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Dieses Buch über Schrift und Schreiben wendet sich an alle, die sich für Sprache interessieren. Es bietet wichtige theoretische Grundlagen zum bewussten Umgang mit dem Medium Schrift. Das Werk zeigt historische Zusammenhänge auf zwischen Typografie, Orthografie und Alphabetmystik, widmet sich der Buchkultur, dem Printmedium und dem Internet. Es gibt Antworten auf eine Reihe von Fragen: Woher stammt unsere Schrift? Warum trennten sich Handschrift und Druckschrift? Was ist der Unterschied zwischen Antiqua und Fraktur? Warum verschwand die Fraktur? Was hat Faust mit dem Buchdruck zu tun und warum galt die Druckkunst als Teufelswerk? Wie veränderte die Schreibmaschine unsere Handschrift und wie sieht deren Zukunft aus? Wie vertrauenswürdig ist die Graphologie? Woher stammt unsere Orthographie, wer hat ihre Entwicklung beeinflusst und nach welchen Grundsätzen ist sie geregelt? Wie verändert das Internet die Rezeptionsgewohnheiten? Welche Auswirkungen hat die Textverarbeitung auf das produktive Schreiben? Welche Folgen haben die Demokratisierung der technischen Schrift und die digitale Publikation? Mit zahlreichen Abbildungen.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Jules van der Ley lernte in Neuss/Rhein das Handwerk des Schriftsetzers, arbeitete als Schriftsetzer, Buchdrucker und Layouter in Neuss, Köln und Aachen, erlebte Anfang der 1970-er Jahre das Verschwinden des Bleisatzes und das Aufkommen des computergestützten Fotosatzes. Er studierte an der RWTH Aachen Germanistik und Kunst, arbeitete 25 Jahre als Studienrat am Gymnasium, war medienkundlicher Dozent in der Lehrerweiterbildung, arbeitete nebenher als Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und beschäftigt sich seit Jahrzehnten sprachwissenschaftlich mit allen Erscheinungsformen von Schrift. Er ist Verfasser einer „Kulturgeschichte der Handschrift“, die unter anderem in der Zeitschrift Grundschule aktuell Heft 110, Mai 2010 erschienen und online hier [http://graphologie-news.net/cms/upload/archiv/Kulturgeschichte_Handschrift.pdf] abrufbar ist. Van der Ley ist Blogger seit 2005 und betreibt derzeit das Blog Teestübchen Trithemius unter der Webadresse trittenheim.wordpress.com.
Wie selbstverständlich nutzen wir heute die diversen Druckschriften. Die wenigsten sind für die Darstellung auf dem Bildschirm geschaffen worden. Die meisten stammen aus dem Buchdruck.
Einige der typografischen Gestaltungsprinzipien wie Block- oder Flattersatz sind von mittelalterlichen Schreibern entwickelt worden. Die Form unserer Kleinbuchstaben stammt aus der Zeit Karls des Großen. Der Wortabstand entstand im 8. Jahrhundert. Unsere Großbuchstaben sind im antiken Rom erstmals in Stein gemeißelt worden. Das Alphabet und die Aufteilung eines Textes in Zeilen stammen aus dem antiken Griechenland. Die hier versammelten Aufsätze zeichnen diese Entwicklung nach und zeigen, welche vergangenen Spuren noch in der heutigen Schriftverwendung zu finden sind, warum Buchstaben so aussehen wie sie uns begegnen, warum sich Handschrift und Druckschrift trennten und sich unterschiedlich weiterentwickelten.
Wir sehen, dass Schriftverwendung die kulturelle Entwicklung vorantreibt und Motor kultureller Revolutionen ist. Der heutige Mensch ist Zeuge und gleichzeitig Handelnder in einem mächtigen kulturellen Umbruch, dessen deutlichstes Zeichen das Schwinden der Handschrift ist. Die Beiträge helfen, den kulturellen Umbruch zu verstehen und bewusster zu erleben, und eröffnen, dass sich hinter den simplen Buchstaben in Zeitung, Zeitschrift und Buch, auf Smartphone, Tablet oder Computer ein ganzes Universum auftut.
Einige der Texte sind zuerst in meinem Blog trittenheim.wordpress.com erschienen, im Grenzgebiet zwischen analoger Buchkultur und digitaler Publikation. Mit diesem E-Book wurde der Schritt aus der analogen Buchkultur in die digitale Internetkultur gegangen. Unter Berücksichtigung aktueller medialer Entwicklungen, ist dieser Schritt konsequent, wenngleich layouttechnische Vorstellungen aus dem Printmedien sich im E-Book nur ansatzweise realisieren lassen. Dieser Einschränkung steht eine neue Dynamik und Formbarkeit des Textes gegenüber, die es den Leserinnen und Lesern erlaubt, auf beliebigen Endgeräten zu lesen und sogar den eigenen Vorlieben gemäß den Schriftcharakter und die Schriftgröße zu verändern. Und nicht zuletzt kann alles ausdrucken, wer auf das haptische Lesen nicht verzichten möchte.
Ich danke Malte Schiefer für die Anregung, das Buch zu machen, für hilfreiche Kritik und die Umwandlung der Manuskriptfassung in ein E-Book.
Jules van der Ley
"Während wir auf die von der untergehenden Sonne des Alphabets noch immer ein wenig angeleuchteten Bilder starren, geht in unserem Rücken etwas Neues auf, dessen Strahlen bereits unsere Szenerie treffen. Ähnlich den Sklaven in Platons Höhle müssen wir uns umdrehen, um diesem Neuen die Stirn zu bieten." Vilém Flusser (1920-1991)
Der Medienphilosoph Vilém Flusser ist 1991 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Seine letzten Arbeiten beschäftigen sich mit der Bedeutung der Schriftkultur für das Denken der Neuzeit. In den Anfängen des Internets entwickelt Flusser bereits die Vision einer „telematischen Kultur“, in der die Schrift ihren Vorrang einbüßt und von einer seltsamen Allianz zwischen Bild und Zahl in die Enge getrieben wird. Mit der rasanten Entwicklung neuer Kommunikationsformen im Internet beginnt seine Vision Wirklichkeit zu werden.
Doch um das Neue zu verstehen, muss man das Alte kennen. Wir tun gut daran, uns mit ruhigem Herzen und klarem Verstand umzudrehen, das milde Licht über der untergehenden Buchkultur zu nutzen und sie noch ein wenig zu betrachten.
Seit der Mensch sich technischer Kommunikationsmittel bedient, beeinflussen sie Denken, Sprachhandeln, kulturelle Vorstellungen und gesellschaftliche Strukturen. Stets ist das Aufkommen neuer Kommunikationsmittel von Kritik begleitet gewesen, denn jede neue Technik bringt zwar einen Zugewinn, geht aber auch einher mit Verlust. Wir erleben gerade eine Umbruchphase durch die digitale Kommunikation im Internet, stehen mit einem Bein noch in der Buchkultur und tappen mit dem anderen in die unübersichtliche Welt der digitalen Kommunikation und ihrer diversen Erscheinungen im Internet. Ihre Vorzüge und Nachteile, mithin ihre gesellschaftliche Wirkung und die damit einhergehende Veränderung des Denkens stehen im Vordergrund des Buches. Dabei ist ein Rückgriff auf die vorangegangenen kulturellen Umbrüche nötig, die durch Kommunikationstechniken ausgelöst wurden. Fast alle vorherigen Kommunikationstechniken werden durch die digitale Kommunikation vereinnahmt. Um sie zu verstehen, muss man die Bedingungen und Auswirkungen älterer Kommunikationstechniken betrachten, auf denen die Kommunikation im Internet gründet.
Mit Platon beginnt die Kritik am neuen Kommunikationsmittel Schrift. Im Dialog des Sokrates mit Phaidros lässt Platon Sokrates sagen, Gott Theuth habe dem ägyptischen König Thamus die Schrift gezeigt und gesagt: „(…) diese Kenntnis wird die Ägypter weiser machen und ihr Gedächtnis stärken; denn als Gedächtnis- und Weisheits-Elixier ist sie erfunden." Der aber erwiderte:
„O meisterhafter Techniker Theuth! Der eine hat die Fähigkeit, technische Kunstfertigkeiten zu erfinden, doch ein andrer, das Urteil zu fällen, welchen Schaden oder Nutzen sie denen bringen, die sie gebrauchen sollen. Auch du, als Vater der Schrift, hast nun aus Zuneigung das Gegenteil dessen angegeben, was sie vermag. Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, – aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen. Also nicht für das Gedächtnis, sondern für das Wieder-Erinnern hast du ein Elixier erfunden. Von der Weisheit aber verabreichst du den Zöglingen nur den Schein, nicht die Wahrheit; denn vielkundig geworden ohne Belehrung werden sie einsichtsreich zu sein scheinen, während sie großenteils einsichtslos sich und schwierig im Umgang, – zu Schein-Weisen geworden statt zu Weisen."
Und weiter sagt Sokrates:
„Denn diese Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch helfen imstande.“ (Phaidros 274c-278b)
Dass die Schrift das Gedächtnis schwächt und die zu übermittelnden Weisheiten unsinnlich und unabhängig von Sprecher und Hörer verbreitet, so dass die Inhalte sich verselbstständigen, nicht begriffen, falsch verstanden oder fehl interpretiert werden können, ist eine noch heute gültige Kritik.
Trotz der von Platon aufgezeigten Schwächen ergänzte das neue Medium Schrift die Mündlichkeit, veränderte Denken und Handeln der Menschen und prägte Kulturen. Diese Schriftkulturen messen dem Medium Schrift hohe Bedeutung zu, was sich besonders bei den Buchreligionen zeigt. Gleichzeitig sinkt die Wertschätzung des vorangegangenen Mediums, der Mündlichkeit. Der mündliche Vertrag, durch den Handschlag besiegelt, wurde ersetzt durch den schriftlichen Pakt und die Unterschrift. Ein gegebenes Wort gilt jetzt weniger als ein handschriftlicher Vertrag. Die schriftliche Vereinbarung ist die Urkunde, im Sinne der ersten Kunde, nicht das Gesagte.
Was Platon in seinem Ausmaß noch nicht sehen konnte, ist die gesellschaftliche Umwertung der Alten. In oralen Kulturen sind sie hoch geehrt als die Träger des Wissens, die Bewahrer der Geschichte und der überlieferten Traditionen, wandelnde Bibliotheken. „Wenn in Afrika ein Greis stirbt, verbrennt eine Bibliothek“, sagt der malische Schriftsteller und Ethnologen Amadou Hampâté Bâ. Wenn jedoch das Wissen der Menschheit in Bibliotheken gesammelt wird, verlieren die Alten ihre wichtigste Funktion, und ihre Bedeutung für die Gemeinschaften sinkt. Wo die Alten gar verächtlich sind und belächelt werden, abgeschoben in Altenheime, geht das einher mit einer ahistorischen Denkweise, mit einer Überbetonung der gegenwärtigen Ereignisse, wie sie sich besonders in unserer Zeit zeigt, ablesbar am Kommunikationsmittel Internet.
Auf die Kritik an der Schrift, die ja ursprünglich Handschrift ist, folgt vergleichbar eine Kritik des gedruckten Buches. Vespasiano da Bistici berichtet vom Herzog Federigo von Urbino (+ 1482), er habe jeden Band in seiner berühmte Bibliothek in Scharlachrot und Silber binden lassen. Zwischen all diesen prachtvoll ausgemalten, auf Pergament geschriebenen Büchern duldete er kein gedrucktes Buch. Er hätte sich seiner geschämt. Das war um 1490, etwa 50 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks. Der Herzog konnte es sich leisten, die neue Technologie abzulehnen, selbst gedruckte Bücher für seine Bibliothek abschreiben zu lassen. Für die meisten Menschen seiner Zeit wurde erstmals durch den Buchdruck möglich, überhaupt ein Buch zu besitzen. Das ästhetische Ideal war aber das handgeschriebene Buch. Mit ihm verband sich die Idee von Kostbarkeit. So verwundert es nicht, dass die frühen Drucker ihren Büchern den Anschein gaben, sie wären mit der Hand geschrieben. Bereits Gutenberg hatte sich die Schrifttypen für die 42-zeilige Bibel von dem Kalligraphen Peter Schöffer gestalten lassen. Gedruckte Bücher galten überdies noch lange Zeit als Werke, die nicht mit erlaubten Mitteln hervorgebracht waren. Buchdruck hatte den Ruch, Teufelswerk zu sein.
Dieses Misstrauen entstand aus der für damalige Verhältnisse erstaunlichen Tatsache, dass sich mit Hilfe des Buchdrucks identische Kopien eines Originals herstellen ließen. Denn handschriftliche Abschriften waren Unikate und wurden als solche geachtet. Doch diese Unikate waren voller Fehler, unabsichtlichen und vor allem absichtlichen. Der Historiker Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fälschungen“. Noch traute man vielerorts auch dem Buchdruck nicht. So schreibt Bischof Heinrich von Ahlsberg im Vorwort des Regensburger Messbuchs von 1485, er habe das Werk nach dem Druck prüfen lassen; dabei habe sich ergeben, dass die Drucke übereinstimmten. In Freising wurden fünf Männern dafür bezahlt, 400 Exemplare eines neu gedruckten Messbuches zu vergleichen, wobei sie entdeckten, dass alle Messbücher denselben Wortlaut enthielten.
Das gedruckte Wort erfuhr in der Folge eine enorme Aufwertung, ermöglichte die Bildung breiterer Schichten, die Aufklärung und mithin die Trennung von Wissenschaft und Religion. Druckwerke verdrängten die Geltung der Handschrift wie die Handschrift die Geltung des gesprochenen Wortes verdrängt hatte. Handschriften stammten von einer Hand. Bücher und Periodika wurden von vielen Händen gemacht, von Menschen, die sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert hatten. Autor, Lektor oder Redakteur, Setzer, Korrektor, Drucker, – sie alle standen mit ihrer Sachkenntnis hinter einem gedruckten Werk. Dazu bedienten sie sich aufwendiger Technik, die allen anderen nicht zur Verfügung stand. Daraus bezog das gedruckte Wort seine Macht, die noch heute andauert, jedoch im Schwinden begriffen ist.
Mit Computer und Internet kehrt alles in eine Hand zurück. In der Regel ist auch nur ein Kopf am Werk. Doch es irrt sich, wer glaubt, dass die klassischen Medien deshalb grundsätzlich verlässlicher sind. Sie alle sind abhängig von gesellschaftlichen Umständen und politischen Vorgaben. In Diktaturen ist die Presse Verlautbarungsorgan, in islamischen Ländern überwiegt noch der Einfluss der Religion, in Ländern mit Pressefreiheit diktiert die Wirtschaftlichkeit die Ausrichtung. Wirtschaftlichkeit hängt von der verkauften Auflage, vom Anzeigenaufkommen oder den Einschaltquoten ab. Selbst in seriösen Redaktionen werden Informationen journalistisch gefällig frisiert. Und keine Redaktion erlaubt sich, einen großen Anzeigenkunden zu verprellen, indem sie allzu kritisch über ihn berichtet. Letztlich müssen Journalisten immer die vom Verleger festgelegte Blattlinie vertreten. Bücher werden im Hinblick auf die Vermarktung gedruckt. Und Verlage und Buchhandel leben in erster Linie von Bestsellern und populärer Stapelware.
Vorsorglich versichere ich, dass ich diesen Text selbst verfasst habe und er nicht, wie böse Zungen behaupten, von einer Horde Affen an Schreibmaschinen durch wildes Herumhämmern auf den Tasten per Zufall erzeugt wurde.
Pitter sitzt in der Küche am Tisch und malt. Der Vater kommt dazu und betrachtet die Zeichnung (wörtliche Rede in Klevisch-Weselisch, einer niederfränkischen Mundart):
“Wat sall dat gäwen, wenn et ferdig ös?”
“En Päärd, Vadder!”
“Maar dat hätt jo bloß drei Been! Wo ös denn datt verde?”
“Dat ös noch in den Inkpot, Vader!”
Pitter glaubt also, alles zu Zeichnende oder zu Schreibende befinde sich schon oder noch im Tintenfass. Die Vorstellung wirkt kindlich-naiv angesichts der schier unzähligen Vielfalt möglicher Zeichenspuren.
Doch wie verhält es sich bei den Buchstaben? Befinden sich alle Texte dieser Welt bereits in den Produktionskesseln des Herstellers von Buchstabensuppe, so dass man sie aus der Suppe herauslesen könnte? Man ist geneigt zu bestreiten, in einem Topf mit Buchstaben wären alle zu schreibenden Texte bereits enthalten. Wenn dem so wäre, dann müsste jeder Text auch auf mechanische Weise aus einem theoretisch unendlich großen Buchstabensuppentopf hervorzuholen sein, also ohne kreativen Impuls.
Cicero fand die Idee der mechanischen Texterzeugung noch so abwegig, dass er damit die Theorie von der Erschaffung der geordneten Welt aus Atomen zu widerlegen suchte:
„Derjenige, welcher Soartiges für möglich hält, müsste ebenso glauben, dass, wenn man unzählige Formen der 21 Buchstaben des Alphabets auf die Erde schütte, (…), die Annalen des Ennius daraus entstehen könnten.”
Spätestens in der Barockzeit dachte man anders darüber. So errechnet Leibniz die Anzahl der möglichen Kombinationen von 24 Buchstaben des Alphabets mit 620.448.401.733.239.439.360.000. Die Zahl weist die Summe aller Inhalte aus, die sich mit unserem Alphabet ausdrücken lassen.
Ließe man einen Computer die entsprechenden Permutationen durchführen, also eine einfache Buchstabenvertauschung vornehmen, müssten nicht nur die Annalen des Ennius dabei herauskommen, sondern auch dieser Text hier sowie alle anderen je geschriebenen Texte.
Auf der Idee der Permutation fußen auch Textgeneratorprogramme wie ein Liebesbriefgenerator aus dem Internet, der allerdings auf Satzebene arbeitet.
Schon 1974 erschien auf Deutsch der Science-Fiction-Horror-Taschencomputer von Gahan Wilson, eigentlich ein Flussdiagramm, mit dessen Hilfe man einen Film- oder Romanplot generieren konnte. Im Netz zu finden unter http://www.non-volio.de/pup/sf_horror_movie_pocket_computer.html
Die Idee des automatisierten Schreibens auf Satzebene taucht schon bei Jonathan Swift in Gullivers Reisen (1726) auf. Im Jahr 1789 nimmt Jean Paul Richter darauf Bezug und spottet:
So ist noch bis auf diesen Tag die Büchermaschine* in Europa unnachgemacht geblieben, deren Zusammensetzung Swift oder Gulliver allen Buchhändlern unfehlbar in der lieblosen Absicht so deutlich beschreibt, damit ähnliche europäische leichter darnach gezimmert und dadurch gutmeinenden Autoren, die sich bisher vom Büchermachen beköstigten und kleideten, ein jämmerlicher Garaus gespielet würde; denn die letztern haben sich auf nichts anders eingeschossen. Sonst ists freilich unleugbar, daß eine solche Maschine in Menge und ohne Honorar (der Kerl, der sie drehte, wäre fast mit nichts zufrieden) recht gute Sonntagspredigten, Monats-, Quartal-, Kinder- und berlinische Spaßschriften für den Druck ablassen müßte. (Jean Paul1)
* Gulliver sah in Lagado eine Maschine, die gewisse in ihr liegende beschriebene Zettel, wenn man sie umdrehte, so untereinander warf, daß jeder, dem man sie hernach vorlas, freılich nicht wissen konnte, ob er ein gewöhnliches Buch höre oder nicht.
Wie im ZDF-Format „neo royal“ im Frühjahr 2017 zu sehen, hat der TV-Satiriker Jan Böhmermann aus ähnlichen Textversatzzetteln von einer Horde Affen einen Schlagertext schreiben lassen, mit dem er später die Charts eroberte.
Wenn es also grundsätzlich möglich ist, alle Texte des Alphabets mechanisch zu erzeugen, was bedeutet das für unser Verhältnis zur Schrift, zum Schreiben und Lesen? Am Beispiel Liebesbriefgenerator zeigt sich, dass alle dort aufgeführten Wortwendungen sofort zu hohlen Phrasen werden, wenn man den Generator kennt. Es handelt sich hier um eine kuriose Randerscheinung, doch grundsätzlich nehmen die von Automaten erzeugten Texte zu. Sie machen einen Großteil der Briefpost aus, und auch hier ist Schriftsprache zur Phrase verkommen. Insgesamt strebt die Schriftsprache ihrer Banalisierung zu. Zudem werden immer mehr Texte verfasst, was bedeutet, dass sich Wortinhalte rascher abnutzen. Überspitzt formuliert: Das Erzeugen von Information strebt hin zur Sinnentleerung der Information. Der Altertumsforscher Werner Ekschmitt hat schon 1968 auf eine interessante Parallele hingewiesen. Er beschreibt die Bibliothek von Alexandria, die vor ihrer Zerstörung 400.000 Papyrusrollen enthalten haben soll. Für Ekschmitt ist das Anwachsen der Textproduktion ein Zeichen für untergehende Kulturen. Die Menschen untergehender Kulturen könnten die Wörter nicht mehr bei sich behalten.
Eine Bibliothek, in der alle überhaupt zu schreibenden Texte verwahrt werden, hat Jorge Luis Borges in seiner phantastischen Erzählung Die unendliche Bibliothek beschrieben. Darin befinden sich vor allem völlig sinnlose Texte, die sich durch Permutation ergeben würden. Sie sind natürlich in der Überzahl, so dass die Bibliothekswesen der Erzählung nur vom Hörensagen wissen, dass einer ihrer Vorfahren in den unzähligen Räumen der Bibliothek einmal auf einen sinnvollen Satz gestoßen sei.
Während die automatisierte Textverfassung in der öffentlichen Diskussion überwiegend ignoriert wurde, hat man das digitale Schreiben mittels Textverarbeitung in seinen Anfängen überschwänglich gelobt. Segensreich für die Überwindung von Schreibblockaden fand die Süddeutschen Zeitung (SZ) im Juni 1989 die digitale Textverarbeitung und fand digitales Schreiben kreativ, weil es nie „statisch“ sei. Weiter:
„Beim Durchkneten des Textes spüren Sie, wie er Schritt für Schritt dem nahekommt, was Sie sich 'eigentlich' gedacht haben. […] Sie als Autor fühlen sich nicht mehr gezwungen, alles im Kopf auszuformulieren, ehe Sie es zu Papier bringen. Ihre Gedanken zu einem Thema können sich allmählich beim Schreiben verfestigen.“
Das spielt an auf den Essay, „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Heinrich von Kleist (1805). Nähert sich digitales Schreiben tatsächlich derart der mündlichen Sprachverwendung an? Hier verwechselt der Autor der SZ etwas. Die Schriftsprache funktioniert so nicht. Es fehlt der Kommunikationspartner, ein Gegenüber. Gesprochene Sprache entsteht im situativen Beziehungsgeflecht der Kommunikationspartner. Geschriebene Sprache ist dazu nicht gemacht, erst recht nicht, wenn der Kommunikationspartner der Computer ist. Schreiben, wie die SZ hier darstellt, ist etwas ganz anderes als Schreiben im Sinne von Ideen fixieren, Aufzeichnungen machen, Texte reflektieren, Gedankenfolgen entwickeln. Mag sein, dass in der von der SZ gefeierten Weise gute Texte entstehen können. Doch ihnen fehlt die Langsamkeit. Das langsame Schreiben zwingt zum genauen Denken.
Im Jahr 1990 war der Presse zu entnehmen, der Semiotik-Professor und Erfolgsautor Umberto Eco halte den Computer für eine „spirituelle Maschine, weil er dem Geist beim Schreiben weniger materielle Hindernisse entgegensetzte. Man könne fast so schnell schreiben wie denken.
Oder etwa sogar schneller? Nachdem die AfD-Politikerin Beatrix von Storch im Februar 2016 bei Facebook befürwortet hatte, in Fällen illegaler Grenzüberschreitung auf Frauen und Kinder zu schießen, erntete sie einen Shitstorm. Tage später ruderte sie zurück und erklärte im Spiegel, sie sei lediglich auf ihrer Computermaus ausgerutscht.
Seit das digitale Schreiben die Verbindung zum Internet aufgenommen hat, erkennen wir seine Schattenseite. Frau von Storchs Mausrutscher und die vielen anderen Entgleisungen in Foren und vor allem im Mikroblogging bei Facebook, Twitter und dergleichen zeigen, dass es nicht wünschenswert ist, so schnell wie Denken zu schreiben.
Wie viel Törichtes denkt und sagt man so daher, ohne es gleich in die Welt zu lassen. Schreibblockaden und die Langsamkeit durch materielle Hindernisse hemmen die Verschriftlichung des Dummen und Banalen. Sie sind der Schließmuskel, der den Wortdurchfall hält und verhindert, dass Torheiten und Hasstiraden in die Welt gelangen, die Teile des Internets so unerfreulich machen. Früher entlarvte sich mancher Narr durch seine unbeholfene Handschrift und barbarische Orthographie. Heute kann er seine ungezügelt schießenden Gedanken ohne Aufwand in gefällige Druckbuchstaben kleiden und per Rechtschreibprüfung seine mangelnde Bildung kaschieren.
Texte im Internet, besonders in Foren oder Kommentarkästen sind in der Regel den mündlichen Äußerungen näher. Sie können in rascher Wechselseitigkeit entstehen.
Besonders der Faktor der Zeitnähe erlaubt keine geistige Distanzierung, kein Zurücklehnen zur Reflexion. Hinzu kommt eine gefühlsmäßige Beteiligung, eine innere Unruhe und Aufregung, die wir aus der gedruckten Schriftlichkeit nicht kennen, gegen die wir folglich nicht gewappnet sind.
Bei Diskussionen im Netz entsteht ein virtueller Stammtisch, auf dem Zettelbotschaften hin- und hergeschoben werden, die kaum einer noch richtig liest und versteht. Vor allem aber geht mit der anwachsenden Flut von Zetteln der Überblick verloren, weil es ermüdende Lesearbeit und strapazierende Erinnerung erfordern würde noch zu wissen, was bereits wie worüber gesagt wurde. So fallen bereits nach dreimaligem Hin und Her Sinn und Verstand unter den Tisch und werden ersetzt durch Emotionen. Da scheint sich zu bewahrheiten, was der Medienphilosoph Vilém Flusser schon 1990 angenommen hat, der Mensch müsse das alphabetische, lineare Denken aufgeben, wenn er sich im digitalen Zeitalter behaupten will.
Am virtuellen Stammtisch gibt es auch keine Autorität, vor allem nicht, wenn sich die Gesellschaft rein zufällig zusammenfindet. Es entsteht eine scheinbare Augenhöhe, die auch der Ungebildete selbstverständlich für sich beansprucht.
Wer sich im Dialog Aug in Aug über eine Äußerung ärgert, wird sein Gegenüber deshalb nicht beschimpfen. Da man sich aber im Internet maskiert begegnet auf einer Einkanalebene, die ihre anderen Kanäle allenfalls simuliert, können die Wogen hoch her gehen. Wer mir eine Beleidigung in Druckschrift entgegenschleudert, der aber tut es mit der weiter oben beschriebenen Macht. Da ist es fast ein Glück, dass diese Macht im Internet überstrapaziert wird und an allen Ecken und Enden bröckelt.
Diese negativen Erscheinungen treten primär in den Internetforen und im Mikroblogging auf. Andere Formen der Internetpublikation wie Weblog und E-Book sind noch stärker an den Maßstäben der Buchkultur orientiert. Hier zeigen sich die Vorzüge des neuen Mediums. Denen ist der folgende Abschnitt gewidmet.
Wer bei uns in ein Wahllokal geht, um auf einem Wahlzettel sein analphabetisches Kreuzchen zu machen, darf natürlich kein Analphabet sein, denn die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben ist erforderlich, wenn man an einer Alphabetkultur gesellschaftlich teilhaben will. Das gilt besonders für die Teilhabe an einer demokratisch organisierten Kultur. Die demokratische Teilhabe ist nicht selbstverständlich und steht auch nicht am Anfang der Entwicklung unserer Alphabetkultur. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war Geläufigkeit im Lesen und Schreiben nicht das erklärte Bildungsziel. 1872 schreibt der preußische Konsistorialrat Münchmeyer:
“Wo keine Lust zum Lesen ist, rege man sie nicht an. Es ist nicht zu wünschen, dass der Bauer Zeitungen liest, auch das Verlangen nach guter Lektüre soll, wenigstens unter Landleuten, nicht hervorgerufen werden.”
Im Jahr 1878 schreibt Staatsminister Hofmann anlässlich der ersten Beratung des Gesetzentwurfes zur Abwehr sozialdemokratischer Ausschreitungen im Reichstag:
„Wie leicht wird ferner all der gute Samen, den die Schule in das jugendliche Gemüt gestreut hat, zerstört und ausgerottet, wenn der junge Mann von dem Lesen, das er in der Schule gelernt hat, in der Weise Gebrauch macht, dass er sozialdemokratische Blätter studiert, wenn er etwa von seiner Fähigkeit im Schreiben [...] Gebrauch macht, um selbst Artikel in sozialistischen Blättern zu schreiben.“
Die Angst der herrschenden Elite, der einfache Landmann oder lohnabhängige Arbeiter könnte über das Lesen mit subversivem Gedankengut in Berührung kommen oder sogar seine Meinung schriftlich äußern und verbreiten, ist noch größer als der ökonomische Zwang zur schriftlichen Kommunikationsfähigkeit aller Bevölkerungsschichten. Der mit Beginn des 20. Jahrhundert sich abzeichnende Sinneswandel im staatlichen Bemühen um allgemeine Literalität und Bildung ist kein Akt der Menschenfreundlichkeit, sondern folgt ökonomischen Zwängen. Die sich rasch entwickelnde Wirtschaft benötigte Arbeiter, die Bedienungsanleitungen lesen konnten, Büroangestellte für die Korrespondenzen, Wissenschaftler und Ingenieure in großer Zahl, um die technische Entwicklung voranzutreiben.
Bildung steht immer unter dem Diktat der jeweiligen Machtverhältnisse, und die Bildungsinhalte hängen ebenso stark von den Bedürfnissen und Erfordernissen der Wirtschaft ab. Auch in unserer Demokratie nehmen Interessenvertreter aller wichtigen gesellschaftlichen Gruppen starken Einfluss auf die Lehrpläne, entscheiden also mit, was an den Schulen und Hochschulen gelehrt wird. Hier üben besonders die Interessenvertreter der Wirtschaft starken Druck aus, damit ihre späteren Arbeitnehmer über die erforderlichen Qualifikationen verfügen. Idealistisches Bildungsbemühen steht demnach immer im Spannungsverhältnis zwischen Erfordernissen der Wirtschaft und Bedürfnissen des Individuums nach Selbstbestimmung und Autonomie, was in den Präambeln der Schulrichtlinien „Mündigkeit“ genannt wird. Dem Sprachunterricht kommt hier große Bedeutung zu. Lernende sollen befähigt werden, Sprache als Element der Wirklichkeitserfassung zu benutzen, also zum unbevormundeten Bilden von Begriffen und mithin freiem Denken. Der Deutschdidaktiker Joachim Fritzsche hat diesen emanzipatorischen Ansatz schon in den 1970-er Jahren formuliert:
„Da Sprache durchaus ein taktisches Mittel zum Erreichen von Zwecken sein kann, da ferner die Menschen sehr unterschiedlich über dieses Mittel verfügen, erscheint es richtig, dass der Deutschunterricht alles tut, um die Ungleichheit zu beseitigen. […] Erfahrungen werden sprachlich, wenn schon nicht gemacht, so doch verarbeitet. […] Einen Sachverhalt begreifen heißt, ihn auf den Begriff zu bringen. Ich möchte dieses Begreifen, weil es etwas mit Bedeutungen zu tun hat, „semantisches Lernen“ nennen. […] Besondere Bedeutung kommt dem semantischen Lernen dort zu, wo die Sachverhalte ihre Bestimmtheit erst durch die Sprache erhalten, also im sozialen und politischen Bereich.“
Jede Minute, die ein Mensch dazu nutzt, sich hinzusetzen und schreibend seine Gedanken auszurichten, ist ein aktiver und freier Akt der Wirklichkeitsverarbeitung, ein Training der gedanklichen Begriffsbildung. Das verschafft Klarheit über die eigene Situation, man wird sich seiner selbst bewusst, denn (Zitat Fritzsche):
