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"Büro" ist ein satirischer Roman mit viel Witz und Humor über die Absurditäten des Wirtschaftslebens. Eine Personalerin schildert ihren Arbeitsalltag in einem internationalen Konzern mit überflüssigen Meetings, skurrilen Bewerbungen, phantasiereichen Management-Methoden und männlichen Ränkespielen. Den Rahmen der Geschichte bildet die Suche der Protagonistin nach ihrer persönlichen Berufung.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Heute ist mein erster Arbeitstag bei der Telemobile AG. Das neue Kostüm, das ich mir für den Neustart gekauft hatte, ist mir so ungewohnt wie mir der neue Job fremd ist: Was wird mich erwarten? Einerseits bin ich erleichtert, so rasch wieder einen neuen Arbeitsplatz gefunden zu haben. Andererseits hatte ich gar keine Zeit, mir Gedanken zu machen, was ich wirklich will.
Die Wirtschaftslage ist schlecht. Und ich habe ausgerechnet in diesen Krisenzeiten eine betriebsbedingte Kündigung erhalten.
„Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage sieht sich die Unternehmensleitung gezwungen, Stellen abzubauen“, las ich in dem Kündigungsschreiben, „so auch im Bereich Personalwesen (...)“.
Es hatte mich nicht überrascht. Wenn man im Personalwesen arbeitet, dann weiß man als Erstes im Unternehmen, was auf einen zukommt - positiv wie negativ: Da sind die Verhandlungen mit dem Betriebsrat, die Sozialauswahl, die Stellen, auf die man am ehesten verzichten kann. Und man kennt genau die Pappenheimer im Unternehmen, die man loswerden will - und mit Verhandlungsgeschick auch loswird.
Deswegen traf es mich persönlich, dass in der Personalabteilung ausgerechnet ich die betriebsbedingte Kündigung erhielt. Laut Sozialauswahl wäre ich nicht an der Reihe gewesen. Deswegen suchte ich auch das offene Gespräch mit meinem Vorgesetzten, aber erst einen Tag später. Als er mir das Kündigungsschreiben übergeben hatte, konnte ich nicht viel sagen. Der Kloß in meinem Hals war zu groß. Ich nahm den Brief, packte wortlos meine Sachen und fuhr direkt nach Hause. Am nächsten Tag, zurück im Büro, rief ich Harald, meinen Chef, direkt an.
„Marie, klar spreche ich mit dir. Wann immer du willst. Jetzt?“
Irgendwie tat mir Harald leid, dass er diese Entscheidungen treffen musste und jetzt auch noch das Gespräch mit mir führen wollte. Es war ihm sicherlich schwergefallen, mir das zu sagen, dachte ich. Um ihm das Gespräch mit mir zu erleichtern, blieb ich also ganz cool und gefasst.
Also ging ich zu seinem Büro und klopfte an die Tür. Er bat mich herein, machte die Tür zu und bot mir Kaffee an.
„Na, Mädel?“
Ich musste schlucken und senkte den Kopf.
„Hej“, er reichte mir ein Taschentuch.
„Warum ich“, brachte ich mit erstickter Stimme heraus. Soviel zum Thema „cool und gefasst“.
„Ich habe mich entschieden, dass Du es bist, der unser Team verlässt. Zusammen mit zwei anderen Kolleginnen.“ Er machte eine Pause. Es fiel ihm sichtlich nicht leicht, aber er war professionell genug, das auszuhalten.
„Zum einen benötigen wir in der derzeitigen Lage die Stelle in der Personalentwicklung nicht mehr, da alle Maßnahmen bis auf weiteres gestrichen werden. Die Aufgaben, die übrig bleiben, werde ich auf die anderen Referenten verteilen.
Das andere ist aber das entscheidendere Thema für mich. Du hast eine hohe soziale Kompetenz und bist derjenige, der unser Personal-Team zusammenhält und immer für gute Laune sorgt. Das ist eindeutig deine Stärke. Der Gegenpol zu dieser Stärke ist deine mangelnde Dominanz und Machtausprägung.“
Ich schluckte und Harald fuhr fort.
„Ich muss sehen, wie ich hier die Restrukturierung organisiere und das Team entsprechend aufstelle. Wir werden sehr viel mehr Arbeit haben und das mit 2/3 der Mannschaft. Ich brauche jetzt Mitarbeiter, die sicher Entscheidungen treffen und diese auch verteidigen können: vor mir, der Geschäftsleitung, dem Betriebsrat, vor externen Anwälten, dem Arbeitsamt oder Arbeitsgericht. Nur so kommen wir weiter. Ich muss mich fachlich mit jemandem auseinandersetzen können, um zum Schluss eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Es gibt nicht das Richtige und das Falsche. Du hast nur ein einziges Mal um deinen Standpunkt gekämpft. Vor einigen Wochen, als es um die Entlassung deiner Trainee-Truppe ging. Da bist du auf die Barrikaden gegangen wie eine Löwin.“
„Aber das war ja auch ziemlich ernst“, gab ich zu Bedenken.
„Wie ernst muss es denn für dich noch werden, dass du deinen Standpunkt vertrittst? Ich gebe dir die Kündigung und du bist verständnisvoll wie ein Lamm.“
„Was soll ich denn tun? Dir sagen, dass du lieber meine Kollegen und Kolleginnen kündigen sollst? Oder dass ich fachlich eine Granate bin und du den Fehler deines Lebens machst?“
„Zum Beispiel.“
„Harald, ich kann das nicht.“
„Marie, du bist fachlich genauso gut wie die anderen. Bleibe bei dir. Spreche für dich. Verteidige deine Sicht. Du bist ein wunderbarer Mensch, der sich immer in die anderen hineindenkt. Mit Sicherheit bist du in dieses Gespräch gegangen und hast auch noch daran gedacht, dass ich mich nicht gut fühlen werde dabei und wie du es mir erleichtern kannst. Stimmt es?“
Ich musste grinsen.
„Du bist fachlich genauso gut wie die anderen, nur vertrittst du deinen Standpunkt nicht genauso.“
„Das heißt: Meine Äpfel, Birnen und Trauben sind genauso gut wie die der anderen, nur ich schreie nicht laut genug auf dem Markt?“
Harald schmunzelte.
“Na, ja“, sagte er, „so ähnlich ist es schon.“
„Und ich dachte immer mein Obst sei nicht so appetitlich, so saftig, so süß. Nun, jetzt ist es auf alle Fälle Fallobst, und ich kann es auf den Kompost werfen“.
Mist, jetzt kamen mir doch noch die Tränen.
„Na, na“, beschwichtigte Harald, „so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Schau, Gold-Marie, ich habe letzte Woche einen Kollegen von mir bei einem Personaler-Kongress getroffen. Der sucht dringend jemanden. Vom Typ her könnte das ganz gut passen. Ist auch hier in der Stadt. Ich brauche dich zwar noch dringend, würde dich aber natürlich sofort aus dem Vertrag entlassen, wenn du da eine Chance bekommst.“
Harald sieht mich an.
„Du mieser Typ“, sage ich und lächle ihn an, „danke!“.
Da denke ich jahrelang, ich sei nicht gut genug und ich müsse besser werden und irgendwann merken die schon noch, dass ich gar nichts kann. Und dann sagt man mir, dass ich gut bin. Nur ich allein wäre anderer Ansicht und deswegen könne man mich nicht behalten.
Das war schon im Kindergarten so, erinnere ich mich. Wenn wir ein Bild malen mussten, dann rafften alle anderen Kinder die bunten Stifte an sich. Nur die braunen blieben immer übrig. Meine künstlerisch angehauchte Mutter deutete es als die „braune Phase“.
„Scheiß Phase“, murmelte ich auf dem Weg zurück in mein Büro.
Meinen Standpunkt verteidigen. Für was denn?? Ob man bei der neuen Bonusformel den Faktor vor oder hinter die Klammer setzt? Ob die Firmenwagenrichtlinie für Bulgarien an Moldawien oder Weißrussland angeglichen werden soll? Ob meine Organigramme blau, orange, grün oder gelb eingefärbt werden sollen oder wir lieber alles in Schwarzweiß behalten?
Klar habe ich für meine Trainees gekämpft, wenn auch vergeblich. Bis zum Geschäftsführer bin ich gestapft, über Haralds Kopf hinweg. So wütend war ich. Aber da ging es um etwas, nämlich um die Zukunft von jungen Menschen. Und um Gerechtigkeit und die Sinnlosigkeit, diese Investition zu opfern, wenn die Geschäftsleitung denn an den Fortbestand des Unternehmens glaubte.
Und da gehe ich nun meiner neuen Zukunft entgegen, die so beginnt, wie die Vergangenheit geendet hat. Mir fällt aber auch nichts Besseres ein, womit ich meine Miete und mein warmes Wasser bezahlen könnte am Ende des Monats. Die Position klang interessant: Personalarbeit in einem internationalen, modernen Telekommunikationsunternehmen.
„International“ bedeutet: Wir bekommen nicht die benötigten Qualifikationen in Deutschland und müssen z.B. Mitarbeitende im Ausland rekrutieren. „Arbeit“ heißt, vermutlich gibt es kreative Wege ohne Aufenthaltstitel und Arbeitsgenehmigung ins Land zu kommen, denn, der Fachvorgesetzte denkt im Beschaffungsprozess nicht an diese administrativen Petitessen. Herr Sharma kommt also nicht legal ins Land mit einer in unserem Sinne Klein-Familie, sondern bringt seine gesamte Sippe mit (hier kommt das „international“ wieder ins Spiel). Meine Arbeit besteht dann darin, für die Großmutter, die ohne Reisepass im Schrankkoffer die Willkommenskultur in Deutschland verpasst hat und die nach nur wenigen Wochen Aufenthalt entdeckt wird, eine Lösung zu finden. Natürlich ist der Mitarbeiter unverzichtbar, darf nicht wieder ausreisen, um dann ganz legal nach Deutschland mit Oma zurückzukommen - das dauert viel zu lange und die Zeit haben wir nicht in unserem schnellen Geschäft. Da wäre ich dann beim Punkt „Personal“, denn die Personalabteilung ist immer an allem schuld, da das Unternehmen aus Personal besteht und alle Probleme, auch die technischen, vom Personal verursacht oder behoben werden können. Und wer ist für das Personal zuständig? Die Vorgesetzten? Falsch! Natürlich die Personalabteilung. Sonst würde sie nicht so heißen.
Das Gespräch mit dem Personaler lief gut - ein älterer Herr, Dr. Künzel, der etwas sehr Väterliches an sich hatte. Als er sich vorstellte, sagte er, er sei verantwortlich für „Personal, Soziales und Scheiß“, da die Personaler alle Aufgaben im Unternehmen abbekämen, die sonst keiner haben wollte. Er erzählte mir viele Geschichten aus seinem Berufsalltag, die mir vertraut vorkamen. Zum Schluss des Gesprächs, zu dem ich nur meinen Namen beitragen konnte, drückte er mir einen Vertrag in die Hand.
Das Besondere an diesem Unternehmen ist die Zusammensetzung der Belegschaft. Denn aufgrund der wechselvollen Geschichte der Telemobile AG gibt es noch jede Menge konservative Konzernmitarbeiter, die ca. 120 Jahre Betriebszugehörigkeit haben, mit einem Diener begrüßt werden wollen und deren Sekretärin noch zum Kaffebrühen und Nagelfeilen eingestellt wurde.
Was soll’s. Hauptsache wieder in Lohn und Brot. Die Zeiten sind nicht so gut, um sich selbst zu verwirklichen. Wobei die Verwirklichung voraussetzt, dass man weiß, was man verwirklichen will. Aber soweit bin ich noch nicht.
In meine Gedanken versunken, habe ich die kurze Fahrt mit der Straßenbahn und die paar Meter Fußweg zurückgelegt und stehe vor dem riesigen Gebäude, das mich für die nächsten Jahre schluckt, meine Kraft, meine Nerven aus mir saugt und meine leere, adrett kostümierte Hülle dann wieder irgendwann ausspucken wird.
Mit Mühe schaffe ich es, die eisenschwere Drehtür in Bewegung zu setzen, um mich ins Foyer schieben zu lassen, wo mich eine Woge wild und einarmig gestikulierender Italiener, jeder mit seinem Mobiltelefon am Ohr, erfasst.
„Pronto, ciao, bello!“
„Mille, grazie. Luigi, dove sei?“
„Neben dische, meine Freunde“, und da fallen sie sich um den Hals. Freudig begrüßt sich auch der Rest und alle klappen die bunt schillernden Geräte zusammen.
„Ische abe dische gar nixe bemerkte. Seit wanne bist du da? Ach, mit de gleiche Maschin. Hahaha!“
Das sind ja Helden! Telefonieren miteinander und merken nicht, dass sie zur selben Reisegruppe gehören.
In einer Ecke führt jemand ein Selbstgespräch, zig Fernseher laufen, Frauen stöckeln durch die Halle, alle mit einem kleinen Kopfhörer im Ohr, zwei Männer küssen sich in einer etwas dunkleren Ecke. Na, ja. Das kann ja heiter werden, denke ich.
Mühsam bahne ich mir meinen Weg durch eine Menge Japaner, die mit ihren Telefonen die Portiers hinter der Empfangstheke knipsen.
Grau gewandet, mit mürrischem Gesichtsausdruck, sitzen die wie die Bulldoggen hinter dem neongrünen Tresen.
„Two beer, please“, ordert ein Engländer, von der Seite kommend und am frühen Morgen schon sichtlich angeheitert, will sich aufstützen, rutscht ab und liegt mir zu Füssen. Tapfer steige ich über ihn hinweg und versuche ein Lächeln, das an der Fassade der beiden Herren vom Empfang abperlt und Flecken auf deren lila Krawatten hinterlässt.
„Guten Morgen! Mein Name ist Marie Klein. Ich möchte bitte zu Herrn Dr. Künzel.“
Keine Reaktion.
Ich wiederhole meinen Satz erneut. Jetzt ein bisschen lauter.
„Guten Morgen! Mein Name ist Marie Klein. Ich möchte bitte zu Herrn Dr. Künzel.“
Die bewegen sich nicht mal. Mist.
„Hello! Do you speak English? My name is Marie Klein. I want to meet Mr Künzel.“
Stille. Ich werde langsam etwas nervös. Ob die echt sind? Gerade als ich meinen Finger ausstrecke, um zu fühlen, ob ich doch nur im Wachsfigurenkabinett gelandet bin, sagt der eine:
„Du, die will was.“
Der andere schaut erst den anderen an, dann mich:
„Dr. Künzel ham wer nicht. Der ist letzte Woche verstorben.“
„Oh“, entfährt es mir und in Sekundenschnelle läuft ein Film ab von „hurra, ich muss doch nicht in dem Laden arbeiten“ bis zu „darf ich vorstellen? Marie Klein ist unsere neue Personalleiterin nach dem Ableben von Herrn Dr. Künzel“.
Das brummige Lachen des Pförtner-Duos reißt mich aus meinen Tagträumen.
„War nur Spaß! Nehmen sie den Aufzug und dann in den vierten Stock. Sie werden dort erwartet.“
„Danke.“
„Macht 5 Euro!“
Ich lächle schief und komme mir sehr dämlich vor.
„Ziehen wir Ihnen vom ersten Gehalt ab. Wir sind nämlich ein ‚Brofitt Zzzenter‘“, sagt der andere Pförtner und deutet auf die Preistafel neben ihm, die in 23 Sprachen verfasst ist.
„Auskünfte aller Art: 5 Euro; keine Kartenzahlung.“
„Ah, ja“, ich wende mich schnell ab, bevor ich mein gesamtes erstes Monatsgehalt an die beiden loswerde.
Kaum öffnet sich der Aufzug, drückt schon ein Mitreisender auf den Knopf zur Schließung der Tür. Ich rette mich mit einem Satz in das Innere. Nur der Zipfel meines Rockes schafft es nicht mehr ganz, und ich muss eng mit dem Rücken zur Tür stehen und setze so die Fahrt fort. Bereits beim ersten Stockwerk steigen weitere Leute zu und zwei aus, so dass ich mich befreien kann.
Der Aufzug hat mittlerweile seine volle Raumkapazität ausgeschöpft und es fallen die ersten Sauerstoffmasken aus der Decke, die jeder eilig an sich zieht.
Etwas kurzatmig, und froh, einen Kurs in Selbstverteidigung belegt zu haben, entkomme ich im 4. Stock, wo mich Frau Fischer, die Sekretärin von Herrn Dr. Künzel, empfängt.
Wie wohl das tut, ein vertrautes Gesicht zu sehen. Ich hatte die Dame bereits beim ersten Vorstellungsgespräch als sehr mütterlich und fürsorglich in Erinnerung.
„Na, wie geht es Ihnen an ihrem ersten Tag“, sagt sie herzlich.
„Sehr turbulent, hier!“
„Ach, vor Weihnachten ist es immer besonders hektisch! Das legt sich ab Januar wieder ein wenig, sie werden sehen!“
Sie legt mir ihren Arm um die Schulter und schiebt mich durch die langen Korridore. Dabei spüre ich ihre große Brust an meinem Arm, was ich etwas befremdlich finde.
„Danke, geht schon“, sage ich und entwinde mich der intimen Führung.
Sie lächelt mich an und öffnet die Tür zu meinem neuen Büro.
„Legen Sie erst mal ab. Herr Dr. Künzel kommt gleich. Ich werde inzwischen den letzten Bewerber nach unten begleiten.“
Ich spähe ihr nach. Ein großer, glatzköpfiger Typ in einer karierten Burlington- Hose verabschiedet sich gerade lautstark. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, schreitet er, Frau Fischer voran, den Flur entlang.
Ich lege meinen Mantel ab und mache mich mit meinem neuen Arbeitsplatz vertraut. Meine Vorgängerin hat ein ziemliches Chaos in den Schubladen und Schränken hinterlassen.
Ich habe bereits meinen Papierkorb mit unbrauchbarem Material gefüllt und ordne die Unterlagen im Schrank, als mich ein „Willkommen“, erschrocken herumfahren lässt.
Pierce Brosnan steht vor mir: britisch, cool, sexy.
„Mein Vater ist leider letzte Woche verstorben, so dass ich aus dem Ausland zurückgekehrt bin, um seine Position kommissarisch zu übernehmen.“
„Mein Beileid“, stammle ich verwirrt, blase mir eine Staubflocke von der Nasenspitze und gebe ihm meine Hand.
„Ich hoffe, das wird nichts an ihrem Entschluss ändern, für uns zu arbeiten. Wollen wir uns gleich zusammensetzen, damit ich ihnen eine kurze Einführung geben kann?“
Für die nächsten Stunden sitze ich mit ihm zusammen in seinem Büro und wir gehen die einzelnen Geschäftsbereiche, Prozesse, Leitlinien und wichtigen Projekte durch, die auf mich warten werden.
„Es ist eine interessante Unternehmung. Die größte organisatorische Herausforderung stellt die Integration der verschiedensten Kulturen mit der hiesigen traditionell deutsch geprägten Unternehmensorganisation dar. Da entsteht so mancher Irrsinn, der das äußerst kreative Umfeld und die herausfordernde Vision der Unternehmensstrategie widerspiegelt. Ein Zeichen der Schnelligkeit, mit der wir uns hier durch das Telekommunikations-All bewegen. Wollen wir uns duzen? Ich heiße Maximilian.“
„Marie“, ich nicke und gebe ihm meine Hand.
„Ich, weiß“, erwidert er und hält meine Hand für den Bruchteil einer Sekunde zu lange in der seinen. Ich habe Mühe seinen Ausführungen zu folgen, wobei ich nicht sicher bin, ob das an den von ihm kreativ angewandten grammatikalischen Regeln liegt oder ob es diese blauen Augen sind, die ...
Meine Gedanken bleiben Aphorismen und ab dem Moment, da ich sein Büro an diesem ersten Tag verlasse, werde ich in einen Strudel von Aufgaben gerissen und beginne um mein nacktes Überleben zu kämpfen.
Wer bin ich? Diese Frage beschäftigt mich, seit ich ein kleines Mädchen war. Ich habe bis zu meinem heutigen 35. Lebensjahr darauf immer noch keine Antwort gefunden. Ich stehe nackt vor dem großen Spiegel in meiner Diele und betrachte mich. Meine durchschnittliche Figur, Konfektionsgröße 38, meine durchschnittlichen Brüste, 75C, mein durchschnittlich hübsches Gesicht mit den grau-grünen Augen und mein dunkles, gelocktes schulterlanges Haar. Mein Vater ist letztes Jahr verstorben. Mit 62 Jahren. Erst da ist mir aufgefallen, dass das Leben endlich ist. Ich habe mich immer gefühlt wie am Anfang der großen Ferien: Zeit, unendlich viel Zeit und das Ende der Ferien in weiter, weiter Ferne. Ich habe Jahre vertrödelt, ohne zu wissen, was ich eigentlich von diesem Leben will. Es ist ja so lang, dieses Leben. Ist es nicht.
