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"Himmelblau, wie er nur im Sommer sein kann, wölbt sich der Horizont über der in der Mittagshitze flirrenden Silhouette der Stadt." So beginnt der vorliegende Roman. Schwungvoll erzählt, mit viel Witz für Situationskomik wird die Geschichte einer dreißigjährigen Frau, die lernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie bewältigt Startschwierigkeiten in ihrem ersten Job nach der Universität, gewinnt eine neue, positive Einstellung zu sich selbst, und ihre bis dato erfolglos verlaufene Partnersuche scheint zu einem glücklichen Ende zu kommen. Katharina Kaufmann sammelt ihre ersten Berufserfahrungen in einer Personalberatung. Um eigenverantwortlich ihre Projekte zu bearbeiten, fehlt ihr das Selbstvertrauen, und so klammert sie sich an eine Kollegin, die es versteht, sie für sich zu benutzen. Katharina ist unglücklich in ihrer Tätigkeit, die sie nicht genug fordert. Durch Zufall entwickelt sie eine kreative Geschäftsidee, die sie weiterverfolgt: Sie gründet eine Partnervermittlung, die wie eine Personalberatung funktioniert. Ihre eigene Firma betreibt sie parallel zu ihrer Festanstellung, bis die ganze Sache auffliegt. Doch Katharina nutzt die Gunst der Stunde und verwandelt diese Niederlage in einen Sieg: Sie konzentriert sich auf ihre Selbstständigkeit und genießt endlich den lange vermissten geschäftlichen Erfolg. Aber nicht nur beruflich läuft zunächst nicht alles nach Wunsch. Ihre Freundin Yvonne verkörpert all das, was sich auch Katharina wünscht und nicht zu haben glaubt: äußere Attraktivität, Erfolg im Beruf, Beliebtheit und viele Verehrer. Katharina hat hingegen mit einer beginnenden Bulimie zu kämpfen. Je erfolgreicher Yvonne zu sein scheint, desto unglücklicher verstrickt sich Katharina in ihren Teufelskreis: Sie isst, um zu vergessen, wie wenig sie den Erwartungen an sich selbst entspricht, nimmt dadurch zu und fühlt sich anschließend noch schlechter. Erst als sie den Mut hat, eine Ernährungsberaterin aufzusuchen, findet sie einen Weg aus dem Dschungel ihrer Depression.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Himmelblau, wie er nur im Sommer sein kann, wölbt sich der Horizont über der in der Mittagshitze flirrenden Silhouette der Stadt. Der Lärm eines geschäftigen Vormittags schwappt über den Fluß, der die Stadt in sanften Schwüngen teilt. Diesseits liegen ausgedehnte Wiesen, die sanft zu einem Sandstrand abfallen. Alte Bäume spenden Schatten, in der Ferne ist ein Schäfer mit seiner Herde zu sehen. Eine Idylle! Hier und da haben sich Sonnenanbeter niedergelassen, um das Wetter zu genießen.
Ein irisierender goldener Punkt zieht den Blick des Betrachters auf sich. Eine blonde Lockenmähne, die das Sonnenlicht einfängt und zurückwirft, scheinbar lockende Signale sendend. Ein Leuchtturm, der Schiffen den Weg durch die Nacht weist. Yvonne, so der Name des verheißungsvollen Geschöpfes, wärmt ihren makellosen Körper, der notdürftig an den delikatesten Stellen bedeckt ist. Genüßlich wie eine Katze streckt sie ihre Muskeln. Sie trainiert jeden Tag im Studio. Dort kann sie sich in den Spiegeln aus allen Himmelsrichtungen betrachten, wenn ihre schmalen Hüften zu den Rhythmen aus dem Ghettoblaster schwingen. »Und hoch, links, seit und dreh!« Ihre Mähne fliegt, Schweißperlen auf ihrem Rücken. Das knappe Trikot betont, was keiner Betonung mehr bedarf. Das Leben meint es gut mit ihr. Sie hat es sich verdient. Sie ist jung, schön, erfolgreich und begehrt.
Der träge Tag wird von Beethovens »Für Elise« jäh durchschnitten. Eine Gucci-Tasche klingelt.
»Hallo? Ich liege am Rhein. Wo bist du? (…) In K.? Phantastisch. Du, ich muß aber um drei Uhr bei Mel sein, und abends sind wir dann bei Thomas auf der Fete. (…) Ja, O. K.! Bis dann! Ciao!«
Die wohlgeformten Rundungen erheben sich zu ihrer vollen Länge von 1,75 m, die knackigen Shorts schmiegen sich an wie eine zweite Haut und das überaus knapp bemessene Oberteil, das einen breiten Streifen samtgoldene Haut süße Versprechungen flüstern läßt, scheint vor praller Freude zu jauchzen, solche Formen zu umspannen.
Da taucht ein Schatten auf. Der Schatten ist ebenfalls weiblich. »Hey, Yvonne!«
»Hey, Katharina! Wie isses?«
»Geht so. Meine Kollegin hat im Gegensatz zu mir eine zweistellige prozentuale Gehaltserhöhung erhalten. Gerd, den ich vor sechs Wochen kennengelernt habe, will nach Spanien, um seine Ex zu sehen, ich habe drei Kilogramm zugenommen, und nächste Woche kommen meine Eltern übers Wochenende. Mein Konto ist in den Miesen, und ich habe Pickel. Jetzt scheint zu allem Überfluß auch noch die Sonne, und alle Welt feiert Partys.«
»Oh, tut mir leid. Du, ich muß los, Maximilian wartet auf mich im ›Lover’s One‹, und ich muß mir heute noch den Fummel für die Fete bei Thomas kaufen. Dein Schwarm, Gerd, kommt auch. Was machst du heute noch?«
»Ich habe noch nichts Bestimmtes vor …«
»Na, wie auch immer, mach’s gut. Ciao!«
»Ciao!«
Yvonne schnallt sich ihre Rollerblades an, die ihre Beine noch mal um 50 cm verlängern, und setzt sich geschmeidig und elegant in Bewegung. Zwei coole Typen, die ihr entgegenbladen, drehen sich um, stolpern und liegen flach. Von ferne kann Katharina noch das glockenhelle Lachen der davonschwingenden Schönen vernehmen.
Ich bin der Schatten. Ich wäre gerne die Sonne, so wie Yvonne. Mein schwerer Körper plumpst auf die Matte, die ich vor mir ausgerollt habe.
Ich hasse schönes Wetter. Da laufen dann nur noch Yvonnes und Gerds und Thomas’ die Rheinuferpromenade auf und ab. Braun geröstete Körper, die den ganzen Tag Spaß haben. Die Cola-Werbung wurde wahrscheinlich hier erfunden. Meine Jeans ist nicht nur zu eng, sondern auch zu warm. Ab jetzt wird alles anders – ich esse nichts mehr, treibe nur noch Sport, und dann …
Es ist Montag. Ich langweile mich. Mein Büro ist 30 m2groß: Telefon auf Edelschreibtisch, der Hoppenstedt – die Bibel für den Personalberater: alle Großunternehmen Deutschlands sind dort in Zahlen, Namen und Fakten gelistet – aufgeschlagen, daneben ein Stapel Kopierpapier, Schere, Kleber: Wir basteln fürs Christkind – ich schneide für meine Kollegin Frau Ziesenberg Firmenbeschreibungen der Automobilzulieferindustrie aus.
Für diese anspruchsvolle Aufgabe habe ich mich durch die Uni gequält. Das Mayer-Fischer-Theorem der Finanzwirtschaft hat mich ein Vermögen an Chips und Süßigkeiten gekostet, und mindestens zehn Kilogramm Schokolade habe ich den Geheimnissen der Kostenstellen- und Kostenartenrechnung geopfert. Vor den Prüfungen sah meine Lerngruppe wie eine Horde pubertierender 15jähriger aus: blaß, picklig und aufgedunsen von dem ganzen ungesunden Zeug.
Hätte ich geahnt, daß man im wirklichen Leben weder das Mayer-Fischer-Theorem kennt noch ich jemals in die Nähe einer Kostenart gelangen würde, hätte ich Sport getrieben und Karottensaft getrunken und wäre jetzt in einer Superform. Scheiße! Immer gehöre ich zu den Verlierern. Was ich auch mache, ist falsch!
Ich habe es nicht anders verdient! Ein Wellensittich hat wenigstens noch einen Spiegel in seinem Käfig, und ich hocke alleine hier und klebe.
Allerdings ist das immerhin noch besser, als bei Frau Ziesenberg zu sitzen und ihr beim Telefonieren zuzuhören. Dadurch soll ich lernen, wie ich am besten die Organisationsstruktur in Unternehmen und ensprechende Namen von Kandidaten identifizieren kann, die per Direktansprache dann für andere Unternehmen und Positionen abgeworben werden.
Frau Ziesenberg ist eine Koryphäe auf diesem Gebiet, und sie lehrt mich die hohe Kunst des Headhuntings. Wenn ich also nicht schneide und klebe, sitze ich bei ihr und höre zu, wie sie mit geschickten Undercover-Storys Informationen beschafft. Schon toll, wie sie mir so ihre Tricks verrät. Ganz selbstlos. Ja, auch ich habe ein bißchen Glück gehabt – nie hätte ich vermutet, mal in so einem elitären Kreis tätig zu sein …
Ich habe nach dem Studium in einer Personalberatung begonnen. Es ist die Personalberatung in Deutschland, sagt mein Chef. Der muß es wissen. Schließlich gehört ihm der Laden. Sonst kennt ihn kaum jemand in meinem Bekanntenkreis, aber das will nichts heißen. Schließlich sprechen die hier nur mit Mitgliedern der Familien Thyssen, Krupp oder von und zu Hohenauberg etc. – und ich mittendrin!
Kostümiert und mit Seidenstrümpfen. Sommers wie winters. Es ist sommers, und die Strümpfe kratzen. Meine Strümpfe sehen nur mein Chef und meine fünf Kolleg(inn)en sowie der Glöckner von Notredame, unsere Putzfrau. Eigentlich heißt sie Frau Glock, aber alle nennen sie nur den Glöckner. Sie ist klein, gedrungen und hat einen Buckel.
Wenn ich aus dem Fenster sehe – mein Peep-Show-Fenster, ich sitze parterre – dann sehe ich ›Michalke‹ auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Michalke ist ein Familienbetrieb. Elektroeinzelhandel. Es gibt Herrn und Frau Michalke, zusammen etwa 190 Jahre alt, einen Verkäufer mit traurigen Augen, eine Verkäuferin mit Dauerwelle, Faltenrock und weißen Söckchen mit Rüschen, einen Kundendiensttechniker im weißen Kittel und einen Azubi. Bei Michalke bekommt man noch original verpackte LPs von Goldkehlchen wie Heino oder Rex Gildo. Wenn ich in den Laden gehe, komme ich mir vor, als würde ich in eine Familienserie aus den Sechzigern treten. Nur in Farbe.
Dank Michalke weiß ich, welche Jahreszeit wir haben, weil die Schaufensterdekoration von der Verkäuferin jeweils der aktuellen Saison angepaßt wird. Die Häuserschlucht, in der ich ganz unten sitze, ist so tief, daß ich keinen Himmel sehen kann. Es gibt keine Bäume. Das Büro ist klimatisiert.
Ich bin die einzig Erfolglose in Deutschland. Ich sehe es jeden Tag, wenn ich die Gespräche mit den Kandidaten am Telefon verfolgen darf.
»Wie alt sind sie?« fragt meine Kollegin einen potentiellen Kandidaten am Telefon.
»31.«
»Und wo liegen sie gehaltlich?«
»Bei ca. 90 TEuro p. a. plus 25 % variabler Vergütung plus Firmenwagen, Audi TT.«
Zum Glück gibt es Frau Ziesenberg. Sie ist sozusagen meine Mentorin. Ich stehe ja noch ganz am Anfang meines Berufslebens und brauche jemanden, der mich schützt.
Sie schützt mich vor meinem Chef. Der würde nichts von mir halten, sagt sie. Ich sei zu emotional, sagt sie, behaupte er. Von ihm bekäme ich keine Projekte, behauptet sie. Wird wohl so sein, denke ich. Sie kennen sich schon sehr lange. Sie muß wissen, wie er mich sieht.
Keine Projekte heißt null Leistung, heißt, nur von der nährenden Hand des Chefs gelebt zu haben. Wer soviel Großzügigkeit ausnützt, ohne etwas zum Unternehmenserfolg beizusteuern, gehört auf die Straße gesetzt. So ist das Leben!
Gott sei Dank versorgt mich meine Gönnerin Frau Ziesenberg mit Aufgaben, die ich für sie erledigen darf, ansonsten hätte ich am Jahresende nichts vorzuweisen.
»Soll ich Herrn Fuchs denn nicht mal nach einem Projekt fragen, das ich dann alleine bearbeite? Ich bin jetzt schon fast zwei Jahre hier!« frage ich sie zaghaft.
»Nein, lassen sie das. Er würde ihnen kein eigenes Projekt geben. Ich mache das schon für sie! Und lassen sie sich nicht von Kollege Sommer oder dem Waldi (Herrn Waldemar von Wassenberg) einspannen. Die wollen nur ihre Sachen gewuppt kriegen und sie aussaugen und als leere Hülle dem Chef vorwerfen.
Sagen sie denen, daß sie immer mich zuerst fragen müssen, wenn die Ihnen was geben wollen. Sonst erledigen sie nur die Drecksarbeit für die anderen. Ich geben ihnen ein paar schöne Aufträge von mir, wo sie eine Menge lernen können. Die ersten Anrufe machen wir dann gemeinsam in meinem Büro. Ich zeige ihnen, wie es geht.«
Als Entgegenkommen für ihre Protektion – viel kann ich ja nicht bieten – verbringe ich jede Mittagspause mit Frau Ziesenberg und helfe ihr, die vielen Tüten vom Kaufhof ins Büro zu schleppen. Sie hat eine große Familie, die sie jedes Wochenende mehr oder minder vollständig besuchen kommt: Schwiegereltern, Schwägerin, Schwager, Nichte, Neffe, Schwester und deren Kind, Vater und dessen Freundin inklusive der Tochter der Freundin.
Ihr zu helfen, sehe ich als meine Pflicht an. Schließlich tut sie für mich weit mehr, als ich erwarten könnte, und opfert ihre Zeit, damit ich vorankomme.
»Lehrjahre sind keine Herrenjahre«, sagt meine Mutter immer.
Yvonne ist zweisprachig aufgewachsen – schwedische Mutter, deutscher Vater. In Stockholm ist sie auf eine französische Schule gegangen und hat sowohl an der Kellogg University in den USA studiert als auch in Madrid. Verschiedene Praktika hat sie in Neuseeland, Australien und Tokio gemacht. Zuletzt war sie in New York tätig, bevor sie in D. den Job bei einem erfolgreichen Telekommunikationsunternehmen angetreten ist. Sie wurde bereits nach zwei Jahren ins Management berufen und hat eine Stabsabteilung mit vier Mitarbeitern zu führen. Ihr Verantwortungsbereich erstreckt sich von Deutschland über Österreich, Schweiz und Belgien bis zu den Niederlanden.
Ich hatte Englisch zuletzt im Abitur. Das ist fast acht Jahre her. Brauche ich auch nicht, denn »all business isch loc’l«, sagt mein Chef in fließendem Englisch mit schwäbischem Akzent. Er ist gebürtiger Schwabe, was sich in seiner Unternehmensphilosophie widerspiegelt: »Schaffe, schaffe, Heisle baue, Hund abschaffe, selber belle!«
Also: Wir sind eine deutsche Beratung in Deutschland! Wir schreiben bürotechnisch gesehen das Jahr 1892 – Telefone gab’s da ja schon. Wir brauchen keinen solchen Firlefanz wie Englisch oder Computer. Das verdirbt nur den Charakter und damit die Ergebnisse. Jede Suche nach Spitzenkräften beginnt wieder bei Null! Das ist das Erfolgsgeheimnis!
Yvonne sagt, daß ich ohne PC-Kenntnisse nirgends mehr antreten müsse – das sei heute so selbstverständlich wie Lesen und Schreiben. Auch mein Englisch könne ich vergessen, meint sie. Ohne Auslandserfahrung sei heute nichts mehr zu wollen. Sie hat wohl recht.
Manchmal studiere ich die »Frankfurter Allgemeine« am Wochenende – nur so zum Spaß lese ich mir die Stellenangebote durch.
Da kann ich nur hoffen, daß mein Chef mir noch eine Weile gnädig ist und seinen Cholesterinspiegel im Griff hat. Setzt er mich vor die Tür oder stirbt er, dann sehe ich alt aus. Wer nimmt mich denn schon mit meinen Qualifikationen? Bei den Anforderungen, die auf dem Arbeitsmarkt gestellt werden, kann ich mir jetzt schon mal einen Schlafsack für die kalten Nächte unter der Brücke kaufen.
Außerdem verdiene ich hier so gut wie nirgends sonst, sagt meine Kollegin. Sie hat nach sechs Jahren Berufstätigkeit ein Jahresgehalt von rund 180.000 Euro p. a. als Fixum gehabt. Nach bereits drei Jahren habe unser Boß ihr die Verantwortung für ein Riesenprojekt übertragen, wo sie durch die hohe Variable zusätzlich eine halbe Million verdient habe.
»Ich habe Tag und Nacht geschuftet!« sagt Frau Ziesenberg.
Das möchte ich auch!
Ich liege nach einem guten Jahr, meine erste Gehaltsrunde ist bereits gelaufen, immer noch mehr als 40.000 Euro p. a. hinter der Sekretärin.
Als ich hier angefangen hatte, dachte ich, den großen Wurf gemacht zu haben. Meine Exkommilitonen hatte ich belächelt für ihre Pöstchen bei Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen.
›Mensch, Katharina‹, dachte ich, ›du hast es geschafft! Du wiegst fast nichts, hast einen Manager von der Treuhand als Lover und startest im Headhunting durch. Nach zwei bis drei Jahren liegst du ca. bei 80.000 Euro p. a. Minimum! Das hättest du nie gedacht, als du BWL studiert hast und immer nur mittelmäßig warst.‹
Der Treuhand-Lover, Klaus, hatte noch fünf andere Gespielinnen, aber mit mir konnte er über alles reden: »Du verstehst mich als einzige, mein Deandl!« sagte er immer.
Für ihn hatte ich in einer Woche 4 kg runtergehungert. Immer wenn wir verabredet waren, badete, bürstete und balsamierte ich Busen, Brust und Bauch, zog sündhafte teure Unterwäsche an und wartete Stunden reglos vor dem Telefon, um den Halt der Haare, trotz zwei Litern ›Vier Wetter Taft‹, nicht zu gefährden, bis seine Freundin endlich weg war und er mich zu sich rief. Für ihn war ich was ganz Besonderes, das wußte ich!
Nach der ersten Runde rauchte er immer eine Zigarette, stellte den Aschenbecher in das üppig wuchernde Haarnest auf seiner Brust – jeder trägt sein Haar eben woanders! – und murmelte mir unter Rauchschwaden ins Ohr: »Na, wie gefällt er dir?«
Das erste Mal wußte ich gar nicht, was er meinte, und fragte hustend – ich vertrage keinen Zigarettenqualm – zurück: »Wen meinst du?«
Ich hatte ihn über eine Freundin kennengelernt. Sie war seine Ex3-Freundin. Da er immer nur am Wochenende in München war und seine Miezen fast alle im schönen Sachsenland miauten – »im Osten kriagst für einen 5er BMW alle 20- bis 25jährigen, für einen 3er die Jahrgänge drunter« –, hatte er keine passende Begleitung, die mit Messer und Gabel essen konnte und für einen offiziellen Anlaß in der bayerischen Hauptstadt nicht an der falschen Stelle zu kichern begann.
So saß ich denn korrekt und konservativ als seine Verlobte einem 55jährigen Minister und dessen 20jähriger Nichte beim Abendessen gegenüber.
Nach vier Stunden war der offizielle Teil beendet, und wir gingen noch zu zweit in eine Bar. Da er danach nicht mehr Auto fahren wollte, klemmte ich mich hinter das Lenkrad seines 911ers und fuhr durch die Stadt und über die Autobahn zu seinem Appartement.
»Du bist aber a flotte Maus!« brüllte er – bei dem Motorenlärm ist eine entspannte Unterhaltung auch nicht möglich. Ist wohl auch nicht so gedacht, da sich selbst routinierte Autofahrer als Beifahrer ängstlich im Rausch der Geschwindigkeit – meine Güte, ich fuhr doch vorschriftsmäßig 120 km/h auf der Autobahn – zusammenkauern. Mein Held klammerte sich bleich an seinem Maskottchen fest, einem Teddy mit selbstgestrickter Lederhose von Oma.
Was ich nicht wußte: Der Wagen war aus den USA importiert und hatte statt km/h miles/h als Tachometeranzeige. Das konnte ich im Dunkeln nicht erkennen. Da sehe ich sowieso nicht gut.
So schoß ich also einhändig, die Linke lässig aufgestützt, mit knapp 220 km/h um die Kurve und verführte diesen Angeber anschließend ganz cool in seiner Wohnung.
Mir lag er zu Füßen, ich hatte Macht über einen, der sonst Macht ausübte. Ich trieb ihn zum Wahnsinn, ließ ihn meine langen Stiefel lecken und wimmern: »Bitte, schlaf mit mir!« Ich raffte nach dem dritten Akt – mehr brachte der Lutscher eh nicht zustande, ich sage nur: Kopfarbeiter! – meine Klamotten zusammen, weil ich in zwei Stunden mit einer Freundin und deren Eltern nach St. Moritz zum Skifahren aufbrechen wollte.
Zurück ins Hier und Jetzt. Heute ist ein gemeinsames Mittagessen im Kreise meiner lieben Kollegen angesagt. Das wird dann immer von der Geschäftsleitung bezahlt. Dieses Mal ist es Frau Ziesenbergs Ehrentag. Es spendiert der Chef einen großen, aber preisgünstig erworbenen Blumenstrauß für das Geburtstagskind vom Holländer an der Ecke – ihr wäre etwas Hochprozentiges lieber – , Champagner von Aldi und Antipasti vom Feinkostladen für alle. Wir versammeln uns im Besprechungsraum, wo man sich nie bespricht.
Die Frau vom Chef hat den Tisch höchstpersönlich gedeckt – sonst würde sich auch keiner zu so einer niederen Tätigkeit hinreißen lassen.
Die Geburtstagskollegin telefoniert bis zuletzt; sie ist sehr gefragt. Sie verdient auch sehr viel. Eine gute Gelegenheit zu demonstrieren, daß sie selbst am Geburtstag 100 % Einsatz zeigt und unentbehrlich ist. Dauernd kommen wichtige Anrufe für sie.
Jetzt! Endlich! Alle stehen schon gespannt mit dem Sektglas zur bevorstehenden Gratulation parat und haben großen Hunger, da fliegt mit lautem Knall Frau Ziesenbergs Bürotür ins Schloß.
Zielstrebig und geräuschvoll marschiert sie in hochhakkigen Pumps dem Aufgebot an Gratulanten entgegen. Die Erde bebt, wenn sie die Absätze kraftvoll in den Teppichboden rammt.
»In deren Schritt möchte ich auch nicht geraten«, flüstert mir Kollege Sommer ins Ohr und lacht sich ›aufdieschenkelschlagendundlautwiehernd‹ über seinen eigenen Witz halb kaputt.
»Ich habe gerade mit dem neuen Geschäftsführer von der Waschmasch AG telefoniert. Super Typ: 35 Jahre, 400.000 Euro p. a., aber seine Frau will nicht weg aus Gütershausen, wegen der Kinder und ihrer Mutter. So was ist einfach Scheiße«, bemerkt das Geburtstagskind herzhaft-deftig. »Dabei wäre der Job bei Ammoniak in der Schweiz genau das Richtige. Dieser Schlappschwanz! Na, er denkt noch mal nach. Merken Sie sich das, Frau Kaufmann!« Sie fuchtelt mir mit erhobenem Zeigefinger vor der Nase herum. »Es sind immer die Frauen, die den Männern im Weg stehen!« Leider fällt mir darauf keine witzige Bemerkung ein, und es entsteht eine Pause.
Wir stehen alle aufgereiht um die zusammengerückten Bürotische. Unser ›Vonundzu‹, Waldemar von Wassenberg, hat mit seiner feisten Pranke schon mal in die Salamiplatte gegriffen und auch den Salm betatscht. Die Sekretärin, im handbreiten Gürtel, macht ein Hohlkreuz, damit Körbchengröße A etwas stärker zur Geltung kommt. Ihr blondgesträhntes Haar wird mehrmals von einer bunt beringten Hand nach außen gestrichen.
»Ach, Frau Fuchs, das sieht aber wieder toll aus! Wahnsinn! Wow! Das Carpaccio mit der guten Soße, ein Traum! Wonderful! Super!« Sie bekommt fast einen Orgasmus, als sie auf die eingelegten Spargelstangen schielt. »Ahhh! Ohhh! Jaaaa!«
Mein Kollege Sommer läßt kurz mal die Augen über die Tafel und dann in den etwas zu weiten Ausschnitt der Sekretärin gleiten, und ich sehe, wie ihm das Wasser im Munde zusammenläuft: Ob von den Antipasti oder dem sonnenbankgetönten Brustansatz, bleibt im Moment ungeklärt.
»Doch«, bekräftigt er, sich genüßlich über die Lippen leckend, »doch, sieht gut aus.«
Frau Ziesenberg rollt die Augen und schaut ungeduldig auf die Uhr.
»Also los, ran an die Schüsseln. Ich hab um zwei ein Interview.« Ihre konservativ-korrekte Kleidung, der Kurzhaarschnitt mit Fönwelle und die goldumrandete Pilotenbrille aus den 80ern mit den blaugetönten Gläsern stehen des öfteren im herben Kontrast zu ihrer Ausdrucksweise.
»Meine liebe Frau Kollegin!« Der Vonundzu ergreift das Wort, und mit seiner weißen, fleischigen Hand, die ein Siegelring ziert, auch das Sektglas. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Darf ich ihre Hand küssen?«
»Brich dir keinen ab, Waldemar. Hauptsache, es gibt endlich was zu Fressen!«
Unsere Top-Verdiener im Unternehmen nehmen standesgemäß nebeneinander Platz. Ich habe mich neben Hermann gesetzt. Hermann ist wie ich ein junger Kollege. Er ist nach mir eingestellt worden und betreut die Lebensmittelbranche. Von Beruf ist er gelernter Sohn und sucht mal wieder nach einer angenehmen Freizeitbeschäftigung bei uns. Seine Eltern haben einen großen Schlachtbetrieb im Sauerland, und deswegen kennt er sich in der Szene gut aus.
Allein von dem Geld, das er von seinen Eltern bekommt, bestreitet er seinen gesamten Lebensunterhalt. Den Rest spart er. Für Haus, Frau und Kind. Danach sucht er noch. Nach Frau und Kind. Haus hat er schon.
Er ist etwas farblos, aber sehr nett. Mit Hermann duze ich mich als einzigem.
Da sitzen sie alle: Frau Ziesenberg schmatzt und spricht gleichzeitig mit vollem Mund. Dabei lacht sie dreckig über ihre Kunden, die sie der Reihe nach durch den Kakao zieht. Waldemar von Wassenberg lacht mit, weil er weiß, daß Fuchs diese Art Witze mag. Herr Fuchs hat vom Champagner bereits einen roten Kopf und gießt sich fleißig nach. Frau Fuchs führt sich seit einer halben Stunde kleine Stückchen ihrer halben Olive auf dem Teller zum Mund. Wahrscheinlich wäre für die Bohnenstange sonst die Gabel zu schwer. Herr Sommer versucht, mit Frau Ziesenberg mitzuhalten, und gibt seinen Senf zu ihren Bemerkungen. Aber das hört keiner. Und Fuchs läßt sich in epischer Breite über Sommers Mundgeruch aus. Und der lacht auch noch mit. Schon blöd, wenn man nicht dazugehört. Nur unsere Sekretärin amüsiert sich prächtig, ohne dem inneren Führungskreis beizuwohnen (wenigstens nicht in der Öffentlichkeit). Aber Sommer ist zu klug, um sich eine hormonell bedingte Blöße im elitären Kreis zu geben. Er weiß, daß keiner was von dem Blondchen hält. Eine Tippse ist allein schmückendes Beiwerk und hat deswegen Narrenfreiheit, solange sie knackig ist und gut aussieht. Eine Blume am Revers. Dumm poppt gut, oder so ähnlich. Kein Wunder, daß Fuchs sie eingestellt hat, denke ich, wenn ich mir seine Füchsin so betrachte.
Hermann versucht, mich in ein Gespräch über die Kneipenszene zu verwickeln. Ich gehe nicht darauf ein. Ich will mich nicht noch mehr disqualifizieren. Ruhig halten ist das Beste, sonst röhrt der Fuchs bei einer Gesprächspause wieder quer über den Tisch: »Na, Frau Kaufmann, erzählen sie doch mal einen Schwank aus ihrer Jugend!«
Nein, danke!
Ich fühle mich unwohl und fehl am Platz. Der Champagner ist mir zu sauer und steigt mir auch mittags sofort zu Kopf. Das ölige Antipasti-Zeugs ist gar nichts für meine Diät. Gott sei Dank beachtet mich eh niemand. So wird mir auch nichts extra angeboten – ich bin einfach nicht vorhanden, was in diesem Fall extreme Vorteile hat.
Anfangs versuchte ich immer noch, Konversation zu machen oder etwas Unterhaltendes beizusteuern. Entweder reagierte gar niemand, es unterbrach mich jemand mitten im Satz, oder es entstand nach einer vermeintlich witzigen Bemerkung peinliches Schweigen, und keiner fand mehr so recht zurück zur Unterhaltung. Sehr nett finde ich auch, wenn meine leise gemachten Bemerkungen von jemandem aufgegriffen werden, der mehr Ansehen genießt als ich – was, wie gesagt, nicht schwer ist, da der Wert eines Menschen nach Projektumsätzen gemessen wird – und einen ungeheuren Lacherfolg erzielt.
»Der Rock saß auch schon mal lockerer, was, Frau Kaufmann?« Unerwartet und ungewollt rücke ich in den Mittelpunkt des Geschehens. Frau Ziesenberg greift mir an den Rockbund und versucht ihn von meiner Taille wegzuziehen. Dabei lacht sie schadenfroh. Dann packt sie sich selbst mit beiden Händen an ihre 34er Taille und hat 125 g Speck zwischen den Fingern.
»Ich bin so fett geworden. Schauen sie sich nur meine Wampe an! Als ich hier anfing, habe ich nur Joghurt gegessen. Und Dickmilch mit Weizenkleie für die Verdauung – da sah ich super aus. Wenn ich so fett bin, freut sich mein Mann, weil er dann was zu packen hat. Aber die Sorgen haben sie ja nicht! Hahaha!«
»Hahahaha«, lache ich mit. Das hat sie bestimmt nicht so gemeint, sage ich mir, um erst gar keinen Frust aufkommen zu lassen.
Nach einer Stunde sitzen wir wieder am Schreibtisch und sollen die Top 100 der deutschen Wirtschaft für neue Jobs begeistern.
Ich bin so müde und aufgebläht, daß ich mir in der Küche erst einmal ein paar Kekse genehmige. Auf einem Bein kann man nicht stehen, und ich greife noch mal in die Tiefen der Keksdose. Mit beiden Händen schleppe ich die Beute mit aufs Klo, wo ich sie mir gierig schlukkend in den Mund stopfe. Mit Mühe kaue und würge ich das trockene Zeug runter und starre in den Spiegel überm Waschbecken.
Meine großen, grünen Augen blicken mich seltsam müde und traurig an. Für den Bruchteil einer Sekunde fährt mir der Gedanke durch den Kopf: ›Was tust du dir nur an?‹ Aber sofort ruft meine innere Stimme dazwischen: ›Disziplin! Disziplin! Disziplin! Du hast keine Disziplin! Deshalb klappt deine Diät nicht! Und nächstes Wochenende kommen deine Eltern und sehen dich so! Wie du nur aussiehst! Heute abend wird nichts gegessen! No fat, no alcohol, no sweets!‹
Unwillkürlich rufe ich: »Jawohl!« und stehe stramm vor meinem Spiegelbild.
Von Freitag bis Sonntag werden meine Eltern zu Besuch kommen. Ich werde im Büro früher Schluß machen und sie direkt in Empfang nehmen. Ich hatte meinen Chef gefragt, ob ich denn am Freitag ausnahmsweise schon um 17 Uhr gehen dürfe.
»Wenn Sie am Montag dann ein wenig länger bleiben«, hatte er meiner Bitte letztendlich entsprochen.
Yvonne geht manchmal am Freitag gar nicht ins Büro. Bleibt zu Hause. Mit Laptop. Die Mails liest sie dann von der Couch aus, während ihr neuer Typ an ihrem großen Zeh lutscht.
Am Mittwoch bricht bei mir bereits die große Hektik aus: Alles muß sauber sein! Meine Eltern kommen. Alles klar zum Angriff! Strategisch plane ich alles genau durch:
Freitag
Eltern kommen zum Büro
Begrüßung von Frau Ziesenberg
Auto von Papa in Tiefgarage von Büro
Eltern in Hotel
Frisch machen
Eltern abholen
Abendessen beim Spanier
Eltern ins Hotel bringen
Samstag
Eltern nach Frühstück abholen
Stadtbummel und Mittagessen im Lokal ›Zum röhrenden Hirsch‹
Nachmittags Kaffee und Kuchen bei mir, den ich am Samstag morgen backen will – meine Mutter ißt nur Frisches
Museumsbesuch
Abendessen bei mir mit Yvonne, die meine Eltern auch kennt
Sonntag
Frühstück bei mir
große Abschiedszeremonie
Ich kaufe vier verschiedene Käsesorten, zwei verschiedene Salamisorten, einmal gekochten, einmal rohen Schinken, Stuten, Vollkornbrot, Graubrot, Brötchen zum Aufbacken, Croissants von Knack & Back, Knäcke, gesalzene und süße Butter, Erdbeermarmelade, Aprikosenkonfitüre, Waldbeerfruchtaufstrich, Kirschgelee, original englische Orangenmarmelade, Nußnougatbrotaufstrich, Wald-, Wiesen- und Blütenhonig, 2 Liter Sahne, 7 Liter Milch, 1,5 kg Quark, 10 Joghurts in verschiedenen Geschmacksrichtungen mit Nährwertangaben, Müsli mit geschwefelten Rosinen, Müsli ohne geschwefelte Rosinen, Filterkaffee, Filter, eine Kaffeemaschine (ich trinke nur Tee), 20 Saft-Grapefruits, 40 Preßorangen, eine Saftpresse (bekomme Pickel von dem Zitruszeug), einen ganzen Lachs, aus Alaska eingeflogen, Meerrettich, Butter, Crème fraîche, dazu Toast, Forellenfilets, Auberginen, eine Tomatenplantage, Mozzarella, die Wochenration Reis für eine siebenköpfige vietnamesische Familie (ich esse nur Nudeln), Basilikum getrocknet, tiefgefroren, im Topf, Thymian, Mehl, Pfirsiche in der Dose, Puddingpulver in den Geschmacksrichtungen Vanille, Schoko, Karamel, Sahne, Erdbeer, 1 Europalette Zucker, Pralinen vom Konditor, Servietten und 5 Tafeln Schokolade (für mich).
Meine Eltern laufen natürlich schon um 15 Uhr statt wie verabredet gegen 17 Uhr im Büro ein.
»Unser Mäusle!« sagt meine Mutter und kneift mich in die Wangen. Meine Kollegin Frau Ziesenberg ist sofort herbeigeeilt, als meine Eltern klingelten.
Sie fahren immer erst zu mir ins Büro, um den Wagen sicher vor Rowdys und anderen Gangstern in der zu meinem Büro gehörigen Tiefgarage unterzubringen, und ich fahre sie anschließend ins Hotel.
»Gut schausch aus! Bisch a bißle feschter wor’n?«
»Ich bin so stolz auf dich«, sagt mein Vater und grinst wie ein Waschbär. Ich wünschte der Teppichboden im Büro würde sich auftun und mich zwischen den Telefonstrippen und Wasserleitungen in den Geheimnissen des Kanalisationssystems verschwinden lassen. Dem ist nicht so.
»Wie macht sie sich denn?« fragt meine Mutter, bemüht, hochdeutsch zu sprechen. »Ist sie fleißig?«
»Sie macht sich gut«, antwortet Frau Ziesenberg und klopft mir wie einem braven Jagdhund den Rücken. Dabei knicke ich mit den Vorderläufen etwas ein.
»Und wie geht es ihnen?«
Ich mache mich aus dem Staub und parke das Auto meines Vaters in der Tiefgarage direkt unter den Büros – das Beste an meinem Job überhaupt. Kostenlose Parkplätze direkt in der Stadtmitte zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Ich lade das Gepäck in meinen schmutzigen Corsa um und tätschle der Limousine meines Vaters nochmals kameradschaftlich den blankpolierten Kotflügel. Mein Vater hat immer ein Staubtuch im Wagen, mit dem er während roter Ampelphasen das holzverkleidete Cockpit reinigt. Da hätte er in meiner Blechdose viele rote Ampeln nötig, um seinen Sauberkeitsstandard zu erzielen, denke ich.
»Ich habe den Wald gesucht in deinem Auto«, sagte er einmal, als er meinen Wagen gewaschen hatte. Das war seine Sache, da er mich nicht für kompetent genug hielt.
»Wieso?« fragte ich.
»Weil so viele Blätter drinlagen. Hahahaha!«
Hahahaha.
Meine Mutter fährt gar nicht gerne mit mir, weil ich den Wagen nur etwa alle vier Wochen innen und außen reinige. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Warum hatte ich das nur vergessen bei all den Vorbereitungen für meine Eltern. Das verübeln die mir bestimmt.
Na und? Ich bin schließlich nicht Yvonne! Die hat einen Firmenwagen. Mittelklasse, sogar mit fünf Türen und elektronischem Schiebedach. Den reinigt der Hausmeister jede Woche. Wie stolz wäre mein Vater, wenn ich auch so motorisiert wäre …
Der Schweiß rinnt durch alle meine Poren, als ich am Samstag um sechs Uhr Frühstück vorbereite und nebenbei eine Sachertorte backe.
Während dieser Aktion habe ich bestimmt zwei Kilogramm abgenommen. Ich mache mich im Bad zurecht, während die Torte im Rohr langsam Volumen annimmt. Eigentlich könnte ich mich ja mal wiegen, denke ich nach dem Duschen. Für das Wasser, das meine Haut während des Duschens aufgesogen hat, und für die Bodylotion kann ich sicherlich ein Pfund abziehen. Außerdem habe ich heute morgen schon ein Glas Wasser getrunken und sehr spät abends gegessen. Das Essen war zusätzlich sehr salzig. Macht noch mal ein Kilogramm zusammen, inklusive meiner Brille, ohne die ich gar nichts erkennen kann. Erst mal die Skala richtig einstellen. Den Zeiger kann ich ruhigen Gewissens auf die äußerste linke Kante der Null-Markierung drehen. Der ist nach dem Wiegen grundsätzlich mindestens bei einem halben oder sogar bei einem Kilogramm falsch justiert. Mir persönlich liegen diese alten Waagen wesentlich mehr. Die neuen digitalen Geräte zeigen nicht nur dreieinhalb Kilogramm mehr Gewicht an, sondern man kann sie noch nicht mal korrigieren! Ich weiß das. Meine Eltern haben so ein Ding, und dort bin ich immer schwerer.
Behutsam und mit Gefühl taste ich mich im Zeitlupentempo auf die Waage. Dann beuge ich mich langsam nach vorn, um mich mit voller Kraft auf die Waschmaschine aufzustützen. Gleichzeitig stelle ich mich nur auf die Fußkanten. Wahnsinn! Nur 34 Kilo Lebendgewicht! Langsam verringere ich den Druck auf meine Hände, die ganz weiß angelaufen sind. Der Zeiger klettert auf der Skala nach oben. 50 kg, 55 kg, 57 kg, Fußsohlen mit viel Gefühl absenken, 59 kg, 63 kg, 68 kg, fast geschafft, es ist nur noch ein Hauch, 72 kg, 75 kg, 75,5 kg, und wieder Druck erhöhen, 72 kg, 67 kg, sanft absenken, loslassen, 78 kg, 82 kg – ich bin entsetzt. Soviel habe ich noch nie gewogen. Wenn ich also noch die Brille, die Lotion, das Duschwasser, das Glas Wasser und das salzige Essen von gestern abziehe, bin ich immer noch bei 80,5 kg!!
Das kann nicht sein. Ich steige beleidigt vom Thron und schüttele das Gerät erst mal, stelle die Zeiger auf minus 0,25 kg und versuche es nochmal.
Jetzt sind es sogar 83 kg! Das muss am Wetter liegen. Der Luftdruck ist gestiegen. Oder mein Haar ist schwerer geworden – richtig, das ist ja auch noch naß und hat wesentlich mehr Gewicht als im trockenen Zustand.
Ich bin völlig frustriert und genehmige mir erst mal eine halbe Tafel Schokolade.
Das Wochenende ist gespickt mit Ausflügen in die nähere Umgebung, verfeinert mit viel Glukose. Wir fahren ins 250 km entfernte Neandertal, gehen ins Neandertal-Museum und ins Neandertal-Café und essen Neander-Nußkuchen. Wir besichtigen eine alte Festung an der Mosel, setzen mit der Fähre über, fahren nach Königswinter und genießen Kaffee und Kuchen mit Blick auf den Rhein. Wir fahren ins Sauerland, nach Attendorn, besichtigen eine Höhle und nehmen Kaffee und Kuchen unter Tage zu uns.
Mit stolzgeschwellter Brust präsentiert sich mein Vater in jedem neuen Lokal: »Hey, hey, schaut alle her: mein Mercedes, meine eigene Frau und meine Tochter. Und: Nur das Beste von der Speisekarte für alle! Das kann ich mir leisten, ohne mit der Wimper zu zucken! Na, bin ich nicht toll?«
Um dem Wunsch meiner Mutter zu entsprechen, habe ich mich sogar in eines meiner Kostüme gezwängt. Mit Seidenstrümpfen.
»Mir sehen di’ ja nia, wenn’d amol schick bisch. Imm’r nur in deiner Tschiiiiens. Ziag halt o amol was Nett’s a, wenn m’r komma!«
Ich habe das Gefühl zu platzen: Autofahren, Besichtigung, Kaffeetrinken, Autofahren – vielleicht sollte ich Kaffeefahrten organisieren und Heizdecken verkaufen?
Ich sitze in einem schönen Mercedes, höre Volksmusik, inhaliere den Zigarettenqualm meiner Mutter und entspanne mich, während mein gestreßter Vater schwitzend und fluchend den Motor aufheulen läßt.
Warum kann ich mich nicht freuen, daß meine Eltern da sind? Ich bin immer wieder undankbar. Schließlich sehe ich meine Eltern so selten. Und sie geben für diese Besuche eine Unsumme Geld aus, die sie eigentlich gar nicht übrig haben können.
Yvonne habe ich am Samstag zum Abendessen eingeladen, da sie meine Eltern bereits von deren letztem Besuch kannte. Sie hat sich alle Mühe gegeben und erscheint in ihrem konservativsten und klassischsten Kostüm zum Abendessen. Ich sehe daneben aus wie Aschenputtel. Wahrscheinlich ist mein Wollkleid so teuer wie ihr Nagellack, der in zartem Rosé an ihren Fingerspitzen glänzt. Ihr Haar ist korrekt gescheitelt.
Meine Eltern unterhalten sich den ganzen Abend angeregt mit ihr. Yvonne tauscht brav Gemeinplätze über Lokalpolitik aus und plauscht mit meiner Mutter über meine persönlichen Stärken und Schwächen, was beide köstlich amüsiert.
Ich bediene alle drei und bin vor Aufregung ganz bleich. Ich habe mir ein 5-Gänge-Menü vorgenommen: Kartoffellachscremesuppe, Marktsalate der Saison an Champignons auf italienischen Antipasti, überbackene Lammfilets im Kräutermantel, begleitet von Kartoffelgratin, Mousse au Chocolat, Eissorbet und als krönenden Abschluß Kaffee Royal unter der Sahnehaube mit Champagner-Trüffeln.
Vor dem Kaffee zieht sich Yvonne bereits dezent zurück, nachdem sie jeweils nur einen halben Teelöffel von jedem Gericht gekostet hat. Meine Mutter blickt bewundernd ob soviel Diszplin und wirft mir strafende Blicke zu, als ich mit vollen Backen kaue. Das butterweiche Filet bleibt mir fast im Halse stecken.
»Yvonne isch wirklich a nett’s Mädle«, sagt meine Mutter nun schon zum dritten- und hoffentlich letztenmal an diesem Samstagabend, nachdem Yvonne bereits gegangen ist.
»So adrett!« Sie mustert mich.
»Isch das Kleid neu?« Sie greift an den Saum.
»Da hat es sich wohl durch das Waschen etwas aufgerauht – ist es auch ein wenig eingelaufen?«
»Möchtet ihr denn jetzt noch in die Stadt gehen? Auf einen letzten Kaffee, heute?« unterbreche ich sie ungehalten.
»Noi, wir müsse ins Bettle, gell, Papa? Mir wolle doch morga in aller Herrgottsfrüh hoimfahre – mir wisset doch net, wie der Verkehr wird.«
Ob die überhaupt noch Verkehr haben, denke ich und sage: »Klar, ich bringe euch noch ins Hotel! Ich hoffe, es hat euch gefallen!«
»Doch, schea isch’s gweasa, mei süßes Schpätzle. Mei Mädi!« sagt mein Vater, küßt mich feucht auf die Nase und kneift mich in die Wangen.
»Die Stühle sind a bisserl unbequem – tut mir mei Kreiz weh«, stöhnt meine Mutter, als sie sich mühsam aus dem Korbsessel erhebt, der ebenfalls ächzt. »Du mußt unbedingt neue kaufen und einen größeren Tisch gleich mit dazu!«
Der Staatsbesuch aus dem Freistaat Bayern, Regierungsbezirk Schwaben, ruht inzwischen wohlbehalten in seinen Hotelbetten. Alles ging gut! Was für ein Tag!
Morgen gehe ich zum Abschied ins Hotel zum Frühstücken und habe den Sonntag dann noch für mich.
Um ein Uhr nachts bin ich endlich mit dem Abwasch des opulenten Mahls fertig.
