C U --> - Gabriele Behrend - E-Book

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Gabriele Behrend

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Beschreibung

Urlaub in der virtuellen Welt. Erin Richter geht auf Fotosafari in einem Lost Place, nicht im real life, sondern in der ausgefeilten Simulation des Hamburger VR-Unternehmens CU--> … see you there … Als Ablenkung und Neuanfang nach einer toxischen Beziehung gedacht, wird das harmlose Unterfangen schon bald zur gefährlichen Falle! Denn ihr Ex hat sich in die Simulation gehackt und stellt ihr nach. Er will sie um jeden Preis zurück.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gabriele Behrend

C U 🡪

Wir sehn uns auf der anderen Seite

AndroSF 232

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Januar 2026

p.machinery Michael Haitel

Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

Titelbild: Gabriele Behrend

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 495 3

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 666 7

1

»Soll ich das wirklich machen?«

»Ja, sicher. Sie schaffen das schon. Und vergessen Sie nicht, Sie können den Trip jederzeit abbrechen. Niemand wird Ihnen deswegen Probleme machen.«

Die Stimme ihrer Therapeutin Frau Goldmann klang in Erin nach. Sie sah auf das welke, zerknautschte Stück Papier in ihren Händen, dass sich oft, schon sehr oft zwischen ihren Fingern gedreht und gewendet hatte. Dieser Flyer. Hoffnungsträger und Triggerpunkt gleichermaßen. Es war der Vorschlag ihrer Therapeutin gewesen – doch endlich mal etwas für sich zu tun. Das Haus wieder zu verlassen. Etwas zu erleben, dass nicht um ihn kreiste oder um die Art und Weise wie sie das Leben seit seinem Auftauchen erlebte. Frau Goldmann hatte ihr eine gesicherte Freiheit zu Füßen gelegt, die sie nutzen konnte, wenn sie es denn wollte. Allerdings, so ganz freiwillig war die Sache dann doch nicht, denn Frau Goldmann hatte die zukünftige Behandlung an diesen Trip geknüpft. Sie sei doch so weit gekommen, hatte sie Erin gesagt, aber langsam drehten sie sich im Kreis. Der Fortschritt käme zum Erliegen und sollten sie ihren Weg gemeinsam weiter beschreiten, so müsse sie sich irgendwann in naher Zukunft einer Exposition unterziehen, damit man mit neuen Erkenntnissen verstärkend arbeiten könnte.

Dieser Flyer also sollte ihr den Weg auf das nächste Level ihrer Behandlung ebnen. Und sie war auch fast bereit, den Weg zu gehen, denn es gab den Notausschalter. Den schnellen Ausstieg aus dem Trip, aus der Simulation, sollte es ihr mulmig werden, so weit außerhalb ihrer Komfortzone.

»C« hieß das Unternehmen, das in ihrer Heimatstadt Hamburg angesiedelt war, in einem der schicken Häuser der Speicherstadt. Es hatte sich auf lebensechte Simulationen spezialisiert, die es erlaubten, sich traumwandlerisch durch die selbst gewählten Szenarien zu bewegen und deren Erleben weit über die gängige 4-D-Spektakel hinausging. Es war der neue Goldstandard der virtual reality, aber das Wichtigste für Erin war und blieb der Notausknopf.

»Frau Richter? Sind Sie noch am Apparat?«

Erin schluckte kurz. »Ja!«

»Wie wollen Sie sich entscheiden?«

»Ich glaube, ich werde einen Kurztrip wagen.«

»Das freut mich für Sie. Ich denke, Sie werden es nicht bereuen.«

Erin schwieg wieder und kämpfte gegen das flaue Gefühl in ihrer Brust an.

»Und sehen Sie es mal so, selbst wenn Sie sich in letzter Sekunde gegen einen Ausflug in die künstliche Realität entscheiden, so sind Sie immer noch in Ihrer alten Heimat. Hamburg ist eine schöne Stadt, aber wem erzähle ich das.« Frau Goldmann lachte ihr warmes, dunkles Lachen, dass Erin wie in einer Umarmung auffing. »Machen Sie sich ein paar schöne Tage, so oder so. Berichten Sie mir davon.«

»Vielen Dank, Frau Goldmann. Für Ihren Anruf, für Ihre Bestätigung. Sie haben mir sehr geholfen.«

»Dafür bin ich da, Frau Richter. Machen Sie es gut! Und sollten Sie Bedarf haben, wählen Sie mich an.« Damit beendete Frau Goldmann den Anruf. Ein leises Klicken verriet, dass sie die Leitung verlassen hatte.

»Machen Sie es gut!«, hatte Frau Goldmann ihr also aufgetragen. Machen Sie es gut. Was machen? Die Wohnung verlassen, nach Hamburg zu fahren. Dort auf eine Reise zu gehen und das in Begleitung einer anderen Person? Denn das war Teil des Handels – dass sie den Trip nicht alleine unternehmen sollte. Denn sie sollte lernen, wieder Vertrauen in andere Menschen zu fassen. Wie konnte man das besser als in einer geschützten Umgebung? Die man über den Notausschalter jederzeit verlassen konnte? Erin war sich der Vorzüge dieser Konstellation durchaus bewusst, allein, ein restliches Unbehagen ließ sich nicht verhehlen. Aber wie sah die Alternative aus? Sich einen neuen Therapeuten suchen, weil Frau Goldmann die Behandlung früher oder später aufkündigen würde?

Erin hatte keine Lust, alles von vorne aufzurollen. Denn das hieße, alle Situationen erneut zu durchleben. Die Grausamkeiten zu spüren, verbale wie tätliche. Ihren Körper in seiner Schwäche zu erleben, die Versuchung, der sie nicht nachgeben wollte, ihr aber immer wieder erlag. Das trügerische Gefühl von Liebe, den Rausch des Verliebtseins zu erleben, die Hilflosigkeit, die mangelnde Abgrenzung. Alles, was Mike ihr angetan hatte und weiter antun würde, wenn er wieder frei wäre, irgendwann.

Erin hatte immer angenommen, dass sie unsichtbar werden müsse. Das sei der einzige Weg, ihm auf Dauer zu entkommen. Aber Frau Goldmann sah das nicht so. Sie hatte es sich zum Ziel gesetzt, aus Erin wieder eine selbstbewusste Frau zu machen, die keine Angst vor niemanden und erst recht nicht vor den eigenen Bedürfnissen hatte. Und obwohl Erin sich zurzeit immer noch öfter wegduckte, als sich zu zeigen, so hatte sie das langfristige Ziel ihrer Therapeutin schon verinnerlicht. Im Grunde ihres Seins hatte sie es nämlich satt, sich zu verstecken. Mike war jetzt ein halbes Jahr in Haft und gerade in den letzten zwei Monaten hatte sie leichter durchatmen können. Hatte nicht mehr jederzeit auf die Schritte im Treppenhaus gelauscht, wie sie sich ihrer Wohnungstür näherten, nur um sich dann in den oberen Stockwerken zu verlieren.

Endlich legte Erin das stumme Telefon vor sich auf den Wohnzimmertisch. Es war alles gesagt worden, sie sollte sich ein paar schöne Tage machen, also musste sie jetzt wohl packen. Erin lächelte leicht. Wie lang war das her, dass sie eine Tasche für sich gepackt hatte? Wie lange war es her, dass sie verreist war? Eine der letzten Touren war eine Reise zu ihrer Schwester gewesen, nach Hamburg, in die alte Heimat. Das war bevor Mike sich zwischen sie und Doreen gedrängt hatte. Bevor er Erin für sich vereinnahmt und ihre Bindungen zu anderen Menschen konsequent gekappt hatte. Als sie das zugelassen hatte. Sie seufzte. Aber egal, wenn sie diese Reise überstand, konnte sie auch wieder an der Beziehung zu ihrer Schwester arbeiten, egal, wie belastet sie auch sein mochte.

Erin hatte sich im Vorfeld ein Ziel aussuchen dürfen. Die Wahl war auf das Fort de la Chartreuse gefallen, einem Lost Place in Lüttich. Sie hatte es einmal sehr kurz auf einem der vielen Städtetrips besucht, die sie in der Zeit vor Mike gerne unternommen hatte. Mehr als ein paar Fotografien war ihr nicht von dem Besuch in Erinnerung und sie wollte es gerne näher erkunden. Zudem war es relativ handlich und genau richtig für einen 48-Stunden-Trip.

Sie brauchte nur ein Outfit – für das Willkommensdinner. Und warme Funktionswäsche für den Trip selber. Allerdings war das nicht das, was sie in der Simulation tragen würde – alles, was sie dort mit sich führen wollte, hatte sie als Bilddateien bereits an [email protected] geschickt, wo man es digitalisierte und Modelle daraus renderte, die ihr später zur Verfügung standen. Da war zunächst ihr Schlafsack, die Kamera, eine Jeans mit weiten Beinen und ein kastiger, flaschengrüner Chenillepullover. Einfache Sneaker rundeten das Bild ab, eine leichte Jeansjacke sollte gegen den kühlen Wind schützen, an den sich Erin erinnerte, wie er einer steten Brise gleich über das Areal strich.

Als die Tasche mit den wenigen Kleidungsstücken und der Kulturtasche gepackt war, ging Erin wieder in ihr Wohnzimmer. Auf dem Esstisch lagen die Tickets für die Bahn parat, die Buchungsbestätigung für das »C«, das Portemonnaie, die Sonnenbrille und die Schlüssel. Sie legte alles sorgfältig in die Handtasche, als ob eine übereilte Hast ihr die Sicherheit nehmen würde, ob auch alles an Bord sei. So allerdings war sie sicher, holte tief Luft und zog sich die Jeansjacke über. Dann schulterte sie die Tasche, griff noch einmal in die Handtasche, um die Schlüssel hervorzuziehen, und wollte eben die Wohnung verlassen, als es klingelte. Sie schrak zusammen, fühlte sich ertappt, zog den Kopf ein und erstarrte.

Da klingelte es erneut und sie zwang sich, den Hörer der Gegensprechanlage in die Hand zu nehmen.

»Ja?«, flüsterte sie erstickt.

»Postcon hier«, schallte es ihr entgegen. »Ich muss an die Briefkästen!«

Erleichtert holte sie Luft, es war der, der immer die Post brachte. Sie kannte seine Stimme. Der gehörte zum Inventar. Sie drückte den Summer. Dann hing sie den Hörer wieder behutsam ein und schalt sich eine Närrin. Wer hätte es denn sein sollen? Mike? Der war noch für ein Jahr weggesperrt. Außerdem würde der nicht klingeln, hetzte eine kleine gemeine Stimme in ihr. Der würde die Tür eintreten und dich vermöbeln.

»Stopp!«, herrschte Erin sich selbst an. »Hör endlich auf mit dem Scheiß. Ich werde mich nicht mehr verstecken, hast du gehört?«

Mit einem Ruck nahm sie die Tasche wieder auf, schob die Handtasche an ihrem Schulterriemen zurecht und verließ die Wohnung. Im Treppenhaus lauschte sie, ob der Postcon-Mann noch da war, aber alles war ruhig, die Tür war schon lange hinter ihm ins Schloss gefallen.

Erin verließ das Haus und ging zur nahe gelegenen Düsseldorfer U-Bahn-Station Nordstraße. Sechs Stationen später stieg sie am Hauptbahnhof aus, suchte das richtige Gleis und stieg in den Flixtrain von Köln über Düsseldorf nach Hamburg Altona. Dabei sagte sie sich die ganze Zeit, dass sie hier sein dürfe, dass sie das gleiche Anrecht wie alle anderen Reisenden habe, und dass sie sich nicht verstecken müsse. Sie schaffte es sogar, sich vor dem Einstieg in den Zug beim Bäcker zwei Croissants zu besorgen und ein Getränk, damit sie auf der Fahrt versorgt wäre. Als Erin auf ihrem Platz saß, schlich sich ein kleines bisschen Stolz in ihre Stimmung. Das fühlte sich gut, an und so gelang es ihr tatsächlich sich für einen Moment zu entspannen.

Der Zug brachte sie in vier Stunden zum Hamburger Hauptbahnhof, danach fuhr sie in die Speicherstadt und stand schließlich vor der Firmenzentrale des »C«.

Das Gebäude wirkte wie ein Nobelhotel. Die Türen öffneten sich zu einem weiten Entree, das von viel Waschbeton, Marmor und Weiß dominiert wurde, mit einzelnen Designer-Tagesbetten versehen, Skulpturen und sparsam dosierten Blütenzweigen.

Erin schluckte beklommen. Dann packte sie die Tasche fester am Gurt, als ob sie so den Stier bei den Hörnern packen könnte, und machte die ersten Schritte in den Empfangsbereich, als auch schon ein Mann mittlerer Statur, mit dunklen, leicht gewellten Haaren, ihr entgegenkam.

»Sie sind Frau Richter?« Er strahlte sie an. »Mein Name ist Derek Müller und ich bin Ihr persönlicher Assistent. Willkommen im ›C‹.«

Erin erwiderte das Lächeln unwillkürlich.

»Darf ich Ihre Tasche nehmen?« Derek nickte leicht zu der Reisetasche und übernahm sie nach Erins kurzem Zögern. Danach begleitete er sie zum Empfangstresen.

»Wir checken Sie erst einmal vorläufig ein, dann führe ich Sie herum und dann unterschreiben Sie mir die Ausschlussklausel. Danach bringe ich Sie auf Ihr Zimmer, erkläre Ihnen die Einrichtung und dann geht es auch schon zum Meet’n’Greet mit Ihrem Reisebegleiter.« Derek spulte das Programm mit einer gekonnten Routine herunter, ohne es dabei allzu massentauglich klingen zu lassen.

Bei aller Lässigkeit blieb Erin aber an einer Vokabel hängen. Sie stutzte.

»Ausschlussklausel?«

»Ja, die Klausel. Wir erwähnen sie in unseren Vertragsbedingungen. Sie besagt, dass wir für keine Schäden innerhalb oder außerhalb der von uns designten Erlebnis-Touristik haften. Es gibt so manche, die sich anfänglich Sorgen machen deswegen, zugegeben. Aber nach der Rundtour durch unser Unternehmen sind bisher noch alle Zweifler überzeugt gewesen von der Sicherheit unserer Simulationen. Sehen Sie, unsere Vorkehrungen liegen weit oberhalb der staatlichen Vorgaben und Normen. Sie brauchen sich also absolut keine Sorgen machen. Bei uns sind Sie so sicher wie in Abrahams Schoß.« Derek lächelte Erin freundlich zu. Dann standen sie auch schon vor dem Tresen.

»Kenisha? Das hier ist Frau Richter, sie hat die Chartreuse Simulation gebucht. Führst du den Check in durch?« Dann wandte er sich an Erin. »Frau Richter, würden Sie uns Ihren Ausweis kurz überlassen? Wir müssen nur sichergehen, dass Sie die sind, für die wir Sie halten.« Er schmunzelte leicht.

Während Erin ihren Ausweis hervorkramte, dachte sie bei sich, dass dies alles einem sehr gut einstudierten Theaterstück glich und sie wusste nicht, ob ihr das gefallen wollte oder nicht.

Die Empfangsdame, Kenisha mit bezaubernden Rastazöpfen, die im Nacken zu einem üppigen Zopf zusammengefasst waren, gab die Daten des Personalausweises in das Terminal ein, ließ eine Keycard codieren und reichte ein Tablet und ein E-Foil-Formular nebst Umschlag an Derek weiter, bevor sie den Ausweis wieder an Erin zurückreichte.

»Zimmer 28«, zirpte sie freundlich und heftete ihren Blick wieder auf das Empfangsterminal.

»Würden Sie mir folgen?« Derek schulterte die Reisetasche erneut und strebte den drei Fahrstühlen zu, die nebeneinander in der rückwärtigen Wand des Entrees eingelassen waren. Über die Zuweisungstafel rief er den nächstfreien Lift. Die mittleren Türen schoben sich einen kurzen Moment später auseinander und nahmen den Assistenten und Erin auf. Dort standen sie nah beieinander, was Erin verstummen ließ. Denn etwas hatte sie in den letzten Minuten bemerkt – sie hatte Derek mit Interesse angesehen. Etwas, dass sie sich seit Mike nicht mehr zugestanden hatte. Mike hatte sie einst auch so begehrlich angesehen und was war daraus geworden? Und jetzt stand sie in diesem verflucht engen Fahrstuhl, zusammen mit einem Mann, von dem sie gerade Mal Namen und Funktion kannte und musste sich eingestehen, dass ihr gefiel, was sie sah. Und was sie hörte. Denn um genau zu sein, war es am ehesten seine Stimme, die ihn so anziehend machte. Sie war dunkel und warm und ein Lächeln schwang in seinen Worten. Ein Lächeln, dass ihn zu einem der Guten machte, einem, vor dem man keine Angst haben musste. Erin schluckte und verbot sich diese Gedanken. ›Reiß dich zusammen. Es geht hier um dich, nicht um die anderen!‹ Sie senkte den Blick.

»Freuen Sie sich auf Ihren Trip, Frau Richter?« Derek wünschte sich, dass sich die schmale Frau neben ihm etwas mehr öffnete. Er war ein guter Assistent, ein guter Berater, Wachhund und Fürsorger. Klienten unter seinen Fittichen ging es nicht nur gut, sondern sehr gut. Aber dafür mussten sie und er auf einer Welle schwimmen. So oder so, er musste die brünette Nuss knacken. »Wie sind Sie auf das Fort gekommen?«

Erin regte sich nun doch und sah ihm ins Gesicht. Ein nervöses Lächeln kräuselte sich über ihre Lippen, dann holte sie Luft und antwortete. »Ich war mal vor Urzeiten dort, in Liege, in Lüttich. Ich war nur kurz da, mein Zug fuhr damals in nur wenigen Stunden. Aber was ich gesehen habe, hat Lust auf mehr gemacht. Und jetzt bin ich froh, hier die Gelegenheit zu haben, noch einmal dorthin zurückzukehren.«

Der Lift war auf der zwanzigsten Etage angekommen, leise glitten die Türen auseinander und entließen die beiden Gäste auf den Flur. Derek ging voran.

»Ein bunter Flecken Erde, wenn ich mich erinnere. Sie werden dort eine schöne Zeit verbringen und viel zu entdecken haben.«

»Waren Sie auch schon einmal dort? Kennen Sie das Fort?«

Derek lachte leise. »Nein, ich war noch nicht in Belgien, das fehlt mir noch auf der Weltkarte. Aber ich habe Ihre Simulation im Vorfeld begutachtet, ob alles angenehm ist. Und ich kann Ihnen sagen, dass die, die diese Simulation programmiert haben, mit Bestimmtheit dort gewesen sind. Sie werden keinen Unterschied zwischen der Simulation und der Wirklichkeit feststellen können.«

Erin sah sich um. Der Flur erstreckte sich bis zur nächsten Ecke in reinem Weiß, hin und wieder von einem monochromen Bild unterbrochen. Einige wenige Türen waren in die Wände eingelassen, immer flankiert von schmalen Stelen, die runenartige Zeichen trugen.

Derek ging den Flur hinunter, bog um eine Ecke und stoppte vor einer dunkelbraunen Zimmertür. Er strich mit der Keycard über das Runensymbol und wartete, bis die Tür perfekt aufgeschwungen war. Dann bat er Erin mit einer Geste, einzutreten. Zwei Schritte später folgte er ihr.

Auf einen schmalen Flur mit einer Tür, hinter der sich mutmaßlich das Badezimmer verbarg, folgte das Zimmer selbst, das über eine angenehme Größe und bodentiefe Fenster verfügte. Ein Schreibtisch mit passendem Stuhl waren ebenso vorhanden wie eine kleine Couch mit Beistelltisch, einem Heer bunter Kissen und einem Blumenstrauß. Den Hauptteil aber nahm die Spezialität des »CU« ein – das 360°-Free-Motion-Flow-Plank-Bed.

Jetzt, im Ruhezustand, sah das Bett wie eine Streckbank aus, dass an unzähligen dünnen Stahlseilen aufgehängt, zu schweben schien. Wurde die Simulation aber gestartet, so begann sich die Liege aufzuklappen, aufzufalten, neu zu ordnen. Der Ruhende, in seiner Simulation befindlich, konnte so alle Bewegungen ausführen, die er machen wollte. Laufen, rennen, klettern, springen – all das aufgehängt an den Stahlseilen, die wie ein Gespinst die tragenden Teile der Liege umwanden. Der Reisende war eine agierende und reagierende Marionette, die das Erleben in der Simulation lebensecht gestaltete. An der Wand dahinter war ein großer Monitor angebracht, der wahlweise das normale Fernsehprogramm, die gängigen Streamingdienste oder aber den Live-Tracking-Bildschirm während der Simulation wiedergab.

Sobald der Reisende sich in die Simulation begab, schaltete sich dieser Vitalschirm an und zeichnete getreulich alle klinischen Messdaten auf. Puls, Temperatur, Blutdruck, Schweißindex, EKG, EEG. An alles war gedacht worden, die Sicherheit wurde in den Fokus genommen.

Erin lauschte Dereks Stimme, der sie in alle Geheimnisse der Hardware des Free-Motion-Betts und in die Software des Monitorings einführte. In der allgemeinen Version. Auch hier kam es ihr wieder vor, als ob die perfekte Marketingmaschinerie ihr den Mund wässrig machen wollte, sodass sie blind alles unterschreiben würde, was man ihr vor die Nase hielte. Aber es hörte sich auch allzu verlockend an, gerade mit dem Klang von Dereks Stimme.

Er ließ ihr Zeit, sich an den Anblick der Liege zu gewöhnen.

»Es sieht nicht gerade gemütlich aus«, murmelte sie.

»Oh, das täuscht. Und bedenken Sie, Sie werden während der Simulation ja nicht liegen, außer Sie wollen das so. Aber eigentlich ist die Konstruktion dafür gedacht, dass Sie sich aktiv in Ihrer Simulation bewegen. Schwebend!«

Derek stellte Erins Weekender auf den Kofferboy neben dem schmalen, unaufdringlich gestalteten Schrank neben dem Schreibtisch.

»Ich hole Sie heute Abend um 18 Uhr zu Ihrem Willkommensdinner ab. Entspannen Sie sich solang, freuen Sie sich auf das, was Sie erwartet. Die individuelle Einweisung in das Plank-Bed führen wir kurz vor der Simulation durch, dann sind die Tipps und Regeln noch frisch, wenn es dann losgeht.« Er zwinkerte Erin kurz zu.

Die nickte, mit leicht geröteten Wangen. Es war gerade alles etwas viel für sie. Der technische Input, Derek und dann ihr eigenes Befinden, dass sich nicht entscheiden konnte, ob es sich frei auf all das hier einlassen konnte oder sich doch lieber aus Gewohnheit wegducken wollte.

Erin sah auf ihre Uhr. 16:04 – sie hatte also noch knappe zwei Stunden. Also suchte sie das Badezimmer auf, ließ sich ein Schaumbad ein und ging, während das Wasser lief, in das Zimmer zurück, um ihr Outfit aus der Tasche zu holen, damit es sich auf einem Bügel aushängen konnte. Nachdem sie ihre Seidenbluse glatt gestrichen hatte, kehrte sie in das Badezimmer zurück, drehte den Wasserhahn zu und ließ sich unter den Schaumberg gleiten, der sich auf der Wasseroberfläche gebildet hatte.

Endlich konnte sie durchatmen, loslassen. Einen Moment der Entspannung genießen. Sie wischte sich den Schaum über das Gesicht und blies eine Flocke von ihrer Nasenspitze herunter. Ein Lachen begann sich in ihrem Inneren zu bilden, es perlte durch ihre Adern, zeichnete ein breites Grinsen in ihre sonst eher unscheinbaren Züge, ließ diese jetzt aber strahlen und schenkte ihr ein unmotiviertes Giggeln, das sie in dieser Form schon lange nicht mehr gespürt und gehört hatte. So aufgeregt! So neugierig und wach! Im weitesten Sinne gar fröhlich oder unbeschwert.

Nein, das waren nicht die Gefühle, die sie die letzten Jahre und Monate begleitet hatten. Da war sie auch aufgeregt, aber in der miesen Form. Angespannt, nervös, ängstlich, schreckhaft, gequält und verhuscht. Sie hatte angefangen, jedem Schatten zu misstrauen, jedes Dunkel zu fürchten. Das Telefon, mit dem sie sonst stundenlang mit ihren Freundinnen geklönt hatte, wurde zum Feind. Er hatte es zu einem Folterwerkzeug gemacht, hatte sie zu Unzeiten angerufen, hatte sich ihr aufgedrängt, oftmals nur mit seinem Atem, der rau und körnig an ihr Trommelfell brandete.

Er hatte sie zu einem Opfer gemacht, was sie sich anfangs nicht eingestehen wollte. Zunächst dachte sie, sie könne ihn ändern, wenn sie ihn nur genug liebte. Als sie merkte, dass er stets er sein und sich ihr gegenüber nicht ändern würde, als sie merkte, dass er sie längst zu seinem Spielball gemacht hatte, da wollte sie nicht, dass dies irgendjemand anderes sah. Sie wollte nicht bemitleidet werden. Sie wollte ihre Schwäche und ihre Schuld nicht eingestehen, weder sich, noch ihrer Schwester oder ihren Freundinnen gegenüber, und so vertraute sie sich keinem an. Hielt ihre Misere und ihr Schicksal unter einem gut abgedichteten Deckel und versuchte, allein damit klarzukommen. Erfolgreich, niemand war geblieben. Sie hatte keinen an ihrer Seite. Außer Frau Goldmann, die war da. Als einzige. Frau Goldmann mit ihren glänzenden Ideen. Erin musste lächeln. Und wieder kichern. Da tauchte sie auf den Grund der Wanne, hielt die Luft an, bis sich das Lachen beruhigte, die Hysterie abstreifte, die sich in den letzten Momenten gebildet hatte, und einer nachsichtigen Heiterkeit Platz einräumte. Sie zögerte das Auftauchen so lange wie möglich heraus, bis sie wie ein Korken an die Wasseroberfläche schoss. Sie wischte sich den Schaum aus dem Gesicht und spähte zum Spiegel, auf dem eine digitale Anzeige die Uhrzeit wiedergab. Inzwischen war es Viertel nach fünf, sie musste das lauwarme Nass wieder verlassen. Sie hüllte sich in das luxuriöse, schmeichelweiche Duschtuch und wanderte in das Zimmer. Sie begutachtete ihre Bluse, die sich in der Zwischenzeit entknittert hatte, und nickte zufrieden. Dann trocknete sie sich ab, zog BH und Slip an und begann sich fertig zu machen. Ihr fiel auf, dass ihre Wäsche aus unschuldig weißer Baumwolle bestand, simpelste Basisversion und sie strich mit einem Anflug von Erleichterung über den Stoff. Schließlich suchte sie nur ein Travel-Mate, wie es in der Broschüre gestanden hatte und nicht die One-Billion-Night-Affair. Für die war sie definitiv nicht bereit. Passend zu der Basic-Wäsche gab es dann auch die Standardjeans in Dunkelblau. Ein basisches Outfit, dass nur durch die bunte Seidenbluse aufgepeppt wurde, die einen Hauch von Luxus und Exotik mit sich brachte. Als Erin fertig angezogen war, ging sie in das Badezimmer zurück, griff sich ihre Kulturtasche und machte vor dem Spiegel eine Bestandsaufnahme ihres Gesichts. Da hatte sich eine Handvoll Krähenfüße um ihre Augen versammelt. Die hatte es früher nicht gegeben. Und sie sah müde aus. Ungeduldig suchte sie in ihrer Kosmetiktasche nach einem Gegenmittel. Schließlich zog sie einen Tiegel mit einer Creme gegen Tränensäcke hervor, drehte den Deckel auf und entnahm dem Behältnis eine kleine Dosis der Creme. Sie klopfte das Mittel in die dünne Haut ein, riss probeweise die Augen auf und hoffte ihr Strahlen oder wenigstens irgendein Strahlen, in ihren Augen zu finden. Etwas Kajalstift und Wimperntusche später war sie hinreichend zufrieden mit dem Ergebnis. Sie fuhr sich durch ihr kurzes Haar, ordnete es mit ein paar entschiedenen Handgriffen und betrachtete sich noch einmal kritisch.

Da klopfte es an der Zimmertür und Dereks Stimme drang zu Erin.

»Frau Richter?«

Erin sprintete in den Flur und riss die Tür auf. »Ja?«

»Sind Sie fertig?« Derek strahlte sie an. »Das Abenteuer ist bereit, mögen die Spiele beginnen!«

Erin sah von Derek auf ihre bloßen Füße. »Einen Moment noch, ich bin gleich wieder da.« Damit verschwand sie im Zimmer, angelte sich die halbhohen schwarzen Sandaletten aus dem Weekender und schlüpfte hinein. »Kann sich nur noch um Stunden handeln!« Sie fluchte halblaut, als sich die Schnalle nicht sofort schließen wollte. Aber schließlich war es geschafft, Erin holte tief Luft, strich sich über Bluse und Jeans und schüttelte die Arme aus. Dann gesellte sie sich zu Derek, der sie aus dem Zimmer zu den Fahrstühlen eskortierte. Einer stand einladend offen und brachte sie hinunter auf die zweite Etage.

»Fahren wir direkt zum Date?« Erin spürte wieder, wie sich Nervosität in ihr breitmachte.

»Nein, ich zeige Ihnen vorher das Herz unseres Unternehmens, die Zentrale in der all unsere Technik und unser Können zusammenfließen.« Er stockte leicht, dann lächelte er verschmitzt. »Interessant, dass Sie das Willkommensdinner bereits als Date sehen. Dabei suchen Sie doch nur eine Reisebegleitung und kein Sweetheart, oder?«

»Woher wissen Sie das denn?« Erin schluckte leicht.

»Ich bin Ihr persönlicher Assistent, da muss ich das doch wissen was Sie sich von Ihrem Aufenthalt hier erwarten, oder nicht?«

Erin errötete. Wahrscheinlich bezog er sich auf die persönlichen Angaben, die sie ihrer Buchung beifügen musste. Natürlich. Er konnte ja keine Gedanken lesen.

Der Fahrstuhl öffnete mit sanftem Klang seine Türen. Derek führte Erin auf den Flur, den sie in östlicher Richtung hinuntergingen. Bald schon sahen sie bodentief verglaste Wände, die den Blick auf verschiedene Terminals freigaben. Leuchttische, über denen große Monitore hingen. In einem steten Strom wechselten sich vielerlei Gegenstände ab, während auf den Monitoren Zahlenreihen und QR-Codes aufblitzten, und das in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit.

»Was ist das hier?«

Derek trat durch eine offene Tür in den Raum mit den Terminals und winkte Erin, ihm zu folgen. »Hier digitalisieren wir Ihre persönlichen Gegenstände. Aus den zweidimensionalen Bildern, die Sie uns zugesandt haben, rendern wir hier dreidimensionale Objekte, die Ihnen in Ihrer Simulation zur Verfügung stehen. Schauen Sie mal –« Derek gab eine Ziffernfolge in das Terminal ein. Einen Moment später flackerte auf dem nächstgelegenen Monitor ihr Gepäck auf. Der Schlafsack, die Kamera, die Jeans und der grüne Pulli. »Sie sehen, Frau Richter. Alles ist bereit für Sie. Haben Sie jetzt Hunger?«

»Auf das Abenteuer oder das Essen?«

Derek lachte. »Auf beides. Kommen Sie, ich bringe Sie ins Separee.«

»Sie machen was?« Erin sah ihn zweifelnd an.

»Ich bringe Sie zum Willkommensdinner. Sie werden meine Bemerkung verstehen, wenn Sie die Lokalität erst einmal sehen. Vertrauen Sie mir?«

Diese Stimme. Diese Stimme, aber die falsche Frage. Sie vertraute niemandem mehr, erst recht keinem Mann. Und trotzdem, Dereks Stimme hatte etwas Magisches. Sie nickte zögernd.

»Dann kommen Sie«, er bot ihr seinen Arm.

Etwas spröde, leicht verunsichert, legte sie ihre Hand in seine Ellenbeuge und ließ sich auf den Flur hinausleiten, dann zum Fahrstuhl und hinauf auf die neunzehnte Etage. Sie sprachen kein Wort, aber sie atmeten und das war schon gut genug. Derek dachte daran, dass es mit Frau Richter besser lief, als anfangs gedacht, dass es ihm möglich wäre, ihr einen besonderen Aufenthalt zu verschaffen, während Erin sich das Denken verbot und sich nur auf das Fühlen konzentrierte.

Als der Fahrstuhl anhielt und die Türen öffnete, führte Derek Erin den Flur hinunter, zu einer großen Doppelflügeltür, die einladend aufschwang, als sie sich näherten. Damit wurde der Blick frei auf einen riesigen Saal, in dessen Mitte eine große Showküche aufgebaut war, in der sechs Köche und unzählige Hilfskräfte wirbelten. An den Seiten aber waren tatsächlich Separees eingelassen. Bei manchen waren die schweren Samtportieren noch geöffnet, bei rund der Hälfte aber waren die Vorhänge bereits geschlossen, ohne das Licht oder Laut nach draußen drang.

Derek ging zu einem Computerterminal, rechts vom Eingang, und rief eine Information ab. Dann wandte er sich zu Erin und bat sie, ihm zu folgen. Kurz darauf standen sie an der dritten Loge rechter Hand.

»Nehmen Sie doch Platz. Ihr Travel-Mate wird Ihnen zugeschaltet, sobald Sie dafür bereit sind. Sehen Sie, hier ist der Schalter, so geben Sie die Leitung frei.«

»Und das Ganze funktioniert wie Skype oder Facetime?« Erin sah Derek an. Eigentlich konnte sie sich die Antwort selbst zusammenreimen, sie war ja nicht auf den Kopf gefallen. Aber sie mochte es, wenn Derek so begeistert über die Firma sprach. Und sie sollte nicht lange warten.

»Vergleichbar, vielleicht. Aber Sie werden sehen, unsere Videokommunikation hat einen qualitativ viel höheren Standard. Kein Zoom, kein Teams, weder Facebook, noch WhatsApp kann da mithalten. Wir nutzen die gleichen Engines wie zur Erstellung der Simulationen, sodass es hier absolut flüssige, ruckelfreie und unverpixelte Bilder gibt. Es geht um den Datenfluss, stabil und schnell.« Derek räusperte sich kurz. »Frau Richter, Sie haben sich ja für die Reality-Version des Willkommensdinners entschieden. Ich muss Sie davon in Kenntnis setzen, dass Ihr Travel-Mate sich vielleicht anders entschieden hat. Sie haben ja selbst bei der Buchung gesehen, dass es die Option gibt, sich quasi nur als Avatar zu zeigen, sein wahres Gesicht also zu verbergen. Es könnte also sein, dass Ihnen gleich eine Animation entgegenlacht. Ich kann verstehen, dass das befremdlich ist, es dient aber dem Schutz und Wohlgefühl unserer Reisenden. Sie verstehen?«

»Ich denke ja. Danke für den Hinweis.« Erin lächelte Derek schüchtern zu.

»Dann ziehe ich mich nun zurück und lasse Sie mit Ihrem Travel-Mate allein. Denke Sie daran, sich die Zeit zu nehmen, die Sie brauchen, bevor Sie ihn dazu rufen. Dann aktivieren Sie den Schalter, genießen den Abend und wenn Sie bereit für die Simulation sind, rufen Sie mich über diesen Pager. Ich bringe Sie dann auf Ihr Zimmer.« Er legte den Pager auf den Tisch, verneigte sich und schloss die Vorhänge schwungvoll.

Erin sah sich in ihrem Separee um. Viel roter Plüsch, dunkles Holz und flaschengrüne Samtportieren mit goldenen Quasten und Troddeln. Vor ihr stand der Tisch, an dessen hinterem Viertel ein gläserner Monitor herausragte, über die gesamte Länge der Tischplatte hinweg. Noch war der Monitor milchglasweiß aber er würde sich wohl entfrosten, wenn sie erst einmal die Leitung freigegeben hätte.

Erin war beeindruckt von der offensichtlichen Qualität und Verarbeitung der Geräte und ihrer Umgebung. Dann wurde dieses Staunen von einem grüblerischen Anflug verdrängt. War es wirklich so gut, sich jemandem anzuvertrauen, den man gar nicht kannte? Überhaupt: Vertrauen. Wie sollte man das Empfinden aufbauen, um mit dem Gegenüber mit einem sicheren Gefühl durch einen Lost Place zu stromern? Mit dem Gefühl, sich auf den anderen verlassen zu können? Was hatte sich Frau Goldmann nur dabei gedacht, sie hierherzuschicken.

Erin rutschte ein Stück tiefer in das Separee und kam mittig vor dem Milchglasmonitor zu Sitzen. Sie legte die Hände mit den Handflächen nach unten auf die Tischplatte und starrte in den gefrosteten Bildschirm. Gleich würde sie den Schalter betätigen, gleich würde sie ihr Travel-Mate kennenlernen, sie würde die Situation bei den Hörnern packen und das alles verdammt noch mal genießen! Schon legte sie die Finger auf den Schalter, da zuckte sie zurück. Alles in ihr schrie nein, nein, ich will nicht, ich kann nicht, ich traue mich nicht. Ich traue mich nicht, so wie jeder andere zu sein. Ich bin nicht mehr normal, schon lange nicht mehr!

Erin holte tief Luft und spürte ihrem Herzschlag nach, der sich langsam wieder beruhigte. Du musst nicht normal sein, flüsterte sie sich in Gedanken Mut zu. Es reicht, wenn du du bist und bleibst. Du hast doch immer gerne fotografiert. Also besuch das Fort und mach deine Bilder. Die, von denen du schon lange geträumt hast. Lass dir das nicht nehmen – nicht von ihm, nicht von dir.

Erin schloss kurz die Augen, dann hob sie ihre Mundwinkel zu einem Lächeln und betätigte den Schalter. Die Leitung war offen.

Einen Moment später klarte der Monitor auf und gab den Blick frei auf eine cartoonhaft gezeichnete afrikanische Landschaft. Erin schwante etwas und kaum, dass sie den Gedanken zu Ende denken konnte, sprang eine animierte Maske auf zwei Beinen und mit zwei Armen ins Bild. Die Maske war länglich, hatte blinde Augen, eine große Nase und wulstige Lippen – und tanzte. Die dicken Striche, mit denen sie skizziert war, zerflossen dauernd, verwirrten Erins Sinne und es flaute eine Übelkeit in ihr auf, die das anfängliche Lächeln aus ihrem Gesicht wischte.

»Hallo, du! Ich bin Issa Gadia und du bist?«

»Erin Richter.« Erin beschattete ihre Augen, weil die Maske Issa noch immer umhersprang wie ein Sandteufel.

Da erstarb die Maske in ihrer Umtriebigkeit und man konnte mit viel guten Willens eine leichte Bestürzung aus ihren Zügen lesen. »Ich nehm das Ding mal ab«, ertönte es hinter der gezeichneten Larve, und ruck zuck griffen die Cartoonarme links und rechts an das starre Zweitgesicht und zogen es vom Kopf, der dahinter zum Vorschein kam.

Erin sah in das animierte Gesicht Issas, das immer noch kunstvoll verfremdet und nicht real war, einem Menschen aber dennoch viel mehr glich als die comichafte Larve, die zuvor durch das Bild getanzt war. Issas Antlitz zierte eine große Nase, volle Lippen und hellwache Augen, die, ebenso wie sein Mund, ständig verschmitzt wirkten. Erin war fasziniert von seiner Ausstrahlung, bei aller Animation wirkte er grundgut. Als Issa schließlich laut auflachte, wurde Erin bewusst, dass sie ihn in den letzten Minuten einfach nur angestarrt und bestaunt hatte. Sie errötete schlagartig.

»Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein.«

Issa winkte ab. »Hast du noch nie mit einer Animation gesprochen?«

Erin schüttelte den Kopf. »Ich habe mich bisher nur von Mensch zu Mensch unterhalten. Realitätscheck und so, weißt du?«

»Bist du denn jetzt sehr enttäuscht?«

»Warum?«

»Weil ich mich nicht im Real Life zeige.«

»Enttäuscht ist das falsche Wort.« Sie zögerte. »Aber es fällt mir schon schwer, mich auf die Situation jetzt einzulassen.«

»Warum?«

»Ich habe schon im Real Life beschissene Erfahrungen gemacht. Da weiß ich nicht, wie das in der Animation gut gehen soll.« Sie sah ihn an. »Auch wenn du ein Netter zu sein scheinst. Bist du einer von den Guten?«

»Würdest du es mir glauben?« Issa lächelte behutsam.

Erin erwiderte das Lächeln spontan. »Ich glaube ja.« Einen Moment schwieg sie. Dann stützte sie die Ellenbogen auf und funkelte Issa neugierig an. »Warum zeigst du dich nicht im Real Life?«

»Weil meine Animation besser aussieht als ich.« Issa grinste. »Meine Animation ist ein echter Hingucker, ich hingegen – nee. Nicht ganz so.«

Erin nickte kurz. Dann dachte sie an das Ziel ihrer gemeinsamen Reise. »Kennst du das Fort? Was verbindest du mit dem Ort?«

Issa schüttelte den Kopf. »Ich wollte etwas Neues erleben. Interessante Bilder machen, ein bisschen Grusel mitnehmen.«

»Grusel?«

»Nun, findest du es alltäglich, in so einem verlassenen Gebäude herum zu wandern, mit der Geschichte im Nacken? Wie es wohl dort gewesen ist, während des Krieges.« Issa senkte seine Stimme. »Welche Gräueltaten dort vielleicht vorgefallen sind?«

»Ach, hör auf. Das ist doch alles Geschichte, aufgearbeitet und ad acta gelegt.«

Issa lehnte sich zurück. »Und warum hast du dir das Fort ausgesucht?«

»Ich war schon einmal dort«, begann sie. »Ich war mit einem Bekannten für ein Wochenende in Lüttich und nur durch Zufall haben wir von dem Ort erfahren. Wir also hin, ein paar Fotos gemacht und mussten dann unseren Zug erreichen. Aber seitdem wollte ich immer mal wieder dahin zurück und das Gelände gründlich erkunden. Und nun sind wir hier!« Sie lächelte, dann holte sie tief Luft und konzentrierte sich wieder auf ihr Gegenüber. »Du willst also Bilder machen. Ist das dein Hobby?«

»Nein und Ja. Ich bin Reiseblogger und muss Bilder liefern. Ich habe mir alles alleine beigebracht. Übung macht bekanntlich den Meister.« Er nahm seinen Tumbler in die Hand. »Wir haben noch gar nicht auf den Abend angestoßen«, stellte er dann fest und hob das Glas in seiner Hand.

Erin sah sich um. »Oh, ich habe noch gar nichts bekommen«, stellte sie fest.

»Hast du denn schon etwas bestellt?« Issa grinste und senkte das Glas.

»Nein?« Erin entdeckte am rechten Tischrand ein schwarzes Display, das in die Platte eingelassen war. Mit einem swipe erschien das Bild einer Speisekarte, die sie mit Pfeiltasten durchblättern konnte. »Gefunden«, kommentierte sie ihren Erfolg und bestellte einen spritzigen, komplett harmlosen Ipanema, damit sie einen klaren Kopf behielt. Sie sah Issa an. »Sorry, wenn es jetzt etwas dauert.«

»Ach, nicht doch.« Er winkte ab. »Der Abend ist noch jung, wir kommen noch früh genug in die Ruine.«

»Du kannst ruhig schon trinken, wenn du willst.«

»Das würde mir im Leben nicht einfallen!«

»Auch wenn du verdursten würdest?«

»Auch dann nicht. Na gut. Vielleicht einen Schluck.« Issa zuckte mit den Achseln. »Obwohl man in so einem Fall, dann doch eher zum Wasser greifen sollte als zum Whiskey. Wenn man erfolgreich überleben will.«

Die Samtportieren von Erins Separee glitten in diesem Moment flüsterleise auseinander. Ein Kellner servierte den Ipanema und zog sich so leise wieder zurück, wie er aufgetaucht war. Erin erhob ihr Glas.

»Dann mal tau!«, improvisierte sie einen Toast. »Auf eine gute Reise!«