Bund der Gefährten: Conner & Macaire - Sabine Koch - E-Book

Bund der Gefährten: Conner & Macaire E-Book

Sabine Koch

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Eigentlich ist es die Elfe Keyla, die seit dem Tag ihrer Geburt auf ihre Rolle als Auserwählte vorbereitet wird. Doch dann gerät Conner, Keylas schüchterner Zwillingsbruder, ungewollt in den Strudel der Ereignisse. Auf einmal steht er im Mittelpunkt und der überaus attraktive Dämonenjäger Macaire an seiner Seite. Macaire, der Vampir, der auf keinen Fall auf der Suche nach einem Gefährten ist. Gemeinsam müssen sie die schicksalhafte Wendung annehmen und Keyla aus der Gefangenschaft der Dunklen Dämonen befreien.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 445

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sabine Koch

Bund der Gefährten:

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2017

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover : Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte :

© Agna Devi – shutterstock.com

© BortN66 – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-122-2

ISBN 978-3-96089-123-9 (epub)

PROLOG

Abseits des Brandes stand er da wie gelähmt, zutiefst schockiert, starrte hinüber zu den brennenden Mauern des Klosters. Grellrot schlugen die Flammen aus dem Dachstuhl, Funken stoben davon – kleinen teuflischen Glühwürmchen gleich – und das laute Prasseln des Feuers ließ ihn unweigerlich an die Hölle denken. Über allem waberte beißender, schwarzer Qualm.

Der Chef der Feuerwehr redete mit ihm, doch er konnte kaum zuhören. „Es tut mir leid, niemand der Mönche hat dieses Inferno überlebt. Wir haben einen Zeugen, der berichtet, dass sich der Brand rasend schnell von unten nach oben gefressen hat. Als er das Feuer bemerkt hatte, brannte der gesamte untere Bereich, bis wir hier waren, loderte es auch schon aus dem Dachstuhl. Wir gehen von Brandstiftung aus, das Flammenbild spricht auch dafür. Aber wir müssen die Untersuchung abwarten.“

Zu spät. Er war einfach zu spät gekommen. Unfassbar. So dicht am Ziel, musste er jetzt zuschauen, wie alles verbrannte.

Die mörderische Hitze war bis zu dem Kräutergarten, an dem er stand, zu spüren, doch er wich nicht zurück. Eine Zeit lang beobachtete er fassungslos, wie die lodernden Flammen von den herabstürzenden Wassermassen vernichtet wurden.

Ein Feuerwehrmann rief eine Warnung, dann stürzte der Dachstuhl ein, krachte durch bis ins Erdgeschoss. Erst dieser Lärm ließ ihn wieder seine Umwelt wahrnehmen und er blinzelte erschrocken. Was für eine Temperatur war nötig, um dicke, massive Steinböden zum Einsturz zu bringen?

Er blendete die umherlaufenden Polizisten und die Rufe der Feuerwehrmänner aus, die immer noch versuchten, die rauchenden Trümmer zu löschen. Er musste etwas über die Ursache herausbekommen. Irgendetwas musste dieses Inferno ja ausgelöst haben. Einfache Brandstiftung war das nicht. Ausgeschlossen. Langsam griff er nach dem silbernen Amulett, das er an einer Kette um den Hals trug, und konzentrierte sich. Dann schloss er die Augen, ließ seine Vampirsinne frei. Sofort wurde das Amulett in seiner Hand warm. Kein gutes Zeichen. Als er sah, in welcher Farbe es leuchtete, schüttelte er bestürzt den Kopf.

Tiefrot. Die Farbe der Dunklen Dämonen.

Er schwenkte es etwas nach links, dorthin, wo sich die kleine Kapelle befand. Sie stand etwas abseits und war vom Feuer weitestgehend verschont geblieben. Das Amulett veränderte die Farbe, ganz leicht nur, doch für seine scharfen Augen sofort sichtbar. Der Dämon war darin gewesen, aber das Feuer war dort nicht ausgebrochen.

Als er das Amulett nach rechts schwenkte, konnte er direkt zusehen, wie es sich abermals veränderte. Dort rechts befand sich die Bibliothek, die Pläne des Klosters hatte er genauestens studiert. Der silberne Anhänger lief fast schwarz an und er musste ihn loslassen, weil er so heiß wurde. Schwarz, das verhieß gar nichts Gutes. Das Feuer musste zwischen den Büchern ausgebrochen sein. Nicht irgendein Dämon hatte dies hier verursacht, es musste sich um einen der höheren Dämonen handeln. Wenn nicht sogar der Maestro persönlich zur Tat geschritten war.

Das passte.

Sein Informant hatte ihm berichtet, etwas Mächtiges, Unheiliges hätte sich hier herumgetrieben. Mehrfach sogar. War das Kloster ausspioniert worden?

Auf die Berichte, die ihm Bruder Ortwald heimlich zukommen ließ, hatte er sich verlassen können. Ortwald war zwar nur ein Halbvampir, doch reichten seine Gene aus, die dunkle Brut aufzuspüren. Als der Mönch sich mit ihm in Verbindung setzte und mitteilte, was er zwischen dem Sammelsurium an vergessenen Büchern fand, klang er sehr sicher. „Dieses Buch war von schwarzen Maestros verfasst worden, die sich ganz der dämonischen Herrschaft verschrieben hatten. Der damalige Maestro, der mit Lord Aestifer gegen meinen Cousin gestritten hatte, hieß Hedoosha. Es muss einer seiner Nachkommen gewesen sein, der viele Dekaden später als junger Novize in unserer Abtei aufgenommen worden war. Hedoosha trieb Unzucht mit menschlichen Frauen, die nicht ohne Folgen geblieben ist. Gottlob gewann die menschliche Seite über die Zeit die Oberhand! Nun habe ich diese Niederschrift nach weiteren Jahrzehnten beim Durchsehen der vergessenen Bücher wiederentdeckt.“

Jetzt blieb nur eine einzige Frage zu klären. Hatte der Dämon das Kloster niedergebrannt, weil er das Buch hatte oder weil er es nichthatte.

Noch einmal sandte er seine Sinne durch die qualmenden Trümmer, doch vergeblich. Das konnte er beim besten Willen nicht erkennen. Frustriert trat er wütend gegen einen der niedrigen Büsche, sofort stieg ein fremder, aber nicht unangenehmer Duft zu ihm auf.

So dicht am Ziel. Gescheitert. Wegen so etwas Banalem wie einer kaputten Benzinpumpe. Mit einem letzten Blick auf die Ruine gedachte er der toten Mönche. Dann schwang er sich auf sein Motorrad und fuhr in die Stadt zurück. Die Suche ging weiter.

Kapitel 1

Die Landung war gemein. Das raue Lachen der Soldaten und Kadetten, die um den Übungsplatz herumstanden, auch. Conner blieb so liegen, wie er gelandet war – auf dem Rücken. Von dort schaute er in den Abendhimmel hinauf und versuchte, sich nicht zu bewegen.

Es reichte, er hatte genug. Nicht nur für heute, sondern überhaupt. Sein Entschluss stand unwiderruflich fest. Das war sein letzter Versuch, sich dem harten Training der Kadetten anzupassen. Er war kein Kämpfer. War es nie und würde es niemals werden.

Der leichte Wind, der jetzt gegen Abend aufkam, kühlte sein erhitztes, schweißnasses Gesicht. Die Rippen taten ihm weh, trotz der Landung im Sand. Er konnte froh sein, das heutige Training fand nicht im freien Feld statt. Er spürte, wie Nässe in seine Kleidung sickerte. Toran hatte ihn mit Sicherheit wieder in die einzige Pfütze auf dem ganzen Platz geschmissen. Ihn vorher hin und her gescheucht, ihn mit Schlägen traktiert, mit ihm gespielt wie eine Katze mit einer kleinen Maus. Toran nannte das Taktik. Conner empfand es als Schikane.

Er hielt die Augen geschlossen, als er hörte, dass sich die Kadetten über ihn lustig machten. Ihre gehässigen Worte hallten über den Sandplatz, der jetzt in der Dämmerung von Fackeln erhellt wurde.

„Komm Toran, erteil diesem Bruder Ungeschick noch eine Lektion.“

„Bruder?“, rief einer der Kadetten. „Wohl eher Schwester!“

„Ja Toran, los zeig’s ihm, er hat es immer noch nicht begriffen!“

Mühsam nach Luft ringend, rappelte Conner sich auf. Erst mal nur hinsetzen, dachte er. Dafür musste er sich mit einer Hand abstützen, weil die Schmerzen in den Rippen ihn nicht richtig durchatmen ließen.

„Na Connie? Hast du schon genug?“ Lautes Gelächter verriet, dass alle seinen Spitznamen gehört hatten.

„Dein Vater würde sich im Grabe drehen, wenn er sehen könnte, was für ein Schwächling sein einziger Sohn ist.“

Vor ihm stand Toran, der Trainer der Soldaten und Ausbilder der Kadetten. Hoch wie ein Baum, massig wie eine Felswand. Der Halbelf hatte die Hände in die Seiten gestemmt und grinste belustigt auf ihn herab. Hinter seinem Rücken konnte Conner das große Schwert hängen sehen, an dem Gurt um die Hüften trug der Soldat verschiedene Messer.

Toran und sein Vater waren alte Waffenbrüder, früher, lange vor seiner Zeit, das wusste Conner. Doch sein Vater hätte diese Bande in der Luft zerrissen, er war ein wahrer Kämpfer gewesen. Hart, aber keinesfalls ungerecht. Auf keinen Fall hätte er zugelassen, dass sie ihn oder einen anderen so behandelten.

„Du kannst noch zwei Runden Lanzentraining haben. Gemeinsam mit Aaron.“ Ein greller Pfiff ertönte. Wieder johlten die Kadetten, die immer noch um den Platz herumstanden und zusehen wollten, wie er den Arsch versohlt bekam.

„Ja Aaron, zeig ihm, wie wir mit den Lanzen kämpfen.“

„Nein danke“, flüsterte Conner leise. „Ich verzichte auf die Extralektionen.“ Endlich stand er. Ihm war etwas schwindelig, als er sich vorsichtig den nassen Sand von der Kleidung klopfte. Dabei nahm er seinen Zustand in Augenschein und seufzte unterdrückt. Er wusste, was den anderen auffiel. Sie sahen einen Elfen, groß gewachsen und klapperdürr. Sie sahen einen Elfen, der viel zu sehr einem Mädchen glich. Connie, die Weichei-Elfe mit den Mondkalbaugen, so nannten sie ihn. Wahrscheinlich war es auch zum Teil seine eigene Schuld. Arlena hatte ihn so oft schon gedrängt, sich endlich den langen Zopf abschneiden zu lassen. Doch er dachte gar nicht daran. Wieso sollte es ihm mit einer neuen Frisur anders ergehen? Kurzes Haar verhalf ihm auch nicht zu mehr Kraft. Zu mehr Respekt schon gar nicht.

Mit einer schnellen Handbewegung riss er sich das Tuch vom Kopf und zog die Nadel heraus. Langen Schlangen gleich entrollten sich die sorgsam aufgewickelten Haarsträhnen und fielen in einer flammenden Kaskade über seinen Rücken. Das Getuschel darüber ließ sich nicht überhören.

Mit dem Ärmel seines Trainingsanzuges rieb sich Conner über das heiße Gesicht. Alles war mit nassem Sand bedeckt. Er stutzte, als er den langen Riss entdeckte. Den hatte er noch gar nicht bemerkt, das musste passiert sein, während Toran an ihm die Abwehr einer Messerattacke demonstriert hatte. Jetzt erst spürte er, wie seine Haut unter dem Riss brannte, dieser Mistkerl hatte ihn mit der Klinge gestreift.

Nur indem er sich fest auf die Zunge biss, konnte er verhindern, dass ihm ein Laut entwischte. Eher würde er sterben, als sich anmerken zu lassen, dass er Schmerzen hatte. Zeigte er, dass es wehtat, dann war ihm nicht nur das Lanzentraining sicher, sondern auch noch eine extra Nachtwache. Draußen, im schwarzen Feld, wo er neulich Spuren von Dämonen gesichtet hatte. Darauf konnte Conner wirklich verzichten.

Als Toran den Blick auf ihn richtete und verächtlich die Mundwinkel verzog, hatte er das ungute Gefühl, als wisse der alte Soldat genau, dass er litt. Daraufhin sah er zu Boden, versuchte, nicht zu zeigen, wie sehr er das alles hier hasste. Waffentraining, Kämpfen und sich im Dreck suhlen, all das war nicht seine Welt.

Conner schaute Toran nicht an, während er mühsam durch den Sand humpelte, versuchte, die Gestalt in dem ledernen Waffenrock zu ignorieren. Doch die Blicke, die der Soldat hinter ihm herschickte, die spürte er deutlich. So fühlte sich Verachtung an. Demütigend für ihn, der so anders war als die anderen jungen Elfenkrieger. Er passte nicht dazu, das war Grund genug, ihn so zu behandeln. Fertig.

Conner drückte den Rücken durch und riss sich zusammen, denn es juckte ihn gewaltig in den Fingern, Toran eine kleine Kostprobe seiner Zauberkraft zu verpassen. Es würde ihn nur ein Fingerschnippen kosten und der riesige Halbelf wälzte sich schreiend im Schlamm. Eine Handbewegung und Toran würde wissen, wie es sich anfühlte, schwach und hilflos zu sein. Er hätte sich nicht mal die Finger an ihm schmutzig gemacht. Der Gedanke daran ließ ihn für einen Moment die Schmach seiner ständigen Niederlagen vergessen. Schnell steckte er die Hände in die Taschen seiner Jacke, denn das Zaubern musste er sich unter allen Umständen verkneifen. Niemand durfte auch nur ahnen, dass er Magie beherrschte. Wenn das irgendwann ans Licht käme, dann würde sein Ruf als Freak noch fester an ihm kleben.

Verstohlen sah Conner sich um. Im Fackelschein konnte er niemanden mehr entdecken. Toran hatte die Unterkunft der Soldaten schon erreicht. Gerade schloss sich die schwere eiserne Tür mit einem dumpfen Schlag hinter ihm. Die anderen Kadetten hatten wohl die Lust verloren, sich über ihn lustig zu machen, und waren schon in die Kaserne zurückgekehrt. Das Nachtmahl wartete, das ließ sich freiwillig keiner entgehen.

Am Zaun, der die Übungsplätze voneinander trennte, blieb er stehen und atmete einmal tief durch. Das Stechen in seinen Rippen war nicht schlimmer geworden, wahrscheinlich hatte er sich nur einen Muskel geprellt.

„He, Elfe!“

Elfe. Wie er das hasste! Conner erstarrte kurz, als er die bekannte Stimme in seinem Rücken hörte. Er fluchte lautlos, hatte er sich glatt überrumpeln lassen. Langsam drehte er sich um.

Haldor, der größte Idiot unter den Kadetten, hatte ihm noch gefehlt. Leider war er auch der Stärkste von ihnen. Er hätte sich doch denken können, dass der noch irgendwo hier draußen herumlungerte. Niedergeschlagen sah Conner den Elfen auf sich zukommen, ihm war allein schon bei dessen Anblick unwohl.

Der Kadett hatte Schultern so breit wie die Pritsche, auf der er schlief. Und Hände wie Schaufeln so groß. Das traf nicht nur auf Haldor zu, die meisten der Kadetten dieser Eliteschmiede hatten diese Ausmaße. Selbst seine Schwester war größer und kräftiger als er.

„Haldor, was willst du?“

„Dir einen guten Rat geben. Hau ab und komm nicht wieder. Wir wollen so was wie dich nicht in unserer Truppe haben.“ Haldor trat vor und grinste ihm frech ins Gesicht. „Wir haben gerade abgestimmt und festgestellt, dass du unsere Chancen, die beste Kadetteneinheit unseres Jahrganges zu werden, kaputtmachst.“

„Also soll ich die Einheit verlassen? Das habt ihr beschlossen, einfach so, ja? Wie stellst du dir das vor?“, fragte Conner. „Ihr sagt, ich soll gehen, und ihr erwartet, dass ich das so hinnehme. Ihr spinnt doch wohl!“ Fast hätte Conner ihm einen Vogel gezeigt, seine Hand zuckte schon zu seiner Stirn hoch. Doch im letzten Moment strich er sich nur die Haare aus dem Gesicht. Wenn er Haldor reizte, würde er nur den Kürzeren ziehen.

Der Elf trat so dicht an Conner heran, dass er sich gezwungen fühlte, rückwärtszugehen. Er wich so weit zurück, bis er den Holzzaun in seinem Rücken bemerkte. Der Elf rückte Conner immer weiter auf die Pelle, bis er dessen Atem im Gesicht spürte. „Elfe, sei nicht so dämlich. Wir wollen kein Mädchen in unserer Truppe. Wenn du nicht freiwillig gehst, dann wirst du leider einen kleinen Unfall erleiden. Willst du das?“ Kaum hatte Haldor ausgesprochen, bekam Conner einen kräftigen Schlag in den Magen. „Nimm das als Warnung!“

Nach Luft japsend sank Conner auf die Knie und krümmte sich vor Schmerz. Vornübergebeugt hockte er da und kämpfte gegen das Gefühl, sich auf der Stelle übergeben zu müssen. Haldor lachte laut. „Schlaf gut, Connie“, rief er, dann verrieten knirschende Geräusche, dass der Elf sich auf dem Schotterpfad davonmachte.

Im Dunkeln herumzulaufen ist gefährlich, schoss es Conner durch den Kopf. Wie leicht kann man da stolpern und sich schwer verletzen. Trotz seiner Übelkeit huschte ein kurzes Lächeln über sein Gesicht.

Dann schnippte er mit dem Finger und lauschte.

Da! Ein dumpfer Schlag, Holz auf Holz hörte sich nicht so gut an. Es rumpelte, Blätter rauschten, ein Baumstamm war ein schlechter Gegner. Ein erschrockener Schrei war zu hören. Armer Haldor. Hatte der Baum ihm etwa eine geknallt?

*

Zurück in der Villa schmiss Conner seine Tasche mit den paar Habseligkeiten auf den hellen Marmorboden der großen Eingangshalle und horchte. Doch alles war still, nur der Springbrunnen, der mitten in der Halle stand, plätscherte leise vor sich hin. Es war ihm zu ruhig, Keyla schien noch nicht da zu sein.

Wenn er ehrlich sein sollte, war er ziemlich erleichtert darüber, so hatte er noch eine Galgenfrist. Wenn seine Schwester herausbekäme, dass er die Ausbildung geschmissen hatte, würde sie ihm den Kopf abreißen, das wusste er ganz genau. Nicht nur das, Keyla würde toben vor Wut! Sie würde sein Scheitern als persönliche Niederlage ansehen.

Er nahm die Tasche und betrat die Treppe, die in die beiden Flügel hinaufführte. Oben angekommen blieb er stehen und versuchte, etwas zu hören, doch auch im Wohnflügel seiner Schwester war es still. Keyla war tatsächlich nicht da.

Aber wo war sie, jetzt um diese Uhrzeit? Soweit er wusste, hatte sie weder gestern noch heute Wache und die Kadetteneinheit, der sie angehörte, war auch nicht im Trainingslager. Während er darüber nachdachte, bog Conner nach rechts ab und marschierte schnurstracks über den langen Flur zu seinem Wohnraum.

Ob es was mit ihrem Auserwähltending zu tun hatte? Wusste sie endlich, wer der Mann an ihrer Seite sein sollte? Er konnte nur hoffen, dass der Typ genug Ausdauer hatte. So wie er Keyla kannte, würde sie ihn gnadenlos durch die Arena schleifen und das Tag für Tag. Wer auch immer der Erwählte sein würde, er hatte schon jetzt Mitleid mit ihm.

In der Tür blieb Conner stehen und betrachtete die Umgebung. Er war froh, wieder zu Hause zu sein. Endlich konnte er in seinem eigenen Bett schlafen und musste nicht länger auf einer harten, schmalen Pritsche in einer kleinen Zelle hausen. Nicht zu vergessen, dass er endlich wieder seine Ruhe hatte.

Jetzt wollte er eigentlich nur noch duschen, etwas essen und endlich schlafen. In genau dieser Reihenfolge. Doch als sein Blick auf den bequemen Ledersessel fiel, der in der Ecke am Fenster auf ihn zu warten schien, beschloss er, die Reihenfolge zu ändern. Erst ausruhen, dabei seine Blessuren behandeln, danach duschen.

Zufrieden aufatmend ließ er sich in den Sessel fallen und drehte ihn so, dass er aus dem bodentiefen Fenster in den nächtlichen Garten hinausblicken konnte.

Mit einer kleinen Bewegung seiner Hand dimmte er das Licht und lehnte sich zurück. Hier im Schutz seines Zimmers konnte er relativ gefahrlos auf seine Magie zurückgreifen. Mit geschlossenen Augen stellte er sich vor, wie die Kraft seiner Magie durch ihn hindurchströmte. Von seiner Mitte aus verteilte sie sich in seinem ganzen Körper. Überall dort, wo sie auf schmerzende Stellen traf, spürte er ihre heilende Wärme. Seine Schürfwunden verschlossen sich, die Prellungen verschwanden. Nach einer Weile glitt er hinüber in tiefen Schlaf.

*

„Ich hasse Magie und noch mehr hasse ich magische Übungen! Hast du das verstanden? Wofür brauche ich diesen unnützen Weiberkram denn?“

Conner schlug verwirrt die Augen auf.

„Dieser hinterlistige Magiekram ist mir echt suspekt. Gib mir eine Waffe, egal welche, und ich zeige dir, was ein anständiger Kampf ist!“, tönte es vor seiner Tür. Conner rieb sich leicht grinsend die Augen. Es war nicht zu überhören, Keyla war wieder da. Schon flog die Tür auf. Seine Schwester kam hereingestürmt, gefolgt von Arlena, ihrem Schatten.

„Du kannst eine magisch versiegelte Tür nicht mit Waffengewalt öffnen, wie oft soll ich dir das noch erklären?“

Conner rührte sich nicht, noch hatten sie ihn nicht gesehen. Das war gut so, vielleicht vermochte er den unvermeidlichen Krach noch etwas hinauszuzögern. Gleichzeitig könnte er herausbekommen, was sie in seinem Zimmer wollten.

Das Licht ging an, gleich darauf hörte er, wie sich eine der beiden auf die Couch warf „Da auf dem Tisch liegt die Fernbedienung. Mach die Musik an. Es ist unglaublich, Conner scheint sein ganzes Geld in CDs zu stecken.“

„Stimmt, seine Sammlung ist wirklich sehr umfangreich.“

Als die ersten Takte erklangen, drehte Conner langsam den Sessel zurück, denn so konnte er die beiden besser beobachten. Es war Keyla, die es sich auf seinem Sofa bequem machte. Sie lag bäuchlings, den Kopf auf ihre Hände gestützt. Er betrachtete seine Schwester und zuckte innerlich zusammen. Was hatte sie bloß mit ihren Haaren veranstaltet? Das nannte sie Frisur? Es sah so aus, als hätte sie sich einfach einen ihrer sauscharfen Dolche geschnappt und sich ihre schönen blonden Haare damit raspelkurz gesäbelt. Mehr denn je sah sie wie ein Junge aus. Die Lederhose, die sie ständig trug, und die formlosen Sackblusen, die sie bevorzugte, unterstrichen das noch. Conner schüttelte den Kopf darüber, dass seine Schwester sich so gar nichts aus ihrem Äußeren machte. Im Gegensatz zu ihrer gemeinsamen Freundin Arlena, die mit ihnen unter einem Dach lebte. Wie Conner feststellen konnte, sah diese ziemlich niedlich aus. Sie trug wieder einen ihrer ultrakurzen Miniröcke, dazu ein winziges Blüschen. Natürlich alles in Schwarz, eine andere Farbe kam für sie gar nicht infrage. Wie immer hatte sie sich überall kleine Schleifchen angehängt. Sogar in ihren pechschwarzen Zöpfen, die wie kleine Schaukeln über ihren süßen spitzen Ohren baumelten. Wieder glich sie mehr einem Püppchen, was bei ihrer geringen Körpergröße auch kein Wunder war.

Gerade warf sie eines der großen Kissen auf die Erde und ließ sich darauf nieder.

„So. Nun erzähl mir, was mit dir los ist. Worüber hast du dich denn nun schon wieder so aufgeregt?“

„Was los ist? Du hast es doch gesehen! Statt die Siegel an dieser verdammten Tür zu brechen, erschienen immer mehr davon!“

„Ich weiß gar nicht, warum du dich so blöd anstellst, Keyla. Magie ist so einfach, jedes kleine Mädchen kann zaubern.“

„Das mag ja sein und es ist ja nicht so, dass ich mich nicht anstrenge.“ Mit kräftigen Faustschlägen in die Sofapolster verlieh sie ihren Worten jetzt Nachdruck. „Aber ich bin es leid, hörst du? Ständig dieses magische Training, immer wieder Phyllis blödes Gequatsche über die Auserwählte.“ Conner hörte die Verzweiflung in Keylas Stimme. „Warum musste dieser plärrende Steinhaufen gerade mich auswählen? Wieso nicht dich? Du wärst doch perfekt für diesen Zirkus!“

Arlena fing an zu lachen. „Ja, ich wünschte mir auch, das Orakel hätte meinen Namen verkündet. Hach, stell dir mal vor, ich bekäme den Mann meines Lebens auf dem Silbertablett serviert!“ Den Ausdruck auf ihrem Gesicht konnte Conner nur verzückt nennen. Er wusste, dass sie liebend gerne einen netten Elfen kennenlernen wollte.

„Ich schenk ihn dir, ja? Außerdem kann ich dir das eine sagen: Wenn dieses Theater vorbei ist, mache ich als Erstes Urlaub und werde bestimmt nicht einen magischen Spruch ausführen. Ich werde höchstens meine Fechtkünste vervollkommnen, glaub es mir. Vielleicht feile ich noch ein bisschen an meinen Nahkampftechniken!“

Wieder kicherte die kleine Elfe. „Wenn du und dein Typ die Zeremonie durchgeführt habt, seid ihr aneinander gebunden. Und das, was du dann üben wirst, wird mit Sicherheit nicht fechten sein. Nahkampf … wohl schon eher, da magst du recht haben!“, antwortete Arlena anzüglich. Der mörderische Blick, den Keyla daraufhin ihrer Freundin zuwarf, ließ Conner schmunzeln.

„Weißt du denn schon, wen das Schicksal für dich bestimmt hat?“, plapperte Arlena weiter. „Es ist ja nicht mehr viel Zeit bis zur Bündnisnacht, so langsam solltest du doch schon Bescheid wissen, oder?“

Keyla schüttelte vehement den Kopf. „Nein, ich habe immer noch keine Ahnung. Ich will es auch gar nicht wissen.“ Sie schwieg einen Moment, um dann laut loszupoltern. „Diese verdammte Zeremonie. Warum muss ausgerechnet ich diejenige sein, die das Reich der Elfen mit denen der anderen Rassen verbinden soll? Wieso muss ich für diese uralte Zeremonie geopfert werden?“

Arlena drehte sich zu seiner Schwester um und sah zu ihr hoch. „So schlimm kann es doch gar nicht werden“, versuchte sie, Keyla zu beschwichtigen. „Denk an den tollen Mann, den du bekommen wirst. Er wird dich auf Händen tragen, für dich sorgen. Du kannst endlich deine blöden Waffen im Schrank lassen, er wird alle Kämpfe für dich austragen.“

„Du spinnst doch wohl!“, rief diese empört. „Meine Kämpfe trage ich selbst aus! Für mich sorgen kann ich auch alleine! Dazu brauch ich keinen Kerl.“

„Dann denk an den tollen Sex, den du haben wirst.“

Jetzt musste auch Keyla lachen. „Das allerdings ist ein Argument, dem ich mich nicht verschließen kann.“

Conner verzog das Gesicht. Das war ein Thema, über das er seine Schwester nun bestimmt nicht reden hören wollte. Bevor die beiden dieses Gespräch noch vertiefen konnten, drehte er den Sessel ganz herum. „Mädels, ich bitte euch! Denkt auch an mich, ja?“

Keylas überraschter Blick war echt Gold wert. Als sie im selben Moment wie von der Tarantel gestochen aufsprang und den Dolch hinter ihrem Rücken zog, musste Conner lachen. Arlena quietschte nur und hielt sich ihre Hand ans Herz. „Conner! Wo kommst du denn jetzt her? Wie lange hockst du schon hier rum?“

„Ich? Bin schon eine Weile hier, ich …“

„Was machst du hier? Du hast Dienst und erst in drei Tagen wieder frei“, unterbrach Keyla ihn abrupt, dabei steckte sie die Waffe weg. „Wieso bist du nicht in der Akademie?“

Mist, er hatte gehofft, dass seine Schwester nicht so schnell schalten würde. Aber da hatte er wohl falsch gedacht. Es stimmte also, sie hatte nicht nur ihren Dienstplan im Kopf, sondern auch seinen. Er holte tief Luft, als er spürte, wie sich Nervosität in ihm breitmachte. Bevor er es verhindern konnte, griff er sich eine seiner Haarsträhnen und wickelt sie fest um seine Finger. Das ließ Keyla alarmiert aufsehen.

„Ich bin nicht mehr an der Akademie“, sagte er schnell, um es hinter sich zu bringen. „Ich habe meine Sachen gepackt und bin gegangen.“ So, nun hatte er die Bombe platzen lassen. Unsicher beobachtete er seine Schwester. Wie würde sie reagieren? Konnte sie seinen Schritt verstehen und, noch wichtiger, verzeihen?

„Was zum Dämon ist wieder vorgefallen? Hat Toran dich wieder zu doll angepackt, he?“ Der Blick, mit dem Keyla ihn musterte, erinnerte stark an den des Ausbilders. Sie war seine Schwester, sogar sein Zwilling, er wusste, dass sie ihn liebte, aber mehr noch liebte sie die Kadettenakademie.

„Wie kannst du deine Karriere einfach so aufgeben? Hast du denn keinen Funken Ehre im Leib? Du hast Verpflichtungen deiner Herkunft gegenüber“, fauchte sie ihn an.

Entmutigt ließ Conner den Kopf hängen, hatte er es doch geahnt. Die Leier von Pflicht und Ehre.

Es war leicht, so zu argumentieren, wenn man die beste Kadettin des Jahrganges war und einen alle mochten. Die Verpflichtung seiner Herkunft gegenüber wog schwerer als ein Felsbrocken, wenn man so überhaupt nicht den Erwartungen entsprach. Ganz im Gegenteil zu seiner Schwester. Sie erfüllte die in sie gesetzte Hoffnung immer zu einhundert Prozent.

„Keyla, ich bin nicht wie du“, versuchte er zu erklären. „Ich … ich hasse es. Ich hasse es, an diesem Ort zu sein, ich hasse es, zu kämpfen. Sieh mich an. Sehe ich aus, als sei ich zum Kämpfen geboren?“ Nach ihrem Blick zu urteilen, wäre er besser gar nicht geboren. Gänsehaut lief über seinen Rücken , in solchen Momenten fürchtete er sich vor seiner Schwester.

Keyla hatte sich jetzt erhoben und stand vor Arlena. „Los. Sag doch auch was dazu!“, forderte sie ihre Freundin auf.

„Was soll ich dazu sagen?“ Arlena zuckte kurz mit den Schultern. „Du kennst meine Meinung. Conner ist so anders als die anderen Elfen dort. Ich habe immer gewusst, dass er sich da nicht wohlfühlen wird.“ Es war Arlena anzusehen, dass sie sich aus dieser Diskussion heraushalten wollte. Conner konnte das verstehen. Auch er wollte dieses Gespräch so nicht führen.

„Danke, Arlena. Du verstehst mich, nicht wahr?“

„Aber ich versteh dich nicht, Conner“, schrie Keyla ihn an. „Du hast die besten Voraussetzungen, in deiner Ahnenreihe finden sich die besten und tapfersten Kämpfer, die das Reich der Elfen je hervorgebracht hat. Du darfst an der besten Akademie im ganzen Reich deine Ausbildung absolvieren. Wirfst du das jetzt alles weg?“

Keyla hatte sich in Rage geredet, sie wurde immer lauter, während sie im Raum hin und her lief. Conner hatte für einen Moment das kindische Bedürfnis, sich die Ohren und Augen zuzuhalten. Böse Schwester, sah er sie nicht, sah sie ihn auch nicht.

„Vater war ein so erfolgreicher Krieger, dass Fürst Cyprin ihm die Hand seiner Nichte gegeben hat. Wieso hast du nicht auch so viel Ehrgeiz?“

„Das musst du gerade sagen! Du kriegst einen Mann auf dem Silbertablett serviert“, zitierte er Arlena. „Du bist die Auserwählte, die eine Elfe unter Tausenden, wie sieht es denn mit deinem Ehrgeiz aus?“ Nun war auch er aufgesprungen und stand vor Keyla. Wütend zeigte er mit dem Finger in ihre Richtung. Er hatte genug, konnte sich nicht mehr bremsen, zu viel Frust und Zorn hatten sich in dem vergangenen halben Jahr in ihm angestaut.

„Du solltest ganz leise sein, ja? Wer kommt denn mit seinen magischen Aufgaben nicht zurecht? Die Bündniszeremonie beginnt in sieben Nächten. Wenn ich euch richtig zugehört habe, dann sind deine magischen Fähigkeiten wohl nicht gerade berauschend.“ Conner konnte sich den Sarkasmus nicht mehr länger verkneifen. „Eine Auserwählte, die nicht in der Lage ist, ihre magischen Aufgaben so zu lösen, damit das Bündnis wieder erneuert werden kann, hat es auch noch nie gegeben, oder? Wo ist denn da dein Ehrgeiz, deine Ehre?“, rief er höhnisch. „Ich hab eine Idee! Versuch doch einfach, die Magie durch Waffengewalt zu ersetzen. Dann wirst du als Lachnummer in die Chroniken eingehen.“

Nach diesem Ausbruch drehte er sich zum Fenster und starrte hinaus. Für einen Moment hatte er ein furchtbar schlechtes Gewissen bekommen, als er mitbekam, wie Keyla mit jedem Vorwurf, den er ihr um die Ohren schlug, immer blasser wurde. Jetzt, nachdem sie bleich vor Zorn aus dem Raum gestürmt war, und dabei die Zimmertür krachend gegen die Wand flog, spürte er, wie ihn seine Kräfte verließen. Mit einem verzweifelten Aufstöhnen rutschte er an der Wand herunter, machte sich klein und vergrub sein Gesicht in den zitternden Händen. „Was zum Dämon hab ich da getan?“, flüsterte er entsetzt. Als Arlena sich neben ihm niederließ und einen Arm um ihn legte, hätte er heulen mögen. „Das wird sie mir niemals verzeihen“, wisperte er geknickt.

Er konnte nicht fassen, dass er sich derart hatte gehen lassen. „Wie konnte es nur so weit kommen, wie konnte ich meine Schwester dermaßen niedermachen?“ Seine Schwester, die er insgeheim doch enorm bewunderte. So wie sie war, hatte er immer schon sein wollen. Mutig, stark, selbstbewusst. Alles was sie tat, erledigte sie mit vollem Einsatz. Schon als Kind hatte er nicht mit ihr mithalten können. Nur ihretwegen war er überhaupt auf diese verdammte Akademie gegangen. Was hatte ihm das eingebracht?

„He, nimm es dir nicht so zu Herzen“, versuchte seine Freundin, ihn zu trösten. „Keyla hat es herausgefordert und dir ist der Kragen geplatzt. Du hast es viel zu lange in dich reingefressen.“

Er befreite sich aus Arlenas Umarmung. „Geh, lass mich bitte allein. Ich muss nachdenken.“

Als sie schweigend gehorchte und den Arm von seiner Schulter nahm, fühlte Conner sich für einen Moment ziemlich einsam.

*

Er lief um sein Leben. Rannte, so schnell er konnte, doch irgendwie hatte er das Gefühl, sich nicht von der Stelle zu bewegen. Er hastete durch das Unterholz, spürte, wie sich sein Haar in den Ästen verfing.

Es war unheimlich, Dunkelheit umhüllte alles, der Mond verkroch sich gerade hinter dicken Wolken. Sein Herz schlug unruhig, was wollte er hier? Hier draußen war er nicht allein, irgendwo da hinten, im dichten Wald, zwischen den Bäumen, lauerte eine große Gestalt, er hatte sie gesehen, als er über die Lichtung lief. Seine Instinkte warnten ihn, wer immer diese Gestalt war, würde nichts Gutes im Sinn haben. Deswegen war er nun auf der Flucht. Panisch sah er sich um, als etwas knackte. War das ein trockener Ast, der unter den Schritten des Fremden zerbrach? Bebend vor Angst blieb er stehen und lauschte. Er wusste, dass in der nächtlichen Stille jedes Geräusch doppelt so laut und doppelt so unheimlich war. Doch so sehr er sich auch anstrengte, außer seinen eigenen keuchenden Atemzügen war es geradezu unheimlich still.

Als die dunkle Gestalt plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, vor ihm auftauchte, konnte er für einen Moment keinen klaren Gedanken fassen. Wie gelähmt stand er da, sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren.

Der Himmel über ihm riss auf und der Vollmond tauchte sie beide in silbernes Licht. Gerade in dem Moment, als das Licht auf seinen Verfolger traf, sah er die langen, spitzen Fangzähne. Voller Entsetzen riss er abwehrend die Arme hoch, doch es war zu spät. „Auserwählte“, flüsterte der Vampir, dann packte er ihn, zog ihn zu sich heran und …

Im nächsten Augenblick fand Conner sich neben seinem Bett wieder. Unwillkürlich fasste er sich an den Hals, meinte er doch die spitzen Zähne an seiner Kehle zu spüren. Im Nachhall dieses Albtraums schlug sein Herz immer noch schneller und er ließ sich mit weichen Knien auf die Bettkante sinken. Für einen Moment blieb er so sitzen, atmete tief und gleichmäßig durch, während er zugleich versuchte, sich zu beruhigen. Als er wieder normal atmen konnte, knipste er ein kleines Licht an. Was zum Dämon war das? Für einen einfachen Traum fühlte es sich viel zu realistisch an.

Er überlegte, hatte der Vampir nicht irgendetwas gemurmelt? Was hatte er gesagt? Conner lachte erleichtert auf, als es ihm wieder einfiel.

Auserwählte. Genau. Das hatte er gesagt.

Anscheinend hatte es sich nicht um seinen Traum gehandelt, sondern um Keylas. Es war schon häufiger vorgekommen, dass sie gemeinsame Träume hatten, schließlich waren sie Zwillinge. Trotz der durchgestandenen Ängste musste Conner grinsen. Arme Keyla. Ein Vampir. Oh Mann, und was für einer. An sehr viel konnte er sich nicht mehr erinnern, nur daran, dass der Typ riesig war und dass er dunkles, längeres Haar hatte. Nicht so lang wie sein eigenes, mehr so bis zum Kinn. Er wirkte wie ein Krieger. Conner wusste nicht genau, wieso. Aber irgendetwas an seiner Haltung ließ darauf schließen. Möglicherweise lag das an den kräftigen Schultern und den männlichen Gesichtszügen. Vielleicht aber auch an der Silberpeitsche, die er an der Hüfte des Vampirs hängen sah. Wieder grinste Conner.

Das sollte Keyla doch bloß recht sein. Da hatte sie jemanden, den sie mit ihren Kampfkünsten beeindrucken konnte. Er wollte jede Wette eingehen, dieser Typ würde es garantiert mit ihr aufnehmen können.

Nach einem Blick auf die Uhr beschloss Conner, sich noch einmal aufs Ohr zu hauen. Jetzt, da er wieder Zivilist war, konnte ihn niemand daran hindern, auszuschlafen.

*

Als Conner das Morgenzimmer betrat, schien schon die Sonne durch die geöffneten Schiebetüren und malte helle Muster auf das Parkett. Es war noch früh, doch im Zimmer war es schon warm, es versprach, ein heißer Tag zu werden. Gut, dass er sich für das grüne kurzärmelige Hemd sowie die helle Leinenhose entschieden hatte. Nun konnte er der zu erwartenden Hitze wohl trotzen. Ihm war etwas mulmig bei dem Gedanken, seiner Schwester zu begegnen.

Doch sie war noch gar nicht da, nur Arlena saß schon am Tisch, wieder in obligatorischem Schwarz, heute allerdings mit weißen Schleifchen. Conner fragte sich, wie sie die Hitze in diesen Klamotten aushalten konnte. Wahrscheinlich zauberte sie sich ein Hitzeschild, wenn es zu warm wurde. Als sie ihn sah, nickte sie ihm nur schweigend zu.

„Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“

„Morgen. Ja.“ Sie brummte, ohne ihn anzusehen.

Er hatte vergessen, was für ein Morgenmuffel sie war. Bevor sie nicht ordentlich gefrühstückt hatte, würde er keine vernünftige Antwort von ihr bekommen. Aber er wusste, nach einem ausgiebigen Frühstück durchlebte sie so eine Art Metamorphose, war nicht wiederzuerkennen.

Conner wandte sich dem kleinen Wagen zu, der sich neben dem Tisch befand. Von dem Tablett, auf dem das Geschirr stand, nahm er sich eine Tasse, schenkte Tee ein und gab etwas Zucker hinzu. Dann nahm er einen Muffin und setzte sich zu der kleinen Elfe. Er schob ihr den Kuchen hinüber, dabei rührte er langsam in seinem Tee herum.

„Hier. Wo … hast du Keyla schon gesehen?“

Doch bevor die Freundin antworten konnte, kam seine Schwester von draußen über die Terrasse herein. Zuerst grüßte sie Arlena, relativ freundlich, wie Conner fand. Hatte sich ihr Zorn gelegt?

Als Keyla ihn sah, blieb sie stehen und musterte ihn. Dann kam sie um Arlenas Platz herum, griff nach der Karaffe mit dem Orangensaft und trank gierig. „Oh, du bist schon auf?“, murmelte sie undeutlich, während sie sich mit ihrem Shirt durchs schweißglänzende Gesicht wischte. Sie schien vor dem Frühstück schon ausgiebig querfeldein gelaufen zu sein, Conner bemerkte die dunklen Schatten unter ihren Armen und den getrockneten Schlamm auf ihrer tarnfarbenen Laufhose. Jetzt, in dieser eng anliegenden Sportkleidung war zu sehen, was für eine athletische und durchtrainierte Figur seine Schwester besaß.

Conner nickte bloß und schluckte trocken. Dann nahm er seinen Mut zusammen, denn bevor Keyla am Abend wieder in die Akademie verschwand, musste er sich bei ihr entschuldigen.

„Keyla ich …“, fing er an. Doch sie hob schnell die Hand und unterbrach ihn. „Warte. Ich war die ganze Nacht wach und habe nachgedacht. Ich werde deinen Entschluss, die Akademie zu verlassen, akzeptieren. Verstehen kann ich ihn nicht, doch ich kann einsehen, dass es für dich nicht das Richtige ist.“

Als Conner die Worte hörte, fiel ihm ein dicker Steinbrocken von der Seele und er sprang auf. „Oh Keyla! Du hast keine Ahnung, was das für mich bedeutet!“, rief er erleichtert. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dir all diese Dinge an den Kopf geschmissen habe. Dafür wollte ich mich entschuldigen.“

Keyla machte eine abwehrende Handbewegung, als Conner sie umarmen wollte. Also setzte er sich wieder hin.

„Lass nur. Du hast ja recht damit. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, dann habe ich echt ein Problem.“ Sie schnappte sich Conners Tasse und verschwand damit zur Tür. „So, bevor ich wieder in meiner magischen Tretmühle verschwinde, werde ich noch eine Mütze Schlaf nehmen. Ich glaube, heute Nacht habe ich meinen persönlichen Laufrekord gebrochen.“

„Warte! Laufrekord? Was meinst du damit?“

Keyla blieb wieder stehen und wandte sich ihm zu. In ihrem Gesicht konnte Conner die Erschöpfung sehen. Sie musste sich ganz schön verausgabt haben.

„Ich konnte nicht schlafen, da bin ich zweimal um den ganzen See herum gelaufen, es muss so gegen elf, halb zwölf gewesen sein.“ Keyla deutete mit der Tasse zur Terrassentür. Conner wusste, welchen See sie meinte. Gleich hinter dem großen Park schloss er sich ihrem Grundstück an.

„Wie lang ist der Weg um den See, was meinst du? Dreißig Kilometer? Gerade eben bin ich wieder angekommen.“ Dann drehte sie sich zu Arlena um. „Hör mal, Süße, wenn du deine chronische Muffeligkeit überwunden hast, kommst du dann hoch? Du könntest mir bei diesen vertrackten magischen Übungen helfen.“

„Klar, mach ich, aber schlaf zuerst, dann kannst du dich besser konzentrieren.“

„Okay, bis nachher“, rief Keyla und verschwand.

Conner sah ihr verwirrt nach. Moment, wie war das? Die ganze Nacht gelaufen, nicht geschlafen? Wie konnte das sein? Er rechnete kurz nach. Wenn sie um elf losgelaufen war, konnte sie nicht um zwei diesen Traum gehabt haben. Es sei denn, sie hätte unterwegs Rast gemacht und wäre eingeschlafen. Aber das glaubte er nicht. Wenn Keyla sagte, sie sei zweimal um den See gelaufen, dann war das so. Nur …

Seine Gedanken stockten. Was sollte dann dieser Traum bedeuten?

Kapitel 2

In der kleinen Kammer war es dunkel. Nur der Feuerschein, der aus dem Kamin drang, erhellte das Zimmerchen etwas. Es roch nach Rauch, harzigem Holz und den Kräutern, die Yusra den Sommer über unter der Decke zum Trocknen aufgehängt hatte.

Den ganzen Vormittag schon hockte er vor dem Kamin, denn er fror. Eisige, ahnungsbange Kälte breitete sich in ihm aus, ließ ihn innerlich erstarren. Es war ein sehr beunruhigendes Gefühl, das sich auch in seiner Magengrube festzubeißen schien. Sein Enkel Ceylin hatte erst gestern berichtet, dass diese heimtückischen Kreaturen, die Dunklen Dämonen, jetzt überall gesichtet wurden. Also musste er sich dagegen rüsten, sich wappnen gegen diese Kälte, denn die Zeremonie durfte unter keinen Umständen gefährdet werden.

Der Alte seufzte schwer und zog den warmen Schal über seinen Schultern zurecht. Dieser Ritus! Wenn er nicht bei Kräften war, konnte er ihn nicht angemessen durchführen.

Noch dichter streckte er die Hände dem warmen Schein des Feuers entgegen, aber es nützte nicht viel, ihm war immer noch kalt.

Keyla, die Auserwählte. Er musste leise kichern, als er an sie dachte. Wen hatte das Schicksal wohl für diese ungestüme Elfe ausgesucht? Selten hatte es eine aufmüpfigere Auserwählte gegeben. Diese Elfe brauchte jemanden, der sie mit fester Hand lenkte. Es war schon einige Zeit vergangen, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Deswegen würde er sie bald aufsuchen, am besten gleich morgen. Es gab genügend Details, die noch besprochen werden mussten.

Yusra fröstelte, als ihn ein merkwürdiges Gefühl überkam. Etwas schien sich anzubahnen, ein Unheil? Er spürte es in seinen Knochen, ganz deutlich. Auf sein Gefühl konnte er sich immer noch verlassen. Was immer es war, hoffentlich betraf es nicht das Bündnis. Nichts durfte es stören oder, noch schlimmer, es gar verhindern. Die Auswirkungen, die das hätte, wären verheerend. Nicht nur für das Volk der Elfen, nein, für alle.

Es würde seine letzte Zeremonie werden, er wusste es, seine Aufgaben hier waren fast erfüllt. Bald schon würde er hinübergehen in die jenseitige Welt und Ceylin als seinen Nachfolger hinterlassen. Yusra konnte nur hoffen, dass er seinem Enkel alles wohlgeordnet übergeben konnte. Durch Dunkle Dämonen ausgelöstes Chaos konnte der Junge nicht brauchen. Es würde auch ohne schwer genug für ihn werden.

Wie er so dasaß, tief in Gedanken versunken, hätte er fast das leise Raunen überhört.

Yusra, oh Weiser, höre uns an.

Der Alte hob den Kopf. Die Orakelkristalle, was wollten sie von ihm? Es war ein schlechtes Zeichen, wenn sie jetzt, kurz vor der Zeremonie, sprachen. Ein eisiger Hauch durchdrang ihn, Yusra schlang seinen Schal noch fester um sich. Also hatte ihn das Gefühl doch nicht getrogen. Etwas Beunruhigendes bahnte sich an.

Höre uns an, Weiser, wir verkünden es gleich!

Mühsam kam der Alte auf die Beine und schlurfte langsam zum Altar, auf dem die Kristalle ruhten. Dort ließ er sich langsam auf die Knie nieder. Leise sang er in der alten Sprache. Mit den Händen zeichnete er komplizierte Muster in die Luft, wob ein unsichtbares Band.

Die Kristalle schienen sich zögerlich mit Leben zu füllen. Dabei fingen sie an, sanft in bläulichem Licht zu leuchten. Es veränderte sich, es wurde zu einem Flimmern, wurde heller und dunkler, pulsierte immer schneller. Die einzelnen Lichter verschmolzen zu einem Ganzen. Die Kristalle glühten, es sah aus, als brannte dort ein eiskaltes Feuer.

Sie erzeugten glockenhelle Töne, so rein und klar, noch nie gab es schönere. Der Alte lauschte ergriffen, auch nach diesen vielen, vielen Jahren konnte er sich ihrer Wirkung nicht entziehen. Nur durch seine Gabe war es ihm möglich, zu verstehen, was die Steine ihm mitteilen wollten. Er horchte genauer hin.

Mit Keyla kam die Auserwählte zur Welt.

Sie sollte es sein, doch sie ist es nicht.

Vertauscht die Bestimmung und das Gesicht.

Das Orakel, es irrte, es gibt nun bekannt:

Mit Keyla wurde die Falsche benannt.

Mit Conner kam der Auserwählte zur Welt.

Er soll es sein, doch weiß er es nicht.

Die wahre Bestimmung, das wahre Gesicht.

Weiser Yusra, nimm dies als Warnung:

Von seinem Los darf ihm niemand erzählen,

diese Bestimmung muss selber er wählen!

Vom Schicksal in die Pflicht genommen

wurde Macaire, er gilt als kühn, doch besonnen.

Kämpfen sie zusammen, wird die Welt entkommen.

Das blaue Funkeln erlosch langsam, das Orakel schwieg. Yusra rührte sich nicht, so überrascht war er. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.

Die falsche Auserwählte. So etwas hatte es wohl schon ein- oder zweimal gegeben. Doch dass die Steine sich im Geschlecht geirrt hatten, noch nie! Was sollte das denn bedeuten? Wie kamen die Kristalle darauf? Er nahm ein Glöckchen vom Boden und läutete nach seinem Enkel.

„Großvater, du hast gerufen“, fragte Ceylin, als er den düsteren Raum betrat. „Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen.“ In der Hand hielt er eine kleine Öllampe. Yusra wusste, dass sein Enkel die Dunkelheit nicht mochte.

„Ich bin hier beim Orakel. Natürlich habe ich dich gerufen, sonst wärst du ja nicht hier, oder? Frag nicht so dumm, Junge!“ Ungeduldig schob der Alte den verrutschten Schal wieder an seinen Platz. „Komm, hilf mir hoch.“

„Entschuldige Großvater, natürlich, sofort.“ Langsam kam Ceylin zu ihm. Er leuchtete mit der Lampe vor sich her. Dann zog er ihn vom Boden hoch. „Großvater, was ist mit dir? Geht es dir nicht gut? Du siehst besorgt aus.“

Der Alte reckte sich und schüttelte müde den Kopf. „Es geht schon, aber das Orakel, es hat mir etwas erzählt.“ Er hob seine Hände und tastete suchend umher. Ceylin ergriff sie und zuckte zusammen. „Großvater, ich mache dir sofort einen Kräutertee, du bist ja kalt bis auf die Knochen. Komm, setz dich hier ans Feuer.“ Ceylin führe ihn zum Kamin zurück, schmiss noch ein paar Holzscheite nach und eilte hinaus.

Yusra dachte wieder über diese ungeheuerliche Botschaft nach. Was würde das für das Bündnis bedeuten? Conner, das war doch Keylas Zwilling. Er hatte sich noch nie viel mit dem jungen Mann beschäftigt, warum auch? Keyla war auserwählt, um sie ging es. Er seufzte tief, nun hatte sich alles verändert. „Junge, es gibt Nachrichten für die Auserwählte“, sagte er zu seinem Enkel, als der mit dem Tee zu ihm zurückkehrte. „Wir sollten sie besuchen. Doch zuerst begeben wir uns zu dem Ratsvertreter der Vampire, ich weiß nun, wer der Erwählte sein wird. Du begleitest mich in das Schloss, ich fühle mich heute etwas unwohl. Allerdings, gern tu ich es nicht.“ Der Alte ermahnte seinen Enkel eindringlich. „Ich bitte dich, sei auf der Hut, dieser Vampir ist undurchsichtiger als jeder andere. In ihm stecken tiefste Abgründe. Am besten ist, du hältst dich im Hintergrund.“

*

Yusra hatte sich und Ceylin vor den Innenhof des alten Schlosses teleportiert. Er kannte die üblichen Geschichten, die man sich hinter vorgehaltener Hand über den Ratsherrn Jourdain erzählte. Früher, als der Vampir noch jung war, sollte er oft im nahe gelegenen Dorf gejagt haben. Immer wieder soll es vorgekommen sein, dass junge, gesunde Männer verschwanden. Wenn er den Geschichten, die heute noch über ihn im Umlauf waren, Glauben schenken konnte, dann hatte sich an seiner Vorliebe nichts geändert. Es wunderte ihn, dass der Rat nichts dagegen unternahm.

„Erinnere mich daran, dass ich dir zeige, wie man teleportiert. Ich glaube, ich bin zu alt für dies hier.“ Erschöpft lehnte er sich gegen seinen Enkel.

„Sicher Großvater, aber geht es dir gut? Wir hätten nicht herkommen sollen. Sobald wir wieder zu Hause sind, solltest du dich ausruhen.“ In Ceylins Worten klangen Sorge und Anteilnahme mit. Yusra nickte und stützte sich schwer auf den Arm seines Enkels. Da das Kopfsteinpflaster alt und glatt war, führte Ceylin ihn vorsichtig zur Seitenpforte. Dort zog er an einem abgegriffenen Seil. Nach einer Weile öffnete sich ein kleines Fenster. Ein alter Lakai blickte heraus.

„Wer seid Ihr? Was wünscht Ihr?“ Die Stimme klang eingerostet, so als spräche er nicht sehr häufig.

„Das ist der Weise Yusra, der Hüter des Orakels, ich bin sein Enkel Ceylin. Der Alte wünscht den Ersten Ratsherrn zu sprechen. Es ist dringend!“, antwortete Ceylin.

Ein Schlüssel rasselte, die Pforte öffnete sich knarrend. „Tretet näher, ich werde meinen Herrn von Eurer Ankunft in Kenntnis setzen.“

Schweigend überquerten sie den Schlosshof und betraten die Halle durch eine riesige, schwere Tür. Yusra wusste in etwa, wie alt sie war. Das Schloss wurde vor ungefähr vierhundert Jahren erbaut, als er noch ein Jungspund war.

So etwas wie diese Tür gab es heute doch schon gar nicht mehr. Dicke Eichenbohlen mit handgeschmiedeten Eisenbändern und Scharnieren so massig wie eine Männerfaust.

„Folgt mir“, beschied der Lakai den beiden und eilte vor ihnen her.

In der Halle hatte Yusra keinen Blick für die kostbaren Möbel und alten Gemälde, die hier an den Wänden hingen. Die dicken Steinsäulen, die die gewölbte, reich bemalte Decke der Halle stützten, ignorierte er ebenso wie die Armee aus glänzenden Ritterrüstungen. Er hatte kein Auge für den riesigen Kamin, in dem man einen Ochsen braten konnte. Die funkelnden Kristallleuchter waren ihm einerlei. Diese Pracht konnte ihn nicht beeindrucken.

Ceylin schon, wie er feststellen musste. Am Fuße der großen Treppe, die in die obere Etage führte, blieb er stehen und sah zurück. Sein Enkel stand da, mitten auf einem fein geknüpften Seidenteppich und gaffte.

„Junge, halte nicht Maulaffen feil! Mach, dass du herkommst“, rief er ihn zur Ordnung. „Was bist du? Ein neugieriges Kind?“

Kapitel 3

Jourdain befand sich in diesem Moment in seinen privaten Wohnräumen. Seine Geschäfte und das Amt als Erster Ratsherr ließen ihm nicht viel Zeit, seinen Vergnügungen nachzugehen. Doch heute gönnte er sich einen freien Tag ganz ohne lästige Verpflichtungen.

Die meisten Räume im Schloss hatte er inzwischen modernisieren lassen. Doch hier, in seiner Lasterhöhle, wie er es nannte, strahlte alles noch dieses düstere Flair aus, welches er eigentlich bevorzugte. Es gab immer noch die seidenen, handgewebten, weinroten Bespannungen aus Frankreich, die große Teile der Wände bedeckten. Wenn, so wie jetzt, Kerzenlicht darauf fiel, sah es aus, als floss Blut daran herab. Damals, als er sich noch am französischen Hof aufhielt, war das der letzte Schrei. Genauso wie die nachtschwarzen Samtvorhänge, die vor den großen bleiverglasten Fenstern hingen und den Wind abhielten. Als seine familiären Verpflichtungen ihn für seine Vorstellungen viel zu früh wieder ins elterliche Schloss zurückriefen, brachte er kurzerhand ganze Wagenladungen an Stoffen, Möbeln und Dienern mit. Die Einrichtung hatte die Jahrhunderte zum größten Teil unbeschadet überstanden.

Jetzt lag er da, sein schneeweißes Hemd bis zur Taille geöffnet, Strähnen des langen rabenschwarzen Haares im Gesicht und rekelte sich zufrieden auf der Chaiselongue.

Träge griff er nach der Kette, die an die Liege geschmiedet war, und zog daran. Der spärlich gekleidete junge Mann, der zu seinen Füßen hockte, gab kein Geräusch von sich. Was kein Wunder war, hatte er sich doch gerade noch mit dem Burschen vergnügt und ihn als seine Blutbank benutzt.

Fürs Erste war er gesättigt, die Aufnahme von frischem, warmen Blut ließ sich doch durch nichts ersetzen. Diese unglaubliche sexuelle Erregung, die ihn dabei überkam, war jedes Mal aufs Neue grandios. Er hatte sein Opfer gebissen, von ihm getrunken, nur seinen Hunger gestillt, die Befriedigung seiner anderen Gelüste sollte später folgen. Er liebte es, seine Begierde hinauszuzögern. Umso größer war die Lust, umso gewaltiger die Explosion, wenn er es sich dann endlich gestattete, seinen wilden Trieben freien Lauf zu lassen. Er hatte sich den berechtigten Ruf erworben, erbarmungslos zu sein, nahm sich, was und wen er wollte. Wer seine Aufmerksamkeit erregte, war verloren.

Der Vampir leckte sich die letzten Tropfen von den Lippen. Ja, er hatte gut gewählt, dieser Mensch schmeckte sehr köstlich. Es war nicht einfach, anspruchsvolle Mahlzeiten zu bekommen, aber bislang war es ihm immer gelungen. Wozu gab es Clubs und Bars?

Leider waren diese Menschen sehr zerbrechlich. Der Bursche hier war in diesem Monat schon der dritte, um den Gwenael sich kümmern musste. Wenn er mit ihm fertig war, würde der Diener sein Gedächtnis löschen und ihn dann irgendwo aussetzen.

Als er hörte, dass sein Lakai eintrat, war er darüber mehr als ungehalten.

„Was willst du? Hatte ich nicht befohlen, mich nicht zu stören?“, herrschte er ihn an.

Der Lakai trat vorsichtig an die Chaiselongue heran und verneigte sich. „Herr, der Weise Yusra, der Hüter des Orakels, wünscht, Euch zu sprechen.“

Jourdain setzte sich widerwillig auf, was sollte diese Störung, jetzt, um diese Uhrzeit.

„Was will er?“

„Herr, das hat er nicht gesagt.“

„Führ ihn in mein Arbeitszimmer.“ Jourdain erhob sich, zog seine schwarze Lederhose zurecht und knöpfte das zerknautschte weiße Hemd zu. Gerade stopfte er es achtlos in den Hosenbund, da stand der greise Elf schon mitten im Raum und kam auf ihn zu. Jourdain machte eine Handbewegung, der Lakai verneigte sich und verschwand lautlos.

„Erster Ratsherr, entschuldigt die Störung, aber es ist wichtig.“

„Warum benutzt Ihr nicht das Telefon oder schreibt eine Mail? Wir leben inzwischen im einundzwanzigsten Jahrhundert, habt Ihr das noch nicht mitbekommen?“

„Papperlapapp, dieses unnütze Zeug!“, brummte der Alte bloß und blieb stehen. „Solange ich mich noch bewegen kann, überbringe ich meine Botschaften persönlich.“

„Dann seid willkommen.“ Jourdain verneigte sich respektvoll. Der Alte war ein sehr mächtiger Elf, auch wenn er aussah, als würde er jeden Moment hinübergehen. Niemand würde sich mit ihm anlegen, auch ein einflussreicher Vampir und Ratsherr nicht.

„Lasst uns in einen anderen Raum gehen“, schlug er vor. „Dort können wir uns setzen.“ Er hatte den Arm schon nach dem Alten ausgestreckt und wollte ihn hinausbegleiten, da stutzte er.

Dieser Geruch. Welch köstliches Aroma hing plötzlich in der Luft. Es fesselte ihn, reizte seine Sinne.

Jourdains Blick fiel auf einen jungen, schlanken Elfen, der neben der Tür stehen geblieben war. Er war ein ganzes Stück größer als der Alte, trug einfache Jeans und einen schlichten dunklen Wollpullover. Das blonde Haar war im Nacken zu einem kleinen Zopf gebunden. Einzelne Strähnen hatten sich gelöst, hingen ihm in die schönen silbergrauen Augen. Seine Gesichtszüge waren eben und gleichmäßig. Er stand einfach nur da und starrte an ihm vorbei. Der Vampir drehte den Kopf, was faszinierte den Kleinen so? Der Mensch dort auf dem Boden? Wahrscheinlich.

Als der Elf bemerkte, dass Jourdain ihn beobachtete, errötete er sanft, schlug den Blick zu Boden und strich sich eine Strähne hinter das Ohr.

Es war faszinierend. Alles an dem Elfen strahlte jugendliche Unschuld aus, Arglosigkeit und Reinheit. Jourdain war sich bewusst, dieser Elf schien etwas Besonderes zu sein. Er spürte Erregung in jeder Faser. Mühsam riss er sich zusammen und drängte die hervorbrechenden Fangzähne wieder zurück. Wer immer der Elf war, er durfte sich jetzt nicht zu irgendetwas hinreißen lassen. „Kommt, hier entlang“. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, trat er an den Elfen vorbei.

In dem Nebenraum stand eine einfache Sitzgruppe, sie bestand aus drei bequemen Sesseln mit viel Chrom und hellem, weichen Leder und einem niedrigen Tischchen. Er schaltete das Licht an, dann trat er an den Glockenstrang. „Bitte, nehmt Platz. Wünscht Ihr etwas zu trinken?“

Mit einer wortlosen Geste lehnte der Alte ab und nahm Platz, während der junge Elf hinter dessen Sessel stehen blieb. Jourdain setzte sich so, dass er den Jungen im Blick hatte. Er musste unbedingt herausbekommen, wer das war. Doch zuerst waren die Geschäfte dran.

„Was führt Euch her zu mir?“

Der Alte zog an seinem Bart. „Ich bin hier, weil ich etwas über einen Vampir wissen möchte. Sein Name ist Macaire.“

„Macaire? Hm, das kann nur der Dämonenjäger sein. Warum fragt Ihr?“

„Dazu komme ich gleich, doch zuerst sagt mir, was hat er für einen Charakter? Was treibt er, womit verdient er sein Geld?“

„Er lebt die meiste Zeit in der Welt der Menschen, er hat sich dort mit ihnen arrangiert. In einer ihrer Städte hat Macaire ein Büro, er nennt es Privatdetektei, aber sein Hauptanliegen ist die Jagd nach Dämonen und anderen bösen Kräften, die in der Welt ihr Unwesen treiben. Er ist so etwas wie der Beschützer der Menschen.“

Yusra nickt und schien zu überlegen. Wieder spielte er mit dem dünnen Ende seines Bartes. „Ist er ein tapferer Kämpfer? Ist er aufrecht und ehrenvoll?“