Café London - Grace Falter - E-Book

Café London E-Book

Grace Falter

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Beschreibung

Drei Freundinnen. Drei Liebesgeschichten. Ein Happy End? Seit vier Monaten sind Sam, Lulu und Ellie allein. Ohne Freund, ohne Mann, ohne Hoffnung. Die düsteren Wolken am Liebeshimmel scheinen nicht vorbeiziehen zu wollen. Lulu übernachtet auf Sams Couch - schwanger und von ihrem Mann getrennt lebend. Ellie trauert um ihren Lieblingspiloten und Patricks Freundschaft - mit einem verspäteten Verlobungsring am Finger und Matthews Sohn in Residenz. Sam ist in Sorge um Scott - ein paar Monate nach seiner Ankunft in London ist ihr Freund wie vom Erdboden verschluckt. Um ihn zu finden, reisen die drei Frauen in die Hauptstadt Englands. Dort treffen sie auf alte Bekannte, entfachen ungeahnte Leidenschaften, werden mit Ängsten konfrontiert und stellen sich neuen Herausforderungen. Café London - ein Roman über Liebe, Heilung und den Weg zum Happily Ever After.

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

„Everything will be okay in the end. If it's not okay, then it's not the end.“ - John Lennon

Für alle, die an die Liebe glauben.

Für jene, die sie verloren haben.

Möge diese Geschichte ein kleiner Lichtblick auf eurer Suche nach dem Happy End sein.

Prolog

Sie war allein.

Ellie wusste es, ohne hinzusehen. Tastend streckte sie die Hand aus; die leere Matratze bestätigte ihre Vermutung.

Mit dem sechsten Schlag des Big Ben öffnete sie die Augen und richtete sich auf den Ellenbogen auf. Blinzelnd versuchte sie, etwas in der Dunkelheit des frühen Wintermorgens zu erkennen, doch das Apartment schien verlassen.

„Hallo?“, rief sie in die Stille und setzte sich auf, die Bettdecke vor ihre Nacktheit gepresst. Sie tat dies eher aus Kälte als aus Scham. Auch Schutz brauchte sie keinen. Nicht vor ihm. „Hey, bist du noch da?“

Nichts.

Er war fort, aber das war okay. Nichts anderes hatte Ellie von einem Schürzenjäger wie ihm erwartet.

Sie schaltete die Nachttischlampe ein. Sofort fiel ihr Blick auf den offen stehenden, alten Kleiderschrank: gähnende Leere. Auch die oberste Schublade der Kommode war hinausgezogen worden. Ellie vermutete richtig, dass auch diese geräumt worden war.

Da entdeckte sie den Schlüssel.

Ein Sicherheitsschlüssel, ähnlich wie der ihres eigenen Cafés in Chicago. Er lag auf dem Nachttisch gleich neben ihr, im Lichtkegel der Lampe. Ein Blatt Papier lag darunter. Es war einmal gefaltet worden.

Ellie nahm sie auf und las die handschriftliche Notiz.

Gerührt flog ihre Hand hinauf an ihr Herz, ihr Blick wanderte zurück zum Schlüssel.

Sie hatte ja einiges von Luca Rossi erwartet.

Einiges.

Aber nicht das.

Kapitel 1

Ein Feuerwerk orchestraler Klänge hallte durch das Metropolis Studio in London und ließ die Wände erzittern.

Als die Musik leiser gedreht wurde, öffnete Scott St. John verwundert die Augen und betätigte sogleich die Sprechanlage.

„Könnt ihr es bitte wieder in voller Lautstärke laufen lassen?“, bat er. „Nach all der Arbeit werde ich mir das nie wieder anhören und ich möchte den Sound so in Erinnerung behalten.“

„Sicher, Scott“, kam die Stimme des Soundtechnikers durch die Lautsprecher, bevor die Streicher des Orchesters wieder übernahmen.

Scott legte den Kopf zurück und lauschte gespannt. Er hörte jede Note und jedes angespielte Instrument, bis sein Bariton wieder übernahm – samtweich und tiefer als je zuvor. Seine Stimme mochte zu Anfang ein wenig ungewohnt klingen, aber eigentlich hörte er sich nur erwachsener an. Irgendwie reifer. Besser. Als wäre die Kehlkopfverletzung vor wenigen Monaten mehr Hilfe statt Rückschlag gewesen.

Dennoch war es dieses Mal mehr Arbeit gewesen, die Vocals aufzunehmen. Seine Stimmbänder waren nicht trainiert und es hatte gedauert, wieder zu seiner alten Gesangsform zurückzukehren. Er war auch nicht hundertprozentig zufrieden mit den Aufnahmen, aber das war nichts Neues und nur seiner Selbstkritik geschuldet.

„Wo kommt nur dieses wahnsinnige Vibrato her?“, fragte der Soundtechniker, als Scott später zurück in den Kontrollraum trat. „Wie machst du das?“

„Frag mich nicht. Bei Eurydice in der zweiten Minute höre ich meinen Atem. Der muss bitte noch weg. Ansonsten sind wir durch, denke ich.“

„Geht klar. Es war mir eine Ehre, Scott.“ Er schüttelte dem Sänger in der schwarzen Röhrenjeans derart ehrfürchtig die Hand, dass Scotts Armband am knochigen Handgelenk wackelte. „Und darf ich noch einmal sagen, wie genial es war, diesen Pappkarton als Sound ranzuschaffen?“

„Manchmal bringen alltägliche Dinge den besten Effekt.“ Bescheiden hob Scott die dünnen Schultern. „Ich muss los. Bis dann, Joe.“

Er wandte sich ab und gähnte hinter vorgehaltener Hand, während er zur Tür ging. Er war wirklich erledigt. Das Album zeitig fertig zu bekommen, war ein nervenaufreibender Prozess gewesen, in den zu viele Menschen involviert waren, die es hätten vermasseln können. Nun war er unendlich erleichtert und erschöpft. Alles, was er jetzt wollte, war nach Hause fliegen.

Nach Chicago.

Zu ihr.

Scott zog das alte Smartphone aus der Innentasche seines Sakkos, das im selben Augenblick eine Nachricht ankündigte. Der Name des Absenders ließ sein Herz flattern.

Sam.

Als hätte sie seine Sehnsucht gespürt.

„Wie lief der letzte Aufnahmetag? Bleibt es bei deinem Rückflug morgen? Die Buchungszahlen sehen gut aus! Ich kann es kaum erwarten, dich wieder im Arm halten zu können. Sam x “

„Scott!“

Er wurde vom kettenrauchenden Produzenten der Plattenfirma in Beschlag genommen, kaum, dass er durch die Tür war. Er saß am einzigen Tisch im Regieraum.

Scott steckte das Handy fort und ging hinüber. Er würde Sam antworten, sobald er sich von Peter Knight verabschiedet hatte. Dann gab es ohnehin nichts mehr für ihn zu tun und er konnte ihr den Rückflug mit Gewissheit bestätigen.

Dabei war Sam es gewesen, die ihn vor knapp vier Monaten nach London geschickt hatte. Um sich wieder zu finden. Scott hatte Wochen gebraucht, um ihre Entscheidung zu verstehen. Wochen, in denen er seine Freundin verfluchte und so sehr vermisste, dass es wehtat.

Doch genau diese Sehnsucht hatte seine Kreativität auf ein Neues entfacht. Worte und Melodien waren aus ihm herausgesprudelt, wie damals, bevor seine erste CD erschienen war. Es war beinahe so, als hätte man einen Schalter in ihm umgelegt.

Das lag nicht am Ortswechsel, so wie Sam immer vermutet hatte, sondern daran, dass er sich einzig und allein auf den Prozess einlassen konnte, ohne abgelenkt oder gestört zu werden. Es klang verrückt, doch er hatte sich in ein Kloster zurückgezogen und dort verarbeitet, was ihm im letzten halben Jahr in Chicago widerfahren war: der plötzliche Tod seines Freundes Matthew, der Überfall und die daraus resultierende Kehlkopfverletzung, der Drang nach Alkohol, seine selbstzerstörerischen Gedanken, diese verrückte Eifersucht, geboren aus Selbstzweifel und Unsicherheit. All das, sowie seine Liebe und die Sehnsucht nach Sam, behandelte er in seinen Songs. Seine Werke schwankten zwischen tiefer Melancholie, feierlichem Schwermut und skurriler Leichtigkeit und nahmen den Hörenden mit auf eine eindrucksvolle Reise der musikalischen Virtuosität.

„Was hast du da vorhin gesagt? Du wirst dir die Songs nie wieder anhören?“ Peter Knight hielt Scott seine offene Schachtel Benson & Hedges hin.

Die Zigaretten ablehnend, setzte Scott sich ihm gegenüber und erklärte: „Ich verbringe genug Zeit mit ihnen. Ich schreibe sie, ich nehme sie auf, ich mixe alles. Dieser ganzer Prozess ist ein Albtraum, Pete. Ich bin froh, dass es vorbei ist.“

„Verstehe, verstehe“, sagte der Produzent nickend und nahm einen langen Zug von seiner Zigarette. „Also bist du durch? Bist du tatsächlich fertig geworden?“

„Zwölf Songs“, bestätigte Scott.

„Perfekt. Und das Cover haben wir auch. Bist du sicher, dass du nicht noch bleiben willst, um es dir anzusehen?“

„Schick mir ein Foto“, meinte Scott und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und hinauf in die viel zu lang gewordenen Haare. Sein Seitenscheitel war kaum mehr zu erkennen, die Stufen beinahe herausgewachsen. „Ich bin raus. Stewart macht den Rest.“

„Okay, ich werde mich mit ihm in Verbindung setzen und alles Weitere veranlassen.“

Der Produzent erhob sich – ein Zeichen für Scott, dass das Gespräch beendet war. Auch er schob den Stuhl zurück.

„Danke, dass ich freie Handhabe hatte“, sagte er und schüttelte Peter Knight die Hand. „Das Orchester war unfassbar gut.“

„Alles für den Mann der Stunde! Komm, ich bring dich noch hinaus.“

Es fühlte sich merkwürdig an, ein letztes Mal die Treppe hinunter in die große Halle hinabzusteigen, in der das Orchester und all die anderen Musiker und Beteiligten in den letzten Wochen hart gearbeitet und seinen Visionen ein Leben eingehaucht hatten. Ehrfürchtig nahm Scott im Stillen Abschied, während der Produzent ihn zum Ausgang begleitete.

„Wann geht dein Rückflug?“

„Morgen früh.“

„Bist du eigentlich zufrieden mit Stewart?“

„Als Manager? Natürlich.“ Scott wunderte sich über diese Frage. Er kannte Stewart Lake seit Jahren und vertraute ihm. „Wieso?“

„Die Presse hat von deiner Arbeit hier Wind gekriegt“, erklärte er mit der Zigarette im Mundwinkel. „Sie spekulieren darüber, wo du das letzte Jahr über gewesen bist. Vielleicht hat er geplaudert.“

„Das bezweifle ich. Was wird denn erzählt?“

„Sie denken, du hast in dunklen Pubs gesessen und alten Leuten beim Dart zugeschaut.“

Wäre er nicht so erschöpft gewesen, hätte Scott über die Absurdität gelacht. „Wäre ja auch langweilig, wenn sie die Wahrheit schreiben würden.“

„Ja, nicht wahr?“ Peter Knight paffte ein paar nachdenkliche Züge, bevor er nachhakte: „Was ist die Wahrheit?“

„Ich war in den Staaten, das weißt du doch.“ Müde nahm er seinen Dufflecoat vom Garderobenhaken und zog ihn über.

„Wo denn? Hast du jemanden kennengelernt?“

Mit einem wissenden Lächeln, antwortete Scott: „Bis zum nächsten Mal, Pete.“

„Pass auf dich auf. Die Meute wird vermutlich morgen am Flughafen auf dich warten. Sag mir, wo du wohnst und ich schick dir einen Wagen, der dich hinfährt.“

Scott kannte die Tricks der Plattenfirmen und wusste, dass Peter Knight vermutlich selbst die Presse informieren würde. Schlagzeilen förderten den Umsatz, das war schon immer so gewesen.

„Ich komm klar, danke dir.“

„Melde dich, wenn du deine Meinung änderst.“

Nach einem letzten Handschlag trat Scott hinaus in die kalte Dunkelheit des Februarabends und erfasste den beleuchteten Vorplatz mit einem schnellen, aber nervösen Blick. Das Gelände schien verlassen.

Scott war erleichtert, konnte seine innere Anspannung aber nicht ganz ablegen. Blitzlichtgewitter und Presserummel brauchte er momentan so sehr wie ein Loch in seinem Kopf. Er verfluchte Peter Knight dafür, seine Panik geschürt zu haben.

Das Knirschen des Streusalzes unter seinen Chucks war nicht zu überhören, während er mit klappernden Zähnen die schmale Gasse zur Straße entlanglief. Kondenswolken bildeten sich vor seinem Mund. Die Straßenlaterne vorne am Eingang erhellte die Zufahrt: noch immer keine Menschenseele zu sehen.

Als Scott sich sicher war, dass hinter der Mauer des Nebenhauses niemand lauerte, trat er auf die Straße, schlug den Kragen seines Dufflecoats hoch und machte sich auf den Weg zur Haltestelle.

Er hätte ein Uber nehmen können, doch er mochte die Anonymität der Großstadt. Niemand achtete auf die Menschen um sich herum, schon gar nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Der Bus fuhr innerhalb von zwei Minuten vor. Zu dieser späten Stunde waren nur noch wenige Menschen auf dem Weg in die Innenstadt. Hauptsächlich jüngere Leute, die ihre Smartphones interessanter fanden als ihn.

Eine Teenagerin hob neugierig den Kopf, als er einstieg und den Busfahrer bezahlte. Scott wusste, dass sein eher ungewöhnliches Erscheinungsbild ihr Aufsehen erregt hatte. Er trug sein Haar nun mal nicht wie alle anderen Männer heutzutage. Auch seine Röhrenjeans war ungewöhnlich. Sein Faible für die Swinging Sixties war für jeden ersichtlich, der sich in der Musikbranche ein wenig auskannte.

Das Mädchen gehörte scheinbar nicht dazu, denn sie widmete sich wieder ihrem Handy.

Scott spürte seine Nervosität in Erleichterung umschlagen, glitt auf einen Platz am Fenster und lehnte müde den Kopf gegen die Scheibe. Er achtete nicht auf die vorbeiziehenden Lichter von Chiswick, während der Bus sich seinen Weg in die Innenstadt Londons bahnte und das konstante Ruckeln der Fahrt ihn schläfrig werden ließ.

Er dachte noch kurz an Sams Nachricht, war aber bereits eingeschlafen, als der Bus die nächste Haltestelle anfuhr. Er träumte sogar von einem Blitzlicht, das in seinem Gesicht losging.

„Sir?“

Eine väterliche Stimme drang zu ihm durch. Grelles Licht drängte sich durch seine Lider, als er sie nur mit Mühe öffnete. „Hm?“

„Endstation“, sagte der Busfahrer.

„Oh, gut.“

„Passen Sie auf da draußen. Könnte glatt geworden sein.“

„Danke.“ Schlaftrunken rappelte Scott sich auf.

„Und … ich weiß nicht, ob es für Sie von Belang ist, aber … einer der Fahrgäste hat ein Foto von ihnen gemacht.“

„Ein Foto?“ Also hatte er das Blitzlicht nicht bloß geträumt. Hatte er denn niemals seine Ruhe?

Resigniert bedankte er sich bei dem alten Busfahrer und wünschte eine gute Nacht, bevor er hinaus in die nasse Kälte des Abends stolperte. Es hatte wahrhaftig zu Frieren begonnen, die eisigen Regentropfen fühlten sich wie Nadelstiche auf seiner müden Haut an.

Gut, dass er es nicht mehr weit hatte.

Mit vor Kälte tauben Fingern kramte er sein Handy aus der Tasche, um Sam endlich zu antworten. Der heftige Regen machte es jedoch unmöglich, den Touchscreen zu benutzen.

„Scheiße“, fluchte er. Wie er diese Telefone hasste!

Den Blick noch immer auf sein nasses Smartphone gerichtet, überquerte Scott die Straße.

Bremsen quietschten, Reifen blockierten.

Als der Van ihn erfasste, flog sein Handy in hohem Bogen davon. Der dumpfe Aufprall seines Körpers auf dem nassen Asphalt war hart, doch merkwürdigerweise spürte er gar nichts.

Umso besser, fand er, denn er war ohnehin müde und wollte schlafen.

Einfach die Augen schließen und schlafen.

Kapitel 2

Samantha Morgan schreckte aus dem Schlaf hoch.

Sofort fiel ihr Blick auf die freie Bettseite neben sich, ihr Herz hämmerte einen besorgten Rhythmus.

Leer.

Natürlich war ihr Freund nicht über Nacht heimgekehrt, schalt sie sich. Und doch streckte Sam jeden Morgen die Hand nach ihm aus, im schlaftrunkenen Dämmerzustand hoffend, er wäre nach Hause gekommen, während sie schlief.

Sie kniff die Lider zusammen, um die Tränen zu unterdrücken, die seit fast einer Woche flossen. Es war Februar geworden und Scott St. John noch immer nicht aus England zurück.

Auf ihre letzte Nachricht hatte er nicht reagiert, sein Handy war seit fünf Tagen nicht erreichbar. Sams anfänglicher Missmut schlug schnell in Besorgnis um, als sie am Tag seines Rückfluges zur Arbeit an den Flughafen fuhr und im Buchungssystem feststellen musste, dass Scott gar nicht eingecheckt hatte.

Sie hatte sofort halb London verrückt gemacht und einige Anrufe getätigt. Das Musikstudio in Chiswick, in dem Scott an dem Abend ihrer letzten Nachricht seine Aufnahmen hatte beenden wollen, gab verständlicherweise keinerlei Informationen über ihre Künstler heraus. Seine Mutter Mimi befand sich derzeit in Indien und war keine große Hilfe, und auch Scotts ehemaliger Bandkollege Dave wusste von nichts. Selbst Google hatte keinerlei Neuigkeiten über den Verbleib des britischen Singer-Songwriter und die Nummer seines Managers kannte Sam nicht. Was dumm war, das wusste sie auch, aber wer rechnete schon mit einer derartigen Funkstille? Täglich hatten sie miteinander kommuniziert, und nun war Scott seit fast einer Woche verschwunden.

Sam war außer sich vor Sorge, verängstigt und verunsichert. Was war, wenn er sie nicht mehr liebte? Vielleicht hatte er eine andere kennengelernt und hielt es nicht für nötig, sie über das Ende ihrer Beziehung zu informieren? Vielleicht war er einfach auf und davon?

Sie bezweifelte, dass ihm etwas zugestoßen war, auch wenn sie die Möglichkeit in Betracht ziehen musste. Aber hätte sie darüber nichts im Internet gelesen? Sicherlich hätte die britische Boulevardpresse von einem Unglück Wind bekommen und darüber berichtet.

Sam wusste nicht mehr, was sie glauben sollte, und hatte sich in ihrer Verzweiflung auf den ersten Flug nach London gebucht. Ihre Freundinnen Lulu und Ellie bestanden darauf, mitzukommen und ließen keine Einwände gelten.

Sam war dankbar für ihre Unterstützung, obwohl sie so ihr Café für ein paar Tage allein lassen mussten. Doch sie vertrauten ihren Angestellten, von denen die meisten seit der Eröffnung dabei waren. Ein paar Tage ohne Vorgesetzte würden sie allemal hinbekommen. Vermutlich freuten sie sich auf die führungslose Zeit.

Es dämmerte bereits, als Sam sich endlich aufraffte und ins Bad schlurfte. Auch wenn die dichte Wolkendecke über Chicago das sanfte Licht des frühen Morgens trübte und ihr Schlafzimmer in Dunkelheit tauchte, wusste sie doch, dass ein neuer Tag bereits angebrochen war.

Denn es war ein weiterer ohne Scott. Ein weiteres Stück von ihrem Herzen. Wie viel Enttäuschung und Leid konnte es wohl noch aushalten, bevor es kümmerlich zusammenschrumpfte und niemand mehr Zugang fand?

Geplagt von Selbstmitleid, Zweifel und Kummer stellte sie sich unter die Dusche und begann zu weinen.

~

Lulu Preston erwachte, als nebenan die Dusche anging. Sie lag noch eine Weile reglos da und lauschte dem Geräusch des rauschenden Wassers, wissend, dass Sam mal wieder weinte. Ihre Freundin glaubte, Lulu wüsste es nicht, doch das tat sie.

Die halbe Woche ging das schon so – seit Scott vor fünf Tagen verschwunden war. Lulu hatte Sam noch nie beim Weinen gesehen oder gehört, aber sie sah es an ihren Augen, wenn sie ins Wohnzimmer kam, um sie zu wecken.

Lulu verfluchte Scott dafür, dass er Sam solch einen Kummer bereitete, auch wenn Lulu sich ebenso Sorgen über seinen Verbleib machte. Es war untypisch für ihn, sich nicht zu melden. Die beiden hatten so oft miteinander telefoniert, dass Lulu es kaum mehr ausgehalten hatte. Einmal hatte sie Sam sogar ihres eigenen Wohnzimmers verwiesen, nur um kurz darauf eindeutiges Stöhnen aus dem Schlafzimmer zu vernehmen. Missmutig hatte sie die Lautstärke des Fernsehers erhöht, um jegliche Geräusche auszublenden.

Die von nebenan und die in ihrem Kopf.

Früher hätte Lulu noch gelauscht und teilgenommen. Heute wanderte die Hand eher über ihren Bauch und nicht zwischen ihre Beine. Auch jetzt spürte sie, wie Baby erwachte, als ihre Finger träge über die Rundung strichen.

Einundzwanzig Wochen.

Wie sehr sie werdende Mütter immer dafür gehasst hatte, wenn sie über ihren Schwangerschaftsfortschritt berichteten und von Wochen anstatt von Monaten sprachen! Als Laie musste man immer nachrechnen. Heute gehörte sie zu derselben Sorte.

Einundzwanzig Wochen.

Fünf Monate und eine Woche war Baby jetzt alt.

Dabei waren es erst vier Monate her, seit Tom sie aus ihrer gemeinsamen Wohnung geworfen hatte. Dreiundneunzig Tage getrennt. Dreizehn Wochen und zwei Tage auf Sams Ausziehcouch.

Nicht, dass sie mitzählte, seit sie Tom gebeichtet hatte, dass ihr lang ersehntes Kind vielleicht von einem anderen Mann war.

Lulu konnte seine Wut und seinen Schmerz verstehen, hoffte aber noch immer auf Versöhnung und dass er ihr irgendwann würde verzeihen können. Seit acht Jahren war Tom Preston ihre Welt, ihr Universum und all das Licht, das sie umgab. Und nun war sie allein mit einem ungeborenen Kind, dessen Erzeuger noch immer nicht feststand.

Sie hätte das Geld investieren und einen Vaterschaftstest machen lassen können. Aber was machte es noch für einen Unterschied? Die Affäre mit dem jungen Jack war beendet und der Schaden angerichtet: Tom war fort. Auch glaubte er noch immer, sie hätte ihn nur ein einziges Mal mit Jack betrogen. Diese Wahrheit hatte sie nicht übers Herz gebracht. Es war einerlei. Es war geschehen und nicht rückgängig zu machen.

Lulu war schon immer eine heitere und lebensfrohe Frau gewesen, die Gefallen an harmlosen Flirts mit dem anderen Geschlecht fand. Ihr Mann wusste das, lebte damit und liebte ihre oft frivole Fröhlichkeit, denn das machte sie aus. Dann kam ein Jack Spade daher und Tom stellte auf einmal ihre gesamte Ehe und die letzten acht Jahre ihrer Beziehung in Frage. Dass der Tod ihres Freundes Matthew, der Drang nach Lebendigkeit und der Wunsch nach ehrlicher Unterhaltung und Zuneigung Lulus Katalysator gewesen waren, sah Tom natürlich nicht ein. Dass er selbst zum Workaholic mutiert war und keine Zeit mehr für seine Frau gefunden hatte, schien zufällig und nebensächlich.

Lulu fuchste diese Doppelmoral. Sie versuchte, ruhig zu bleiben, indem sie einfach weiter an die Decke starrte und darauf wartete, dass Sam kam, um sie zu wecken.

Keine zehn Minuten später stand ihre jüngere Freundin neben ihr. Das lange, hellblonde Haar hing ihr offen über die schmalen Schultern, die in einem einfachen, weißen Unterhemd steckten. Der schwarze BH darunter war deutlich zu erkennen. Die weite, graumelierte Jogginghose hatte sie nur teilweise in die braunen UGG Boots gestopft.

Im Dämmerlicht sah Lulu sie von unten nach oben an. „Fliegst du so?“

„Ja. Wieso?“

„Du hängst zu viel mit mir rum, Süße. Man sieht deinen BH. Und seit wann gehst du in Jogginghose aus dem Haus? Die hängt dir zudem aus den Stiefeln!“

„Das ist jetzt in“, antwortete Sam schmollend.

„Wo sind deine Wimpern?“

„Ich … eh … habe keinen Wimpernkleber mehr?“ Sams halbherziger Versuch zu lügen, wurde von einem zerknautschten Gesicht begleitet.

Lulu ließ sich nicht täuschen – dafür kannte sie Sam zu gut. Ihre Freundin hatte immer auf ihr Aussehen geachtet und zeigte sich selten ohne Make-up. Dabei brauchte sie gar nicht viel, um ihre natürliche Schönheit zu unterstreichen. Auch die Wimpern dienten allein Sams Wohlbefinden, während sie auf sanfte Weise ihre blauen Mandelaugen betonten.

„Ab mit dir, Samantha Morgan! Ich will dich hier nicht sehen, bevor du nicht aussiehst wie sonst! Wir fliegen nach London, um deinen Freund abzuholen und du willst doch wohl blendend aussehen, wenn du ihn wiedersiehst. Also los – zack, zack!“

„Ist ja gut“, stöhnte sie, konnte sich ein kleines Schmunzeln aber nicht verkneifen.

Gott, sie liebte ihre verrückte Lulu! Ihre blonden Locken waren wild und spiegelten ihren munteren Charakter wider, das freche Funkeln in ihren grünbraunen Mandelaugen war selbst jetzt im halbdunklen Wohnzimmer noch zu erkennen. Man konnte schnell vergessen, dass sie eine Fehlgeburt, eine Affäre und die Trennung ihres Ehemanns hinter sich hatte und eine schwangere, alleinstehende Frau von fast siebenunddreißig Jahren war. Sie hatte nichts von ihrer lebensfrohen, offenen Art eingebüßt und ließ Männer noch immer wie verhext zurück.

„Setz' schon mal Kaffee auf“, sagte Sam zu ihr, bevor sie zurück ins Schlafzimmer schlurfte.

Lulu nickte, schlug die Bettdecke fort und ging hinüber in die Kochnische. Dort schaltete sie die Nespresso-Maschine ein und schob zwei Brotschreiben in den Toaster. Im Kühlschrank herrschte jedoch gähnende Leere.

„Schon wieder keine Eier“, brummte Lulu.

Das Zusammenleben mit Sam war zum einen Teil langweilig, aber meist doch recht amüsant. Seit Lulu auf ihrer Couch übernachtete und sie viele Abende gemeinsam verbrachten, waren sie einander noch näher als früher. Sie kannten sich schon viele Jahre und ihre Freundschaft war längst tief verwurzelt, aber durch ihr gemeinsames Café, ihre Jobs am Flughafen und ihre Beziehungen hatten sie im letzten Jahr nicht mehr viel Zeit miteinander verbringen können.

Selbst Ellie gesellte sich hin und wieder hinzu, wenn sie einen kinderfreien Abend hatte, und begrüßte die Ablenkung. Vor allem in letzter Zeit, da Matthews achtjähriger Sohn seit Jahresbeginn bei ihr wohnte und sie nun täglich an ihren Lieblingspiloten erinnert wurde. Mit seinen dunklen Haaren und den hellen, blaugrünen Augen war Nick seinem verstorbenen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Sicherlich war diese Ähnlichkeit nicht der Grund für die spontane Weltreise seiner Mutter – da waren sich die drei Freundinnen einig.

Sam kehrte zurück, als Lulu den ersten Schluck Kaffee kostete. Sie hatte ihr weißes Unterhemd gegen einen dünnen Strickpullover mit weitem Halsausschnitt getauscht, der ungewollt eine zarte Schulter entblößte und sexy und leger zugleich wirkte. Der schwarze Pullover war so lang, dass die Leggins vollkommen akzeptabel war. Die UGG Boots waren geblieben. Sams hellblonde Haare waren in einen Mittelscheitel gestylt, seit ihr Fransenpony ausgewachsen war, und nun rahmte das nach außen geschwungene Haar sanft das leicht geschminkte Gesicht mit den falschen Wimpern ein.

„Sag nichts zur Leggins“, bat Sam mit erhobener Hand und glitt auf einen der Hocker an der Theke, die die Küche vom Wohnzimmer trennte. „Jeans sind einfach zu ungemütlich für diesen langen Flug.“

„Ich wollte eigentlich nur sagen, dass Scott schmelzen wird, sobald er dich sieht.“

„Wahrscheinlich hat er mich längst vergessen.“

Die Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme ließ Lulus Innerstes brodeln. „Es sind erst fünf Tage, Sam. Rede dir nicht so einen Unsinn ein. Willst du auch einen Toast?“

„Keinen Hunger.“

„Was ist mit deinem Müsli?“

„Die Milch wird nicht reichen.“

„Hast du überhaupt etwas gekauft?“

„Oh ja, die Tasche von Coach, die wir letztens gesehen haben!“, erinnerte Sam sich nun. Allein der Gedanke daran schien ihre Laune zu heben. „Weißt du noch? Die schwarze aus dem Sale.“

„Sammy, du solltest doch Lebensmittel kaufen – keine neue Tasche! Du warst diese Woche dran.“

„Stimmt auch, sorry.“ Traurig hob sie die nackte Schulter. „Ich kaufe immer nur für den nächsten Tag ein, das weißt du doch. Scott hat den Wocheneinkauf übernommen. Er hat ja auch gekocht.“

Lulu verdrehte die Augen und schob sich den Rest des Toasts in den Mund. Kauend sagte sie: „Wird Zeit, dass er zurückkommt. Ich mache mich jetzt fertig. Und bevor wir Ellie einsammeln, hältst du gefälligst irgendwo an, wo ich ein zweites Frühstück bekomme. Ich bin schwanger, verdammt! Ich esse für zwei!“

„Okay, okay, schon verstanden.“

„Du zahlst!“

„Ist ja gut! Jetzt gehe endlich duschen!“

Wie ein altes Ehepaar hörten sie sich an, fand Lulu amüsiert, und drehte sich an der Badezimmertüre noch einmal zu Sam um. Sie dachte vermutlich dasselbe, denn ihr Lächeln war ein seltenes.

„Wir werden ihn finden, Sammy. Alles wird gut...“

„... alles macht Sinn“, vollendete Sam ihren Leitspruch. „Ja, ich weiß. Jetzt hau rein, du Nervensäge.“

„Ich liebe dich auch, Süße.“ Lulu warf ihrer bedrückten Freundin einen Kuss zu und verschwand im Bad, auf Scotts baldige Rückkehr hoffend.

~

„Was zum ...?“ Ein Autohupen riss Isabelle Harper aus dem Schlaf.

Welcher Idiot drängte sich da in ihre Träume? Sie versuchte, das nervtötende Geräusch zu ignorieren, indem sie ihr Kissen über den Kopf schob. Erfolglos. Nach der Lautstärke zu urteilen, musste der hupende Wagen genau unter ihrem Fenster stehen. Eine Schande, morgens derart geweckt zu werden.

Moment mal...

Blind griff sie nach ihrem Handy auf dem Nachttisch. Durch einen Schleier von goldblondem, zerzaustem Haar blinzelte sie auf die Uhrzeit auf dem nun hell erleuchteten Display.

„Scheiße!“

In einem Gewühl von Armen, Beinen und taillenlanger Haarpracht, sprang sie aus der warmen Gemütlichkeit ihres Bettes und hinüber zum Fenster, wo sie die Holzjalousien mit einem Ruck hochriss.

Zwei Etagen unter ihr auf der Straße parkte ein ihr durchaus bekannter, roter 74er Plymouth Cuda. Sam war wie immer überpünktlich. Und sie hatten ein Flugzeug zu kriegen.

„Scheiße!“

Ellie schaltete einen Gang hoch und raste ins Bad, um sich zu waschen. Keine Zeit für eine Dusche. Bei ihrem Anblick im Spiegel zuckte sie jedoch kurz zusammen: die Knoten aus dem schweren Haar zu bürsten würde eine Ewigkeit in Anspruch nehmen, und ihr sonst so ebenmäßiger Teint war mit müden Schlaffalten übersät. Und waren diese Augenringe gestern auch schon da gewesen? Sie brauchte dringend ein erholsames Bad, aber ein erneutes Hupen ließ ihren Wunsch wie eine Seifenblase platzen. Kaltes Wasser, Seife und ein Waschlappen mussten also reichen. Die getönte Tagescreme war anschließend schnell aufgetragen, Makeup trug sie schon länger keines mehr. Für wen sollte sie sich auch herausputzen?

Bevor ihre Gedanken den üblichen Weg ins Selbstmitleid fanden, lief sie mit der surrenden Zahnbürste im Mund ins Zimmer nebenan, um ihre Kinder zu wecken.

Matthews Sohn schien sich in seinem Ausklappbett ausgesprochen wohl zu fühlen. Jedenfalls war er kaum wach zu bekommen, als sie sich die Zähne putzend über ihn beugte.

„Nick, wach auf!“, nuschelte sie, den Mund voller Zahnpasta. „Nick!“

„Mommy?“

Madison rieb sich gerade müde den Schlaf aus den Augen, als Ellie sich ihr zuwandte.

„...wirhabenverschlafen...“

„Was?“

Ellie nahm für einen Moment die Zahnbürste aus dem Mund und rief ihrer Tochter zu: „VERSCHLAFEN! NICK WECKEN! ANZIEHEN!“

Madison war sofort hellwach. Aber sie hatte verstanden, sprang aus dem Bett und tapste auf kleinen, nackten Füßchen an Nicks Seite. Sie rüttelte so lange seine Schultern, bis er aufwachte.

„Was denn?“, blinzelte er.

„Wir haben verschlafen! Aufstehen und fertigmachen!“, wiederholte sie die Worte ihrer Mutter, die grinsend ihre Kinder allein ließ, wissend, dass ihre Tochter alles unter Kontrolle hatte. Stolz erfüllte sie.

Sie ging, um zu spülen und kehrte ins Schlafzimmer zurück, wo sie die Zahnbürste oben in den Koffer stopfte. Glücklicherweise waren die schon gepackt, dachte sie, und sprang in ihre am Abend zuvor bereit gelegte Jeans. Auch der blaue Rollkragenpullover lag oben auf dem Stapel. Ganz so unorganisiert war sie ja dann doch nicht.

Die Kinder standen derweil barfuß und in ihren Pyjamas vor dem Waschbecken und putzten sich ebenfalls die Zähne. Nick konnte bereits über das Becken schauen, während Madison auf ihrem kleinen Hocker stand und nun gleichgroß wie der Achtjährige war.

Der Anblick rührte Ellies sich nur langsam erholendes Herz. Vor einem halben Jahr noch hätte sie Nick niemals aufnehmen können. Seine großen, klaren Augen in den Farben des Meeres waren die Spiegel ihrer Seele und erinnerten Ellie stets an ihre große Liebe, die sie viel zu früh verlassen hatte. Nick auf der Beerdigung zu sehen, hatte ihre Seele entzweit. Doch mit den Monaten war es einfacher geworden. Nun lebte Matthews Sohn seit vier Wochen bei ihr, und es fühlte sich an, als hätte er niemals ein anderes Zuhause gehabt.

Wie anders ihre Welt einst gewesen war!

Ihr Lieblingspilot und sie waren glücklich, verliebt, füreinander bestimmt. Sie hatten einen gemeinsamen Alltag erschaffen, in dem ihre Kinder, das Café Vienna und auch sein Pilotenjob Platz fanden. Ellie hatte ihr neues Leben geliebt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Polizist und ein Anwalt vor ihrer Tür aufgetaucht waren und ihre Welt schwarz gefärbt wurde. Patrick Baker war schnell zu einem guten Freund und Vertrauten geworden, der sie ein wenig aus dem Sumpf der Trauer gezogen hatte. Doch gerade, als Ellie geglaubt hatte, diese stumpfe Taubheit abgelegt zu haben und wieder so etwas wie Freude empfinden zu können, war Matthews Exfrau Gigi in ihrer Wohnung aufgetaucht – mit einem wiedergefundenen Verlobungsring und der Bitte, für eine Zeit auf den gemeinsamen Sohn aufzupassen. Als wäre Ellie in Treibsand gefangen, hatte der Kummer sie erneut in die Tiefe gezogen. Doch Nick konnte nichts für ihren Schmerz und vermisste seinen Vater ebenso sehr wie Ellie ihren Lieblingspiloten, also hatte sie ihn nach Neujahr aufgenommen und Gigi zu ihrer egoistischen Kreuzfahrt um die Welt verabschiedetet.

Für einen Augenblick starrte Ellie auf den Diamanten an ihrem Ringfinger. Sie wusste, es war lächerlich ihn zu tragen, denn Matthew war tot und der Ring nur ein versäumter Antrag. Aber sie brachte es nicht übers Herz, ihn wieder abzuziehen. Sie hatte Patrick damit sehr verletzt, auch wenn sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als gute Freunde gewesen waren. Dennoch war da dieser Hauch von etwas Neuem zwischen ihnen gewesen, einem aufkeimenden Gefühl, das sie nicht in Worte hatte fassen können. Wie eine Blume, die gerade erst gesät worden war. Doch dann war diese Elster mit ihrem funkelnden Stein aufgetaucht und hatte die Saat gefressen.

Ellie rollte den Koffer zur Tür und ging in die Küche. Sie überlegte gerade, ob sie noch Zeit hatte, einen schnellen Kaffee aufzubrühen und schnippte schon den Wasserkocher an, als plötzlich die Kinder hinter ihr auftauchten.

„Fertig!!“

Ellie fuhr herum und fragte sich für einen Moment, ob sie ihre Kontaktlinsen eingesetzt hatte, denn ihr Kopf konnte nicht fassen, was ihre Augen ihr vermittelten.

Wie Kinder aus einem Disney-Film standen die beiden grinsend nebeneinander und hielten sich an den behandschuhten Händen. Die rosafarbene Wollmütze auf Madisons Kopf saß ein wenig schief und die Klettverschlüsse an Nicks Turnschuhen waren ebenfalls noch offen, aber das tat dem kleinen Wunder keinen Abbruch.

„Wer seid ihr und was habt ihr mit meinen Kindern gemacht?“

Madison kicherte, Nick grinste stolz.

„Ich habe Sam schon hupen hören“, sagte er. „Soll ich deine Jacke holen?“

Ganz der Vater, dachte Ellie, gerührt über seine Fürsorge. Bei dem Gedanken an Matthew fühlte sie zum ersten Mal so etwas wie Wärme. Vielleicht war in ihr ja doch nicht alles abgestorben.

Ein weiteres, lang gezogenes Hupen ertönte, gefolgt von ihrem Handyklingeln. Sie brauchte es nicht heraus kramen, um zu wissen, dass es sich um Lulu oder Sam handelte. Stattdessen stöpselte sie den Wasserkocher aus und schwang sich die Tasche über die Schulter.

„Nehmt eure Sachen und geht schon mal runter“, sagte sie auf dem Weg zur Tür. „Ich schließe noch ab.“

Sie hörte, wie vier Kinderfüße und ihre kleinen Handgepäckkoffer die Treppe hinunter polterten, als Ellie in ihren Winterparka glitt. Einen Blick in den Garderobenspiegel riskierte sie lieber nicht. Sie griff nur nach ihrem eigenen Gepäck und schloss hinter sich ab.

Sam wartete mit laufendem Motor am Bordstein und trat das Gaspedal durch, kaum, dass Ellie neben den Kindern auf dem Rücksitz Platz genommen hatte. Lulu drehte sich mit einem amüsierten Grinsen zu ihnen um.

„Na, verschlafen?“

Kapitel 3

Sam, Organisatorin jeder bisher gemeinsam unternommenen Reise, hatte zwei Zimmer mit Verbindungstür im Tower Hotel reserviert. Das Hotel lag am St. Katharine's Dock und bot einen eindrucksvollen Blick auf die berühmte Klappbrücke, die im späten Abendlicht auf beeindruckende Weise angestrahlt wurde.

„Wow, seht euch das an!“ Lulu stand am Panoramafenster und bestaunte Ausblick und neogotische Architektur gleichermaßen. „Sam, du hast dich wie immer selbst übertroffen.“

Sam lächelte mehr schlecht als recht, während sie ihr Smartphone aus der Tasche kramte. Die Tower Bridge war schön, keine Frage, aber sie hatte momentan einfach keinen Blick für Ästhetik. Sie versuchte es lieber noch einmal auf Scotts Handy, aber der Anruf wurde wie zuvor nicht einmal durchgestellt.

Ihr Herz sank noch ein wenig tiefer. Sie schluckte frische Tränen hinunter und beschäftigte sich intensiv mit dem Verschluss ihres Koffers, während sie sich fragte, wie sie ihn finden sollte. Wie fand man einen berühmten Sänger, der vermutlich gar nicht gefunden werden wollte?

Ellie kehrte aus dem anderen Zimmer zurück, hinter ihr hörte man die Kinder vergnügt herumtollen. Scheinbar benutzten sie das gemütliche Doppelbett als Trampolin.

„Ich bin so froh, das es mit der Verbindungstür geklappt hat“, sagte Ellie erleichtert und ging zu ihrem eigenen Bett hinüber. „Ich wäre ausgerastet, hätte ich mit den beiden Chaoten ein Zimmer teilen müssen. Wie kann man um diese Uhrzeit noch so viel Energie haben?“

„Das war wieder ein bescheuerter Flug“, fand Lulu in Sams Richtung. „Wieso konnten wir nicht den Red Eye nehmen, so dass wir morgens ankommen? Wir gehen jetzt ins Bett und haben schon eine Nacht verplempert.“

„Weil ich weiß, dass der Jetlag uns umgehauen hätte“, erklärte Sam die frühe Buchung, während sie begann, ihren Koffer auszupacken. „Jetzt sind wir morgen ausgeruht und können mit der Suche starten. Außerdem passt sich so unser Körper besser an.“

„Hast du schon eine Idee, wo wir anfangen sollen?“, fragte Ellie. „Ob das Musikstudio uns weiterhilft?“

„Am Telefon haben sie keine Infos rausgegeben. Ich bezweifle, dass sie ihre Meinung ändern, nur weil ich plötzlich vor der Tür stehe ... Nein, das wird nichts bringen. Aber bis auf Dave habe ich keine wirkliche Idee.“

„Weißt du denn, wo er wohnt?“, wollte Lulu vom Fenster aus wissen. Sie hatte sich umgedreht und lehnte nun am hüfthohen Sims, hinter ihr die nächtlich erleuchtete Skyline Londons mit der angestrahlten Tower Bridge als Mittelpunkt.

„Nein, aber ich weiß, wo das Studio der Band ist. Jedenfalls ungefähr. Scott hat es mal erwähnt.“

„Ist das nur ein privates Heimstudio? Oder so was großes – also mit richtigen Musikern und so?“ Lulu schnalzte mit der Zunge und knetete ihre blonden Locken durch. „Ich hoffe, da gibt es was Männliches mit Gitarre. Diese Instrumente sind ja wie Penis-Verlängerungen.“

„Lu!“, stöhnte Ellie halb amüsiert, halb angeekelt und wandte sich zurück an Sam. „Wo ist das Studio?“

„In der Denmark Street, in der Nähe der Einkaufsmeile beim Oxford Circus. Ich muss aber auch über Google Maps schauen.“

„Die Blinde leitet die Blinde.“

Lulus spöttischen Sarkasmus ignorierend, hob Sam ihre Kosmetiktasche und die Toilettenartikel aus dem Koffer und brachte sie ins Badezimmer. Sie begann sich abzuschminken, hielt jedoch einen Moment inne und schloss die Augen.

Sie gab es den anderen gegenüber nicht zu, aber die Chancen, etwas von Scotts ehemaliger Band zu erfahren, waren verschwindend gering. Sie hatten ihm seinen Alleingang nie verziehen, obwohl Scott sie stets in höchsten Tönen gelobt hatte, wenn er eines seiner seltenen Interviews gab. Drummer Dave schien der einzige, mit dem Scott hin und wieder Kontakt hatte, aber auch der hatte Sam bei ihrem letzten, verzweifelten Anruf vor wenigen Tagen nicht weiterhelfen können. Sie hoffte einfach, dass sich das geändert hatte. Was konnte sie sonst tun?

„Das ist viel gemütlicher als meins!“, fand Madison, als Sam wenige Minuten später zurückkehrte und das Mädchen in ihrem Bett vorfand. Sie verkündete sogleich, dass sie lieber bei Sam schlafen wollte. „Kann ich? Kann ich bei dir schlafen, Sammy?“

„Äh ...“

Ellie kam ihrer Freundin zur Hilfe. „Du hast dein eigenes Bett, Maddie.“

„Aber das ist nicht so weich!“

„Es ist dasselbe.“

Ellie scheuchte ihre Tochter aus Sams Bett, die einfach nur stumm dastand und zu keiner Reaktion fähig war. Sie vergötterte Madison, aber momentan fehlten ihr schlichtweg Fingerspitzengefühl und Geduld für Kinder. Sie war mental zu erschöpft und wollte nichts als schlafen und Scott finden. Sie vermisste seinen Geruch, seine Art sie festzuhalten, den Ausdruck in seinen blauen Augen, wenn er sie ansah, das Gefühl seiner Lippen auf den ihren und die Sanftheit seiner Hände auf ihrer Haut. Sie vermisste ihre Gespräche, seinen Humor und seine Aufmerksamkeit, sein Lachen und seine tiefe, ruhige Stimme, die ihr Zärtlichkeiten ins Ohr flüsterte. Ihre Wohnung – ihr Leben – war wieder so still wie früher, bevor sie sich kannten. Keine Albernheiten, kein Gelächter, kein Klavierspiel, kein Gesang. Keine Liebe.

Wie tot.

Hastig verscheuchte sie den Gedanken, schlüpfte in eine alte Boxershorts von Scott und verkroch sich unter die Bettdecke, die Madison bereits aufgewühlt hatte.

Und während Lulu sich ins Bad begab und Ellie die Kinder zu Bett brachte, griff Sam ein weiteres Mal nach ihrem Handy auf dem Nachttisch. Ein letzter Blick auf das Display, das ihren englischen Freund in Nahaufnahme zeigte.

Aber da war nichts.

Keine Nachricht, kein Anruf.

Nur sein ebenmäßiges Gesicht mit der geraden Nase, den blauen Mandelaugen und den sanft geschwungenen Lippen, nach denen sie sich zu küssen sehnte.

~

Georgina Harrison liebte ihren Job als jüngste Krankenschwester der Intensivstation. Sie liebte ihn weitaus mehr, seit Scott St. John vor knapp einer Woche eingeliefert wurde.

Keiner ihrer älteren Kolleginnen hatte den Sänger bislang erkannt und die männliche Belegschaft interessierte es nicht, wer er war. Ohnehin waren alle an die Schweigepflicht gebunden und so fokussierte man sich auf seine Genesung.

Einige harmlose Prellungen, ein verstauchtes Handgelenk, ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma … er hatte verdammtes Glück gehabt.

Dennoch hatte man Scott in ein künstliches Koma versetzt, um seinem angeschwollenen Gehirn Ruhe und Zeit zur Erholung zu verschaffen, und wie erhofft hatten die Hirndruckmessungen und Computertomographien täglichen Fortschritt gezeigt. Als die Druckverhältnisse in Kopf und Gehirn sich nach wenigen Tagen reguliert hatten und auch sein Kreislauf wieder stabil war, hatte man die fünftägige Aufwachphase eingeleitet.

Heute war der sechste Tag und Scott St. John zum ersten Mal richtig wach und aufnahmefähig.

„Sam?“, krächzte er und suchte blinzelnd den Raum ab.

Georgina kam herbei und nahm seine gesunde Hand auf, ihr Herz klopfte aufgeregt. Seine Verwirrtheit machte ihn noch anziehender für sie. „Sie sind im Krankenhaus, Scott … Verstehen Sie?“

Seine Sicht schärfte sich für die rothaarige Krankenschwester an seiner Seite.

„Wo ist … sie?“

„Wen meinen sie? Sam? Wer ist das?“

Er reagierte nicht auf ihre Fragen. Mit der Zunge fuhr er sich über die spröden Lippen. Georgina nahm den Becher mit dem Strohhalm auf, damit er etwas trinken konnte.

„Geht es so? Wie fühlen Sie sich, Scott?“

„Beschissen“, murmelte er um den Strohhalm herum.

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Gott, er war live noch süßer als sie sich ihn vorgestellt hatte. Sie war ein Fan, seit sie ihn in einem Fernsehinterview gesehen und kurz darauf sein erstes Lied gehört hatte – ein Nummer-1-Hit, wie sie wohl wusste.

„Kann ich etwas für Sie tun?“

Stumm ließ er seine Augen durch den Raum wandern, während er kühles Wasser durch den Strohhalm zog. Eine Wohltat, denn sein Hals schmerzte – vermutlich von der Intubation. Dieses Gefühl kannte er zu gut. Auch seine Umgebung war ihm viel zu vertraut. Denn mal wieder befand er sich in einem Krankenhaus, die Geräte neben seinem Bett piepten monoton und pfiffen rhythmisch. Das trübe Tageslicht vor dem Fenster verriet weder Ort noch Zeit.

„Wie lange schon?“, murmelte er.

„Heute sind es sechs Tage.“

Er spuckte den Strohhalm aus, seine Herzfrequenz schoss piepend in die Höhe. „Was?“

„Beruhigen Sie sich!“ Georgina stellte den Becher auf seinen mobilen Nachttisch und legte ihm eine kühle Hand auf die Stirn. „Bitte … Scott … Sie waren tagelang in einem künstlichen Koma. Sie müssen ruhig bleiben.“

Den Tränen nahe, krächzte er: „Wo ist … mein Handy?“

„Sie sind ohne eingeliefert worden. Ich denke, es ist bei dem Unfall kaputt gegangen. Kann ich jemanden für Sie anrufen?“

Scott schloss die Augen.

All seine Kontakte … die Fotos … Musik ... alles fort. Es wäre nur halb so schlimm gewesen, hätte er wenigstens Sam erreichen können. Eine Katastrophe biblischen Ausmaßes konnte nicht tragischer sein.

Sie musste weiß Gott was denken!

Er erinnerte sich an ihre letzte Nachricht, auf die er hatte antworten wollen, als er aus dem Bus gestiegen war. Natürlich war sein Handy in tausend Einzelteile zerlegt worden, als der Lieferwagen ihn erfasst hatte und es in hohem Bogen davongeflogen war. Nun war es für immer fort.

Weg.

Ebenso wie Sams Nummer.

Kapitel 4

Lulu war sich nicht sicher, ob sie Baby überhaupt noch wollte.

Der erste Morgen in London trug jedenfalls nicht zu ihrer Vorfreude bei, denn Madison kreischte bei jedem Knoten, den Ellie versuchte, ihr aus dem langen, goldblonden Haar zu bürsten. Dann war die Frisur dran, aber auch die ging nicht ohne Gejammer vonstatten. Lulu erschöpfte allein schon das Zusehen. Hoffentlich bekam sie kein Mädchen! Nichts erschien ihr schlimmer als Zöpfe flechten. Da waren Jungen ja schon pragmatischer. Haare abrasieren – zack. Fertig.

Obwohl das lärmende Bettspringen des Jungen nicht besser war.

Sie war mit den Nerven am Ende, als sie sich nach dem Frühstück endlich zur Denmark Street aufmachten, und auch Sam sah aus, als wollte sie die Kinder für den Rest der Reise im Schrank auf einen Bügel hängen und den Schlüssel wegschmeißen.

Die Nachricht, die Ellie kurz nach ihrem Aufbruch bekam, half nicht gerade, die Stimmung der drei Frauen zu heben.

„Gruyère schreibt, auf der Straße ist eine Leitung gekappt worden und wir haben keinen Strom im Café.“

„Na super“, stöhnte Lulu.

„Und was macht die Stadt dagegen?“, fragte Sam.

„Sie sind dran, schreibt sie. Aber momentan können sie halt nicht arbeiten.“ Ratlos sah Ellie ihre Freundinnen an. „Und jetzt?“

Sie berieten sich auf dem Weg zur U-Bahn und kamen zu dem einzigen Entschluss, der ihnen aus der Ferne sinnvoll erschien. Was konnten sie von London aus sonst tun? Also schrieb Ellie ihrer Mitarbeiterin, das Café für den Tag zu schließen und ein Schild mit einer Erklärung ins Fenster zu hängen.

„Hoffen wir, dass die Stadt das bis morgen hinbekommt“, schnaufte Ellie und steckte ihr Handy in dem Augenblick fort, als sie die Haltestelle Tower Hill erreichten.

Eine leicht erhöhte Aussichtsplattform bot einen wundervollen Blick auf den Tower mit seinen vier Türmen, auf denen britische Nationalflaggen wehten. Der ehemalige Königspalast und gleichzeitig Schauplatz von Enthauptungen und Gefangenschaften schmiegte sich eindrucksvoll und majestätisch an das Themseufer und beherbergte die Kronjuwelen, die Ellie sich im Laufe ihrer Reise anschauen wollte.

Sie half Madison auf die Balustrade und deutete mit einer Erklärung hinüber, während Nick durch das Fernrohr spähte.

„Ich sehe Kanonen!“, rief er entzückt aus.

„Und ich jede Menge Menschen“, murrte Sam und zog den Gürtel ihres Trenchcoats zu, als eine starke Böe ihr die Mantelaufschläge auseinander blies. „Lasst uns gehen.“

„Wann kommt die Bahn?“, wollte Lulu wissen und sah Nick hinterher, der eine Windhose aus Blättern und Unrat zerstörte.

„Keine Ahnung“, antwortete Sam. „Alle paar Minuten.“

Im Windtunnel des Bahnhofs herrschte reges Treiben. Die Menschen eilten aus allen erdenklichen Richtungen daher, von denen die meisten zu wissen schienen, wohin es mit der berühmten Tube für sie ging. District Line mit Endstation Ealing oder doch Richmond? Oder lieber die Circle Line Richtung Edgware Road?

Das berühmte, mit einprägsamen Farben markierte Netzwerk, war an jeder Station informativ ausgehängt, aber Sam hatte die Serviceapp seit ihrem ersten Besuch auf dem Handy und konsultierte sie nun.

„Wir fahren bis Embankment und steigen da auf die … Schwarze Richtung Tottenham Court Road, würde ich sagen.“

Lulu begutachtete die Karte an der Wand. „Wieso nicht gleich die Schwarze bis Bank und dann die Rote nonstop durch?“

„Bei Bank umsteigen dauert ewig.“ Sam schüttelte den Kopf und zückte ihre Oyster Card – eine elektronische Fahrkarte, die sie ihnen allen für die Reise besorgt und mit der Kreditkarte aufgeladen hatte. So sparten sie sich unnötige Wartezeiten an den Ticketautomaten und lästige kleine Papierschnipsel, die zum Ende jeder Fahrt erneut benötigt wurden und viel zu schnell verloren gingen.

Nick hatte von seiner bereits Gebrauch gemacht und winkte ihnen von der anderen Seite des Drehkreuzes aus munter zu.

Der plötzliche Windstoß aus den Tiefen der U-Bahntunnel wirbelte sein braunes Haar in alle Richtungen und trug seine Worte zu den Frauen hinüber: „Wo bleibt ihr denn?“

Ellie war erleichtert, dass ihm die Reise Freude bereitete. Der Verlust seines Vaters war kein Jahr her und hatte ihn verändert. Beinahe war ihr, als hätte Matthews viel zu frühes Ableben ihm seine Kindheit geraubt. Ein unsagbar trauriger Gedanke, der Ellies Seele aufwühlte.

„Ich will auch meine eigene Karte!“, tönte Madison an ihrer Hand.

„Du hast ja auch deine eigene, Maus. Hier, ich gehe vor.“ Sie reichte ihrer Tochter die Plastikkarte und zeigte ihr, wie sie funktionierte, indem sie ihre eigene auf das Lesegerät hielt. Die schwarzen Flügeltüren öffneten sich für Ellie zum Durchgehen. „Siehst du? Wie eine Bordkarte. Einfach drauflegen.“

Sam stand hinter Madison, bereit zu helfen, doch das sechsjährige Mädchen in der schwarzen Lederjacke passierte die Barriere wie ein Profi. „Yay, gut gemacht, Mads!“

Ihr goldblonder Zopf wippte freudig auf und ab. „Jetzt du, Sammy! … Yippiiie!“

Nick verdrehte die Augen. „Ist doch nur eine Schranke.“

Lulu legte ihm eine Hand auf die Schulter und ging mit ihm vor in Richtung Rolltreppen. „Lass die Mädchen mal hüpfen, die brauchen das manchmal. Rechts stehen, links gehen!“

„Wieso?“

„Damit die, die ihren Zug erreichen müssen, durchlaufen können.“

Nick betrat die Rolltreppe und stellte sich wie gewünscht auf die rechte Seite, direkt dahinter Lulu, gefolgt von Madison, Sam und am Ende Ellie. Diese zückte ihr Handy und schoss ein Selfie der kleinen Gruppe, während sie hinab in die gewölbten Katakomben fuhren.

Auf dem Bahnsteig angekommen, fuhr der Zug innerhalb einer Minute unter lautem Windgeheul und mit ohrenbetäubender Schnelligkeit ein.

„Please mind the gap between the platform and the station“, tönte es über die Lautsprecher.

Fasziniert von all den Menschen, betrat die kleine Gruppe den überfüllten Waggon. Platz zum Sitzen fanden sie keinen, also verharrten sie im Türbereich und hielten sich an den gelben Stangen fest, wie es sich für professionelle Reisende gehörte. Dann begann die abenteuerliche Fahrt durch die ältesten U-Bahnschächte der Welt.

Mit gefühlter Lichtgeschwindigkeit fuhren sie bis Embankment, wo sie von der Circle auf die Jubilee Line wechselten. Das Umsteigen war ein Leichtes und sie nicht unter Zeitdruck, obgleich Sam immer wieder besorgt das Empfangssignal ihres Handys überprüfte.

Ein Balken.

Keiner.

Gar kein Netz.

Meist war es letzteres. Sam war erleichtert, als die meterlange, steile Rolltreppe sie aus den Tiefen der „Röhre“ zurück ans Tageslicht brachte und sie wieder ein Signal bekam.

Lulu bemerkte ihren ständigen Blick auf das Smartphone und verdrehte innerlich die Augen. Scott hatte sich seit sechs Tagen nicht gemeldet – wie standen da die Chancen, dass er in den wenigen Minuten anrief, in denen Sam kein Zugriff auf ein Netzwerk hatte?

Beinahe hätte Lulu ihren sarkastischen Gedanken Luft gemacht, presste aber im letzten Moment die Lippen aufeinander und klatschte die Oyster Card auf das Lesegerät. Ohne zu Mucken glitten die Flügeltüren des Ausgangs an der Tottenham Court Road auseinander. Sehr befriedigend.

Manchmal verstand Lulu ihr Gefühlschaos ja selbst nicht. Hatte sie Mitleid mit ihrer jüngeren Freundin oder war Lulu eifersüchtig auf Sams bedingungslose Liebe zu einem Mann, der ihr immer wieder Kummer bereitete, wo doch ihr eigener Ehemann sich von ihr abgewendet hatte, als es schwierig wurde?

Lulu wollte ihren Seitensprung – ihre Affäre, auch wenn Tom nicht wusste, dass es eine gewesen war – nicht herunterspielen. Sie hatte verdammten Mist gebaut und verstand sein Handeln. Aber wie lange wollte er die Funkstille zwischen ihnen durchziehen? Immerhin konnte auch er der Vater von Baby sein. Und das wollte er – ob er es aussprach oder nicht. Sie kannte Tom Preston besser als Tom Preston sich selbst.

Das glaubte sie zumindest.

Lulu nickte sich selbst zu, so, als müsste sie ihr Ego aufbauen und sich in Erinnerung rufen, wen Tom da geheiratet hatte. Sie war Lulu Preston, ehemalige Jones. Natürlich kannte sie ihren Ehemann. Und sie konnte es kaum erwarten, ihm dies unter die Nase zu reiben.

Die Denmark Street war eine bekannte, aber doch recht kurze Straße im Herzen von Soho, die sich in den 60er Jahren zum musikalischen Hotspot etabliert hatte: Aufnahmestudios, Musikverlagsgeschäfte, Songwriter und alles, was in der Branche Rang und Namen hatte, waren auf der Denmark Street zu finden, die irgendwann den Spitznamen Tin Pan Alley trug. Legenden wie die Rolling Stones, David Bowie, Simon & Garfunkel und auch Elton John gaben sich im Gioconda Café die Türklinke in die Hand.

Auch wenn es das Lokal und all die Plattenfirmen und anderen Musikeinrichtungen nicht mehr gab, blieb ein gewisses Gefühl zur Branche durch zahlreiche Instrumenten- und Musikgeschäfte vorhanden.

„Und wohin jetzt?“, wollte Lulu wissen.

„Keine Ahnung“, murmelte Sam und sah die schmale Straße hinunter. Bunte Häuser zu beiden Seiten, manche renoviert, andere heruntergekommen und baufällig. „Lasst uns einfach mal durchlaufen.“

Sie hielten vor einem Schaufenster, über dem ein altes Schild auf die Regent Sounds Studios verwies. Die grüne Eingangstür war allerdings verschlossen.

„Vielleicht machen sie Mittagspause.“

„Das sieht mir eher nach einem Geschäft aus“, fand Ellie und machte auf die aufgereihten E-Gitarren im Schaufenster aufmerksam. Auch dahinter konnte man hunderte der langhalsigen Saiteninstrumente im beleuchteten Showroom erkennen.

„Ich sehe sonst kein anderes Studio“, sagte Sam ein wenig hilflos und den Tränen nahe. Wenn ihre Suche schon an einem nicht vorhandenen Aufnahmestudio scheiterte, wie sollten sie da Scott jemals finden?

„Hast du es mal gegoogled?“, meinte Lulu und zückte bereits ihr eigenes Smartphone.

Und während sie noch den Begriff eintippte, rief Nick hinüber: „Hier unten gibt es eine extra Tür!“

Die Frauen sahen hinüber.

Matthews Sohn stand an einer schwarzen Gitterumzäunung, von der eine Treppe hinunter zu einer Souterrainwohnung führte.

„Vielleicht ist es das?“, wunderte er sich noch.

„Wie aufregend!“, fand Madison und sprang hinüber, um ihr Gesicht durch die Gitterstäbe zu pressen. „Es stimmt, Mommy! Hier unten ist noch ein Eingang!“

„Mach das bitte nicht, sonst bleib dein Gesicht stecken.“

„Ist offen“, stellte Nick fest und drückte die Eisenklinke hinunter, bis die Tür sich quietschend öffnete. „Ich gehe runter und klingele!“

Schüchtern war der Junge jedenfalls nicht, fand Lulu amüsiert und sah im selben Moment Sam mit großen Augen in die Ferne starren.

Konnte es denn sein, dass Scott ...?

Lulu folgte ihrem Blick. Aber da war kein Brite in engen Kordhosen, sondern nur ein ähnlich hagerer Mann mit langen, blonden Haaren in verblichener Jeansjacke und lila Schlaghose. Sie saß eng an genau den richtigen Stellen. Lulu fragte sich gerade, wo diese Musiker immer ihr gutes Stück versteckten, als Scotts Freund sie auch schon erreichte.

„Sam? Was machst du denn hier? Hi, zusammen.“

„Das ist Dave“, stellte Sam den Schlagzeuger mit einer kurzen Handbewegung vor, bevor sie ihn mit hoffnungsvollem Blick fragte: „Hast du etwas von ihm gehört?“

„Nein, gar nichts.“ Betrübt schüttelte Dave die blonde Mähne. „Ich erreiche ihn auf seinem Handy auch nicht mehr. Du bist also nicht die Einzige.“

Sam spürte ihr Herz ein paar Zentimeter tiefer sinken. Sie vermochte ihre Tränen kaum zurückhalten, als sie fragte: „Hast du eine Idee, wo er sein könnte? Wo er jetzt wohnt?“

Zu Anfang war ihr Freund bei Dave untergekommen, doch als die Aufnahmen im neuen Jahr begannen, war Scott weiterzogen. Das wusste sie von Dave, nicht von Scott. Ihr Freund hatte den Auszug mit keiner Silbe erwähnt. Immer, wenn sie miteinander telefonierten, befand er sich entweder im Studio oder in einem dunklen Raum auf seinem Bett. Sie hatte immer geglaubt, es wäre Daves Gästezimmer. Nun wusste sie es besser.

Oder auch nicht, wenn man bedachte, dass sie keine Ahnung hatte, wo und vor allem bei wem Scott in Wirklichkeit übernachtete. Zu allem Überfluss mischten sich Zweifel und Misstrauen in ihre Besorgnis.

„Was denkst du? Ob er sein Handy verloren hat?“, versuchte sie, nach einer Erklärung suchend.

„Wundern würde es mich nicht, er hat das Ding ja schon immer überall liegen lassen. Ich würde allerdings eher darauf tippen, dass er vergessen hat den Akku aufzuladen und es deswegen aus ist.“

„Klingt, als würden wir vom selben Mann sprechen“, meldete Lulu sich zu Wort. „Die Frage ist, ob er es mit Absicht gemacht hat.“

„Kann ich mir nicht vorstellen. Sein Kopf ist und war schon immer mit anderem Kram überladen.“ Er holte tief Luft, als würde er für seine nächsten Worte mehr Mut gebrauchen, und sagte: „Sam, ich will ehrlich mit dir sein … Scott kann überall sein. Er hat sich mal in einem Mönchskloster auf der Isle of Wight versteckt, um in Ruhe gregorianischen Chorgesang zu lernen. Er kann also auch in einem verdammten Kirchenturm hocken.“

Die Erfolglosigkeit ihrer Suche vor Augen, wurden sie von Madisons Wehklagen nach einer Toilette unterbrochen.

„Ich war auf dem Weg ins Studio“, bot Dave an. „Kommt doch eben mit. Aber ich warne euch: die Band ist nicht gut auf Scott zu sprechen.“

~

Daves Warnung war die Untertreibung des Jahrhunderts. Nichts bereitete sie auf die kühle Begrüßung der anderen Musiker vor, als Scotts Freundin und ihre Entourage das private Studio im Souterrain betraten und als solche vorgestellt wurden.

„Scott kann wiederkommen, wenn die Hölle zugefroren ist!“

„Ich bin froh, dass ich nichts mehr von diesem Egoisten höre!“

„Scott ist für mich gestorben!“

Dave schien der einzige, der seinen ehemaligen Bandkollegen und Freund noch leiden mochte. „Kommt schon, Leute, Sam macht sich Sorgen. Er ist seit fünf Tagen verschwunden. Und ich habe auch schon länger nichts mehr von ihm gehört.“

„Wenn du ihn findet, sag ihm, er soll zur Hölle fahren und nicht wiederkommen.“

„Autsch“, sagte Lulu.

Dave wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln an die Frauen. „Seitdem Scott sein Soloding durchgezogen hat und nach Chicago abgehauen ist, sind sie nicht gut auf ihn zu sprechen.“

Sam konnte den Missmut der Band verstehen, war aber unmöglich in der Lage, irgendeine Art von Verständnis oder Mitgefühl auszudrücken.

„Trotzdem danke“, murmelte sie bloß und hob vorsichtig ihren knöchelhohen UGG Stiefel aus dem Kabelwirrwarr zu ihren Füßen.

Sie standen im Aufnahmeraum und hatten die Band bei einem Gitarrensolo unterbrochen. Man merkte deutlich, wie verstimmt sie über die Störung waren. Nie zuvor hatte Sam sich derart unwohl in Gegenwart anderer Menschen gefühlt. Sie wollte nur noch fort von hier, allein sein und weinen.

„Irgendeine Ahnung, wo wir sonst suchen könnten?“, erkundigte Ellie sich, während Madison sich gelangweilt an ihrer Hand hängen ließ.

Ellie hob stur den Arm, bis ihre Tochter wieder Boden unter den Füßen hatte und schaute sich instinktiv nach Nick um. Er hatte seine Position neben Lulu verlassen und schlich durch den Raum.

„Nick!“

Dave sagte gerade: „Er könnte überall sein. Glaubt mir, wenn ein Scott St. John nicht gefunden werden will, dann findet ihr ihn auch nicht.“

Sam erstickte beinahe an frischen, ungeweinten Tränen, als Ellie den Jungen erneut zu sich rief und Lulu die Frage stellte, für die Sam der Mut fehlte: „Denkst du, ihm ist etwas passiert? Sollten wir die Krankenhäuser abtelefonieren?“

Dave zuckte mit den dürren Achseln. „Ich denke, er hat sich einfach nur zurückgezogen, um ein Album fertig zu stellen. Dafür braucht er Ruhe und Einsamkeit.“

„Nick!“

„Na, solange er diese Einsamkeit nicht in einer Gummizelle sucht ...“, kommentierte Lulu und konnte den Sarkasmus in ihrer Stimme nicht länger verbergen. Diese Künstler standen sich mit ihrer Intelligenz auch immer selbst im Weg, fand sie mürrisch.

„Aber das Album war fertig ...“

„Nick! Finger weg! NICK!“

Sams Stimme ging in Ellies Ausruf vollkommen unter. Im selben Moment stolperte der Junge über den Kabelsalat auf dem Boden, fiel in Daves aufgebautes Drumkit und kegelte Becken und Trommeln zu Boden. Ein ohrenbetäubendes Scheppern und Schlagen hallte durch den Aufnahmeraum.

Von einer Sekunde zur nächsten herrschte heilloses Chaos: Dave sprang hinüber, um die Trommelfelle nach Rissen zu untersuchen, Ellie eilte Nick zur Hilfe und entwirrte seine Beine, die Band motzte lautstark. Lulu motzte zurück und fragte, weshalb sie keine Kabelbinder benutzten, während Madison einen Lachanfall bekam und Sam, am Ende ihrer Nerven, endgültig in Tränen ausbrach.

Kapitel 5

Sam war noch immer ganz aufgewühlt, als sie sich zum Covent Garden aufmachten, um in Ruhe etwas zu trinken und sich Gedanken über ihren nächsten Schritt zu machen.

Sie kannte die 1828 errichtete, offene Markthalle mit ihren Lokalen, Ständen, Galerien und Boutiquen von ihrem letzten Besuch und erinnerte sich an die enorme Geräuschkulisse und die Straßenkünstler, die lautstark für Stimmung sorgten und Menschen aus aller Welt anlockten. Auch die stets überfüllte Piazza drumherum war nicht wirklich ein Ort, den Sam zum Nachdenken gewählt hätte, aber sie wollte ihren Freundinnen nicht vorschreiben, wohin es zum Verweilen ging. Immerhin widmeten sie sich ausschließlich der Suche nach Scott und stellten ihre touristischen Wünsche hinten an.

Sam hoffte daher einfach mal, dass der Trubel von Covent Garden sie ablenken würde, während sie über die Shaftsbury Avenue Richtung Süden gingen.

Google Maps folgend, bogen sie bald in die Monmouth Street ein und stoppten an einer recht unscheinbaren Gasse, in der sich einige Menschen am Durchgang tummelten und Fotos schossen.

Neugierig warf Ellie einen Blick hinein und entdeckte eine schwarzweiße Zeichnung an der Mauerwand, die Prinzessin Diana als Mary Poppins zeigte. Mit einer Tasche von Harrod's in der einen und einem geöffneten Schirm in der anderen Hand, segelte sie zu einem jungen Geschwisterpaar hinunter.

„Oh, schaut nur! Sind das die Kinder von William und Kate?“

Lulu reckte den Kopf. „George und Charlotte?“

„Wow, wie schön“, sagte auch Sam und las den dazugehörigen, in roten Lettern geschriebenen Spruch. „Be as naughty as you want … just don't get caught.“

Nick schien dies wörtlich zu nehmen, denn er war schon wieder auf und davon, ab durch die tunnelartige Gasse. Ellie wollte ihn gerade in seine Schranken weisen, als seine Stimme hinüber hallte: „Seht euch das an!“

Neugierig folgten sie dem Achtjährigen. Der Durchgang zu Neal's Yard war recht schmal, öffnete sich aber zu einem kleinen, charmanten Hinterhof mit kunterbunten Häusern und Schildern, Lichterketten und grünen Pflanzen. Er beherbergte einige kleine Geschäfte, eine Bäckerei und ein Café. Selbst eine Pizzeria hatte sich hier angesiedelt. Die Lokale verfügten über kleine Terrassen, obwohl in der Mitte des Platzes Holzbänke junge Bäume einrahmten und zum Verweilen einluden.

Die drei Frauen setzten sich, die farbenfrohe Pracht der alten Häuser und Geschäfte um sich herum bestaunend.

„Es ist wunderschön hier“, fand Ellie und zog ihre Tochter auf den Schoss.

„Und so ruhig“, kommentierte Sam. Sie hatte den Trubel von Covent Garden nicht vergessen. Neal's Yard hingegen schien eine geheime Oase der Ruhe zu sein. „Sollen wir nicht gleich hier bleiben? Da – im Café wird gerade ein Tisch frei.“