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In "Das Verzeichnis" zieht sich ein reicher Ausländer in das düstere Ziegelgebäude einer ehemaligen Maastrichter Brauerei zurück und umgibt sich mit Stapeln von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften. Seine selbst gewählte Isolation lässt ihn zunehmend in surreale Vorstellungen abdriften, die von ihm Besitz ergreifen, bis er in der Unterwelt seiner Ideen ein unbestimmtes Ende findet. * * * Meuters Fluch - handelt von einem Kinomann, der durch Intrigen aus seinem geliebten Dorfkino vertrieben wird. Im Saalbau der Kneipe "Zum dreckigen Löffel" richtet er ein neues Kino ein, von wo ihn seine Peiniger ebenfalls vertreiben. Vor seinem endgültigen Verschwinden scheint er einen Fluch über den Saalbau gelegt zu haben, alle Nachfolger scheitern. Die düstere Geschichte wird erzählt aus der Sicht eines Jungen, der unter gruseligen Bedingungen auf dem Dorf aufwächst. Als Jugendlicher erlebt er das Ende von Meuters Fluch. * * * Eine Nacht im Reiffmuseum - Ein Kunststudent erwacht aus einem Traum und findet sich und seine Welt völlig verändert vor, aber als logische Folge seines Traums. Der Icherzähler soll sich zu einem Seminar im Reiffmuseum, einem zyklopenhaften Gebäude der Universität, einfinden, um den surrealistischen Film 'Der andalusische Hund' anzusehen. Er kommt 30 Jahre zu spät und irrt in dem bedrohlichen Gebäude umher. * * * Einstürzende Altbauten - Um der Kündigung durch seine despotische Chefredakteurin zu entgehen, beschließt ein Journalist eine Nacht im Pataphysischen Institut der Technischen Hochschule zu verbringen, um darüber zu schreiben. Was unheimlich beginnt, entwickelt sich zur grotesken Geschichte seines Scheiterns.
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Seitenzahl: 48
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Jules van der Ley
Das Verzeichnis
Vier unheimliche Geschichten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Verzeichnis
Meuters Fluch
Eine Nacht im Reiffmuseum
Einstürzende Altbauten
Impressum neobooks
Horror vacui
Vor vielen Jahren war er beim Bummel durch jene fremde Stadt in die Wycker Grachtstraat geraten, ohne rechten Grund, denn besonders ansehnlich ist die Wycker Grachtstraat trotz ihrer alten Häuserreihen nicht. Da war auch ein düsteres Ziegelgebäude, das die anderen Dächer mächtig überragt. Von weitem schon rätselte er, welchem Zweck es wohl dienen mochte, erst spät entdeckte er neben der geschlossenen Toreinfahrt ein dunkles Schild aus Messingblech, auf dem sich das Gebäude als „Bierbrouwerij De Keizer“ auswies. Es schien, als läge ein Schatten auf dem Gebäude, was wohl von den dunklen Ziegeln herrührte. Auch schauten die vier Fensterreihen düster drein, obwohl sie allesamt artige Fensterbögen hatten und von aufwendig gemauerten Friesen gesäumt waren. Die Scheiben der zwölf großen Fenster waren stumpf. Eine Sonne hatten sie jedoch nie gespiegelt, denn die Fassade zeigte nach Norden. Als man die Fenster noch putzte, war das große Tor gewiss den ganzen Tag über offen gestanden. Schon früh morgens wurde es aufgezogen, damit der Bierwagen herauskonnte, gezogen von vier keizerlichen Kaltblütlern. Und den ganzen Tag war ein Kommen und Gehen gewesen, so dass es auf dem Pflaster der Wycker Grachtstraat unentwegt rumpelte und klapperte.
Jetzt war es still in der Wycker Grachtstraat. Einzig aus einem der Häuser war das Rufen heller Stimmen zu hören, ein lauter Disput im kakophonen Dialekt der Stadt, den er nicht verstand, nicht verstehen wollte, denn es ist ja unbestreitbar, dass eine misstönende Sprache auch einen Missklang in den Charakter ihrer Sprecher bringt. Sie selbst merken freilich das eine wie das andere nicht. Sie kennen es nicht anders. Jedenfalls war etwas Befremdliches in den Stimmen, und das sagte: Wir sind hier unter uns und streiten so laut, wie wir lustig sind. Sogleich fühlte er sich als Eindringling, konnte jedoch seinen Blick nicht von der Fassade der „Bierboruwerij De Keizer“ losreißen. Ja, er nahm sein Notizbuch und begann sie zu zeichnen. Und weil er sich dabei beobachtet fühlte, missriet ihm die Zeichnung, war so krakelig, dass er sie später nachbearbeiten musste, wobei ihn sein schlechtes visuelles Gedächtnis immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Dann war er noch einmal zurückgegangen und hatte die Hausnummer neben der Toreinfahrt abgeschrieben. Die schrieb er groß an die Seite der Zeichnung. Wenige Monate später war er in die Stadt zurückgekehrt, hatte einen Makler aufgesucht, ihm die Zeichnung unter die Nase gehalten und gesagt: „Dieses Gebäude, Wycker Grachtstraße Nummer 26, will ich haben.“
Sein Bett hatte er auf der dritten Etage der entkernten Bierbrouwerij aufgeschlagen, irgendwo inmitten des schier endlosen Raumes. Da schien der Lichtkreis seiner Nachtlampe wie eine Insel, an deren Ufern die Dunkelheit brandet. Doch langsam begann er, die Halle zu erobern, weitete sein Reich aus, indem er sich mit Dingen des täglichen Lebens umgab. Dann wuchsen die Papierstapel, die sich später zu engen lichtlosen Gassen reihten. Es hatte damit begonnen, dass ihn die fixe Idee anflog, Rezensionen über philosophische und religiöse Werke zu verfassen, und zwar in so großer Zahl, dass täglich die diversen Paketdienste bei der Brouwerij vorfuhren und Rezensionsexemplare der Neuerscheinungen brachten. Deshalb ließ er bei Tag das große Hoftor offen stehen gleich einem gefräßigen Maul. Jeden Werktag pünktlich um acht entriegelte er die Torflügel und stemmte sie auf. Und hatte sich das Tor für den Tag satt gefressen, dann begann er mit dem Verdauen der Buchstapel, las, las quer, notierte, verzettelte und exzerpierte, und das stets bis 00:40 Uhr in der Nacht. Es hatte eine Weile gedauert, bis er diesen Zwang entdeckte, denn oft hatte er nicht auf die Uhr geschaut, wenn er die Arbeit nieder sinken ließ. Was es mit dieser magischen Uhrzeit auf sich hatte, und welche innere Uhreinstellung ihn stets zu dieser Zeit aus der Arbeit riss, entzog sich seiner Erkenntnis.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wann die Bierbrouwerij begonnen hatte zuzuwachsen, könnte es jedoch leicht herausfinden. Um an die Anfänge zu gelangen, müsste er nicht einmal die übermannshohen Papierstapel in einem der Laufgänge abräumen, Sedimentschicht um Sedimentschicht, wie es ein Archäologe tun würde. Nein, wenn er wirklich wissen wollte, wann seine Heimstatt zuzuwachsen begann, könnte er einfach nachschauen. Auf seinem Notebook existierte ein Verzeichnis aller Gegenstände und Schriftstücke, die in den letzten 15 Jahren den Weg in das Gebäude gefunden hatten. Das Verzeichnis hatte er entdeckt, lange bevor das Zuwachsen seiner Behausung begann. Und wie die Dinge um ihn herum sich wie von selbst zu vermehren schienen, schrieb sich auch das Verzeichnis ohne sein eigenes Zutun fort. Den Rechner allerdings müsste er suchen, denn er ist seit kurzem untergetaucht. Sein Mobiltelefon hatte er häufig gefunden, indem er es vom Festnetz anrief. Auf ähnliche Weise würde er auch sein Notebook wiederfinden, denn es würde Laut geben, sobald eine E-Mail eintrudelt.
Fatales kam aus Gras
