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Mit Neugier und Offenheit auf »die anderen« zugehen
»Stell dir einen Regenbogen mit nur einer Farbe vor! Langweilig, nicht wahr!« In unserer Anthologie werden Geschichten vom Verschiedensein und dem Finden von Gemeinsamkeiten erzählt. Immer durch den Gedanken geleitet: Alle Menschen sind verschieden und das ist gut und schön so. Unsere Geschichten haben einen positiven und ermutigenden Ansatz und wollen Diversität in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft widerspiegeln. Unsere Autor*innen: Luna Al-Mousli, Sven Gerhardt, Andreas Hüging und Angelika Niestrath, Andrea Karimé, Usch Luhn, Bettina Obrecht, Shary Reeves, Suki Sukini, Anna Taube u.v.a.
Eine abwechslungsreiche Geschichtensammlung zum gemeinsamen Lesen mit Kindergruppen und zu Hause für Kinder ab 5 Jahre
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2023
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© 2023 Penguin JUNIOR in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenAlle Rechte vorbehaltenCover und Innenillustrationen: Laura Rosendorfer, PullachDie Illustratorin wird von der Agentur Brauer vertreten.Umschlagkonzeption: Laura Rosendorfer / Lena EllermannDiversity-Lektorat: Chantal-Fleur Sandjon, Berlinhf · Herstellung: AWSatz und Reproduktion: Lorenz+Zeller GmbH, Inning a. A.ISBN 978-3-641-29616-2V001
www.penguin-junior.de
Vorwort
Ben, der Ziegenbändiger – Bettina Obrecht
Wildtierflüsterer – Friedrich Schmoll
Anderssein bestimmen die anderen – Shary Reeves
Mut – Mustafa Akmaz
Mein Sommer – Daniela Kedro
Prinz Lila und die Drachenjägerin – Angelika Niestrath und Andreas Hüging
Die Träumerin in mir – Anna Traunig
Gefangene Gedanken – David Tritscher
Samiras Ring – Anna Taube
Sprachspielereien – Andrea Karimé
Ich sehe was, das du nicht siehst – Luna Al-Mousli
Wanda aus dem Wald – Usch Luhn
Die Bildersammlerin – Annemarie Delleg
Die Hängematte – Suki Sukini
Luft-Sprung – Christiane Becker
Das Straßenfest – Sven Gerhard
Nachwort
Biografien
I have a dream today!Ich habe heute einen Traum!Dr. Marin Luther King Jr.
Träumst du auch manchmal mit offenen Augen?
Keine Träume von Eis oder den Ferien, sondern vom Leben?
Es gibt Träume, die erfordern viel Mut. Besonders, wenn sie Wirklichkeit werden sollen.
Vor etwa 60 Jahren, am 28. August 1963, versammelten sich über 250 000 Menschen in Washington, der Hauptstadt der USA, zu einer friedlichen Protestaktion. Als letzter Redner trat Dr. Martin Luther King ans Pult.
„Ich habe einen Traum!“, rief der Bürgerrechtler den Versammelten zu. Und er erzählte ihnen von seinem Traum: einem Land, in dem alle Menschen gleichberechtigt leben, lernen und arbeiten dürfen. Einem Land, in dem seine vier Kinder – und gewiss alle anderen Kinder, auch du! – nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Einem Land, in dem alle Menschen frei sind. Frei von Vorurteilen, Benachteiligungen und Unterdrückung.
Dr. Kings Rede zählt zu den berühmtesten der Weltgeschichte.
Vielleicht, weil sein Traum von einer vielfältigen und gleichberechtigten Gesellschaft bis heute nicht Wirklichkeit geworden ist. Und weil ihn Millionen von Menschen nicht aufhören zu träumen.
Es ist ein mutiger Traum. Ein schöner Traum. Ein bunter Traum.
Darüber, wie er wahr werden könnte, haben Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten für dich Lieder, Gedichte und Geschichten geschrieben. Texte und Melodien, die von einem bunten Leben erzählen und die dir Mut machen, mitzukommen und dabei zu sein!
Träume mit uns! Wenn alle zusammenhalten und mitmachen, wird der Traum von einer bunten, glücklichen Menschheit vielleicht doch eines Tages Wirklichkeit.
Trauen wir uns: Seien wir gemeinsam BUNT!
Januar 2023
Eine Geschichte vom Angsthaben und Mutigwerden
Unter der Hecke am Rand des Schulhofs ist es nicht gemütlich. Die Kinder nennen sie „Müllkippe“. Kein Wunder – es liegt ja wirklich viel Müll herum: Verpackungen von Schokoriegeln, eine Plastikflasche, zerknülltes Papier, ein Pizzakarton, Bananenschalen. Der Müll riecht sauer, Mücken kitzeln an Bens Nase, und dürre Zweige piksen in seine Arme und seine Beine. Über ihm schimpft eine schwarze Amsel im dichten Laub. Wahrscheinlich kackt sie gleich auf seinen Kopf. Es wäre besser, wenn Ben seine Mütze noch aufhätte, aber leider hat er die ja nicht mehr. Er kann sie von seinem Versteck aus sehen, weil sie so schön grellrot leuchtet. Da vorne liegt sie, mitten auf dem Schulhof. Die anderen Kinder haben sie Ben weggenommen.
„Hol sie dir doch zurück!“, haben sie Ben zugerufen und sich die Mütze gegenseitig zugeworfen.
Ben hat probiert, ihnen die Mütze wieder abzunehmen, wie immer, aber er hat es nicht geschafft, wie immer, und dann hat er geweint, wie immer.
Und wie immer, wenn er weint und wütend ist und gar nicht mehr weiß, was er tun soll, hat er sich im Gebüsch versteckt.
Er versteckt sich nicht richtig, nicht so, dass ihn keiner mehr sehen kann. Die anderen wissen genau, dass er da drin kauert und ihnen zusieht. Aber zur Müllkippe kommen sie nicht, und er kann so tun, als wäre er nicht da.
Die Kinder spielen jetzt wieder mit einem Ball. Sie kicken ihn über den Hof und lachen und schreien dabei.
Ben schließt die Augen, damit er den Müll und seine Mütze nicht mehr sehen muss.
Dann hört er, dass die Kinder sich etwas Neues zurufen.
„Eine Ziege!“
„Das gibt es doch nicht! Wo kommt die her?“
„Schnappt sie euch!“, rufen sie.
„Haltet sie fest!“
„Lasst sie nicht durch!“
Erschrocken reißt Ben die Augen wieder auf, aber die Kinder sehen nicht in seine Richtung. Sie versuchen, eine Ziege einzufangen.
Sie ist ganz klein, weiß und struppig und hat winzige Hörner. Und Angst hat sie auch, so etwas kann Ben genau erkennen. Sie will sich nicht von den Kindern einfangen lassen. Timo breitet die Arme aus, und Mia schneidet der Ziege den Weg ab und greift nach ihr, aber die Ziege schlüpft an ihr vorbei.
„Die rennt zur Müllkippe!“, schreit Mia und bleibt stehen. Sie kommt nicht näher an die Hecke, weil die so schlecht riecht.
Ben wird steif vor Schreck, denn Ziegen sind ihm nicht geheuer, auch wenn sie so klein sind wie diese. Was soll er machen, wenn sie ihn mit ihren Hörnern angreift? Die anderen werden ihm bestimmt nicht helfen.
Ella läuft der Ziege nach, aber sie erwischt sie nicht.
Die Ziege springt ins Gebüsch. Sie kommt direkt zu Ben und drückt sich an ihn, als würde sie Ben bitten, ihr zu helfen.
Ben hält die Luft an.
Was soll er jetzt machen?
Er kann doch keinem helfen!
Er ist ja kein Freund. Jedenfalls will ihn keiner zum Freund haben.
Aber die Ziege weiß das wohl nicht.
„Hallo, Ziege“, flüstert Ben.
Die Ziege meckert leise und drängt sich noch enger an ihn. Sie ist ganz weich und warm. Ben möchte sie gerne streicheln, aber er traut sich nicht.
Die anderen Kinder stehen noch einen Moment lang ein paar Schritte vor dem Gebüsch herum, aber dann zucken sie mit den Schultern und gehen zurück zu ihrem Ball.
Die Ziege entspannt sich. Sie schnuppert an einem Pizzakarton, dann sieht sie Ben an und meckert wieder. Sie will bestimmt, dass Ben sie streichelt. Aber Ben traut sich immer noch nicht.
„Wo kommst du her?“, fragt Ben. Er sieht, dass die Ziege ein schmales Halsband trägt, wie ein Hund, mit einer kleinen Marke dran. Auf dieser Marke steht vielleicht, wie sie heißt, und vielleicht auch, wo sie wohnt.
Die Ziege schnuppert wieder am Pizzakarton und beißt dann hinein.
„Das ist nicht gesund!“, flüstert Ben erschrocken.
Da schubst die Ziege Ben vorsichtig mit dem Kopf an, als wollte sie mit ihm spielen.
Dabei spielt doch keiner mit Ben.
Ben möchte der Ziege das erklären, aber er versteht es ja selbst auch nicht.
Irgendetwas macht Ben falsch.
Oder vielleicht macht er auch gar nichts falsch.
Vielleicht ist er selbst einfach falsch.
Die Ziege kennt Ben aber nicht. Sie stupst ihn immer wieder mit der Nase und sieht ihn auffordernd an.
„Was soll ich mit dir machen?“, flüstert Ben. „Du musst nach Hause. Aber ich weiß doch gar nicht, wo du hingehörst.“
Die Ziege scheint einen Moment lang zu überlegen. Dann beißt sie wieder in den Pizzakarton, lässt ihn fallen und verspeist stattdessen einen sehr gammeligen Apfelrest. Nein, das kann wirklich nicht gesund sein!
Ben sieht sich im Gebüsch um. Hier liegt noch jede Menge Müll herum, den die Ziege fressen könnte. Und wenn sie davon krank wird, ist Ben schuld, weil er sie nicht daran gehindert hat.
Ben muss die Ziege aus dem Gebüsch ziehen. Ihm bleibt nichts anderes übrig. Ängstlich sieht er sich nach den anderen Kindern um. Wenn sie ihn entdecken, kommen sie bestimmt angerannt und machen sich über ihn lustig oder werfen ihn sogar wieder einmal auf den Boden. Aber sie spielen zum Glück hinten beim Klettergerüst und haben die Ziege wohl vergessen.
Ben greift vorsichtig nach dem Halsband und zieht. Die Ziege will erst ihren Apfel aufessen, aber als sie fertig ist, lässt sie sich von Ben bereitwillig auf den Hof führen. Sie meckert sogar fröhlich und reibt ihre Stirn an Bens Bein.
Es wäre richtig gemein, sie jetzt nicht zu streicheln. Ben holt tief Luft und legt seine Hand auf den Rücken der Ziege. Sie fühlt sich so lebendig an!
Ben dreht das Halsband so, dass er lesen kann, was auf der Marke steht: Paola.
„Guten Morgen, Paola“, flüstert Ben.
Die Ziege meckert wieder und reckt den Hals, weil sie ein paar aufgeweichte Chips entdeckt hat. Aber Ben hält sie fest.
Vorsichtig streckt Ben die Hand nach der Marke aus. Er hat immer noch ein bisschen Angst, aber er muss doch nachsehen, ob auf der Rückseite eine Telefonnummer steht.
Paola, die Ziege, wehrt sich nicht. Auf der Rückseite der Marke steht tatsächlich eine Telefonnummer. Ben hat kein Telefon, aber er könnte den Hausmeister fragen, ob er für ihn anrufen kann. Dafür muss er nur die Nummer in sein Heft schreiben. Ben sieht sich um. Seine Schultasche liegt noch im Gebüsch, also kriecht er zurück und hofft, dass Paola so lange auf ihn wartet.
Die Amsel flattert wieder, und als Ben zu ihr aufsieht, erkennt er erst, dass sie ein Nest hat. Warum hat er es vorher nicht bemerkt? Es ist ein richtiges Nest, aus dem die Schnäbel kleiner Vogelbabys ragen. Ben muss lächeln. Jetzt weiß er, warum die Amsel so geschimpft hat, als er in die Nähe kam. Sie hat eigentlich gar nichts gegen Ben. Sie wollte nur ihre Kinder beschützen.
Ben malt die Zahlen in sein Heft und macht sich auf die Suche nach dem Hausmeister. Herrn Haller mag er, denn der kommt ihm manchmal zu Hilfe, wenn die anderen ihn zu heftig schubsen. Ben zieht Paola am Halsband über den Hof und klopft an die Scheibe des Hausmeisterzimmers. Dabei sieht er sich ängstlich um, aber die anderen Kinder sind immer noch weit weg.
„Hallo, Ben“, sagt der Herr Haller. „Ist schon wieder etwas passiert? Brauchst du ein Pflaster oder ein Gummibärchen? Oder musst du dir meine Fische ansehen?“
