obwohl sie damals nur eine einzige Nacht hatten. So erfuhr Bruno, wer sein Vater war. Erst freute er sich. Dann sah er Tina an.

»Scheiße! Warum immer ich?«, stöhnte er.

Bruno heiratete ein paar Jahre später die Theresa aus der Bäckerei Brunner. Sie war ein paar Jahre älter als er. Mit seiner Wahl hatte er Glück. Glücklich wurde er nicht. Sein letztes Missgeschick passierte ihm bei seinem Tod. Eines Nachts sprang er von einer Brücke. Ein Spaziergänger beobachtete ihn, rief Polizei und Rettungskräfte. Die zogen ihn aus dem Fluss.

»Verdammt noch mal, nicht mal einen ordentlichen Selbstmord kriege ich hin«, beschwerte er sich bei einer Krankenschwester. Nach drei Wochen war er trotzdem tot. Lungenentzündung durch Unterkühlung.

Auf ein Wort, Hochwürden

Mit irgendjemandem musste sie reden. Sie wusste nicht, wie es weiter gehen sollte und hatte schon überlegt, sich einfach von der Werrabrücke zu stürzen. Nein, besser nicht. Hastig schlug sie das Kreuz. Die Mönche! Ja, das könnte die Lösung sein. Sie würde noch einmal nach Maria Wald gehen. Die Trappistenmönche, bei denen sie damals für den Bauern den Käse geholt hatte, waren nett zu ihr gewesen. Ihnen glaubte sie, vertrauen zu können.

Die Luft war kühl und feucht. Der Herbst zeigte sich von seiner ungastlichen Seite. Die weißen Gebäude schimmerten durch den wabernden Nebel. Das riesige, schwarze Holzkreuz am Rande des nahen Friedhofs bot einen düsteren Kontrast. Das Kloster Maria Wald. Nur am Wochenende, wenn die Touristen in Scharen kamen, herrschte hier eine lebhafte Atmosphäre. Jetzt unter der Woche breitete sich eine wohltuende Stille aus.

Tatjana klopfte an der Klosterpforte.

»Auf ein Wort, Hochwürden«, bat sie. »Nein, keine Beichte. Nur ein Gespräch.« Sie folgte dem alten Trappistenmönch in die offene Halle des Klosters. Er führte sie weiter in ein kleines, gemütliches Zimmer, das offensichtlich für Besucher eingerichtet worden war.

»Erzählen Sie, meine Tochter«, forderte sie der Mönch zum Reden auf, ohne sie nach ihrem Namen zu fragen.

»Wissen Sie, Hochwürden, meine Großmutter – Gott habe sie selig – hat mich und meinen Bruder Pavel aufgezogen. Sie hat es gar nicht gern gesehen, dass ich jedes Jahr nach Deutschland gefahren bin. ´Kind, sei brav,´ hat sie mir immer mit auf den Weg gegeben. Und das bin ich geblieben, Hochwürden, ganz bestimmt. Na ja, meistens. Seit drei Jahren arbeiten wir bei einem Bauern in Gillendorf. Immer fünf Monate im Sommer bis in den Herbst hinein. Mein Bruder Pavel und ich. Wir packen überall mit an, wo wir gebraucht werden. Pavel arbeitet meist auf den Feldern. Ich auf dem Hof. Die Arbeit macht Spaß und wir verdienen beide gutes Geld. Damit kommt unsere Familie in Polen über den ganzen Winter. Deshalb hat die Großmutter mich auch jedes Jahr fahren lassen. Wegen dem guten Geld.« Tatjana schweigt und seufzt ein wenig. Der Mönch schweigt ebenfalls und wartet geduldig, bis die junge Frau weiter-spricht.

»Auf dem Hof waren alle nett zu uns. Oder fast alle. Nur die Bäuerin Ada nicht. Die mochte keiner von uns. Am Ende nicht mal mehr der Bauer selbst. Ich glaube, der mochte mich sogar mehr als die Bäuerin. ´Du würdest eine gute Frau abgeben, hier auf dem Hof`, hat er mal abends zu mir gesagt, als er noch spät in die Küche kam. Ich hatte mir gerade eine Tasse Milch heiß gemacht, weil ich nicht schlafen konnte. Das ist ein Rezept von meiner Großmutter, Hochwürden. Heiße Milch und Honig. Er war so traurig, der Bauer, dass ich ihn einfach aufmuntern musste. Ich hab die Arme um seinen Hals gelegt und ihn ein bisschen geküsst. `Warum lässt du dich nicht scheiden?`, habe ich gefragt. ´Wo denkst du hin? Das hier ist Adas Hof, Adas Haus, Adas Felder. Mir gehört hier nichts, rein gar nichts!`, hat er geantwortet und gelacht. Das war aber kein fröhliches Lachen, Hochwürden. Nein, ganz gequält klang das. Ich glaube, da war ich schon sehr verliebt in den Bauern.« Wieder setzt eine kurze Pause ein.

»Deshalb habe ich überlegt, wie ich ihm helfen kann, seine zänkische Alte loszuwerden. Besonders, wenn ich die beiden streiten hörte. Ich wollte nicht lauschen, Hochwürden, aber Adas schrille Stimme hörte man bis in meine kleine Dachkammer. Oh, konnte die schreien! Der arme Bauer! Und dann wurde seine Stimme auch laut und klang schrecklich zornig. Zu mir hat er immer nur ganz nett und freundlich gesprochen. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Da habe ich Pavel, meinen Bruder, gefragt, ob er eine Idee habe. Und der hatte eine. Und als ich ihm erzählte, dass der Bauer und ich ... da hat er gemeint, wenn ich Bäuerin hier auf dem Hof wäre, dann könnten wir die Großmutter und Pavels Frau und Pavels drei Kinder auch hierher holen und alle zusammen glücklich sein. Das hätte mir gefallen, Hochwürden. Und für den Bauern wäre ich doch auch besser gewesen als die Ada. Bestimmt, Hochwürden.«

»Aha und weiter?«

»Am ersten Samstag im Oktober waren die Bauersleute auf einem Fest im Dorf. Pavel und ich hatten die Kartoffeln geerntet. Den großen Traktor mit Anhänger ließen wir beladen im Hof stehen. Wir wussten, dass uns die Bäuerin eine Szene machen würde. Das gehörte zu unserem Plan. Wie wir vermutet hatten, schlief die Bäuerin am Sonntag aus. Der Bauer ging allein in die Messe. Und als die Bäuerin aufgestanden war und den Anhänger noch immer voll beladen auf dem Hof sah, keifte sie los. Pavel tat so, als flüchte er in den leeren Kartoffelkeller. Die Bäuerin rannte zeternd hinter ihm her. Dann wollte Pavel schnell wieder rauslaufen, abschließen und dann, und dann, also na ja, die Kartoffeln durch die Kellerluke vom Hänger schütten. Das konnte man doch nur als Unfall deuten, oder Hochwürden? Hundert Zentner Kartoffeln über die Rutsche ab in den Keller. Das war in wenigen Minuten erledigt.«

»Und dann?«

»Ja, dann kam alles ganz anders. Schuld war der Anruf aus unserem Dorf in Polen. Unsere Großmutter war am Sterben. Da mussten wir sofort hin, der Pavel und ich. Ich habe dem Bauern schnell einen Zettel hingelegt, dass der Bescheid wusste und seine Frau wieder aus dem Kartoffelkeller holen konnte, wenn er von der Messe kam. Und dann sind wir Hals über Kopf mit unserem alten Lada nach Hause gefahren. Und vorigen Freitag haben wir unsere Großmutter beerdigt. Und dann sind wir gleich wieder zurückgekommen.«

Tatjana wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Ach Kind«, seufzte der Mönch. »So ein Unglück. Und wie ging es weiter?« Seine Stimme klang ein wenig atemlos.

»An der Grenze habe ich eine Zeitung gekauft und die Schlag-zeile gelesen. Mord oder Unfall? Bäuerin im Kartoffelkeller begraben. Daher weiß ich auch, dass der arme Bauer jetzt in Untersuchungshaft sitzt.

»So ein Unglück«, wiederholte der Mönch, faltete die Hände und schaute verstört zur Zimmerdecke.

»Sie sagen es, Hochwürden. Und ich weiß nicht, was nun aus uns werden soll. Pavel will so bald als möglich zu seiner Familie zurück. Ich würde lieber hier in Deutschland bleiben. Jetzt, wo meine Großmutter nicht mehr lebt und kein Geld mehr braucht.«

Der alte Mönch schüttelte missbilligend den Kopf, sagte aber nichts.