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Sie sinnt auf Rache an seiner Familie. Er ist der Bruder ihres Verlobten und will sie nur beschützen.
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Eleonora Scarselli lebt ein Leben im Luxus. Die einzige Regel: niemals hinterfragen, womit ihre Familie ihr Geld verdient. Ihre heile Welt zerbricht, als Silvano Mariani, der Erzfeind ihrer Familie, auf einer Feier auftaucht, denn sie erfährt nicht nur, dass ihre Familie Teil der Mafia ist und mit magischen Drogen handelt, auch ihre geliebte Schwester und ihr Vater werden getötet. Als der Frieden mit einer Hochzeit zwischen Eleonora und Valerio, dem ältesten Mariani-Sohn, wieder hergestellt werden soll, sieht Eleonora ihre Chance auf Rache. Sie trifft auf Dante, Valerios attraktiven Bruder. Unerwartet bietet er ihr seine Hilfe an und zwischen den beiden beginnt es zu knistern. Doch kann Eleonora Dante wirklich vertrauen?
Aufregende Romantic Suspense mit Forbidden Love und einem Funken Magie
Enthaltene Tropes: Mafia Romance, Arranged Marriage, Enemies to Lovers, Forbidden Love/Romance, Romantic Suspense
Spice-Level: 2 von 5
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Seitenzahl: 547
Veröffentlichungsjahr: 2026
Nina Martin
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Deswegen findet ihr am Ende des ebooks eine Content Note.
Diese enthält Spoiler für die gesamte Geschichte.
© 2026 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
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Copyright © 2026 by Nina Martin
Umschlagkonzeption: Marie Graßhoff,
unter Verwendung mehrerer Motive von Adobe Stock: (Alex Coan, Brilliant Eye, InfiniteFlow, jamroenjaiman, Pixel Park, prapann, Le, Unleashed Design)
Innenillustration: © AdobeStock/ KeepMakingArt
LR × Herstellung: ChiK × BüYi
Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss
ISBN 9783641338787
www.cbj-verlag.de
Es beginnt mit einem roten Punkt. Einem winzigen roten Punkt, der auf der Brust meines Vaters tanzt. Einer unserer Männer hechtet meinem Vater entgegen. Dann erklingen Schreie. Papà stolpert zurück und ein Zischen ertönt, dann ein Keuchen, das aus seiner Kehle stammen muss und sich tief in mein Trommelfell bohrt.
Das Nächste, was ich sehe, brennt sich für immer in mich ein: Papà, der sich an den Bauch fasst und zu Boden geht. Direkt auf die Stufen vor unserer Terrasse.
Und ich falle mit ihm. Zumindest fühlt es sich so an. Hinein in den bodenlosen schwarzen Abgrund, der schon immer auf mich gewartet hat.
Kreischen. Zerbrechende Sektgläser. Jemand presst mich auf das Gras unter mir. Vage registriere ich, dass es mein Bruder ist. Doch ich wehre mich, will zu Papà. Gerade war meine Schwester noch direkt neben mir, doch jetzt bewegt sie sich. Weg von mir, hin zu den Stufen – hin zu Papà. Mein Bruder greift nach ihr, ins Leere.
Meine Lippen formen Nellas Namen, aber ich weiß nicht, ob er sie verlässt.
Ich kann nur zusehen, wie sie meinen Vater erreicht, sich über ihn wirft, eine Hand auf den großen roten Fleck auf seinem Hemd presst, und dann zucken beide einmal zusammen. Erst Nella, dann Papà. Irgendein Teil meines Gehirns registriert, dass mein Vater sich danach nicht mehr bewegt. Doch Nella tut es. Sie kippt nach vorne, krümmt sich.
Und dann beschleunigt sich die Zeit. Oder sie setzt aus. Denn jetzt knie ich neben Nella und ziehe ihren Körper von Papàs Brust auf meinen Schoß. Rot. Da ist überall Rot. Auf Papàs Hemd und Nellas Kleid.
»Nella! Papà!«
Da sind Leute. So viele Leute. So viele Cocktailkleider und Anzughosen. Sie nehmen mir die Sicht auf meinen Vater. Doch als mir jemand Nella wegnehmen will, packe ich sie fester. Alles, was jetzt noch zählt, sind ihre Augen. Ihre großen, erstaunt aufgerissenen Augen.
Meine Hände finden die warme Nässe auf Nellas Bauch.
Und dann setzt die Zeit erneut aus. Sirenen, fremde Hände und Nellas Augen. Immer Nellas wunderschöne braune Augen, deren Blick meinen nie loslässt. Ihn nicht loslassen darf.
Ich beuge mich über ihren Kopf, habe mein Gesicht direkt neben ihrem, ihre Haare zwischen meinen Fingern, meinen Mund an ihrem Ohr. Ich sage Worte, die ich selbst nicht verstehe, und immer wieder ihren Namen. Ihre Lider flattern.
»Leo«, haucht sie.
Sie ist bleich. So bleich. Ist das Blut oder Lippenstift, der da auf ihrem Mund glänzt? Ist das ein Lächeln, das sich da formt?
»Lass dich nicht unterkriegen«, flüstert sie. »Du bist stark.«
Ich sehe nichts mehr. Nur noch Tränen.
»Du kannst es schaffen, kleine Schwester. Du bist stark.« Ihre Augen tanzen mir entgegen. Darin Liebe, die mir das Herz in abertausend Stücke reißt. »Kleine Leonessa.«
Ein Lächeln, dann nur noch Atem.
Atem, der weitergehen muss.
Atem.
Atem.
Atem.
Atem.
Atem.
Atem.
Atem.
Und dann kein Atem mehr.
Feindschaften zwischen Mafiaclans sind oftmals lang gehegt, generationsübergreifend und verworren. Doch in der Regel sind sie vor allem eines: blutig.
Auszug aus Die Gesetze der Familie von Daria Donelli
20 Minuten zuvor.
Das hier ist die Party des Jahres. Ich kann es auf den Gesichtern der Menschen um mich herum sehen. Dies ist die Feier, auf die die High Society Roms seit Wochen wartet, und meine Familie wird sie nicht enttäuschen.
Ich nippe an meinem Glas, während ich all die bekannten und berühmten Gesichter beobachte, die sich im Innenhof unserer Villa tummeln. Rot geschminkte Lippen, bodenlange Abendkleider, maßgeschneiderte Anzüge. In jeder Hand einen Spumante oder sogar schon einen Negroni. Unauffällige Blicke, die über die efeubewachsene Fassade unseres Anwesens, den Springbrunnen inmitten des Innenhofs und vor allem über die anderen Anwesenden wandern – stets darauf bedacht, den Neid nicht zu deutlich zu zeigen. Ja, die Feier läuft gut. Normalerweise würde ich mich jetzt in das Geschehen stürzen und meinem Ruf als Partygirl gerecht werden, aber heute kann ich mich nicht aufs Feiern konzentrieren.
Ich ziehe mein Handy aus der Clutch und rufe zum ungezählten Mal den Chatverlauf mit meiner Schwester Nella auf.
27.02.2026
Ich: Nella! Ich muss jetzt endlich wissen, was passiert ist. Du kannst nicht einfach ohne Erklärung abhauen. Und Papà hat gerade gesagt, dass du für seinen Sechzigsten abgesagt hast. Das kann doch nicht dein Ernst sein!
Ich: Wo wohnst du überhaupt gerade? Immer noch bei der Freundin, von der du erzählt hast? Wie heißt die?
Ich: Wenn du mir jetzt nicht bald mal antwortest, komme ich zu dir in die Uni und nerve dich so lange, bis du es mir erklärt hast.
Antonella Scarselli: Okay.
Ich: Okay – was?
Antonella Scarselli: Ich komme morgen zu Papàs Geburtstag.
Ich: Und dann erklärst du mir alles. Oder?!
Ich: Warum verdammt bist du einfach ausgezogen? Worüber hast du mit Papà gestritten? Es kann doch nicht so schlimm sein, dass du einfach den Kontakt abbrichst. Vor allem nicht zu mir.
Antonella Scarselli: Leo. Bitte. Ich kann es dir nicht erklären. Es ist zu krass. Ich muss erst mal selbst damit klarkommen.
Ich: Ich dachte, dass wir uns immer alles erzählen. Haben wir uns doch geschworen.
Antonella Scarselli: Damals waren wir fünf. Das hier ist etwas anderes.
Ich: Ich war sieben und du warst acht. Und nein. Das ist überhaupt nichts anderes.
Ich: Bitte, Nella … Ich mache mir Sorgen …
Antonella Scarselli: Ich überlege es mir. Das ist alles, was ich versprechen kann.
Ich: Danke.
Ich: Was auch immer es ist, wir kriegen es hin, okay?
Ich: Bis morgen. Hab dich lieb, Schwesterherz ♥
Antonella Scarselli: Hab dich auch lieb ♥
28.02.2026
Ich: Nella. Weißt du schon, wann du da bist?
Ich: Ich bin draußen auf der Terrasse. Wenn du da bist, ruf an.
Ich: Wo bist du?
Ich: Nella. Wenn du doch nicht kommst, dann sag mir wenigstens Bescheid.
Ich: Ich warte auf dich.
Ich lasse mein Handy wieder in meiner Handtasche verschwinden und atme tief durch. Nella wird schon noch kommen. Sie muss.
Ich bemühe mich um ein Lächeln, während ich weiter die Leute um mich herum betrachte. Die sanfte Musik eines Streichquartetts driftet über die efeubewachsene Fassade unserer Villa und trägt zumindest ein kleines bisschen zu meiner Beruhigung bei. Ich stelle mein leeres Glas auf dem Tablett eines vorbeilaufenden Kellners ab und mache ein paar Schritte zwischen den lautstark plappernden und lachenden Partygästen hindurch. Die meisten sind Kunden der Gruppo Scarselli, der Beratungsfirma meines Vaters. Es gibt kaum jemanden in der römischen Politik oder Wirtschaft, den mein Vater noch nicht beraten hat. All ihnen haben wir unseren Reichtum zu verdanken. Ich grüße links und rechts, bleibe jedoch nicht stehen.
Mein Blick findet meinen Vater, der gerade mit der Bürgermeisterin Roms und dem US-Botschafter im Gespräch ist. Worüber haben er und meine Schwester vor ein paar Tagen derart heftig gestritten, dass Nella ihre Sachen gepackt hat und ausgezogen ist? Ich kann es mir nicht erklären. Und wieso hat Papà sie einfach gehen lassen? Ich betrachte ihn nachdenklich. Den Kragen seines Hemds hat er betont entspannt gelockert, der graue Bart ist akkurat gestutzt, während seine Haare makellos nach hinten liegen. Er ist einer der wenigen Menschen, bei denen tiefe Geheimratsecken nicht alt, sondern vor allem weise aussehen. Ich lächle, als sich seine dunklen Augen für einen kurzen Moment auf mich richten. Selbst über die Meter, die uns trennen, kann ich darin ein Funkeln erkennen, das nur für mich bestimmt ist. Als wolle er sagen: »Na, piccolina, amüsierst du dich?«
Ich lächle und er wendet sich erneut den Menschen vor ihm zu, die wie an unsichtbaren Fäden an seinen Lippen zu hängen scheinen. Nein – diese Sache mit Nella sieht ihm überhaupt nicht ähnlich. Seit meine Mutter gestorben ist, tut mein Vater alles für diese Familie. Er hat uns vier Geschwister aufgezogen, hat alles für uns möglich gemacht. Und bis vor Kurzem hat Nella sich genauso gut mit ihm verstanden wie ich.
Was wird Papà wohl sagen, wenn meine ältere Schwester hier plötzlich auftaucht, obwohl sie eigentlich abgesagt hatte? Soweit ich weiß, war ich in den letzten Tagen die Einzige, die überhaupt Kontakt mit ihr hatte.
Ich lasse mich weiter durch die Feier treiben und schaffe es, allen Small-Talk-Versuchen geschickt auszuweichen. Ich hoffe, niemand sieht meinem Lächeln und meinem unverbindlichen Winken an, wie angespannt ich bin.
Ich finde mich auf der Terrasse wieder, zu der sich der Innenhof auf der einen Seite öffnet, und lehne mich an die Brüstung. Das hier ist Nellas und mein Lieblingsplatz, weil man von hier die gesamte Stadt überblicken kann. Unser Anwesen ist an den Abhang eines der Hügel Roms gebaut, mein Vater hat ein paar Bäume kürzen lassen, sodass man eine ungehinderte Sicht hat. Mittlerweile hat sich die Dämmerung über die Stadt gelegt. Die Verkehrsadern leuchten zwischen dem Colosseum und dem Vatikan auf, das Ganze wird nur durchschnitten vom dunklen Band des Tibers, der im Abendlicht sanft glitzert. Rom ist eine Mischung aus einem Ameisenhaufen, einem Freilichtmuseum und einem Laufsteg.
Von hier oben hört man allerdings wenig vom Lärm der Metropole, sondern meist nur das Zwitschern der Vögel in unseren Zypressen und das Plätschern des Springbrunnens, der nicht weit von mir entfernt im Garten steht. Zumindest würde man das hören, wenn hier nicht gerade eine Party im Gange wäre.
Ich recke das Kinn. Wo steckt Nella? Soll ich ihr noch mal schreiben und fragen, wo sie bleibt? Vermutlich würde sie mir nur ein weiteres Mal nicht antworten … Eigentlich passt es nicht zu Nella, so dramatisch zu sein. Es muss also echt etwas Schlimmes passiert sein. Ich halte inne. Was, wenn Papà eine ernsthafte Krankheit hat? Aber dann würde Nella sich niemals mit ihm überwerfen – immerhin studiert sie Medizin und ist auch sonst die fürsorglichste und aufopferungsvollste Person, die ich kenne.
Ich atme tief durch und beschließe, mich zu meiner ältesten Schwester Aurelia zu gesellen. Sie spielt unten im Garten mit einem ihrer kleinen Söhne, nicht unweit der weiß gedeckten Tafeln, wo später das Bankett stattfinden wird.
Ein paar Meter weiter entdecke ich meinen Bruder Cesare, im Gespräch mit Gästen und auf dem Gesicht einen Ausdruck, der offenbar den meines Vaters imitieren soll. Ganz gelingt es ihm allerdings nicht. Auch er trägt die Haare nach hinten gelegt, wie mein Vater. Doch seine Haare sind tiefschwarz, wo die unseres Vaters grau sind. Und wo unser Vater rundliche, weiche Formen und unzählige Lachfalten hat, sind Cesares Züge markant, aber sein Lächeln deswegen nicht minder herzlich.
Ich beschleunige meine Schritte in Richtung der Treppe, die in den Garten führt, als ich mit einem Mal eine Bewegung an meiner Seite wahrnehme. Ein Mann vor mir kann gerade noch stoppen, bevor ich in ihn hineinrenne.
»Sorry«, sage ich abgelenkt und hebe den Blick. Maßgeschneidertes Hemd, hochgewachsene Gestalt, scharfkantige Züge und braune Locken mit genau dem richtigen Grad Unordnung, um als lässig-stilvoll durchzugehen.
»Tut mir leid. Nach dir«, sagt er.
Doch ich bewege mich nicht, sondern starre ihn an. Wieso kenne ich ihn nicht? Ich kenne alle Gäste hier – vor allem solche, die etwa in meinem Alter sind und beim höflichen Lächeln kleine Grübchen in den Wangen haben, wie der Typ hier vor mir.
»Eleonora Scarselli. Freut mich«, sage ich und strecke ihm die Hand hin. Seine Finger schließen sich fest um meine. Mir fällt auf, dass auf einen seiner sehnigen Unterarme ein Schriftzug tätowiert ist.
»Du bist eine der Scarselli-Töchter?«, fragt er, und seine Augen weiten sich ein Stück. Seine blauen Augen. Seine verdammt blauen Augen. Nein, ich habe den Typen echt noch nie gesehen. Solche Augen hätte ich mir gemerkt.
Schnell reiße ich den Blick los und sehe auf unsere Hände, die sich noch immer umschlungen halten.
»Dante?«, frage ich.
Jetzt weiten sich seine Augen noch mehr.
»Das Tattoo.« Ich deute auf den Schriftzug unter seinem hochgekrempelten Ärmel. »E quindi uscimmo a riveder le stelle. Und dann tauchten wir wieder auf, um die Sterne zu sehen. Der letzte Vers aus der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri.«
Er nickt und mustert mich. In seinen Zügen liegt immer noch so etwas wie Erstaunen. »Gut erkannt.«
»Wieso?«
Er blinzelt. »Wieso was?«
»Wieso dieses Zitat?« Plötzlich fällt mir auf, dass das vielleicht eine sehr persönliche Frage ist. Ich will sie gerade zurückziehen, aber der Typ vor mir sieht nicht verärgert, sondern höchstens nachdenklich aus. »Es erinnert mich daran, dass alles Schlimme vorbeigehen wird.«
Ich bin wie gefangen von der Ernsthaftigkeit in seiner Stimme.
»Guter Gedanke«, kann ich nur murmeln.
Dann fällt mir auf, dass ich noch immer seine Hand halte. Eilig lasse ich sie los. »Wie kommt es, dass wir uns noch nie begegnet sind?«
Er räuspert sich und mir gefällt der dunkle Laut, der dabei aus seiner Kehle dringt. »Ich bin recht selten in Rom.«
»Schade.« Ich kann mir ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, als ich sehe, was mein Kommentar für eine Wirkung auf ihn hat. Ich bringe diesen Typen, der mich um mindestens zwei Köpfe überragt, aus dem Konzept – auf genau die richtige Weise.
»Leo«, ertönt eine Stimme irgendwo hinter mir.
»Leo!«
Ich fahre herum, plötzlich ist jedes meiner Nervenenden wie elektrisiert. Meine Schwester Aurelia eilt mir entgegen, die Treppe aus dem Garten hinauf, mit ihrem Sohn Jacopo auf der Hüfte. Eigentlich soll sie noch nicht so schwer tragen – erst vor Kurzem hat sie einen weiteren Sohn zur Welt gebracht. Gerade will ich sie dafür rügen, als sie mit untypisch hoher Stimme sagt: »Kommst du bitte mal?«
»Entschuldige mich«, sage ich in Richtung des Typen und bin an Aurelias Seite.
»Was ist?« Ich mache Anstalten, ihr das Kind abzunehmen, aber meine älteste Schwester beachtet mich gar nicht.
»Schau mal.« Sie macht ein bedeutungsvolles Kopfnicken in Richtung der anderen Seite der Terrasse.
»Was?« Ich sehe nichts. Nur herausgeputzte Gäste, die an ihren Gläsern nippen. Will Aurelia mir etwas zeigen, das bei der Feier nicht ganz rundläuft? Wie immer macht sie sich zu viele Gedanken. Wir haben schließlich ein ganzes Team an Partyplanern genau dafür …
Aber dann erstarrt alles in mir, als ich sehe, was Aurelia mir zeigen will. Wen sie mir zeigen will.
»Nella«, stoße ich hervor. Sie steht ein paar Meter entfernt und sieht sich suchend um.
Ich eile los.
»Wusstest du, dass sie kommt?«, keucht Aurelia und rückt ihren Sohn auf der Hüfte zurecht.
»Sie hatte es mir versprochen«, antworte ich geistesabwesend.
»Na super. Ist bestimmt genau das richtige Geburtstagsgeschenk für Papà.«
Ich ignoriere Aurelias spitzen Kommentar, dränge mich an der letzten Menschentraube vorbei und werfe mich in Nellas Arme.
»Du bist da!«, keuche ich und atme tief ihren vertrauten Hyazinthengeruch ein.
»Und du bist noch immer eine Blitzmerkerin, wie ich sehe!«
Ich boxe Nella liebevoll in die Seite. Aber dann ist sofort meine Anspannung zurück, als ich ihr ins Gesicht sehe. Sie sieht ungewöhnlich fertig aus. Zwar hat sie sich für den Anlass geschminkt, ihre Haare hochgesteckt und ein bodenlanges Kleid angezogen. Aber ich erkenne die Schatten trotzdem, die unter ihren großen Augen liegen. Auch wirkt das Lächeln, das sie so oft trägt, wenn sie mich ansieht, nicht halb so strahlend wie sonst.
»Ich wusste gar nicht, dass du kommst!«, mischt sich Aurelia ein. »Bist du hier, um dich mit Papà zu vertragen?«
»Etwas in der Art.« Nella lächelt Aurelia gequält an.
Deren Gesichtszüge erweichen sich endlich und sie schließt Nella ebenfalls in die Arme. »Schön, dass du da bist.«
»Hey, kleiner Mann.«
Nella ergreift das Patschhändchen meines Neffen, doch der bricht fast augenblicklich in Tränen aus.
»Entschuldige. Jacopo brauche eine neue Windel«, erklärt Aurelia seufzend. »Ich geh mal die Nanny suchen. Wir sehen uns später, ja?«
»Klar.«
Damit ist Aurelia verschwunden und Nella und ich sind allein.
Ich ergreife ihre Hand. »Hast du Papà schon gesehen?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Noch nicht.«
»Willst du ihn begrüßen?«
»Ich muss ihm zumindest zum Geburtstag gratulieren, oder?«
»Nella.« Ich packe meine Schwester am Arm. »Was ist passiert? Warum habt ihr euch gestritten?«
Sie sieht sich um und streicht sich nervös eine Locke aus dem Gesicht, die aus ihrer Frisur entkommen ist.
»Nicht hier, Leo.«
»Gut.« Ich beginne sie in Richtung des Gartens zu ziehen, in dem sich bisher kaum Gäste aufhalten und wo es etliche Ecken gibt, wo wir uns ungestört unterhalten können.
Aber Nella hält mich zurück. Sie greift sich ein Glas Spumante von einer vorbeieilenden Kellnerin und nimmt einen großen Schluck. Etwas in mir wird kalt. Normalerweise trinkt Nella nie. Niemals. Seit sie ihr Medizinstudium begonnen hat, liegt sie mir mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Alkohol in den Ohren – bisher hat das aber nur dazu geführt, dass ich mit etwas mehr schlechtem Gewissen trinke als zuvor.
»Ich muss mir Mut antrinken«, sagt sie, doch ihr Grinsen misslingt.
»Mit Spumante funktioniert das nicht so schnell. Da würde ich eher Grappa oder Sambuca empfehlen«, versuche ich einen schlechten Scherz.
Sie stellt ihren Drink auf die Balustrade, zieht mich an sich, und ein paar Atemzüge lang sagt sie gar nichts. Trotz ihres kleinen Körpers schlingen sich ihre Arme bemerkenswert fest um meine Mitte. Dann höre ich ihr Flüstern: »Ich hab dich lieb, kleine Leonessa. Das weißt du, oder? Und du weißt, dass mir diese Familie alles bedeutet, oder?«
Irritiert blinzele ich sie an.
»Wieso sagst du so was? Du machst mir Angst, Nella. Was ist los?«
Nella nagt an ihrer Unterlippe, wie sie es immer tut, wenn sie nervös ist. Während ihrer Abschlussprüfungen neulich habe ich mir ernsthafte Gedanken um ihre Haut gemacht.
»Ich weiß einfach nicht, wie ich es dir erklären soll. Oder ob du es überhaupt wissen solltest. Papà will nicht, dass ich es dir sage.«
Okay. Das ist genug. Ich ergreife Nellas Arm und ziehe sie energisch die Treppe hinunter in den Garten. Dort führe ich sie an den weiß gedeckten Banketttafeln vorbei, bis zu dem Lesepavillon, den Papà extra für Nella hat erbauen lassen.
»Jetzt spuck’s schon aus«, verlange ich und überkreuze die Arme. »Worüber habt ihr gestritten?«
Nella sieht sich noch einmal zu den uns am nächsten stehenden Gästen um, doch niemand schenkt uns besondere Beachtung.
Sie seufzt. »Es hat mit Papàs Job zu tun.«
»Okay«, sage ich gedehnt. »Und weiter?«
Nella windet sich, die hohe Stirn, die sie von Papà geerbt hat, in unzählige Falten verzogen. »Du wirst mir eh nicht glauben.«
»Natürlich werde ich das! Wann habe ich dir jemals nicht geglaubt?«
Wieder dieser Blick zu den Umstehenden – allesamt außer Hörweite. Sie holt tief Luft.
»Okay. Papàs Beratungsfirma. Die Gruppo Scarselli. Das ist eigentlich keine Beratungsfirma, sondern ein Drogenhandel.«
Ich blinzele. Einmal. Zweimal.
»Unser Vater stellt Drogen her, Leo. Daher kommt unser ganzer Reichtum. Deshalb all die Waffen und die ständige Bewachung und das alles. Keine Politikberatung. Kein bloßer Reichtum, wegen dem man uns schützen muss. Sondern Drogen. Unser Vater leitet ein Drogenimperium.«
Noch immer blinzele ich nur.
»Aber«, stoße ich hervor. »Seine Kunden. Er hat nur mit Senatoren und Firmenbossen und Präsidenten zu tun. Schau dir diese Party an! Die kaufen doch keine Drogen!«
Ich habe keine Ahnung, warum das das Erste ist, was ich sage. Und ich höre selbst, wie naiv es klingt.
»Wach auf, Leo! Natürlich nehmen die Drogen. Es müssen halt nur die richtigen Drogen sein. Und diese Drogen, die unsere Familie verkauft … das sind keine normalen Drogen, sondern besondere. Die verkauft sonst fast keiner. Sie sind genau das, was diese mächtigen Leute wollen. Die Wirkung dieser Drogen … Sie ist … unheimlich.«
»Unheimlich?«
Nella holt tief Luft. »Mit unseren Drogen werden die Menschen wie Marionetten. Wir machen sie völlig gefügig, Leo. Das ist die Dienstleistung, die wir verkaufen.«
Wir glauben am liebsten den Lügen der Liebsten.
Auszug aus Blutlinien von Giulia Ferrani
Ich starre Nella an, bin mir nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden habe. Sie sieht sich abermals um und stößt dann schnell hervor: »Papà und Cesare … Die Gruppo … Sie verabreichen die Drogen den Konkurrenten unserer Kunden. Die geben dann ihre Ämter auf, verkaufen ihre Firmen … Alles ist möglich. Mit unserer Droge ist der Geist völlig formbar. Ausgeliefert. Papà schickt Teams aus, die den Leuten die Drogen verabreichen und sie dann dazu bringen, genau das zu tun, was wir von ihnen wollen. Das ist unser Businessmodell. Der Service, den wir anbieten, wenn du so willst. Und den lässt Papà sich gut bezahlen. Hast du eine Ahnung, was diese eine Macht wert ist?« Zittrig holt sie Luft. »Aber weißt du, was das Schlimmste ist? Es geht nur ums Geld. Papà ist in die größten Deals der aktuellen Politik involviert. Er beeinflusst sie. Und zwar immer einfach zugunsten der Person, die am meisten zahlt.«
Ich starre sie an. Schüttele den Kopf. »Solche Drogen gibt es nicht.«
»Doch. Die gibt es. Und unsere Familie stellt sie her. Man kann damit den Willen verändern, Erinnerungen, alles. Man kann den Geist der Opfer vollkommen formen. Verstehst du? Weißt du, was das für eine Macht ist?«
»Wie soll das denn bitte gehen? Erinnerungen verändern?«
»Keine Ahnung. Ich habe meine Neurologieprofessorin vorsichtig danach gefragt, aber bisher kann ich es mir nicht erklären.«
Ich bringe kein Wort hervor.
Nella presst kurz die Lippen aufeinander. »Ich habe doch gesagt, dass du mir nicht glauben wirst.«
Mein Blick fliegt über die Feier. Über all die gut betuchten, ausgelassenen Menschen. Es kann nicht sein. Und doch … Warum fühlt sich das, was Nella sagt, nicht ganz abwegig an?
Auf einmal sehe ich das Gesicht, nach dem ich gesucht habe. Mal wieder ist es, als hätte er meine Sehnsucht nach ihm gespürt. Als wäre da dieses Band zwischen meinem Vater und mir.
Er kommt direkt auf uns zu.
»Nella!«, tönt sein Bass über die umstehenden Gäste hinweg. »Wie schön, dass du da bist!«
Er breitet die Arme aus, während er die letzten Meter auf uns zukommt, und ich sehe das warme Lächeln auf seinem Gesicht. Doch da ist auch eine Wachsamkeit, eine Frage, als er zu mir sieht.
Nella lässt sich von ihm umarmen.
»Alles Gute zum Geburtstag, Papà.«
»Hast du dich umentschieden? Ich dachte, du würdest nicht kommen.«
Nella löst sich von ihm und zuckt mit den Schultern. »Leo hat mich überzeugt.«
Jetzt sieht mein Vater mich an und ich bemühe mich um ein Lächeln, aber kriege es nicht ganz hin. Das, was Nella mir gerade gesagt hat, kreist viel zu schnell in meinem Kopf. Papà soll Drogen verkaufen? Mein Vater? Der sogar Tabak verabscheut? Der Mann, der mich auf unzählige Wochenendtrips mitgenommen und mir alle möglichen archäologischen Stätten gezeigt hat? Der mir noch immer manchmal über den Kopf streichelt und mich la mia piccola leonessa – seine kleine Löwin – nennt?
Sorge kriecht in den Ausdruck meines Vaters.
»Alles gut bei euch?« Er wendet sich Nella zu. »Du hast Leo nichts …«
»Doch«, platzt es aus Nella hervor. Sogar ihre zarten Hände hat sie zu Fäusten geballt. »Sie hat genauso ein Recht, es zu erfahren, wie ich. Und Aurelia werde ich es auch sagen. Es kann nicht sein, dass Cesare der Einzige ist, der Bescheid weiß. Warum hältst du uns Mädchen aus allem raus?«
»Nella. Das hatten wir doch schon. Ich will euch nur schützen.« Sein Blick findet mich und in den Tiefen seiner braunen Augen sehe ich die Unerschütterlichkeit, an der ich mich seit meiner frühesten Kindheit festgehalten habe. »Leo. Lass mich alles in Ruhe erklären. Nach der Feier. Ich …«
Weiter kommt er nicht, denn ein dumpfer Ruf erreicht uns.
»Edoardo!«
Wir alle sehen uns um – zu dem Schrank von einem Mann, der durch die Gäste auf uns zukommt. Gianluca. Der Bodyguard meines Vaters.
Gianluca beugt sich zu meinem Vater und brummt ihm etwas ins Ohr. Sofort merke ich, wie sich in der Mimik meines Vaters etwas verändert. Die dichten Brauen ziehen sich zusammen, die hohe Stirn legt sich in Falten und die Lippen zwischen dem gestutzten Bart schließen sich kurz.
»Entschuldigt mich, meine Lieben«, sagt er in unsere Richtung. Dann geht er gemeinsam mit Gianluca in Richtung der Gäste, die sich in der Nähe der Treppe verteilt haben. Nella und ich sehen uns an. Und dann, einem Impuls folgend, gehe ich unserem Vater hinterher. Nella ist direkt hinter mir, doch weit kommen wir nicht, denn Papà wird bereits auf einer der unteren Stufen der Treppe aufgehalten. Eine Traube Menschen hat sich gebildet, allesamt Angestellte oder Vertraute meines Vaters. Und sie scheinen sich um einen Mann zu drängen, den ich nicht genau erkennen kann. Die restlichen Gäste in der Nähe beobachten die Szene interessiert.
Wortfetzen dringen zu uns hinüber, aber wir können von hier aus nicht verstehen, was sie sagen. Doch dann höre ich einen der Angestellten meines Vaters keifen: »Du bist hier nicht willkommen, Mariani!«
Ich bleibe abrupt stehen. Nur mein Herz verfällt in einen jähen Sprint. Was hat er gesagt? Etwas in meinem Inneren verkrampft sich und mein Mund ist staubtrocken. Ich kenne dieses Gefühl, habe es schon viel zu oft erlebt: das Gefühl, wenn eine friedliche Situation von einem Augenblick auf den anderen kippt und sich ein Abgrund auftut, der bereits die ganze Zeit da gewesen ist, den man jedoch wissentlich ignoriert hat. Der Name Mariani ist in unserer Familie so etwas wie … nein, nicht ein Schimpfwort – noch schlimmer, viel schlimmer. Er wird selten ausgesprochen und trägt gerade deshalb ein solches Gewicht. Wenn über meine Mutter geredet wird, fällt der Name manchmal. Seit meiner frühesten Kindheit weiß ich, dass die Mariani mit dem Tod meiner Mutter zu tun haben. Sie ist ums Leben gekommen, als ich gerade mal vier Jahre alt war.
Und jetzt steht dieser Mann hier, auf unserer Gartentreppe, und legt meinem Vater lächelnd eine Hand auf den Arm?
Ich sehe mich zu Nella um, um sie zu fragen, ob ich mich verhört habe. Doch der entsetzte Ausdruck auf ihrem Gesicht ist Antwort genug. Wie ist der Mariani hier reingekommen? Was will er hier? Was sagt er zu meinem Vater?
Ich mache einen Schritt nach vorne, vielleicht, um etwas zu hören, da trifft mich der Blick des Fremden. Über die Schulter meines Vaters hinweg sieht er mich direkt, an und ich habe nicht den leisesten Zweifel, dass er genau weiß, wer ich bin. Silberne Haare, hochgewachsene Statur und ein Lächeln auf den Lippen, das nicht über den Stahl in seinen Augen hinwegtäuschen kann. Eiswasser läuft meinen Rücken hinunter.
Im Grunde weiß ich genau zwei Dinge über die Mariani: Dass sie meine Mutter auf dem Gewissen haben. Und dass sie erbitterte Konkurrenten im Geschäft meines Vaters sind. Konkurrenten im Geschäft … Wenn ich Nella wirklich Glauben schenke, dann sind sie Konkurrenten im Drogengeschäft. Ein verfeindetes Drogenimperium? Mit einer Droge, die den Geist der Betroffenen völlig fügig macht? Wieso fühlt sich das alles gar nicht so falsch an, wie es sollte? Wieso ergibt plötzlich vieles aus meiner Kindheit und Jugend einen Sinn?
Mein Vater schiebt sich vor ihn. »Das ist genug, Silvano. Du bist hier nicht willkommen.« Im Garten ist es stiller geworden und die sonore Stimme meines Vaters vibriert durch die Luft.
»Schon gut«, schnarrt der Mariani. »Darf man einem alten Freund nicht mehr zum Geburtstag gratulieren?« Doch dann verzieht sich sein Gesicht zu einem Lächeln. Er nickt und wendet sich in der Tat ab.
Auf dem Weg die Treppe hinauf bleibt er jedoch noch einmal stehen. Eine sehr kleine Person ist ihm in die Quere gekommen – mein Neffe Jacopo, der mit Begeisterung die Stufen hinabsteigt und als Einziger nichts von der Anspannung mitbekommen zu haben scheint.
Silvano Mariani beugt sich hinab und sagt etwas zu Jacopo. Doch zeitgleich bewegen sich etliche Leute auf ihn zu, unter ihnen Aurelia, die ihren Sohn hastig hochreißt.
»Immer mit der Ruhe«, lacht der Mariani laut und hebt beschwichtigend die Hände. »Ich wollte nur den Rest der Familie begrüßen.« Dann lässt er sich von den Männern meines Vaters in den Hof geleiten.
Gerade will ich die Luft ausstoßen, die ich bis eben angehalten habe, als mein Blick auf das Gesicht meines Bruders Cesare fällt, der sich nur ein paar Schritte neben uns aus der Menge der beobachtenden Gäste geschoben hat. Auf seinen Zügen steht nur schwer zurückgehaltene Anspannung. Das hier ist noch nicht vorbei. Wenn Silvano Mariani in unserer Villa auftaucht, dann ist es nicht damit getan, ihn hinauszuwerfen.
»Cesare«, rufe ich dumpf, bemüht, nicht noch mehr Aufmerksamkeit als nötig auf die Szene zu lenken. Mein Bruder schießt mir einen Blick zu, doch der ist alles andere als beruhigend. Plötzlich fühle ich mich wieder wie das kleine Mädchen, das früher in Situationen wie dieser immer Bestärkung bei ihren großen Geschwistern gesucht hat. Die einfach nur in die Arme genommen werden und hören wollte, dass alles gut sei.
Mein Vater wendet sich von seinen eilig verschwindenden Männern ab und sieht zu den versammelten Gästen. Natürlich ist ihm mehr als bewusst, dass die Szene Aufmerksamkeit erregt hat.
»Entschuldigt diesen kleinen Zwischenfall«, sagt er, und seine Stimme trägt ohne Probleme über weite Teile des Gartens. »Lasst euch davon nicht stören.« Sein Lächeln wird breiter, schlägt die Zuschauenden in Bann, so wie es immer der Fall ist. Er macht die sich nun leerende Treppe zu seiner Bühne. Doch ich kenne ihn gut genug, um die rasch arbeitenden Gedanken hinter seinen Zügen zu sehen. »Wie schön, euch alle hier zu sehen. Später werde ich beim Bankett noch ein paar Worte an euch richten, aber bei dieser Gelegenheit schon mal: Fühlt euch wie zu Hause und genießt den Abend. Auf eine herrliche Feier!«
Von irgendwoher bekommt er ein Getränk gereicht und hebt es in die Höhe. Die Umstehenden reagieren mit derselben Geste, doch mich lenkt eine Berührung an meiner Hand ab.
Nellas warme Finger umschließen meine, und als ich ihr in die Augen sehe, liegt darin die Bestärkung, die ich gesucht habe. Plötzlich ist sie wieder die große Schwester, zu der ich seit vielen Jahren aufsehe.
Eine sanfte Brise streicht über uns hinweg und ich umfasse Nellas Hand fester. Vielleicht ist es mein letzter, verzweifelter Versuch, mein gewohntes Leben festzuhalten. Denn als einen Wimpernschlag später alles auseinanderbricht, überrascht es mich noch nicht einmal.
Es beginnt mit einem roten Punkt.
Leo als Schwester zu haben, ist eines der größten Geschenke meines Lebens.
Aus einem Tagebucheintrag von Antonella Scarselli, 10. Februar 2024
Nella und Papà sind nicht weg. Sie sind noch immer da, sind überall. Drängen sich in meine Tage und meine Nächte, als wollten auch sie mich nicht loslassen. Als wollten sie mich trösten. Doch das können sie nicht. Niemand kann mich trösten. Das weiß ich mit jedem dumpfen Schlag meines schmerzenden Herzens.
Die Lichter des Nachtclubs zucken über mich hinweg und der Rhythmus haucht meinen Gliedern etwas von dem Leben ein, das sie einst erfüllt hat. Ich drehe mich um mich selbst, schwanke von links nach rechts, lasse mich von den Beats tragen. Nur leider ist die Musik nicht annähernd laut genug, um meine Gedanken hinter der Tresortür in meinem Inneren zu verschließen – und meine Gefühle schon gar nicht. Ich starre die Flasche Wodka an, bei der ich mich gar nicht erinnere, sie in die Hand genommen zu haben.
Chiara und meine anderen Freundinnen beobachten mich besorgt von unserem Tisch am Rand der Tanzfläche. Ich weiß, was sie denken, und vermutlich haben sie sogar recht. Ich bin dabei, meinen Verstand zu verlieren. So wie ich bei der Geburtstagsfeier meines Vaters alles andere verloren habe.
Mir geht es gut, signalisiere ich ihnen. Va tutto bene. Wie oft habe ich diesen Satz in den letzten Wochen gesagt? Zu anderen? Zu mir selbst? Und ja, irgendwie geht es weiter. Jeden Tag, seitdem mein Vater und Nella tot sind, ist es weitergegangen, ob ich wollte oder nicht.
An jenem Morgen vor zehn Wochen bin ich aufgewacht als die gut behütete Unternehmertochter, das Partygirl, das sorglos Daddys Geld für gegeben hinnimmt. Und keine zwölf Stunden später hat sich alles geändert. Erst das, was Nella mir eröffnet hat. Der Drogenhandel der Gruppo. Illegale Geschäfte. Und dann, wie zum ultimativen Beweis, ein Attentat, das nicht nur meinen Vater das Leben gekostet hat. Sondern auch Nella.
In der Sekunde, als man ihr das Leben genommen hat, ist auch das meine in Scherben zerbrochen. Und diese Scherben wurden zu Staub, als mein Bruder mir am Abend der Beerdigung bruchstückhaft und sehr zögerlich bestätigt hat, was tatsächlich hinter dem Business meiner Familie steckt. Laut ihm führt meine Familie in der Tat ein Drogenimperium mit geistesverändernden Substanzen, dessen Oberhaupt er nun ist. Ganz verstanden habe ich die Drogen und das Geschäft meiner Familie noch nicht, aber ich hatte bisher auch keine Kapazitäten, mich damit zu beschäftigen. Ich wollte nach Cesares Geständnissen einfach nur noch weg. Noch am selben Abend habe ich meine Sachen gepackt und bin zu meiner Freundin Chiara gezogen. Eigentlich ist meine Reaktion gar nicht so unähnlich der von Nella, die damals auch abrupt ausgezogen ist – und etwas daran fühlt sich richtig an. Seitdem bin ich nicht mehr zu Hause gewesen. Bestimmt behält Cesare mich durch irgendwelche Männer im Auge, aber immerhin hat er den Anstand, es nicht zu aufdringlich zu tun. Wie es nun weitergehen soll? Ich habe keine Ahnung.
Gesichter ziehen an mir vorbei und fremde Körper stoßen gegen mich, während ich die Wodkaflasche zum Mund führe und einen großen Schluck nehme. Brennend bahnt sich der Alkohol einen Weg in meinen Magen.
Leo. Bist du dir sicher, dass dir das hier gerade guttut? Das ist Nellas Stimme. Nein!, möchte ich ihr entgegenschreien. Nichts tut mir gut. Ohne dich tut mir gar nichts gut! Aber vielleicht lässt mich das hier alles kurz vergessen.
Aber noch während ich das denke, weiß ich, dass ich mir nur etwas vormache. Der überwältigende Schmerz um Nellas Tod und die widersprüchlichen Gefühle gegenüber meinem Vater sind zu stark. Ja, auch um ihn trauere ich unendlich, aber gleichzeitig ist da dieser Beigeschmack. Diese Frage, ob ich nicht auch meiner Naivität hinterhertrauere, die auf der Feier zusammen mit Papà und Nella gestorben ist.
Wie soll ich damit klarkommen, dass mein Vater sein Geld, unser Geld, damit verdient hat, Leuten Drogen einzuflößen und ihnen seinen Willen – nein, den Willen seiner Kunden – aufzuzwingen? Wie viele Leben hat er zerstört, neben dem von Nella und seinem eigenen?
Aber egal, was er getan hat – ich liebe ihn immer noch. Natürlich. Ich kann gar nicht anders. Ich weiß noch genau, wie er mich auf etliche Trips mitgenommen hat: nach Pompeji, Venedig, Mailand. Nur wir zwei. Immer hat er mir irgendetwas erklärt über die Geschichte unseres Landes, über alte Zivilisationen und ihre Auswirkungen auf unser heutiges Leben. Auch werde ich nie vergessen, wie seine Schritte durch die Villa gehallt haben, wie er mir über den Kopf gestrichen oder an meinem Geburtstag Tanti Auguri a Te auf dem Flügel gespielt und dazu gesungen hat. Wie er mir draußen auf unserer Auffahrt das Fahrradfahren beigebracht hat, als alle anderen schon längst aufgegeben hatten. Wie er … Tränen schwimmen in meinen Augen und energisch blinzele ich sie weg. Ja, der Vater, an den ich mich erinnere, ist ein guter Mensch gewesen. Ich würde ihm gern so viele Fragen stellen können, um diese Erinnerungen mit meinen neuen Informationen in Einklang zu bringen …
Wie es wohl für Nella war? Auch sie hat unseren Vater sehr geliebt. Sonst wäre sie niemals zu ihm gerannt, als die Schüsse gefallen sind.
Die Tränen füllen brennend meine Augen.
»Es tut mir leid«, flüstere ich und weiß selbst nicht, bei wem ich mich eigentlich entschuldigen will.
Wieder sehe ich Nella vor mir. Wenn sie hier wäre, hätte sie vermutlich nach meiner Hand gegriffen. Du kannst es nicht rückgängig machen, hätte sie gesagt. Du bist stark, kleine Leonessa. Genieß das Leben noch ein wenig für mich, ja? Und dann hätte sie mit mir getanzt. So lustig, wie nur sie es konnte: in die Höhe gestreckte Arme und synchron wackelnde Hüfte und Kopf. Wir hätten gelacht. Nella hatte das beste Lachen der Welt. Das werde ich niemals vergessen. Niemals.
Ich hebe die Hände, in dem kläglichen Versuch, Nellas Tanzbewegungen nachzumachen, aber bereits einen Herzschlag später gebe ich auf. Das hier lässt mich rein gar nichts vergessen. Und meine Wut wird auch nicht weniger. Im Gegenteil – der Alkohol scheint sie noch anzufeuern.
Heute Morgen hat Aurelia mich angerufen. Wie jeden Tag war sie in Tränen aufgelöst. Heute noch mehr als sonst. Als sie wieder sprechen konnte, hat sie mir eröffnet, dass die Ermittlungen um den Tod von Nella und meinem Vater eingestellt wurden. Und der Gedanke war sofort da: Hat Cesare eigenhändig dafür gesorgt, dass die Polizei sich raushält? Alles, um die Geschäfte der Gruppo zu schützen? Die Connections hat er auf jeden Fall – das bezweifle ich keine Sekunde. Auch früher schon hatte ich häufiger den Verdacht, dass mein Vater zu diesem Mittel gegriffen hat. Und jetzt, wo ich weiß, in welche mafiöse Netze meine Familie verstrickt ist …
Die Übelkeit verstärkt sich und droht, mich zu überwältigen.
Ich schließe die brennenden Augen und entscheide, das Kratzen in meinem Hals mit einem weiteren Schluck Wodka zu besänftigen. Gerade hebe ich die Flasche zum Mund, als die Welt kippt – oder ich tue es. Jedenfalls stürze ich einen Herzschlag später in eine Ansammlung fremder Hände und Füße, die mich protestierend von sich stoßen. Der Boden des Clubs ist klebrig und nass – oder ist das der Alkohol, den ich darauf gerade verschüttet habe? Herzlichen Glückwunsch, Eleonora. Wenn man glaubt, du könntest nicht tiefer fallen …
Als ich wieder stehe, entscheide ich, dass mir frische Luft guttun wird. Frische Luft und die Möglichkeit, meine Emotionen zu ordnen. Mich links und rechts an anderen Tanzenden abstützend, dränge ich mich zur Treppe durch, die hinauf ins Erdgeschoss und in die kleine Gasse führt, an der der Club liegt.
Rauchgeschwängerte Stadtluft empfängt mich, als ich hinaustrete und mir einen Weg bahne durch all die lautstark plappernden Menschen mit ihren glühenden Zigaretten. Die Musik ist hier nur noch schwach zu hören – stattdessen füllt jetzt ein leises Piepen meine Ohren. Ich atme tief ein, um der aufsteigenden Übelkeit Herrin zu werden. Doch vermutlich werde ich die nie wieder loswerden – nicht, solange ich ständig daran denken muss, dass es keine Gerechtigkeit für den Tod von Papà und Nella geben wird.
Ich schlurfe ein paar Meter weiter und kann gerade so einer Vespa ausweichen, die durch die kleine Gasse brettert. Das Knattern des Motors hallt von den abblätternden Fassaden der Häuser um mich herum wider. Ich starre ihr hinterher, mein Herz, ein flattriger Vogel in meiner Brust. Verdammt. Um mich zu beruhigen, schließe ich die Augen und spüre einen Moment zu spät, dass das keine gute Idee ist. Erneut kippt die Welt, ich stolpere und falle abermals – diesmal auf unebenen Asphalt.
»Cazzo«, stoße ich hervor. Doch bevor ich zu noch unflätigeren Ausdrücken greifen kann, schiebt sich plötzlich eine Hand in mein Sichtfeld, mir entgegen.
Instinktiv ergreife ich sie, komme auf die Füße. Und dann sehe in ein Gesicht, das mir vage bekannt vorkommt. Diese Züge. Diese welligen braunen Haare, diese Augen, die mich unter dichten Brauen ansehen. Doch erst, als ich das Tattoo auf dem Unterarm sehe, kann ich es zuordnen.
Riveder le stelle. Es ist, als würde ich für einen winzigen Moment zurücktransportiert in eine Zeit, in der noch alles in Ordnung war. Zu einer glücklicheren Eleonora, die mit diesem Mann geflirtet hat, kurz bevor ihre Welt auseinanderbrach.
»Alles in Ordnung?«, fragt er.
»Du«, flüstere ich. Was zur Hölle tut er hier? Ich lasse seine Hand los und blinzele. Und dann platzt das Erste aus mir hervor, was mein müdes Gehirn zustande bringt: »Ich dachte, du bist selten in Rom.«
Seine Augenbrauen heben sich, als wäre er überrascht, dass ich mich daran erinnere. Und zugegebenermaßen bin ich es vielleicht selbst ein kleines bisschen. Wie hieß der Typ noch mal? Dieses Detail hingegen will mein alkoholgetränktes Gehirn partout nicht ausspucken.
Er mustert mich und ich erkenne, dass ich schleunigst das Weite suchen muss. Sein Unbehagen perlt ihm förmlich aus allen Poren. Ich habe es in den letzten Wochen immer wieder erlebt: Er ist drauf und dran, mir sein Beileid auszusprechen. Und ich ertrage es heute nicht, wenn er jetzt wie so viele vor ihm nutzlose Plattitüden von sich gibt.
»Danke für deine Hilfe«, sage ich daher hastig und setze mich in Bewegung. Doch kaum habe ich ein paar Schritte die Gasse hinunter getan, holt er mich wieder ein.
»Ich brauche kein Beileid. Und schon gar kein Mitleid«, schleudere ich ihm entgegen.
Seine Augen blitzen im Licht der Straßenbeleuchtung. »Hatte ich auch nicht vor, dir zu geben.«
Mein Fuß verfängt sich in einem Schlagloch und ich muss mich kurz an einer Hauswand abstützen.
Er bleibt vor mir stehen. »Wo willst du hin?«
Ich zucke mit den Schultern. Erstens, weil ihn das überhaupt nichts angeht, und zweitens, weil ich keine Ahnung habe.
Er betrachtet mich und legt den Kopf schief. Ein paar lockige Strähnen rutschen ihm in die Stirn, direkt über diese dicht bewimperten Augen. Er passt nicht hierher. In diese Gasse. Und in mein Leben. Die Eleonora, mit der er vor ein paar Wochen gesprochen hat, gibt es nicht mehr. Was tut er ausgerechnet jetzt hier?
»Was willst du?«, stoße ich hervor.
»Ich wollte dir nur Hallo sagen«, erklärt er und lächelt. Da sind Grübchen in seinen Wangen. Sind die mir schon letztes Mal aufgefallen? »Aber viel wichtiger«, fährt er fort, »ist eigentlich: Was willst du?«
Ich mache ein verwirrtes Geräusch, das man im weitesten Sinne als »Wie bitte?« interpretieren kann.
»Wenn du kein Mitleid willst, was willst du dann?«
Ich öffne den Mund, doch plötzlich fällt mir auf, dass mich das noch nie jemand gefragt hat. Und etwas daran bringt die Enge in meiner Kehle zurück.
Auf dem Gesicht des Typen sehe ich, dass er ahnt, was in mir vorgeht. Wieder ist da dieses sanfte Lächeln auf seinen Lippen. »Du kannst ja mal drüber nachdenken. War schön, dich zu sehen.«
Ganz kurz streift seine Hand meinen Arm und sendet ein Prickeln durch meinen Körper. Dann wendet er sich ab und entfernt sich. Doch schon nach ein paar Schritten bleibt er wieder stehen.
»Glaub ihnen kein Wort!«
Ich runzele die Stirn. »Was meinst du?«
»Dass es einfacher wird mit der Trauer. Wird es nicht. Aber eins kann ich dir versprechen: Man hat immer mehr Handlungsfreiheit, als man glaubt.«
Damit dreht er sich um und verschwindet in der Menge vor dem Clubeingang. Und ich kann mich nur einen kleinen Moment zusammennehmen, ehe die Tresortür in meinem Inneren auffliegt und alle Gefühle ungehemmt auf mich einströmen.
Die Kinder der Clans erben nicht nur Namen und Macht, sondern auch Feinde und Schuld.
Auszug aus Brüder der Glut von Ilaria Ivreni
Ich warte nicht einen Tag oder auch nur eine Stunde. Ich sage meinen Freundinnen Bescheid und rufe mir ein Taxi, das mich zur Villa bringt.
Man hat immer mehr Handlungsfreiheit, als man glaubt, hat der Typ gesagt. Und dann noch: Was brauchst du? Und es liegt ja klar auf der Hand: Ich brauche Kontrolle. Ich muss etwas tun. Muss mein Leben – oder das, was davon übrig geblieben ist – wieder in die Hand nehmen. Das war es doch schließlich, was Nella meinte, als sie gesagt hat, dass ich stark bin, oder? Das war der Grund, warum sie mir überhaupt alles erzählt hat: Damit wir uns in das Geschäft unserer Familie einmischen können. Damit wir nicht weiter passiv danebenstehen, so wie wir es den Großteil unseres Lebens getan haben.
Bisher habe ich gedacht, dass ich Nella am nächsten sein kann, indem ich es tue wie sie: aus der Villa ausziehen und mich fernhalten. Doch das stimmt nicht. Mich nicht unterkriegen lassen. Stark sein. Das waren Nellas letzte Worte an mich. Ich muss mich einmischen. Warum checke ich das erst jetzt? Vielleicht liegt es am Alkohol. Oder an dem Gespräch mit dem fremden Typen. Aber eigentlich ist es auch völlig egal – wichtig ist nur, dass ich jetzt endlich etwas tue.
In der Villa meiner Familie angekommen, packe ich das Treppengeländer und gehe nach oben in den ersten Stock. Ich habe Gianluca in der Lobby getroffen und bin mir ziemlich sicher, dass da einiges an Erleichterung auf seinem sonst so verschlossenen Gesicht war. Aber ich habe jetzt keine Zeit für Gian. Ich bin für meinen Bruder hier. Der Alkohol pulsiert noch durch mein Blut, doch trotzdem bin ich jetzt ganz klar. Zum ersten Mal seit Wochen. Ich werde von Cesare verlangen, dass er mir das Business ausgiebig erklärt. Und dass er mich einbezieht in seine Entscheidungen. Das ist es, was Nella gewollt hätte. Warum sonst hätte sie mir davon erzählen sollen?
Cesares Zimmer liegt auf demselben Flur wie meines, nur auf der gegenüberliegenden Seite. Also mache ich mir nicht die Mühe, das Licht anzuschalten, denn hier kenne ich sowieso jede Ecke in- und auswendig.
Ich betrete das Zimmer und stolpere prompt über ein am Boden liegendes Kleidungsstück.
»Cazzo!«
Noch ein paar weitere Flüche ausstoßend, fange ich mich.
»Leo!«
Ich sehe zum Bett, das im sanften Schein einer Beistelllampe dasteht. Aber Cesare ist dort nicht zu entdecken. Stattdessen nehme ich eine Bewegung in dem großen blauen Ohrensessel nahe dem Fenster wahr.
Mein Bruder kauert im Sessel, die Beine angezogen und etwas auf dem Schoß, das ich von hier nicht erkennen kann. Er sieht mir entgegen, den Mund geöffnet, die Haut kalkweiß gegen seine schwarzen Haare.
»Du bist zurück«, haucht er.
Plötzlich verpuffen alle Worte der Wut, die ich ihm gerade noch entgegenschleudern wollte. Ich erschrecke. Können acht Wochen einen Menschen derart verändern? Cesare war schon immer eher schmächtig, aber jetzt sieht er abgemagert aus. Schatten höhlen seine Wangen aus und selbst seine Augen scheinen tiefer zu liegen als zuvor. Seine Haut hat etwas von weißem, zerknittertem Papier und lässt ihn um Jahre gealtert wirken.
Langsam umrunde ich ein paar weitere auf dem Boden verstreute Kleidungsstücke, dann habe ich ihn erreicht und erkenne, was er in den Händen hält. Schlagartig bleibe ich stehen. Etwas Großes steckt in meinem Hals.
Cesare sieht mich an und im dämmrigen Schein der Lampe glänzen seine Augen. Sind das Tränen? Einen Moment scheinen wir beide nicht zu wissen, was wir sagen sollen.
Dann flüstert er rau: »Willst du es mit mir anschauen?«
Ich nicke, noch immer den Kloß im Hals. Dann lasse ich mich auf der breiten Armlehne des Sessels nieder und blicke auf das Fotoalbum auf Cesares Schoß.
Es ist das Familienalbum, das Aurelia unserem Vater vor fünf Jahren zum Geburtstag geschenkt hat. Sie hat darin alle möglichen Erinnerungen gesammelt – von gemeinsamen Urlauben, Schulfesten und Nachmittagen an unserem Pool. Am Anfang sind sogar einige Fotos unserer Mutter dabei, ehe sie schließlich einfach fehlt.
Ich stütze mich auf Cesares Schulter, während er schweigend und bedächtig immer weiterblättert. Mein Bruder beschwert sich nicht über das Gewicht, das ich ihm auflaste.
Bei einem Foto, das Nella und Papà zeigt, lachend auf unserer Terrasse, bleibt Cesare hängen und blättert nicht weiter. Ich höre, wie er tief ein- und ausatmet. Ich löse mich von seiner Schulter und beginne ihm sanft über den Rücken zu streichen. Ruckartig sieht er zu mir hoch.
»Leo.« Der Blick meines großen Bruders springt unruhig über mein Gesicht, aber seine Stimme ist fest. »Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich dich allein gelassen habe. Du hast Fragen und du hast mich gebraucht. Aber …«, er wischt sich über das Gesicht und sieht danach noch fertiger aus als zuvor, »es war einfach alles so viel in letzter Zeit, weißt du?«
Ich schlucke. Meine Wut hat sich längst in Luft aufgelöst, und stattdessen steigt etwas in mir auf, das neu ist. Angst um meine verbleibende Familie. Angst um meinen Bruder.
»Ich habe dich auch alleingelassen«, sage ich und spüre, wie wahr diese Worte sind. Natürlich gibt es auch noch Aurelia, aber die hat ihre eigene Familie. Cesare und ich – wir haben nur einander.
Aber die Fragen, die bleiben dennoch.
»Aurelia hat mich heute Morgen angerufen«, sage ich dumpf. »Die Ermittlungen sind eingestellt, hat sie gesagt. Hast du dafür gesorgt, dass die Mariani damit davonkommen?«
Cesare sieht auf das Fotoalbum und klappt es dann sanft zu, als könne er den Anblick von Nellas und Papàs Lachen nicht länger ertragen.
»Ich hatte keine andere Wahl. Ich schaffe es einfach nicht ohne unseren Vater. Ich kann uns nicht schützen.« Jetzt bin ich mir sicher, dass das Tränen sind, die in Cesares Augen glänzen. »Die Mariani … sie …« Fast scheint er würgen zu müssen, um die nächsten Worte herauszubekommen. »Sie haben gedroht, noch weiteren Familienmitgliedern etwas anzutun, wenn wir nicht kooperieren!«
Stille. Absolute Stille im Zimmer. Bis auf Cesares keuchenden Atem. Ich hingegen muss meine Lunge zwingen, sich wieder mit Luft zu füllen.
Als ich es endlich schaffe, zu sprechen, klingt meine Stimme tonlos: »Was wollen sie?«
Abermals fährt Cesare sich über das Gesicht.
»Ich weiß es nicht. Also nicht genau. Dass sie Papà ermordet haben, scheint Teil eines viel größeren Plans zu sein. Sie wollen an das Geschäft. Sie wollen Teile der Gruppo. Wenn wir Glück haben …«
»Dann gib es ihnen, damit all das endlich ein Ende hat! Wir kommen ohne klar.«
Mein Bruder starrt mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Du willst Papàs Lebenswerk aufgeben? Und außerdem … Das ist nicht so einfach. Wir stecken viel zu tief drin. Wir haben Verpflichtungen. Verträge. Mit sehr, sehr mächtigen Menschen. Du hast ja keine Ahnung.«
Jetzt wallt die Wut erneut in mir hoch. Ich springe vom Sessel auf.
»Ich habe keine Ahnung? Ja, dann denk mal scharf nach, woran das liegen könnte.«
Cesare hebt beschwichtigend die Hände. »Ich weiß. Papà wollte euch nur schützen.«
»Hat ja super geklappt.«
Cesare reibt sich über das Gesicht. »Hör zu. Wir können den Mariani nicht unser Business geben. Würdest du das wirklich wollen? Ihnen all diese Macht überlassen?«
Ich presse die Lippen aufeinander. Nein. Natürlich möchte ich das nicht. Den Mördern meiner Familie diesen Gefallen zu tun, ist das Letzte, was ich möchte.
Ich hole tief Luft. »Diese Drogen machen nicht süchtig, oder?«, vergewissere ich mich noch einmal.
Cesare zögert, aber schüttelt dann den Kopf. »Nein, es geht nicht darum, möglichst viele Leute abhängig zu machen. Es geht vielmehr darum, die Substanzen den Leuten zur Verfügung zu stellen, die andere beeinflussen wollen. Wahrnehmung, Wille und Erinnerungen. Das ist es, was die Drogen verändern können.«
»Und das alles nur kurzfristig?«
Mein Bruder zögert. »Meistens.«
»Was soll das heißen?«
»Wahrnehmung und Wille sind nur ein paar Minuten lang formbar, wenn die Droge eingenommen wurde. Die Veränderung der Erinnerung ist … langfristiger. Man kann auch da nur ein paar Minuten lang die Erinnerungen verändern. Aber diese Veränderungen bleiben in der Regel für immer.«
Wieder atme ich tief durch und versuche mich trotz des Alkohols zu sortieren. Das alles ist ein absoluter Mindfuck. Drogen, die dauerhaft die Erinnerung verändern können? Cazzo.
»Und die Mariani verkaufen dieselben Drogen?«, frage ich langsam.
Cesare nickt.
»Wollten sie dann mit dem Mord an Papà einfach nur einen Konkurrenten ausschalten?«
Cesare zuckt hilflos mit den Schultern. »Morgen habe ich ein Treffen mit ihnen. Dann weiß ich mehr.«
Abermals diese Stille. Doch diesmal wird sie ausgefüllt von dem Rauschen in meinen Ohren. »Du triffst dich mit Papàs und Nellas Mördern?«
Jetzt springt auch Cesare auf. »Ich musste auf das Treffen eingehen.« Er beginnt, vor mir auf und ab zu tigern. »Ich kann nicht riskieren, dass noch jemandem aus unserer Familie etwas passiert! Mir sind die Hände gebunden. Das Geschäft läuft nicht mehr so wie früher. Wir stehen schlechter da. Ich habe sogar schon ein paar Männer verloren und …«
Seine Stimme bricht und er wirkt, als würde es ihn alle Kraft kosten, aufrecht stehen zu bleiben.
Doch für Mitgefühl habe ich gerade keinen Raum. »Und warum glaubst du, dass sie dir morgen nichts antun werden?«, fauche ich.
»Leo, sie wissen ganz genau, in welcher Lage ich bin«, gibt er scharf zurück. »Tot nütze ich ihnen nichts.«
Ich starre ihn an. Die eigentliche Bedeutung der Worte schwingt zwischen uns in der Luft. Was Cesare sagt, ist im Grunde genommen, dass er zu schwach ist. Vielleicht haben die Mariani Papà umgebracht, weil er sich eben nicht auf einen Deal einlassen wollte? Bei Cesare sind sie dagegen sicher, dass er nach ihrem Willen handeln wird.
Plötzlich fühle ich nichts als Entschlossenheit. »Ich will mitkommen. Morgen. Ich will sie sehen. Die Mörder.«
»Nein.« Kopfschüttelnd kommt Cesare auf mich zu. »Auf keinen Fall. Papà hätte das nicht gewollt.«
Von allen Dingen, die Cesare hätte sagen können, ist das das absolute falscheste.
»Nein, Cesare. Jetzt hörst du mir mal gut zu. Das hat jetzt ein Ende! Dieses Spiel, das läuft schon viel zu lange. Ihr habt uns im Unwissen gelassen, mich und Nella, und Aurelia auch. Und was hat es uns bitte gebracht? Was hat es Nella gebracht? Sie ist trotzdem dafür gestorben! Und weißt du, was? Ich schulde es ihr, dass ich mich aus diesem ganzen beschissenen Drogengeschäft nicht weiter heraushalte! Genau deshalb hat sie es mir erzählt!«
Das Echo meiner Worte scheint noch immer durch den Raum zu hallen, als mein Bruder in sich zusammensackt. Als hätte ihn bei der Erwähnung von Nellas Namen jegliche Kraft verlassen.
Alles, was zuvor noch an Energie und Wut in meinem Körper war, verpufft einmal mehr. Ich stolpere auf meinen Bruder zu.
Einen Herzschlag später haben wir die Arme umeinandergeschlungen – und ich kann nicht sagen, wer sich auf wen stützt. Wir klammern uns fest wie zwei Ertrinkende. Und das sind wir. Ertrinkend in Trauer, die Welle um Welle über uns wäscht. Doch unsere Umklammerung gibt uns eine Gewissheit: Wir sind nicht allein. Trotz allem sind wir nicht allein. Was auch immer geschehen ist, was auch immer die Mariani wollen, es gibt ihn noch – diesen Rest unserer Familie, für den ich ausnahmslos alles tun würde.
Die Fehde zwischen den Mariani und den Scarselli ist äußerst blutig. Aber vielleicht können wir sie uns zunutze machen.
Notiz von Lavinia Paganelli, Leiterin des Konsortiums,10. März 2023
Ich starre aus dem Autofenster. Das ist sie also. Die Mauer, hinter der sich die Mörder meines Vaters und meiner Schwester verbergen. Eigentlich sieht sie recht unscheinbar aus. Efeubewachsen, mit ein paar Überwachungskameras. Aber das große schmiedeeiserne Tor, vor dem wir warten, lässt erahnen, dass sich dahinter ein Anwesen verbirgt, das in Sachen Luxus unserer Villa in nichts nachsteht. Dabei ist das laut meinem Bruder nur eine kleinere Immobilie der Mariani.
Ich hole tief Luft und atme aus. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Eleonora.
Ich sehe zu Cesare auf der anderen Seite der Rückbank. Er starrt geradeaus, über Gianlucas Schulter durch die Windschutzscheibe, hin zu dem schwarzen Tor, das sich jetzt in Bewegung setzt. Mit jedem Zentimeter, mit dem sich das Tor weiter öffnet, scheint mehr Sauerstoff aus dem Wageninneren zu entweichen.
Gianluca trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad. Dann lässt er die Limousine langsam vorwärtsrollen. Weg von der gewundenen Straße, die uns diesen Hügel in der Nähe Roms hinaufgeführt hat, hin zu der zweistöckigen Villa.
Ich bereue meine Entscheidung, Cesare zu begleiten, nicht, kein bisschen. Aber das bedeutet nicht, dass ich neben meiner Entschlossenheit nicht auch Angst hätte. Was, wenn ich die Nerven verliere? Was, wenn das alles eine total bescheuerte Idee ist? Was, wenn der Alkohol von letzter Nacht doch noch seinen Tribut fordert und ich den Mariani vor Anspannung einfach vor die Füße kotze? Verdient hätten sie es. Das und noch so vieles mehr …
»Wenn wir drinnen sind, halt dich bitte im Hintergrund, Leo«, durchschneidet mein Bruder meine Gedanken. »Lass mich das regeln.«
Ich betrachte ihn. Einer der Muskeln an seiner Wange zuckt.
»Mach dir keine Sorgen. Ich werde mich benehmen.«
Für eine Sekunde sieht er mich an und verzieht sein Gesicht zu etwas, das wohl ein Lächeln sein soll. In diesem Moment bremst Gianluca und wir halten auf dem Wendekreis, der von getrimmten Beeten umfasst ist. Ein paar Stufen führen hinauf zum Eingang des Anwesens.
Was genau ist dein Plan?, höre ich eine Stimme in mir flüstern, die mal wieder verdächtig nach Nella klingt.
Ich habe keinen Plan. Mir ist nur klar, dass ich sie sehen will. Die Mörder. Und dass ich Cesare nicht alleinlasse.
Ich fahre mir mit der Zunge über die trockenen Lippen, tue es den Männern gleich und schnalle mich ab. Nach Orangenblüten und Rosmarin duftende Frühlingsluft weht in das Innere des Wagens, als Gianluca meine Tür öffnet. Und gerade, als ich hinaustrete auf den Schotter, geht ein paar Meter über mir die doppelflügelige Haustür auf.
Ich halte die Luft an, doch es ist nicht Silvano Mariani, der im hohen Türrahmen des Portals auftaucht. Stattdessen sind es zwei schwarz gekleidete Muskelpakete, die mit grimmigen Mienen die Stufen zu uns hinuntersteigen.
Der eine beginnt, meinen Bruder abzutasten, der andere Gianluca.
Als ich an der Reihe bin, sehe ich zu Cesare. Und wer garantiert uns, dass die Mariani keine Waffen haben? Das ist es, was ich ihn fragen will, aber Cesare hat den versteinerten Blick nur auf das Anwesen gerichtet. Wenn mir die Machtverhältnisse bei diesen Verhandlungen nicht schon zuvor klar waren, so sind sie es jetzt.
Zum Glück weiß das Muskelpaket Effizienz zu schätzen, denn bereits eine Sekunde später löst er seine Pranken von meinem Kleid, überprüft meine Handtasche und nickt dann seinem Kollegen zu.
»Don Silvano wartet«, brummt der und geht auf die Eingangstür zu. Don Silvano. Natürlich. Auch ein paar unserer Männer haben meinen Vater mit Don angesprochen.
Mit so sicherem Gang wie möglich steige ich die Treppenstufen empor, doch als ich die oberste erreicht habe, versagen mir meine Beine für einen Moment den Dienst und ich bleibe abrupt stehen. Eine Silhouette ist im Portal aufgetaucht – und diese Gestalt kenne ich nur zu gut. Habe sie oft genug in den letzten Wochen in meinen Albträumen gesehen. Der Mann mit dem silbergrauen Haar, mit den lang gezogenen Zügen und der ledernen Haut: Silvano Mariani.
Obwohl ich auf seinen Anblick vorbereitet war, schwillt sofort das vertraute Rauschen in meinem Kopf an.
»Cesare! Eleonora! Willkommen!«, höre ich ihn wie von weit weg.
Er breitet die Arme aus und lächelt, als wäre er ernsthaft erfreut, uns zu sehen. Jeder Winkel seines Gesichts sticht auf mich ein wie Tausende Nadeln. Ich weiß noch ganz genau, wie ich es in unserem Garten gesehen habe – kurz bevor Nella und mein Vater starben.
Cesare und er reichen sich die Hände und mein Magen rebelliert. Vielleicht hat Silvano nicht selbst die Schüsse abgefeuert, aber es waren seine Männer, die es getan haben. Diese ganze verdammte Familie, deren Haus wir im Begriff sind zu betreten, trägt das Blut von meiner Schwester und meinem Vater an ihren Händen. Ich kann es förmlich von den langen, sonnengebräunten Fingern tropfen sehen, als Silvano auf mich zukommt und sie mir entgegenstreckt.
Eine Feuerwand der Wut walzt alles in mir nieder. Ich trete die letzte Stufe zu ihm empor und sehe dem Mann ins Gesicht. Doch ich mache keine Anstalten, seine Hand zu schütteln. Stille legt sich über uns wie eine schwere Decke, nur das Rufen eines Vogels ist zu hören. Langsam, ganz langsam zieht Silvano Mariani eine Augenbraue nach oben, dann lässt er die Hand sinken. Auf seinem Gesicht erscheint ein amüsiertes Lächeln. »Tja, das kann man dir wohl nicht übel nehmen.«
