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Beschreibung

Sechs Storys von fünf berühmten australischen Erzählern in deutscher Erstübersetzung E. W. Hornung - Der glücklichste Mensch H. H. Richardson - Zwei von diesen Frauen Rosa Campbell Praed - Der Bunyip H. H. Richardson - Unterhaltung in der Vorratskammer Dowell O’Reilly - Zwielicht Barbara Baynton - Eine Träumerin

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bunyip

 

Zwielicht

… und andere australische Storys

 

 

Aus dem Australischen übersetzt und

herausgegeben von Shawnee Lawrence

 

 

 

1. Auflage 2022

Balladine Publishing Ltd & Co. KG, Köln

Copyright © 2022 Balladine Publishing

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Balladine

ISBN 978-3-945035-49-8

www.balladinepublishing.com

Inhalt

Ernest William Hornung – Der glücklichste Mensch

Henry Handel Richardson – Zwei von diesen Frauen

Rosa Campbell Praed – Der Bunyip

Henry Handel Richardson – Unterhaltung in der Vorratskammer

Dowell O’Reilly – Zwielicht

Barbara Baynton – Eine Träumerin

Über die Autoren

Glossar

Verzeichnis der Originaltitel

Weitere Titel aus unserem Programm

E. W. Hornung – Der glücklichste Mensch

 

Das ist nie ein schöner Moment, wenn dein Pferd unter dir zusammenzubrechen droht und du dir dieser Tatsache bewusst bist, also weißt, dass es grausam wäre, das Tier auch nur einen Zentimeter weiter zu reiten, und geradezu ein Ding der Unmöglichkeit, eine ganze Meile in Betracht zu ziehen. Aber geschieht das mitten im Busch, ist dieser Augenblick mehr als bloß unangenehm, da du ewig weit von der nächsten Behausung entfernt sein könntest. Und ein unvorbereitetes Lager ohne Verpflegung und Decken erfordert sowohl ein stoisches Naturell als auch ein beträchtliches Maß an Durchhaltevermögen.

Genau das ist einmal dem Manager der Dandong-Farm in der Wildnis von New South Wales zugestoßen, als er sich auf der rechten Seite des Grenzzauns von Dandong befand, vierzehn Meilen vom Haupthaus entfernt. Glücklicherweise war Deverell von Dandong ein junger Mann und seit seiner Kindheit an die gelegentlich auftretenden Entbehrungen des Farmlebens gewöhnt und körperlich in der Lage, diese zu erdulden. Darüber hinaus besaß er vorteilhafterweise ein außerordentlich gelassenes Temperament.

Sofort als er bemerkte, was los war, stieg er vom Pferd. Ein mit Kiefern bewachsener Hang – ein Sandhügel, der sich mit einer angemessenen Ausrüstung hervorragend zum Lagern geeignet hätte – ragte ein paar hundert Meter entfernt vor den Sternen auf. Doch noch an Ort und Stelle nahm Deverell dem Pferd den Sattel ab und trug ihn selbst bis zu dem Hügel, wo er das zu Tode erschöpfte Tier auch vom Zaumzeug befreite, ihm mithilfe seiner Steigbügelriemen die Beine zusammenband und es ausruhen ließ.

Deverell von Dandong war seinen Pferden und Hunden ein guter Herr und seine Männer behandelte er ebenfalls nicht schlecht. Er war ein bisschen selbstsüchtig – der Manager kommt immer zuerst, dann die Männer –, wie es sich eben für denjenigen, der das Sagen hat, gehört. Andererseits war er ein äußerst aufrichtiger junger Mann. Er hätte zum Beispiel unverblümt zugegeben, dass er der glücklichste Mensch im Busch sei. Dies entsprach zweifellos der Wahrheit. Deverell verlor sein Glück niemals aus den Augen und schämte sich auch nicht, diese Tatsache einzugestehen, was ihn von dem durchschnittlich glücklichen Menschen unterschied, der behauptete, sein Zustand habe gar nichts mit Glück zu tun.

Deverell konnte sich an seinem Glück regelrecht weiden und nichts anderes tun – wenn er nichts anderes zu tun hatte. Und so war er durchaus nicht unzufrieden in dieser Nacht, die er einsam und hungrig auf der Nordseite des Hügels verbrachte. Den Rücken an eine Kiefer gelehnt, rauchte er sein Bruyèrepfeifchen.

Zunächst einmal war er der neue Manager von Dandong. Es handelte sich um eine der besten Managerpositionen in der ganzen Kolonie und Deverell hatte sie in jungen Jahren erhalten – mit Anfang zwanzig, höchstens. Das Gehalt betrug siebenhundert im Jahr und er lebte in einem ausgesprochen ansehnlichen Farmhaus. Außerdem würde er in einem Monat heiraten und die angehende Mrs Deverell war eine junge Frau von Stand in Melbourne, noch dazu eine Schönheit, ganz zu schweigen von einem anderen, überaus zufriedenstellenden Aspekt, der sich mit ihr verband, ohne so reichlich zu sein, dass er die Unabhängigkeit eines Mannes gefährdete.

Tatsächlich würde die Farm in wenigen Wochen hervorragend dastehen, pünktlich zu Weihnachten. Die Schur war außerordentlich ertragreich gewesen und es hatte kräftig geregnet. Auf den Weiden wuchs und gedieh es, die Speicher waren gefüllt, alles lief glatt (wie es keineswegs immer der Fall auf einer großen Farm ist) und unter den Eigentümer herrschte Begeisterung über den neuen Manager.

Nun, dieser neue Manager war selbst ein bisschen von sich begeistert. Er hatte Glück mit seiner Arbeit und Glück in der Liebe, was könnten die Götter einem sonst noch schenken? Vor allem, wenn man bedachte, dass ihm die Existenz seiner Vorfahren mehr Probleme bereitete, als wenn er eine Waise gewesen wäre – Vorfahren, die mit einem so fürchterlichen Makel behaftet waren, dass es einen Mann überall, außer in einer Kolonie, von Kindheit an ruiniert hätte –, war ihm wirklich ungeheures Glück mit seiner Liebesbeziehung beschieden worden. Doch wer auch immer seine Eltern gewesen waren oder was sie getan hatten, jetzt besaß er keine Verwandten mehr. Und das ist großartig, wenn man im Begriff ist, eine neue Familie zu gründen. Also konnte Deverell sogar in dieser Angelegenheit sein übliches Glück preisen.

Es tut gut, einen Mann zu sehen, der sein Glück voll und ganz zu schätzen weiß. Es ist so selten der Fall. Deverell aber tat es, und zwar mit absoluter Aufrichtigkeit. Selbst in dieser Nacht – obwohl er es sehr unbequem hatte und nach jedem Pfeifchen den Gürtel enger schnallte – war es ihm möglich, mit dankbaren Augen zu den Sternen zu blicken, sie hinter Schwaden von Rauch verschwinden zu lassen, anschließend zuzusehen, wie sich der Rauch verzog und die Sterne in vorherigem Glanz erstrahlten, und sich wieder und wieder und noch einmal als den glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt zu bezeichnen.

Während Deverell dort am nördlichen Ende des Hangs lagerte und sich für seinen leeren Magen bedankte, betrat ein Mann von Süden her das Kiefernwäldchen. Der schwere Sand dämpfte seine Schritte. Der Wanderer blieb ein gutes Stück von Deverell entfernt stehen und warf seine Schlafrolle mit erleichterter Miene zu Boden.

Der Mann war alt, hielt sich jedoch aufrechter als der gewöhnliche Landstreicher. Solch ein Marsch durchs Leben, eine Rolle aus Decken geschultert, in der sich der gesamte Besitz befindet, führt normalerweise zu einer deutlichen Verkrümmung des Rückens. Doch dieser Alte hatte sich offenbar nie beugen lassen. Und noch mehr unterschied ihn vom typischen Landstreicher. Er trug zwar die übliche Kleidung, aber der Filzhut war neu und steif, ebenso die Englischlederne, die tatsächlich auch ohne die darin befindlichen Beine aufrecht gestanden hätte. Die Wangen, das Kinn und die Oberlippe des Mannes waren von grauen Stoppeln bedeckt, die aussahen wie Stahlnadeln. Sein Gesicht war hohlwangig, von tiefen Falten durchzogen und wirkte angespannt.

Er ruhte sich kurz auf seiner Bettrolle aus. »Das also ist Dandong«, murmelte er, den Blick auf den Sand zwischen seinen Füßen gerichtet. »So, jetzt da ich endlich auf seiner Farm bin, kann ich mich ein bisschen ausruhen. Hier werde ich lagern. Morgen werde ich ihn sehen!«

Deverell, der sich auf der anderen Seite des Hügels befand und die Sterne hinter seinem Pfeifenrauch verblassen ließ, um sich nach dessen Verschwinden über ihr erneutes Erstrahlen zu freuen, vernahm mit einem Mal ein Geräusch, das wie Musik in seinen Ohren klang. Das Geräusch war ein Knistern. Deverell hörte auf zu rauchen, rührte sich jedoch nicht. Er fragte sich, ob er seinen Ohren wirklich trauen könne. Aber das Knistern wurde lauter. Deverell sprang auf und sah das Feuer des Landstreichers keine hundert Meter weit entfernt. Das einzig Schwierige war in diesem Moment, an sein beispielloses Glück zu glauben.

»Es nimmt kein Ende«, sagte er mit leisem Lachen, als er seinen Sattel über einen Arm legte und sich den Wassersack und das Zaumzeug schnappte. »Da lagert doch tatsächlich ein Kilometerfresser, der ganz sicher Mehl für ’n Brot und ’ne Handvoll Tee für den Pott hat! Vielleicht findet sich sogar ein Plätzchen auf seiner Decke für mich. Ich bin einfach der glücklichste Mensch auf der Welt, das wäre niemandem sonst passiert!«

Er lief hinüber zu dem Feuer, und der Landstreicher, der auf der anderen Seite der Feuerstelle hockte, spähte über seine bemehlte Handfläche hinweg zu ihm hinauf. Er bereitete schon das Brot zu. Die Begrüßung, die er Deverell zu Teil werden ließ, gestaltete sich in nahrhafter Form: er verdoppelte die Mehlmenge für das Brot. Ansonsten schwieg der Alte.

Deverell sorgte für die Unterhaltung. Er lag, das Gesicht den Flammen zugewandt und das Kinn in die Handflächen gestützt, ausgestreckt auf den inzwischen ausgerollten Decken und sprach offenherzig über sein Glück.

»Du rettest mir das Leben«, sagte er fröhlich. »Ich wäre verhungert. Ich hab das zwar vorhin nicht geglaubt, aber jetzt weiß ich, dass es so gekommen wäre. Ich dachte, ich könnte durchhalten, indem ich den Gürtel enger schnalle und rauche, doch das geht nun irgendwie nicht mehr. Ich kann’s gerade noch aushalten, bis das Brot gebacken ist. Das ist eben mein Glück! Hab niemals etwas so Appetitliches gesehen. Also immer ran, back nur weiter. Hast du Tee?«

»Ja.«

»Fleisch?«

»Nein.«

»Na, wir hätten ein Stückchen Fleisch vertragen können, aber was nicht ist, ist nicht. Ich hab ja mächtig Glück, dass ich überhaupt etwas bekomme. Ich hab solches Glück, ich sag dir, ich bin der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Wir hätten schon ein Kotelett vertragen können. Gott, wenn ich bloß ein Schaf entdecken würde, dann hätte ich Kotelett zum Essen! Auf dieser Weide gibt’s Hammel in Massen, aber leider kommen sie nur selten hier runter zum Tor.«

Er wandte den Kopf und kniff die Augen zusammen. Es war schwierig, außerhalb des Feuerscheins irgendetwas auszumachen, und er sah kein Schaf. Bestimmt hätte er keines angerührt, er hatte lediglich eine Bemerkung fallen lassen, die er gar nicht ernst meinte. Doch etwas in der Art, wie er es gesagt hatte, ließ den Alten aufhorchen. Fest heftete dieser den Blick auf Deverell.

»Sie sind wohl einer der Herren von Dandong, Sir?«

»Das bin ich«, entgegnete Deverell. »Mein Pferd ist noch jung und unerfahren. Es war völlig fertig, aber morgen früh wird’s in Ordnung sein. Die Krabbenlöcher sind voller Wasser und es gibt eine Menge Futter hier. Wir hatten tatsächlich die beste Saison seit Jahren – das war wieder einmal mein Glück, verstehst du!«

Der Landstreicher schien nicht alles mitzubekommen, was Deverell sagte. Er hatte sich umgedreht, kniete über dem Feuer und war vollauf mit dem Wassersack und dem Teepott beschäftigt, den er füllte. In offenkundiger Gedankenabwesenheit erkundigte er sich: »Ist Mr Deverell jetzt dort der Boss?«

»Das ist er.« Deverell war nun zurückhaltender, er überlegte einen Augenblick. Schließlich gab es keinen Grund, von sich selbst gegenüber einem Mann, der ihn vermutlich am nächsten Tag um Arbeit bitten wollte, in der dritten Person zu sprechen. Als ihm das dämmerte, fügte er mit einem Anflug von Würde hinzu: »Ich bin Deverell.«

Der Arm des Landstreichers zuckte, eine kleine Fontäne spritzte aus der Öffnung des Wassersacks und ergoss sich zischend ins Feuer. Der Alte kniete noch immer, den Rücken Deverell zugewandt. Sein Gesicht war blass, er blickte zu den matt leuchtenden Sternen, seine Lippen bewegten sich. Mit größter Anstrengung verharrte er kniend, so wie er bei Deverells letzten Worten gekniet hatte, bis dieser erneut sprach.

»Du warst auf dem Weg zu mir?«

»Ich war auf dem Weg nach Dandong.«

»Suchst du Arbeit? Du bekommst sie«, sagte Deverell entschieden. »Ich brauche zwar keine Arbeiter, aber dich nehme ich. Du hast mein Leben gerettet, Freund! Oder zumindest wirst du es jeden Moment tun! Wie sieht’s mit dem Brot aus?«

»Gleich fertig«, erwiderte der Alte und beantwortete damit Deverells letzte Frage, während er die erste ignorierte. »Soll ich den Tee zuckern oder nicht?«

»Zuckern.«

Der alte Mann hielt eine Handvoll Zucker und Tee bereit, um sie im Augenblick des Aufkochens in den Pott zu werfen. Er hatte sich nach wie vor nicht umgedreht. Während er weiterhin kniete und Deverell lediglich seine Schuhsohlen zu Gesicht bekam, wendete er von Zeit zu Zeit das Brot und kümmerte sich um den Tee. Seine Hände zitterten.

Im Verlauf der folgenden halben Stunde beglückte sich Deverell geradezu unfassbar. Er verschlang das heiße Brot und trank den starken Tee in einer Weise, die grenzenloses Vertrauen in seine Verdauungsfähigkeit bewies. Ein Dyspeptiker wäre vor Neid in Tränen ausgebrochen. Gegen Ende des Mahls bemerkte Deverell, dass der Landstreicher, der ein Stück vom Feuer entfernt saß und ihn mit ungeheurem Interesse zu beobachten schien, sein Brot kaum angerührt hatte.

»Hast du keinen Hunger?«, erkundigte sich Deverell mit vollem Mund.

»Nein.«