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Bürgerbeteiligung ist das neue Schlüsselwort im 21. Jahrhundert. Die Menschen wollen frühzeitig und aktiv in die Diskussionsprozesse und Entscheidungen gesellschaftspolitischer Ideen und Projekte eingebunden werden. Diesem Wunsch sollte in einer Demokratie von allen Seiten offen und konstruktiv begegnet werden. Für die Politik sind aktive Bürgerinnen und Bürger eine großartige Chance, Entscheidungen auf eine breitere und nachhaltige Basis zu stellen. Der E-Book-Reader "Bürgerbeteiligung - Kinder und Jugendliche" ergänzt die Schwerpunktausgabe "Bürgerbeteiligung" unseres Magazins change im Juni 2011. Die Beiträge verdeutlichen, wie wichtig engagierte Kinder und Jugendliche für eine lebendige Gesellschaft sind. Im Mittelpunkt stehen ihr lokales und globales Engagement, Modelle der Beteiligung und gesellschaftliche Mitwirkung als Bildungsziel. Bei den Beiträgen handelt es sich um Auszüge aus Büchern des Verlags Bertelsmann Stiftung
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Bürgerbeteiligung ist das neue Schlüsselwort im 21. Jahrhundert. Die Menschen wollen frühzeitig und aktiv in die Diskussionsprozesse und Entscheidungen gesellschaftspolitischer Ideen und Projekte eingebunden werden. Diesem Wunsch sollte in einer Demokratie von allen Seiten offen und konstruktiv begegnet werden. Für die Politik sind aktive Bürgerinnen und Bürger eine großartige Chance, Entscheidungen auf eine breitere und nachhaltige Basis zu stellen.
Der E-Book-Reader „Bürgerbeteiligung – Kinder und Jugendliche“ ergänzt die Schwerpunktausgabe „Bürgerbeteiligung“ unseres Magazins change im Juni 2011. Die Beiträge verdeutlichen, wie wichtig engagierte Kinder und Jugendliche für eine lebendige Gesellschaft sind. Im Mittelpunkt stehen ihr lokales und globales Engagement, Modelle der Beteiligung und gesellschaftliche Mitwirkung als Bildungsziel. Bei den Beiträgen handelt es sich um Auszüge aus Büchern des Verlags Bertelsmann Stiftung. Weitere Informationen zu unseren Verlagsprodukten finden Sie unter www.bertelsmann-stiftung.de/verlag.
Wir freuen uns über Ihr Interesse und wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.
Karin SchlautmannLeiterin Kommunikationder Bertelsmann Stiftung
Auszug aus:
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)
Vorbilder bilden – gesellschaftliches Engagement als Bildungsziel
Carl Bertelsmann-Preis 2007
Gütersloh 2007
ISBN 978-3-89204-943-2
© Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh
Jonathan Przybylski, Björn Hekman
Die Anforderungen der Arbeitswelt verändern sich. Personale und soziale Kompetenzen werden immer wichtiger. Über informelle Lernprozesse können Menschen viele dieser Fähigkeiten erwerben. Gerade das Engagieren im gesellschaftlichen Umfeld ist hierfür ein geeignetes Betätigungsfeld. Die Grundlagen für den Erwerb der Kompetenzen werden in den ersten zwei Lebensjahrzehnten gelegt. Über die Verknüpfung von Wirtschaft, Bildungssektor und gemeinnützigen Organisationen kann es gelingen, bereits frühzeitig dieses Potenzial zu nutzen. Dafür bedarf es allerdings einer neuen Anerkennungskultur.
Weniger Spezialisten – mehr Generalisten
Der Wandel der Arbeitswelt vollzieht sich rasant und stellt Arbeitgeber wie Arbeitnehmer vor die Herausforderung, sich Veränderungen immer schneller anpassen zu müssen. In einer Gesellschaft, in der Wissen zum entscheidenden Produktionsfaktor wird, werden immer weniger Spezialisten gesucht: Stattdessen bedarf es Allrounder, die sich auf variierende Aufgaben einstellen können. Die Arbeitswelt verschmilzt zu einem Konglomerat aus Informations- und Kommunikationstechnologien, aus kurzen Innovationszyklen, zunehmender Umfelddynamik und dem Einsatz neuer Technologien – was zu erheblich verkürzten Halbwertzeiten für einen Großteil des einmal erlernten Wissens und der erworbenen Qualifikationen führt. »Das Veraltern von Qualifikationen ist ein dauerhaftes Merkmal des technologischen Fortschritts« (Sennett 2007: 80).
Bedeutung der Sozialkompetenz
Für die Beschäftigten bedeutet dies signifikant größere Anforderungen: Sie müssen permanent ihr fachliches Wissen auffrischen (»lebenslanges Lernen«), und sie benötigen bereits zum Berufseinstieg ein ausgeprägtes Vermögen, sich ständig wandelnden Arbeitsbedingungen anzupassen. Neben seinen fachlichen Kompetenzen erlangen daher immer mehr auch die sozialen und personalen Kompetenzen eines Individuums an Bedeutung. Bei der Sozialkompetenz geht es generell um den Umgang mit anderen Menschen. Die Kultusministerkonferenz versteht darunter »die Bereitschaft und Fähigkeit, soziale Beziehungen zu leben und zu gestalten, Zuwendungen und Spannungen zu erfassen, zu verstehen sowie sich mit anderen rational und verantwortungsbewusst auseinanderzusetzen und zu verständigen. Hierzu gehört insbesondere auch die Entwicklung sozialer Verantwortung und Solidarität« (Sekretariat der KMK 2000: 9).
Bedeutung der Personalkompetenz
Bei der Personalkompetenz, die auch als Selbst- oder Individualkompetenz bezeichnet wird, geht es allgemein um den Umgang mit der eigenen Person – mit sich selbst. Auch hier greifen wir auf die Definition der Kultusministerkonferenz zurück. Demnach bezeichnet »Personalkompetenz die Bereitschaft und Fähigkeit, als individuelle Persönlichkeit die Entwicklungschancen, Anforderungen und Einschränkungen in Familie, Beruf und öffentlichem Leben zu klären, zu durchdenken und zu beurteilen, eigene Begabungen zu entfalten sowie Lebenspläne zu fassen und fortzuentwickeln. Sie umfasst personale Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstvertrauen, Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Zur ihr gehören insbesondere auch die Entwicklung durchdachter Wertvorstellungen und die selbstbestimmte Bindung an Werte« (ebd.). Dies gilt nicht nur für den Führungskräftenachwuchs und für Anwärter auf andere hoch qualifizierte Jobs, sondern betrifft, nicht zuletzt durch den Abbau von Hierarchien und die zunehmende Teamarbeit, alle Arbeitsebenen.
Defizite bei jungen Arbeitnehmern
Die Sozial- und Personalkompetenzen sind also eine Antwort auf die sich immer mehr dynamisierende Arbeitswelt. Allerdings liegen hier auch die größten Defizite: Wohlbekannt ist das Klagelied der Unternehmen über die mangelhafte Ausbildungsfähigkeit der heutigen Jugend. Doch nicht nur die Qualifizierung der »bildungsfernen Schichten« fällt schwer. In einer Studie der Industrie- und Handelskammer Dresden zu den Erwartungen an Hochschulabgänger sind über die Hälfte der befragten Unternehmen der Ansicht, dass mangelhafte soziale und personale Kompetenzen das größte Problem bei der Suche nach geeigneten Fachkräften darstellen (IHK Dresden 2004).
Zuweisung von Verantwortung
Was folgt, ist das klassische Spiel der Zuweisung von Verantwortung: Die Unternehmen sehen das Übel wahlweise in der eindimensionalen Ausrichtung der Hochschulen auf die Vermittlung von Wissen, der Überforderung der Hauptschule oder im Versagen der Eltern bei der Erziehung. Die Politik appelliert an die Verantwortung der Unternehmen, etwa bei der Bereitstellung von Ausbildungsplätzen. Die Schulen schimpfen auf die Eltern, die grundlegende Sozialisationsaufgaben nicht mehr wahrnehmen, und auf die Politik, deren Schulstrukturen zu Ausgrenzung und Benachteiligung führen. Die Eltern schließlich wollen für ihr Kind doch einfach immer nur das Beste.
Uneinigkeit über Bildungsziele
Dabei wird deutlich, dass nicht einmal Einigkeit über das anzustrebende Bildungsziel herrscht, geschweige denn über die zu verwendenden Methoden. Steht die Erziehung zum mündigen Bürger im Vordergrund; oder doch eher der notwendige Kompetenzerwerb, um im Berufsleben zu funktionieren? Wie gestaltet man die jeweils notwendigen Prozesse? Der Diskurs hierzu kann – und muss – sehr breit geführt werden.
Handlungskompetenz im Beruf
Hier soll es jedoch um die Vermittlung beruflicher Handlungskompetenz gehen, die die erwähnte Fach-, Sozial- und Personalkompetenz in sich vereint. Unter ihr versteht man »die Fähigkeit und Bereitschaft des Menschen, in beruflichen Situationen sach- und fachgerecht, persönlich durchdacht und in gesellschaftlicher Verantwortung zu handeln, d.h. anstehende Probleme zielorientiert auf der Basis von Wissen und Erfahrungen sowie durch eigene Ideen selbständig zu lösen, die gefundenen Lösungen zu bewerten und seine Handlungsfähigkeit weiterzuentwickeln« (Bader 2000: 39). Nur mit dem vollständigen Kompetenzbündel sind die Einzelnen der Herausforderung gewachsen, die mit den gestiegenen Anforderungen im Arbeitsleben einhergehen.
Die Bedeutung personaler und sozialer Kompetenzen im Arbeitsleben nimmt also zu. Doch woher kommen diese Kompetenzen? Und wie werden sie vermittelt?
Berufliche Weiterbildung
Die Unternehmen versuchen sich an den Symptomen. In der beruflichen Weiterbildung werden große Summen in die Mitarbeiterentwicklung gesteckt. Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln haben knapp 15 Prozent aller in Weiterbildung investierten Stunden fachübergreifende Themen zum Inhalt. Dies sind in erster Linie Fremdsprachenkurse sowie Seminare zum Verhaltens- und Persönlichkeitstraining. Bei einem Gesamtaufwand für Weiterbildungsmaßnahmen von rund 27 Milliarden Euro pro Jahr ist dies ein finanziell bedeutender Faktor (Werner 2006).
Universitätskurse
Auch an den Universitäten lassen sich inzwischen Kurse zu Schlüsselqualifikationen belegen. So existiert beispielsweise seit 2002 an der Universität Freiburg ein eigenes Zentrum für Schlüsselqualifikationen, in dem alle Studierenden der neuen Bachelor-Studiengänge entsprechende Übungen besuchen können (www.zfs.uni-freiburg.de). Dies ist kein Einzelfall. Ähnliche Institute finden sich mittlerweile an vielen deutschen Hochschulen – etwa in Mannheim, Frankfurt oder Bochum. Seminare, denen es im besten Fall gelingt, Phasen des formellen mit denen des informellen Lernens zu verbinden, stellen aber nur einen möglichen Weg dar, diese für den Beruf so wichtigen Fähigkeiten zu erwerben. Darüber hinaus gibt es auch andere Möglichkeiten der Vermittlung – die mitunter aber bereits in früheren Lebensphasen oder anderen Lernkontexten ansetzen.
Bedeutung des informellen Lernens
Schon vor mehr als 30 Jahren kam die von der Unesco eingesetzte Faure-Kommission zu der Erkenntnis, dass informelles – also von formalen Lernkontexten entkoppeltes – Lernen etwa 70 Prozent allen menschlichen Lernens ausmacht (Faure et al. 1973). Neben den klassischen Bildungsinstitutionen wie Schule existieren also auch andere Lernorte, denen eine große Bedeutung zukommt. Dabei sind die informell erworbenen Fähigkeiten nicht substituierend, sondern komplementär zum Lernen im institutionalisierten Bildungsprozess zu sehen. Berufliche Handlungskompetenz kann durch pädagogisch vorstrukturierte Lernprozesse nur teilweise erworben werden. Lern- und Entwicklungsprozesse, die dem tatsächlichen Arbeits- und Berufswissen von Fachkräften zugrunde liegen, werden hingegen überwiegend durch informelles Lernen abgedeckt (Dehnbostel 2003).
Hier offenbart sich das Dilemma des Lernens in informellen Zusammenhängen: Es ist schwer empirisch zu erforschen und noch schwerer zu vergleichen. Der Wunsch nach Standardisierung und Vergleichbarkeit à la Pisa lässt sich im informellen Raum nicht so einfach realisieren. Obwohl erst seit kurzem Gegenstand der empirischen Kindheits- und Jugendforschung, ist es aber unstrittig, dass gerade dort wichtige Kompetenzen erworben werden (Düx und Sass 2005: 397).
Kompetenzerwerb durch Engagement
Im Folgenden steht der Kompetenzerwerb, der in Settings des freiwilligen gesellschaftlichen Engagements erfolgt, im Vordergrund. Unter gesellschaftlichem Engagement verstehen wir dabei ein Handeln, das freiwillig und unentgeltlich bzw. ehrenamtlich verrichtet wird, das sich außerdem durch ein Mindestmaß an Organisation bzw. sozialer Einbindung auszeichnet und darüber hinaus nicht nur den Einzelnen oder der Familie dient, sondern auch Dritten und somit der Allgemeinheit zugute kommt (Poldrack 1993).
Während das Lernen in der Schule sehr bewusst als solches wahrgenommen wird, findet Lernen im Kontext gesellschaftlichen Engagements meist unbewusst statt und wird selten als Lernen reflektiert. Dennoch ist freiwilliges Engagement geeignet, gesellschaftliche Fähigkeiten (soziale und personale Kompetenzen) zu fördern: Organisationstalent, Führungsfähigkeit, Konfliktlösungspotenzial, Teamfähigkeit, unternehmerisches Denken, Lernbereitschaft oder Kreativität werden im Zusammenhang des gesellschaftlichen Engagements erfahr- und erlernbar. Ob bei der Mitarbeit in der Kirchengruppe, der Gewerkschaft, im Verein oder in projektbezogenen Gruppen – der »Ernstfall« gesellschaftliches Engagement übt Verantwortungsübernahme ein, die in konstruierten Settings nur schwer gelernt werden kann (Düx und Sass 2005: 401).
Wertevermittlung durch Engagement
Weitaus wichtiger ist aber, dass durch gesellschaftliches Engagement ein Wertesystem geprägt wird, das im hohen Maß zur Mündigkeit des Individuums und somit zur Entwicklung der beruflichen Handlungskompetenz beiträgt. »Werte« beschreiben dabei die affektive Haltung bzw. Einstellung gegenüber Objekten und Subjekten (Euler und Hahn 2004: 130). In dem Maße, in dem die Verantwortung jedes einzelnen Arbeitnehmers für sein Tun gegenüber Dritten zunimmt, erhöht sich auch die Bedeutung seines individuell entwickelten Wertesystems für das ihn beschäftigende Unternehmen. Das Vorhandensein gesellschaftlichen Engagements impliziert ein Wertemuster, das mit modernen Unternehmenskulturen einhergeht.
Personalwirtschaftliche Instrumente
In der Personalwirtschaft existieren bereits zahlreiche Instrumente, die sich mit der Messung und Bewertung sozialer und personaler Kompetenzen befassen. Entsprechende Ansätze wie das »Total Quality Management«, die »Balanced Scorecard«, Kompetenzgitter oder auch strukturierte Vorstellungsgespräche sowie Assessment-Center seien hier nur beispielhaft erwähnt.
Engagement aussagekräftiger als Schulzeugnis
Obwohl der Einsatz solcher Instrumente immer mehr zunimmt, bleibt die Messung von sozialen und personalen Kompetenzen ein schwieriges Unterfangen. Gewünschte Einstellungen, Werte und Verhaltensmuster können gegebenenfalls in Testsituationen simuliert werden. Oftmals werden sie schlicht nicht in die »Normalwelt« des Arbeitsalltags übertragen. In etlichen Bereichen werden daher Bewerbungsunterlagen gezielt nach Aussagen hinsichtlich gesellschaftlichen Engagements begutachtet, um so ein vollständiges Bild der Kandidatin oder des Kandidaten zu erlangen. Gerade dort, wo formale Bildungsnachweise in ihrer Aussagekraft eingeschränkt sind – ein angehender Auszubildender kann in der Regel nur sein Schulzeugnis vorlegen – , gewinnen sonstige Aktivitäten an Bedeutung. Bei berufserfahrenen Bewerbern gilt über die Arbeit hinausgehendes gesellschaftliches Engagement jedoch maximal als Bonus.
Nachweise in den Bundesländern
In manchen Bereichen, etwa bei kirchlichen Trägern, war das Engagement der Bewerberinnen und Bewerber immer schon ein ausschlaggebendes Kriterium. Gerade im sozialen oder pflegerischen Bereich existiert ein sehr bewusster Umgang mit dem Einstellungskriterium »Engagement«.
Während in der unternehmerischen Praxis individuell bereits seit Langem nach Methoden der Messung und Bewertung von sozialen und personalen Kompetenzen gesucht wird, gibt es immer noch kein übergeordnetes Bewusstsein, das diese Suche in Verbindung zu gesellschaftlichem Engagement setzt. Standardisierte Zertifikate – so die Hoffnung – könnten einen solchen Weg aufzeigen. Es existieren bereits vielfältige Versuche, gesellschaftliches Engagement über solche Verfahren sicht- und vergleichbar zu machen.
Die Landesregierung Baden-Württemberg hat im Jahr 2002 aus diesem Grund eine Werbekampagne »Kompetent im Ehrenamt – erfolgreich im Beruf« durchgeführt, um den sogenannten »Qualipass« als Zertifizierungsinstrument zu verbreiten (www.ehrenamt-bw.de). Ähnliches versucht Hessen mit seiner Kampagne »Gemeinsam aktiv« (www.kompetenznachweis.de). Die Variante aus NRW, der »Landesnachweis Nordrhein-Westfalen – Engagiert im sozialen Ehrenamt«, wurde mittlerweile von HeurekaNet in einer explorativen Studie für Münster untersucht. Das Ergebnis: Dieses Instrument ist bei den dortigen Unternehmen weitgehend unbekannt (HeurekaNet 2006: 16). Die Liste der Zertifizierungssysteme ließe sich fortsetzen.
Nachweiskonzept des DJI
Während die meisten dieser Systeme die erworbenen Kompetenzen aus den geleisteten Tätigkeiten ableiten und so versuchen, das Messproblem zu umgehen, geht der »Kompetenznachweis >Lernen im sozialen Umfeld<« des Deutschen Jugendinstitutes einen Schritt weiter: Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Europäischen Sozialfonds geförderten Projektes wurde zwischen 2004 und 2006 ein Instrument entwickelt, das Kompetenzen, die im sozialen Umfeld erworben werden, erfasst, darstellt und bewertet. Dieses setzt auf Selbstreflexion und Fremdbewertung als Mittel.
Auch wenn die Methoden sich verbessern – flächendeckend verbreiten konnte sich bislang keines der Konzepte. Am weitesten dürfte hier die Europäische Union sein. Deren »Europass« bietet mehrere Module, z.B. einen Sprachenpass, um länderübergreifend persönliche Fähigkeiten, Qualifikationen und Kompetenzen für den Bewerbungsprozess nachzuhalten und vergleichbar zu machen (www.europass-info.de).
Risiken der Zertifizierung
Der Weg der Zertifizierung bietet sicherlich eine Möglichkeit, gesellschaftlichem Engagement mehr Anerkennung zu verleihen. Allerdings ist es riskant, standardisierte Verfahren für einen sehr individuellen Prozess etablieren zu wollen. Die Lerneffekte im gesellschaftlichen Engagement können von Person zu Person sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Die erworbenen Kompetenzen lassen sich durch standardisierte Zertifikate nicht besser vergleichen. Dieser Wunsch ist den Personalern nicht zu erfüllen.
Ein kompliziertes Zertifizierungsverfahren kann vielmehr auch negative Folgen haben. Bereits jetzt ist die Entfaltung gesellschaftlichen Engagements durch den Bildungsstand determiniert. Das Wissen um und die Fähigkeit zur Anwendung solcher Zertifikate – verbunden mit einer entsprechenden Fokussierung der Personalverantwortlichen – könnte bildungsschwächere Bevölkerungsgruppen vor zusätzliche Hindernisse stellen. Ihre weitere Ausgrenzung wäre die Folge.
Auch ist das Interesse der meisten Engagierten nicht bewusst auf den Erwerb von Kompetenzen gerichtet: Man engagiert sich in der Regel aus intrinsischen Motiven – nicht, um später im Berufsleben bessere Chancen zu haben. Ein Zertifikat verkennt diese Situation und könnte dazu führen, dass Bewerbungsverfahren zu schematisch abgewickelt werden. Die Potenziale des informellen Lernens im gesellschaftlichen Engagement – ob zertifiziert oder nicht – sollten daher auch im Auswahlprozess stets mit bedacht werden.
Formale Bildung unzureichend . . .
Wie all diese Beispiele zeigen, ist die Debatte über neue Möglichkeiten zur Stärkung der Berufsfähigkeit in vollem Gange. Immer deutlicher setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine rein formale Ausbildung nicht mehr ausreicht, um für das lebenslange Lernen gerüstet zu sein. Daher rückt zunehmend die Jugend – und damit die Schule – in den Fokus.
. . . für lebenslanges Lernen
Die US-Studie »Are they really ready to work?« kam 2006 folgerichtig zu der Erkenntnis, dass es einer gemeinsamen Anstrengung von Wirtschaft, Bildungsakteuren und gemeinnützigem Drittem Sektor mit seinen vielen Vereinen, Initiativen und freiwillig Engagierten bedarf – sei es über verbesserte Praktikumsmöglichkeiten, Kooperationen oder die aktive Förderung von gesellschaftlichem Engagement (Conference Board et al. 2006: 58). Die Unternehmen sehen sich hier in der Verantwortung, bereits junge Menschen in ihren sozialen und personalen Fähigkeiten – über ihr Engagement für andere – zu fördern. »Leadership and professionalism are two skills that are critical to young people’s success in the workplace and in life. Supporting positive youth development is one way that business can help ensure that young people get the opportunities they need to develop these important skills«, meint Jennifer Hunter, die Vizepräsidentin von Phillip Morris, USA (Conference Board et al. 2006: 39).
Soziogene Motive
Auch in Deutschland finden sich solche Ansätze. Hier wie dort hat man mittlerweile erkannt, dass das reine Behandeln der Symptome zu kostenintensiv ist. Sinnvoller erscheint es, an der Wurzel des Problems anzusetzen.
Die Grundlagen für eine nachhaltige Berufsfähigkeit und lebenslanges Lernen werden früh gelegt. Soziogene Motive wie etwa das Leistungs- oder das Anschlussmotiv bauen sich in der frühkindlichen Phase auf (Puca und Langens 2002: 244 ff.). Daher müssen schon Kinder und Jugendliche Techniken zur Adaption neuen Wissens lernen und Strategien entwickeln, um auf Veränderungsprozesse reagieren zu können. Sie brauchen Lebenskompetenzen, die sie auf ihre Rolle als aktive Bürgerinnen und Bürger vorbereiten.
Mündigkeit als Bildungsziel
Damit wird deutlich, dass es nicht allein um den Erwerb notwendiger Arbeitstugenden geht, sondern neben einer Verwertungsorientierung auch das Erziehungsziel der Mündigkeit angestrebt werden muss. Dabei umfasst Mündigkeit »die erlernbare Fähigkeit des Menschen, soziokulturelle Beziehungszusammenhänge und die darin mitgegebenen Handlungsnormen zu erfassen. Überlieferte Wertvorstellungen werden nach Herkunft, Geltung und Folgen befragt. Gestützt auf Einsicht und eigenständiges Urteil kann der Mündige sich selbst und sein Handeln definieren und mit anderen so zusammenwirken, daß deren personales Selbstverständnis respektiert wird« (Schiefele 1978: 106).
Das Erlernen von Sozial- und Personalkompetenz kann als integraler Aspekt eines umfassenden Erwerbs beruflicher Handlungskompetenz betrachtet werden, der zur Tüchtigkeit im Arbeitsleben beiträgt. Zudem ist es im Kontext einer Persönlichkeitsentwicklung zu sehen, die dazu führt, dass das Individuum im Arbeitsleben, aber auch darüber hinaus, selbstbestimmt und eigenverantwortlich handelt. Um diese Kompetenzen zu erwerben, ist gesellschaftliches Engagement – in und außerhalb der Schule – ein außerordentlich geeignetes Betätigungsfeld.
Unternehmen müssen handeln
Das alleinige Wissen darum, dass in informellen Lernprozessen – und hier besonders beim gesellschaftlichen Engagement – soziale und personale Kompetenzen erworben werden, reicht jedoch nicht aus. Aus dieser Erkenntnis müssen Handlungen folgen, die zu mehr Verständnis und einer breiteren Akzeptanz des gesellschaftlichen Engagements führen – im Sinne einer neuen Anerkennungskultur.
In diesem Prozess spielen die Unternehmen eine wichtige Rolle. Erkennen sie die Chancen und Potenziale des Lernens beruflich relevanter Fähigkeiten durch Erfahrungen im Engagement, bieten sich zahlreiche Handlungsfelder, auf denen sie aktiv werden können: Die Ausgestaltung des Bewerbungsverfahrens, das auf informelle Lernerfahrungen Rücksicht nimmt, das Ermöglichen von außerbetrieblichem Engagement der eigenen Beschäftigten durch entsprechende Arbeitszeitgestaltung oder das Fördern von Organisationen des gemeinnützigen Sektors im regionalen Kontext (im Sinne einer integrierenden Unternehmenskultur) sind nur einige Beispiele, wie Unternehmen Verantwortung zur Stärkung einer engagierten Gesellschaft übernehmen könnten.
Gelingt dies, so wird es in Zukunft wieder einfacher sein, qualifizierte und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden.
Bader, Reinhard. »Konstruieren von Lernfeldern. Eine Handreichung für Rahmenlehrplanausschüsse und Bildungsgangkonferenzen in technischen Berufsfeldern«. Lernen in Lernfeldern. Theoretische Analysen und Gestaltungsansätze zum Lernfeldkonzept. Hrsg. Reinhard Bader und Peter F. E. Sloane. Markt Schwaben 2000. 33 – 50.
Conference Board, Corporate Voices for Working Families, the Partnership for 21st Century Skills, and the Society for Human Resource Management. Are they really ready to work? – Employer’s Perspectives on the Basic Knowledge and Applied Skills of New Entrants to the 21st Century U.S. Workforce. 2006.
Dehnbostel, Peter. »Informelles Lernen: Arbeitserfahrungen und Kompetenzerwerb aus berufspädagogischer Sicht«. Überarbeiteter Vortrag anlässlich der 4. Fachtagung des Programms »Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben« am 18./19.9.2003 in Neukirchen/Pleiße.
Düx, Wiebken, und Erich Sass. »Lernen in informellen Kontexten – Lernpotenziale in Settings des freiwilligen Engagements«. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (8) 3 2005. 394 – 411.
Euler, Dieter, und Angela Hahn. Wirtschaftsdidaktik. Bern 2004.
Faure, Edgar, et al. Wie wir leben lernen – Der Unesco-Bericht über Ziele und Zukunft unserer Erziehungsprogramme. Hamburg 1973.
Fischer, Lorenz, und Günter Wiswede. Grundlagen der Sozialpsychologie. München 1997.
HeurekaNet. »Ehrenamt als Ort informellen Lernens in der Wahrnehmung von Unternehmen in der Stadt Münster«. Explorative Untersuchung. Münster 2006.
IHK – Industrie- und Handelskammer Dresden. »Fachliches Können und Persönlichkeit sind gefragt – Ergebnisse einer Umfrage bei IHK-Betrieben zu Erwartungen der Wirtschaft an Hochschulabsolventen«. Dresden 2004.
Poldrack, Horst. Soziales Engagement im Umbruch. ISAB-Schriftenreihe: Berichte aus Forschung und Praxis 18. Köln 1998.
Puca, Rosa M., und Thomas A. Langens. »Motivation«. Allgemeine Psychologie. Hrsg. Jochen Müsseler und Wolfgang Prinz. Heidelberg und Berlin 2002. 224 – 269.
Schiefele, Hans. Lernmotivation und Motivlernen. Grundzüge einer erziehungswissenschaftlichen Motivationslehre. München 1978.
Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland. »Handreichungen für die Erarbeitung von Rahmenlehrplänen der Kultusministerkonferenz (KMK) für den berufsbezogenen Unterricht in der Berufsschule und ihre Abstimmung mit Ausbildungsordnungen des Bundes für anerkannte Ausbildungsberufe«. Bonn 2000. (Auch online unter www.kmk.org/doc/publ/handreich.pdf, Download 27.6.2007.)
Sennett, Richard. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 2007.
Werner, Dirk. »Trends und Kosten der betrieblichen Weiterbildung – Ergebnisse der IW-Weiterbildungserhebung 2005«. IW-Trends – Vierteljahresschrift zur empirischen Wirtschaftsforschung aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (33) 1 2006. 17 – 33.
Auszug aus:
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)
Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland
Entwicklungsstand und Handlungsansätze
Gütersloh 2007
ISBN 978-3-89204-937-1
© Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh
Reinhard Fatke
Was ist Partizipation? Welche gesellschaftliche Bedeutung hat die Partizipation von Kindern und Jugendlichen? Hier geht es um das aktive und nachhaltige Mitwirken und Mitbestimmen junger Menschen an Planungen und Entscheidungen, die ihre Lebenswelt betreffen, sowie an deren Verwirklichung. Erkenntnisse aus der Forschung thematisieren strukturelle, individuelle und gesellschaftliche Voraussetzungen von Partizipation und ihre Wirkungen.
Partizipation ist, neben Öffentlichkeit, der wichtigste Grundpfeiler jedes demokratischen Gemeinwesens. Partizipation heißt, dass die Bürgerinnen und Bürger das Gemeinwesen aktiv mitgestalten, dass sie in allen sie betreffenden Belangen mitwirken, mitentscheiden und Verantwortung übernehmen. Dies gilt nicht nur für die Erwachsenen, sondern auch und in besonderem Maße für Kinder und Jugendliche als gleichberechtigte Mitglieder des Gemeinwesens.
Indem sie aktiv in ihren Lebensbereichen mitwirken – in Familie, Schule, Freizeit, im Verein oder insgesamt im Gemeinwesen –, festigen sie ihr Selbstvertrauen. Dies trägt zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung und zur Bildung ihres politischen Bewusstseins bei, stärkt ihre Identifikation mit dem Gemeinwesen und seinen Institutionen, erweitert ihre Handlungsmuster und dient auf diese Weise ihrer sozialen und gesellschaftlichen Integration. In diesem Sinne ist Partizipation auch ein Mittel der Erziehung zur Demokratie.
Somit bedeutet Partizipation mehr als nur »Teilhabe«, wie dieser aus dem Lateinischen stammende Begriff meistens übersetzt wird. Denn Teilhabe meint umgangssprachlich im Allgemeinen nicht mehr, als bei irgendetwas dabei zu sein und mitzumachen. Viele Erwachsene verstehen – in der Politik wie in der Erziehung – unter Partizipation von Kindern und Jugendlichen nur, dass man diese zu Wort kommen lässt und ihnen Gehör schenkt. So wird denn auch oft allein schon ihre Anwesenheit bei politischen Veranstaltungen, bei Anhörungen, bei Podiumsdiskussionen als Partizipation ausgegeben. Tatsächlich aber dienen sie dabei häufig nur als Staffage, als Dekoration und somit als Alibi.
Erst wenn junge Menschen an Entscheidungen, die sie betreffen, mitwirken, wenn sie in wichtigen Belangen mitbestimmen und auf diese Weise aktiv ihre Lebensbereiche mitgestalten, kann von Partizipation im eigentlichen Sinne gesprochen werden.
So verstanden, bedeutet der Begriff, einen Teil der Verfügungsgewalt über die eigene Lebensgestaltung von den Erwachsenen an sich zu nehmen. Die Partizipation im öffentlichen Raum, also auf der kommunalen Ebene, spielt eine besondere Rolle, weil die Kommune der wichtigste politische Lernort ist, an dem sich auch entscheidet, ob junge Menschen tatsächlich als Akteure ernst genommen und in die Gestaltung des gesellschaftlichen und politischen Lebens einbezogen oder nur für politische Zwecke instrumentalisiert werden.
Partizipationserfahrungen können Kinder und Jugendliche auch in der Familie und Schule sammeln, aber diese sind von einem schützenden Rahmen umgeben und deshalb eher vor- und nebengelagerte Lernfelder für Partizipation in der Kommune. Das öffentliche Leben am Wohnort ist das wichtigste gesellschaftliche und politische Handlungsfeld, in dem sich auch entscheidet, welche Einstellungen junge Menschen zur Politik und ihren Vertretern sowie zur Demokratie allgemein erwerben. Die aus verschiedenen Jugendstudien bekannten Ergebnisse zur »Politikverdrossenheit« lassen darauf schließen, dass die junge Generation viel zu selten Gelegenheit hat, gute Erfahrungen mit Partizipation im öffentlichen Raum zu sammeln.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen hat die Bertelsmann Stiftung die Initiative »mitWirkung!« zur Stärkung der Kinder- und Jugendpartizipation in der Kommune gestartet. Sie hat zum Ziel, dass sich mehr junge Menschen aktiv und informiert in politische und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einbringen. Aus dieser übergeordneten Zielsetzung werden mehrere Teilziele abgeleitet:
den Stand der gegenwärtigen Partizipationssituation junger Menschen klären »Good practice«-Beispiele zur strukturellen Absicherung von Partizipation in Kommunen identifizierenStrategien für die Aktivierung junger Menschen entwickeln und Referenzmodelle für vorbildliche Kinder- und Jugendbeteiligung im Rahmen ausgewählter Modellprojekte schaffendurch Transfer der Projektergebnisse Kinder- und Jugendpartizipation nachhaltig und flächig verankernAlle Teilziele sind darauf ausgerichtet, die Notwendigkeit der Beteiligung junger Menschen im öffentlichen Bewusstsein zu fixieren.
Die Initiative soll schrittweise in drei Modulen umgesetzt werden, die aufeinander aufbauen:
Analyse der gegenwärtigen Partizipationssituation von Kindern und JugendlichenPraxisprojekt in drei ausgewählten ModellkommunenWeitergabe der ProjektergebnisseDas Thema Partizipation hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen Aufstieg erfahren. Dies steht in einem merkwürdigen Kontrast zur Entsolidarisierung der Gesellschaft und der politischen Institutionen (Blandow 1999). Ist dieser Trend überhaupt mit Kinder-und Jugendpartizipation vereinbar? Ja, denn die Entsolidarisierung hat vielfältige gesellschaftliche Bedeutungen, die im Folgenden dargelegt werden.
Kinder- und Jugendpartizipation muss auf mehreren Ebenen betrachtet werden:
der individuellen entwicklungspsychologischen Bedeutung für die einzelnen Kinder und Jugendlichender sozialpsychologischen Bedeutung für die gesellschaftliche Gruppe der Kinder und Jugendlichender gesellschaftspolitischen Bedeutung für eine Kommuneder demokratietheoretischen Bedeutung für ein LandDie gesellschaftliche Bedeutung kann nicht nur isoliert auf einer der Ebenen betrachtet werden, da diese ineinandergreifen und sich wechselseitig beeinflussen – so ist das Individuum z. B. mit seinem entwicklungspsychologischen Hintergrund Teil der Gesellschaft und beeinflusst diese aufgrund der Einflüsse auf anderen Ebenen.
Beteiligen sich junge Menschen mit sicht- oder erlebbaren Auswirkungen auf ihre Lebenswelt, so schafft dies einen Bezug zwischen ihnen und ihrer Umwelt und stärkt ihre Identifikation. »Identifikation ist der Ursprung des Verantwortungsgefühls« (Jaun 1999: 272), sodass erfolgreiche Beteiligungsprojekte den Wunsch der Kinder stärken, Sorge für die Umwelt zu tragen und sich für dieses Ziel zu engagieren. Genau das ist positives Verantwortungsbewusstsein.
Verantwortung wird von Kindern aber häufig in Verbindung mit Schuld, Strafe und Wiedergutmachung erfahren. Dagegen brauchen sie vor allem positive Erlebnisse und Erfahrungen, die Verantwortung im Sinne gemeinsamer Anstrengung für Fairness, Gerechtigkeit und Füreinander-Einstehen verständlich und praktizierbar macht.
Diese konstruktive Seite können sie bereits in frühen Lebensjahren kennenlernen, etwa in Beteiligungsprojekten, in denen sie nach eigenen Vorstellungen Bereiche gestalten, für die sie sich verantwortlich fühlen. Planungen und Entscheidungen, die von Kindern und Jugendlichen mitdiskutiert, mitverhandelt und mitentschieden werden, stoßen auf weniger Widerstand und haben nachhaltig mehr Bestand. Dies spielt beispielsweise für Kommunen eine große Rolle, die einen Spielplatz, eine Skaterbahn oder einen öffentlichen Platz zusammen mit Kindern planen. Dort profitieren alle, denn die Entscheidungen werden gemeinsam getragen, gemeinsam akzeptiert.
Zudem sind Beteiligungsprojekte ein demokratisches Lernfeld. Vor allem in Jugendparlamenten oder ähnlichen Gremien lernen die jungen Bürgerinnen und Bürger, wie man demokratisch Entscheidungen trifft, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, wie ein Konsens entsteht und was das ist. Es wird darüber hinaus Wissen vermittelt, die Konflikt- und Kritikfähigkeit gestärkt, und es werden Fertigkeiten gelernt, wie Pläne entwerfen, Modelle bauen, mit Medien umgehen.
Wenn Kommunen oder Schulen es schaffen, junge Menschen zu motivieren, sich an ihrem Wohnort zu beteiligen und in ihrer Lebenswelt zu engagieren, wirken sie der zunehmenden Politikverdrossenheit und dem sinkenden Vertrauen in Institutionen oder generell in die Politik entgegen. Denn das Vertrauen darauf, dass die eigene Umwelt veränderbar ist und aktive Mitwirkung konkrete Auswirkungen haben kann, erhöht die Chancen, dass die Beteiligten auch als Erwachsene die politischen Mittel nutzen, um ihre Lebenswelt mitzugestalten (Kinderlobby Schweiz 2000).
Partizipation kann all die genannten Aspekte fördern, ist aber kein Allheilmittel. Häufig hat Partizipation sich »als ein nur mühsam zu handhabendes Instrument der Willensbildung und Entscheidungsfindung herausgestellt« (Stange und Tiemann 1999: 227). Doch »Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gelingt dort, wo Politik und Verwaltung kooperieren, wo Jugendamt, Stadtplanung, Gartenbau, Schulverwaltung und Sozialdezernat zusammenarbeiten, um gemeinsam eine kinderfreundliche Kommune zu verwirklichen« (Frädrich 2003; vgl. auch Knauer et al. 2004).
Aus diesen Gründen ist Kinder- und Jugendbeteiligung gesetzlich weltweit und auch kommunal verankert: für Deutschland in der UN-Konvention über die Rechte des Kindes, im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), in Länderbestimmungen und ihren Gemeindeordnungen. Darüber hinaus kann sie aus dem Baugesetzbuch und dem Bund-Länder-Kommune-Programm »Soziale Stadt« abgeleitet werden; auch in der Agenda 21 und der Charta der Weltgesundheitsorganisation von Ottawa findet sie sich (Frädrich 2003).
Die Entwicklung und Zukunftsfähigkeit der Kommunen hängt wesentlich davon ab, wie ernsthaft kinder- und familienfreundliche Strukturen geschaffen werden. Die Beteiligung junger Menschen ist heute ein wichtiger Erfolgsfaktor für kinder- und familienfreundliche Kommunen.
Wie verschiedene nationale und regionale deutsche Untersuchungen zutage fördern, weisen die gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen von Kinder- und Jugendpartizipation eine erhebliche Bandbreite auf. Dies zeigt sich in der Vielfalt der Formen und Modelle, die in Schulen und den Kommunen angeboten werden. Sie reichen vom unverbindlichen Angebot, »ein offenes Ohr für Kinder- und Jugendanliegen zu haben«, über Kinder- und Jugendanwälte, Kinder- und Jugendbürgermeister bis zu Schülerräten und Jugendparlamenten sowie einer großen Vielzahl von Einzelprojekten. Auch in der Fachliteratur gibt es keine einheitliche Vorstellung darüber, was Kinder-und Jugendpartizipation ist oder zu sein hat.
Angesichts dieser Vielfalt ist es ratsam, den Begriff zunächst rein sprachlich zu betrachten. »Partizipation« stammt aus dem Lateinischen, und das Wort ist in der deutschen Umgangssprache (anders als im Englischen, Französischen und Italienischen) nicht geläufig, sondern hat vor allem in der Sprache der Wissenschaft einen Platz und wird zuweilen in politischen Diskursen benutzt. Aber auch dort umfasst es ein relativ weites Spektrum von Bedeutungen. Der Duden übersetzt den Begriff mit »Anteil haben, teilnehmen«; andere Nachschlagewerke bieten eine größere Auswahl an: »Beteiligung, Teilhabe, Teilnahme, Mitwirkung, Mitbestimmung, Einbeziehung« (www.wikipedia.org).
Etymologisch leitet sich »Partizipation« aus dem lateinischen »partem capere« her, was wörtlich bedeutet: »einen Teil (weg-)nehmen«. Im Kontext der Kinder- und Jugendpartizipation heißt das: einen Teil der Verfügungsgewalt über die eigene Lebensgestaltung an sich nehmen. Das beinhaltet, dass dieser Teil den Erwachsenen, die ja über die Gestaltung des Kinder- und Jugendlebens verfügen, weggenommen werden muss, was auch die verbreitete Abwehrreaktion von Erwachsenen (Eltern, Lehrkräften und Kommunalpolitikern) gegenüber Kinder- und Jugendpartizipation erklärt.
Die ältere Partizipationsforschung, die aus den USA der 80er Jahre stammt, befasste sich vorwiegend mit der Partizipation von Bürgern: der »Beteiligung der Bürger an den gegebenen Formen bürgerlicher [...] Öffentlichkeit und parlamentarischer [...] Demokratie« (Vilmar 1986, zitiert nach Stange und Tiemann 1999: 216). Seither hat sich die Partizipationsforschung in den USA wie auch in Europa stark weiterentwickelt und ist von der eng gefassten Definition weggekommen. Sie konzentriert sich nicht mehr ausschließlich auf die politische Beteiligung von (wahlberechtigten) Bürgern eines Staates, sondern bezieht alle gesellschaftlichen Mitglieder in die Analyse mit ein. Zudem ist der Gegenstand der Forschung von der politischen Ebene auf die Partizipation in einer Vielzahl von Lebensbereichen ausgeweitet worden.
Dies zeigt sich auch in den Definitionen der aktuellen Forschung. So definieren Stange und Tiemann (1999: 215) Partizipation als »die verantwortliche Beteiligung der Betroffenen an der Verfügungsgewalt über ihre Gegenwart und Zukunft«. Ähnlich fasst Jaun (1999: 266) den Begriff, wobei er sich ausdrücklich auf die junge Zielgruppe bezieht: »Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist die verbindliche Einflussnahme von Kindern und Jugendlichen auf Planungs-und Entscheidungsprozesse, von denen sie betroffen sind, mittels ihnen angepassten Formen und Methoden.«
