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Nur unter Mitwirkung und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger lassen sich unsere Gesellschaft, der liberale Rechtsstaat und die repräsentative Demokratie denken und verwirklichen. Der Begriff des Bürgers ist seit seiner Entstehung vielschichtig und immer wieder Bedeutungsänderungen unterworfen. Bestimmte Eigenschaften waren aber immer unumstritten: Mit der Bürgerin und dem Bürger verbindet man einen Menschentyp des Ausgleichs, der Mäßigung, der politischen Mitte und des pragmatischen Problemlösens. Mit dem vorliegenden Sammelband steigt die Politische Akademie der Volkspartei in die Debatte um den Stellenwert des Bürgerlichen für Gesellschaft und Staat ein und verpasst dem Begriff eine Frischzellenkur für die 20-er Jahre: Was kann bürgerlich heute bedeuten? Der Sammelband entwickelt Argumente für die Wichtigkeit bürgerlicher Überzeugungen und Tugenden in der Politik und denkt das bürgerliche Politikverständnis für das Hier und Jetzt weiter. Mit Beiträgen von Manfred Prisching, Johannes Domsich, Till Kinzel, Leopold Neuhold, Anita Ziegerhofer, Bernhard Heinzlmaier, Wolfgang Schüssel, Wilfried Haslauer, Wolfgang Mazal, Christian Moser-Sollmann, Ansgar Lange, Diana Kinnert, Christopher Drexler, Karlheinz Töchterle, Monika Köppl-Turyna, Christoph Robinson, Hermann Kroll-Schlüter, Michael Meyer, Harald Mahrer, Elisabeth Mayerhofer, Bettina Rausch-Amon und Hedwig Unger.
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Seitenzahl: 458
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Bettina Rausch-Amon / Manfred Prisching (Hg.)
Bürgerliche Impulse
Annäherungen aus Wissenschaft, Politik und Praxis
edition noir
edition noir
Impressum:
© 2023 Verlag noir, Wien
Verlag noir, Tivoligasse 73, 1120 Wien
Redaktion: Christian Moser-Sollmann
Grafik: B. Könighofer
ISBN: 978-3-9505126-5-6
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
I. Begriffsbestimmung und ideengeschichtliche Verortung
Das Bürgerliche und das Nichtbürgerliche Manfred Prisching
Dekonstruktion oder Rekonstruktion des Bürgers? Glanz und Elend der bürgerlichen Tugenden Till Kinzel
Was ist ein Bürger, eine Bürgerin – auch eine Frage der Werte? Leopold Neuhold
Die Bürgerin Anita Ziegerhofer
Das laute Schweigen Johannes Domsich
Wie steht es um den Konservativismus in der Postmoderne? Bernhard Heinzlmaier
II. Demokratie- und grundsatzpolitische Annäherungen
Bürgerliche Sozialpolitik. Soziale Sicherungssysteme aus bürgerlicher Sicht. Eine Skizze als persönliche Standortbestimmung Wolfgang Mazal
Bürgerlich – eine zeitgemäße Standortbestimmung Wolfgang Schüssel
Plädoyer für die Renaissance bürgerlicher Politik Wilfried Haslauer
Die Neuvermessung des bürgerlichen Wählersegments Christian Moser-Sollmann
Bürgerlich als Klammer. Was eine moderne Mitte ausmacht Ansgar Lange
Bürgerlichkeit, der Stolz demokratischer Gesellschaften. Über das Privileg ein bürgerliches Leben führen zu können Diana Kinnert
Das Bürgerliche als kulturelles Phänomen – ein bürgerlicher Zugang zu Kultur im weiteren Sinn Christopher Drexler
Ist der Kanon unserer Schulen noch stimmig? Gedanken zur Sekundarstufe Karlheinz Töchterle
Wissenschaft und Demokratie in der Vertrauenskrise? Neue Herausforderungen und bürgerliche Perspektiven Hedwig Unger
III. Ordnungs- und wirtschaftspolitische Grundlegungen
Für eine Renaissance der marktwirtschaftlichen Ordnungspolitik – was jetzt zu tun ist! Monika Köppl-Turyna / Christoph Robinson
Marktwirtschaft als bürgerliches Wirtschaftsmodell. Bürgerlichkeit: Verantwortung gibt dem Leben einen Sinn Hermann Kroll-Schlüter
Vereine, Freiwilligenarbeit und Ehrenamt: Ein wesentlicher Beitrag zur Demokratie Michael Meyer
Zukunft verbindet. Über Innovationskraft und Bürgergesellschaft Harald Mahrer
Warum gerade bürgerliche Organisationen sich strukturiert mit der Zukunft beschäftigen sollten. Ein praxisnahes Plädoyer für den Mut zu einem bürgerlichen Zugang zum Umgang mit der Zukunft Elisabeth Mayerhofer
Die Volkspartei als Hüterin der gesellschaftlichen Mitte Bettina Rausch-Amon
Autorenporträts
Vor 175 Jahren hat ausgehend von Frankreich eine bürgerliche Revolution zuerst Europa und dann die Welt im Sturm erobert. Damals forderten in ganz Europa Bürgerinnen und Bürger demokratische Grundrechte, bürgerliche Freiheiten, die Abschaffung des Feudalismus und Pressefreiheit. Im Jahr 1848 wurde in Österreich als Zeichen dieses neuen bürgerlichen Selbstbewusstseins auch die Tageszeitung „Die Presse“ gegründet. Die damaligen Ereignisse legten den Grundstein für die Entstehung von Parteien, Arbeiternehmer- und Frauenbewegung sowie der politischen Öffentlichkeit. Seit damals sind aktive Bürgerinnen und Bürger Garanten eines stabilen politischen Gemeinwesens, das auf der Wertschätzung individueller Freiheit basiert. Unsere Gesellschaft, der liberale Rechtsstaat und die repräsentative Demokratie lassen sich nur unter Mitwirkung und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger denken und verwirklichen.
Nach den totalitären und anti-bürgerlichen Regimen des Nationalsozialismus und des Kommunismus im 20. Jahrhundert hat sich in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg flächendeckend die liberale Demokratie als Regierungsform etabliert. Seit damals hat es dabei immer wieder Debatten um den Wert des Bürgerlichen für den Rechtsstaat und die Gesellschaft gegeben – mit unterschiedlichen Zugängen. So hat 1953 der deutsche Sozialwissenschaftler Helmut Schelsky die berühmte These von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft formuliert. In den Wirtschaftswunderjahren mit Vollbeschäftigung und der Formel „Wohlstand für Alle“ galt der gesellschaftliche Aufstieg durch Arbeit und Leistung als Ideal. Damals dienten fleißige Bürgerinnen und Bürger als Leitbild. Im Jahr 1968 verkündeten Studenten dann den Abschied vom Bürgertum. Man erhoffte sich eine sozialistische Transformation der Gesellschaft und es erfolgte ein tiefgreifender Umbau der Gesellschaft. Frauenbewegung, Umweltschutzbewegung, der Kampf um die Rechte sexueller Minderheiten und die zunehmende Individualisierung haben die Demokratie um neue Themen und Schwerpunktsetzungen erweitert. Und im Jahr 1989 fiel der Eiserne Vorhang. Die freien marktwirtschaftlichen Demokratien hatten den Systemwettbewerb mit dem Kommunismus friedlich für sich entschieden und in den neu entstehenden Demokratien des ehemaligen Ostblocks schlug die Stunde der Bürgergesellschaft. Fast 35 Jahre später ist von dieser Aufbruchstimmung nur mehr wenig zu spüren. Die Schlagwörter und die Debatten haben sich verändert. Viel ist von der Spaltung der Gesellschaft und dem Ende der Mittelschicht zu lesen. Doch diese kulturkritischen Lamentos sind weder neu noch originell, wenn wir vergangene Debatten studieren. Seit der Entstehung des Bürgertums gab es im deutschsprachigen Raum immer wieder zyklisch wiederkehrende wissenschaftliche, feuilletonistische und politische Gefechte zum Thema Bürgerlichkeit. Solche Grundsatzdiskussionen sind meistens verwoben mit Reflexionen über die gesellschaftliche Mitte. Bestimmte Argumentationsfiguren kehren immer wieder: So hängt beispielsweise der von der Meinungsforschung oft beschworene Untergang des Bürgertums und des „Bürgerlichen“ mehr von Stimmungslagen und bestimmten gesellschaftlichen Lebensstilentwicklungen ab als mit tatsächlichen Änderungen im Selbstverständnis der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.
Mit dem vorliegenden Buch steigt die Politische Akademie in die Debatte ein und verpasst dem Begriff eine Frischzellenkur für die 2020er-Jahre: Was kann und soll bürgerliche Politik bedeuten? Heute, in Zeiten der digitalen Transformation und der Polykrise werden neue Konfliktlinien sichtbar. Wenn sich alles ändert, müssen sich auch Selbstbild, Ansprüche und Wirklichkeiten der Bürgerinnen und Bürger weiterentwickeln. Die Bürgerin und der Bürger waren seit ihrer Entstehung wandelbare Wesen. Gerade in ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer Resilienz liegen zwei ihrer Tugenden, die lebensnotwendig für eine lebendige Demokratie und notwendig für den Erhalt und den Ausbau rechtsstaatlicher Errungenschaften sind. Denn wie im Laufe des Buches an verschiedenen Stellen nachlesbar ist: Der Begriff des Bürgerlichen war von Anbeginn umkämpft und bürgerliche Freiheiten sind nicht selbstverständlich. Autoritäre Lebensmodelle von links wie die Verbotskultur und Bevormundung oder von rechts wie die Identitätspolitik bestreiten mit ihrer Bevorzugung des Besonderen vor dem Allgemeinen den universalistischen, also für alle geltenden Anspruch der Aufklärung.
Mit der Bürgerin und dem Bürger verbindet man seit jeher einen Menschentyp des Ausgleichs, der Mäßigung und der politischen Mitte. Das Bürgertum wägt sorgfältig Für und Wider eines jeden Sachverhaltes ab und entscheidet dann auf der Grundlage von Fakten; es entscheidet vernünftig und nicht auf Grundlage von Gefühlen oder den moralischen Kategorien von Gut und Böse. Das Bürgerliche setzt also auf Planbarkeit und Pakttreue und nicht auf Affekte, Show und Emotionen. Manchen erlebnisorientierten NGOs wie Fridays for Future, der Letzten Generation oder Extinction Rebellion erscheinen Bürgerliche daher auch ein wenig langweilig, zögerlich und entscheidungsschwach. Diese Skepsis gegenüber Utopien und Dystopien hat einen guten Grund. Die Bürgerin und der Bürger bevorzugen das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegenüber dem großen Umsturz und das Alltägliche gegenüber dem Ausnahmezustand. Das Geregelte gilt mehr als das moralisch Erhabene und die Einhaltung der Geschäftsordnung mehr als kurzweilige Leidenschaften. Bestimmte bürgerliche Errungenschaften bleiben aber unumstritten. Nur das bürgerliche Recht und der liberale Rechtstaat bürgen für allgemeingültige Spielregeln, die allen Bürgerinnen und Bürgern verbriefte Sicherheiten und Grundrechte garantieren. Für alle gültige Gesetze machen den Alltag planbar und minimieren die Lebensrisiken für die einzelne Bürgerin und den einzelnen Bürger. Die bürgerliche Gesellschaft beschränkt mit der Gewaltenteilung auch die Macht von Parteien und der Politik. In dieser Tradition sind die Bürgerin und der Bürger Trägerinnen der Demokratie. Die Einzelne und der Einzelne sind verantwortlich für die Mitgestaltung der sozialen Verhältnisse. Eine Bürgerin und ein Bürger fühlen sich verpflichtet, für die Werte der Gleichheit, Teilhabe und Offenheit geradezustehen und sich zu engagieren, und verteidigen diese Werte als Grundlage des modernen Staates. Anstatt auf den Staat und einen gütigen Herrscher zu warten, gestalten die Bürgerinnen und Bürger ihre Umwelt lieber eigenverantwortlich und selbstorganisiert und verkörpern so das Gegengewicht zu einem staatszentrierten Politikverständnis. Der Ausgangspunkt bürgerlichen Denkens liegt immer bei der Einzelnen und dem Einzelnen und dieses Primat für das Individuum bedingt eine Philosophie der Gewaltenteilung. Die Grundwerte des liberalen Bürgertums sind Freiheit, Gleichheit und allgemeines Wahlrecht. Bürgerlichkeit ist in der modernen Gesellschaft nicht auf die schmale Schicht eines sich ökonomisch definierenden Bürgertums begrenzt: Bürgerliche Prinzipien und Praktiken gelten für alle Klassen und Milieus. Der Staat verpflichtet sich durch Grundrechte, Freiheit für den Einzelnen zu verwirklichen und Ungleichheit durch Gesetze und Steuern abzumildern. Und die Verfassung verpflichtet sich zum Sozialstaatsprinzip und zur Durchsetzung von Gleichberechtigung, zur Bekämpfung von Diskriminierung und dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Das sind gewichtige Gründe, um auch in Zukunft selbstbewusst und stolz auf die Wichtigkeit bürgerlicher Überzeugungen und Tugenden in der Politik hinzuweisen und das bürgerliche Politikverständnis aktiv weiterzuentwickeln.
Bettina Rausch-Amon & Manfred Prisching
Es sind Beispiele aus dem Wörterbuch der unbestimmten Sprache: Begriffe wie „bürgerlich“, „Bürger“, „Bürgertum“, „Bürgerlichkeit“.1 Es lassen sich zwar historische Formationen und Prozesse rekonstruieren, aber die Vokabel werden dennoch auf recht Heterogenes und Wandelbares angewendet. Beim „Bürger“ kann man an das städtische Bürgertum des Mittelalters oder an das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts denken, an das Kleinbürgertum und das Großbürgertum, das Mittelschichtbürgertum, an die Verbürgerlichung der Arbeiterschicht, an die Eliminierung bürgerlicher Fraktionen um 1918 oder 1945 (Bruckmüller 2011).
Aber man kann auch die citoyens meinen, d.h. die Staatsbürger:innen, die Anteil haben an den Rechten und Pflichten des Gemeinwesens, unabhängig von ihrer sozialen Stellung. Die „Bürgergesellschaft“ ist besonders zweideutig; sie verleitet uns, an die „Zivilgesellschaft“ zu denken, die private Engagiertheitsdimensionen im Rahmen einer demokratisch-liberalen Gesellschaft ins Spiel bringt (Prisching 2021).
Das „Bürgerliche“, die „Bürgerlichkeit“ – solche Begriffe scheinen noch schwerer fassbar, da es nicht um eine soziale Formation, sondern um eine Geisteshaltung, einen Denkstil, eine Weltsicht, einen Habitus geht. Für die Suche nach diesen Elementen stehen zwei gegensätzliche Beschreibungen zur Verfügung. Auf der einen Seite ist von der „nachbürgerlichen“ Gesellschaft die Rede, da doch keine soziale Trägerschicht mehr ausfindig zu machen ist. Wir hätten also längst den Abschied vom Bürgertum vollzogen (Fest et al. 2005), was bedeutet: Auch das Bürgerliche ist tot. Auf der anderen Seite ist die These von der umfassenden „Verbürgerlichung“ (Kocka 1995b) der Gesellschaft zu finden. Auch dabei schwindet die Fassbarkeit des Begriffs, weil alle sozialen Schichten und Milieus damit erfasst werden sollen.2 Das Bürgerliche ist in diesem Fall nicht tot, sondern es ist schlechthin identisch mit der modernen Welt. Das Bürgerliche wäre mit diesen beiden Beschreibungen überall und nirgends.
Wir gehen davon aus, dass mit dem Begriff des „Bürgertums“ (als einer einheitlich beschreibbaren Formation) in einer hochgradig fragmentierten und pluralisierten westlichen Gegenwartsgesellschaft in der Tat nicht viel anzufangen ist – es sei denn, man müsste damit beginnen, eine ganze Reihe von „bürgerartigen Clustern“ auf einer sozialstrukturellen Landkarte zu unterscheiden. Deshalb konzentrieren wir uns auf das „Bürgerliche“ oder die „Bürgerlichkeit“, allenfalls auf Bürgerlichkeit ohne Bürgertum (Bude et al. 2010). Was also sind Elemente einer „bürgerlichen Lebenshaltung“, einer „bürgerlichen Geisteshaltung“, einer „bürgerlichen Weltsicht“ oder „bürgerlichen Weltanschauung“? Auch dabei stoßen wir auf keine geschlossene Konfiguration von Ideen, aber es lässt sich Substantielles finden, das sich wenigstens mosaikhaft zusammenfügen lässt. Wir starten mit dieser Vermutung: Das Bürgerliche hat sich nicht gänzlich aufgelöst. Wir werden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Elementen nachspüren.
Dennoch zuvörderst ein paar Stichworte zur Geschichte. In der Drei-Stände-Gesellschaft waren die sozialen Funktionen in die bellatores, die oratores und die laboratores aufgeteilt: Die Aristokratie sorgte (mehr oder weniger gut) für Sicherheit und Verwaltung, der Klerus mühte sich (mehr oder weniger erfolgreich, aber nicht so recht nachweisbar) um das jenseitige Heil, der „Rest“ der Gesellschaft „arbeitete“ (mehr oder weniger produktiv) – vor allem in der Landwirtschaft (vgl. zu den folgenden Gruppierungen Kocka 2008). Nicht nur die Bauern, sondern auch die „Bürger“ gehörten zu diesem „Rest“, die sich in den Städten mit Gewerbe und Handel, mit der städtischen Selbstregierung, mit Justiz und Gesundheit befassten (Reinhard 2006); aber auch diese soziale Gruppe differenzierte sich immer mehr. Stadtluft macht frei – die Städter waren oft nicht den adligen oder geistlichen Herrschaften untertan; und das ermöglichte die Entwicklung einer nicht-adligen, nicht-geistlichen, nicht-bäuerlichen Kultur, d.h. einer städtischen, bürgerlichen Kultur. Wenn durch unternehmerischen Elan Reichtum erworben wurde, ahmte das Bürgertum (zumindest im Erscheinungsbild) den aristokratischen Lebensstil nach (Elias 1983). Dennoch ist der Begriff weit gefasst: Zwischen dem Schuster in einer deutschen Kleinstadt und einem Fernhandelskaufmann in Florenz gab es beträchtliche Unterschiede. – Auch im zeitlichen Verlauf muss man Unterschiede beachten, die von den jeweiligen Interessens- und Konfliktkonstellationen abhängig waren. Zuerst stand das Bürgertum zwischen dem grundbesitzenden und/oder schwertführenden Adel auf der einen Seite und den schlechtgestellten bäuerlichen Schichten auf der anderen Seite. Von beiden grenzte man sich ab. Später war der Adel weniger relevant, dafür gelangte der Staat in eine machtvoll-regulierende Position, und man wollte ihm gegenüber seine Freiheiten bewahren, erkämpfen oder ausweiten, während auf der anderen Seite die Arbeiterschaft stand, deren Ansprüche man ebenso im Zaum halten wollte.
Das Bürgertum hat heterogene soziale Gruppen umfasst, aber es hat sich durch wirtschaftliche Selbstständigkeit, durch spezifische Fachschulung und/oder durch Bildung ausgezeichnet (Lepsius 1990, S. 153ff.). Im 19. Jahrhundert entwickelte sich mit dem Anstieg von Kapitalismus, Industrie und Handel die Gruppe der Besitzbürger oder Wirtschaftsbürger: Kaufleute, Verleger, Manufakturunternehmer, Bankiers, Fabrikanten. Die expandierende Staatstätigkeit konsolidierte die Gruppe der Staatsdiener: Behörden, Justiz, aber auch Lehrerschaft und Wissenschaft; also das Bildungsbürgertum (Kocka 1995c). Was hatten sie gemeinsam? „Einerseits die kritische Distanz zum Geburtsadel und seiner Welt, die Hochschätzung von Leistung und Bildung, die Kritik am Gottesgnadentum und an absolutistischer Willkür, zugleich aber die Absetzung vom niederen Volk; andererseits die städtische Lebensweise und die damit zusammenhängende Kultur.“ (Kocka 2008) Die Staaten hatten zunehmend Schwierigkeiten, die erforderlichen Fachkräfte für die Administration aus den adeligen Familien zu gewinnen, dort rückte das Bürgertum in wichtige Stellen ein.3
„Bürgerlichkeit“ als Geisteshaltung war in dieser Epoche mit Aufklärung, Selbstständigkeit, Qualifiziertheit und Säkularität verbunden: die liberalen Bewegungen, die Logen und Lesegesellschaften, die Kunstvereine; Lebensentwürfe, die sich aus dem ständisch-stabilen Gefüge lösten. Sie waren gegen die „alte Gesellschaft“ gerichtet: gegen Absolutismus und willkürliche Obrigkeit, gegen Geburtsprivilegien und ständische Gliederung, gegen die klerikale Orthodoxie. Sie waren für Liberalität und Marktfreiheit, für Demokratie und Rechtsstaat, für Arbeit und Leistung, für Vernunft und Bildung; für das Ideal einer mündigen Person, die in der Gemeinschaft mit anderen gewachsen ist. Bürger waren (bei aller Weltoffenheit und Weltgewandtheit) aber auch Staat und Heimat sowie traditionellen Geschlechter- und Familienverhältnissen zugewandt. Manchmal gab es eine gewisse Kleinkariertheit, manchmal kosmopolitische Liberalität. Es gibt eine graduelle Abstufung vom allseits versierten Großbürgertum bis zur kleinbürgerlichen Borniertheit.
Eine solche Beschreibung klingt weithin selbstverständlich, aber Kritik zog diese bürgerliche Population (als Schicht und als Geisteshaltung) von allen Seiten auf sich.
„Die aristokratische Kritik des frühen 19. Jahrhunderts hielt die Bürger für borniert und mittelmäßig. Die sozialistische Arbeiterbewegung polemisierte gegen bürgerlichen Klassenegoismus, bürgerliche Ausbeutung und bürgerlichen Standesdünkel. Die Jugendbewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts wandte sich gegen bürgerliche Konventionen und bürgerliche Heuchelei. Die Faschisten verachteten den bürgerlichen Individualismus und den bürgerlichen Rechtsstaat. Auch die kommunistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben das Bürgertum und seine Kultur bekämpft. Die marxistischen Studenten und Intellektuellen, die 1968 in Berkeley, Paris und Berlin protestierten, gaben ihrer Verachtung für alles Bürgerliche unmissverständlich Ausdruck – bis hin zum Spott über ‚bürgerliche Liebe‘, ‚bürgerliche Wissenschaft‘ und ‚bürgerliche Kunst‘.“ (Kocka 2008)
Bürgerlich war jene Lebensweise, in der man (dem bekannten Spruch zufolge) öfter als einmal mit derselben pennt. Kritik gab es also von oben und von unten, von den Autoritären und Totalitären, von der Jugendkultur und der Pop-Kultur. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging das soziale Substrat des Bürgertums weithin verloren, es fragmentierte sich in unterschiedliche Milieus, ein gemeinsames Bewusstsein war nicht mehr zu erkennen.
„Normalerweise wird heute mit einer Kombination von Vermögens-, Einkommens- und Berufskriterien gearbeitet, um Schichten zu identifizieren, die aber in der Regel reine Konstrukte mit ziemlich fragwürdigen, in Geldsummen ausgedrückten Grenzen sind, denen kein soziales Identitätsbewusstsein mehr entspricht. Noch am ehesten gibt es das im Hinblick auf die berufliche Komponente, beim Ärztestand, Bauernstand, Beamtenstand, Lehrerstand usf., die wie Überbleibsel der Ständegesellschaft anmuten.“ (Reinhard 2006, S. 311)
Somit bietet die Gegenwartsgesellschaft nicht nur keine vertikal angeordnete Hierarchie, also keine sozialen „Klassen an sich“ oder „Klassen für sich“, in der man Bürgerliches verorten könnte, sondern eine Vielzahl von Lebensstilgruppen, die jeweils keine „Gruppe für sich“ (im Sinne eines Abgrenzungs- und Zugehörigkeitsbewusstseins) darstellen. Der Erste Weltkrieg, die Zeit des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg haben Zäsuren gesetzt (und das „eigentliche“ Bürgertum in einigen Etappen vernichtet), die Moderne hat weitere Differenzierungen vorgenommen. Es gibt heute Mitglieder der Machtelite oder der Wirtschaftselite, Stars aus dem Kunst- und Kulturbereich, erfolgreiche Sportler mit hohem Einkommen – aber sie lassen sich ebenso wenig zu einer Gruppe „zusammendenken“ wie die Arbeitnehmer:innen. Schlagerstars mögen Geld haben, aber sie haben normalerweise nichts mit Bürgerlichkeit im Sinn, ganz im Gegenteil. Man kann auch das berühmte oberste ein Prozent nicht als Kern des Bürgertums verstehen, die Mitglieder dieses Prozents haben ein beträchtliches Vermögen, aber es verbindet sie meist wenig mit einer bürgerlichen Lebensauffassung. Die Zahl der Badezimmer in der Villa definiert nicht Bürgerlichkeit. Neureiche sind nicht bürgerlich, und Bürgerliche sind nicht reich. Aus der Vergangenheit stammt auch die Zuschreibung, dass haushälterische Dienstkräfte (Dienstmädchen) als Minimalbedingung eines wirklich bürgerlichen Haushaltes (Kocka 1995a, S. 62f.) gelten können (Kaiser 2008)4, aber in Anbetracht der anfallenden Arbeitskosten blieben in der Gegenwart bei einer solchen Begriffsbestimmung nicht viele Haushalte übrig (und das Bürgerliche bei den Dienstgebern entsteht durch das Vorhandensein eines Gärtners und einer Köchin noch lange nicht). Und wenn man erst die „Seitenblicke-Gesellschaft“ betrachtet – diese Assoziierungen von dümmlicher Aufgetakeltheit sind keineswegs Zusammenrottungen des Bürgertums. Charakteristisch für die Gegenwart ist eine in Konsum und Entertainment nivellierte und zugleich fragmentierte Massengesellschaft, die zuweilen „mittelbürgerliche“ Züge aufweist, deren Gruppierungen aber nicht umstandslos mit dem Etikett des „Bürgerlichen“ auszustatten sind. Mit ihr kann man mitschwimmen, denn Mut gehört heute nicht dazu, das Bürgerliche zu verweigern, Mut gehört vielmehr zur „Verweigerung der Bürgerlichkeitsverweigerung“ (Marquard 2004, S. 23 und 159).
Es bleiben allerdings die „feinen Unterschiede“ zwischen den Gruppen und Stilen bestehen (Bourdieu 1987), ja diese werden möglicherweise sogar wichtiger. Die „Bürgerlichen“ erkennen einander, es beginnt mit Kleidung, Bewegung, Sprache, und natürlich sind diese Verkörperungen auf einer Skala anzusiedeln – man kann also mehr oder weniger bürgerlich sein. Für die Gegenwart ist es deshalb beinahe alternativlos, das Bürgertum von der Bürgerlichkeit zu trennen (Conze 2004), also über Bürgerlichkeit ohne Bürgertum (Kaiser 2008) nachzudenken. Bürgertum wäre eine (fast verschwundene) sozialstrukturelle Kategorie, Bürgerlichkeit ist eine Weltsicht und Lebenshaltung, über deren Verbreitung sich reden lässt. Zwei Elemente des Bürgerlichen seien aber vorneweg erwähnt: die Universalität und das Menschenbild.
Bürgerlichkeit ist ein Produkt der europäischen Neuzeit, aber sie birgt am Ende ihrer Entfaltung die Idee der Universalität der eigenen Lebensweise: Es „waren Idee und teilweise verwirklichte Praxis ‚bürgerlicher Gesellschaften‘ eine der markantesten Facetten des (west-)europäischen Sonderweges in der neueren Geschichte.“ Als das Bürgertum noch lebte, hat es diese Idee entwickelt, die den eigenen Lebensbereich übersteigen sollte. „Nirgendwo sonst als in Westeuropa und den neo-europäischen Siedlergesellschaften scheint es die Vorstellung gegeben zu haben, die Mitte der sozialen Hierarchie könne dem gesellschaftlichen Ganzen ihre Ideale der Lebensführung aufprägen.“ (Osterhammel 2011, S. 1087) Damit wurden die Zeitgebundenheit des Bürgerlichen überschritten und eine Langfristperspektive entwickelt. Darin verkörpert sich auch der grundlegende Gleichheitsanspruch der Bürgerlichkeit. Dazu gehören aber auch Abgrenzungen. Als nicht- oder antibürgerlich sah man etwa Varianten der Lebensphilosophie, den Vitalismus, die Jugendbewegung, den Expressionismus; eine übertriebene Romantisierung mit einem Exzess der Gefühle; ebenso gab es Distanz zur Neoromantik, also zur Alternativbewegung (auch wenn es oft die eigenen Kinder waren). Ebenso ging es gegen den Heroismus (eines Carl Schmitt oder Ernst Jünger). Selbstverständlich war die Abgrenzung gegen den Marxismus, gegen die Gemeinschaft des Klassenkampfes. Und schließlich auch gegen die Massengesellschaft und Massenkultur, gegen die Relativierung aller Anomalien und Extremismen – dieser Kampf ist offenbar verloren worden.
Der Universalitätsanspruch für die eigene bürgerliche Kultur ist freilich allein schon in der westlichen Welt nicht eingelöst worden. Die USA würde man zweifelsohne dem europäisch-westlichen Kulturkreis zuschreiben, dennoch denkt man für die moderne Gesellschaft der USA kaum an Kategorien wie Bürgerlichkeit.5 Diese Gedankenverbindung drängt sich weder für die kapitalistischen Investoren in New York oder ihre Lobbyisten in Washington noch für die suburbanen Holzhäuser-Kolonien rund um die Großstädte auf; allenfalls kann man an bestimmte Bostoner Eliten denken, die sich zu den „alten Familien“ zählen, oder an das Mittel- und Kleinbürgerliche in den suburbs. Man kann sich jedoch kaum etwas Antibürgerlicheres vorstellen als Donald Trump.
Kennzeichnend für ein bürgerliches Menschen- und Weltbild ist ein weiterer Ausgangspunkt: die Annahme, dass der Mensch aus krummem Holze geschnitzt sei – bekanntlich eine schöne Formulierung von Immanuel Kant. Es ist eine Art von Realismus bei der Betrachtung menschlicher Möglichkeiten und Verhaltensweisen gemeint, der sich auf der einen Seite abgrenzt vom Modell der ewigen und unrettbaren Verkommenheit der menschlichen Spezies, auf der anderen Seite von der übertriebenen Vorstellung der menschlichen Sittlichkeit und Vervollkommnung – im letzteren Falle von der Vision eines „neuen Menschen“. (Dieser wäre in einer neuen Gesellschaft zu „erschaffen“, weil ihm nur durch die Repressionen der gegenwärtigen Gesellschaft alle möglichen Defizite und Anomalien auferlegt seien. Dazu muss man die gegenwärtige Gesellschaft radikal säubern, ein Glaubenssatz von Rousseau bis Lenin, der bei Stalin seine massenwirksame Tödlichkeit entfaltet hat). Zur Bürgerlichkeit gehört insofern immer ein Schuss Konservatismus, der utopischen Machbarkeitsvorstellungen und kollektiven Illusionen eine Grenze setzt. Die Menschen sind, wie sie sind. Es empfiehlt sich, die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Dimensionen der Reihe nach zu skizzieren, um ein etwas breiteres Bild der Bürgerlichkeit zu erfassen – und jeweils, der Abgrenzung halber, auszuweisen, was nichtbürgerliche Geisteshaltungen sind. Es ist eine allzu einfache Zuteilung, wenn man das Wirtschaftsbürgertum nach England, das politische Bürgertum nach Frankreich und das Bildungsbürgertum nach Deutschland zuordnet (Koselleck et al. 1991), denn im Grunde haben die drei Elemente von Wirtschaft, Politik und Kultur gemeinsam erst das bürgerlich-liberale Weltbild ausgemacht. In einzelnen Personen, die als Repräsentanten des Bürgertums gelten, gibt es jedoch thematische Schwerpunkte – Politikbürger und Bildungsbürger finden sich etwa gerne gegen die Wirtschaftsbürger zusammen.
Man kann (naheliegenderweise) auf die jahrhundertelange Entwicklung des Wirtschaftsbürgertums verweisen: die norditalienischen und norddeutschen Kaufleute, die technischen Erfinder und Bastler, die Manager des Verlagswesens und der frühen Industrie, die Entrepreneure und Kapitalisten. Zur Bürgerlichkeit gehört das Streben nach Autonomie, man sucht nach einem unabhängigen Einkommen, wie es dem Unternehmer oder dem Professionisten eines freien Berufs zukommt.
Die Abgrenzungen sind nicht klar: Auch die Bauern können auf ihren Höfen selbstständig disponieren, und wesentliche Teile des Bürgertums waren in staatlichen Einrichtungen, etwa in Schulen und Universitäten, als Arbeitnehmer beschäftigt. Etwas Bürgerlicheres als Werner Sombart oder Max Weber kann man sich gar nicht denken. Erst in jüngster Zeit haben auch die meisten Universitätsprofessoren den Habitus von Sachbearbeitern entwickelt, die mit der bürgerlichen Welt nicht vertraut sind. (Man kann auch sagen, dass mittlerweile die Kleinbürger an den Universitäten angekommen sind (Albrecht 2010, S. 142)).
Die alten Helden werden überflüssig. „Asketische Bürgerlichkeit braucht keine supererogatorischen Leistungen mehr. Aus dem Heldentum wird der Beruf,“ meint Norbert Bolz (2009). Den Helden einer bürgerlichen Gesellschaft hat Joseph Schumpeter beschrieben: als unternehmerischen Geist, der innovativ und kreativ ist, der aber vor allem ein (wirtschaftliches) „Reich“ schaffen möchte (Schumpeter 1975 [1951]). Schumpeter hat allerdings nur die eine Seite des unternehmerischen Handelns beschrieben, Werner Sombart hat die beiden Komponenten, die den bürgerlich-entrepreunerialen Geist bestimmen, in ihr wechselseitiges Verhältnis gesetzt (Sombart 1913, 1987). Es ist zum einen der Geist des Wagemuts und Abenteurertums, der Innovativität und Kreativität; zum anderen aber der Geist von Ordentlichkeit, Disziplin und Buchhaltung. Denn auch Wegelagerer und Eroberer waren vordem vom („unternehmerischen“) Abenteurertum geprägt; dieser Geist wird jedoch beim echten Unternehmer gezähmt durch das rationale Kalkül, den rechenhaften Blick auf alle Lebensbereiche. Kühnheit und Einfallsreichtum, aber auch Rechenstift und Nüchternheit: Die Balance ist nicht nur eine historische Erinnerung, sie beschreibt bis heute das Kompetenzprofil erfolgreicher „Wirtschaftsbürger“. Man muss Risikofreude versus Kalkülhaftigkeit, Innovativität versus Rechenhaftigkeit jeweils miteinander in Einklang bringen. Es gibt genug Startup-Utopisten, die den Rechenstift vermissen lassen; und umgekehrt werden gerade im 21. Jahrhundert Betriebe durch buchhalterisches Zaudererdasein scheitern.
Der unternehmerische Geist (sowie die dazugehörigen Institutionen von Markt und Wettbewerb) hat eine besondere Ausgestaltung, wenn er mit dem Eigentum, vor allem dem Eigentum an Produktionsmitteln, verknüpft ist. Die Idee, dass Menschen mit vollem Einsatz, weit über das Verlangte, mit Freude und Enthusiasmus arbeiten, dass es ihnen aber völlig gleichgültig ist, wenn andere mit ihren Ideen Millionen verdienen – diese Idee liegt nicht nahe an der Wirklichkeit, auch wenn es diese Konstellationen geben mag. Der Einsatz von Eigentum, Leistung und Risiko gehört bezahlt. An der Ignoranz gegenüber diesen einfachen Sachverhalten sind die Planwirtschaften gescheitert, und manche gegenwärtigen Illusionsmodelle (etwa von einer Gemeinwohlökonomie) haben sie ebenfalls noch nicht verstanden.
Dennoch hat Schumpeter recht, dass das Geldverdienen nicht das Wesen des Unternehmerischen ausmacht: Wie wollte man erklären, dass ein Investor, der bereits einige hundert Millionen Dollar ins Trockene gebracht hat, 16 Stunden am Tag arbeitet und immer weitere Projekte ins Leben ruft? Es geht, sagt Schumpeter, um die Tätigkeit selbst, um das Gefühl des Erfolges, um den Traum, sein „privates Reich“ zu schaffen und auszubauen. Es ist eine disziplinierte und abstrahierte Eroberermentalität.
Bürgerlich ist die Welt von Eigentum und Marktwirtschaft. Nach 1945 hat es in Ländern wie Deutschland und Österreich die rasche Bildung einer leistungsfähigen Mittelschicht gegeben, die an herkömmliche bürgerliche Werte anknüpfte. Direkt nach dem Weltkrieg war man nicht sicher, ob der Kapitalismus nicht am Ende sei, und es bestand die Option, in Westeuropa ein planwirtschaftliches System zu übernehmen. Letztlich wurde es doch die „soziale Marktwirtschaft“: das Marktmodell mit solidarischen Modifikationen. Am Beginn mag man gar von einem gewissen Maß an Rückwärtsgewandtheit sprechen: Man sympathisierte im Ordoliberalismus mit einer agrarisch geprägten Gesellschaft, mit einer mittelständischen Wirtschaft, mit einer Mittelschicht von Grundbesitzern und Hauseigentümern (Eucken 1952; Röpke 1945; Müller-Armack 1976). Es folgte das Wirtschaftswunder, und die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung ging über Retro-Konzepte rasch hinweg. Letztlich erzeugte der wirtschaftliche Erfolg Legitimität für den fragilen Staat. Und die planwirtschaftlichen Systeme (als die große Systemalternative) erwiesen sich als entwicklungsunfähig und konnten nur als Nichtdemokratien aufrechterhalten werden. Gleichzeitig, besonders in den 1960er Jahren, baute sich eine gewisse Verächtlichkeit gegenüber dieser gesellschaftlichen Formation von Seiten der jüngeren Generation auf (obwohl oder weil sie die Nutznießer der Entwicklung waren).
Ob man (jenseits der sozialen Marktwirtschaft) den Turbokapitalismus bzw. den Finanzkapitalismus der letzten Jahre noch als bürgerlich bezeichnen kann, ist eine andere Frage (Windolf 2005). Manche Spielregeln haben sich geändert: Viele finanzkräftige Investoren sind an der Realwirtschaft nicht interessiert, es gibt eine Verschiebung der wirtschaftlichen Aktivitäten in eine Finanzwirtschaft, die eigener Logik folgt. „Spekulationskapitalismus“ ist nicht bürgerlich. Die zweite Verschiebung erfolgt in den digitalen Raum. Die herkömmliche unternehmerische Kalkulation eines Maschinenbauunternehmens ist das eine, eine bahnbrechende Software, die hunderte Millionen Mal verkauft werden kann, aber (marginale) Produktionskosten nahe Null aufweist, ist etwas anderes. Vernetzte Systeme drängen zum Monopol, wenigstens zum Oligopol. Auch die größten Konzerne sind zudem plötzlichen Gefährdungen ausgesetzt: Google hat Angst vor chatGPT. Es sind unbürgerliche Unberechenbarkeiten. Twitter wird binnen weniger Wochen transformiert: Man kann bezweifeln, dass Elon Musk ein „bürgerlicher Mensch“ ist – oder was das im europäischen oder im amerikanischen Verständnis heißen könnte.
Leistung ist eine Kategorie des bürgerlichen Weltverständnisses. Man kann sich auf die protestantische Ethik Max Webers beziehen, aber diese ethische Haltung hatte ihre Vorläufer im Mittelalter. Es handelt sich um den Wechsel von ascribed- zu achieved-Charakteristika: Leistung statt Herkunft, Erwerb statt Erbschaft. Die bürgerliche Perspektive ist jedenfalls selbstdiszipliniert und leistungsfreundlich. Leistung ist eine Chiffre dafür, dass es manche ohne Erbe oder Protektion schaffen. In Wahrheit, wie man mit nüchternem Blick feststellen kann, ist es vielfach dennoch ein Mythos, dass Leistung zum Erfolg führt. Häufig ist es umgekehrt: Wer Erfolg (Geld, Position) hat, beruft sich auf Leistung – was immer er/sie auch getan haben mag. Manchmal ist er bloß zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Manchmal hat er besser geblufft. Verwandtschaft, Bekanntschaft, Parteizugehörigkeit, Mitgliedschaft bei denselben zivilgesellschaftlichen Gruppen oder Sportvereinen. Oft wiegen Identitätskriterien mehr als persönliche Qualifikationen. Wer oben ist, hegt jedoch niemals die Vermutung, dass seine Position ein Zufallsergebnis gewesen sein könnte – deshalb ist an einem solchen Platz auch jeder für Leistung, der selbst keine erbracht hat.
Das Postulat der Leistung hat nichts damit zu tun, Menschen an ihre Leistungsgrenzen oder gar darüber hinaus zu treiben, vielmehr richtet sich diese Idee zunächst einmal auf die eigene Person. Man möge nicht allzu bequem sein, beim Denken, beim Arbeiten, beim Umgang mit anderen Menschen. Bürgerlich ist nicht das ständige Nörgeln auf hohem Niveau oder die Maximierung von Staatstransfers. Es ist vielmehr die Idee, dass man in der leistenden Entfaltung seiner Möglichkeiten zu sich selbst findet. Das ist ein nichtkonsumistisches Identitätspostulat: Die eigene Persönlichkeit entfaltet man nicht, wie vielfach vermutet, durch die neueste Mode, das größere Auto oder die teuerste Weinflasche.
Das Leistungsgebot gilt auch auf kollektiver Ebene: Bürgerlich ist es, an die Verbesserungsmöglichkeit von Mensch und Gesellschaft zu glauben, allerdings ohne dabei in ideale oder utopische Zustände zu verfallen. Es ist ein Meliorationspostulat, kein Perfektionspostulat. Denn ein überhöhter Perfektionsanspruch an die Gesellschaft benötigt üblicherweise auch perfektionierte Menschen, und Systeme, die solche Menschen (homines novi) brauchen, müssen im Normalfall zuvor durch eine Phase der „Umerziehung“ des vorhandenen (defizitären) „Menschenmaterials“ hindurch – was generell mit der Akzeptanz diktatorischer Verhältnisse und einer gewissen Menge von „Kollateralschäden“ verbunden ist (Gesang 2007; Bonelli 2014; Sandel 2008; Werle 2010). Es wurde schon erwähnt: Das bürgerliche Weltbild, das eng mit Erziehung und Bildung verbunden ist, weiß, dass man es mit unvollkommenen Menschen zu tun hat, die sich auch durch äußerste Gewaltanwendung links- oder rechtstotalitärer Systeme nicht perfektionieren lassen.
Es gibt allerdings auch eine dunkle Seite der bürgerlichen Entwicklungsvorstellung. Verbreitet ist nicht nur die Fortschrittsorientierung, sondern auch das Niedergangsmodell: eine konservative Skepsis gegenüber Veränderung und Dynamik, ja sogar die feste Erwartung von Verfall und Untergang. Oswald Spenglers großes Epos über den Untergang des Abendlandes kann man als das ausgeprägte Modell einer bürgerlichen Verfallsperspektive ansehen (Spengler 1918ff.). Es sind nicht so sehr aktuelle Krisen, die den bürgerlichen Geist beunruhigen, als vielmehr ein langsames Abgleiten – und Spenglers Vision war ja durchaus in Jahrhunderten des Aufstiegs und Niedergangs modelliert. Es ist eine konservative Sorge, die durchaus nichts mit „rechter“ Politik im Sinn hat: Spengler hielt den Nationalsozialismus (nach einigem Zögern) für eine Herrschaft der „Kannibalen“ und eine Ideologie der „geistig Minderbemittelten“ (Felken 1998, S. 1204f.). Spätere kulturpessimistische Modelle haben, teils mit ganz anderen Begründungen, immer wieder auf die Erosion bürgerlicher Werte verwiesen, mit der Folge eines generellen Niedergangs der Gesellschaftsordnung.
Schon das Bürgertum des Mittelalters, später auch die Formationen der Neuzeit haben die „Mitte der Gesellschaft“ verkörpert. Es war ein Milieu, in dem es zumindest bescheidenen Wohlstand gab: Daraus folgte auch das Interesse an Stabilität und sozialer Geordnetheit, Pflichtbewusstsein und das Wissen darum, dass das Leben kein Kinderfest ist. Es herrschte immer die Angst vor sozialem Abstieg, deshalb herrschte Interesse an einer gesicherten Position, in der Selbstständigkeit, in einem Gewerbebetrieb oder allenfalls im Staatsdienst.
„Nach dem Aufstieg und der Etablierung des Bürgertums zerfällt es erneut in das, was es zu Beginn schon war: ein Ensemble von heterogenen Berufsgruppen. Dieses Ensemble bezeichnen wir heute nicht mehr als Bürgertum, obgleich es nach wie vor Residuen wirtschafts- und bildungsbürgerlicher Verkehrskreise in unserer Gesellschaft gibt. Vielmehr sprechen wir von Mittelschicht oder Mittelklasse und sorgen uns um ihren Zustand, ihr Befinden und ihre Zukunft. Was bleibt, ist die Bürgerlichkeit als Stilisierung der Lebensführung, die sich als geronnener Habitus nivelliert, indem sie sich universalisiert.“ (Müller 2010, S. 153)
Dass die Heimat der Bürgerlichkeit in der (sozialstrukturellen und weltanschaulichen) „Mitte“ zu finden ist, gilt bis heute: Aber diese Mitte steht in der Spätmoderne unter besonderem Druck, durch die voranschreitende Globalisierung, durch Wissenswandel und Qualifikationsentwertung, durch Digitalisierung und Migration. Der Mittelbürger strebt den Aufstieg an und hat Angst vor dem Abstieg; denn mit dem Abstieg verliert er alles. „Ein ruinierter Aristokrat ist immer noch ein Aristokrat, ein ruinierter Bourgeois nichts als ein déclassé.“ (Osterhammel 2011, S. 1081) Andreas Reckwitz hat deshalb die alte Mitte und die neue Mitte unterschieden. Die alte Mittelklasse hat ihre dominierende Position aus der industriellen Moderne eingebüßt, die Personen sind weiterhin materiell leidlich versorgt, man verfolgt eine durchschnittliche Lebensführung; es besteht ein Wertehorizont der Selbstdisziplin, der Ordnung und der Verwurzelung, allerdings auch ein Notwendigkeitsethos, die Erfahrung kultureller Entwertung; es ist eine Klasse in der Defensive; manche sinken ab. Die neue Mittelklasse umfasst die Gruppe der Hochqualifizierten, mit immaterieller Arbeit, in grundsätzlicher Fortschrittsorientierung, weitgehender Geschlechteregalität, mit dem Ziel von Selbstentfaltung und Authentizität; diese Klasse ist zu Hause im urbanen Raum, mit kosmopolitischem Ausblick (Reckwitz 2019).
Doch selbst die Zweiteilung der Mittelklasse wird der gesellschaftlichen Fragmentierung nicht gerecht, weiter aufgespalten wird der Mainstream der Gesellschaft, einschließlich der bürgerlichen Restbestände, in den Sinus-Milieus (Prisching 2021). Abgesehen von den äußersten Rändern der Gesellschaft (oben und unten) hat eine allgemeine Verbürgerlichung um sich gegriffen, aber damit hat die Bürgerlichkeit selbst ihre Konturen verloren, sie hat sich in verschiedene Lifestyles aufgelöst und lässt sich dort bloß in unterschiedlichen Einzelelementen wiederfinden. Aber die Realisierungschancen für das bürgerliche Ideal der gelungenen menschlichen Individualität (das Erringen des „individuellen Gesetzes“ für das eigene Leben) wurden schon von Nietzsche, Simmel und Weber mit Fragezeichen versehen (vgl. Müller 2010). Die letzten hundert Jahre haben „bürgerliche Milieus“ aufgelöst: Individualisierung, die durchdringende Wirksamkeit von Technologie, die Ausdifferenzierung der Angestelltenwelt, die medial geprägte Massendemokratie, Konsum und Entertainment als Lebensprägungen. Panajotis Kondylis spricht für diesen gesamten Zeitraum bereits von einem Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensformen (Kondylis 1991). Es scheinen beide Beschreibungen auf dasselbe hinauszulaufen, die allgemeine Verbürgerlichung und die allgemeine Entbürgerlichung: Die Sache, um die es geht, „verdünnt“ sich, sie ist in einzelnen Elementen da und dort zu finden, aber die sozialen Konturen verschwimmen. Da ist es nur eine Frage der Sprechweise, ob man die Sache selbst, das Bürgerliche, überall oder nirgends findet. Am Beginn des 21. Jahrhunderts könnte die Schwelle zu jener spät- oder postmodernen Nachbürgerlichkeit überschritten sein, in der Max Webers berühmter Satz wahrhaft zutrifft: „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz! Dies Nichts bildet sich ein, die höchste Stufe des Menschentums errungen zu haben.“ (Weber 1988, S. 204)
Freiheit wird in pathetischer Weise als Gewinn erlebt, aber die Schattenseite ist, dass man an der Sicherheit des Daseins Abstriche machen muss. Gängig ist das spätmoderne Verlangen nach mehr Freiheit und mehr Sicherheit zur gleichen Zeit, unter Ausklammerung der Tatsache, dass es sich in Wahrheit um ein Tradeoff-Verhältnis handelt. Der Freiheitsgedanke verkümmert zu einem asymmetrischen Alimentierungsverlangen – man wünscht, ja fordert alle Sorten von Daseinserleichterungen. Es geht zugleich um Bequemlichkeitsgewinn und Risikoabdeckung. Doch zugleich ist der Wohlfahrtsstaat ein Element der Verbürgerlichung. „Die zentrale Strategie ist nicht nur der Ausbau des Sozialstaats (ein Prinzip auch gerade nichtbürgerlicher Gesellschaftsprojekte), sondern seine Lenkung (z. B. via Eigenheimförderung) in eine Konkretisierung bürgerlicher Existenzformen. Durch Vermögensförderung verwandelte sich die Gesellschaft in eine Gesellschaft der kleinen Eigentümer, der ‚Kleinbürger‘ in einem sozioökonomischen Sinn. Die Entfaltung ihres unendlichen Begehrens zieht diese petit bourgeoisie als Konsumenten in die kapitalistische Industriegesellschaft hinein. […] Diese Prozesse werden nun aber begleitet durch eine kreative Verbürgerlichung der Massenkultur. Gerade über die Massenkultur gelingt es dem Bürgertum, die Arbeiterklasse in die Mitträgerschaft einer bürgerlichen Ordnung hineinzulotsen.“ (Fischer 2004, S. 105)
Was nicht in das bürgerliche Repertoire gehört, ist die Notlagenerfindungskreativität, die Inszenierung von Opferpositionen: die Gesellschaft als Agglomeration von Anspruchsberechtigten und Fürsorgebedürftigen. Diesem „progressiven“ Verlangen korrespondiert die politische Versuchung, tatsächlich dankbarkeitsheischend einen dichten Schleier der Fürsorge über alle Lebenslagen zu legen: ein entmündigender Vorgang. Die Opferrolle wäre früher als peinlich empfunden worden, doch sie ist es nur noch bei wenigen älteren Personen. Die Opferrolle ist zu einer bürokratischen Option geworden: Man hat Anrecht. Wo sind die Formulare? Durch Eingewöhnung in eine staatspaternalistische Stimmungslage wird Einzelnen das Wohlgefühl vermittelt, Almosenempfänger zu sein – es wird tatsächlich zum Wohlgefühl anstelle von Diskreditierung oder Scham. Es verbreitet sich als Selbstverständlichkeit das Prinzip, dass der Staat für alle Lebensrisiken zuständig ist und sie kompensieren muss, selbst wirtschaftliche Schwankungen, Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Die politische Diskussion wird schon nicht mehr um dieses Kompensationsprinzip selbst geführt, sondern nur um die Frage der staatlichen Leistungsfähigkeit und der Ausgestaltung von Kompensationsprogrammen. Immer öfter gibt es auch „kritische“ Verlangen nach Vorschriften für das eigene Leben: Unter Verzicht auf die eigene Entscheidung fordert man Vorschriften, weil man der eigenen Mündigkeit nicht einmal zutraut, halbwegs vernünftige Konsumentscheidungen zu fällen.
In den wirtschaftlichen Kontext gehören drei Varianten der Nichtbürgerlichkeit: der Leistungsfeindliche, der nichtbürgerliche Entrepreneur und der Etatist.
Erstens nichtbürgerliche Leistungsfeindlichkeit. Es gibt ideologische Milieus, die eine Leistungsforderung per se als Unanständigkeit und Repression betrachten. Manche pädagogischen Milieus stehen einer solchen Haltung nicht fern, insofern sie plädieren, dass die mangelnde Leistungserbringung von Schülerinnen und Schülern nur auf schlechte Didaktik oder unzureichende Begeisterungsfähigkeit des Lehrers oder der Lehrerin oder allenfalls auf schlechte elterliche Wohnverhältnisse zurückzuführen sei. Aber auch einem ehemaligen österreichischen Bundeskanzler ist es in seiner (sozialdemokratischen) Partei nicht gut bekommen, als er einmal von einer „solidarischen Hochleistungsgesellschaft“ als gesellschaftlichem Ideal gesprochen hat (wobei er damit den Ausgleich zwischen solidarischer Unterstützung durch die Gemeinschaft und berechtigten Anforderungen an den einzelnen gemeint hat). Linke Parteien (oder eher: deren Ideologen, nicht so sehr das realitätsnähere Fußvolk) neigen dazu, den Begriff der „Leistung“ als Ungehörigkeit anzusehen. Diese Auffassung ist unbürgerlich.
Den nachbürgerlichen Kindern der Wohlstandsjahre und besonders jenen der Wohlstandsmilieus wird am Beginn des 21. Jahrhunderts verschiedentlich vorgeworfen, dass sie auf Distanz zur Leistungsfreude früherer Generationen gingen. Sie haben gelernt, diese Leistungsdistanzierung in eine humanistisch-moralische Terminologie zu hüllen: Es gehe ihnen nur um eine angemessene Work-Life-Balance (im Dienst von Familie oder Seele) – gegen die nichts einzuwenden wäre, wenn sie nicht darunter die (wirtschaftsnaive) Forderung nach der halben Arbeit für das doppelte Geld verstünden. Gerade in den postepidemischen Jahren vermerken Arbeitgeber mit Verwunderung, dass Jüngere nur einen zögernden Einstieg in den Arbeitsmarkt vollziehen wollen: mit Teilzeitjobs, Viertagewoche, geringfügiger Beschäftigung. Man will nicht Anteil haben an der überlastenden Arbeitsethik der Elterngeneration – dieses neu gewichtete Lebensziel erwächst aus der Sozialisationserfahrung, dass es ohnehin alles gibt, irgendwie von selbst, auch wenn hinfort die eigene Arbeit ausfallen sollte. Das ist unbürgerlich.
Zweitens der nichtbürgerliche Entrepreneur. Die aktuellen Funktionseliten machen ihren Job oft recht effizient, aber ein kultureller oder geistiger Anspruch wird damit oft nicht mehr verbunden. (Das ist ein Unterschied zu einer vergangenen Zeit, in der verschiedene Angehörige von Funktionseliten, also etwa Ärzte, Bankdirektoren, Universitätsprofessoren und Rechtsanwälte nicht nur das Gefühl hatten, Experten in ihrem Fach zu sein, sondern auch eine kulturelle Welt zu repräsentieren.)
„Wirtschaftliche Freiheit“ ist eine bürgerliche Sache, es ist aber nicht klar, was im konkreten Fall jeweils darunter zu verstehen ist. Freilich gilt es als bürgerliche Forderung, untragbare Belastungen für Arbeitgeber zu vermeiden, möglichst Vorschriften und bürokratischen Aufwand zu minimieren; es ist das selbstverständliche Forderungsrepertoire einschlägiger wirtschaftlicher Interessenverbände. Aber es handelt sich um Fragen der Abwägung und der Tragbarkeit. Doch der bürgerliche Unternehmer war kein Spekulant und kein Wirtschaftsdarwinist. Der Aufstieg der neoliberalen Stimmungslage in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat den „Bürgerlichen“ in die Hände gespielt, aber es gibt nicht eine selbstverständliche Korrelation von Neoliberalismus und Bürgerlichkeit – was allein schon an der Erfahrung deutlich wird, dass in einer Krisensituation in den europäischen Staaten Unternehmer selbstverständlich um Hilfe an die Türen des Staates klopfen. In den Turbulenzen wandeln sie sich flugs zu wahren Staatsgläubigen: Die Erträge aus der unternehmerischen Freiheit kommen ihnen zugute, die Risiken werden auf den Staat überwälzt. Dass gute Erträge gerade aus Risikoprämien resultieren (die in Krisen eben allenfalls in Anspruch genommen werden müssen), kommt dabei aus dem Blick. Vor allem ist es der Aufstieg des Finanzkapitalismus, der eine neue Ära eingeleitet hat (Windolf 2005). Die Spekulationen, die in die Wirtschaftskrise 2008 geführt haben, sind nicht bürgerlich, sondern vulgärliberal.
Drittens der Etatist. Natürlich sind die wahren Etatisten nicht unter den Industriellen und Gewerbetreibenden zu finden, sondern eher unter Personen, die in ihrem Lebensverlauf den Staat als allmächtigen Geldgeber erleben. Man hat die übertriebenen Erwartungen schon seit langem als „Anspruchsinflation“ oder als „Revolution der steigenden Erwartungen“ bezeichnet (Hennis et al. 1977), Haltungen, die eher aus einer marxistischen, sozialistischen oder sozialdemokratischen Weltanschauung resultieren. Der Staat wird als allzuständig betrachtet, als Protektor und paternalistische Instanz, die sich um alles kümmert. In Anbetracht seiner erstaunlichen Leistungen während der letzten hundert Jahre wird auf seine Allfähigkeit geschlossen. Verstaatlichung erscheint als ein unfehlbares Instrument zur Problemlösung (vgl. Eichenberger 1977). Da die Probleme dem Staat überantwortet werden können, geht dies mit einem Anstrengungsverzicht nichtstaatlicher Kräfte einher. Der Staat gilt dann als zweckrationale Organisation für komplexe, konfliktanfällige und erfolgsungewisse Aufgaben.
Demokratien neigen dazu, im politischen Wettbewerb die Forderungsdynamik voranzutreiben. An Geld könne es nicht mangeln: Man müsse es bloß den Reichen wegnehmen. Oder es zahlt „der Staat“. In der NZZ heißt es ironisch: „Was ist heutzutage ein Bürger? Ginge es nach der Logik des Bürgergelds, welches in Deutschland und Italien für Gesprächsstoff sorgt, definierte sich ein Bürger dadurch, dass er den Sozialstaat braucht, um über die Runden zu kommen. Zumindest kann man den Schöpfern des Begriffs dieses Bürgerbild unterstellen, denn es bleibt offen, ob Personen, die kein Bürgergeld beziehen – sondern dieses durch Steuern finanzieren –, auch Bürger sind.“ (Wirz 2022) Aber mit einem Geld, das von irgendwoher kommt, nur nicht von den Steuerzahler:innen, ist jede Art von Paradies denkbar, auch jenes eines bedingungslosen Grundeinkommens. Jene bürgerlichen Menschen, die der Grundrechnungsarten noch mächtig sind, können sich damit nicht anfreunden.
Es ist nicht neu, dass im politischen Prozess Illusionen genährt werden: Die Vertreter der jeweiligen politischen Opposition stellen bewusst Forderungen, die von der Regierung nicht erfüllt werden können, um sie zu diskreditieren – aber damit werden diese Forderungen als mögliche Optionen präsentiert, die nur wegen der Böswilligkeit der Machthaber nicht durchgeführt werden. So müsste der Staat nur die Gas- und Strompreise festsetzen, die Mieten herabsetzen, die Grundnahrungsmittel verbilligen, die Fernsehgebühr abschaffen, die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos bereitstellen – und alles wäre gut. Solche Infantilisierung scheint immer stärker um sich zu greifen. In derlei Demonstrationen des Denkverfalls wird der Staat überfordert, die Staatsanteile steigen, die Regulierungen werden dichter, die Leistungen werden schwächer, der gewöhnliche Wirtschaftsprozess wird geschädigt, das Unbehagen gegenüber dem politischen Apparat steigt, die resultierende Bevormundung der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger verdichtet sich, die Befürsorgung aller Lebensverhältnisse weitet sich aus. Das ist ein nichtbürgerliches Szenarium.
Die Gesellschaft der kultivierten Freiheit ist nicht identisch mit vulgärem Liberalismus (weniger Staat ist immer besser), mit vulgärem Spontanismus (jeder darf tun, was er will) oder mit vulgärer Niedertracht (Politik als Forum des Schienbeintretens) (Prisching 2020, S. 73).
Verantwortlichkeit und Leistungsfähigkeit. Bürgerlich heißt: Individualität in dem Sinne ernst nehmen, als man den Individuen nicht die Verantwortung für ihr eigenes Handeln und Leben oder für das kollektive Schicksal zur Gänze abnimmt. Auch wenn man jeweils einzelne Umstände beurteilen muss, tendiert das bürgerliche Weltbild dazu, die persönliche Initiative und die Leistungsfähigkeit von Menschen zu schätzen. Man darf von den Menschen etwas erwarten. Das ist durchaus vereinbar mit dem Gedanken, dass man die Menschen nicht überlasten darf und sie in schwierigen Umständen nicht allein lassen soll. Die mit dem amerikanischen Traum verbundene Auffassung, demzufolge Menschen (mangels hard work oder mangels Gnade) jedenfalls selbst schuld sind, wenn sie vor die Hunde gehen, ist nicht bürgerlich. Bürgerlich ist das Streben nach einer Gesellschaft, in der nicht zugeschriebene Merkmale die gesellschaftliche Position bestimmen, sondern erworbene Kompetenzen und erbrachte Leistungen. Individuen sind keine Monaden: Die Eingliederung des einzelnen in die Gesellschaft ist wesentlich auch Selbsterschaffung. Man braucht deshalb die Kraft zur Loslösung, zur Selbstständigkeit und zur Selbstbestimmung – und zur Solidarität an jenen Stellen, wo sie geboten ist.
Die Balance zur Absicherung. Bürgerlich heißt nicht: Marktbrutalität. Freilich ist der Markt ein ständiger „Säuberungsprozess“: Schlechtere Unternehmen werden durch den Wettbewerb verdrängt, aus eigenem Verschulden oder ohne Verschulden. Ein gewisses Maß an Absicherung ist jedoch gerade in der europäischen Sozialstaatlichkeit entwickelt worden; denn auch Menschen, die in ihrem Lebensweg erfolgreich sind, schätzen die Straßenbahn (als Metapher für öffentliche Infrastruktur) und die Krankenversicherung (als Metapher für den europäischen Sozialstaat). Der moderne Staat steht nicht einfach neben den sonstigen sozialen Prozessen, auch nicht neben dem Markt. Er sorgt vielmehr für die funktionierenden Spielregeln sowie für ihre Einhaltung.
Das nichtbürgerliche Denken tendiert entweder dazu, Menschen sich selbst zu überlassen (durch einen Mangel an Staatlichkeit und Obsorge) oder Menschen zu entmündigen (durch ein etatistisches Übermaß). Das bürgerliche Weltbild hat Sorge, dass der (staatliche) Paternalismus Freiheiten einengt. Wenn der Mensch als fähig, reflektiert und selbstbewusst betrachtet wird, ist er bereit und verpflichtet, für das eigene Handeln und Unterlassen Verantwortung zu übernehmen. Es gibt Risiken, Handlungsdefizite, physische und psychische Einschränkungen, verworrene Lebensläufe – dann muss man helfen. Doch der Mensch steht grundsätzlich für seine Entscheidungen ein und weiß, dass er die Konsequenzen tragen muss. Der Mensch ist ein Tätiger, nicht nur ein Erleidender. Er ist Gestalter der Welt, nicht nur ein Hineingeworfener. Er ist Teilnehmer, nicht nur Mitläufer.
Der Mensch als Tätiger, als Gestalter, als Teilnehmer hat eine wesentliche Voraussetzung: Damit ihm sein Handeln zugeschrieben werden kann, muss er entscheiden können. Ohne Freiheit keine Verantwortung. Dieses Prinzip bedeutet keineswegs ein anarchisches Ambiente (in dem es in Wahrheit keine Freiheit gibt, sondern in dem das Recht des Stärkeren gilt), sondern eine kollektive Ordnung, die den Rahmen dafür bietet, dass individuelles Entscheiden (und nicht nur individuelles Überleben) möglich ist: eine starke Ordnung der Freiheit. Beide Komponenten sind erforderlich: zum einen die individuelle Zumutung der Freiheit, zum anderen die kollektive Ermöglichung der Freiheit.
Die individuelle Zumutung der Freiheit setzt Freiheitsfähigkeit voraus. Es bedarf einer individuellen Disposition, einer Kompetenz, einer Selbstdisziplin, eines Verantwortungsbewusstseins. Freiheit heißt Entscheiden, und Entscheiden bedeutet (gerade unter dem Gesichtspunkt sozialer Verantwortung) weder die Radikalität der eigenen Interessendurchsetzung um jeden Preis noch ein Entscheiden aus dem Bauch heraus. Individualität, Authentizität und Selbstentfaltung werden gerade in der Spätmoderne gerne an Beliebigkeit und Emotion gekoppelt; aber das ist eine nichtbürgerliche Verknüpfung.
Kollektive Ermöglichung der Freiheit setzt eine zurückhaltende Gestaltung der sozialen Ordnung voraus. Die Spielräume sollen möglichst groß gehalten werden, in denen sich die Individuen bewegen. Wenn sie zu eng sind, bleiben wenige Entscheidungen übrig. Wenn sie zu weit sind, kann man auf die Rahmenordnung nicht mehr vertrauen, man benötigt dann zunehmend Ressourcen zur Absicherung der jeweils eigenen Position – ökonomisch formuliert: Es steigen die Transaktionskosten, und sie können allenfalls Vorteile übersteigen. Der optimale Punkt liegt dazwischen.
Eigenverantwortung hat eine Schattenseite: Menschen können dumm handeln, sie können sich selbst und andere schädigen. (a) Dass die Schädigung anderer unterbunden werden soll, ist selbstverständlich, aber im konkreten Fall bedarf es der Abwägung, welche Freiheiten zur Abwehr welcher Fremdschädigung verboten oder zurückgedrängt werden sollen. Natürlich ist es ein starker Eingriff in die Privatsphäre, eine Geschwindigkeitsbeschränkung für den Autoverkehr vorzunehmen oder die Hygienepolizei mit der Kontrolle privatwirtschaftlicher Gaststätten zu beauftragen – dennoch dürften die wenigsten mit solchen Maßnahmen Schwierigkeiten haben. Es kann epidemische Situationen geben, in denen die Vermeidung von Schädigungen gar einen Lockdown oder eine Impfpflicht erfordert. (b) Dass die Selbstschädigung behindert werden soll, unterliegt ebenfalls einer Abwägungsfrage. Bei der Frage der Selbstschädigung dürften die Meinungen auseinandergehen: Drogenverbot, assistierter Suizid, Gurtenanlegepflicht?6 Die australische Regierung hat 2022 ein generelles Rauchverbot für die jüngere Generation verhängt, was ohne Zweifel zu deren gutem Gesundheitszustand beitragen wird – und doch kann man fragen, ob diese staatliche Obsorge nicht zu weit geht. Kritiker formulieren heftig: „Neuseeland wird zur Gesundheit-Diktatur“.7 Die Regierung will das Land in wenigen Jahren „rauchfrei“ machen. Aber Alkohol und fettes Essen könnten die nächsten Aktionsbereiche sein. Wie steht es dann mit gefährlichen Sportarten? Und mit dem Zucker in Softdrinks? Mit dem Fleischkonsum?
Die bürgerliche Selbstständigkeit des Denkens beginnt im Paradies. Man kann es mit einiger Ironie formulieren: Adam und Eva waren unbotmäßig, verstießen gegen eine uneinsichtige Rechtsordnung, und durch diesen Verstoß lernten sie, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden (Palmer 2014). Eigentlich begann damit erst das „menschliche“ Leben, mit allen seinen Beschwernissen. (Schließlich muss es sich vorher auch um einen ziemlich langweilig-asexuellen Zustand gehandelt haben.) Aber nun wurden die aus dem Paradies vertriebenen Menschen für das Management des eigenen Lebens zuständig. Jetzt begannen die für die nächsten Jahrtausende anhaltenden Probleme von Kollektiven, Herrschaftsapparaten, Menschenrechten, Freiheiten und Unfreiheiten. Zum bürgerlichen Anspruch der Moderne gehören: die Unversehrtheit des Körpers, das Recht auf Transparenz, die Partizipation am Gemeinwesen, die rechtliche Ordnung, Freiheiten und Menschenrechte, die Rationalität der Gesellschaft.
Das Wesen der modernen Demokratie, die alle diese Rechte sichern soll, besteht nicht (nur) aus Wahlen. Wahlen gibt es auch in autoritären Systemen. Die Demokratie ist ein hochkompliziertes System, das als Synthese vieler Gedankengänge entstanden ist: mittelalterliche Vorläufer (einschließlich beratender Organe und Stadtfreiheiten), der rebellische Geist der frühen Neuzeit, die radikale Zeit der Aufklärung, die turbulenten (teils revolutionären) Erfahrungen des 19. Jahrhunderts, Wissenschaft, die christlich-soziale und die marxistische Arbeiterbewegung. Daraus hat sich das abendländische Demokratiemodell entwickelt, auf verschlungenen Wegen, einschließlich der Impulse durch die Amerikanische und die Französische Revolution, und als Institution hat es seine großen (globalisierenden) Schübe nach 1918, 1945 und 1989 erlebt. Seitdem ist dieses Modell wieder unter Druck geraten. Zahl und Qualität der demokratischen Staaten sind im Sinken, und es ergibt sich die gruselige Vision, dass die Epoche der Demokratie eine zeitlich begrenzte Phase gewesen sein könnte. Bürgerlich ist das Verständnis für die Kompliziertheit und Unwahrscheinlichkeit des Funktionierens einer demokratischen Ordnung, nichtbürgerlich sind Einfachmodelle wie jenes einer Basisdemokratie. Bürgerlich wäre auch die Forderung, dass die Politik ihre Wählerschaft so anspricht, als ob sie mit Erwachsenen redete. Was die großen Reiche, Imperien zumal, betrifft, hegt man ohnehin den Verdacht, dass alte Zyklentheorien brauchbare Skizzen für das Weltgeschehen liefern (so etwa Paul Kennedy über den Aufstieg und Fall der großen Mächte 1989 oder Ulrich Menzel über die Ordnung der Welt 2015).
Eine historische Einschränkung drängt sich auf. Das Bürgertum neigte zur Friedlichkeit, vor allem die wirtschaftlichen Fraktionen haben das Militärwesen immer lieber als Dekorum betrachtet, als dass sie ernsthaft in handfeste Scharmützel verwickelt werden wollten. Schließlich wollte man in erster Linie ungestört den Geschäften nachgehen. Aber die Bürger waren auch in besonderem Maße geneigt, sich nationalistischen Strömungen hinzugeben, bei denen es um Stärke und Überleben ging, und in diesem Zusammenhang konnten sie auch zu leidenschaftlichen Befürwortern des Krieges werden. Sie ließen sich, wie viele Künstler und Intellektuelle, beispielsweise von der Kriegsbegeisterung 1914 anstecken. Als es mit Gejubel in die Selbstzerstörung ging, waren viele dabei. Für die Idee der Härte, der Bewährung, der Regeneration im Krieg (Münkler 2013) waren viele ansprechbar. Dass äußere Feinde dienlich sind, den inneren Zusammenhalt zu stärken, gehört zum kleinen Einmaleins der politischen Klasse. (Manchmal tut es auch ein innerer Feind: Die Wahlen in der Türkei sind nicht selten damit verbunden, dass in deren Vorlauf auf Geheiß des „Sultans“ wieder einmal die Kurdengebiete bombardiert werden.) – In der Postmoderne dürfte eher die Verbindung von Frieden, Wohlstand und Demokratie in den Vordergrund getreten sein, allein schon aus Gründen der Bequemlichkeit. Dass diese Verbindung nicht immer zwingend ist, hat Russland 2022 gezeigt.
Bürgerliche Menschen wissen um die Hinfälligkeit der Institutionen, die von Menschen hervorgebracht wurden. Das gilt auch für die Demokratie. Bei aller wirtschaftlichen und politischen Freiheit: Wenn diese Freiheiten gesichert sein sollen, dann braucht man einen starken Staat. Staat nicht im Sinne seiner Allgegenwärtigkeit und Ausuferung, nicht im Sinne von Staatsanteil und Regelungsdichte, sondern im Sinne der Wahrung, Gewährleistung, Sicherung des gemeinsamen Rahmens. Es ist ein rechtsstaatlicher, regelgebundener, objektiver, nichtkorrupter Staat.
Damit ist auch die „wehrhafte Demokratie“ angesprochen. Die liberale Demokratie darf sich nicht zum Pappkameraden machen lassen, der von linker und rechter Seite (und von weiteren Seiten) herumgestoßen wird. Von Karl Popper bis Dolf Sternberger war immer klar: keine Freiheit für die Feinde der Freiheit, kein gleiches Recht für die Feinde des gleichen Rechts (Popper 1992; Sternberger 1995). Wenn man die staatlichen Instanzen nach Belieben „vorführen“ kann, greift das Gefühl der Verächtlichkeit gegenüber diesem Staat um sich. Das Thema betrifft beispielsweise die Selbstbehauptung europäischer Staaten gegenüber dem Islamismus, aber auch die Hilflosigkeit gegenüber der Migration.8 Selbstbehauptung ist weder links noch rechts, weder konservativ noch progressiv.
Der „wehrhafte Staat“ nach außen kommt hinzu. Der Wille zur militärischen Selbstverteidigung ist für eine politische Entität unabdingbar, und die leise Erosion der tatsächlichen militärischen Kapazitäten in den letzten Jahrzehnten in Europa ist von Interessenten von außerhalb mit Interesse beobachtet worden. Wenn man sich ohnehin nicht mehr schützen kann, dann ist jede pazifistische Bekundung, wie Karl Heinz Bohrer sagt, bloß die Versicherung des Hasen gegenüber dem Löwen, er werde den letzteren nie wieder beißen (Bohrer 2010, S. 91). Bürgerlich ist weder die alte Aussage: „Lieber rot als tot“ noch der neue Appell: Die Ukraine solle die Waffen fallen lassen, damit sich viele Tote vermeiden lassen. Immerhin hat der Mainstream der internationalen Szene bislang Rückgrat aufgewiesen, selbst Pazifisten befürworten Waffenlieferungen. Es gibt aber auch die „Unterwerfungstheoretiker“, welche die Ukraine opfern wollen, aber fälschlich glauben, dass es damit sein Bewenden haben würde. Dort finden sich Linksradikale und Rechtsradikale – weil Putins kommunistischer Sowjetismus häufig als Faschismus bezeichnet wird, was zur ideologischen Verwirrung beiträgt. Aber genau genommen ist es keine Verwirrung: Es finden jene zusammen, die zusammengehören. Bürgerliche Menschen haben einen nüchterneren Blick.
In der politischen Dimension finden wir zumindest die folgenden Varianten der Nichtbürgerlichkeit: die ausgeprägten Konsumisten, die Progressisten, die Wutbürger, die Kritizisten und die Reichsbürger.
Erstens die nichtbürgerlichen Konsumisten. Die Idee der Freiheit ist insofern eine unsichere Sache, als sie im alltäglichen Getriebe auf die Freiheit des Konsumierens heruntergebrochen worden ist: Autos und Joghurts aussuchen; noch ein paar T-Shirts mehr. Gerade in der Phase der postepidemischen Lockerungen hat man den Eindruck gewinnen können, dass gastronomischer und touristischer Konsum den Kernbestand der essenziellen Freiheits- und Menschenrechte ausmachte. Das Shoppen hat denn auch rasch wieder frühere Niveaus erreicht. Die entwickelte spätmoderne Gesellschaft sorgt für ein reiches Angebot von Brot und Spielen, das auf unterschiedlichen Einkommensniveaus durchlaufen werden kann – beim siebenundzwanzigsten T-Shirt oder bei der Millionenjacht.9 Das alles hat mit Bürgerlichkeit nichts zu tun; es ist ein Irrtum, das Bürgerliche mit vorgeführtem Wohlstand oder mit enormem Reichtum gleichzusetzen. Bürgerlich ist eher die Frage: Was braucht man wirklich? Demonstrativer Konsum wird in bürgerlicher Perspektive mit Naserümpfen beantwortet: Menschen, die für ihr Selbstbewusstsein kaufen müssen, sind neureich und unreif – Deplorables.
Eine Spielart sind die Bobos, die bourgeois bohémiens, die David Brooks um 2000 beschrieben hat (Brooks 2000). Sie sind wohlhabend/erfolgreich plus rebellisch/unorthodox – oder sie fühlen sich so. Bei ihnen gehen Kapitalismus und Gegenkultur, Konsum und Verweigerung, Bequemlichkeit und Kritik zusammen. Man hat Geld und lebt im Wohlstand, aber engagiert sich (in Worten) für die Beseitigung der Armut. Man reist global, aber vertritt Nachhaltigkeitsgedanken. Man macht Karriere, sieht sich aber selbst außerhalb der Machtzentren – und kokettiert mit seiner Macht. (Denn es ist nützlich, wenn man jemanden kennt; was man bei den anderen als Korruption der Etablierten anprangert.) Man fährt Rad, kauft biologisch, isst manchmal vegetarisch. Man katapultiert sich aus den etablierten Wohnbereichen hinaus, lässt umbauen – und gentrifiziert. Man ist ganz einfach: ein guter Mensch. Die Komfortabilität ist bourgeois, der Lifestyle bohèmien. Man hat sich integriert, mit dem Bewusstsein der konsequenten Nichtintegration. Es ist eine Synthese von (selektiver) Wirtschafts- und Kulturbürgerlichkeit. Die eigenen Gruppenansprüche werden vereinbar gemacht mit globalen Menschheitsvisionen. Man will Geld und Moral, gutes Leben und gutes Gewissen, und dazu bedarf es eines stimmigen Selbstbildes. Denn die Bobos wollen von anderen geliebt und bewundert werden. Und von den eigenen Gefühlen sind sie allemal gerührt. Also ist man für alle guten Forderungen für die Welt, solange es nichts kostet oder nicht hinderlich wird. Man nimmt allenfalls sogar teil an einer radikalen Klimademonstration und fliegt anschließend nach Thailand zur Erholung. Man lässt das alte Bauernhaus (für das Wochenende) von einem Architekten wunderbar und sensibel ausbauen, und damit hat man schon einen Akt der weltrettenden ökologischen Sensibilität gesetzt – und lebt sodann selbst ziemlich bequem.
Zweitens der Progressist. Das Phänomen der Protest-, Demonstrations- und Kritikdemokratie wird durch eine Gruppe hervorgebracht, die oft als „linksliberal“ bezeichnet wird. Dabei ist nicht klar, was das „Linke“ sein soll, denn das Personal beschäftigt sich vorwiegend mit dem Einsatz für reale, vermutete oder konstruierte Minderheiten. Vom sozialen Anliegen sind Pauschalitäten geblieben: Es ist immer alles zu wenig, zu spät, zu pingelig, was die Staatskasse für Benachteiligte ausschüttet; aber mit den Details befasst man sich nicht mehr. Was das „Liberale“ des Etiketts sein soll, ist auch nicht klar, denn es handelt sich um ein angestrebtes Vorschriftenreglement, das manchmal durchaus autoritäre Züge annehmen kann.
