Nachtschwärmer Online - Jules van der Ley - E-Book

Nachtschwärmer Online E-Book

Jules van der Ley

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Beschreibung

Der Ich-Erzähler Trithemius lädt sein literarisches weibliches Du ein zu nächtlichen Traum-Reisen. Am Aachener Westbahnhof startet eine imaginäre Nachtdraisine, auf deren Plattform die beiden sitzen. Es gibt keine schützenden Wände, und so werden Natur, Landschaft, Bauten und Technik unmittelbar erlebt. Die Fahrt geht hinaus über eine Güterbahnlinie Richtung Moresnet und später weiter zur Maas, nach Maastricht, von dort über die Miljoenenline nach Valkenburg und Kerkrade. Die folgenden Reisen beginnen im belgischen Raeren und führen auf dem stillgelegten Vennbahngleis durch die Eifel - über Roetgen, Lammersdorf, Monschau, Kalterherberg in die belgischen Ardennen und zurück ins Münsterländchen, - nach Walheim, Kornelimünster und Stolberg-Breinig, wo sie vorläufig enden. Der Zeitraum der Handlung erstreckt sich vom Winter bis in den Frühling. Das nächtliche Erleben der Landschaft und des Wetters, die faszinierende Reise über das Schienennetz bilden den Rahmen für gedankliche Ausflüge an verschiedene Orte und in unterschiedliche Zeiten. Trithemius schildert die Landschaften der Reisen, die Gleisstrecken mit ihren stillgelegten Bahnhöfen, Tunnels und Viadukten, erzählt Begebenheiten aus seinem Leben, spricht über Sprache und Schrift sowie andere Aspekte der Mediengeschichte. Oft geht es auch um Alltagserfahrungen, Lebensphilosophie sowie Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Das zentrale Thema ist die menschliche Kommunikation. Gelegentlich wird der Erzählstrang unterbrochen, und der Leser gerät unvermittelt in historische Rollen.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jules van der Ley

Nachtschwärmer Online

Phantastischer Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ein Nachtbummel ...

Fastenspeise der Buddhisten

Tunneldurchfahrt um drei Minuten verkürzt

E-Lok oder Bernzieh

Madonna mit Schraubverschluss

Verehrte Kundschaft,

Heute mit Kerzenlicht

Es dreht sich

Auf dem Salvatorberg

Ich und Wir und die Hutbänder Elsässischer Frauen

Die Schreibmaschine fliegt einen Meter hoch

Viadukt von Plombieres - wir wagen es!

Von oben kommt noch was

Weiter nach Montzen

Der 5-Uhr-Zug überholt bei Montzen

Zwischendurch

Aufruhr in der Voer

Zwischendurch

Ambulante Diskotheken und ganzjähriger Weihnachtsschmuck

Freitag der 13. - Wir wagen etwas

Bitte den Bären nicht zanken

Von der Wärme des Versunkenen

Die neun Milliarden Namen Gottes

Wenn viele Wege zum Ziel führen - geh da, wo es nach Bratwurst riecht

Kippevel (Gänsehaut)

Jünger der Schwarzen Kunst

Jünger der Schwarzen Kunst (2)

Jüngling der Schwarzen Kunst

Jünger der Schwarzen Kunst (3)

Met de Nederlandse Spoorwegen naar Kerkrade

Über Spiegel

Epilog zu: Über Johannes Fust - (Berichtsheft (1))

Die Lib zu Christinen

Hand werfen

Der Onkel des Gynäkologen

Intarsien

Durchs Hochmoor mit Bleikugeln im Rock

Winden, wand, gewunden

Fass mal Papyrus an!

Über Wohlklang und Lärm

Die Biographie der Dinge

Ehrfurcht vor dem Wurm

Vergessene Gleise

Vals platt

Einatmen und Ausatmen

Abgefahren geträumt

Abgelegte Dienstmützen

Sehen - Vergessen - Behalten

Vom Herzen zur Stirn

Neige das Ohr deines Herzens

DEus zu dEUS

Andere Werke des Autors

Impressum neobooks

Ein Nachtbummel ...

... stünde vor der Tür. Also eigentlich stünden wir vor der Haustür und würden noch einmal die drei Stufen hinunter den Heckengang entlang an die Straße gehen.

Dann wäre es schön, die vierspurige Straße hinauf zu nehmen. Sie teilt sich allmählich, und hinter der Kreuzung erhebt sich zwischen den Fahrstreifen der Rest eines Berges. Die Kuppe ist noch da, dicht mit Büschen und Bäumen besetzt, und ganz oben steht ein Turm. Der lange Turm heißt er und so sieht er aus. Er ist der Rest einer alten Stadtumwallung, und soviel ich weiß, hat er hoch oben Studentenwohnungen.

Wir steigen die Treppe zum Turm hinauf. Schon oft habe ich an seinem Fuß gestanden und hoch geschaut. Da oben muss doch trotz aller Einschränkungen ein wunderbares Studierzimmer sein, hoch über der Stadt, den Talkessel zu Füßen. Da muss einer schon viel Stroh im Kopf haben, um da nicht ein Genie zu werden.

Vom Fuß des Turms kannst du die Stadt nicht sehen. Große Büsche versperren die Aussicht. Jetzt sind sie schwarz, doch bald ist Vollmond. Dann wird es anders sein.

Du gehst ein bisschen weiter nach Norden. Der Berg flacht sich ab, die Büsche lichten sich. Über dir weitet sich ein locker bewölkter Abendhimmel, und zu deinen Füßen liegt die glitzernde Stadt.

Denkst du nicht auch, da unten ist ein Wuseln, Brodeln und Sausen? Menschen, die faul vor dem Fernseher liegen, an der Matratze horchen, es miteinander treiben. Andere in erbärmlichen Zuständen fechten gerade den 200. Streit aus oder irren durch die nächtlichen Straßen; - was es halt so im Leben gibt.

Eine unfassliche Vielfalt da unten, und dabei ist es nur eine relativ kleine Stadt. Nimmst du die Fülle der Städte des Erdballs, dann ist’s ein Sausen, Brausen und Brodeln, Machen und Tun, dass einem glatt schwindelig werden kann.

Stell dir vor, du hättest eine magische Kamera. Und in dem Augenblick, in dem du dort stehst und über das Lichterfunkeln der Stadt zu deinen Füßen schaust, würdest du ein Foto aller Gehirne machen, das die in den Köpfen herumschwirrenden Worte speichert. Weißt du, was ich meine? Jeder hat doch ein Universum in seinem Kopf. Das besteht aus seinen Erinnerungen, seinen Erfahrungen, seinem Wissen, seinen Kenntnissen, seine Wünschen und Träumen. Mit jedem neuen Eindruck wird dieses Bild erweitert, wobei man das Neue da anleimt, wo es zu passen scheint. So hat also eigentlich jeder ein sich fortschreibendes Lebensbuch im Kopf, in dem er ständig liest. Und wenn du jetzt einen Schnappschuss von all diesen Lebensbüchern machen könnte, ja, hättest du dann nicht die unendliche Bibliothek, von der ein alter deutscher Science-Fiction-Autor mit Namen Kurt Lassnitz erzählt?

Doch einstweilen stehst du ja noch da oben. Du willst einfach mal in Ruhe gucken und dich nicht von mir zutexten lassen.

Wenn du genug geguckt hast, dann gehst du nach Hause und legst dich schön ins Bett.

Gute Nacht, meine Liebe

Fastenspeise der Buddhisten

Der Mond scheint uns auf den Rücken, denn wir gehen am Fuß des Langen Turms vorbei, bis zum Ende des Grüns und dann über die Straße.

Auf der Brücke hier stehe ich gern. Vor mir die Stadt und unter mir die Bahngleise des nahen Westbahnhofes. Sie kommen mehrgleisig unter der Brücke hervor und schwingen in einem großen Bogen aus dem Blickfeld. Im Hintergrund siehst du die angestrahlte Jakobskirche. Ihr Dach ist aus Kupfer und mit Grünspan überzogen.

Besonders eindrucksvoll ist der Blick auf die Gleise, wenn ein Güterzug und ein Personenzug gleichzeitig fahren. Sie bleiben eine Weile parallel, dann kreuzen sie, denn eine Trasse schwingt nach Süden, Richtung Hauptbahnhof, die andere nach Westen zur Stadt hinaus. Dazu müssen die beiden Strecken übereinander geführt werden. Ein Gleis überquert das andere und führt durch eine aus Bruchsteinen gemauerte Brücke mit großen Fensterbögen.

Schon oft habe ich mir gewünscht, einmal auf der Güterbahnlinie zu fahren. Denn wo wir sie aus den Augen verlieren, schwingt sie in eine Grünanlage, dann über eine Straße hinweg … kurz gesagt, sie führt genau an den südlichen Fenstern meiner Wohnung vorbei.

Es ist ohrenbetäubend, wenn du unten am Haus stehst und zwei dicke belgische Dieselloks hintereinander brausen über deinem Kopf vorbei. Sie müssen Gas geben, die Strecke steigt an und führt längere Zeit über einen gemauerten Damm.

Die Güterzüge kann ich leicht an ihrem Geräusch unterscheiden. Man müsste taub sein, das nicht zu hören. Die belgischen Dieselloks kommen zu zweit und drehen auf, wenn sie den leichten Anstieg über den Damm bewältigen müssen. Du kannst dir zwei Finger in die Ohren stecken, sie fahren trotzdem durch deinen Kopf. Die deutsche Bahn schickt E-Loks. Manchmal schiebt auch eine deutsche E-Lok eine belgische Güterlok an. Sie kann aber nur bis in den Gemmenicher Tunnel und kommt alleine zurück.

Ich hasse und liebe diese Züge. Es ist immer wieder aufregend, wenn sie vorbeiziehen. Doch die südlichen Fenster kann ich nachts nicht öffnen. Tja, diese schöne lichtdurchflutete Altbauwohnung mit einem Erkerfenster und so, die konnte ich mir woanders nicht leisten. Bald werde ich umziehen, mein Schlaf ist zu unruhig. Trotzdem werde ich die Eisenbahnen vermissen.

Jetzt aber zur Fahrt auf der Güterbahnlinie...

Noch mal zurück an den Westbahnhof, auf die Gleisstrecke geschaut, der Mond schön am Himmel neben dem Turm der Jakobskirche … es wäre doch blöd, mit einer fauchenden Diesellok zu fahren. Nein, ich fände gut, da unten auf dem Gleis hätten wir eine Draisine. Eine offene Plattform auf vier Eisenbahnrädern. Und wie sie angetrieben wird, ist egal. Hauptsache, man hört es nicht. Nur das Rollen der Räder auf den Schienen.

Eisen auf Eisen rollt sich ab,

Rad und Schiene gibt sich den Kuss.

Mal geht es hinab, dann wieder hinauf,

Hier fremder Wille, dort freier Lauf.

Kannst du dir vorstellen, auf der Plattform der Draisine sitzt man zu zweit, dick eingepackt und braust über das Gleis gen Westen? Man hat den kalten Nachtwind im Gesicht, sitzt gut und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein? Dann geht es zuerst den Damm hinauf, damit wir die andere Strecke kreuzen können, und dann hinein in die Schwärze der gemauerten Brücke. Durch die Fensterbögen blinken und flackern die Lichter der Stadt, du siehst Nachtschwärmer über eine Kreuzung gehen. Doch wir sind nicht wie sie, denn wir sind rasende, sausende Nachtschwärmer, wir rollen Eisen auf Eisen Richtung Grün.

Dann ist auch schon die Straßenbrücke erreicht, du siehst mein Haus und Licht hinter meinem Erkerfenster. Ich sitze nämlich gerade dort und schreibe diesen Text. Ist das nicht verrückt?

Ja, du kannst einmal winken, vielleicht schaue ich zufällig raus. Das tue ich auf jeden Fall, bevor ich zu Bett gehe. Dann klemme ich zum Lüften nämlich das Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ von Herrn Sick in den Fensterrahmen, damit das Fenster nicht zufällt, während ich im Bad bin.

Der Titel ist eigentlich ein bärtiger Linguistenwitz. Und inhaltlich stimmt er nicht. Das Schwinden des Genitivs ist ein Märchen, gilt allenfalls für die Umgangssprache.

Sprachpfleger sind mir nicht geheuer. Sie kommen wir vor wie Kleingärtner, die den Regenwald jäten wollen. Sprache muss leben. Und damit sie lebt, muss es auch Wildwuchs geben.

Sollen wir ein Stück weiter fahren auf dieser feinen Güterbahnlinie?

Na gut, bis zur nächsten Brücke. Wir halten an der Unterführung, damit ich noch nach Hause laufen kann.

Kannst du dir vorstellen, wie du den Fahrtwind im Gesicht hast und wie der Schotter des Gleiskörpers dicht unter dir vorbeiflitzt? Etwas Ähnliches habe ich einmal erlebt, als nicht viel Licht in meiner Welt war. Ich hauste dunkel, mir ging es schlecht.

Natürlich gab es auch in dieser Zeit glückliche Momente, und von einem erzähle ich.

Ich ging so trüb die Straße entlang, da bremst neben mir ein altes Seitenwagengespann. Und wer hält den Lenker? Mein alter Freund Nebenmann.

Er sagt: „Willst du nicht mitkommen? Ich treffe mich gleich mit meinem Sohn, wir wollen indonesisch essen.“

Ja, gut, aber wie?

„Du kannst im Seitenwagen sitzen“, sagt er. „Ist nur leider keine Sitzbank drin.“

„Wenn’s weiter nichts ist“, sage ich und klettere hinein.

Da sitze ich am Boden, hab ne dicke Plane vorm Bauch, und er braust los. Das war vielleicht ein Erlebnis! Die Haare flogen mir, sie holten mich kaum mehr ein, und direkt unter meiner Nase hatte ich den flitzenden Asphalt. Und dann die Fliehkräfte. So ein Gespann fährt starr um die Kurven. Da hast du im Seitenwagen mindesten 2G.

Jedenfalls hatte ich ordentlichen Hunger, als wir mit Nebenmanns Sohn im indonesischen Restaurant saßen. Ich habe, glaube ich, die „Fastenspeise der Buddhisten“ gegessen.

Sie war gut.

Gute Nacht, meine Liebe!

Tunneldurchfahrt um drei Minuten verkürzt

Einen Mond haben wir auch. Er steht hoch am Himmel, doch immer wieder bläst der Wind ihm Wolkenschleier ins Gesicht. Hoffentlich zieht es sich während der Fahrt nicht zu, damit wir unterwegs auch etwas sehen. Denn hinter der Stadtgrenze ist unsere Strecke ziemlich finster.

Wir steigen zuerst die steile Böschung hinab.

Man darf es eigentlich nicht. Es ist Bahngelände.

Drüben auf der anderen Seite des Gleiskörpers böscht sich der Bahndamm ab. Tief unten liegt ein kleines Brachgelände. Früher, als ich noch studierte, war es deutlich größer.

Eines Tages - pass auf, hier wird es steil! - kam einer zu mir, dem ich viel verdanke. Ein seltsamer Mann. Riesengroß, zwei Doktortitel und immer gut gelaunt. Ich hatte ihn beruflich kennen gelernt, und er ermunterte mich zu studieren. Er förderte mich auch, wo er konnte. Doch er war und blieb ein seltsamer Mann.

Wir überqueren jetzt die Gleise. Hoffentlich kommt kein Zug. Es sind viele Gleise, und ganz hinten auf einem überwucherten Abstellgleis wartet die Draisine, die uns nach Belgien bringen wird.

Der Mann also kam eines Tages zu mir und sagte: „Ich habe eine Idee für dich. Eröffne doch eine Dissertationsdruckerei. Da kannst du leichter dein Geld fürs Studium verdienen.“

Er ging mit mir auf einen Parkplatz, und von dort schlug er sich vor mir in die Büsche. Auf einer Lichtung fanden wir eine verfallene Nissenhütte. Nein, das hat nichts mit Nissen zu tun, obwohl man denken könnte, wer in so einer Bude haust, schläft auch bestimmt in seinen verlausten Kleidern. Benannt sind diese Behelfswohnungen trotzdem nicht nach den Läuseeiern, sondern nach dem englischen Offizier Peter Nissen. Er hat sie erfunden. Nissenhütten haben oben ein gewölbtes Dach aus Wellblech. Nach dem 2. Weltkrieg hat man in Deutschland viele davon errichtet. Die Leute mussten ja irgendwo unterkriechen, nachdem alle Häuser zerbombt waren.

Wir stehen also vor der Nissenhütte, und er sagt: „Hier machst du deine Druckerei auf!“

„Was? In dieser verrotteten Bude? Da kriege ich ja die Krätze!“

In der Küchenecke stand ein alter Kohlenherd. Auf der Kochplatte ein verbeulter Aluminiumtopf. Und darin stak ein dicker Stapel alter Schwarzweißfotos. Ich hab’ bis heute keine Idee warum. Wozu sollte man Schwarzweißfotos kochen? Schwitzen sie dann vielleicht ihr Silber aus? Keine Ahnung. Jedenfalls, als ich die Fotos herauszog, störte ich Kakerlaken auf. Sie wischten wie irr über die Herdplatte und schossen hin und her, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatten zu verschwinden. Da hab’ ich die Fotos unbesehen wieder in den Topf gesteckt.

In der Ecke eine Matratze mit einer Decke und Sachen in Plastiktüten, ein Berberlager. Wir wieder raus. Man will doch einem armen Mann die Wohnung nicht streitig machen.

Hinter der Nissenhütte ragte der Bahndamm auf. Der Vovorbewohner war ein Freund meines Förderers gewesen. Er hatte aus dem Bahndamm ein großes Stück ausgeschachtet, um seinen Hinterhof zu vergrößern.

Man darf es natürlich nicht. Du weißt schon, es ist Bahngelände. Das warf in meinen Augen kein gutes Licht auf den Freund meines Förderers.

Komm, wir machen es uns auf der Plattform der Draisine bequem. Bist du warm genug angezogen? Nicht dass du nachher meine Jacke haben willst, und ich friere mir unterwegs den Arsch ab.

Willst du wissen, wie die Geschichte weitergeht? Kannst dich ja inzwischen warm einpacken.

Der Typ hatte nur kurz in der Nissenhütte gewohnt. Dann war er als Austauschstudent nach Bolivien gegangen. Dort verliebte er sich in eine Frau. Oder es war umgekehrt. Jedenfalls, nach einem Jahr und etwas mehr, er ist zurück in Deutschland und gut mit einer Frau aus der besseren Gesellschaft verlobt, steht eines Tages die Bolivianerin mit zwei Koffern vor seiner Tür. Die ganze Familie Esmeralda oder wie sie hieß hatte zusammengelegt für das Flugticket, weil man der Ansicht war, der Deutsche hätte der Frau die Ehe versprochen.

Und dieser Kerl nicht faul, muss sie ja zuerst mal aufs Eis legen. Darum hat er sie für eine Weile in dieser Nissenhütte einquartiert. Da wird sie ordentlich gefroren haben.

Jetzt aber los, wir sitzen gut, die Draisine kann endlich anrollen. Den Anstieg hinauf, in die gemauerte Brücke hinein, durch die Torbögen sehen wir im Licht der Stadt einige Nachtschwärmer links und rechts. Jetzt geht es schnell, denn wir müssen durch den kleinen Park, dann taucht die Brücke auf, mein Haus, - ich winke nicht, denn ich treibe die Draisine an.

Eine ganze Weile rollen wir geradeaus. Das sieht bei Schienensträngen einfach gut aus, vor allem, weil wir so dicht über dem Schotter entlang flitzen. Nein, unsere Räder haben keine Macke. Das Tocktock entsteht, wenn sie über Schweißnähte der Schienen rollen. Es ist ein angenehmes Geräusch, findest du nicht? Irgendwie beruhigend. Pass auf, dass du mir nicht einschläfst.

Wir rollen unter einer Brücke hindurch. Guck mal dort rechts, die Häuser erinnern mich an Pueblos, wie sie terrassenförmig am Königshügel kleben. Die Besitzer klagen schon seit Jahren gegen die Bahn. Der Lärm der Dieselloks nervt ja nicht nur, sondern mindert auch den Wert der Häuser. Die Bahn sagt: Wir waren zuerst da. Wer an einer Bahnlinie baut, darf sich nachher nicht beschweren.

Gleich nähern wir uns dem Westfriedhof. Dann wird es ein wenig unheimlich.

Wir halten mal eben an und werfen einen letzten Blick zurück auf die Stadt. Der Blick über den Aachener Kessel und hoch oben der Mond, das ist schon ein Innehalten wert. Na ja, die Wolken. Wenn sie so tief hängen wie heute, bescheint sie das Licht der Stadt von unten. Dieser milchigorange Himmel sieht ja ganz artig aus, er ist aber eigentlich kein gutes Zeichen. Der Farbe hat etwas mit den Schadstoffen in der Luft zu tun, was meinst du?

Der Turm, der alles überragt, den kennst du von gestern schon. Das ist die Jakobskirche.

Warum mein Förderer ein seltsamer Mann war? Da könnte ich dir vieles erzählen. Ein Beispiel: Am 20. Juli 1964, etwa zehn Jahre, bevor ich ihn kennen lernte, hat er mit anderen die Bühne des Aachener Audimax gestürmt und Joseph Beuys ins Gesicht geschlagen. Das geschah beim legendären Fluxus-Festival der Neuen Kunst, das, wie die Aachener Nachrichten damals freundlich vermeldeten, „einen physisch ausgetragenen Konflikt zwischen Akteuren und studentischem Publikum sowie eine Strafanzeige zur Folge hatte. Das Foto des blutenden Joseph Beuys, der mit einem Kruzifix in der Hand gegen die Menge der Studenten tritt, gehört zu den berühmtesten Dokumenten dieser Zeit.“

Als ich den Mann kennen lernte, wusste ich nichts davon. Er war längst kein Student mehr, sondern hatte bereits zwei Doktortitel, ein Diplom der Ingenieurswissenschaften und besaß eine Hochschulzeitschrift, die ihm über Anzeigen gutes Geld einbrachte. Für diese Zeitschrift zeichnete ich bald Cartoons. Ich bekam dafür kein Geld, sondern Bücher, das heißt, ich durfte mir Neuerscheinungen aussuchen, die er bestellen ließ. Die Verlage legen den Büchern „Waschzettel“ bei und erwarten, dass als Entgelt für das kostenlos zugesandte Buch eine Rezension in der jeweiligen Zeitung oder Zeitschrift erscheint.

Zu dieser Zeit begann ich mein Studium, das ich durch allerlei Arbeiten finanzierte. Da hatte ich keine Zeit, die Bücher sorgsam zu rezensieren, auch nicht die Qualifikation, denn wie gesagt, ich war noch jung. Also nahm ich die Texte der Waschzettel, strich sie zusammen, und so wurde die Rezension dann in der Zeitschrift abgedruckt. Der Mann sagte mir, dass es alle so machen. Doch koscher war es nicht.

Ich weiß nicht, warum er mich förderte. Wir hatten nicht die gleichen Ansichten über die Welt. Eine ganze Weile ließ ich mir helfen von dem Mann, der Joseph Beuys ins Gesicht geschlagen hat, was mir heute seltsam erscheint.

Wie auch immer. Reiß dich los, meine Liebe, wir fahren jetzt weiter. Die Draisine rollt an. Hoffentlich wird sie bald schneller, denn am Westfriedhof ist es ein bisschen gruselig. Das erste Stück geht, da haben wir zwischen uns und dem Friedhof noch die Bleiberger Straße. Leider endet sie an der Brücke über die Vaalser Straße, und dann rücken die Gräber bis nah an den Gleiskörper. Das einsame Haus dort war vielleicht einmal ein Bahnhofsgebäude, doch wenn du genau hinguckst, siehst du auf den Ziegeln der Hausfront die blasse Aufschrift „Friedhofsgärtnerei“.

Das Gebäude steht leer, seit ich in Aachen bin. Ich kenne es nicht anders. Die Leute sparen ja immer mehr bei der Friedhofskultur. Das habe ich letztens im Fernsehen gehört, da ging es um Pappsärge aus Holland. Man will sie eventuell auch in Deutschland genehmigen.

Hör mal, zu Rosenmontag war ich einmal in einer Kneipe im Kölner Severinsviertel. Da lernte ich einen Mann kennen, der eine Kalenderdruckerei hatte. Er ließ irgendwie die Nase hängen, was aber nichts mit den Kalendern zu tun hatte, sondern mit seiner Frau. Jedenfalls war er nicht recht bei der Sache, was karnevalistische Fröhlichkeit betrifft. Und weißt du, wann er dann endlich auftaute und so richtig lebendig wurde? Als er mir von seinem Begräbnisverein erzählte.

„Wie kommt man darauf, einen Begräbnisverein zu gründen?“, habe ich gefragt.

„Wir haben uns gesagt, aus dem Alter, dass wir Hochzeiten und Kindstaufen feiern können, sind wir raus. Was jetzt noch kommt, sind Beerdigungen. Darum haben wir den Begräbnisverein gegründet.“

„Und was macht ihr so?“

„Wir besichtigen Friedhöfe, und letztens haben wir ein Krematorium besucht“, hat er gesagt und sein Kölsch gekippt. Und wie er sich so erinnert hat an die ganze Technik in einem Krematorium und dass nach der Leichenverbrennung in der Asche noch die Knochen rumliegen, da konnten ihm auch die Karnevalswagen vor den Kneipenfenstern die Laune nicht mehr verderben, hehe.

Hör mal, ich will mich gar nicht über ihn lustig machen. Vielleicht fühlt man sich wirklich erst so richtig lebendig, wenn man das Thema Tod nicht verdrängt. Man kann ja eine Sache am besten genießen, wenn man auch das Gegenteil vor Augen hat. Wenn du zum Beispiel einen freien Tag hast, dann ist die Freude am größten, wenn du weißt, dass die anderen an deinem freien Tag arbeiten müssen.

Was da zwischen den Bäumen und Büschen blinzelt, sind übrigens die Grablichter, das kannst du dir denken. Es dauert jetzt eine Weile, bis wir den Westfriedhof hinter uns haben. Wusstest du eigentlich, dass Fasane nachts aufbaumen? Wirklich, diese großen plumpen Vögel fliegen zum Schlafen auf die Bäume. Da können wir nur hoffen, dass sie sich unseretwegen nicht erschrecken. Denn wenn sie aus den schwarzen Fichten auffliegen, das macht einen höllischen Flatterlärm. Falls dir das Angst macht, kannst du ja ein bisschen näher heranrücken und wenn nötig für einen kurzen Moment in mich hineinkriechen.

Ah, das tat gut.

Was ist, meine Liebe? Brauchst doch nicht gleich ängstlich zu ducken, wenn so ein Federvieh sich erschreckt. Guck, da rechts auf dem neu bebauten Hügel soll irgendwo der Oberbürgermeister von Aachen wohnen. Das finde ich besser, als würde er an dem anderen Tunnel der Stadt wohnen. Denn dort ist der Geldadel von Aachen zu Hause.

Gott, jetzt wird es finster. Hier gibt es nur Wiesen und Büsche. Bist du auch so nass im Gesicht? Kein Wunder, bei dieser Luftfeuchte. Ein Glück, dass du meine Jacke nicht brauchst.

Was da so bedrohlich vor uns aufragt? Da versperrt uns ein stattlicher Berg den Weg. Keine Angst, es gibt ein Durchkommen. Wir sagen gleich den Lichtern des Bauernhofs tschüss, tauchen in einen Hohlweg ein und sausen auf den Tunneldurchstich zu. Der Tunnel reißt das finstre Maul auf, und schon sind wir drin.

Wir sind unter der Erde. Jetzt drückt uns der höchste Berg der Niederlande auf die Ohren. „Drielandenpunt“ heißt er. Drei Länder stoßen dort oben aneinander.

Weißt du, was ich vergangene Nacht getan habe? Ich konnte nicht schlafen, und irgendwann habe ich den Fernseher eingeschaltet. Auf dem Ersten Programm fuhr man wie ein Lokführer über eine der schönsten Eisenbahnlinien der Welt. In Österreich war es, glaube ich.

Einmal tauchte die Lok in einen langen Tunnel. Zu sehen war nix. Als ich dachte, och, hier ist es aber finster, da tauchte eine Schrifteinblendung auf:

„Tunneldurchfahrt um drei Minuten gekürzt“

Und dann kam Licht in den Tunnel und man fuhr wieder hinaus in die Landschaft. Ich dachte, das ist die Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Von den Schlaflosen vor der Glotze hätte doch keiner gemerkt, dass die Tunneldurchfahrt verkürzt war. Dass sie es trotzdem einblenden …, und da sagst du immer, es gibt keine journalistische Sorgfalt mehr.

Wie, das hast du nie gesagt?

War ja auch nur ein Spaß.

Wir machen es jetzt genauso, meine Liebe, verkürzen die Tunneldurchfahrt um drei Minuten. Denn wir wollen endlich raus aus der Finsternis. Man sieht ja die Hand hinterm Rücken nicht. He! Brauchst nicht gleich wieder zu zucken. Du hast keine Hand hinter deinem Rücken. Es war nur eine spaßhafte Wendung.

Da, das Ende des Tunnels. Wir sausen hinaus. Es ist wie eine kleine Neugeburt, findest du nicht? Gut, der Wald ist ziemlich dunkel. Doch bald machen wir Station im belgischen Moresnet. Dort sehen wir einen Kalvarienberg und daneben eine Wallfahrtskapelle. Die gucken wir uns in der kommenden Nacht an. Und wir gehen auch hinüber in ein uriges Café.

Kommst du wieder mit morgen Nacht?

Dann kriegen wir jetzt den Dreh. Sagen uns Tschüs und gute Nacht, ein trockener Kuss geht hin und her. Deine Lippen sind kalt. Fühlt sich trotzdem gut an.

Mindestens so gut, dass man davon träumen kann.

Gute Nacht, meine Liebe

E-Lok oder Bernzieh

Unsere Strecke, das muss ich jetzt einmal sagen, ist natürlich nicht immer frei. Es kommen uns manchmal Güterzüge entgegen. Wir können von Glück sagen, wenn es nicht gerade im Tunnel passiert. Dann würde es sehr laut oder schrecklich laut, je nachdem. Die deutschen Loks sind nur laut, sie fahren mit Strom. Doch im Tunnel endet die Oberleitung. Also fahren die deutschen E-Loks wieder zurück, nachdem sie den donnernden, fauchenden belgischen Dieselloks geholfen haben, den Anstieg zu nehmen.

Übrigens, E-Lok: Der „Allgemeine Deutsche Sprachverein“, der sich heute „Gesellschaft für Deutsche Sprache“ nennt, war zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft ganz wild darauf, die deutsche Sprache zu reinigen. Sie haben Fremdwörter gejagt wie die Irren. „Elektrizität“ sollte „Bern“ heißen. Nach Bernstein, der ja elektrisch wird, wenn man ihn an Wolle reibt. Jedenfalls hieß die E-Lok nach ihrem Willen eine Weile „Bernzieh“. Und aus dem „Apotheker“ machten sie: „Gesundheitswiederherstellungsmittelzusammenmischungsverhältniskundiger“.

Das ist meines Wissens das längste Wort der deutschen Sprache. Vielleicht steht es in einem alten Duden? Es könnte aber auch von Turnvater Jahn stammen. Der hat im 19. Jahrhundert Fremdwörter gejagt. Ist ja auch irgendwie Sport.

Bist du eigentlich warm genug angezogen? Nicht, dass ich am Ende noch am Nachtschalter ein Gesundheitswiederherstellungsmittel besorgen muss.

Wir steigen wieder die Böschung zum Gleiskörper hinab. Hier ist es rutschig von unseren Füßen gestern. Pass gut auf deine Füße auf, Pflaster habe ich nicht.

Kein Zug zu sehen? Dann rasch über die Gleise!

Kennst du den Witz, als Tünnes den Scheel trifft, der auf Socken über ein Bahngleis läuft?

Ist aber ein Sparwitz, halt dich fest! Nicht an mir, sonst rutsche ich auch.

Scheel fragt den Tünnes: Warum läufst du auf Socken?“

Tünnes sagt: „Hier steht es doch: G(e)leise nach Köln!“

Die Klammern habe ich gesetzt, falls du zu müde bist, den Witz zu verstehen. Lach nicht, das ist ernst.

Also, da vorne steht die Draisine. Rauf mit uns, wir fahren sofort los! 15 Minuten nach uns startet vom Westbahnhof ein langer Güterzug. Bringt Autos von Köln über Aachen nach Belgien. Dann sind wir schon weg. Wir sitzen gut, du bist eingepackt, lehnst dich irgendwo an. Bei mir oder nicht, das musst du entscheiden. Hauptsache wir sitzen beide bequem.

Den Anstieg hoch, in die gemauerte Brücke hinein, Eisen auf Eisen rollt sich ab. Du winkst mal nach unten den Leuten zu, gleich an der Straße, wo wir das Schindeldach sehen. Wir rollen durchs Grün, bei mir entlang...

... doch wir sausen vorbei, wir wollen was erleben.

Wir werden sehr schnell, denn wir halten jetzt nicht, damit wir heute den altbelgischen Ort Moresnet erreichen.

Da ist auch schon der Friedhof. Er schreckt uns heute nicht, wir haben ja schon gestern einmal gezuckt. Das langt für die nächsten Wochen.

Herr Oberbürgermeister, Sie sind noch auf, dort oben in Ihrem schönen Neubau? Was wird denn heute Nacht noch so regiert? Ehrlich gesagt, wir wollen es nicht wissen. Denn wir haben gestern nicht richtig geguckt. Im Tal vor dem Drielandenpunt gibt es eigentlich eine schöne Landschaft zu sehen. Wenn es heller wäre jedenfalls. Die Lichter der Bauernhöfe reichen nicht weit. Ein paar Stallungen sehen wir noch, das fahle Mondlicht auf den Wiesen. Zu unserer Linken ahnst du den Saum des Stadtwaldes. Dort oben bin ich oft schon gegangen. Man sieht ins weite Tal hinab und kann mit den Augen den Gleisen folgen, bis sie dann im Gemmenicher Tunnel verschwinden. Der Name Gemmenich leitet sich vermutlich von Gemme ab, einem alten Wort für Edelstein. Man hat nämlich in der Gegend Galmei gefunden, ein Mineral für die Zink- und Messingherstellung.

In der Mitte der Tunnelröhre verläuft die Grenze zwischen Deutschland und Belgien. Da hört wie gesagt die Elektrifizierung auf. Die belgische Eisenbahn arbeitet schon Jahrzehnte mit „Hochdruck“ daran, ein kurzes Stück fehlender Elektrifizierung zu schließen. Das muss man verstehen. Belgien hat drei Kulturen, die Deutschsprachige Gemeinschaft, die Wallonische und die Flämische. Alles muss in drei Landessprachen verhandelt, beschlossen und dokumentiert werden. Der Gemmenicher Tunnel führt ins alte Neutral-Moresnet, ein von 1816 bis 1919 bestehendes, etwa vier Quadratkilometer großes neutrales Territorium zwischen dem Vereinigten Königreich der Niederlande, dem Königreich Belgien und dem Königreich Preußen Ab 1907 gab es eine Gruppe Esperanto-Anhänger. Sie wollten aus Neutral-Moresnet einen Esperanto-Staat mit Namen Amikejo bilden. Amikejo ist Esperato und bedeutet „Ort der Freunde“. Der Chefarzt der Erzgrube, Wilhelm Molly, wollte in Neutral-Moresnet den ersten Esperanto-Staat der Welt ausrufen.

Einmal musste sogar der Thalys durch den Gemmenicher Tunnel fahren, weil der Aachener Buschtunnel kurzzeitig gesperrt war. Ich hörte ihn, derweil ich am Rechner saß. Sein Geräusch ist unverkennbar. Daher schaute ich zu meinem Erkerfenster hinaus, sah den Thalys vorbeiziehen und habe mich gewundert, dass dieser französische Hochgeschwindigkeitszug auf dem Gleis beliebt zu fahren, auf dem auch unsere Draisine fährt.

Was meinst du, sollen wir halten? Es ist besser, wir lassen zuerst die Diesellok passieren, damit sie uns nicht im Tunnel erwischt. Inzwischen erzähle ich dir etwa über den Dreiländerpunkt.

Man kann dort oben um eine kurze Säule laufen, dann ist man in Deutschland, in den Niederlanden und in Belgien in einem Rund. Die Reihenfolge gilt natürlich nur, wenn du links herum läufst.

Die Belgier wie die Niederländer haben auf dem Dreiländerpunkt Andenkenbuden. Auch zwei Aussichtstürme gibt es. Der belgische ist gleich hier über uns, der niederländische weiter nördlich.

Es gibt auch ein ziemlich weitläufiges Heckenlabyrinth, da aber im Winterhalbjahr geschlossen hat. Im Sommer schießen aus den Wegen Wasserstrahlen auf. Das wollte man bei diesen Temperaturen nicht haben.

Der Drielandenpunt ist der höchste Berg der Niederlande. Auf diesen Berg sind die Holländer stolz. Touristenströme im Sommer, ganze Busladungen von Menschen, Fotos am Drielandenpunt, Hütchen aus dem Büdchen, das ganze Programm.

Doch in einem Sommer haben die Gemeinderäte von Vaals ein Stück des Berges an die Jünger des Mahareshi Yogi verkauft. Da weißt schon, das sind die von der Transzendentalen Meditation. Sie wollen auf dem Drielandenpunt ein Zentrum, einen Tempel errichten, um die Welt zu missionieren, quasi zu erlösen. Der Platz sei ideal, sagen sie, weil die Niederländer inzwischen ein friedliches Volk sind. Man hat also passender Weise einen Irrgarten gekauft. Übrigens hat es zum Auftakt der weltweiten Menschenverirrung auf dem Drielandenpunt eine Elefantenprozession gegeben. Religion braucht Brimborium.

Ja, guck nur hoch! Da oben liefen Elefanten rum! Ich habe auch gestaunt. Und noch mehr habe ich gestaunt, als ich mit meinem Freund Nebenmann einmal im Holz war, und unten auf der Maastrichter Laan rollten sieben cremefarbene Stretch-Limousinen vorbei. Darin saßen die „Könige“ der Transzendentalen Meditation. Sie hatten den Drielandenpunt besucht.

Ist doch jeck, oder?

Ich höre was, die Diesellok! Der Tunnel wirkt wie ein Schalltrichter. Komm, wir halten uns die Ohren zu und ducken uns, bis die der Güterzug vorbei ist.

Uff, das wäre überstanden, und ich glaube, wir leben noch. Das war eine wilde Musik aus Motorkrach und Eisen, nicht wahr? Mir singen die Ohren, als wäre mein Kopf mal ein Amboss gewesen.

Komm, wir fahren, rollen gemächlich auf den Tunnel zu und lassen die Elefanten einfach Dickhäuter sein. Das ist Journalistenschnack. Schreibst du zuerst „Elefant“, dann sollst du bei der nächsten Erwähnung ein anderes Wort verwenden. Ein Synonym. Jetzt sag mir mal ein gescheites Synonym zu „Elefant“? Das ist doch albern, oder? Irgendeiner hat sich mal den „Dickhäuter“ rausgewrungen, und jetzt lernt jeder drittklassige Zeitungsschreiber, dass man statt Elefant Dickhäuter schreiben soll. Einen Radfahrer nennen sie bei der zweiten Erwähnung „Pedaltreter“, danach „Pedalritter“. Eigentlich ist Pedaltreter sachlich falsch. Autofahrer treten das Kupplungs-, das Brems-, das Gaspedal, Radfahrer treten eine Kurbel.

„Pedaltreter bei einem Unfall ums Leben gekommen. Drahtesel verbogen.“

Möchtest du so blöd sterben? Ich nicht.

Der Sohn des Bürgermeisters heißt beim zweiten Erwähnen „Sprössling“. Es ist Schreiben ohne Denken, oder?

Genug der Klugscheißerei. Ich könnte dir noch erzählen, dass auf der deutschen Seite des Drielandenpunts ein Nudistencamp liegt. Ob die jetzt da oben nackt in ihren Holzhäusern sitzen und haben nur eine warme Mütze auf dem Kopf?

Da habe ich es doch lieber umgekehrt. Bin gut eingepackt und habe den Kopf frei. Ach, du bist von meinem Gerede ganz schläfrig geworden? Dann lehne einfach den Kopf bei mir an. Es ist ganz harmlos, versteht sich.

Halt, du nicht! Du bist ein Mann. Stell dir eine Frau neben dir vor. Wenn du darauf stehst, meine ich. Tut mir leid, falls du zufällig auf Männer stehst, - in meinem Alter will ich nicht mehr umschulen.

Wir rollen jetzt auf das Tunnelmundloch zu. Willst du eine lange Durchfahrt oder eine verkürzte? Komm, nimm die verkürzte. Wir sehen sowieso nichts.

Das Tunnelende. Wir flutschen raus aus dem Kohlensack, ein Glück. So ein Wald bei Nacht ist immer noch heller als ein Tunnel.

Bist du eigentlich wirklich schon müde? Ich habe den Eindruck, oder bin ich es selbst?

Wir halten jedenfalls gleich. Bald lichtet sich der Wald, und auf der rechten Seite tauchen die Lichter von Moresnet auf.

Vielleicht sollten wir zuerst ins Café gehen, damit dir wieder warm wird. Die Müdigkeit kühlt doch ziemlich aus, nicht wahr?

Ah, die Tür ist noch auf. Wir gehen einfach hinein. Wir sind die einzigen Gäste. Kein Wunder, denn in Moresnet werden schon früh die Bürgersteige hochgeklappt.

Gleich kommt Madame Grosch und fragt uns, was wir möchten. Ich hoffe, du kannst Esperanto. Na, hör mal, du als Cosmopolitin! Komm, wir suchen uns einen Platz am Fenster. Guck mal stiekum, Madame Grosch hat schon die Pantoffeln an. Sie wollte eigentlich ins Bett.

Da gehören wir zwei auch hin. Wir trinken unseren Tee, und dann gehst du in deins und ich in meins.

Gute Nacht, meine Liebe.

Madonna mit Schraubverschluss

Glaubst du eigentlich, dass es draußen angenehmer ist, wenn der Wind aus Westen kommt?

Guck mal zum Fenster hinaus. In welche Richtung neigen sich die Bäume vom Moresneter Kalvarienberg? Nicht zu sehen bei der Dunkelheit?

Sag mal, Madame Grosch wird gleich kommen und uns unwirsch fragen, ob wir etwa noch was trinken wollen. Sie war ja schon auf dem Sprung ins Bett, als wir zur Tür reinkamen.

Wir könnten eigentlich weiter. Nur, dass uns draußen natürlich bittere Kälte erwartet. Das schreckt ein bisschen ab. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Wind wirklich auf West gedreht hat. Der Mond scheint taghell, siehst du das?

Wenn der Mond so klar und hell am Himmel steht, können wir eigentlich keinen Westwind haben. Denn der treibt vom Atlantik immer wieder Wolken heran. Vielleicht kommt der Wind aus Ost oder Süd. Dann ist es zwar kalt, doch die Kälte ist trocken. Die Kälte, die der Westwind macht, die geht dir leider durch alles durch. Da hilft auch deine dicke Jacke nicht. Bei Westwind in dieser Jahreszeit, da musst du dich nicht warm anziehen. Nein, du musst dich ganz warm anziehen.

Weißt du, was wirklich witzig ist? Man hat ja bei diesem Wetter manchmal Schwellenangst, steht in der warmen Stube, hinter einem bullert der Ofen von Madame Grosch und man denkt: Was, da soll ich jetzt hinaus? Und dann auch noch in finstrer Nacht? Ja, aber mit der Schwellenangst hat es etwas Seltsames. Sie dauert nicht eine Sekunde lang, dann bist du schon drüber. Siehst du.

Was dir von drinnen im Café noch kalt und unwirtlich vorkam, ist jetzt eine schöne klare Nacht. Der Wind hat nachgelassen. Wir haben uns bei Madame Grosch gestärkt, sind warm angezogen, die Luft riecht gut, was willst du noch mehr.

Irgendwie, findest du das nicht auch, irgendwie riecht es hier immer ein bisschen nach Fritten. Der Geruch hängt so leise süßlich in der Luft. Wie ein feines Parfum, das man aber selber nicht unbedingt haben möchte.

Na ja, wir sind in Belgien. Es ist schon ein bisschen exotisch, dieses Land. Du merkst es an vielen Dingen. Nur ein Beispiel, - wir überqueren hier die Straße – ein Beispiel: Wenn du an der Kapelle entlang nach Südosten schaust, dann liegt hinter den bunt gewürfelten Häusern aus Bruchsteinen ein Tal. Und rate mal, wer da seinen Reiterhof hat!

Kannst dich an „Heitschi bummbeitschi…“ erinnern? Nein, du warst vielleicht noch zu jung, als Heintje das sang. Allerdings sieht man die alten Aufnahmen immer wieder mal im Fernsehen. Heintje heißt heute Hein Simons. Und Hein Simons hat hinter Moresnet einen allseits beliebten Reiterhof. Ich will jetzt nichts Falsches sagen. Denn ich habe schon lange nichts mehr darüber gehört. Weil in den letzten Jahren meine Ohren ein bisschen zu gewesen sind, weißt du?

Früher fuhr ich hier oft mit dem Rennrad lang. Im Hellen natürlich. Da sah ich manchmal ganze Busladungen frommer Frauen. Die Busse kamen aus dem Ruhrgebiet und werweißwo her. Die Frauen gingen zuerst auf den Kalvarienberg. Liefen ihn ab – sag, hättest du dazu Lust? So im Dunklen auf einem Kalvarienberg? Das hast du bestimmt noch nicht oft gemacht. Ich will dich heute nämlich nicht auf den schrecklich hohen Viadukt schleppen. Du bist mir eigentlich zu schade, da werde ich dich nicht auf eine eisige Brücke fahren! Du würdest ja zweimal frieren. Einmal weil der Wind dort oben immer heftig weht, und zum anderen, weil du dich vor der Höhe fürchtest.

Und wer weiß, ob der Beamte aus Welkenraeth mir überhaupt die Wahrheit gesagt hat, als ich ihn heute Morgen telefonisch über den Zustand der Brücke befragt habe. Man darf die Leute hier nicht zu wörtlich nehmen. Sie sind oft ein wenig phlegmatisch. Das macht sie andererseits liebenswert, je nach dem, wie sich der Phlegmatismus bei einem auswirkt.

Also, atmosphärisch gesehen, sind mir die Wallonen fremder als die Niederländer oder die Flamen. Trotzdem bin ich immer wieder gerne hier, besonders sonntags. Ich weiß nicht warum. Vielleicht liegt es daran, dass die Wallonen in vielen Dingen so herzlich kitschig sind. Du wirst das gleich auf dem Kalvarienberg sehen.

Ja doch, du brauchst mich nicht zu schubsen, ich erzähle noch von den Busladungen frommer Frauen. Also zuerst zogen sie in Rotten, Rudeln, Haufen oder freundlichen Gruppen über den Moresneter Kalvarienberg. Dann runter in die Kapelle. Geld raus, Kerzen aufgestellt.

„Sollen wir noch ins Café von Frau Grosch?“

„Ne, dat jeht nit, dä Busfahrer wartet!“