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Hat unbegrenzte Macht einen schädlichen Einfluss auf die menschliche Psyche? Diese Vorstellung ist im populären Diskurs moderner Gesellschaften jedenfalls weit verbreitet. Im deutschsprachigen Raum findet sie sich verdichtet im Begriff des 'Caesarenwahns', seit Ludwig Quidde (1858–1941) am Ende des 19. Jahrhunderts am Beispiel des Kaisers Caligula und mit Blick auf Wilhelm II. ironisch aufzuzeigen versuchte, dass Autokraten ihrer Machtstellung wegen besonders anfällig für psychische Störungen seien. Der vorliegende Sammelband geht den Ursprüngen dieser Topik vom 'wahnsinnigen Herrscher' in der antiken Herrscherinszenierung sowie im Monarchiediskurs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nach und verfolgt ihre Wirksamkeit bis in die Gegenwart. An ausgewählten Beispielen der populären (v.a. filmischen) Inszenierung von Autokraten wird dabei aufgezeigt, wie die Einordnung des Herrschers als 'verrückt' der Simplifizierung der kritischen Auseinandersetzung mit abgelehnten Herrschaftsweisen dient.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
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begründet vonJörn Rüsen
herausgegeben vonStefan Berger, Angelika Epple, Thomas Sandkühler, Holger Thünemann und Marcus Ventzke
Band 41
Thomas Blank / Christoph Catrein / Christine van Hoof (Hg.)
Ein Topos zwischen Antiwilhelminismus, antikem Kaiserbild und moderner Populärkultur
BÖHLAU VERLAG WIEN ⋅ KÖLN ⋅ WEIMAR
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Cie. KGLindenstraße 14, D-50674 Köln
Alle Rechte vorbehalten.Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: © Tim O’Brien: Hail Trump! (2017)
Korrektorat: Constanze Lehmann, BerlinWissenschaftlicher Satz: satz&sonders GmbH, DülmenEinbandgestaltung: Michael Haderer, WienEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-412-52093-9
Vorwort
Thomas Blank / Christine van Hoof / Christoph Catrein
Einführung
Teil A ‚Caesarenwahn‘. Ein wilhelminischer Diskurs
Ludwig Quidde, 1858–1941
Caligula. Eine Studie über römischen Caesarenwahnsinn
Erinnerungen des Verfassers. Im Kampf gegen Cäsarismus und Byzantinismus im kaiserlichen Deutschland
Heinrich Schlange-Schöningen
Caesarismus und ‚Caesarenwahnsinn‘
Florian Sittig
Zwischen Neurasthenie und Neurose. Zum Einfluss der Psychoanalyse auf den Begriff des ‚Caesarenwahnsinns‘
Teil B Antike Vorlagen in heutiger Sicht
Thomas Blank
Unbeherrschte Herrscher. ‚Caesarenwahn‘ und antike Tyrannentopik
Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer
‚Caesarenwahn‘ oder politische Vision? Caligula, Nero, Commodus, Elagabal und die Struktur der römischen Monarchie
Ulrike Wulf-Rheidt †
Zwischen volksnahem Princeps und größenwahnsinnigem Herrscher. Die Palastbauten der römischen Kaiser
Teil C Populäre Rezeptionen
Martin Lindner
Kaiser im Verbund. Die Archetypen des schlechten Herrschers und die Macht der Bilder
Anja Wieber
Messalina im Film. ‚Caesarinnenwahnsinn‘ als Lehrstück für Frauen?
Sebastian Becker
„Caesar aut Nihil“? Alexander VI. Borgia zwischen Caesaropapismus und Größenwahn
Sandra Nuy
Politik als Kunst? Zur Inszenierung von Adolf Hitler im Film
Neville Morley
Gaius Iulius Caesar Augustus Trump
Christoph M. Endres
Klaatu barada nikto. Wer kontrolliert den Golem?
Index (Personen, Sachen, Orte)
Das vorliegende Buch geht im Kern auf eine Ringvorlesung zurück, die im Winter 2015/2016 an der Universität des Saarlandes stattfand. Die Drucklegung wurde durch verschiedene äußere Ereignisse mehrfach verzögert. Umso mehr gilt unser Dank allen Beitragenden für ihre große Geduld in den vergangenen Jahren. Den Herausgeber*innen der Beiträge zur Geschichtskultur danken wir für die Aufnahme des Bandes in die Reihe. Verlagsseitig haben Kirsti Doepner, Katrin Reineke und Matthias Ansorge die Publikation mit größter Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft unterstützt. Besonders hervorzuheben ist der Einsatz von Mareike-Beatrice Stanke und Lukas Mathieu, die verschiedenste Kommunikationsengpässe beharrlich und stoisch ertragen und sich besonders in die Redaktion und Indizierung der Beiträge außerordentlich gründlich eingebracht haben. Ohne ihre professionelle und akribische Arbeit hätte dieses Buch nicht erscheinen können.
Während der redaktionellen Bearbeitung der Beiträge ist unsere Kollegin Ulrike Wulf-Rheidt am 13. August 2018 unerwartet und tragisch verstorben. Ihrem Ehemann Klaus Rheidt sowie Stephan Zink vom Deutschen Archäologischen Institut danken wir dafür, dass sie es ermöglichten, dass Frau Wulf-Rheidts Beitrag hier postum erscheinen kann. Der Verstorbenen soll dieses Buch gewidmet sein.
Mainz und Saarbrücken am 1. November 2020Thomas Blank, Christoph Catrein und Christine van Hoof
Thomas Blank / Christine van Hoof / Christoph Catrein
„This night you shall hear my dirge on the burning Rome.“ Zu den wirkungsmächtigsten modernen Bildern vom römischen Kaisertum gehört Peter Ustinovs Darstellung des Kaisers Nero (Quo Vadis, 1951), der voller Freude Rom niederbrennen lässt, um seine größenwahnsinnigen Ziele der Selbstverwirklichung als Künstler, Kaiser und Gott umzusetzen. Die Vorstellung, dass unumschränkte Macht notwendigerweise zu einer geradezu pathologischen Selbstüberhebung führe, ist im Begriff des ‚Caesarenwahnsinns‘ im deutschsprachigen Raum sprichwörtlich verdichtet.
Diese Idee vom ‚Wahnsinn‘ des Autokraten geht maßgeblich auf einen Aufsatz des sozialliberalen Historikers und frühen Friedensaktivisten Ludwig Quidde aus dem Jahr 1894 zurück. Dieser glaubte, in Werken der antiken Biographie und Geschichtsschreibung über römische Kaiser eine Reihe immer gleicher Symptome einer ‚Verrücktheit ‘ wahrzunehmen, darunter Prunksucht, Grausamkeit, Theatralität und Selbstüberhebung bis zur Selbstvergottung. Aus dieser Beobachtung schloss er, dass den Symptomen ein echtes pathologisches Phänomen, eine Art ‚Krankheit der Monarchen‘ zugrunde liege, die alle jene Machthaber betreffe, die sich in einer gänzlich autokratischen, das heißt durch keinerlei Kontrollinstanzen gebändigten Position befänden. Die Krankheit sorge dafür, dass negative seelische Eigenschaften in extremer Weise genährt und verstärkt würden, so dass sich im Verhalten tyrannischer Könige und Kaiser gleichsam die Abgründe des Menschseins offenbarten.
Quiddes Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn1 war nicht nur eine ins Bild eines antiken Kaisers transponierte Abrechnung mit dem wilhelminischen Kaiserreich und besonders Wilhelm II. – als solche bedeutete sie für ihn das Ende seiner akademischen Karriere als Historiker –,2 sondern stand im Zusammenhang mit einer über das ganze 19. Jahrhundert hinweg im intellektuellen Diskurs zwischen Konservatismus und Liberalismus geführten Auseinandersetzung mit Fragen der politischen Ordnung, in deren Kontext sich sowohl die Anhänger von Monarchie oder charismatischer Führung (Caesarismus) als auch deren Gegner auf Exempla der römischen Antike beriefen, um ihre Argumente zu untermauern.3 Vor diesem Hintergrund wurde Quiddes Caligula in breiten Kreisen rezipiert4 und entfaltete mittelbar eine beachtliche Wirkung, die sich in Produktionen des gebildeten und populären Kulturbetriebs vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart aufzeigen lässt.5 Quidde war freilich nicht der Erste, der den Topos der monarchischen Verrücktheit propagiert hatte: Immerhin entnahm er den Katalog der von ihm identifizierten Symptome des Wahnsinns bereits (indirekt) den antiken Quellen, in denen das betreffende Verhalten wenigstens in den schillerndsten Farben als deviant und irrational gezeichnet war.6 Dieselben Quellen boten gerade dadurch, dass sie nonkonforme und auch provokante Formen der kaiserlichen Selbstdarstellung in überspitzter und oft polemischer Weise in zeitgenössische Kategorien des kulturell Abgelehnten einordneten, schon früheren Autoren das topische Material zur Formulierung von Herrscherkritik.7 Neu bei Quidde (und weniger konzentriert bereits in seiner unmittelbaren Vorlage, Gustav Freytags 1864 erschienenem Roman Die verloreneHandschrift)8 ist hingegen die Verarbeitung dieser Topik als Symptomatik einer psychischen Krankheit – also eines wiederkehrenden und nicht auf Einzelne beschränkten Phänomens. Dieser Schritt machte aus dem für die Denigration Einzelner verwendbaren Material einen Beleg für das Kranken eines ganzen Regimetypus. Zu kritisieren war nun nicht mehr der unglücklicherweise auf den Thron gelangte ‚Wahnsinnige‘; vielmehr war es die Monarchie selbst, die den Wahnsinn zutage treten ließ, indem sie die Anlagen des Einzelnen dazu katalysatorisch verstärkte. Der Umstand, dass diese Fundamentalkritik am monarchischen System zur Zeit des wilhelminischen Imperialismus am Beispiel des nur oberflächlich als ‚Caligula ‘ unkenntlich gemachten deutschen Kaisers vorgetragen wurde, begründete sowohl die Brisanz wie auch den Erfolg des kleinen Heftes, das so nicht nur im deutschsprachigen Raum die Vorstellung von der Anfälligkeit von Alleinherrschern für ‚Seelenkrankheiten‘ erheblich mitgeprägt hat.9
Beeinflusst von den seit jeher verbreiteten Bildern vermeintlich ‚verrückter ‘ römischer Kaiser, besonders aber verstärkt durch den Beitrag Quiddes, wird der Typus des autokratischen Machthabers als solcher bis heute in Literatur, Drama und Film regelmäßig mit dem Topos des ‚Wahnsinns‘ verbunden und findet auch in der politischen Gegenwart regelmäßig Anwendung auf Politiker und Potentaten, deren Handlungen und Selbstdarstellung als deviant erscheinen. Die Idee der Verrücktheit verbindet sich dabei insbesondere mit solchen medial vermittelten Repräsentationen von Macht und Machthabern, die von der spezifischen Erwartungshaltung abweichen, mit der die jeweiligen Rezipienten der politischen Kommunikation entgegentreten. So stoßen etwa Elemente der Selbstdarstellung der Kim-Dynastie in Nordkorea, Wladimir Putins in Russland, Recep Tayyip Erdoğans in der Türkei oder des 45. US-Präsidenten Donald Trump in weiten Teilen europäischer Gesellschaften auf breites Unverständnis, das gelegentlich in eine Erklärung des jeweiligen Verhaltens mit irrationalen Beweggründen bis hin zur Vorstellung von geistiger Umnachtung der betreffenden Politiker mündet.
Dass die Symbolsprache von Auftritten (quasi-)autokratischer Machthaber bei den unmittelbaren Adressaten der jeweiligen Repräsentationshandlung auf ganz andere Rezeptionsbedingungen treffen konnte und kann, wird aus der Warte außenstehender Beobachter nur selten thematisiert oder allenfalls mit mangelnder Bildung der jeweiligen Publika und fehlendem Zugang zu unabhängigen Medien begründet.10 Befeuert werden solche Sichtweisen zudem durch wiederkehrende und zumeist überaus spekulative Meldungen in den Nachrichtenmedien, wonach historische oder aktuelle Potentaten an pathologisch nachweisbaren oder gar nachgewiesenen psychischen Krankheiten litten, die bestimmte Aspekte ihrer Politik erklären könnten.11
Offensichtlich ist dabei, dass die Kategorie des Wahnsinns keinen sachlich begründbaren analytischen Wert besitzt, sondern eher als bewusst unscharfes und zudem abwertendes Emblem eingesetzt wird. Zum Verständnis politischer Ereignisse trägt sie gerade nicht bei, sondern kompensiert das Unverständnis, insofern sie suggeriert, dass den Handlungen der betreffenden Machthaber keine rationalen Erklärungen abzugewinnen seien. Je nach Kontext kann also die Topik des autokratischen Wahns ein Mittel sein zur Reduktion von Komplexität im Angesicht des politisch oder kulturell als andersartig Empfundenen bzw. Abgelehnten. Sie kann auch fungieren als polemisches Instrument der Diffamierung, mit dessen Hilfe missliebige Politiker entweder durch die Suggestion wahnhaften Verhaltens als Autokraten oder durch die Suggestion autokratischen Gebarens als verrückt gebrandmarkt werden. Das Konzept ‚Caesarenwahnsinn‘ erweist sich mithin über die Antike hinaus als kulturell wirksam und politisch bis heute relevant.
Der vorliegende Sammelband versammelt Beiträge zur Untersuchung des Klischees vom ‚Wahnsinn‘ als einer ‚Krankheit von Monarchen‘ sowohl in ihrer historischen Genese als auch in ihrer Wirksamkeit in Erzeugnissen westlicher Populärkultur des 20. und 21. Jahrhunderts. Zielsetzung des Bandes ist dabei nicht die umfassende mediensoziologische, kommunikations- oder politikwissenschaftliche Analyse der Funktionsweisen dieser Idee. Vielmehr soll der Band einen Beitrag zur Aufarbeitung der Thematik in einer historisch-kulturgeschichtlichen Perspektive leisten. Untersucht wird die Anwendung topischer Elemente der Vorstellung vom Wahnsinn der Autokraten, namentlich die kulturelle Nachwirkung des quiddeschen ‚Caesarenwahn‘-Konzepts. Angesichts der Vielzahl der möglichen Untersuchungsgegenstände – sowohl der in Frage kommenden historischen Figuren als auch der Beispiele für die Verarbeitung von deren imago im populären Diskurs verschiedener späterer Epochen – können hierbei nur einzelne Schlaglichter auf die Präsenz, Entwicklung und Wirksamkeit der Topik in der Populärkultur der vergangenen 125 Jahre geworfen werden.
Der Band ist in drei Abschnitte gegliedert. Am Anfang (Teil A) steht die ideengeschichtliche Verortung von Ludwig Quiddes Aufsatz zum ‚Caesarenwahn‘. Neben einem Abdruck dieses Textes inklusive der in der 26. Auflage beigefügten Erinnerungen Quiddes an die Entstehungszeit der Schrift wird in zwei Beiträgen auf die Einflüsse eingegangen, die der intellektuellpolitische sowie der psychologische Diskurs des späten 19. Jahrhunderts auf Quiddes These ausübten.
Heinrich Schlange-Schöningen stellt in seinem Grundlagenbeitrag Gustav Freytags Roman Die verlorene Handschrift vor, der für die Begrifflichkeit ‚Caesarenwahnsinn‘ prägend war und dem darin geschilderten scheinbaren Krankheitsbild zu weiter Verbreitung verhalf. Nicht minder wirkmächtig war die etwas früher aufgekommene politische Leitidee des ‚Caesarismus ‘, die wesentlich auf Theodor Mommsens überaus positivem Bild von Caesar als genialischem „Volkskönig“ fußte. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich die große Verbreitung erklären, die Ludwig Quiddes Aufsatz über Caligula erfuhr, in dem kaum verhüllt satirisch Kaiser Wilhelm II. und das monarchische System angegriffen wurden.
Die Vorstellung, dass Herrscher aufgrund ihrer vollkommenen Macht einer spezifischen Form von Wahnsinn verfallen konnten, hatte jedoch zu dieser Zeit bereits eine lange Tradition. Sie lässt sich bei antiken Geschichtsschreibern greifen, lebte im 18. Jahrhundert wieder auf und fand im 19. Jahrhundert in zahlreichen französischen und deutschen historischen Schriften einen Niederschlag. Ohne Ergebnis diskutiert wurde im 19. Jahrhundert insbesondere, ob es sich um eine physiologische oder psychologische Erkrankung handelte, ob soziale Faktoren oder körperliche Ursachen dahinter zu vermuten waren.
Mit eben diesen medizinischen Aspekten des ‚Caesarenwahnsinns‘ beschäftigt sich Florian Sittig. Er kann zeigen, dass sich zwischen dem von Quidde geschilderten Geisteszustand und dem am Ende des 19. Jahrhunderts populären Krankheitsbild der Neurasthenie strukturelle Ähnlichkeiten erkennen lassen, dass also Quiddes Schilderung im Kontext der zeitgenössischen fachwissenschaftlichen Diskussion der Psychopathologie zu sehen ist. Vor diesem Hintergrund untersucht Sittig, welchen Einfluss Sigmund Freud auf die wissenschaftliche Psychopathologie hatte und wie sich seine Arbeiten auf die Verwendung des Begriffes ‚Caesarenwahnsinn‘ auswirkten.
Der zweite Abschnitt des Bandes (Teil B) widmet sich den antiken Informationen, die Quidde für sein Konzept verarbeitet hat. Bei aller Satire auf das wilhelminische Kaiserreich, die Quiddes Text enthält, basiert dessen Beschreibung von Caligula/Wilhelm II. vollständig auf authentischem antikem Quellenmaterial. Gut 120 Jahre altertumswissenschaftlicher Forschung haben seither zahlreiche Grundannahmen, auf die Quidde sich stützen zu können glaubte, nachhaltig erschüttert. Dazu gehören sowohl Fragen der Quellenkritik und der Zuverlässigkeit antiker Historiographie als auch Probleme der Einordnung kaiserlichen Verhaltens in soziopolitische Handlungs- und Kommunikationsmuster antiker Kulturen. Die Beiträge dieses Abschnittes arbeiten daher zum einen topische Elemente der antiken Kaiserbiographien heraus. Zum anderen werden einzelne Symptome des Wahns, die Quidde beschrieb, mit dem Stand der aktuellen altertumswissenschaftlichen Forschungen zu den jeweils zugrunde liegenden Quellenberichten über das Verhalten römischer Kaiser konfrontiert.
In diesem Zusammenhang beschäftigt sich Thomas Blank mit den geistesgeschichtlichen Grundlagen der ‚Caesarenwahn‘-Topik, die er im Kern auf ein politisches Konzept der griechischen Philosophie zurückführt, bei dem ‚gute‘ Könige und ‚böse‘ Tyrannen einander gegenübergestellt werden.
Die Stereotypisierung römischer Kaiser nach diesen Maßstäben bildete sich in der frühen Kaiserzeit heraus, vor allem in den Umbruchzeiten nach dem Ende des julisch-claudischen Kaiserhauses und später der flavischen Dynastie, da die jeweiligen neuen Herrscher sich nicht mehr unmittelbar dynastisch legitimieren konnten und deswegen auf andere Strategien zurückgreifen mussten. Sie rekurrierten dabei vornehmlich auf die Herrschaftspraxis älterer Dynastiegründer und kontrastierten deren Verhalten mit dem derjenigen Vorgänger, deren öffentliche imago sich infolge ihres manifesten Scheiterns am leichtesten rückwirkend steuern ließ. So entstand bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts ein topischer Katalog einerseits der positiven Eigenschaften eines Kaisers, andererseits auch eine dieser entgegengesetzte Dystopie kaiserlicher Herrschaft. Die Psychologie des schlechten Kaisers lässt sich einerseits auf literarische Vorbilder seit der griechischen Tragödie zurückführen, steht andererseits aber auch unter dem Einfluss der in der griechischen Philosophie weiterentwickelten Tyrannentopik. Quidde scheint bei seiner Rezeption zwar das Urteil der kaiserzeitlichen Historiographen übernommen zu haben, aber auch in seiner eigenen Verarbeitung dieser Vorlagen wiederum geprägt zu sein von der politischen Philosophie, die diesem römischen Tyrannenbild zugrunde lag.
Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer stellt in seinem Beitrag zunächst knapp die ‚wahnsinnigen‘ Protagonisten vor, die in der späteren Rezeption besonderes Gewicht hatten: Caligula, Nero, Commodus und Elagabal. Sein Beitrag erläutert daraufhin die Neubewertung des (vermeintlichen) Phänomens ‚Caesarenwahn‘ in der historischen Forschung der Jahre ab 1990, die sich von dem seit dem 19. Jahrhundert vorherrschenden psychopathologischen Erklärungsansatz wie auch von einer politisch-anthropologischen Deutung löste. Neue Forschungsansätze erklären das Handeln der Kaiser religionspolitisch als Folge einer Hinwendung zu sogenannten orientalischen Göttern und der damit verbundenen gottgleichen Interpretation der Herrscherrolle. Darüber hinaus wurden die antiken historiographischen Quellen intensiv auf Elemente der Tyrannentopik hin untersucht. Es zeigte sich dabei, dass die historiographische Überlieferung den Fokus sehr stark auf Konflikte zwischen Kaiser und senatorischer Oberschicht legte und das übrige Regierungshandeln vernachlässigte. Diese Lücke in der antiken Geschichtsschreibung versuchte man durch das Heranziehen anderer Quellengattungen wie z. B. Inschriften und Münzen zu schließen. Über diese intensive Quellenuntersuchung hinaus entwickelten schließlich Egon Flaig und Aloys Winterling neue – und inzwischen allgemein anerkannte – Erklärungsmodelle zur Konzeption der römischen Monarchie, in denen sie das überlieferte Agieren der Kaiser soziologisch als gestörte Kommunikation zwischen den Herrschern und verschiedenen Gruppen der Bevölkerung des Imperium Romanum interpretierten.
Mit den Auswüchsen der luxuria, einem immer wieder bei der Beurteilung römischer Kaiser herangezogenen Tyrannentopos, setzt sich Ulrike Wulf-Rheidt (†) auseinander. Sie konzentriert sich dabei auf kaiserliche Bauten in Rom und darunter vorrangig auf Palastbauten. Deren Entwurf war ein schwieriger Balanceakt. Sie sollten einerseits der Repräsentation des Kaisers als Mitglied der Senatsaristokratie, als primus inter pares, dienen, gleichzeitig aber auch die herausragende politische Macht des Herrschers und seine ökonomische Präpotenz widerspiegeln.
In einem Vergleich der Bautätigkeit positiv beurteilter Kaiser wie Augustus, Trajan oder Hadrian mit der von Caligula oder Nero zeigt sich die Ambivalenz in der Beurteilung von Großbauten, die in engem Zusammenhang mit der Gesamteinschätzung von Regierungsmaßnahmen steht.
Im dritten Abschnitt des Bandes (Teil C) wird schließlich die kulturelle Wirksamkeit der Idee vom ‚Caesarenwahnsinn‘ untersucht, wobei ein Schwerpunkt auf der filmischen Rezeption liegt. Betrachtet und analysiert werden zum einen topische Elemente der Darstellung von Herrschertypen, zum anderen konkrete Fallbeispiele der Darstellung bestimmter historischer Figuren aus Antike, Neuzeit und (Post-)Moderne.
Als „Kaiser im Verbund“ bezeichnet Martin Lindner das Phänomen, dass in der Populärkultur des 20. Jahrhunderts schlechte Kaiser häufig nicht getrennt voneinander, sondern als in ihren Eigenschaften kombinierte Herrscher rezipiert werden. Er exemplifiziert diesen Befund unter anderem an dem Roman The Robe von Lloyd C. Douglas und der Rolle, die Caligula darin spielt: In seiner Darstellung als Christenverfolger nimmt der Kaiser unübersehbar Eigenschaften Neros an. Dies wird auch in der gleichnamigen Verfilmung des Romans sowie in dem daran anschließenden Fortsetzungsfilm Demetrius and the Gladiators deutlich. Die Amalgamierung von Caligula und Nero zu einem kaiserlichen ‚Extremschurken‘ („Verbundkaiser “) wird von Lindner anhand weiterer Beispiele aus Filmen und einer Reihe anderer Medien (Spiele, Musikstücke, Comicstrips und Graphic Novels) nachgezeichnet.
Anja Wieber stellt in ihrem Beitrag die Frage, ob auch antike Frauengestalten als Trägerinnen der Symptome des ‚Caesarenwahnsinns‘ in den Vorstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts vorkommen. Bei Quidde spielen diese keine Rolle und sind auch sonst selten ‚Akteure‘ des ‚Caesarenwahnsinns‘, meistens Opfer oder intrigante Einflussnehmerinnen auf die Politik ihrer kaiserlichen Söhne oder Ehemänner. Konkret befasst Wieber sich mit Messalina und ihrer Nachwirkung in der Populärkultur und untersucht vornehmlich anhand einer Verfilmung von 1959/1960 (Messalina Venere Imperatrice) das Bild, das im Kino von dieser ‚Kaiserin‘ erzeugt wird.
Sebastian Becker analysiert die Darstellung von Papst Alexander VI. Borgia in verschiedenen Filmfassungen, vor allem in zwei nahezu gleichzeitig produzierten neueren Fernsehserien. Hier führen die filmischen Adaptionen ein Borgiabild weiter, das bereits in den zeitgenössischen Quellen vorgeformt ist: das Bild eines kindischen, machtbesessenen, grausamen und sexuell enthemmten Gewaltherrschers. Die Parallelen zu den von Quidde genannten Symptomen sind bemerkenswert deutlich, ohne dass an irgendeiner Stelle explizit von ‚Caesarenwahn‘ die Rede wäre oder das Verhalten des berüchtigten Papstes in anderer Weise als kohärentes Krankheitsbild angesehen würde. Gerade das Fehlen einer ausdrücklichen Bezugnahme bezeugt aber die bemerkenswerte Wirkungsmacht des Erklärungsansatzes ‚Caesarenwahn‘: Becker sieht in ihm das unausgesprochene verbindende Element zur Erklärung der Figur Alexander VI.
Sandra Nuy wendet sich in ihrem Beitrag der Person zu, an die man beim Thema ‚Caesarenwahn‘ in der jüngeren Vergangenheit wohl als Erstes denkt. Sie untersucht filmische Repräsentationen von Adolf Hitler, bei denen sie unterschiedliche „Grunddramaturgien“ ausmacht (Hitler als das personifizierte Böse, Hitler als Witzfigur sowie – vor allem bei Filmen, die die frühen Jahre Hitlers in den Blick nehmen – Hitler als „Jedermann“). Besonderes Augenmerk richtet sie auf ein narratives Muster, das Politik und Künstlertum in der Filmpersona Adolf Hitlers miteinander verwebt, und stellt die Frage, inwieweit diese Kombination von Politik und Kunst das Bild des Diktators prägt.
Ausgehend von dem Befund, dass Donald Trump – in Medien aller Art und politischer Richtung – überaus häufig mit römischen Kaisern in einem Atemzug genannt wird, analysiert Neville Morley die Eigenart solcher Vergleiche, die auch von angesehenen Journalisten und Historikern angestellt werden. Morley spricht von einem „dramatischen Diskurswechsel “, der allerdings verschiedene Ursachen haben kann: Nicht nur die solche Vergleiche herausfordernden Eigenschaften Donald Trumps, sondern auch eine allgemeine Tendenz, die Vereinigten Staaten als „Imperium im Niedergang“ mit dem Römischen Reich zu vergleichen, könnten angeführt werden. Morley geht in seinem Beitrag von einem Ursachenbündel aus: die naheliegende Verunglimpfung Trumps durch seine Gegner als ‚zweiter Nero ‘ u. Ä. wird flankiert unter anderem von Diskursen der Selbstberuhigung (das schlimme Ende der schlimmen Kaiser macht Hoffnung auf Besserung der Lage) und analytischer Überlegenheit (der Rekurs auf historische Parallelen führt – scheinbar – zu einem besseren Verständnis der Gegenwart). Paradoxerweise kann die historische Forschung, die die ‚schurkischen Kaiser‘ in den letzten Jahren z. T. auch teilweise rehabilitiert hat, von Anhängern Trumps auch dahingehend instrumentalisiert werden, dass ein Vergleich mit diesen Herrschern sogar als Kompliment angesehen werden kann.
Den Abschluss bildet ein Beitrag, der sich mit der Übertragung der historisch hergeleiteten Topik auf Zukunfts-Narrative befasst: Christoph Endres geht es um den ‚Caesarenwahnsinn‘ nicht von Menschen, sondern von Maschinen. Er ordnet das Bild des bösen, sich verselbständigenden und nicht mehr beherrschbaren Roboters bzw. Computers in die Geschichte der Science-Fiction-Literatur ein. Er skizziert die rapide Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, die vielfach als Bedrohung empfunden wird, und gibt in einem Ausblick eine Einschätzung der tatsächlichen Gefahren unter anderem durch die Entwicklung autonomer Waffen. Sein optimistisches Fazit lautet allerdings, dass die Computertechnik vor allem neue Möglichkeiten biete – als Caesarenwahn titulierbare Devianz wird auf absehbare Zeit eine Domäne menschlicher ‚Caesaren‘ bleiben.
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1 Quidde 1894; vgl. 311926; Nachdrucke der jüngsten Edition in Wehler 1977 und Holl / Kloft / Fessel 2001.
2 Dazu Fesser 2001; Kloft 2000, 199; Holl 2007, 93–99; vgl. die zeitgenössischen Besprechungen der Schrift, abgedruckt in Holl / Kloft / Fesser 2001, 164–197 sowie die Einschätzung in der älteren Biographie bei Taube 1963, 4–12; 57–67.
3 Groh 1972; Kloft 2000; Schlünzen 2009; vgl. die Beiträge in Baehr / Richter 2004; in diesem Band den Beitrag von Heinrich Schlange-Schöningen.
4 Die Schrift erreichte allein in den beiden ersten Jahren seit ihrem Erscheinen eine Auflage von über 200.000 Exemplaren und wurde in verschiedene europäische Sprachen übersetzt (vgl. Kloft 2000, 181), letztmalig erschien sie 1926 in 31. Auflage: Quidde 311926. Spätere Abdrucke dieser letzten Auflage finden sich in Wehler 1977 und Holl / Kloft / Fesser 2011. Die Abweichungen zu früheren Auflagen sind dort nicht vermerkt.
5 S. dazu z. B. Sittig 2016.
6 Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts und bisweilen bis heute finden sich fragwürdige medizinhistorische Versuche, die (vermeintlich unstrittige) ‚Verrücktheit‘ Caligulas und anderer julisch-claudischer Kaiser auf medizinische Ursachen zurückzuführen, so z. B. Sandison 1958; zuletzt Camargo / Teive 2018; vgl. zur medizinhistorischen Debatte Sidwell 2010. Einen Mittelweg zwischen kulturhistorischem und medizinhistorischem Zugriff wählt Laes 2018, 37–79, der immerhin anerkennt, dass der ‚Wahnsinn‘ eines Caligula ein zeitgenössisches Konstrukt darstellen könnte; zu Begriffen und Konzepten des Wahns und devianten Verhaltens in der antiken Literatur jetzt bes. Sittig 2018, 66–137.
7 Die gründlichste Aufarbeitung dieser Thematik bieten Witschel 2006 und jüngst (in konkreter Anwendung auf Quiddes ‚Caesarenwahn‘-Konzept) Sittig 2018; vgl. zuvor Kloft 2001. Sommer 2012, 78–87 wendet den Begriff des ‚Caesarenwahns‘ in diesem Sinne als emblematische Kategorie für kaiserliches Verhalten an, das den zeitgenössischen Rollenerwartungen widersprach.
8 Freytag 1864; vgl. auch Wiedemeister 1875.
9 Sittig 2018, 31–38.
10 Ein markantes Beispiel bietet etwa die Berichterstattung über die riesigen Repräsentationsbauten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, in deren Zusammenhang regelmäßig von ‚Caesarenwahn‘, Größenwahn oder Prunksucht die Rede ist und Erdoğans Türkei als dem Untergang geweihtes Sultanat beschrieben wird, z. B. Seibert, T.: Ein Prunkbau für Erdogan. In: Der Tagesspiegel vom 29. 10. 2014. URL: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/tuerkei-ein-prunkbau-fuer-erdogan/10901586.html (letzter Zugriff, 13. 02. 2020); Arend, I.: Atatürks späte Rache (Kommentar). In: Der Tagesspiegel vom 10. 04. 2016. URL: https://taz.de/Debatte-Tuerkei/!5290134/ (letzter Zugriff, 13. 02. 2020); Güsten, S.: Erdogan will sich weiteren Palast errichten lassen. In: Der Tagesspiegel vom 29. 08. 2018. URL: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/tuerkei-erdogan-will-sich-weiteren-palast-errichten-lassen/22967032.html (letzter Zugriff, 13. 02. 2020); Mumay, B.: Die einen feiern, die anderen gehen. In: FAZ online vom 13. 09. 2018. URL: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/brief-aus-istanbul/brief-aus-istanbul-ein-neuer-palast-fuererdogan-15782733.html (letzter Zugriff, 13. 02. 2020); vgl. auch zum Umgang mit den Demonstrationen am Gezi-Park im Jahre 2014: Nonnenmacher, G.: Erdogans Cäsarenwahn (Kommentar). In: FAZ online vom 16. 05. 2014. URL: http://faz.net/aktuell/politik/tuerkei-erdogans-caesarenwahn-12943441 (letzter Zugriff, 14. 11. 2019). Auch wissenschaftliche Publikationen haben das ‚Wahnmotiv‘ mittlerweile aufgenommen, so Dreyer 2019, 839: „Die gesamte Anlage verströmt einen Ausdruck von Strenge, Ordnungswahn und unterschwelliger Forderung nach Unterwerfung, der nur gebrochen wird durch die peinliche Anmutung eines parvenuartigen Größenwahns […].“
11 Vgl. etwa die Meldungen angelsächsischer Medien im Zuge des Ukraine-Konfliktes, wonach Wladimir Putin laut älterer CIA-Dossiers die Symptome des Asperger-Syndroms zeige: Locker, R.: Pentagon 2008 Study Claims Putin Has Asperger’s Syndrome. In: USA Today vom 04. 02. 2015. URL: https://eu.usatoday.com/story/news/politics/2015/02/04/putin-aspergers-syndrome-study-pentagon/22855927/ (letzter Zugriff: 14. 10. 2020); Yuhas, A.: Pentagon Thinktank Claims Putin Has Asperger’s – Has Putinology Gone Too Far? In: The Guardian am 05. 02. 2015. URL: https://www.theguardian.com/world/2015/feb/05/vladimir-putin-aspergers-syndrome-pentagonstudies (letzter Zugriff: 25. 02. 2016); vgl. die kritischen Reaktionen bei Gilson, D.: The CIA’s Secret Psychological Profiles of Dictators and World Leaders are Amazing. Psychoanalyzing Stringmen, From Castro to Saddam. In: Mother Jones vom 11. 02. 2015. URL: https://www.motherjones.com/politics/2015/02/cia-psychologicalprofiles-hitler-castro-putin-saddam/ (letzter Zugriff: 25. 02. 2016); Maatz, B.: Wie die CIA Psychologen auf Diktatoren ansetzte. In: Zeit online vom 16. 02. 2015. URL: https://blog.zeit.de/teilchen/2015/02/16/cia-psychologische-diagnose-hitler-putingaddafi/ (letzter Zugriff: 25. 02. 2016).
Ludwig Quidde, 1858–1941
[1] Die Schrift von 1894 ist trotz ihrer dreißig Auflagen seit vielen Jahren vergriffen.
Seit dem Zusammenbruch 1918 bin ich immer wieder aufgefordert worden, eine neue Ausgabe zu veranstalten, natürlich (wie meist hinzugefügt wurde) mit einem erläuternden Bericht über die Bedeutung und die Schicksale der Schrift.
Ich habe mich lange dagegen gesträubt.
Mein erster Grund, solche Aufforderungen abzulehnen, lag in der geänderten Stellung zu Kaiser Wilhelm. Seit dem teilweisen Unrecht und der schweren Demütigung, die er 1908 nach dem Daily-Telegraph-Interview erlitten hatte, hatte ich die Waffen gegen ihn gesenkt. Ich war nicht unter seine Verteidiger gegangen; aber ich enthielt mich des Angriffs. Auch sprach bei mir zu seinen Gunsten, wie er 1911 der infamen Kriegshetze der Alldeutschen standgehalten hatte. Während des Krieges mußte ich ihn sogar gegen ungerechte Vorwürfe verteidigen. Die Forderung der Entente, ihn als Kriegsverbrecher auszuliefern, habe ich als eine dem deutschen Volk angesonnene Schmach betrachtet. Seit seiner Flucht nach Holland war er kein Faktor mehr von irgendwelcher Bedeutung für unser öffentliches Leben, und es schien mir unwürdig, dem Gestürzten noch Steine nachzuwerfen, zumal da es Einen ekeln konnte, wie viele von denen, die ihm vorher schmeichelten, nun über ihn herfielen.
Dieses Bedenken wurde stark erschüttert, als er mit seinem mehr als anfechtbaren Erinnerungswerk in die öffentliche Diskussion eingriff, es schwand vollends, als der Kaiser sich unentwegt huldigen ließ und solche Huldigungen durch seine Haltung ermutigte, vor allem aber, als die monarchistische Agitation, die auf Rückführung der Hohenzollern gerichtet ist, immer ungescheuter sich breit machte.
Es gab ein zweites Bedenken: die Frage, ob die Neuausgabe auf Interesse und Verständnis rechnen könne. Einer meiner Freunde warnte: Die Schrift sei schon fast legendarisch geworden; die Leute erinnerten sich, daß ich vor mehr als 30 Jahren den Caligula veröffent-[2]licht habe, und daß das eine fast prophetische Warnung an das deutsche Volk gewesen sei; die jüngere Generation werde die Schrift nicht mehr verstehen und schätzen können. Es würde die Wirkung nicht stärken, sondern abschwächen, wenn sie jetzt wieder leibhaftig vor die Augen der Leser komme.
Auch dieses Bedenken erledigte sich, und zwar auf dem Wege des Experiments. Wenn junge Leute mich um die Schrift baten, lieh ich sie ihnen und warnte sie, sie würden wohl nichts darin finden und wahrscheinlich nicht verstehen, weshalb sie ihrerzeit ein solches Aufsehen gemacht habe. Regelmäßig sprachen die Empfänger, wenn sie die Schrift zurückbrachten, von dem starken Eindruck, den sie davon empfangen hätten.
Die noch zurückgebliebenen Hemmungen wurden überwunden durch die Erwägung, daß wir jetzt in einem Entscheidungskampf zwischen der Republik und der monarchistischen Bewegung stehen.
Nicht, daß es entscheidend wäre, ob am 20. Juniii die 20 Millionen Stimmen erreicht werden. Ich bin gewiß Republikaner und doch ein Gegner der entschädigungslosen Enteignung. Aber die Frage ist, ob nicht, nachdem der Reichstag so kläglich versagt hat, das Ja beim Volksentscheid das geringere Übel ist. Wird der zur Abstimmung stehende Gesetzentwurf angenommen, so bleibt es ja den Ländern unbenommen, aus freien Stücken den Angehörigen der Dynastien angemessene Abfindungen zu gewähren.
Entscheidend aber ist, daß die Hunderte von Millionen aus unserem verarmten Land nicht in die Hände der Hohenzollern und der Koburger kommen dürfen, um dort vielleicht als Mittel zur Nährung des Kampfes gegen die Republik verwandt zu werden.
In dieser Lage ist es Pflicht jedes Republikaners, die Revision der monarchischen Gesinnung, zu der die ungeheuerlichen Ansprüche der entthronten Herrscherhäuser bei Millionen von Mitbürgern endlich Anlaß gegeben haben, zu fördern und dazu beizutragen, daß auch nach etwaigem Mißerfolg des Volksbegehrens der Reichstag ein Gesetz verabschiedet, das den Fürsten geben möge, was ihnen billigerweise zukommt, aber dem Volke sichert, was des Volkes ist.
Den Wiederabdruck der Schrift habe ich mit viel umfangreicheren Darlegungen begleitet: mit Erläuterungen, die zu einem Versuch der Charakteristik Wilhelms II. angewachsen sind, und mit persönlichen Erinnerungen. Ich hoffe, der Leser wird sie zum Teil lehrreich finden, da sie ihn in die früheren Zustände versetzen, zum Teil auch unterhaltsam, und deshalb die Verbindung der verschiedenartigen Bestandteile zu einem Ganzen billigen.
Pfingsten 1926.
L. Quidde.
[3] Gajus Cäsar, bekannt unter seinem Beinamen Caligula (d. h. Stiefelchen), war noch sehr jung, noch nicht zum Manne gereift, als er unerwartet zur Herrschaft berufen wurde. Dunkel und unheimlich waren die Vorgänge bei seiner Erhebung, wunderbar die früheren Schicksale seines Hauses. Fern von der Heimat war der Vater noch in der Blüte seiner Jahre einem tückischen Geschick erlegen, und im Volke sprach man viel von geheimnisvollen Umständen dieses Todes; man schreckte vor den schlimmsten Beschuldigungen nicht zurück, und bis in die Nähe des alten Kaisers wagte sich der Verdacht.1 Dem Volke war sein Liebling mit ihm genommen; einer Popularität wie kein anderes Mitglied des Kaiserhauses hatte er sich erfreut.2 Dem Soldaten war er vertraut aus vielen Feldzügen, in denen er mit dem gemeinen Mann die Beschwerden des Krieges geteilt hatte, die deutschen Lande – die Gegenden am Rhein waren voll seines Namens. Doch nicht nur als Kriegsheld war er dem Volke erschienen; er war im besten Sinne populär gewesen. Sein Familienleben, die Schar seiner Kinder,3 die schlichte bürgerliche Art,4 der freundliche Gleichmut in allen Lagen, das gewinnende Scherzwort in seinem Munde5 hatten ihm wie die Soldaten auch die Bürger verbunden. Solange der alte Kaiser lebte, war er freilich, so hohe Ämter ihm auch übertragen wurden, für die wichtigsten Fragen der inneren Politik bei aller Schaffenskraft und Schaffenslust zur Untätigkeit verdammt; wäre er aber zur Regierung gekommen, so hätte man freiere, glücklichere Tage von ihm erwarten dürfen, die Be-[4]seitigung des dumpfen Druckes, der auf dem ganzen Reiche lastete. So war die Hoffnung einer ganzen Generation mit Germanicus ins Grab gesunken.
Von diesem Liebling des Volkes strahlte ein Schimmer von Popularität auch auf den Sohn hinüber,6 der freilich sonst ganz unähnlich seinem Vater heranwuchs, vielleicht der stolzen und leidenschaftlichen Mutter7 ähnlicher, die die an sich nicht leichte Stellung ihres Gatten gewiß oft noch erschwert hatte, und zugleich bevorzugt von dem alten Kaiser, der des Germanicus Gattin und Kinder mit Haß und Argwohn verfolgte, für Gajus aber eine gewisse Zuneigung gehegt zu haben scheint, vielleicht nur, weil er das gerade Widerspiel des ihm so unsympathischen Vaters in ihm sah.
Zur Regierung gelangt, war der junge Kaiser für alle zunächst eine unbekannte, noch rätselhafte Erscheinung. Wohl hatte man gewiß in den letzten Jahren allerhand Mutmaßungen über ihn verbreitet, Günstiges und Ungünstiges; man rühmte, so dürfen wir annehmen, aus wie hartem Holze dieser Jüngling geschnitzt sein müsse, der sich unter so schwierigen Verhältnissen zu behaupten gewußt hatte, man fürchtete vielleicht seinen Eigenwillen, die Neigung zum Mißbrauch einer so großen Gewalt, die Einwirkung unreifer persönlicher Ideen, man wußte auch allerhand von einer früh hervorgetretenen Brutalität zu erzählen; vor allem aber überwog gewiß die Auffassung, daß seine jungen Jahre fremden Einflüssen leicht zugänglich sein würden; man durfte darauf rechnen daß zunächst die Regierungsgewalt des allmächtigen Garde-Präfekten noch gesteigert werden würde; war doch der junge Kaiser, wie alle Welt behauptete, diesem ganz besonders verpflichtet!8
Von vielen dieser Dinge, die man erwarten und fürchten mußte, geschah nun so ziemlich das Gegenteil. Der leitende Staatsmann scheint sehr bald in Ungnade gefallen zu sein, sein Einfluß trat ganz zurück, der Kaiser nahm selbst die Zügel der Regierung in die Hand und begann sogleich sein eigenstes Regiment. Das Volk jubelte ihm zu;9 denn wie eine Erlösung ging es bei dem Regierungswechsel durch alle Kreise, eine Ära der Reformen schien zu beginnen und für liberale Gedanken eine freie Bahn sich zu eröffnen.10
So vielversprechend waren die Anfänge des Caligula, der als Sohn des zu früh dahingeopferten Germanicus und der Agrippina im Jahre 37 n. Chr. seinem Großoheim, dem Tiberius, nachfolgte und nun durch sein Auftreten die Welt in Erstaunen setzte.
[5] Daß der unter Tiberius zuletzt allmächtige Minister und Prätorianer-General Macro, an dessen Hand Caligula doch zum Throne emporgestiegen war, anscheinend alsbald beiseite geschoben wurde, ist schon erwähnt. Diese Emanzipierung des jungen Kaisers schien zugleich eine Änderung der Regierungsgrundsätze zu bedeuten.11 Alte Forderungen der liberalen Elemente wurden erfüllt. Vor allem wurde dem politischen Leben wieder mehr Freiheit gelassen. Caligula schien Ernst machen zu wollen mit Beobachtung gewisser Verfassungsformen, die unter Tiberius in Verfall geraten waren; bei Feststellung des Budgets und des Militäretats schien er der öffentlichen Meinung mehr Einfluß zu gönnen;12 das freie Wahlrecht der Volks-Comitien schien wieder aufzuleben;13 gegen das Delatorenunwesen, das etwa politischem Lockspitzeltum unserer Tage vergleichbar ist, wurde eingeschritten14 und damit das öffentliche wie das private Leben von einem seiner schlimmsten Schäden befreit, die Schriften des Labienus, des Cremutius Cordus und des Cassius Severus, die als staatsgefährlich verboten waren, wurden wieder freigegeben,15 politische Gefangene mit einer Amnestie bedacht, Prozesse wegen Majestätsbeleidigung niedergeschlagen und die Gesetze, die dieses Vergehen mit schweren Strafen bedrohten, außer Anwendung gesetzt.16 Auch drückende Steuern, die gerade den kleinen Verkehr der breiten Massen drückten, wurden erlassen und Erleichterungen zugunsten der ärmsten Klassen bei der Getreideversorgung eingeführt – von den Spielen, die Caligula nach dem alten Rezept „panem et circenses“ in Aufschwung brachte, zu schweigen. So schien mit der größeren Freiheit auch eine Ära der sozialen Reformen oder doch einer volkstümlichen Behandlung wirtschaftlicher Fragen heraufzuziehen.
Aber schon in diesen ersten Anfängen des Caligula, während der Jubel eines leicht zum Beifall begeisterten Volkes ihn umgab, werden vorsichtige Beobachter sich sorgende Gedanken gemacht haben.
* * *
Es war das berauschende Gefühl der Macht, das Bewußtsein, nun plötzlich an erster Stelle zu stehen, der Wunsch, etwas Großes zu wirken, und vor allem der Trieb, in der Weltgeschichte zu glänzen, [6] was den Caligula zeitweilig über sich selbst hinaufhob. Ihn packte in dieser so außerordentlichen Veränderung seines Lebens der Ehrgeiz, sich nun durch etwas hervorzutun, was ihm im Grunde fremd war, durch Freisinn und Pflege des Gemeinwohls. Zugleich aber zeigten sich gar bald bedenkliche Eigenschaften. Es fehlte das feste Fundament einer in inneren Kämpfen gewonnenen ausgeglichenen Lebensanschauung; die Haupttriebfeder seiner Handlungen war nicht der Wunsch, Gutes zu schaffen, sondern der Ehrgeiz, als Förderer populärer Bestrebungen bewundert zu werden und als großer Mann auf die Nachwelt zu kommen;17 der durchgehende Charakterzug seiner Maßregeln war eine nervöse Hast, die unaufhörlich von einer Aufgabe zur andern eilte,18 sprunghaft und oft widerspruchsvoll, und dazu eine höchst gefährliche Sucht, alles selbst auszuführen.
Die Kaltstellung des Macro, von der wir schon sprachen, ist wesentlich unter diesem Gesichtspunkt zu beurteilen. Zwar scheint es, daß die Beziehungen zwischen den beiden Männern nicht ganz oder doch nicht für immer abgebrochen wurden; denn Macro kam in die Lage, dem jungen Kaiser Rat zu erteilen, ihm Mäßigung und Besonnenheit anzuempfehlen.19 Doch bekam ihm seine Warnerrolle schlecht; er erregte nur den höchsten Zorn des Kaisers, der sich dann in blutigem Wüten gegen ihn und seine Familie wandte.20 Die dankvergessene Behandlung des Macro wird unter den Umständen, die die Popularität des Caligula erschüttert haben, besonders namhaft gemacht.
Die Zurückdrängung des Mannes, der zunächst zur Leitung der Staatsgeschäfte berufen gewesen wäre, erwies sich bald als ein Vorgang, der nicht etwa in einem Gegensatz der beiden Persönlichkeiten, sondern in der ganzen Art Caligula s seinen Grund hatte. Von hochgestellten Männern, die unter ihm wirklich einflußreich gewesen waren, hören wir gar nichts. Der Kaiser konnte keine selbständige Kraft neben sich ertragen – er wollte sein eigener Minister sein, und nicht nur das: auf jedem Gebiete auch selbständig eingreifen. Dazu aber fehlte es seiner im Grunde beschränkten Natur, auch ehe dieselbe zu Schlimmerem ausartete, an Kenntnissen und an Talent, an Ruhe und Selbstzucht.
Bald trat sehr viel Ärgeres hervor.
Sein rücksichtsloser Eigenwille,21 die überraschenden Reformideen, die plötzlichen und grausamen Maßregelungen hochgestiegener [7] Männer mögen als Äußerungen einer kräftigen Herrschernatur noch den Beifall großer Massen entfesselt haben, als Einsichtigere dahinter schon ein schreckliches Gespenst lauern sahen: den Wahnsinn.
* * *
Man hat sich gewöhnt, von Cäsarenwahnsinn als einer besonderen Form geistiger Erkrankung zu sprechen, und dem Leser wird die packende Scene aus Gustav Freytags „Verlorener Handschrift“ in Erinnerung sein, wo der weltfremde Professor ahnungslos dem geisteskranken Fürsten aus Tacitus das Bild seines Lebens entwickelt. Die Züge der Krankheit: Größenwahn, gesteigert bis zur Selbstvergötterung, Mißachtung jeder gesetzlichen Schranke und aller Rechte fremder Individualitäten, ziel- und sinnlose brutale Grausamkeit, sie finden sich auch bei anderen Geisteskranken; das Unterscheidende liegt nur darin, daß die Herrscherstellung den Keimen solcher Anlagen einen besonders fruchtbaren Boden bereitet und sie zu einer sonst kaum möglichen ungehinderten Entwicklung kommen läßt, die sich zugleich in einem Umfange, der sonst ganz ausgeschlossen ist, in grausige Taten umsetzen kann.
Der spezifische Cäsarenwahnsinn ist das Produkt von Zuständen, die nur gedeihen können bei der moralischen Degeneration monarchisch gesinnter Völker oder doch der höher stehenden Klassen, aus denen sich die nähere Umgebung der Herrscher zusammensetzt. Der Eindruck einer scheinbar unbegrenzten Macht läßt den Monarchen alle Schranken der Rechtsordnung vergessen; die theoretische Begründung dieser Macht als eines göttlichen Rechtes verrückt die Ideen des Armen, der wirklich daran glaubt, in unheilvoller Weise; die Formen der höfischen Etikette – und noch mehr die darüber hinausgehende unterwürfige Verehrung aller derer, die sich an den Herrscher herandrängen – bringen ihm vollends die Vorstellung bei, ein über alle Menschen durch die Natur selbst erhobenes Wesen zu sein; aus Beobachtungen, die er bei seiner Umgebung machen kann, erwächst ihm zugleich die Ansicht, daß es ein verächtlicher gemeiner Haufen ist, der ihn umgibt. Kommt dann noch hinzu, daß nicht nur die höfische Umgebung, sondern auch die Masse des Volkes korrumpiert ist, daß der Herrscher, er mag beginnen, was er will, keinen mannhaften offenen Widerstand findet, daß die Opposition, wenn sie sich einmal hervorwagt, zum mindesten ängstlich den Schein aufrecht erhält, die Person des Herrschers und dessen Anschauungen nicht bekämpfen zu wollen, ist gar dieser korrumpierte Geist, der das Vergehen der Majestätsbeleidigung erfunden hat und in der Versagung der Ehrfurcht eine strafbare Beleidigung des Herrschers erblickt, in die Gesetzgebung und in die Rechtsprechung eingezogen: so ist es ja wirklich zu verwundern, wenn ein so absoluter Monarch bei gesunden Sinnen bleibt.
[8] So waren in dem schon so verrotteten römischen Staatsleben Vorbedingungen für die Entwicklung des Cäsarenwahnsinns reichlich gegeben. Dabei war Caligula beiderseits erblich belastet (man denke an Julia, deren Sohn Gajus und an seines Großoheims Tiberius’ letzte Jahre), und auch der Umstand, daß er so jung zur Herrschaft gelangte, mußte alle vorhandenen Keime üppig emporschießen lassen, da das schroffe Mißverhältnis zwischen äußerer Stellung und innerer Berechtigung auf seinen jugendlichen, von jeher zu Exzessen jeder Art geneigten Geist wie Gift einwirkte.
In wirklichen Wahnsinn ist Caligula trotzdem erst nach einer schweren Krankheit verfallen, von der er zu seinem und des Volkes Unglück genas; aber man wird sagen dürfen, daß diese Krankheit aller Wahrscheinlichkeit nach die Entwicklung nur beschleunigt hat; denn die deutlichen Ansätze dazu waren schon vorher vorhanden, und die ungünstig wirkenden äußeren Faktoren, die dieselben fördern mußten, waren von seiner kaiserlichen Stellung im damaligen Rom nicht zu trennen.
* * *
Das Bild des Cäsarenwahnsinns, das uns Caligula darbietet, ist geradezu typisch. Fast alle Erscheinungen, die wir sonst bei verschiedenen Herrschern antreffen, sind in ihm vereinigt, und wenn wir die scheinbar gesunden Anfänge mit der schauerlich raschen Steigerung zu den äußersten Exzessen zusammenhalten, so gewinnen wir auch ein Bild von der Entwicklung der Krankheit.
Eine Erscheinung, die an sich noch nicht krankhaft zu sein braucht, in der sich aber, wenn man sie mit den übrigen Symptomen zusammenhält, der Größenwahn schon früh bei Caligula ankündigt, ist die ungemessene Prunk- und Verschwendungssucht, ein Charakterzug fast aller Fürsten, die das gesunde Urteil über die Grenzen ihrer eigenen Stellung verlieren, von orientalischen Despoten bis auf gewisse Träger der Tiara, bis auf die beiden französischen Ludwige und ihre deutschen Nachahmer, eine Reihe, die in dem unglücklichen Bayernkönig vorläufig ihren letzten berühmten Vertreter gefunden hat. Nach kurzer Zeit war nicht nur der sehr bedeutende Schatz, den der sparsame alte Kaiser hinterlassen hatte, verbraucht22 sondern man mußte auch zu sehr bedenklichen Mitteln greifen, um die Einnahmen zu steigern und die Schulden zu decken.23 Die eben abgeschafften Steuern wurden wieder eingeführt, neue, zum Teil sehr drückenden oder schimpflichen Charakters, kamen hinzu, die Justiz wurde mißbraucht, um dem Schatz Strafen und konfiszierte Vermögen [9] zuzuführen, und schließlich ward der Grundsatz proklamiert, daß das Vermögen der Untertanen zur Verfügung des Fürsten sei.24
Prunk- und Verschwendungssucht haben sich natürlich bei Caligula auf den verschiedensten Gebieten betätigt, bei Festen, Mahlzeiten25 und Geschenken, in Kleidung und Wohnung und allem, was sonst zum Leben gehört, besonders auch in der Einrichtung seiner Paläste und Villen und der mit unsinnigem Luxus ausgestatteten kaiserlichen Jachten,25a am allerhervorstechendsten aber in riesenhaften Bauten und Bauprojekten.26 Auch das ist ein den überspannten Herrscherideen eigentümlicher Zug – man denke nur an die soeben schon berührten Beispiele; man kann ihn sich übrigens leicht genug verständlich machen, wenn man die Ruhmsucht der Cäsaren und ihren Wunsch, vor der Nachwelt zu glänzen, im Auge behält.
Die Maßlosigkeit der Projekte des Caligula und die kurze Zeit seiner Regierung haben bewirkt, daß eine Reihe seiner Bauten unvollendet liegen geblieben ist. Auf dem Palatin in Rom zeigt man noch die Anfänge zu der „Brücke des Caligula“, durch die er über das Forum hinüber den Kaiserpalast mit dem Capitol, dem Heiligtum der Stadt, verbinden wollte.27 Große Wasserleitungen und Zirkusbauten nahm er gleichzeitig in Angriff, auch das schon öfter erörterte Projekt eines Kanals durch die Landenge von Korinth sollte schleunigst zur Ausführung gebracht werden.28 Mit dieser Baulust war eine auffallende Zerstörungssucht verbunden. Erhaltenswerte Bauten wurden aus nichtigen Gründen zerstört oder umgestaltet.29 Was aber neu entstand, trug zum großen Teil den Stempel von ganz bizarren Einfällen. Je unmöglicher und unsinniger eine Aufgabe schien, um so mehr lockte sie ihn.30 Am Golfe von Neapel nennt man Überreste eines römischen Hafendammes Ponte di Caligula in Erinnerung an den phantastischen Brückenbau, den er dort zur Ausführung eines wahnwitzigen Gedankens hatte herstellen lassen.
Caligula ließ nämlich über die Bucht von Bajae eine riesenlange Schiffsbrücke schlagen, auf derselben eine förmliche Landstraße mit Schenken und Süßwasserleitungen anlegen und führte, angetan mit dem angeblichen Panzer Alexanders des Großen, seine Truppen über die Brücke nach Bajae, fiel mit seinen Soldaten in die friedliche Stadt ein, wie um sie zu erobern, veranstaltete am nachfolgenden Tage auf der Brücke einen großen Triumphzug mit gewaltigem Aufputz, fingierter [10] Beute und fingierten Gefangenen und feierte schließlich selbst das glorreiche Unternehmen, die Überwindung so vieler Strapazen, wie er sagte, und die Fesselung des Ozeans in pomphafter Rede und rauschenden Festen.31
* * *
Wahnwitzige Prunk- und Verschwendungssucht tritt in diesem berühmt gewordenen Unternehmen recht kraß hervor, zugleich aber noch eine andere ganz eigentümliche Richtung, die der krankhafte Größenwahn und das Prunkbedürfnis der Fürsten zu nehmen pflegt: der Heißhunger nach militärischen Triumphen.
Das Grausige und das Lächerliche grenzen gerade hier hart aneinander. Wenn einerseits die Vorliebe für prunk- und ruhmsüchtige Aktionen und für kriegerisches Schaugepränge zu den schauerlichsten Folgen, zu wahren Völkermetzeleien führt, so schlägt sie andererseits, wenn der Schein an Stelle schrecklicher Wirklichkeit tritt, gar leicht ins Komisch-Kindische um.
Bei Caligula tritt diese letztere Seite der Sache besonders scharf hervor. Die Zeitverhältnisse waren nicht danach angetan, Kriege zu führen und kriegerische Triumphe zu gewinnen. Die Grenzen waren beruhigt, auf weitere Ausdehnung des Reiches hatte man verzichtet. Caligula s echt-cäsarisch-krankhafte Sucht, auch auf militärischem Gebiete zu glänzen, warf sich deshalb auf spielerische Manöver und auf einen theatralischen Schein. Im Stile jenes Triumphzuges über den Golf von Bajae hat er noch mancherlei vollführt. Wir heben nur zwei besonders sprechende Beispiele hervor.
Ganz plötzlich faßte er den Entschluß, sich zum Heere an den Rhein zu begeben. Hals über Kopf mußte alles in Bewegung gesetzt werden.32Bei der Armee angekommen, zeichnete er sich zunächst durch eine ganz ungewöhnliche disziplinarische Strenge auch gegen Offiziere aus:33 besonders die unglücklichen Führer, die bei dieser plötzlichen Mobilmachung nicht schnell genug auf dem Sammelplatz eintrafen, hatten seinen Zorn zu fühlen. Zugleich schien er, so wenig er auch selbst an seine eigene Jugend erinnert werden wollte,34 auf Verjüngung der Armee bedacht zu sein; er verfügte die Verabschiedung vieler älterer Centurionen mit der Begründung, daß sie zu alt oder zu hinfällig seien. Gegen andere schritt er wegen finanzieller Mißbräuche in der Verwaltung ein. Wenn das scharfe Anziehen der Disziplin auch diesem oder jenem als besondere Schneidigkeit imponiert haben mag, [11] so hat es zugleich doch auch, wie wir aus den Berichten des Sueton ersehen, viel Unzufriedenheit hervorgerufen, und manche Maßregeln müssen unbefangenen Beurteilern geradezu als eine lächerliche Renommisterei erschienen sein, besonders wenn sie sahen, was sich nun weiter anschloß.
Der Kaiser ließ ein Manöver über den Rhein hinüber ausführen. Germanische Soldaten seiner Leibwache und als Geiseln anwesende Fürstensöhne mußten sich als Germanenkrieger verkleiden und unweit des Rheines Stellung nehmen; davon wurde, während der Kaiser bei Tafel saß, militärische Meldung durch die Vorposten erstattet, und über diesen „markierten“ Feind, der sich gefangen nehmen ließ, wurde dann ein glorreicher Sieg erfochten; die dressierten Leibsoldaten und die armen Germanenjünglinge paradierten als Gefangene.35
Das Soldaten- und Manöverspiel artete hier schon zu einer von aller Welt belachten Farce aus.
Fast noch grotesker wirkte die Unternehmung gegen Britannien, bei der Caligula schließlich seine Soldaten am Strande Muscheln sammeln ließ. Diese Beute des Meeres sollte wie eine Kriegstrophäe gelten.36
* * *
Zum zweiten Male kehrt hier der phantastische Gedanke einer Bezwingung des Weltmeeres wieder. Der junge Kaiser scheint eine ganz besondere, an sich sympathische, nur auch wieder ins Krankhafte verzerrte Vorliebe für die See gehabt zu haben. Wir erwähnten schon die besonders prunkhafte Ausstattung seiner Jachten. Wiederholt hören wir, daß er kleine und große Seereisen unternahm, und auch in der Schönheit des Sturmes scheint er das Meer aufgesucht zu haben. Für seine Umgebung muß diese Passion recht unbequem gewesen sein; denn er scheint rücksichtslos verlangt zu haben, daß alle seine Vorliebe teilten, und dem armen Silanus, der einmal bei stürmischem Wetter zurückgeblieben war, ist seine Furcht vor Seekrankheit zum Verderben geworden, da Caligula, damals schon ganz in blindem Mißtrauen blutig wütend, andere Motive dahinter vermutete.37
* * *
In dem Manöver- und Soldatenspiel Caligula s, das wir kennen gelernt haben, in seinen Disziplinmarotten und in den Triumphzügen liegt offenbar ein komödiantischer Zug, der für das pathologische Bild des Cäsarenwahnsinns charakteristisch ist. Er beschränkt sich bei Caligula nicht auf militärische Komödien. Wir hören von seiner [12] ungemessenen Passion für Theater und Zirkus – und mehr als das: wir hören, wie er selbst gelegentlich mitzuagieren begann, wie ihn eine absonderliche Vorliebe für auffallende Kleidung und deren fortwährenden Wechsel beherrschte,38 wie diese Vermummungsspielerei dahin ausartete, daß er sich in den Masken der verschiedenen Gottheiten (Götter und auch Göttinnen!) gefiel39 – ein Zug, auf den wir in anderem Zusammenhange noch zurückkommen –, wie er ferner seine eigenen mimischen Künste bewundern ließ, z. B. nachts Senatoren aus ihren Betten aufschreckte, nur um ihnen vorzutanzen;40 es wird uns berichtet, daß er öffentlich als Zirkuskämpfer, wie später Nero, auftrat41 und sogar, wie später Commodus, als Gladiator,42 also in einer Rolle, die damals den Fluch sozialer Ächtung auf den unglücklichen Träger herabzuziehen pflegte.
Es kommt bei diesem komödiantischen Zuge des Cäsarenwahnsinns wohl zweierlei zusammen, erstens eine krankhaft-phantastische Anlage, gleichsam die stehengebliebene Neigung des Kindes, seine Phantasiegebilde mit der realen Welt zu verschmelzen, eine Neigung, die sich unter Verhältnissen am besten halten kann, wo an Stelle einfacher Natürlichkeit schon so viel verschrobenes Komödienspiel, so viel Fiktionen herrschend sind wie an einem Kaiserhofe, und dann zweitens das Bedürfnis, überall und auf jedem Gebiete zu glänzen, ein Bedürfnis, das ebenfalls durch die eigenartige Stellung des absoluten Herrschers krankhaft genährt wird.
In der Reihe von Herrschertypen, bei denen von eigentlicher Geisteskrankheit nicht die Rede ist, begegnen wir deshalb ja so oft Persönlichkeiten, die sich andauernd auf gewissen Gebieten jämmerlich bloßstellen, zum Teil weil in ihrer Stellung der Zwang und der Trieb liegt, überall hervorzutreten, zum Teil weil die Umgebung sie in dem Glauben erhält, daß sie etwas Geniales und gewaltig Imponierendes leisten, auch wo die mildesten aufrichtigen Beurteiler bedenklich den Kopf schütteln.
Ein Gebiet, auf dem Caligula mit Vorliebe zu glänzen suchte, war die Beredsamkeit; er sprach gern und viel öffentlich, und es wird uns berichtet, daß er auch ein gewisses Talent dafür besaß,43 daß insbesondere ihm die Kunst, zu verletzen und zu schmähen, eigen war. Mit Vorliebe wandte er sich gegen die Koryphäen der Literatur. Manches beißende Wort gegen sie soll ihm nicht schlecht gelungen sein. Doch ging sein unverständiger Fanatismus so weit, daß er [13] klassische Autoren, wie Homer, Virgil und Livius, am liebsten aus allen Bibliotheken verbannt hätte.44
Dabei scheint er doch Zitate aus den verhaßten Autoren manchmal gern in epigrammatisch zugespitzten Worten benutzt zu haben, um seine eigene Stellung zu bezeichnen. So herrschte er seine Gäste einstmals mit dem berühmten Verse des Homer an: εἷς κοίρανος ἔστω, εἷς βασιλεύς: Einer sei Herrscher, einer nur König!45 Am berühmtesten geworden ist sein Lieblingszitat46 aus einem Tragiker; „Oderint, dum metuant,“ d. h. mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten, wohl die zugespitzteste Äußerung seiner zäsaristischen Auffassung der Beziehungen zwischen Regenten und Volk.
* * *
Die Freude an rücksichtsloser Gewalttätigkeit, die sich in dem häufigen Gebrauch dieses Wortes gleichsam als obersten Leitmotives seiner Regierungspraxis ausspricht, beherrschte seine Stellung zu allen Verhältnissen des öffentlichen Lebens.
Sehen wir zunächst selbst von positiver Grausamkeit noch ab, so ist es ja typisch für diese Art von Cäsaren, daß fast ihr vornehmstes Interesse, wie bei Caligula, darin besteht, jedermann ihre Macht fühlen zu lassen, daß sie nichts mehr aufbringt, als die Empfindung, Grenzen dieser Macht anzutreffen, und daß sie als wirksamstes Mittel, um jeden Widerstand ihrer Untertanen im Keime zu ersticken, die Verbreitung von Furcht und Schrecken betrachten. Bramarbasierend pflegen sie, gleich Caligula, die Drohung, daß jedermann ihre Macht fühlen solle, in unzähligen Varianten im Munde zu führen. Das wiederholt sich öfter in der römischen Kaisergeschichte, und auch sonst gibt es Beispiele genug. Selbst so geniale Cäsarenn aturen wie Napoleon sind davon nicht frei. Glücklich das Volk, wenn solche Herrscher durch die Macht der äußeren Verhältnisse genötigt sind, sich mit bloßen Drohungen zu begnügen, und nicht wie Caligula zu Taten übergehen können.
Von dem Streben des Herrschers, die eigene Macht fühlbar zu machen, pflegen zunächst nicht so sehr die breiten Massen des Volkes wie die höher gestellten Gesellschaftsklassen, vornehme Familien und hohe Beamte, getroffen zu werden. Die ersten schwachen Anfänge sind allerhand Rücksichtslosigkeiten47 – doch eben nur schwache Anfänge; denn mit zynischem Behagen suchen solche Herrscher bald alles herabzudrücken, was neben ihnen selbständige Gel-[14]tung beanspruchen kann. Auch bei Caligula ist zu beobachten, wie er jeden Vorzug und besonders jedes Verdienst mit seinem Haß verfolgte,48 wie er systematisch alles Ansehen durch Mißachtung und Hohn zu untergraben suchte, wie er darauf ausging, hochgestellte Männer zu erniedrigen, sie zwang, als Gladiatoren aufzutreten49 (wobei freilich auch sein Gefallen am Blutvergießen ins Spiel kam), sie hinter seinem Wagen herlaufen, bei Tische aufwarten ließ50 oder ihnen den Fuß zum Kusse reichte51 – der Handkuß galt wohl kaum mehr als eine Erniedrigung, sondern eher als eine Ehre! Geflissentlich verhöhnte er die uralten Traditionen vornehmer Familien52 und setzte seine eigene Umgebung aus Personen des niedrigsten Standes zusammen. Kutscher, Gladiatoren, Schauspieler und allerhand fahrendes Volk seien, so sagte man, sein täglicher Umgang,53 während die berufenen Männer beiseite geschoben wurden (auch wieder ein Zug, dem man in der Geschichte kranker Herrschergestalten oft genug begegnet).
Sicherlich hat Caligula auf ähnliche Weise auch im eigentlichen Staatsleben mit den Stellen der Zivilverwaltung und des Heeres gewirtschaftet.
Gerade an diesem Punkte empfindet man es besonders schmerzlich, daß die uns erhaltene Darstellung des Tacitus beim Regierungsantritt des Caligula abbricht. Er würde gewiß mit unnachahmlicher Kunst geschildert haben, wie dieser Charakterzug zersetzend auf die ganze Staatsverwaltung eingewirkt hat. Von geringeren Autoren ist uns jetzt fast nur der äußerste Zug von Wahnsinn überliefert, wie Caligula schließlich einem Pferde die Konsulwürde zu verleihen beabsichtigt haben soll.54 Die Stufen, die zu diesem Gipfel bubenhafter Verhöhnung führten, müssen wir uns kombinierend ergänzen. Es fällt aber nicht schwer, sich vorzustellen, wie die Mißachtung jeder Sachkenntnis und jeder auf Fachbildung beruhenden Autorität, von kaum bemerkbaren Anfängen an, sich dazu fortentwickelt hat.
Nur zwei Einzelerscheinungen, die hierher gehören, sind uns zufällig bekannt. Die Wissenschaft der Jurisprudenz hat Caligula in der Praxis völlig beseitigen, den Stand der Juristen völlig ausrotten wollen.55 Mag in dieser Juristenfeindschaft auch der gesunde Kern stecken, daß die Existenz einer Fachjurisprudenz dem Wesen des lebendigen Rechtes [15] widerstreitet, so ist der Gedanke selbst doch unter den gegebenen Verhältnissen des damaligen römischen Lebens wieder echt cäsarisch. Der andere Vorgang betrifft das Heerwesen. Eine Anzahl von Zirkusfechtern wurde anscheinend unvermittelt aus bloßer Laune zu Offizieren seiner Leibwache ernannt.56
Wir dürfen das Bild uns wohl weiter ausmalen, wie der Kaiser Verwaltungsbeamten, Quästoren oder großen Steuerpächtern militärischen Rang erteilte, alte Soldaten auf wichtige Zivilverwaltungsposten stellte, eingefleischte Juristen, die auf dem Forum groß geworden waren, auf schwierige Stellungen an der Grenze für den Verkehr mit fremden Völkerschaften schickte oder gichtbrüchige Geheimräte an die Spitze seiner Tänzerschar beförderte. Nicht toll genug werden wir uns den Wirrwarr, den Widerstreit von Befähigung und Aufträgen, den Hohn auf die gesunde Vernunft, der von dem konsularischen Roß schließlich gekrönt wurde, vorstellen können.
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Über der wild durcheinandergeworfenen, verhöhnten und mit Füßen getretenen servilen Masse des Volkes und aller Stände glaubte der Kaiser selbst zu thronen, in unnahbarer göttlicher Majestät, die für ihn selbst ungeschmälert aufrecht stehen blieb, wenn er auch gelegentlich den Purzelbaum zum Zirkus hinunterschlug. Denn das ist wesentlich für diese Gattung von Cäsaren, sie glauben an ihr eigenes Recht, sie meinen eine Mission zu haben, fühlen sich in einem besonderen Verhältnis zur Gottheit stehend, halten sich für die Auserwählten derselben und beanspruchen schließlich für sich selbst göttliche Verehrung.
Das scheint der äußerste Gipfel des Cäsarenwahns zu sein, und doch nähern sich ihm die Vorstellungen mancher Herrscher, die noch nicht geradezu für krank gelten können, auf bedenkliche Weise – Friedrich Wilhelm IV. z. B. bewegte sich, auch als er noch nicht völlig erkrankt war, in einem solchen mystischen Ideenkreise. Freilich – das ist ja das schmach- und jammervolle Fundament der ganzen Cäsarenexistenz – kommt solchen Vorstellungen die Anschauungsweise der Massen und besonders der herrschenden Klassen in den von eigentlich monarchischer Gesinnung durchtränkten Völkern oft auf die gefährlichste Weise entgegen. Wie hätte sonst für Alexander, wie hätte für Cäsar Vergötterung beansprucht werden können?
Bei Caligula ist es ganz offenbar nicht nur kecke Ausnützung der Volksauffassung oder politische Berechnung, wenn er göttliche Verehrung beansprucht, sondern es ist der helle, nackte Wahnsinn, der an die eigene Göttlichkeit glaubt oder doch sich vorübergehend in die Vorstellung derselben versenkt.
[16] Das sehen wir am besten daran, wie er mit dem Gedanken gleichsam spielt. Bei der Dürftigkeit unserer Nachrichten können wir auch hier die Entwicklung nicht ganz verfolgen – die unscheinbaren Anfänge sind uns nicht deutlich überliefert. Daß er schon als Jüngling zum Augurn und Oberpriester ernannt wurde, hat möglicherweise auf seine Ideenwelt einen gewissen Einfluß geübt. Wir dürfen wohl annehmen, daß er beim Gottesdienst selbst wirklich fungiert haben wird, und daß es ihm nahelag, phantastische Vorstellungen mit der Ausübung solcher Funktionen zu verbinden. Weit wichtiger und bezeichnender aber ist es, daß er es liebte, in der Verkleidung von Göttern und Göttinnen aufzutreten.
Wie sich ein schauspielerischer Zug darin äußert, wurde schon berührt: wir müssen uns vorstellen, wie der kaiserliche Akteur sich gleichsam selbst in die Stellung der dargestellten Gottheit hineinschauspielerte. Es ist ja sehr merkwürdig, wie bei etwas krankhaft-phantastisch angelegten Menschen die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und dem dargestellten Schein sich verwischen; zunächst spielen sie mit dem Gedanken, etwas mit der dargestellten Figur gemein zu haben, in Augenblicken besonderer Ekstase fühlen sie sich mit ihr eins, und bei ausgesprochener geistiger Erkrankung glauben sie schließlich dauernd mit ihr identisch zu sein. König Ludwig von Bayern hat gewiß, wenn er als Lohengrin auf seinem künstlichen See im Schwanennachen fuhr, auch Momente gehabt, in denen die Scheidung zwischen Darstellung und Wirklichkeit sich für ihn verwischte. Vielleicht darf man sagen: es ist die infolge von Überreizung auf das eigene Subjekt ausgedehnte Illusion, die wir alle dem Objekt gegenüber ja bei künstlerischen Reizen auf unsere Phantasie kennen lernen. – Und wenn nun noch das Auftreten vor dritten Personen und großen Volksmassen, der Wunsch, auf dieselben Eindruck zu machen, und das Bedürfnis, eine ganz unnatürliche Fiktion mit immer verstärkten äußeren Mitteln aufrecht zu erhalten, hinzukommen! Wer hat nicht schon Menschen gekannt, die schließlich selbst glaubten, das zu sein und das geleistet zu haben, was sie lange anderen und dann sich selbst vorgeschwindelt hatten?
Bei Caligula schlugen gelegentlich seine Vergötterungsansprüche in eine tolle Farce um – ohne daß wir deshalb glauben dürften, er habe den Kultus, den er seinen Untertanen aufgezwungen hatte, selbst verhöhnen wollen, um so die Schmach noch zu verschärfen. Er machte sich selbst zum Oberpriester seiner eigenen Gottheit! Und sein Pferd – auch sonst tritt seine Vorliebe für Pferde in ganz unsinnigen Handlungen hervor – gesellte er sich als Kollegen in dieser Stellung zu!57
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[17] Schon die Zeitgenossen haben Caligula für richtig geisteskrank gehalten,58 und es ist nicht recht verständlich, wie ein neuerer Historiker noch daran zweifeln kann. Der Entwicklung zu geistiger Störung entspricht bei ihm ja auch offenbar eine ursprüngliche krankhafte Anlage.
Von seiner körperlichen Disposition wissen wir nicht viel, aber doch einiges. Als er mit zwanzig Jahren zu Tiberius kam, war er lang aufgeschossen; dünne Beine, stark entwickelter Bauch59 und unheimlich berührende Gesichtszüge mit eingefallenen Schläfen und Augen, breiter und finsterer Stirn waren körperlich die hervorstechendsten Merkmale.60 Dabei litt er an Epilepsie und schrecklicher Schlaflosigkeit.61
Von seiner damit zusammenhängenden Rast- und Ruhelosigkeit, von dem Widerspruchsvollen und der Unberechenbarkeit seiner Einfälle und Eindrücke hat uns Dio Cassius eine lebendige Schilderung gegeben;62
