Café Chicago - Grace Falter - E-Book

Café Chicago E-Book

Grace Falter

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Beschreibung

Drei Freundinnen. Drei Liebesgeschichten. Ein schwerer Verlust. Sam, Lulu und Ellie ziehen ein Jahr nach Eröffnung ihres Café Vienna Bilanz: Der Sommer lockt viele Gäste in das Kaffeehaus, ihre Beziehungen florieren, und die Zukunft sieht vielversprechend aus. Doch ein Schicksalsschlag beendet abrupt ihr Glück und taucht ihre Welt in Dunkelheit. Plötzlich sehen sich die drei Frauen neuen Herausforderungen und Problemen gegenüber, während jede auf ihre Weise versucht, mit der Situation umzugehen. Kann Sam ihrem Freund Scott helfen, ohne sich selbst aufzugeben? Und wer ist der attraktive Neue, den ihr Chef ihr vor die Nase setzt? Was wird Lulu tun, wenn Tom sich keine Zeit mehr für sie nimmt? Wird die Lust am Flirten ihr endgültig zum Verhängnis werden? Und wird Ellie sich jemals erholen? Ist die neue Freundschaft zu Patrick etwa mehr Hindernis als Hilfe? Café Chicago - ein Roman über Liebe, Kummer und Zusammenhalt, wenn alles verloren scheint.

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Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2024

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„Goodbyes are only for those who love with their eyes. Because for those who love with heart and soul there is no such thing as seperation.“ - Rumi

Für Papa, Oma und den Rest unserer Familie, von der wir uns viel zu früh verabschieden mussten. How lucky we are to have known such pure hearts who gave us nothing but love.

In Gedenken an M.M. – Lieblingspilot

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

Demnächst

Prolog

Es war einer dieser Tage, aus denen Albträume gemacht sind.

Die sich im lauen Sommerwind drehenden Turbinenblätter der parkenden Boeing ratterten in einem regelmäßigen Stakkato, während ein paar lästernde Raben auf der Fluggastbrücke nebenan hockten und die Ausladung der wertvollen Fracht zu kommentieren schienen.

Dabei hätten sie schweigen müssen. So wie sie alle.

Die halbe Belegschaft war gekommen, um die Ankunft des Sarges zu erleben. Zum einen aus Neugierde, zum größten Teil aber aus Respekt und Anstand.

United Airlines hatte alles daran getan, ihren Mitarbeiter so schnell wie nur irgend möglich nach Hause zu holen. Ellie war dankbar und momentan nur eine von vielen, die in gelber Warnweste auf dem Vorfeld stand und ihre Starre dem Surrealismus der Situation schuldete.

Und wieso weinte der Himmel nicht? Weshalb starteten immer noch Flugzeuge? Die Welt hätte stillstehen müssen, so wie die ihre, seit die unheilvolle Nachricht sie erreicht hatte.

Der Highloader senkte sich und schenkte ihnen einen ersten Blick auf den Sarg. Ein paar Schluchzer gingen durch die Reihen, manche drehten den Kopf ab und gingen, doch Ellie stand nur da und starrte, während ihr lautlos heiße Tränen aus den Augen quollen. Sie hatte keine Kontrolle darüber und merkte es nicht einmal. Sie nahm auch keine Notiz von Sam und Lulu, die neben ihr standen und sie stützten. Ihre Freundinnen trauerten ebenso wie all die anderen, die den Kapitän gekannt und geliebt hatten. Doch niemand spürte den Verlust so wie Ellie.

Ihr Lieblingspilot war fort. Für immer.

Und er hatte ihr Herz mit ins Grab genommen.

Kapitel 1

Seit zwei Wochen hatte Chicago keinen Regen mehr gesehen – die Hitze wurde allmählich unerträglich.

Isabelle Harper war nie ein Fan vom Hochsommer gewesen. An solchen Tagen dankte sie Gott für Willis Carrier und seiner genialen Erfindung der Klimaanlage. Da konnte ihr selbst der zähfließende Straßenverkehr nichts anhaben. Sie freute sich auf ihre Schicht im neuerdings stark frequentierten, dafür aber perfekt temperierten Café Vienna.

Ellie, Sam und Lulu waren über den Zulauf immer wieder aufs Neue überrascht. Keine von ihnen hätte dies je zu träumen gewagt. Doch die Menschen mochten das Kaffeehaus und den Flair einer vergangenen Ära. Zudem lockte der Sommer viele Touristen in die Stadt – der Ansturm und der damit verbundene Arbeitsaufwand waren dieses Jahr größer denn je. Dennoch gab es weder Stress noch Hektik. Das Café schenkte den Gästen eine Auszeit aus ihrem Alltag – es war ihr erweitertes Wohnzimmer.

Ellie liebte diese Analogie. Und sie liebte ihr Vienna.

Etwas mehr als ein Jahr war seit der Eröffnung vergangen. Vierzehn Monate, in denen Ellie ihre Stelle am Flughafen kündigte, um mehr Zeit für Tochter, Pilotenfreund und Café zu haben, Lulu heiratete und nun als Mrs. Preston die Männer in O'Hare nur noch halbtags verrückt machte, und Sam einen arbeitslosen Musikerfreund, Selbstständigkeit und ihren Vollzeitjob unter einen Hut zu bringen versuchte.

Ellie wusste nicht, wie lange Sam noch durchhalten würde. Zudem warf das Café mehr Profit ab, als sie sich zu Anfang ausgerechnet und erhofft hatten – wie Lulu hätte auch sie ihre Arbeitsstunden bei United Airlines reduzieren können. Doch ihre jüngere Freundin liebte den Flughafen wie sie alle und brachte es nicht übers Herz, ihren Job aufzugeben. Dank guter Organisation und Einteilung der verschiedenen Schichten, griff wie bei einem Zahnrad momentan auch noch alles perfekt ineinander und harmonierte hervorragend. Die Frage war nur, wie lange noch.

Ellie blickte zu ihrem Freund hinüber, der hinter dem Steuer seines alten Land Rover Discover saß. Immer, wenn sie ihren Lieblingspiloten so betrachtete, wurde ihr mal wieder bewusst, dass ihre Entscheidung, kürzer zu treten, richtig gewesen war. Mehr Zeit mit ihm und ihrer Tochter verbringen zu können, war alles, was sie sich jemals erträumt hatte.

Als hätte Matthew ihren Blick bemerkt, drehte er den Kopf und sah sie mit einem Lächeln an.

„Was ist?“

Erst grinste sie nur und genoss den Anblick seiner attraktiven Erscheinung auf der Fahrerseite. Dann sagte sie: „Ich überlege mir gerade, was ich später mit dir anstelle, bevor du morgen auf Langstrecke gehst.“

„Ist das eine Warnung?“

„Ein Versprechen.“

Matthew legte seine Hand auf ihren Schenkel und sah kurz zu ihr hinüber, bevor er sich wieder auf den Straßenverkehr konzentrierte. „Ich kann es kaum erwarten.“

„Ich auch nicht...“ Ellie gab dem Moment eine bedeutende Pause und wartete, bis er an einer roten Ampel halt machte, bevor sie seine Hand nahm und unter ihren Rock führte. Sie lehnte den Kopf zurück und genoss seine geheime Berührung und den Blick, den er ihr dabei zuwarf. Er versprach lustvolle Stunden.

„Es ist grün“, hauchte sie schließlich.

Er lächelte nur und fuhr weiter.

„Was machen du und Scott in der Stadt?“

„Ich dachte, ich begleite ihn zu seiner nächsten Besichtigung. Vielleicht kann er etwas Unterstützung gebrauchen.“

„Ist es so schwierig, einen Raum für ein eigenes Musikstudio zu finden?“

„Scheint so. Ich glaube, die Nachbarn sind immer dagegen.“

„Aber er wird es doch sicherlich sound-proofen oder wie immer das heißt?“

„Frag mich nicht. Jedenfalls habe ich extra mein Glückshemd angezogen, vielleicht hilft es.“

Ellie betrachtete ihn in dem fast hellblauen Hemd, das seine Augen im gebräunten Gesicht noch intensiver strahlen ließ. Das klare Blaugrün seiner Iris erinnerte Ellie stets an die Farben der Südsee. Wahrlich machte das Hemd ihn attraktiver als er es ohnehin schon war. Ohnehin wirkte er mit der dunklen, grau melierten Frisur, den markanten Zügen und der geraden Haltung schon fast aristokratisch und wie ein Mann von Welt.

Doch das war er nicht.

Er war mehr als das.

Matthew Murray war ihre große Liebe und der einzige Grund, weshalb das Café Vienna überhaupt existierte. Hätte Matthew den Kredit nicht vorgestreckt, so wäre ihr Traum von einem eigenen Kaffeehaus nur eine Seifenblase geblieben. Nun stotterten die drei Frauen seine Finanzierung mit monatlicher 'Miete' ab. Es war ein sehr großzügiges Angebot und er wahrlich ein Geschenk des Himmels.

„Wieso ist das dein Glückshemd?“

„Ich trug es auf dem Flug nach Wien, als wir uns trafen.“

„Oh, du bist so ein Romantiker!“ Ellie schmolz dahin, musste aber einfach einen Scherz machen. „Du weißt aber schon, dass wir uns schon vorher kannten?“

Er wusste, sie zog ihn nur auf und fühlte sein Herz zur doppelten Größe anschwellen. Wie sehr er sie doch liebte! Nie zuvor hatte er solche Gefühle für eine Frau gehegt. Nicht einmal für die Mutter seines Sohnes hatte Matthew derart empfunden. Isabelle Harper war alles, was er sich je erträumt hatte. Sie war bildhübsch mit ihrer schweren, goldblonden Haarflut, den großen, eisblauen Augen und einem Lächeln, dass sein Innerstes zum Schmelzen brachte. Sie war die Eine für ihn. Mit ihr wollte er alt werden.

Und genau das hatte er auch vor.

Aber erst einmal brauchte er einen Ring.

„Da ist er schon“, sagte er, sich selbst in die Realität zurückholend, als er auf den Parkplatz des Vienna fuhr und Scott St. John erblickte.

Der britische Sänger lehnte mit verschränkten Armen am roten 74er Plymouth Cuda seiner Freundin, die Wayfarer auf der Nase und die Jeans wie immer hauteng. Er löste seine Position, als Matthew den Wagen parkte.

„Hey Scott!“, rief Ellie und glitt aus dem Jeep. Die Hitze schlug ihr wie ein warmer Föhn ins Gesicht. „Ist dir nicht warm in der engen Hose?“

„Geht so. Drinnen läuft ja überall die Klimaanlage.“

„Sollen wir sofort los?“, erkundigte sich Matthew und beugte sich nach Scotts Nicken für einen Kuss zu Ellie hinunter. „Ich hole dich später wieder ab. Bis gleich, Isabelle.“

„Viel Glück!“, rief Ellie noch hinterher, bevor sie die gläserne Flügeltür des Café Vienna öffnete und in eine andere Welt trat.

Sofort wurde sie von temperierter Kühle und atmosphärischer Wärme umarmt – und von Matthew, der von hinten an sie herantrat.

Überrascht drehte sie sich zu ihm. „Ich dachte, ihr wolltet in die Stadt?“

„Scott hat sein Handy vergessen“, erklärte er und sah, wie der Sänger auf die Holztheke und somit auf seine Freundin zuging.

Samantha Morgan hantierte gerade an der Siebträgermaschine herum und sah mit einem wissenden Lächeln auf, als ihr Freund sich auch schon auf den gepolsterten Barhocker schob.

„Was vergessen?“, schmunzelte sie und zückte ein Smartphone aus ihrer Gesäßtasche.

„Ich wäre verloren ohne dich.“ Scott reckte sich für einen Kuss.

„Natürlich wärst du das.“

„Süße, ich mag deine neue Frisur!“, rief Ellie aus.

Sam betrachtete ihr ungewohntes Spiegelbild im Chrom der Kaffeemaschine. Sie trug ihre hellblonden Haare wie immer lang und glatt, hatte sich aber erst gestern einen Fransenpony schneiden lassen, der gerade noch ihre Augenbrauen streifte. Die falschen Wimpern machten den Sechziger-Look perfekt.

„Danke, ist aber noch sehr ungewohnt.“

„Scott, sieht sie jetzt nicht aus wie Françoise Hardy?“

„Besser.“ Seine Antwort wurde von einem schmunzelnden Augenzwinkern in Sams Richtung begleitet.

„Merci, mon chou.“

„Seit wann kannst du Französisch?“, wunderte sich Matthew.

„Ach, kann ich gar nicht. Scott hat mir ein paar Worte beigebracht.“

„Seit wann kannst du Französisch?“

„Nur ein wenig“, erwiderte der.

„Nur mit der Sprache hapert es noch!“

Lulu Preston erschien lachend und mit aufblitzenden Augen an der Durchreiche, ihre blonden Locken spiegelten ihren heiteren Charakter wieder. „Was macht ihr alle hier? Das wäre ein schönes Gruppenfoto!“

Sie erntete allgemeines Gestöhne, doch Lulu ließ sich nicht beirren und rief nach ihrem Koch. „Lee, komm doch mal kurz nach vorn und fotografiere uns.“

„Muss das sein?“, stöhnte Sam und unterdrückte ein Gähnen. „Ich habe Augenringe von hier bis in den Sudan.“

„Quatsch“, tat Lulu sie ab. „Und außerdem: wann kommen wir sonst so zusammen?“

Das stimmte wohl. Leider fanden sie nur noch selten Zeit, sich zu dritt oder gar mit Partner zu treffen – das Café erforderte ihre gesamte Aufmerksamkeit.

„Was ist denn hier los? Eine Versammlung?“

Alle Köpfe drehten sich zum Eingang um. Tom Preston kam mit einem Lachen auf seine Freunde zu. Mit seinem obligatorischen Fünf-Tage-Bart und bekleidet in einem stilvollen, dunkelblauen Anzug sah er aus, als würde er für Hugo Boss Werbung machen.

Lulu strahlte auf, als sie ihn sah, und hastig drückte sie ihrem Koch ihr Smartphone mit der geöffneten Kamerafunktion in die Hand, bevor sie nach vorn ins Café ging, um ihn zu begrüßen.

„Hallo, Ehemann“, gurrte sie und hob das Kinn zu ihm empor.

„Hallo, Weib.“

Mit einem Arm um ihre Taille geschlungen, zog Tom sie an sich und küsste sie stürmisch. Lulu fühlte die altbekannten Schmetterlinge zurückkehren – etwas, das sie nach sechs Jahren Beziehung und knapp einem Jahr Ehe kaum als selbstverständlich hinnahm. Sie hatte einfach Glück gehabt, das wusste sie. Er war ihr bester Freund und zudem der verständnisvollste Mann, den sie je getroffen hatte. Niemand kannte sie so gut wie er. Hinzu kam sein blendendes Aussehen mit dem schwarzen Haar, den wie Obsidian glänzenden Augen und dem unrasierten, attraktiven Gesicht.

Vielleicht war es gar kein Glück sondern Schicksal oder gar Karma – Themen, mit denen sie sich seit ihrer Fehlgeburt immer öfter auseinander setzte. Warum sonst passierten manche Dinge?

„Kommt schon!“, rief Sams Stimme zu ihnen hinüber. „Lasst uns dieses Foto machen, bevor ich einschlafe.“

Lachend positionierten sie sich zu den anderen, als ihr Koch die Kameralinse auch schon auf die Sechsergruppe richtete. Sie gaben drei sehr attraktive Pärchen ab und schienen wie füreinander gemacht.

„Enger aneinander, sonst passt es nicht!“, dirigierte Lee noch ein letztes Mal, bevor er schließlich den Auslöser drückte und einen Moment für die Ewigkeit festhielt.

Begeistert durcheinanderredend, betrachteten sie das Gruppenfoto auf Lulus Handy. Alle waren sich einig, dass es ein einrahmungswürdiges Bild geworden war und gaben diesbezüglich eine Bestellung bei Lulu auf.

„Das macht ihr mal schön selbst“, entgegnete sie und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Ich und Rahmen kaufen ... Hier, ich schicke es in unsere Gruppe.“

Jedermanns Handy bimmelte in der nächsten Sekunde auf, als sie das Foto auch schon in ihren gemeinsamen Chat setzte, den sie liebevoll Vienna getauft hatten – eine Hommage an ihre Woche in Wien, die all ihre Leben verändert hatte.

Tom folgte Lulu nun in die Küche, Ellie verabschiedete sich von Matthew und ging nach hinten ins Büro, um sich für ihre Schicht vorzubereiten, und auch Sam küsste Scott ein letztes Mal, bevor er sich einen weiteren Raum für sein eigenes Musikstudio ansehen ging. Sam wusste, dass ihn das kreative Tief momentan sehr zu schaffen machte.

Manchmal erschien es ihr noch immer unbegreiflich, dass er seine Gesangskarriere und sein altes Leben in London für sie aufgegeben hatte und nach Chicago gezogen war. Sie war froh über seinen Mut, denn Scott St. John verkörperte all das, was sie in einem Mann immer gesucht hatte: Höflichkeit, eine gewisse Intelligenz und Verletzlichkeit, derselbe Humor. Beim ersten Hinsehen jedoch war es eher sein äußeres Erscheinungsbild gewesen, das es ihr angetan und sie an die Swinging Sixties erinnert hatte. Dass er wahrhaftig Sänger und in Großbritannien inzwischen berühmt war, hatte sie damals weder gewusst noch interessiert. Sie sah nur diese Vision der späten Sechziger Jahre mit seiner dunkelblonden Stufenfrisur und dem Cordjackett zur hautengen Jeans und ihr Herz wusste es, bevor ihr Verstand sich einschalten konnte. Er war ein paar Zentimeter größer als sie, schmal und zierlich gebaut und traf mit seinem markanten Kiefer und den blauen, ausdrucksstarken Augen genau die Attraktivität, die sie an einem Mann immer gemocht hatte. Seine tiefe Stimme hinterließ in ihr den Wunsch, morgens das erste und abends das letzte zu sein, das sie hörte. Und das tat sie nun seit gut einem Jahr.

Es war dieselbe, samtweiche Stimme, die sie nun aus ihren Gedanken riss.

„Hey, von wem träumst du?“

„Nur von dir, chou chou.“

Scott gab ihr einen weiteren Kuss. „Bis später, mon ange.“

„Viel Glück.“

„Ach, Matt hat sein Glückshemd an. Das wird schon.“

Sam wusste, dass er seine eigene Sorge ihretwegen zu überspielen versuchte und sah ihm mit einem Herzen voller Liebe nach. Da entdeckte sie sein schwarzes Smartphone auf der Theke.

„Scott!“

Er drehte sich noch einmal um und sah, dass sie ein Handy hochhielt. Nach einem überprüfenden Abtasten seiner Gesäßtaschen, kam er mit einem seufzenden Lächeln zu ihr zurück.

„Siehst du? Verloren.“

~

Matthew wartete, bis sie das Café hinter sich gelassen hatten, bevor er Scott fragte: „Hast du Sam etwas erzählt?“

„Dass du Ellie einen Antrag machen willst? Nein. Sie würde sich nur Hoffnung machen.“

Sie gingen am Hard Rock Café vorbei und die Ontario hinunter, immer darauf bedacht, im Schatten zu bleiben. Die Hitze war kaum auszuhalten – jeder Schritt schien zu viel.

„Falsche Hoffnung?“, bohrte Matthew.

„Was? Nein. Es ist nur ... Ich bezweifle, dass Sam einen arbeitslosen Musiker heiraten möchte.“

„Du bist nicht wirklich arbeitslos, Scott, sondern nur blockiert. Das ist bloß eine Phase.“

„Eine Phase, die andauert, seitdem ich hier bin.“

Matthew wunderte sich keineswegs über Scotts kreatives Loch: sein Freund war verliebt. „Es ist doch bekannt, dass die Kreativität eines Künstlers stagniert, sobald er glücklich ist.“

Scott war nicht überzeugt. „Ist das so? Ich finde das eher frustrierend.“

„Aber du bist glücklich mit Sam, oder nicht?“

„Gott, ja.“

Dies wiederum klang so erfüllt und zufrieden, dass Matthew lächeln musste. „Also würdest du sie schon heiraten wollen? Dann such ihr doch auch einen Ring aus.“

Sie erreichten die Einkaufsstraße und sahen unschlüssig die schimmernde Magnificent Mile hinauf – ihre Sonnenbrillengesichter eine einzige, heiße Grimasse. Das grelle Licht wurde von den Autos reflektiert, die Luft schien vor ihren Augen zu flimmern.

„Cartier oder Tiffany's?“

„Cartier ist gleich hier und ist sicherlich klimatisiert.“

Scott folgte Matthews Spur und ignorierte den Sicherheitsmitarbeiter am Eingang, der ihnen die schwere Glastür öffnete. Eiskalte Luft blies ihm direkt ins Gesicht und ließ ihn frösteln. Er ließ die kurzzeitig beschlagene Sonnenbrille auf, während Matthew seine abnahm und in den Ausschnitt seines hellblauen Glückshemdes hakte.

Eine adrett gekleidete Frau näherte sich. „Wie darf ich Ihnen helfen?“

„Ich möchte meiner Freundin einen Antrag machen und brauche einen Ring“, sagte er.

Die Juwelierin lächelte ihren Kunden an. Er war sehr attraktiv mit diesen großen, klaren Augen und einer sympathischen und gleichzeitig anziehenden Ausstrahlung, die Frauen dazu veranlasste, alles von sich preiszugeben und ihm vor die Füße dahin zu schmelzen. Er gehörte zu der Sorte Männer, die überall auf der Welt willkommen waren.

Sein Begleiter war da anders, stellte sie nach einem Blick zu ihm hinüber fest. Ein klassischer Musikertyp: cool, dünn und unerreichbar wirkend, mit getrimmten Koteletten, schmalem Bandshirt und Röhrenjeans.

Froh, keinen Ring für ihn finden zu müssen, riss sie ihren Blick von seinem engen Schritt ab und wandte sich an ihren eigentlichen Kunden.

„Dann schauen wir doch mal, was wir haben. Bitte folgen Sie mir.“

Matthew wollte ihr hinterhergehen und sah sich nach Scott um. Der beugte sich gerade über einen der Glasschaukästen, die Sonnenbrille noch auf der Nase.

„Möchtest du Sam etwas anderes schenken? Vielleicht eine Uhr?“

Scott richtete sich auf und schüttelte den Kopf. „Sie trägt keine Uhren.“

„Echt nicht? Ist mir noch nie aufgefallen.“

„Deswegen bin ja auch ich mit ihr zusammen und nicht du.“

Die Juwelierin deutete auf zwei Polsterstühle vor einer Reihe von Schaukästen und begann mit der Vorstellung einzelner Verlobungsringe.

In der nächsten halben Stunde erfuhren die zwei Männer mehr über Edelsteinschliff, Karat, Fassungen und Designs als sie geglaubt hatten, jemals wissen zu müssen, doch am Ende war es wie bei allem eine Frage des Gefallens. Und des Preises.

„Meinst du, Ellie würde dieser gefallen?“

„Ist das jetzt ein Smaragd oder ein Rubin?“

„Ein Smaragd ist immer grün, Scott.“

„Das weiß ich, Matt. Ich bin farbenblind.“

Matthew ließ fassungslos den Ring sinken. „Wirklich?“

„Ja, ich habe eine Rot-Grün-Schwäche.“

Fasziniert und doch ein bisschen verwirrt, starrte er seinen britischen Freund an. „Und wie erkennst du dann, wann die Ampel grün ist?“

„Matt, ich bin doch nicht blind.“

„Richtig.“ Er räusperte sich und blickte schon beinahe wehmütig auf den Ring. „Also kein Grün.“

„Wieso? Nimm den doch, wenn er dir gefällt.“

„Du bist keine große Hilfe.“

„Was hat meine Farbenblindheit denn mit Ellies Verlobungsring zu tun?“

Matthew entschied sich dafür, sich noch nicht zu entscheiden und wanderte mit Scott drei Blocks weiter zu Tiffany & Co. Die berühmten Verlobungsringe variierten auch hier in Größe, Farbe und Preis.

Am Ende wählte er einen klassischen Princess Cut, während Scott einen Ring von Cartier nicht aus dem Kopf bekam. Sam würde den Solitär lieben, dennoch war er sich des Zeitpunktes unschlüssig. Erst musste er seine Blockade überwinden und ihr zeigen, dass er es wert war, ihr Leben mit ihm zu teilen. Doch seit über einem Jahr hatte er keinen einzigen Song mehr geschrieben. Seit er in Chicago lebte.

Der Gedanke deprimierte ihn.

Doch die Vorstellung, nie wieder etwas komponieren zu können, nur weil er glücklich mit Sam war, deprimierte ihn weitaus mehr und bereitete ihm Sorgen. Es musste doch beides funktionieren?

„Hast du überhaupt Lust gleich mitzukommen? Du musst nicht, wenn du nicht willst.“

„Sei nicht so verdammt britisch. Natürlich komme ich mit.“

Sie standen wieder auf der Straße: Matthew mit der kostbaren Ringschachtel in der türkisfarbenen Tüte, Scott einige Zentimeter kleiner neben ihm und die Uhrzeit auf seinem Handy überprüfend. Allmählich wurde er nervös – der Termin mit der Maklerin rückte immer näher.

„Wann wirst du Ellie den Antrag machen?“, fragte Scott nach ein paar Minuten Fußweg im Hochhausschatten der Seitenstraße.

„Nach meinem Umlauf, denke ich. Morgen geht es erst mal nach Mombasa.“

„Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich so einen Ring hätte und noch Tage mit der Frage warten müsste. Kannst du wirklich so lange schweigen?“

„Wie ein Grab“, sagte Matthew grinsend.

Kapitel 2

Scott war noch nicht eingeschlafen, als Sams Wecker losging.

Er lag auf der Seite mit dem Rücken zu ihr und brauchte nicht auf die Uhr sehen, um zu wissen, dass es vier in der Früh war. Sam stand immer um dieselbe Zeit auf, wenn sie arbeiten musste. Normalerweise hörte er das Radio auch nicht, doch er war vorhin erst nach Hause gekommen.

Er hielt die Augen geschlossen und spürte das Nachgeben der Matratze, lauschte ihren Schritten auf dem Parkettboden, die nach nebenan ins Badezimmer tapsten. Als sie das Licht einschaltete, fiel ein gellend weißer Strahl auf seine Seite des Bettes und bohrte sich wie Messerstiche in seine schmerzenden Lider. Zu seiner Erleichterung schloss sich die Tür sofort und ein paar Minuten nach dem Surren der elektrischen Zahnbürste, ertönte auch das Rauschen der Dusche.

Das Wissen, höchstwahrscheinlich mit einem Kater aufzuwachen, wenn man viel trank, war eine Sache. Aber vollkommen betrunken zu seiner besorgten Freundin ins Bett stolpern, etwas völlig anderes. Scham war nur ein Wort von vielen, das seine momentane Gefühlslage beschrieb.

Es war lange her, seit Scott das letzte Mal so viel getrunken hatte. Um genau zu sein, war es wegen ihr gewesen. Wegen Sam. Mal wieder waren sie auseinander gegangen und er mit einem gebrochenen Herzen zurück nach London geflogen. Er hatte sie weder wiedersehen noch den Kontakt aufrechterhalten wollen, hatte sich eingeredet, dass dies ihre Trennung nur noch schlimmer machte, als sie es ohnehin schon war. Er sah Sam noch immer am Abfluggate stehen, weinend und beteuernd, dass sie ihn liebte. Er fühlte dasselbe und wollte sich nicht trennen, obwohl er musste. Er hatte sie vergessen wollen, redete sich ein, dass sie keine Zukunft hatten. Sie wohnte in Chicago, er in London. Sie stand kurz davor, mit ihren Freundinnen das Café zu eröffnen und er vor der großen Chance, seine erste CD aufzunehmen.

Sein Debütalbum wurde ein enormer Erfolg und sein Leben die Hölle. Man ließ ihn nicht in Ruhe, kreischende Fans verfolgten ihn und belagerten sein Wohnhaus. Ebenso die Presse, die ein kurzes Interview oder auch nur ein Foto oder einen Schnappschuss von dem neuen Sänger mit dieser Stimme erhaschen wollte. Alles schien erlaubt und jeder wollte Teil seines Lebens sein. Überall waren Kameras, Blitzlichtgewitter und Menschen. Täglich wünschte er sich, die Zeit zurückdrehen und das Nummer-1-Album ungeschehen machen zu können. Doch das ging nicht. Und den einzigen Ausweg, den er fand und der ihm für ein paar Stunden Seelenfrieden und Ruhe brachte, war der Alkohol. Vodka, Gin, Whisky... alle Spirituosen waren erlaubt. Sie betäubten nicht nur seine Wahrnehmung, sondern auch den Schmerz seines gebrochenen Herzens.

Dennoch musste Scott seinem plötzlichen Ruhm und den verrückten Briten für ihre Gier nach Schlagzeilen dankbar sein. Ohne sie hätte er niemals herausgefunden, dass das Leben im Rampenlicht, all das Geld, nichts wert war ohne den Menschen, den man liebte.

Die Entscheidung, der Musikbranche fürs Erste den Rücken zu kehren, war ihm demnach relativ leicht gefallen. Er ließ sein altes Leben und den Alkohol hinter sich und kehrte nach Chicago zurück. Zurück zu seiner großen Liebe. Zurück zu Sam.

Nur was tat er mit seinem Leben, wenn er nicht mehr würde komponieren können? Wenn Matthew Recht hatte und er an einer musikalischen Blockade litt, weil er mit Sam glücklich war? Was konnte er sonst tun? Er hatte nichts in Chicago. Keine Familie, keine Band, keine Arbeit, nichts zu tun. Er hatte nur Sam und ihre Freunde. Er konnte sich glücklich schätzen, das wusste er, und doch war er ohne seine Kreativität komplett verloren. Er fühlte sich einsam, ohne allein zu sein, und empfand eine merkwürdige Art von Einengung, obwohl die Wohnung groß genug für zwei war.

Hoffentlich fehlte ihm wirklich nur ein Ort, an dem er sich zurückziehen und kreativ sein konnte. Hoffentlich war dies der Schlüssel, um seine Blockade zu lösen.

Hoffentlich.

Doch wie so viele Male zuvor auch, war die gestrige Wohnung im Souterrain, die er mit Matthew besichtigte, nicht als Aufnahmestudio geeignet. Seit Monaten war es immer das gleiche: entweder stimmte der Klang nicht, der Raum war für sein Vorhaben zu klein oder die Nachbarn waren dagegen.

Scott war gerade eingenickt und erwachte mit einem schreckhaften Zucken, als die Vertrautheit ihrer Finger über seine pulsierende Stirn strich.

„Scott?“, flüsterte Sam.

„Hm...“ Scott konnte sie nicht ansehen. Er konnte sich ihrem verständnisvollen, mitfühlenden Blick noch nicht stellen. Zudem drohte sein Schädel zu platzen. Er pochte in den Augenhöhlen und bis hinunter in die Haarspitzen.

„Geht es dir gut?“

„Später...“, murmelte er nur und drehte sein heißes Gesicht ab. „Bitte... später...“

„Okay“, sagte sie leise und drückte seinen Arm, bevor sie ihn verließ.

Scott wartete, bis die Wohnungstür ins Schloss fiel und öffnete die brennenden Lider. Sofort erblickte er das Glas Wasser auf dem Nachttisch. Daneben lagen zwei Schmerztabletten.

Dankbar und von Liebe und Scham gleichzeitig erfüllt, spülte er die Tabletten hinunter, bevor er sich wieder unter die Bettdecke verkroch und seinen Rausch ausschlief.

~

Die Morgendämmerung tauchte Ellies Schlafzimmer in sanftes Licht, während in dem Baum vor ihrem Fenster bereits die ersten Vögel zwitscherten.

Mit einem Blinzeln versuchte sie die grün leuchtenden Zahlen auf ihrem Radiowecker auszumachen, aber ohne Kontaktlinsen war sie so blind wie ein Maulwurf. Also streckte sie den Arm nach ihrem Handy aus und hielt sich das beleuchtete Display vor die Nase.

Kurz vor sechs.

Aufstöhnend und mit einer Hand über die müden Augen gelegt, ließ sie das iPhone sinken, als es ihr wieder einfiel. Matthew arbeitete heute auf einem Langstreckenflug und würde eine volle Woche fort sein.

Sieben Tage waren eine lange Zeit, wenn man verliebt war.

Obgleich sie seit über einem Jahr zusammen waren, fühlte es sich noch immer so an, als stünden sie gerade erst am Anfang ihrer Beziehung. Als wäre es erst gestern gewesen, dass sie sich in einer Gondel des Prater Riesenrads in Wien zum ersten Mal geküsst hatten.

Mit einem Kribbeln musste sie an die letzten Stunden in seinen Armen denken. Immer, wenn er für ein paar Tage fortflog, liebten sie sich die halbe Nacht durch. Beinahe war es so, als müssten sie ihre Gefühle und Empfindungen hamstern, bis sie sich wiedersahen.

Eine angenehme Kälte umarmte ihren nackten Körper, als sie nun lächelnd dem Geräusch der laufenden Dusche folgte und sich ins Bad ließ, wo Matthews schlanke Statur hinter der beschlagenen Duschwand auszumachen war. Leise schloss sie die Türe und stahl sich in die Kabine, um ihn zu überraschen.

„Na, etwas Schlimmes im Sinn?“ Seine blaugrünen Augen unter den nassen Wimpern waren erfüllt von Liebe und sagten mehr, als seine Hand nach ihrer Taille griff und sie für einen langen Kuss zu sich unter den Brausekopf zog.

Hungrig presste sie sich an ihn und ließ zu, dass er sie zurück gegen die Fliesen presste. Mit einer Hand hob er ihr Bein und legte es um seine Hüfte, seine Spitze berührte sie. Doch er hielt sich noch zurück, neckte sie und kostete ihre Erregung für einen Augenblick länger aus.

„Ich werde dich vermissen, Isabelle“, hauchte er an ihrem Ohr, während das Rauschen des fließenden Wassers und die Wärme des heißen Dampfes in der Duschkabine sich wie ein gemütlicher Kokon um sie legten.

„Ich dich auch“, flüsterte sie und hieß ihn mit einem erlösenden Seufzer willkommen.

Sie waren in ihrer eigenen Welt und dachten weder an ihre Kinder noch an die Arbeit oder die Uhrzeit, während sie sich liebten. Ellie wünschte sich mehr von diesen Augenblicken und wusste, dass Matthew ebenso dachte. Zu ihr beider Bedauern ließ der Alltag dies nur selten zu.

„Ich hasse es, dich auch nur für einen Tag verlassen zu müssen“, sagte er anschließend, in Gedanken an seinen Antrag und den Verlobungsring in seinem Koffer. „Warum muss ich nur gleich fliegen? Und dann noch nach Kenia ... Vielleicht sollte ich mich krankmelden...“

Wieder küsste er sie, und nur schweren Herzens machte Ellie sich von ihm los.

„Das kannst du nicht bringen. Wo soll der Crew Kontakt jetzt noch einen Kapitän herzaubern? Na komm, die Woche geht schneller um als wir glauben. Sieh nur zu, dass du heil zurückkommst. Keine Touren durch die Wildnis.“

Er begegnete der Besorgnis in ihren großen Augen mit einem Lächeln. „Versprochen.“

„Ich meine das Ernst, Matt. Keine Safari. Ich möchte dich in einem Stück zurückhaben.“

„Okay“, sagte er und ließ sie mit einem zärtlichen Kuss vergessen.

Fünf Minuten später verließen sie die Duschkabine und machten sich für den Tag fertig. Er in der blauen Uniform mit den vier goldenen Streifen und seinem gepackten Koffer mit der wertvollen Ware, sie in einem Trägertop und beigen Shorts, die ihre schön geformten Schenkel betonten.

An der Wohnungstür konnten sie sich kaum voneinander trennen. Sie küssten sich so lange, bis Ellie ihn auf den Hausflur hinausschob. Sie musste Madison wecken und sie für ihren dritten Schultag fertigmachen und er hatte ein Flugzeug zu kriegen. Fast dreihundert Passagiere und eine zehnköpfige Crew verließen sich auf ihn. Eine Bürde, die er mit unglaublicher Entspanntheit und keiner Spur von Überheblichkeit trug. Er hatte schon hunderte solcher Langstreckenflüge hinter sich und dieser nach Afrika war nicht anders. Dennoch machte Ellie jedes Mal drei Kreuze, wenn er wieder zu Hause war.

„Ich liebe dich, Isabelle“, beteuerte er.

„Ich liebe dich auch. Pass auf dich auf.“

Er gab ihr einen letzten Kuss und lief dann den Korridor hinunter zum Aufzug. Von dort winkte er ihr ein letztes Mal zu. „Bis in sieben Tagen.“

„Der Countdown läuft schon.“

Dann war Matthew fort. Ellie stand noch einige Sekunden lang da und versuchte das beklemmende Gefühl zu ignorieren, das plötzlich nach ihr griff.

Es war der Abschied, sagte sie sich. Nur der Abschied und die übliche Sorge, dass es Komplikationen während des Fluges geben könnte.

Dennoch konnte sie das ungute Gefühl nicht ablegen, als sie ihre Tochter weckte und ihr Alltag begann.

~

Lulu saß bereits seit einer halben Stunde an einem Fenster im Warteraum der Fruchtbarkeitsklinik und versuchte sich an ein paar positiven Affirmationen.

Sie war immer ziemlich unbekümmert und heiter durchs Leben gegangen, aber all die Arztbesuche und ratlosen Mediziner hatten sie nervös und unsicher gemacht. Vielleicht hatte man wirklich etwas übersehen, vielleicht gab es eine winzig kleine Sache, die kein Facharzt bisher in Erwägung gezogen hatte. Allmählich wollte sie nur noch, dass man etwas fand. Einfach um endlich den Grund für ihre Unfruchtbarkeit zu kennen und sich nicht noch einmal anhören zu müssen, dass sie locker an die ganze Sache herangehen sollte.

Denn Tom und sie waren locker.

Sie waren entspannt und gut gelaunt, sie liebten den Sex und nahmen alles mit Humor. Wenn es passierte, dann passierte es halt. Doch es passierte leider gar nichts.

Lulu wusste schon nicht mehr, bei wie vielen Ärzten sie bereits gewesen war, wie viele Untersuchungen sie über sich hatte ergehen lassen müssen und wie oft man ihr gesagt hatte, sie solle nicht zu viel nachdenken.

Dabei dachte Lulu nicht nach. Zumindest nicht, wenn sie mit ihrem Ehemann mal wieder eine neue Position ausprobierte. Ihr Sexleben war abwechslungsreich und sie konnte sich wahrlich nicht beschweren. Sie hätte schon hundert Mal schwanger werden müssen. Sie scherzte immer, dass sie bald nur noch breitbeinig ging. Ellies und Sams Tadel war stets eine Mischung aus Empörung und Belustigung. Doch sie wussten, dass ihre Freundin sich oft hinter ihrem Humor versteckte und verweilten stets mit Adleraugen im Hintergrund.

Was Lulu an diesem Tag jedoch am meisten ärgerte, war Toms erneute Abwesenheit. Bestimmt saß er wieder auf irgendeiner Baustelle fest. Bei ihm gab es nur noch Arbeit oder Sex. Wenn sie gerade nicht miteinander schliefen, dann entwarf er irgendein Haus oder einen weiteren Wolkenkratzer. Chicago hatte ja noch keine.

Lulu wollte sich auch gar nicht beschweren. Sie konnte sich einen langweiligeren Zeitvertreib vorstellen, als mit ihrem Mann zu schlafen, auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte, wann sie das letzte Mal zusammen aus gewesen waren oder sich vernünftig unterhalten hatten.

Doch dieses Gespräch heute war wichtig. Sie hatten lange auf einen Beratungstermin warten müssen und nun konnte sie sich allein über künstliche Befruchtung informieren.

Ein dumpfer Schlag schreckte sie aus ihren Gedanken.

Sie sah hinüber zu der etwas abseits liegenden Flurnische. Ein junger, blonder Mann kämpfte dort mit einem Getränkeautomaten um eine Cola. Entnervt verpasste er dem Gerät einen erneuten Hieb mit der Faust.

Er war von mittlerer Statur, schlank und gut trainiert, aber nicht über die Maße aufgepumpt sondern einfach nur athletisch. Sein Oberkörper kam in dem T-Shirt perfekt zur Geltung, die Jeans saß locker, aber eng an genau den richtigen Stellen.

Lulu sagte sich, dass sie eher aus Langeweile hinüberging.

„Das geht nur mit Gefühl“, feixte sie.

Der Mann drehte sich zu der gut gelaunten Stimme um. Ihn traf fast der Schlag, als er die dazugehörige Frau dazu erblickte. Sie sah umwerfend aus mit einem Schopf blonder Locken, glänzenden, grünbraunen Augen und einem Lächeln, das alles andere als zurückhaltend war. Ihr gebräuntes Gesicht strahlte Offenheit und Lebensfreude aus, der Körper war schlank aber kurvig. Sie wirkte wie jemand, mit dem man Spaß haben konnte.

Und sie schien nicht abgeneigt, als er auf ihre Flirtoffensive einging.

„Ich sehe, du kennst dich aus.“

„In der Tat“, grinste sie mit schelmisch aufblitzenden Augen und machte Anstalten ihm den Dollarschein aus der Hand zu ziehen. „Darf ich?“

„Bitte.“

Souverän nahm sie ihm den Schein aus der Hand und schob ihn in den Schlitz des Apparates. Ohne weitere Mucken spuckte der Automat die Cola aus. „Siehst du? Mit Gefühl.“

„Muss ich irgendwie verlernt haben. Gibst du Nachhilfe?“

Lulu lächelte ihm in die großen Augen und war überrascht, wie hingezogen sie sich zu ihm fühlte. Ihn umgab eine Aura, die sie magnetisch anzog und als sehr erotisch empfand. Das lag keineswegs an seinem hübschen Gesicht – und dies war alles andere als unattraktiv. Vielleicht war es das sinnliche Schmunzeln seiner Lippen oder der Ausdruck in seinen großen, braunen Augen und die Art, wie er sie ansah. Sein Blick jedenfalls schien etwas anderes zu sagen und hätte er die Kunst besessen, wären Lulus Kleider schon längst von ihr abgefallen. Sexy waren die Worte, mit denen sie ihn ihren Freundinnen beschrieben hätte.

„Ich bin Jack“, stellte er sich nun vor. „Meine Schwester ist gerade in Behandlung. Wartest du auch noch?“

„Ich?“

Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste Lulu nicht, was sie antworten sollte, denn natürlich konnte sie ihm nicht von ihrem faulen Uterus erzählen, auch wenn sie nur zu einem ersten Gespräch hier war und nicht um sich künstlich befruchten zu lassen. Im Gegensatz zu seiner Schwester. Doch ihr wollte unter seinem Blick auch nichts anderes einfallen. Also lachte sie nur.

„Ich, ach ... nein ... Nein, ich begleite eine Freundin. Ich bin Lulu.“

„Ich warte mit dir, wenn du magst. Sollen wir uns setzen?“

„Äh, okay.“

Warum hatte sie nicht gesagt, dass sie gerade gehen wollte? Hoffentlich würde der Ausruf mit ihrem Namen sie nicht als Lügnerin entlarven. Sie war schon lange nicht mehr so nervös in Gegenwart eines offensichtlich jüngeren Mannes gewesen und beschwor ihrem Herzen, langsamer zu schlagen.

„Was machst du so, Lulu?“

„Ich? Ich arbeite am Flughafen. In O'Hare. Als Security Agent für United Airlines. Und im Café Vienna. Also meine Freundinnen und ich ... uns gehört es.“ Sie fragte sich, ob sie jemals wieder einen eloquenten Satz zustandebringen würde? Mit dem gutaussehenden Fremden an ihrer Seite schien dies jedenfalls momentan nicht möglich. „Und du?“

„Ich bin Privatdetektiv.“

„Ehrlich? Ist ja interessant.“

„Ich bin fertig, Jackie!“

Lulu sah auf und entdeckte eine kleine, vollschlanke Person mit einem schicken, platinblonden Bob auf sie zukommen. Sie wartete gar nicht erst auf ihn, sondern stampfte in teuren Ballerinas davon, während sie in ihrer Crossbodybag von Louis Vuitton bereits nach ihrem Handy kramte.

„Schade, dass wir uns nicht länger unterhalten konnten.“ Mit einem bedauernden Lächeln stand er auf. „Vielleicht sehen wir uns ja mal im Vienna?“

Lulu sah zu ihm auf und wollte plötzlich nicht, dass er ging. Aber sie konnte ihn nicht aufhalten, denn sie kannte ihn nicht. Zudem durfte sie ihn auch nicht aufhalten wollen, schob sie in Gedanken hinterher. Er war zu jung.

Und sie seit einem Jahr verheiratet.

„Ich bin meist nachmittags da“, hörte sie sich dennoch sagen.

„Dann bis bald.“ Er lächelte noch einmal dieses verführerische Schmunzeln und verfiel dann in einen eiligen Schritt, um seine Schwester einzuholen, während Lulu ihm nur nachsah und ihr Gefühlschaos zu verstehen versuchte.

„Lulu Preston?“

Sie versicherte sich, dass er fort war, bevor sie sich der Assistentin zu Erkennen gab. Mit wackeligen Beinen folgte sie ihr zu dem Arzt, bei dem sie einen Termin vereinbart hatte. Er legte auch gleich los und stellte Fragen über ihre Gesundheitshistorie, ehe er mit einem Monolog über assistierte Reproduktion begann.

Doch so sehr Lulu auch zu Anfang interessiert war, seine Stimme rückte alsbald immer weiter in den Hintergrund, bis sie nur noch ein Murmeln war und ein junger Privatdetektiv namens Jack all ihre Gedanken füllte.

Kapitel 3

Sam war an diesem Morgen nicht ganz bei der Sache.

Als Schichtleiterin und Sicherheitsbeauftragte war sie bei United Airlines für die Abfertigung und die Flugsicherheit der täglichen Flüge zuständig. Hin und wieder half sie noch am Check-In aus, aber das geschah zu ihrem Bedauern nur noch selten. Dennoch mochte sie es, die Zügel in der Hand zu halten, übernahm gerne die Verantwortung und florierte unter Stress. Sie war gut in ihrem Job und das wusste sie. Auch ihre Kollegen wussten das. Sie mochten es, mit ihr zusammen zu arbeiten, denn trotz allem verlor sie nie ihren Sinn für Humor oder den Blick fürs Wesentliche.

Dass sie mit ihren Gedanken an diesem Tag woanders war, merkten sie sofort, doch wie üblich bagatellisierte Sam deren Kommentare mit einem tapferen Lächeln und beteuerte, nur schlecht geschlafen zu haben.

Was zum Teil ja auch stimmte. Dass sie dank Scott kein Auge zugetan hatte, offenbarte sie nicht.

Sie hatte ihren Freund noch nie derart betrunken erlebt und war geschockt, in Sorge und gleichzeitig voller Mitgefühl. Er war kein Alkoholiker, doch er hatte zugegeben, seinen Schmerz über ihre Trennung mit Spirituosen betäubt zu haben. Jedenfalls hatte er es versucht. Nur welchen Grund mochte er wohl letzte Nacht gehabt haben? War er nicht mehr glücklich mit ihr? Reichte sie ihm nicht?

Ihre Schicht neigte sich dem Ende zu, als sie bei ihrem letzten Abflug auf Matthew traf. Er war auf dem Weg nach Afrika und klagte über Kopfschmerzen, bemerkte jedoch ihre Stimmung und erkundigte sich stattdessen nach ihrem Wohlbefinden.

„Ach, es war nur eine kurze Nacht, das ist alles.“

„Solche kenne ich“, sagte er mit einem verständnisvollen Lächeln. Da überraschte er sie und hakte nach: „Ist es wegen Scott?“

Tränen schossen ihr in die Augen, doch sie wich seinem Blick aus. Hätte sie ihn angesehen, hätte sie sie vermutlich nicht zurückhalten können. „Er kam letzte Nacht sturzbetrunken nach Hause. So kenne ich ihn gar nicht. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn.“

„Allein? Oder war er mit einem Freund aus?“

„Welchem Freund?“ Nun hob sie den Kopf und sah Matthew in die großen, blaugrünen Augen. Sie strahlten so viel Wärme und Mitgefühl aus, dass ihr kurz die Stimme im Halse stecken blieb. Sie schluckte die Tränen hinunter und sagte: „Ihr seid seine Freunde, Matt. Vielleicht ist es genau das. Vielleicht vermisst er sein altes Leben.“

„Das bezweifle ich. Ich war doch gestern mit ihm unterwegs und da hat er noch gesagt, dass er mit dir glücklich ist. Mach dir keine Gedanken, es war bestimmt nur ein Ausrutscher. Ich glaube, es ist nur diese musikalische Blockade, die ihn zu schaffen macht.“

„Er hat nichts geschrieben, seit er in Chicago ist“, wusste auch Sam. „Und er ist seit Ewigkeiten nicht mehr aufgetreten. Manchmal habe ich das Gefühl, er will das alles gar nicht mehr.“

„Er möchte bestimmt nur in Ruhe gelassen werden“, überlegte Matthew, an die Boulevardpresse und die Fans denkend, die ihn aus London vertrieben hatten. „Berühmt zu sein ist nicht leicht.“

„Ja, natürlich ist es das nicht, aber er kann kein erfolgreicher Singer/Songwriter sein und gleichzeitig wie ein Eremit leben wollen. Das macht diese ganze Musiknummer etwas schwierig. Außerdem bekommt er bei Liveauftritten Panikattacken. Und je mehr er sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, desto mehr wollen die Leute ihn. Das blockiert ihn total.“

„Ein Teufelskreis.“

„Du sagst es. Vielleicht braucht er wirklich nur ein eigenes Studio, in dem er für sich ist und kreativ denken kann. Der Rest kommt dann bestimmt wie von selbst. Das hoffe ich zumindest.“

„Das denke ich auch. Jedenfalls ist er hier unbekannt und vor kreischenden Fans sicher. In England muss es wirklich schlimm gewesen sein. Was wäre denn, wenn er etwas komplett anderes macht? Ein anderer Job, meine ich? Es gibt doch bestimmt genug, die mit Musik zu tun haben?“

Sam fand es süß, dass Matthew sich solche Gedanken um Scott machte, kannte aber die Aussichtslosigkeit seiner Mühen. Sie hatte all dies schon hinter sich und war an Scotts Komplexität beinahe verzweifelt.

„Vergiss es. Du weißt doch, wie er ist. Er hat nie etwas anderes als Musik gemacht und will es auch nicht. Zudem wäre er doch gar nicht vermittelbar. Er ist ein fauler Perfektionist, der sich zu wenig Gedanken und gleichzeitig zu viel Sorgen um ein und dieselbe Sache macht.“

Matthew lachte auf. „Perfekt beschrieben.“

Sam sah sein heiteres Gesicht zu einer Grimasse zusammenfallen. „Ist alles okay?“

„Nur die Kopfschmerzen.“ Er rieb sich kurz über die Stirn und holte tief Luft, so als wolle er den Schmerz einfach wegatmen. „Geht schon wieder.“

„Hast du schon etwas dagegen genommen? Ich habe Aspirin dabei.“

„Danke, ich habe mich vorhin am Medi-Kit bedient.“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Flugzeuginnere und wechselte das Thema. „Was ist jetzt mit dem letzten Passagier? Warten wir noch länger oder fangen wir an, das Gepäck auszuladen?“

Sam konsultierte die Uhrzeit auf ihrem Diensthandy. „Ich würde sagen, wir lokalisieren den Koffer und wenn der Pfirsich in fünf Minuten nicht hier ist, ziehen wir und er wird abgeladen. Was meinst du?“

„Du bist der Boss.“

„Und du bist der Captain. Wenn du ihn nicht mitnehmen willst, dann lade ich ihn jetzt schon ab.“

„Geben wir ihm die fünf Minuten.“

Sams Funkgerät knackte.

„Er ist da“, rief die verzerrte Stimme ihrer Kollegin durch die Leitung. „Ist die Tür schon zu?“

Sam nickte Ellies Freund im Eingang der Boeing zu und sprach ins Walkie Talkie: „Nein, schick ihn runter.“

„Roger.“

„Das war es dann wohl. Viel Spaß in Mombasa“, verabschiedete Sam sich bei dem Piloten und trat zur Seite, um dem heranlaufenden, nassgeschwitzten Passagier Platz zu machen.

„Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid!“, stammelte dieser und sprang ins Flugzeug.

„Bye, Sam!“, rief Matthew, bevor er nach vorn ins Cockpit ging.

„Happy Landing!“

Am Gate wartete sie am Panoramafenster, bis die 'Triple Seven' vom Schleppfahrzeug zurückgedrückt wurde. Matthew saß im Cockpit und sprach gerade in sein Headset, als er ihr noch ein letztes Mal zuwinkte. Sam hob lächelnd die Hand, doch ihre Gedanken waren schon bei Scott und ihrem Feierabend.

Ohne Umschweife ging sie ins Büro, hoffend, dass ihr Kollege von der Mittagsschicht bereits eingetroffen war und sie sofort heimfahren konnte. Sie hatte Glück – Teamleiter Robert saß an seinem Schreibtisch. Sie machte ihre Übergabe, holte im Umkleideraum ihre Tasche aus dem Spind und beeilte sich fortzukommen.

Im Aufzug schob sie mit der einen Hand die Sonnenbrille in die hellblonden Haare, mit der anderen konsultierte sie ihr Smartphone. Keine Nachricht von Scott, aber ein verpasster Anruf von Lulu.

„Oi!“, rief sie auch sofort durch die Leitung, als Sam zurückrief. „Du musst sofort ins Vienna kommen!“

„Heute ist es wirklich schlecht, Lu...“, begann Sam, doch ihre Freundin wollte nichts davon hören.

„Ich komme gerade von der Fruchtbarkeitsklinik.“

Sam horchte auf. „Oh, was hat der Arzt gesagt?“

„Komm einfach ins Vienna.“

Und damit legte sie auf.

Sam warf ihr Handy zurück in die Tasche und eilte durchs Terminal und hinaus zum Mitarbeiterparkplatz.

Die Sonne brannte auf den Asphalt hinab, es war windstill und die Luft erfüllt von Kerosingeruch. Der rote Cuda stand seit Stunden im gleißenden Licht, so dass Sam sich beinahe die Hände am Lenkrad verbrannte. Fluchend drehte sie die Klimaanlage auf und schoss mit einem Bleifuß vom Parkplatz und in Richtung Innenstadt.

Bald tat sich die Skyline Chicagos am Horizont auf; in der heißen Mittagssonne flimmerte sie wie eine Fata Morgana. Für gewöhnlich liebte Sam den sich stadteinwärts darbietenden Panoramablick, doch heute hatte sie keine Zeit für die Schönheit ihrer Heimatstadt. Sie dachte nur an die Dringlichkeit in Lulus Stimme und Scotts seelische Verfassung.

Vierzig Minuten später kam der Wagen mit dampfenden Reifen zum Stehen. Über dem Gebäude des Cafés trotzte der viktorianische Schriftzug Vienna mutig den dahinter aufragenden Wolkenkratzern der Innenstadt.

Sam mochte diesen Widerstand gegen die Moderne.

Auch im Inneren spürte man ihn deutlich: Kristalllüster, runde Marmortische, dunkles Holz, Thonetstühle, opulente Sofas und Sitznischen. Trat man über die Schwelle, fühlte man sich wie in eine vergangene Zeit zurückversetzt.

„Sammy!“, rief Ellies Tochter Madison und lief ihr mit weit aufgerissenen Armen entgegen. Sie trug ihr Ballettoutfit, das Tutu hüpfte freudig auf und ab.

„Hi Mads, wie war dein dritter Schultag?“ Sam ließ sich einen Kuss auf die Wange drücken, bevor sie mit der goldblonden Ballerina am Bein zu der Nische am Fenster hinkte, in der ihre Freundinnen sich über einem Stück Marmorkuchen hinweg unterhielten. Sie hauchte ihnen Küsse auf die Wangen.

„Und? Hat es funktioniert?“

„Was soll funktioniert haben?“, entgegnete Lulu und rückte auf, als Sam sich neben sie plumpsen ließ.

„Warst du nicht in dieser Klinik, um dich befruchten zu lassen?“

„Bist du wahnsinnig? Es war nur ein Infogespräch.“ Lulu schüttelte amüsiert den Kopf. „Aber ich habe einen Mann getroffen!“

„Einen Mann.“ Sam nickte und wartete auf mehr, aber da kam nichts. Krampfhaft um einen lockeren Tonfall bemüht, schob sie nach: „Das ist alles? Du lässt mich wie ein Berserker über den Highway brettern, nur um mir zu sagen, dass du einen Mann getroffen hast? Einen verdammten Mann?!“

„Was ist passiert?“

Ellie konnte nicht wissen, was Sam beschäftigte und doch war es so. Ihre Intuition log niemals. Auch Lulus Antennen waren ausgefahren, als ihre jüngere Freundin nun das Gesicht in den Händen vergrub.

„Süße, was ist denn nur los?“

„Tut mir leid, es ist nur ... Scott...“ Sam brachte die Worte kaum über die Lippen. Sie schämte sich, zugeben zu müssen, dass ihre Beziehung zu dem Einen nicht so verlief, wie sie es früher immer allen prophezeit hatte. „Er kam erst heute früh nach Hause und war total betrunken. So habe ich ihn noch nie erlebt ... und ... ich weiß nicht ... Die Vorstellung, dass er irgendwo allein gesessen und sich betrunken hat ... dass er denkt, er könnte nicht mit mir reden oder sich mir anvertrauen...“

„Vielleicht war es nur eine einmalige Sache“, versuchte Ellie und schob ihrer Tochter den Teller mit dem Kuchen zu. „Er ist ja kein Alkoholiker und hat doch nur während eurer Trennung getrunken. Um dich zu vergessen. War es nicht so? Aber jetzt ist er hier und ihr seid zusammen.“

„Es war bestimmt nur ein Ausrutscher“, fand auch Lulu. „Vielleicht hat er jemanden getroffen.“

„Aber was ist, wenn er nicht mehr glücklich ist? Wenn er zurück nach London will?“ Ihre größte Angst nun laut ausgesprochen zu hören, schien alles nur noch schlimmer zu machen. Mit einem Mal war alles so beschämend real.