Beschreibung

Wegen einer SMS muss Claudia dringend ihre Mutter aufsuchen. Sie fährt zu ihrem Strandhaus in Dänemark und erinnert sich an alte Zeiten, als sie Kind war, Jugendliche und Gregor kennenlernte, der jedoch mehr Augen für ihre Mutter als für sie hatte. Eines Tages verschwindet Claudias Mutter Sonja spurlos. Hinterließ ein Abschiedsbrief und einen leeren Tresor. Keiner wusste etwas über ihren Aufenthaltsort. Und auch Claudia verließ irgendwann ihren Vater, um anstelle eine Studiums, eine Ausbildung im Hotelfach zu machen. Da begegnet sie Gregor ein weiteres Mal, beginnt mit ihm eine Affäre, um sich dann wieder aus den Augen zu verlieren. Dann stolpert Gregor per Zufall über Sonja... und ein Wechselspiel der Gefühle beginnt.

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Seitenzahl: 87

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Am Strand

 

 

 

 

Impressum:

Cover: Karsten Sturm, Chichili Agency

Foto: fotolia.de

© 110th / Chichili Agency 2014

EPUB ISBN 978-3-95865-091-6

MOBI ISBN 978-3-95865-092-3

 

 

Urheberrechtshinweis:

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

Kurzinhalt

Wegen einer SMS muss Claudia dringend ihre Mutter aufsuchen. Sie fährt zu ihrem Strandhaus in Dänemark und erinnert sich an alte Zeiten, als sie Kind war, Jugendliche und Gregor kennenlernte, der jedoch mehr Augen für ihre Mutter als für sie hatte. Eines Tages verschwindet Claudias Mutter Sonja spurlos. Hinterließ ein Abschiedsbrief und einen leeren Tresor. Keiner wusste etwas über ihren Aufenthaltsort. Und auch Claudia verließ irgendwann ihren Vater, um anstelle eine Studiums, eine Ausbildung im Hotelfach zu machen. Da begegnet sie Gregor ein weiteres Mal, beginnt mit ihm eine Affäre, um sich dann wieder aus den Augen zu verlieren. Dann stolpert Gregor per Zufall über Sonja… und ein Wechselspiel der Gefühle beginnt.

Am Strand

Prolog

Die Straße war menschenleer, denn die Saison hatte noch nicht begonnen. Die Strandhütten wirkten verlassen. Es waren Ferienhäuser, die entweder von den Besitzern selbst genutzt oder vermietet wurden. Die meisten Fensterläden waren geschlossen, wirkten abweisend, als warteten sie gar nicht auf den alljährlichen Strom der Touristen. Einige der von Salzluft verwitterten Holzhäuser sahen aus, als seien sie seit Jahren unbewohnt, andere strahlten in kalkigem Weiß letztjähriger Anstrengungen. Ihr Haus lag am Ende der schmalen sandigen Straße hinter Dünen versteckt. Nur die Spitze des schiefergrauen Daches konnte man erkennen. Erinnerungen an unvergessene Ferientage überfluteten sie. Das Meer war von hier aus nicht zu sehen. Doch sie hörte es. Nicht bewusst und nicht im Hier und Jetzt. Sie hörte die Brandung des Meeres ihrer Kindheit. Ihr Herz klopfte im Rhythmus der anrollenden Wellen. Ihre Schritte wurden schneller. Sie stolperte über eine Wurzel, die der feine gelbliche Sand zugeweht hatte. Sie zwang den Blick von den Fassaden der Hütten auf den schmaler werdenden Pfad. Sie kam ihrer Kindheit immer näher. Plötzlich blieb sie kopfschüttelnd stehen. Was hatte sie veranlasst, nach den Anstrengungen des Vortages die Behaglichkeit und den Komfort ihres Hotels zu verlassen und mehrere Stunden Autofahrt auf sich zu nehmen, um in ihr altes Ferienhaus zurückzukehren, das sie seit mehr als zehn Jahren nicht betreten hatte. Es war die SMS ihrer Mutter gewesen und die Panik, die diese damit ausgelöst hatte. Nicht einmal einen Koffer hatte sie gepackt, stattdessen in großer Eile ein paar Kosmetikartikel, ein T-Shirt und eine Garnitur Wäsche in ihren Lederbeutel verstaut. Hals über Kopf war sie losgefahren. Ihrem Mann hatte sie eine dürftig kurze Notiz hinterlassen. Ein flüchtig schlechtes Gewissen hatte sie schnell in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses geschoben. Auch jetzt wollte sie nicht an ihren Mann denken. Sie würde Sonja in wenigen Minuten wiedersehen. Ihre Mutter.

Sie atmete tief durch und setzte bewusst langsamer gehend ihren Weg fort. Sie spürte den feinen Sand in ihren offenen Schuhen. Wie um Zeit zu gewinnen, bückte sie sich und schüttelte ihre Sandalen von den Füßen. Dann ging sie weiter. Sie hatte ihre Augen mit einer dunklen Brille geschützt, obwohl es so früh am Morgen war, dass die Sonne ihre Strahlkraft noch nicht entwickeln konnte. Fakt war, sie fühlte sich auf diese Weise anonymer. Ein winziges Lächeln versuchte, sich in ihren Mundwinkeln einzunisten. Hier war kein Mensch, der sie wiedererkennen würde und Gregor hätte sie sowieso nicht täuschen können. Er hätte sie sofort an ihrem Gang und ihren Bewegungen erkannt. Aber Gregor würde sie hier nicht treffen. Er war gerade auf Elba, wie sie der merkwürdigen Nachricht entnommen hatte, die sie gestern auf ihrem Handy empfangen hatte. Und sie war hier in Dänemark. In wenigen Minuten würde sie ihrer Mutter begegnen, die sie selbstverständlich auch mit Sonnenbrille erkennen würde. Sie holte noch einmal tief Luft und schaute sich suchend um. Kein Auto. Ihren eigenen Wagen hatte sie auf dem kleinen Wanderparkplatz abgestellt, von dem diese schmale Straße abging. Außer ihrem hatte bei ihrer Ankunft dort kein anderes Fahrzeug gestanden, was sie verwunderte. Sie fragte sich: Hatte ihre Mutter sie genarrt? Oder war sie eventuell ins nahe Dorf gefahren und käme gleich zurück? Keine Reifenspuren. Das musste nichts bedeuten bei dem Sand, oder? Gut, dass sie gerade in der Nähe ihres Elternhauses gewesen war, als sie die dringende Botschaft ihrer Mutter empfangen hatte. So hatte sie den Schlüssel für dieses Haus mitnehmen können, denn einen eigenen besaß sie seit vielen Jahren nicht mehr.

Claudia hatte das Haus erreicht. Es war ihr vertraut und fremd zugleich. Von der einst weißen Front war die Strahlkraft gewichen. Sonne, Wind und Wasser hatten ihren Tribut gefordert. Auf der schmalen ehemals grünen Fensterbank blühte in einem ausgetrockneten Blumenkasten eine einzelne rote Blume, deren Namen sie nicht kannte. Hatte sie der Wind gepflanzt? Sie zuckte die Schultern. Wer sonst? Ein Gefühl von Verlassenheit, das sie sich nicht erklären konnte, ließ sie frösteln, obwohl die Luft windstill war.

Mit zitternden Fingern zog sie einen unförmigen schwarzen Schlüssel aus ihrer Tasche. Vorsichtig betrat sie die drei Stufen, die zur Haustür führten. Auch hier hatte sich der staubfeine gelbe Sand breit gemacht. Der Schlüssel drehte sich schwerfällig und widerstrebend im Schloss. Sie drückte die verstaubte Klinke. Das metallische Quietschen der Scharniere begleitete das Öffnen der Tür. Es tat ihren Ohren weh. Claudia ging noch zwei Schritte weiter und war endlich angekommen. Sie schaute sich vorsichtig um, rief leise und wider besseres Wissen:

„Mutter, ich bin da.“ Sie erhielt keine Antwort. Dieses Haus hatte seit Jahren niemand betreten. Es schien, als hätte der Staub es versiegelt.

***

Gregor versuchte es erst mit Laufen, dann mit Rennen. Seine Gedanken hielten jedem Tempo Schritt. Er konnte sie nicht abschütteln, so verzweifelt er es auch versuchte. In einem linken Bogen verließ er den kühlen Sand und lief, die Kälte des Wassers ignorierend, in das flache Meer, weiter und weiter, bis die Brandung ihn umwarf. Erst dann kam er zur Besinnung und kehrte an den Strand zurück.

1.

Claudia Rottmann war siebzehn, als sie den zwanzig Jahre älteren Geschäftsmann Gregor Ziegler kennenlernte. Es war ihr letzter Sommer auf der kleinen dänischen Insel gewesen, was sie damals nicht wusste. Ihre Eltern besaßen ein Ferienhaus auf Fünen, in dem die Familie, so lange Claudia zurückdenken konnte, ihre Sommerferien verbrachte. Sie freute sich jedes Mal auf die Kinder in der Nachbarschaft, mit denen sie ausgelassen toben konnte und erste Freundschaften pflegte. Dort lernte sie schwimmen, segeln und andere Sportarten.

Eines Nachmittags hatte ihr Vater Gregor Ziegler angeschleppt und ihn als seinen deutschen Geschäftspartner in Dänemark vorgestellt, ohne lange Erklärungen abzugeben. Ihre Mutter hatte den Fremden freundlich willkommen geheißen. Fortan war Gregor ein gern gesehener Gast. Alle mochten seine fröhliche offene Art. Niemand merkte, dass Claudia sich gleich bei ihrer ersten Begegnung in ihn verliebt hatte. Auch Gregor nicht. Der saß stundenlang mit Franz Rottmann zusammen und diskutierte geschäftliche Themen. Dabei blendeten die beiden Männer die Umwelt völlig aus, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sonja versorgte sie mit kühlen Getränken. Nur selten blieb sie bei ihnen sitzen. Lieber ging sie mit ihrer Tochter zum Strand, denn die Gespräche der beiden langweilten sie. Für Gregor waren, im Gegensatz zu Franz, dienstliche Belange nicht alles. Er nahm sich auch Zeit, den Sommer zu genießen. Es kam durchaus vor, dass er seinen Geschäftspartner allein ließ und Sonja auf kurzen Strandspaziergängen begleitete. Dass Claudia sie dann argwöhnisch von Ferne beobachtete, merkten beide nicht. Hin und wieder fand er auch Zeit, sich mit Claudia bei einem kurzen Wettschwimmen im Pool hinter dem Haus zu messen. Franz Rottmann blieb allein auf der Terrasse, war mit Akten beschäftigt oder telefonierte mit seinem Büro in Hamburg. Aktienkurse in Japan, Investitionsmöglichkeiten in Übersee, irgendeine Transaktion hielt ihn ständig in Atem. Entspannung war ein Fremdwort für ihn. Claudia konnte sich nicht erinnern, ob sie jemals mit ihrem Vater im Meer schwimmen war. Sie hatte es nie vermisst, weil es genügend kleine Spielkameraden für sie gab. Schwimmen hatte ihr der Vater einer Sommerfreundin beigebracht, Federball und Tennis lernte sie von ihrer sportlichen Mutter.

Gregor kam bis zum Ende der Ferien fast täglich und fuhr meist erst lange nach dem Abendessen zurück in das nahe gelegene Städtchen, in dem er eine kleine Eigentumswohnung besaß. Claudia suchte seine Nähe, himmelte ihn an, Gregor schien es nicht zu bemerken. Ab und zu forderte sie ihn zu einem Tennismatch heraus, das er mit schöner Regelmäßigkeit gewann. Gregor kehrte nach den Spielen auf die Terrasse zurück, wo Sonja, die Leseratte, mit einem Buch auf der Liege entspannte und Franz, wie üblich, in sein Notebook starrte. Der Hausherr bekam nur am Rande mit, wie sich sein Gast und seine Frau über den Roman unterhielten, den sie gerade las, oder über Konzerte und Sänger sprachen, deren Namen er nicht einmal kannte, geschweige denn deren Repertoire. Für solche profanen Dinge fehlte ihm die Zeit und die Lust. Claudia lief dann frustriert zum Strand und hielt Ausschau nach ihren Freundinnen, die sie in diesem Jahr trotzdem sehr vernachlässigte.

Kurz vor dem Ende ihrer Ferien hatte Claudia all ihren Mut zusammengenommen und beschlossen, Gregor in seinem Haus zu besuchen, um mit ihm über ihre Gefühle zu sprechen. Allein, unter vier Augen. Ihren Eltern hatte sie erzählt, sie wolle ein paar Geschenke für ihre Freundinnen zu Hause einkaufen. Gleich nach dem Frühstück war sie mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren.

Gregors Wohnung lag im ersten Stock eines weißgetünchten, gepflegten Hauses, das sich seit mehr als siebzig Jahren in einer kleinen unscheinbaren Seitenstraße befand. Claudia stand nicht zum ersten Mal davor. Bisher hatte ihr der Mut gefehlt, bei Gregor zu klingeln. Heute war sie fest entschlossen, nicht feige zu sein. Claudia schaute die Fassade hinauf und registrierte erfreut die geöffneten Fenster. Daraus schloss sie, dass Gregor zu Hause war.

„Nur Mut“, murmelte sie und ging um einen halb auf dem Bürgersteig parkenden Fiat herum, dessen Nummernschilder ihr nicht auffielen. Sie registrierte nicht, dass dies der kleine Wagen war, den ihre Eltern während des Urlaubs zu mieten pflegten. Noch einmal holte sie tief Luft, wollte gerade die drei weißen Stufen hinauf gehen, als die blau gestrichene Eingangstür aufsprang.