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Verbunden durch ein magisches Band – getrennt durch dunkle Geheimnisse Düster, romantisch, sexy: »Cage of the Moon« ist queere New Adult Romantasy um eine Vampirin auf der Suche nach Rache, einen einsamen Werwolf ohne Rudel und einen Menschen, der Magie und seinen Kräften zutiefst misstraut. Seit Jahrzehnten ist die Vampirin Honora auf der Suche nach dem Mörder ihres Geliebten. In Kalifornien scheint ihre Rache endlich in greifbare Nähe gerückt. Währenddessen versucht der gutherzige Werwolf Gabhán, eine junge Wölfin davon abzuhalten, dem brutalen Rudel der Westküste beizutreten. Und Dan, der als Mensch mit magischen Kräften zum Wachenden über die übernatürlichen Wesen bestimmt ist, will nur eines: verhindern, dass ein weiterer Mord wie der an seinem Mentor geschieht, verübt von Vampiren. Auf dem rauschhaften Fairy Glow Festival bei San Francisco treffen die drei aufeinander und geraten mitten in ein Ritual, das ihre Seelen aneinander bindet. Ihr gemeinsamer Feind macht sie notgedrungen zu Verbündeten. Doch was zieht sie wirklich zueinander hin: die Magie – oder etwas Größeres? Mitreißend düstere Urban Fantasy von Own-Voice-Bestseller-Autor*in Noah Stoffers für Fans von Cassandra Clare, Maggie Stiefvater und Ali Hazelwood Mit dem diversen Dark Academia Fantasy-Roman »A Midsummer's Nightmare« hat Noah Stoffers Leser*innen-Herzen und die Bestsellerliste erobert. Mit diesen Tropes begeistert sier im Dark Fantasy Roman »Cage of the Moon«: - Frenemies to Lovers - Love Triangle - Who did this to you? - Soulbond - Polyamore MFM - Hidden Identity
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Seitenzahl: 576
Veröffentlichungsjahr: 2026
Noah Stoffers
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Auf dem Fairy Glow Festival geht es ausgelassen magisch her. Doch nicht alle sind hier, um zu feiern. Der Werwolf Gabhán versucht, eine junge Werwölfin vor dem brutalen Rudel der Westküste zu retten. Die Vampirin Honora ist auf Rache aus, denn ihr Geliebter ist einen qualvollen Tod gestorben. Als Mensch will Dan unterdessen verhindern, dass ein weiterer Mord wie der an seinem Mentor geschieht, verübt von Vampiren. Als die drei in ein Ritual stolpern, das ihre Seelen aneinander bindet, ahnt Dan nichts von Honoras Vampirsein und misstraut Gabhán zutiefst. Trotzdem nähern sie sich an. War ihre Zusammenkunft Schicksal? Und was passiert, wenn gut gehütete Geheimnisse ans Licht kommen?
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Content Notes – Hinweis
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
Danksagung
Content Notes
Bei manchen Menschen lösen bestimmte Themen ungewollte Reaktionen aus. Deshalb findest du am Ende des Buches eine Liste mit sensiblen Inhalten.
Honora
Honora entdeckte den Jäger im Fahrstuhl. Der behäbige Lastenaufzug der Baustelle ratterte mechanisch an der Fassade des Rohbaus hinauf. Durch den Maschendraht kam laue Nachtluft herein, durchsetzt von den Abgasen der Stadt und einem Hauch Salz, der vom Pazifik herüberwehte. Von den Metallstreben hing eine Glühbirne herab und warf grelles Licht auf die zusammengewürfelte Gruppe. Schlagende Herzen unter T-Shirts, das Klimpern von Ohrringen. Eine Bierflasche wurde weitergereicht. Ein nervöses Kichern. Irgendjemand musste an einer E-Zigarette ziehen, denn Honora hörte das leise Saugen, trotz der dröhnenden Bässe, die vom Dach herunter klangen.
Es musste ein kleines Vermögen gekostet haben, die Party im obersten Stockwerk des erst zur Hälfte fertiggestellten Hochhauses zu veranstalten, aber die Rechnung ging auf: Die Schlange zog sich um den halben Block, und in dem überfüllten Fahrstuhl stand Honora dicht an den dünnen Gitterstäben der Absperrung, hinter denen es ein Dutzend Stockwerke in die Tiefe ging. Sie krallte die Finger um das kühle Metall. Achtete darauf, niemanden zu berühren. Fixierte die lange Linie der roten Rücklichter, die sich auf einer Straße unter ihr dahinzog.
Honora war satt. Ihre Haut fühlte sich fast warm an. Sie wippte mit einer Fußspitze im Takt des Beats. Irgendwie war es sogar ganz schön, unentdeckt mitten unter den Menschen in diesem schwebenden Käfig zu stehen. Weniger schön war allerdings, dass nur ein paar Schritte neben ihr ein Vampir mitfuhr, die Nasenflügel gebläht, obwohl er nicht mehr atmen musste.
Er hielt den Kopf gesenkt, die einstmals rosige Haut war inzwischen bleich. Neonblaue Haarsträhnen hingen ihm ins Gesicht, offenbar frisch gefärbt. Hinter seinem Ohr ein abgerissener Zweig – die Blätter der Jagd –, das Zeichen, dass er auf Pirsch war. Honora drückte sich ein wenig tiefer in die Schatten. Die Mitglieder der Jagd wollten nicht nur Blut saugen, sondern töten. Für gewöhnlich bedeutete das mehr Ärger und Aufmerksamkeit, als Honora lieb war. Aber vielleicht war es noch nicht zu spät, sich ein Uber zu rufen. Wenn sie gleich wieder hinunterfuhr, statt auf die Party zu gehen, konnte sie unerkannt auf den Straßen von San Francisco verschwinden. Nur, dass sie Eliot dann verpassen würde. Die Nächte der Recherche wären umsonst gewesen, und sie konnte wieder bei null anfangen. Ein Ruck ging durch den Fahrstuhl. Honoras Finger krallten sich fester um den Draht. Mehrere Menschen keuchten erschrocken auf. Jemand lachte. Mit einem metallischen Knirschen wurde die Tür aufgeschoben, und die Gruppe strömte hinaus. Honora blieb zurück, verschmolz mit dem Halbdunkel.
Der Jäger stand im Schein der Glühbirne. Seine Unterlippe zitterte, seine Fangzähne ragten bereits hervor. Er schluckte trocken. Folgte den Menschen mit schwankenden Schritten hinaus. Vor Überraschung zuckte Honoras Kopf in die Höhe. Verdammt, der Kerl war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, wie ein Frischgebissener! Das konnte doch unmöglich … »Scheiße!« Obwohl der Gitterboden eine Zumutung für ihre Absätze war, schoss Honora aus ihrer Deckung. Sie bekam den Vampir am Ärmel zu fassen. »Bleib stehen!«
Sie griff fester zu und zog ihn blitzschnell zu sich. Er fauchte. Versuchte, sich mit einem kräftigen Ruck loszureißen. Zu schnell für das bloße Auge, aber Honoras Fingernägel bohrten sich in seinen Arm. »Hiergeblieben!« Ihre Stimme nur ein Flüstern, aber vermutlich konnte er sie über den hämmernden Beat hinweg hören.
Ein Stück vor ihnen drehte sich ein Sicherheitsmann zu Honora und ihrem unfreiwilligen Begleiter um. »Zugang nur innerhalb der ausgewiesenen Zonen, bitte kommen Sie hier entlang!« Der Sicherheitsmann stand zwischen den nackten Betonpfeilern: ein Schattenriss im türkisfarbenen Licht der Strahler, die überall im Rohbau verteilt waren. Ein neonpinker Teppich führte von dem Fahrstuhl zur Party.
»Sorry!«, flötete Honora in ihrer besten Imitation einer fröhlichen, jungen Frau. »Joe wird so weit oben immer schwindelig!«
Sie zog den hochgewachsenen Joe ein paar Schritte tiefer in die Schatten der Baustelle, und er stolperte ihr unsicher hinterher.
»Sie können nicht …« Jetzt kam der bullige Sicherheitsmann langsam auf sie zu.
»Nur eine kurze Pause, ja? Wir kommen gleich nach.«
Der Fahrstuhl setzte sich ratternd wieder in Bewegung, und unter Honoras stählernem Griff waren alle Muskeln im Unterarm des Vampirs starr vor Anspannung. Der grelle Schein einer Taschenlampe zuckte in ihre Richtung und scheuchte ihre Schatten auf.
»Na gut, aber keine Extratouren!« Damit wandte sich der Sicherheitsmann ab.
»Danke, Süßer!« Honora behielt ihren unbeschwerten Tonfall bei. Neben ihr sackten dem Vampir die Schultern herab, die Anspannung floss ihm förmlich aus dem Körper.
»Geht schon.« Nur ein heiseres Murmeln. »Lass mich los.«
»Keine Chance, Joe, du bist immer noch ganz blass um die Lippen.« Honora lauschte dem Rattern. Wie viel Zeit blieb ihr noch, bis der Fahrstuhl mit der nächsten Fuhre wieder hier war? Drei Minuten, vier?
Sie bugsierte den Vampir hinter einen der Pfeiler. »Wie kannst du ein solches Risiko eingehen?«, flüsterte sie wütend. »Durstig auf die Jagd gehen? Wenn du da drinnen die Beherrschung verlierst, sind die Leute von der Wacht schneller da, als du Blutrausch grölen kannst.«
Er schüttelte benommen den Kopf.
»Dank mir später!« Honora streckte die freie Hand nach seinem Ohr aus und zog die Blätter der Jagd dahinter hervor. »Du bist noch weit davon entfernt, ein echter Jäger zu sein.«
Jetzt schimmerten seine Augen rötlich in der Dunkelheit, er hatte die Zähne gebleckt und starrte gierig auf sie herab. Honora hielt seinen Blick. Ließ ihm Zeit. Gerade die großen Typen brauchten oft einen Moment, um ihre Niederlage mit dem Bild des süßen Mädchens in Einklang zu bringen. Sie sahen nur die Sprenkel an Sommersprossen auf ihrer breiten Nase, den dicht gelockten Bob und den beerenfarbenen Lippenstift, der sich von ihrer hellbraunen Haut abhob. Es hatte oft genug Vorteile, nicht ernst genommen zu werden, doch manchmal war es lästig – zum Beispiel, wenn eine Fahrstuhlladung voll lebendiger, unfreiwilliger Blutkonserven auf dem Weg nach oben war. Sie hob die Mundwinkel an und schenkte dem Vampir ein bezauberndes Lächeln. Es entblößte ihre Fangzähne. Er zuckte zurück.
Na endlich!
Die Überraschung schien durch seinen Blutdurst zu schneiden, und Honora ließ ihn los. Sie kramte einen zerknitterten Flyer aus ihrer Handtasche. »Ein paar Straßen weiter gibt es ein Nest. Sie werden Blutreserven dahaben. Tue uns allen einen Gefallen und trinke, bevor du unter Menschen gehst. Sonst richtest du nur ein Massaker an.«
Sie knallte ihm den Flyer vor die Brust, er griff reflexartig danach.
»Ich will doch nur …« Seine Stimme klang rau. Er konnte einem fast leidtun, doch da hatten sie alle durchgemusst. Sie schob den Jungvampir in Richtung Aufzug.
»Ich weiß, aber es dauert ewig, den Blutdurst halbwegs in den Griff zu bekommen. Am besten suchst du dir Anschluss, lässt dir die Basics zeigen!« Sie legte eine Portion Strenge in ihre Stimme, um zu betonen, dass sie dieser Anschluss nicht sein würde. Honora konnte keinen unerfahrenen Vampir am Saum ihrer Shorts gebrauchen.
Licht strömte ihnen entgegen, als der Käfig des Fahrstuhls sich langsam zurück in ihr Blickfeld hob. Honora griff noch einmal nach der Hand des Vampirs und hielt sie fest. Gemeinsam warteten sie hinter den Säulen ab, wie die Feiernden in das unfertige Stockwerk strömten. Eine launische Windböe fuhr durch den Rohbau, brachte Röcke und Haare zum Flattern. Der Jungvampir verlagerte sein Gewicht. Eine neue Anspannung strömte durch seinen Körper, bis in seine Hand hinein. Warnend bohrte Honora ihre Fingernägel in die eiskalte Haut.
Erst, als die letzten Menschen im Rohbau verschwanden, versetzte sie ihm einen kleinen Schubs. »Geh zu dem Nest, such dir Hilfe!«
Jetzt stand er allein in der Kabine und wandte sich zu ihr um, schwankend zwischen der endlosen Gier und einer rührenden Hilflosigkeit. Vielleicht sollte sie doch mitgehen? Aber wahrscheinlich wartete Eliot schon auf sie. Die Verabredung mit ihm hatte sie mehrere Nächte Recherche gekostet. Honora presste die Lippen aufeinander.
Die Schiebetür knarzte. Der Fahrstuhl sank in die Tiefe, der nächtlichen Stadt und dem Straßenpflaster entgegen. Honora trat an die Kante. Spähte für einen Moment in den Abgrund, dem leuchtenden Gitterkäfig hinterher. Der Wind fuhr ihr in die Haare, blähte ihr T-Shirt. Sie schüttelte den Kopf. Genau deshalb blieb sie anderen Übernatürlichen für gewöhnlich fern! Das brachte nur die Gefahr mit sich, aufzufliegen. Und sie war weder hier, um die Welt zu retten, noch, um neue Freundschaften zu schließen. Honora schob die Gürteltasche zurecht und eilte den Feiernden hinterher, über den pinken Läufer, auf die wummernde Musik und die funkelnden Lichter zu.
Die weißen Loungesofas hoben sich hell von dem nackten Beton ab, von dem Türkis der Strahler und dem Nachthimmel jenseits des obersten Stockwerkes. Auf der Tanzfläche zuckten Gliedmaßen im Takt, ein Wirbel aus silbernem Konfetti ging über den Köpfen nieder, doch an den Stehtischen und in ihrer Sitzecke ging es ruhiger zu.
Ihr gegenüber hatte sich Eliot Sinclair die Magnumflasche geangelt und schenkte Champagner in die hohen Kelche. Er trug ein T-Shirt mit dem Logo seines Start-ups – einem Bitcoin inmitten von Datenströmen – unter einem maßgeschneiderten Blazer.
»Nymphen sind natürlich eine Preisklasse für sich, aber mit den richtigen Beziehungen …« Eliot ließ das Ende des Satzes verheißungsvoll in der Luft flirren und prostete ihr mit einem wissenden Lächeln zu.
Honora legte Bewunderung in ihren Blick. Prostete zurück. Es war fast ein bisschen zu einfach. Sie musste nur wie vor Nervosität mit ihren Armreifen spielen. Schon fiel sein Zwinkern eine Spur gönnerhafter aus, und seine Haltung wurde entspannter. Er hatte einen Arm auf der breiten Lehne ausgestreckt, zupfte ihr ein silbernes Konfetti vom T-Shirt.
»Und was ist mit …« Trotz der hämmernden Beats, die von der Tanzfläche herüberklangen, senkte Honora voll vorgetäuschter Furcht ihre Stimme. »… Vamps?«
Eliot wog nachdenklich den Kopf. »Schwierig. Die Registrierten müssen sich strikt an das Abkommen halten, und die unregistrierten Vampire sind für gewöhnlich kaltherzige Killer.« Er lachte laut.
Honora presste ein Kichern hervor und flüchtete sich in einen Schluck Champagner. War sie tatsächlich für diesen Aufschneider auf die Party gekommen? Eliot Sinclair hatte auf TikTok mehrere Storys hochgeladen, in denen er zusammen mit Übernatürlichen feierte. Wackelige Aufnahmen von einem Barbecue mit Werwölfen am Strand und einem nymphenhaften Geschöpf, das auf einem Taylor-Swift-Konzert an seinem Arm gehangen hatte. Er war einer von denen, für die Übernatürliche nicht mehr als ein hübsches Accessoire waren, vielleicht noch ein Nervenkitzel – eine Erfahrung! Aber entlang der Westküste schien Eliot immerhin die nötigen Beziehungen zu haben. Als ein Fuß in die Tür der illegalen Szene der Übernatürlichen sollte er allemal taugen. Eine Gelegenheit, dem Flüstern darüber nachzugehen, dass in Kalifornien Unregistrierte ihrer eigenen Art verschwanden. So hatte es auch damals angefangen, und dieses Mal würde sie nicht zu spät kommen. Sie beugte sich zu Eliot vor, eine Spur zu dicht. »Und wenn ich nun einen kaltherzigen Killer suchen würde?«
Mit einem nervösen kleinen Lachen rückte er ein Stück zurück. »In diesem Fall würde ich dir sagen, dass Romanzen mit Blutsaugern den Nervenkitzel nicht wert sind.« Das Schimpfwort kam ihm leicht über die Lippen, und er sah sie mit einem mitleidigen Ausdruck an. Natürlich hatte Eliot recht. Menschen, die für ihresgleichen schwärmten, romantisierten den eigenen Tod gewaltig.
Nein, so kam sie hier nicht weiter – Zeit für eine andere Strategie: »Ich bin auf der Suche nach einer bestimmten Vampirin, ihre Partnerin hat eine Belohnung für Hinweise ausgeschrieben.« Das war nicht einmal komplett gelogen, auch wenn Honora nicht wegen des Geldes an der Sache dran war. »Die Vermisste heißt Olivia Moore. Sieht aus wie Mitte zwanzig, blond, unregistriert. Ein Mann mit deinen Beziehungen, Eliot …«
Ein leises Grunzen. »Gewiss, gewiss. Ich könnte mich mal umhören.« Eine Lüge, vermutlich. Trotzdem täuschte sie ein dankbares Lächeln vor.
Eliot drehte sein Glas zwischen den Fingern. »Das Fairy Glow ist in ein paar Tagen. Mega Line-up und die Veranstalter sorgen dafür, dass sich immer einige Übernatürliche unters Volk mischen. Letztes Jahr hatten die sogar eine Sirene in einem Wassertank.«
Hoffentlich hatten sie der Ärmsten genug dafür bezahlt, sich begaffen zu lassen. Aber vielleicht war das Festival einen Versuch wert, falls sie keine andere Spur fand, die sie unauffällig in die Szene der Unregistrierten führte und – Ein schwerer, warmer Arm landete auf ihrer Taille. Gnädige Schatten, fast hätte sie ihn weggestoßen! Dabei durfte Eliot keinen Verdacht schöpfen.
Er wedelte mit einer rechteckigen Karte vor ihrem Gesicht herum. Schwarze Hochglanzpappe mit goldenen Lettern und paar mystischen Symbolen, die wahllos zusammengewürfelt waren.
»Die Tickets sind natürlich längst ausverkauft, aber wie es der Zufall will, hätte ich noch ein paar für neue Freunde übrig!« Seine Hand rutschte auf ihre Hüfte und knetete einmal hinein, als hätte es noch Zweifel daran gegeben, was er sich von ihr erhoffte.
Unbehagen kroch Honora zwischen den Schultern hinab. Aber immerhin gab er ihr Gelegenheit, ihn von der Party wegzulocken, und es war nicht ausgeschlossen, dass er noch etwas Nützliches wusste. Also fing sie seine Hand ein.
»Nicht hier.« Honora erhob sich, schwankte zum Schein ein wenig und griff nach der Magnumflasche. Mit einem vertraulichen Lächeln lud sie Eliot ein, ihrem Beispiel zu folgen. Er stemmte sich ebenfalls in die Höhe, nur dass er das Schwanken vermutlich nicht vorspielte. Honora warf einen schnellen Blick zwischen den Pfeilern und Stahlstreben hindurch. Die Sicherheitsleute waren gerade damit beschäftigt, ein paar Feiernde vom Baugerüst zu holen. Die Lichterfinger ihrer Taschenlampen zuckten durch die Nacht, die Befehle klangen scharf vor Ungeduld. Honora griff nach Eliots schwitziger Hand. Sie lotste ihn an der Tanzfläche vorbei und schlüpfte zwischen Bar und Toilettenhäuschen hindurch. Tiefer in den Rohbau hinein. Fort von lästigen Augen und Ohren.
»Nicht so schnell!« Er zog sie zu sich. Honora ließ es zu, hauptsächlich, weil es ihren Plänen entgegenkam. Dieses Mal landete seine Hand direkt auf ihrem Gesäß.
»Sieh mir in die Augen!« Sie ließ ihre Stimme tiefer werden, sanft und lockend. Eliot gehorchte prompt. Der Blickkontakt wäre nicht mehr unbedingt nötig gewesen, aber sicher war sicher. Das gedankliche Band zwischen ihnen wurde stärker: schiere Willenskraft, verwoben mit dem hypnotischen Klang ihrer Stimme, gebündelt durch ihren Blick – und Eliot verwandelte sich in eine Marionette. »Und jetzt halt schön still!« Honora erreichte gerade so seine Schulter, zog ihn ein Stück zu sich herunter und schob den Kragen des Blazers zur Seite. Leckte über ein warmes Stück Haut, immer dem Pulsschlag nach, und ließ ihren Bann zwischen den Worten vibrieren. »Wer ist die beste Kontaktperson für Unregistrierte entlang der Westküste?«
»Was …?«, murmelte Eliot in Trance. Er blinzelte fahrig. Schluckte trocken. Irgendetwas an der Frage schien ihn trotz des Banns nervös zu machen. Wie ungewöhnlich …
»Antworte mir!«, befahl sie.
»Ryder …« Stockend, wie aus weiter Ferne. »… Mallroy.«
Nie gehört. »Wie bekomme ich Kontakt zu Mallroy?«
Ein Schauer rann durch Eliots Körper. Er bewegte die Lippen, aber es kam kein Ton heraus. Wusste er es nicht? Oder blockierte ihn etwas? Machte nichts – sie hatte ja noch andere Mittel. Honora packte Eliot grob am Nacken und zog ihn so zielsicher zu sich, dass er unter ihrem festen Griff in die Knie ging. Mit der anderen Hand drückte sie seinen Kopf mühelos zur Seite, beugte sich über ihn und grub ihre Fangzähne in die blassrosa Haut.
Der erste Schluck war köstlich. Er ließ ihr Herz wieder pumpen. Ein paar träge, glückliche Schläge lang. Frisches Blut: Das war ein Stück geborgtes Leben. Sie trank ein paar Schlucke. Mit dem Geschmack auf ihrer Zunge flirrten fremde Eindrücke durch ihre Sinne. Flüchtige, gestohlene Erinnerungen von Eliot. Ein lieblicher, floraler Duft, wie von einer luxuriösen Creme. Eine zarte Hand auf Honoras, nein, Eliots Brust. Eine Stimme, die ihm etwas über Nymphenblut zuflüsterte. Ein bittersüßer Schluck Espresso auf der Zunge. ›Wie finde ich Ryder Mallroy?‹, fragte Honora in Gedanken.
Eine barsche Stimme rief etwas in der Ferne, ein lang gezogenes Heulen antwortete. Eine Pranke klopfte ihr schwer auf die Schulter. »… Auktion im Dock 21.«
Die Antwort war nicht gerade detailliert, aber besser als nichts, und konkreter wurden Erinnerungsfetzen beim Trinken selten. Honora gab Eliots Hals wieder frei. Er schwankte leicht, blinzelte, als wollte er einen wirren Traumnebel vertreiben.
»Schlaf!« Sie packte ihn am Kinn. »Schlaf und vergiss mich.« Er sah zu ihr auf. Der Anflug der Irritation in seinen Augen wurde erst von Überraschung und dann von Erleichterung abgelöst. »So ists brav!«, lobte sie und strich ihm über die Wange, als seine Lider zufielen. Mehr pro forma beugte Honora sich noch einmal über ihn und leckte über die Bissstelle. Die Haut wuchs vor ihren Augen wieder zusammen. Sie ließ Eliot los, und er sackte auf den Beton. Honora kramte ihr Handy heraus und wechselte zur Frontkamera. Mit dem kleinen Finger wischte sie sich etwas Blut von der Unterlippe. Ihre Fänge schrumpften, bis sie kaum mehr auffielen. Der Beerenton saß immer noch perfekt. Zufrieden summend schnappte Honora sich die Magnumflasche und ging zum Fahrstuhl.
Der verwaiste, nächtliche Parkplatz wäre für eine junge Frau gefährlich gewesen, aber Honora war schon lange nicht mehr jung. Sie ließ die Lichtinseln der Laternen hinter sich, schlenderte zwischen den parkenden Autos hindurch. Ihre Absätze trommelten auf den rissigen Asphalt. Sie hob die Flasche an die Lippen und trank ein paar Schlucke, obwohl der Alkohol kaum eine Wirkung auf sie hatte. Immerhin schmeckte sie dank des frischen Blutes für den Moment etwas. Ein Prickeln auf der Zunge, das säuerliche Aroma des trockenen Champagners, das Echo eines Sommers in Frankreich.
Auf der anderen Seite des Parkplatzes leuchteten ihr die Reklame-Schilder des Castros entgegen. Ob der dumme Junge von vorhin es geschafft hatte, das Nest zwischen all den Restaurants und Bars des Viertels zu finden? Ohne noch irgendwelche armen Menschen aus dem Nachtleben zu reißen? Vor der Party hatte Honora in dem Nest vorbeigeschaut, aber auch im 1841 hatte niemand etwas von vermissten Unregistrierten gehört. Ob sie checken sollte, dass er dort angekommen war?
Sie trank einen weiteren tiefen Schluck. Sollte sie die Gunst der Stunde nutzen und sich ein paar Dim Sums, ein Stück Pizza oder heiße Waffeln kaufen? Ein paar köstliche Bissen auf der Zunge, bevor alles außer Blut wieder wie Staub schmecken würde. Die Imbisse im Castro waren mindestens so gut wie die im Mission District … Ein panisches Wimmern drang durch das ferne Rauschen des Verkehrs. Honora lauschte. Hatte sie sich getäuscht? Nein, da war es wieder, ein zittriger Laut, wie unter großem Schmerz oder in Todesangst.
Wahrscheinlich ein Mensch, im Drogenrausch gefangen. Oder vielleicht hatte sich der Jungvampir nicht beherrschen können und jemanden angegriffen? Mit einer Mischung aus unbestimmter Neugier und satter Trägheit ging sie dem Geräusch entgegen bis zur Auffahrt. Dort lag, gut beschienen von einer einzigen Straßenlaterne, eine zusammengekrümmte Gestalt – mit blauen Haaren.
»Scheiße!« Honora lief die letzten Schritte und ging neben dem Jungvampir in die Hocke. Sie wälzte ihn auf den Rücken. Er zitterte am ganzen Körper und schluchzte heiser. Honora stützte seinen Kopf mit einer Hand. Blutiger Schaum troff von seinen Lippen. Unmöglich!
Sie tastete über seinen Brustkorb. Keine offene Wunde, aber da war er, ein Herzschlag viel zu schnell für ihresgleichen, egal ob satt oder nicht.
»Hey, Großer!« Sie strich ihm über die Wange. »Sieh mich an. Was hast du genommen?«
Sein Blick irrte zu ihr. Doch ob er sie tatsächlich erkannte, wusste sie nicht. Dieser Anblick war viel zu vertraut!
»Wer hat es dir gegeben?«
Sie tastete mit der freien Hand seine Taschen ab, riss ein Handy, den Nest-Flyer und eine Kreditkarte heraus.
Seine Finger bohrten sich in ihren nackten Oberarm. Er wimmerte. »Bitte …«
Dasselbe Wort wie damals bei Valerio. Die Erinnerung schnürte ihr die Kehle zu und wischte alle klaren Gedanken fort. Honora beugte sich tiefer über ihn, strich unbeholfen eine Strähne aus seinem Gesicht. Suchte seinen Blick. Klammerte sich an die kleinen Unterschiede, daran, dass seine Iriden blaugrau waren und er nicht diese kleine Narbe über der Braue trug, die sie so viele Male mit den Fingern nachgezeichnet hatte. Das hier war ein anderer Vampir, in einer anderen Stadt.
»Was ist passiert?«, fragte sie drängend.
Statt einer Antwort röchelte er, wie in einem verzweifelten Versuch, zu atmen. Seine Gliedmaßen zuckten, von Krämpfen geschüttelt. Es kostete sie überraschend viel Kraft, ihn bei den Schultern gepackt zu halten. Trotzdem zog Honora den Jungen enger an sich, halb auf ihren Schoß, als wäre dadurch irgendetwas leichter zu ertragen, sein Sterben oder ihre eigene Hilflosigkeit.
»Sch«, machte sie heiser. »Es ist gleich vorbei.« Aber wahrscheinlich hörte er sie eh nicht mehr. Er verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Honora hielt ihn fest umschlungen, auch als sein Griff sich löste und er schlaff in ihren Armen hing. Schwer und warm. Aber das konnte doch nicht … Er hätte im Tod zu Staub zerfallen müssen! So, wie Valerio es getan hatte.
»Was hast du nur getan?«, murmelte sie genau wie vor achtundzwanzig Jahren und strich ihm über den Rücken. Ihr Verstand wandte sich unter dem Schock hervor. Sie musste den Leichnam durchsuchen, schnell, bevor sie gestört wurde. Mit zittrigen Fingern steckte sie sein Handy und die Kreditkarte in ihre Gürteltasche, die so vollgestopft nicht mehr ganz zuging. Konnte sie eine Probe von dem blutigen Schaum nehmen? Sie legte den Jungvampir behutsam auf dem Asphalt ab, stockte. Die Geräusche der Stadt waren zu einem fernen Rausch verkommen, als würde der Schock sie noch immer von allem außerhalb des Lichtkegels der Straßenlaterne abschneiden. Honora schüttelte den Kopf, wie um ein paar Tropfen Wasser in ihren Ohren loszuwerden. War da ein fernes Hupen, dumpf wie durch Watte? Gesprächsfetzen irgendwo auf der Straße, die sie eigentlich klar hören sollte? Höchste Zeit, von hier zu verschwinden.
»Hände über den Kopf! Dorthin, wo ich sie sehen kann!«
Der Befehl schnitt durch die Watte, harsch und präzise. Er kam ganz aus der Nähe, und richtig, direkt hinter ihr zwischen den Autos war ein leicht erhöhter Herzschlag. Honora griff mit der anderen Hand nach der Flasche und hob beide in die Höhe. Vielleicht konnte sie etwas Zeit gewinnen und sich einen Überblick verschaffen?
»Legen Sie sich auf den Boden!«
Stattdessen stand sie langsam auf. »Bitte, Sir …« Sie gab ihrer Stimme einen weinerlichen Klang, was gerade nicht schwer war. »Ich glaube, er ist tot!«
Sie drehte sich um und machte einen wackligen, stöckelnden Schritt auf den Mann im Schatten zu, die Hände noch immer erhoben. Jetzt musste sie im Gegenlicht der Laterne stehen, ein Schattenriss vor dem hellen Kegel.
»Stehen bleiben!« Der Mann stand neben einem rostigen Van. Ein scharf geschnittenes Gesicht und schwarzes Haar. Eine Locke fiel ihm in die Stirn. Ganz hübsch, auf eine markante Art. Er hatte die Waffe auf sie gerichtet, und am liebsten hätte sie die Zähne gefletscht. Aber eine Schießerei konnte sie gerade wirklich nicht gebrauchen. Kugeln waren so lästig, und erst das ganze Blut! Wahrscheinlich würde der Lärm sogar weitere Menschen anlocken.
Honora machte noch einen Schritt auf ihn zu, suchte seinen Blick über den Lauf der Waffe hinweg, senkte ihre Stimme um eine Oktave. »Nimm die Pistole runter!«
»Letzte Warnung!« Ein Schuss pfiff dicht über ihrem Kopf durch die Nacht, der Knall schallte über den Parkplatz. Irgendwo schlug ein Hund an, auf der Straße wurden Rufe laut. Scheiße! Wie hatte er sich der hypnotischen Kraft des Banns komplett entzogen? Das war ihr seit Jahrzehnten nicht mehr passiert!
»Du wirst jetzt deine Waffe senken!« Die Worte waren eine Verheißung auf ihrer Zunge. Ein Versprechen unsäglicher Wonne. Eine Einladung, ihr zu gehorchen. Honora sah ihm beschwörend in die tiefbraunen Augen und – der scharfe Schmerz riss sie fast um. Der Schuss hallte in ihren Ohren nach. Sie stolperte rückwärts, fing sich, holte mit dem unverletzten Arm aus und schlug mit der Magnumflasche zu. Traf etwas, vermutlich den Kopf des Mannes. Hörte einen dritten Schuss. Glas splitterte. Die Sirene jaulte auf. Honora ließ den Flaschenhals los und umklammerte ihren blutenden Arm. Der Schmerz versengte sie förmlich.
Das war keine normale Munition! Sie schwankte, stützte sich an dem Van ab. Kämpfte sich durch den Nebel von Schmerz und Schock und witterte frisches Blut. Der Mensch lag vor ihr am Boden. Er sah blinzelnd zu ihr auf, an seiner Stirn prangte eine Platzwunde. Honora versetzte der Waffe einen Tritt und zielte mit dem Stiletto auf die Magengrube des Mannes – nur um ganz sicherzugehen. Sein heiseres Keuchen ließ sie grimmig lächeln, besonders wegen des Glühens in ihrem Oberarm.
Strauchelnd trat sie zwischen den parkenden Autos hindurch, der Straße entgegen. Viel zu langsam! Sie taumelte gegen eine Stoßstange. Stützte sich auf die Motorhaube. Was, verflucht, war das für eine Kugel? Sie blinzelte den Schwindel fort.
»Hey, alles in Ordnung?« Das kam von einer Gestalt, die auf der anderen Straßenseite stehen geblieben war. »Wir haben die Polizei gerufen!«
Honora deutete auf den Parkplatz. »Er ist bewaffnet. Weg hier, schnell!«
»Großer Gott, dein Arm! Mädchen, du musst …«
Hinter ihr trommelten schwere Schritte auf dem Asphalt. »Gnädige Schatten?!«, fluchte Honora, streifte sich die hochhackigen Schuhe von den Füßen und rannte los.
Gabhán
Die Glassplitter knirschten unter Gabháns Chucks. Der nächste Besenstrich kehrte Scherben und Tacokrümel zusammen. Es hätte etwas Meditatives haben können, die gleichmäßigen Bewegungen. Die Abstufungen von Dunkelheit in der geschlossenen Bar, von Zartgrau bis Tiefschwarz. Eine Stille, die wohltuend satt war, nach all dem Lärm. Sie bot genug Raum für die kleinen Geräusche, das Schaben der Borsten auf den schartigen Dielen. Das Knarzen des Holzes, wenn Gabhán sein Gewicht verlagerte. Das Tröpfeln des Wasserhahns.
Aber nach zwölf Stunden am Tresen waren seine Sinne wund gerieben. Er spürte seine Füße kaum noch, und das war ein Segen, denn gegen Mitternacht hatten sie bei jedem Schritt geschmerzt. Gabhán ächzte leise, als er sich nach der kaputten Bierflasche bückte. Die Stühle standen mit den Beinen nach oben auf den Tischen. Er hatte einen Strahler auf die Bühne ausgerichtet und angelassen, weil es ein angenehmes Licht war. Weich in dem stinkenden Halbdunkel einer durchfeierten Nacht.
Auf dem Weg hinaus sammelte er die Müllsäcke ein und schüttete schon mal einen Eimer Wasser auf die klumpige Pfütze vor den Toiletten. Die Container in der Seitenstraße neben der Bar empfingen ihn mit der scharfen Süße von verfaulendem Abfall. Ein Kobold floh mit schlackernden Ohren vor Gabhán. Das pelzige Geschöpf trug ein Stück Toastbrot zwischen den Zähnen und wurde ein paar Sätze weiter von einer Ratte angesprungen. Gabhán stopfte die Säcke in die überquellenden Container und hob witternd den Kopf. Natürlich war Müll immer aufregend. Das schiere Gemenge an Gerüchen, die miteinander rangen, wie unsichtbare Spuren in der lauen Nachtluft. Einige markant und vollmundig, andere kaum eine Ahnung, wie der eingetrocknete Karamellsirup, der vermutlich am Boden irgendeines Kaffeebechers klebte.
Aber heute Abend gab es noch eine andere Spur in der lauen Luft: die Aromen von frischem Blut und Champagner. Sie führten Gabhán ein paar Schritte die Gasse hinab, an dem Kobold vorbei, der sich in den Schatten mit der Ratte balgte. An einer Hauswand lehnte eine Gestalt. Der bläuliche Schein eines Handybildschirms beleuchtete die scharfen Züge von unten, aber viel bezeichnender war der Geruch. Bitterer Zigarettenrauch und darunter – unendlich verheißungsvoll – frischer Schweiß auf warmer Haut, eine Spur Seife und der ureigene Duft von Dan Valdez, wie eine Ahnung des nahen Herbstes an den letzten warmen Tagen zu Hause in Montana. Gabhán hätte einiges dafür gegeben, seine Nase tief in dem Duft zu vergraben, aber zum Glück besaß er noch einen letzten Rest Selbstachtung – und Lebenswillen.
»Könnten Sie zum Sterben in eine andere Gasse gehen?« Gabhán versenkte die Hände locker in den Hosentaschen.
Valdez gab ein tiefes Brummen von sich, das allen Unwillen in einen einzigen Laut zwängte.
»Die endlosen Verhöre danach, die überfüllte Arrestzelle und erst der Papierkram!« Gabhán lächelte.
»Wenn Sie jemals Leichen in dieser Gasse gehabt hätten, würde ich davon wissen«, sagte Valdez, ohne vom Handy aufzusehen. Er klang regelrecht gelangweilt. »Und es gibt keinerlei Veranlassung, davon auszugehen, dass ich in nächster Zeit sterbe.«
»Nur all das Blut auf Ihrem Gesicht.«
»Keine falschen Hoffnungen!«
»Sie kennen mich, ich bin Optimist.« Gabhán trat provozierend langsam die letzten Schritte auf Valdez zu. Das Blut rann Valdez auf den weißen Hemdkragen und war wohl nicht die einzige Flüssigkeit. War er mit Champagner übergossen worden? »Bei wem haben Sie sich so beliebt gemacht?«
Valdez würdigte das keiner Antwort, sondern tippte konzentriert auf seinem Handy. Obwohl Gabhán den Hals lang machte, konnte er nur erkennen, dass ein paar kryptische Symbole und die Kürzel von Paragrafen in dem Chat auftauchten. Die Wachenden waren eine Sonderabteilung des SFPD und damit eine unausstehliche Mischung aus magischem Geheimbund, Cops und verstaubter Behörde.
Gabhán wippte von einem Bein aufs andere, unfähig, stillzustehen oder seine eigenen Gedanken wieder einzufangen. Natürlich sollte er einfach zurück ins Dawn gehen, die Bar abschließen und vielleicht sogar vor Sonnenaufgang zu Bett gehen. Wachende brachten nur Ärger, gerade dieser hier! Und doch balgten sich die lästigen Fragen in seinem Hinterkopf wie der Kobold mit der Ratte: Was machte Valdez mitten in der Nacht ausgerechnet in der Gasse hinterm Dawn? In was für eine Art von Ärger war er geraten? Und vor allem: Hatte dieser Ärger vielleicht etwas mit May zu tun? Bevor Gabháns übermüdeter Verstand ihn davon abhalten konnte, sagte er betont beiläufig: »Falls Sie mir versprechen, nicht umzukippen, könnte ich Ihnen ein Waschbecken anbieten und einen Kaffee.«
Jetzt endlich sah Dan Valdez von seinem Handy auf. Er maß Gabhán mit einem langen Blick. Wie auf der Suche nach dem Fehler in einer Gleichung.
»Ich verspreche auch, Ihnen kein Pfund Fleisch von den Knochen zu reißen.« Gabhán schenkte Valdez ein breites Grinsen, nur um ganz sicherzugehen, dass der Wachende auch begriff, wie gerne er in dessen Vorurteilen über Werwölfe herumstocherte.
»Manchmal frage ich mich, wie es Ihnen gelungen ist, so lange nicht verhaftet zu werden«, sagte Valdez gedehnt. Trotzdem richtete er sich auf und trat an Gabhán vorbei zur Hintertür des Dawn.
»Ich habe dieses gewinnende Wesen und darüber hinaus den Vorzug, kein Mensch zu sein.«
»Case in Point!«
Schleppende Schritte folgten Gabhán hinein, fast als würde es Valdez schwerfallen, die Füße zu heben. Er hatte höchstens zur Hälfte damit gerechnet, dass der Wachende seine Einladung auch annehmen würde. Normalerweise machte er außer auf ihren monatlichen Treffen auf der Fähre nach Alcatraz einen großen Bogen um Gabhán.
Hinter der Theke angekommen, machte Gabhán ein frisches Geschirrtuch nass und reichte es seinem Gast. »Sie sehen scheiße aus.«
»So wie Sie, wenn ich Sie am Morgen danach aus der Zelle fege?« Nur Dan Valdez konnte eine schäbige Beleidigung wie eine Steuerabrechnung klingen lassen.
»Und gerade wollte ich die Kaffeemaschine noch einmal für Sie anschmeißen.« Gabhán lehnte sich gegen eine der hölzernen Säulen und verschränkte die Arme. Auf der anderen Seite der Theke wischte der Wachende sich das frische Blut aus dem Gesicht.
»Sind Sie allein hier?« Valdez kramte fahrig eine Zigarette hervor, die Gabhán ihm aus den Fingern pflückte, um sie anstandslos in einem halbvollen Bierglas zu ertränken.
»Wir haben geschlossen, und Rauchen ist im Dawn verboten.«
»Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich mich umsehe?« Es klang nicht wie eine Frage, und der Wachende ließ eine silbergraue Flamme aus seiner hohlen Hand hochlecken. Sie züngelte in Gabháns Nähe heller und lebhafter und beruhigte sich wieder, als Valdez ein paar Schritte in den Raum hinein ging. Der Schein umkränzte den Wachenden. Es hätte ein poetischer Anblick sein können, doch die Art, wie Valdez sich umsah, so forschend und – Gabhán schoss hinter der Theke hervor.
»Suchen Sie etwa jemanden? Hier? Im Dawn?« Das durfte doch wohl nicht wahr sein! »Sie haben eine übernatürliche Person verfolgt und glauben ernsthaft, dass Sie bei uns fündig werden?« Hatte sich May beim letzten Vollmond Ärger eingehandelt? Oder bei irgendeinem illegalen Ding auf der Straße? Auch, wenn es eine miese Nummer war, als Strafverfolgung in diesen Safer Space zu kommen, ergab das durchaus Sinn: An Valdez’ Stelle hätte er auch im Dawn nach May gesucht! Was die Sache nicht besser machte.
Valdez drehte sich langsam zu ihm um, der bleiche Schein ließ seine scharf geschnittenen Züge noch abweisender erscheinen. »In einer Bar für Übernatürliche, Sie müssen zugeben, dass das nicht so unwahrscheinlich ist. Gerade mit Ihrer Geschichte!« Es hätte eine schöne Stimme sein können, voll und dunkel. Wenn sie nur nicht jeden Monat dafür benutzt werden würde, die Ausweise auf dieser verfickten Fähre einzufordern und die Anwesenheit abzufragen. Der Wolf in seinem Inneren hob wachsam das Haupt und legte drohend die Ohren an, aber Gabhán ballte nur in hilfloser Wut die Fäuste.
»Haben Sie einen Durchsuchungsbeschluss?« Er war so naiv gewesen! Wahrscheinlich hatte Valdez ihn sogar hinter der Bar abgepasst.
»Sie wissen selbst, dass ich den Durchsuchungsbeschluss unter bestimmten Bedingungen nicht brauche. Die Verfolgung einer übernatürlichen Tatverdächtigen auf der Flucht vom Tatort fällt darunter.«
»Und das Gesetz zur Eindämmung übernatürlicher Straftaten spielt Ihnen dabei überhaupt nicht in die Hände, was?«
»Es verstärkt meine Position höchstens.« Valdez erstickte die Flamme in der Faust. »Machen Sie die Lichter an!«
Vielleicht sollte Gabhán ihm auch einfach einen Drink an den Kopf werfen? Verdient hätte Valdez es allemal. Seine Hand zuckte in Richtung der Flaschen, die aufgereiht auf den Regalbrettern standen. Aber wenn er jetzt eingeknastet würde, war er May auch keine Hilfe. Er brauchte dringend einen Hinweis, wenn er ihre Spur wiederfinden wollte. Also stiefelte er widerstrebend ans andere Ende der Bar und ließ demonstrativ einen Strahler nach dem anderen aufflammen. So lange, bis sie in unbarmherziger Helligkeit dastanden.
Sie hätten nicht verschiedener sein können: Dan Valdez in seinem zeitlosen, grauen Anzug, der heute sichtlich gelitten hatte. Es klebte Dreck daran, wie Gabhán mit grimmiger Genugtuung feststellte, Scherben und Alkohol. Seine Wangen waren wie immer sauber rasiert, das Haar an den Seiten seines Schädels kurz gestutzt. Nur die schwarzen Locken auf dem Scheitel waren heute Nacht nass und ausnahmsweise noch zerzauster als Gabháns blonde Strähnen. Fast hätte Valdez’ Frisur zu Gabháns verwaschenem »Imagine Dragons«-Shirt gepasst. »Smoke + Mirrors Tour 2015« stand in gelber Schrift auf der Rückseite und eine lange Liste von Städten. Gabhán hatte sich damals in Toronto sein erstes Tattoo stechen lassen, inzwischen bedeckten sie seine Arme, aber er hätte eher den ganzen Monat in Alcatraz geschlafen, als wie Valdez einen grauen Anzug zu tragen.
Als er die Hand nach dem Geschirrtuch ausstreckte, blieb Valdez’ Blick kurz an seinen verwachsenen Fingern hängen und zuckte weiter. Gabhán gab vor, es nicht zu bemerken. Die Fehlbildung seiner linken Hand war ein Menschen- und kein Werwolfsding. Trotzdem waren die Reaktionen erschreckend ähnlich. Entweder starrten die Leute oder sie versuchten angestrengt, nicht zu starren.
»Ich werde Sie begleiten«, sagte Gabhán knapp. »Falls Sie etwas beschlagnahmen, verlange ich eine Beweismittelsicherstellung.«
»Kriegen Sie.« Valdez klang zum ersten Mal ernsthaft müde. Er wandte Gabhán den Rücken zu, sah kurz in jede Sitznische, stieg die Wendeltreppe zur Tanzfläche hinab und schaute sogar unter die Bühne. Schnell hatte er die Falltür entdeckt und ausgeleuchtet. Als er hinter der Bühne verschwand, folgte Gabhán ihm den engen Gang entlang.
»Wen soll ich eigentlich verstecken?«, fragte er betont gelangweilt. So, als würde er Valdez nicht am liebsten fragen, ob er hier eine zierliche Frau suchte, mit schulterlangem Haar und einer Vorliebe für Karohemden, Asian-American, frische Bissnarbe am Unterarm.
»Gibt es Kameras im Gebäude?«
»Nur an den Eingängen.«
»Ich brauche die Aufzeichnungen.«
»Sie könnten übrigens auf Fragen antworten, aus Höflichkeit und so.«
Dan Valdez öffnete wortlos einen Wandschrank, aus dem ihm Kabel, eine Nebelmaschine und Kisten voller technischer Ausrüstung entgegenquollen. Er leuchtete mit der silbernen Flamme auf seiner Hand hinein. Sie brannte ruhig und stetig. Mit einem leisen Schnauben fischte Gabhán sein Handy aus der Gesäßtasche und wischte über den Bildschirm. Mehrere Mitteilungen ploppten ihm entgegen. Mom erinnerte ihn an Mildreds Geburtstag, der Mondstand lief über den Rand seines Handys. Weiße Ziffern zeigten 3:24 Uhr an. Gabháns Blick flog zu Valdez, der inzwischen rastlos in jede Ecke leuchtete, ohne dass die Silberflamme anschlug.
»Versuchen Sie gerade, vor Sonnenaufgang fertig zu werden?«
Valdez zeigte keine Reaktion. Bis auf die Spannung, die durch seinen drahtigen Körper ging. Prompt wurden Gabháns Züge weich. Ah, dann ging es hier gar nicht um einen anderen Werwolf? Er tippte The Path an, einen Messenger, der bei der Community der Übernatürlichen besonders beliebt war. Das violette Logo mit dem schlängelnden Pfad zog eine Reihe von Posts mit sich. Als Gabhán sie auf San Francisco eingrenzte, fiel ihm eine Meldung zwischen den Mond-Memes und Konzerttipps fürs Wochenende auf.
»Frische Leiche, ein paar Blocks weiter, hm?« Halleluja! Das klang nicht nach May, ja nicht einmal nach einem Werwolf. Eine Leichtigkeit breitete sich in Gabháns Brustkorb aus. Er scrollte weiter, auf der Suche nach Details. »Unregistrierter Jungvampir? Hat Ihr Tatverdächtiger Sie so zugerichtet?«
»Erwarten Sie bitte nicht von mir, dass ich wilde Spekulationen bestätige oder abstreite.« Valdez schloss die Tür zur Abstellkammer eine Spur härter als nötig.
»Ist es nicht genau Ihre Aufgabe, uns vor Gewalt durch Menschen zu schützen?« Gabhán musterte den Wachenden unverhohlen.
Der drehte sich endlich wieder zu ihm herum. Es wirkte so widerstrebend, als hätte er Gabháns schiere Existenz am liebsten ignoriert. »Lassen Sie es!«
»Fragen stellen?«
»Sich einmischen! Das ist mein Ernst, Lynch. Sie haben einen Job –«
»Beim Bierausschank macht sich mein Master of Laws auch besonders gut.«
»Sind registriert«, zählte Valdez ungerührt weiter auf. »Ehren das Abkommen und halten sich an den Mondkalender. Seit Jahren keine Straftaten mehr. Sie lassen sich nicht einmal beim zu schnellen Fahren erwischen.«
»Hey …«
Valdez trat einen Schritt auf ihn zu. Das Flämmchen gierte in Gabháns Richtung, der Mensch sah furchtlos zu ihm auf. »Aber Sie müssen dringend aufhören, zu provozieren und Übernatürliche von der Straße aufzusammeln.«
»Stimmt, das ist Ihre Aufgabe!« Gabhán trat so dicht an ihn heran, dass die Flamme über sein Shirt züngelte. Die Berührung hinterließ nicht mehr als ein kühles Prickeln. »Ich werde an dem Tag aufhören, Übernatürlichen unter die Arme zu greifen, an dem Ihre Behörde endlich ihren verdammten Job macht und wir nicht mehr um unsere Rechte kämpfen müssen.«
»Sie sind juristisch gleichgestellt und …«
»Wagen Sie es nicht!« Gabhán ließ das leise Grollen des Wolfes aus seiner Kehle steigen. »Wir wissen beide, dass das Gesetz allein nichts zu bedeuten hat – und selbst unsere erkämpften Rechte haben Lücken!«
Der Wachende starrte reglos zurück. Der Geruch von seinem Blut und dem Champagner vermischte sich mit der Ahnung von Herbst und stieg Gabhán direkt in die geblähten Nasenflügel. Er hätte den Menschen niemals hereinbitten sollen! Es war ja nicht so, als ob Valdez dasselbe jemals für ihn oder seinesgleichen getan hätte – ganz gleich, aus wie vielen Wunden ein Werwolf blutete.
»Verschwinden Sie!«
»Sie verlieren die Kontrolle«, informierte ihn Valdez erstaunlich sachlich.
Gabháns Nacken kribbelte, als wäre da ein Fell, das sich aufstellen könnte, und er verspürte den Impuls, die Lefzen anzuheben. Lächerlich! Er lebte seit vielen Jahren in Frieden mit seinem inneren Wolf und hatte das hier überhaupt nicht nötig!
»Als Nächstes werden sich Ihre Augen verfärben«, sagte Valdez ruhig. »Und das an Neumond! Sie wissen, dass ich darüber einen Vermerk in Ihrer Akte machen muss.«
»Lecken Sie mich doch!« Jetzt bleckte er kurz die Zähne und schlug schon im nächsten Moment die Augen nieder. Neumond war keine gute Zeit. Das Verschwinden des Mondes fühlte sich wie ein Kater an, und nun zog auch die Müdigkeit an Gabháns Konzentration. Genau wie Valdez’ Geruch und die Erinnerung an das metallische Schnappen der Zellentüren. An die Blutspuren am Boden. An das lang gezogene Heulen auf der Insel. Er atmete gegen die Erinnerung an. All das hatte keine Bedeutung, nichts davon! Er wusste, wer er war.
Gabhán klammerte sich mit aller Kraft an den letzten Satz. An das Harz der Kiefernwälder hinter Moms Farm. Den Duft von altem Papier in Dads Laden. Den salzigen Wind in seinem ersten, lächerlich sorglosen Sommer in San Francisco. Endlich sah Gabhán wieder auf. »Es gibt hier keine anderen Übernatürlichen.« Er hielt Valdez’ Blick stand. »Und jetzt verschwinden Sie endlich!«
Dieses Mal gehorchte der Mensch mit einem knappen Nicken. Auf dem Weg hinaus blieb er noch einmal auf der Schwelle stehen und drehte sich halb zu Gabhán herum. »Das war mein Ernst, halten Sie sich aus Ärger heraus. Und suchen Sie sich ein Rudel! Das wird dem Wolf guttun und Ihnen auch.«
Gabhán knallte die Tür hinter ihm zu. Als würde sich Valdez auch nur einen Funkenschiss um seinen Wolf scheren! Oder um Gabhán.
Honora
Und danach habe ich eine Yoga-Session mitten unter den Redwood Trees mitgemacht.«
»… dort drüben Chappell Roan … schnell ein Foto!«
»… frische Drinks holen … ewig anstehen.«
Wie ein aufgescheuchter Schwarm Fische trieben Gesprächsfetzen durch die Nacht. Honora ließ sich vom Strom der feiernden Menge mitziehen und lauschte. Selbst mit Ohrstöpseln, die das Wummern der Bässe etwas dämpften, war es keine Mühe, den Gesprächen zwischen den Ständen und Zelten zu folgen. Aber bisher keine Spur von den Übernatürlichen, die Eliot erwähnt hatte. Nur ein gewaltiges, farbenprächtiges Spektakel!
Sie legte den Kopf in den Nacken, die Augen himmelwärts gerichtet. Hoch über ihr spie eine Drachenskulptur lilafarbene Flammenzungen in die Dunkelheit. Ein Funkenregen rieselte herab. Noch während er in der Luft verglühte, streckten Menschen jubelnd die Arme danach aus. Der nächste Feuerstoß war türkis, der darauffolgende blassblau. Bleiche Nebelschwaden waberten über den Boden, vermutlich künstlich, so zielsicher, wie sie rosa angestrahlt wurden. Obwohl die nächste Bühne erst in einiger Entfernung vor ihr aufragte, tanzten rund um Honora Feiernde durch den Nebel. Sie schwenkten mitgebrachte Fahnen. Sangen den Refrain mit. Stießen mit großen Plastikbechern an.
Es gab kein Anzeichen für echte Magie, und doch hatte das Festival etwas Magisches. Vielleicht lag das am Aufbranden des Jubels vor den Bühnen. An den fließenden Bewegungen des Tänzers, der auf einem Podest Fackeln durch die Luft wirbelte. An den glänzenden Augen der Menschen, die das Spektakel bewunderten, lächelnd und leichtfüßig.
Honora ließ die unzähligen Geräusche über sich hinwegschwemmen und sog diesen Augenblick in sich auf. Die elektrisierende Atmosphäre, der Rausch, mit unzähligen anderen für die kurze Dauer einer Nacht zu staunen, zu jubeln und zu tanzen. Als würde dieser Song, das Pulsieren des Taktes, das Wippen auf den Zehen ewig währen.
Drei junge Frauen tanzten Honora an, atemlos vom Singen und mit geröteten Gesichtern. Honora lachte, hob abwehrend die Hände und wiegte dann doch ihre Hüften im Rhythmus. Sie tänzelte zwischen den dreien hindurch. Hob die Arme über den Kopf, um gemeinsam mit ihnen in die Hände zu klatschen. Sofort zog ein feiner Schmerz aus Honoras Schulter ihren Oberarm hinauf. Sie holte scharf Luft, tastete nach der Einschusswunde, die sie unter dem T-Shirt großzügig mit Mull und Tape abgeklebt hatte.
Immer noch! Honora hatte die Kugel vor drei Tagen entfernt. Doch die Wundränder wuchsen viel langsamer zusammen als für gewöhnlich. Was war das für eine verfickte Kugel gewesen?
Eine warme Hand auf ihrer anderen Schulter ließ sie aufsehen. »Hey, alles gut bei dir?«
»Ja, geht schon. Danke!« Honora zauberte ein sorgloses Lächeln auf ihre Lippen und nickte den drei jungen Frauen zum Abschied zu. Sie duckte sich unter einem Schild hindurch und schlüpfte an einer Schlange von Menschen vorbei, die vor einem Stand für gegrillten Hummer anstanden, der in seinem eigenen roten Panzer serviert wurde. Hinter dem Hummerstand wurden Wassermelonen mit Alkohol übergossen und Erdbeeren in Schokolade getaucht. Sie musste noch einmal für das Essen wiederkommen, und zwar nicht das auf zwei Beinen.
Doch heute Abend suchte sie echte Magie! Honora drehte sich im Gehen langsam um ihre eigene Achse, reckte den Hals. Bunte Lichtstrahlen tanzten über sie hinweg. Die silbernen Pailletten eines Kostüms blitzten neben einem durchgeschwitzten T-Shirt auf, es gab falsche Flügel und jede Menge Glitzer.
»… noch für das Riesenrad anstellen.«
»… sicher, dass das da drüben ein Cop ist.«
»Dreißig Dollar für Drinks, so gut können die …«
Satzfetzen und Lachen flirrten hin und her.
»Liebe-liebe-liebe dich so sehr!«
»Scan einfach den Code ein, wir suchen immer neue Menschen.«
Menschen? Honora blieb abrupt stehen. Wandte den Kopf herum. Wer hatte das gesagt? Die junge Frau mit den plüschigen Katzenohren? Nein, sie machte nur ein Foto. Der Mann mit den Braids neben ihr scannte auch nichts, war nur ins Tippen vertieft. Honora glitt an dem Eiswagen vorbei und drehte sich um ihre eigene Achse. Zu viele hier hatten Handys in der Hand – Mist!
Sie drehte noch eine Runde zwischen den Ständen hindurch. Belauschte zig Gespräche, aber keines mehr, in dem Menschen angeworben wurden. Verdammt! Honora war so dicht dran gewesen. Sie biss den Kiefer fest aufeinander und blieb vor einem riesigen Trampolin stehen. Zwei lachende Jugendliche hüpften darauf durch einen Strudel aus schillernden Seifenblasen. Natürlich war es absolut möglich, dass es sich um ein legales Geschäft gehalten hatte. Es gab genug Übernatürliche, die sich ordentlich registrierten und ganz offen unter den Menschen lebten. Aber dieser Tonfall! Er war beiläufig gewesen und gleichzeitig freundlich und einladend. Vertrauenerweckend, auf eine gekonnte Art und Weise.
In einigen Nächten versuchte sie, selbst, genauso zu klingen. Es war eine der Rollen, die Honora sich antrainiert hatte wie austauschbare Masken. Sie kratzte sich unter der fliederfarbenen Perücke, zupfte sie wieder zurecht und drückte eines der Plastikjuwelen fest, die sie sich als Muster ins Gesicht geklebt hatte. Offenbar suchte sie an der falschen Stelle, und langsam taten ihr selbst in ihren flachen Boots die Füße weh. Honora blieb vor einem krummen Wegweiser mit einem Dutzend Holzarmen stehen. Einer wies zur Bay-Area, in der auch San Francisco lag. 32 Meilen stand darauf. Ein anderer zum Nordpol, ein dritter nach Tír na nÓg. Als wäre der Weg zum Hof der Sidhe so leicht zu finden!
Honora verzog die Lippen.
Nur die Respektlosigkeit der Menschen war noch größer als ihre Unwissenheit. Ihr Blick folgte der Richtung, in die das Schild wies. Vorbei an den Toilettenhäuschen, hinter denen die Kronen eines Wäldchens aufragten. Der Wind raschelte in den Blättern, und die bleichen Stämme der Eukalyptusbäume wirkten geisterhaft in der Dunkelheit. An den Ästen baumelten bunte Laternen, und da war ein hohes Kichern, das nicht menschlich war. Honora folgte dem Laut bis zwischen die Bäume. Auch hier gab es Zelte, aber es waren weniger als bei den Bühnen. Bunte Lichtinseln in der Dunkelheit, verbunden durch Trampelpfade, auf denen Feiernde einzeln oder in kleinen Gruppen dahinzogen. Über ihren Köpfen schwirrten goldene Lichtpunkte hin und her, das hohe Kichern lag wie ein helles Surren in der Luft. Feen, ganz eindeutig! Die Veranstalter mussten unzählige Blumen in den Wald geschafft haben, um ganze Schwärme von ihnen anzulocken. Und richtig, zwischen den Zelten und Ästen hingen üppige Girlanden. Da war der letzte Goldmohn des Jahres, blaue Lupinen und Rosen. Wahrscheinlich war die Luft schwer von ihrem süßen Duft, doch Honora witterte nur das warme Blut, das beständig durch menschliche Körper gepumpt wurde.
Sie rupfte eine Rosenknospe aus einer der Girlanden und drehte sie zwischen den Fingern. Nur ein paar Schritte vor Honora trug ein Mann eine Frau auf den Schultern. Sie streckte lachend die Hände nach dem Feenschwarm aus und beugte sich vor, um an den Blumen zu riechen. Der Anblick der beiden schnürte Honora die Kehle zu, und das nicht nur, weil ihr letzter Schluck Blut schon länger her war. Sie wollte die Knospe gerade in den Dreck werfen, als ihr das zarte Ding aus der Hand gepflückt wurde.
»Darf ich?«
Gnädige Schatten! Das war jetzt schon das zweite Mal in wenigen Tagen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie ein Mensch sich ihr näherte. Der Kerl war einfach im Strom der Feiernden neben ihr stehen geblieben und hielt die Knospe in die Höhe. Er sah sie fragend an.
»Hä?« Honora starrte erst auf die Knospe, dann in sein Gesicht. Es war der Cop, den sie mit der Magnumflasche niedergeschlagen hatte. Scheiße, wie viel Pech konnte eine einzelne Untote haben? Heute trug der Typ Lederjacke und Jeans, ja, aber es war definitiv der Cop von vorgestern. Auf seiner Stirn klebten immer noch schmale, weiße Pflasterstreifen über einer frischen Narbe, und da war die Ahnung eines Lächelns auf seinen Lippen. Konnte sie ihn unbemerkt hinter den breiten Stamm ziehen und ihn dort überwältigen?
»Sie passt perfekt zu deinem Haar!« Der Mann hielt die rosa Knospe an eine Strähne ihrer fliederfarbenen Perücke. So selbstverständlich, als würde er sie nicht erkennen! War das möglich? Immerhin hatte er sie nur im Gegenlicht gesehen … Sie sah zu ihm auf. Ein Schwarm Feen zog kichernd über ihnen dahin, ein pulsierendes Glühen in der Luft.
»Nicht zu viel?«, fragte Honora endlich gedehnt. Das war ihre normale Stimme! Weder der Versuch, jung und ängstlich zu wirken, noch die tiefe, hypnotische Tonlage, mit der sie Menschen Befehle erteilte.
Er lachte leise. »Du meinst, mit den ganzen Glitzersteinen und der lila Perücke?« Sein Lächeln wurde eine Spur tiefer und wärmer. »Nein, nicht zu viel. Es ist perfekt.« Damit steckte er ihr die Knospe dicht über dem Ohr in das falsche Haar. Einfach so. Honora glaubte, die Wärme seiner Hand bereits auf ihrer Haut zu spüren. Aber sein kleiner Finger streifte nur ihre Ohrmuschel. Zu kurz, um zu bemerken, wie kalt sie im Vergleich zu ihm war.
»Danke. Aber dann sollten wir dir vielleicht auch ein paar suchen. Denn du trägst entschieden zu wenig Rosa.« Honora hob eine Augenbraue an.
»Ich wollte düster und geheimnisvoll wirken. Mein Fehler.«
»Hello-Kitty-Pflaster.« Sie deutete auf die Narbe der Wunde, die sie mit der Magnumflasche geschlagen hatte. »Das würde den Look aufbrechen.«
Er nickte knapp. Nur das amüsierte Funkeln in seinen Augen verriet ihn. »Wahrscheinlich könnte ich auch etwas Glitzer vertragen?«
Da auch das zutraf, pflückte Honora einen der falschen Juwelen aus ihrem Gesicht und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm das kitschige Ding auf die Stirn zu kleben. Direkt unter der Narbe. »Viel besser!«
»Danke, Mylady.« Seine Stimme war warm vor Spott. Er stockte kurz, warf ihr einen flüchtigen Blick zu und schien etwas fragen zu wollen. Doch stattdessen nickte er nur. »Ich muss weiter. Viel Spaß mit den Feen.«
»Denk an das Pflaster!« Honora sah ihm nach, als er sich abwandte und den Pfad zwischen den Bäumen hinabschritt. Er öffnete die Hand himmelwärts. Eine silbrige Flamme stieg daraus auf und zuckte unruhig in verschiedene Richtungen wie ein magischer Kompass. Ein Wachender! Natürlich gab es auf Festivals wie diesen außer den offiziellen Sicherheitskräften auch Cops der einen oder anderen Art. Deshalb hatte er auch ihrem Bann widerstanden! Hoffentlich sah sie den nie wieder.
Das silberne Flämmchen verschwand hinter einer Zypresse mit ausladender Krone und mit ihm der Wachende. Honora streckte die Hand nach der Rosenknospe aus, um sie herauszurupfen, und ließ sie wieder sinken, ohne es zu tun. Ihr pastelliges Outfit passte perfekt zu den opulenten Kostümen auf dem Fairy Glow, und wahrscheinlich hatte es gerade verhindert, dass sie aufgeflogen war.
Honora wartete noch ein wenig länger, nur zur Sicherheit. Erst, als das Silberflämmchen nicht wieder auftauchte, flanierte sie zwischen den bunten Zelten dahin. Aus einigen klang Musik, in anderen wurden Getränke ausgeschenkt oder Kuchen verkauft. An einem niedrigen Tisch mit Wasserpfeifen, Süßigkeiten und Teegläsern entdeckte Honora das grüne Haar einer Dryade. Oder war das auch nur eine Perücke? Honora blieb stehen, zog eine Lupine zu sich heran und atmete zum Schein tief ein, gerade, als die Grünhaarige sich ins Licht vorbeugte. Jackpot! Auf den hohen Wangen wuchs dichtes Moos, und die spitzen Finger endeten in Zweigen. Zwei Teenager baten um Selfies mit der Dryade, und sie ließ es geduldig über sich ergehen. Zumindest unternahm niemand den Versuch, sie zu berühren.
Honora wartete, bis sie weg waren, und trat an den niedrigen Tisch. »Darf ich?«
Sie sah gelangweilt an Honora vorbei in die tiefen Schatten des Wäldchens. »Auch ein Foto? Nun, warum nicht.«
»Nein, eigentlich ein paar Fragen.«
»Was darf es denn sein? Liebeszauber? Gespräche mit Bäumen? Unsterblichkeit?« Obwohl die Stimme der Dryade wie das Rascheln des Windes in den Baumkronen klang, war der Spott deutlich herauszuhören.
»Mit Untersterblichkeit bin ich gut versorgt, danke.« Honora beugte sich zu der Übernatürlichen vor. Sie bleckte die Zähne und fuhr die Fänge aus, nur ganz kurz. Die Dryade hob eine Rindenbraue und deutete auf das Sitzkissen neben sich.
»Mach es kurz, Kind der Nacht. Deinesgleichen sind mir zu tot.«
»Du bist registriert.« Kein so mächtiges Wesen hätte sich bereitwillig mit Menschen fotografieren lassen, wenn es verborgen vor den Behörden lebte.
»Und du bist es nicht.«
Honora nickte knapp. »Ich habe Gerüchte gehört über andere unregistrierte Vampir*innen, die in Kalifornien verschwinden.«
»Davon weiß ich nichts, aber gerade Unregistrierte tauchen öfter mal unter. Das müsstest du doch wissen.«
Das stimmte, und doch war das hier etwas anderes. Niemand postete Fotos von vermissten Unregistrierten online, ohne schon wirklich verzweifelt zu sein. Und in den letzten Monaten hatte es gleich mehrere solcher Posts gegeben. »An wen wende ich mich in der Bay-Area für Informationen zu Übernatürlichen?«
»Es gibt das Nest am Rande des Castros, aber das kennst du vermutlich schon? Dann wäre da eine Hexe im Mission District, sie hat sogar noch echte Magie.« Die Dryade nippte an ihrem Tee, der wahrscheinlich nach Minze duftete, so wie diese Geschöpfe nach Harz. »Die meisten Hehlenden in San Francisco verkaufen natürlich nur falsche Zauber an die Touris, aber am Rande des Golden Gate Parks lebt ein ganz anständiger Experte für Siegel und Flüche.«
»Ich dachte an weniger legale Informationen.«
Die Dryade seufzte. »Das ist das Problem mit deiner Art. Ihr wisst einfach nicht, wann es genug ist. Zu gierig, zu ruhelos, zu … nun ja tot und doch lebendig.«
»Bitte, es könnte übernatürliche Leben retten.«
»Oder kosten!« In den grünen Augen der Dryade spiegelte sich das Kerzenlicht der bunten Glaslaternen, die überall im Zelt hingen. Ihr Zögern zog den Moment in die Länge, schließlich nickte sie kaum merklich. »Aber irgendjemand wird es dir eh sagen: Es gibt ein einziges Rudel entlang der Küste, sie mögen keine Konkurrenz, und sie arbeiten im Verborgenen. Angeblich kann dir der Anführer alles beschaffen – Waren, Namen, Körperteile. Wenn etwas Ungesetzliches in der Bucht vorgeht, weiß er davon. Ryder Mallroy, das ist der Name, den du suchst.«
Treffer! Derselbe Name, und das Rudel passte zu dem Heulen aus Eliots Erinnerungen. War da nicht auch eine Erwähnung von Nymphenblut gewesen? Irgendwas mit einer Auktion?
»Wie finde ich das Rudel?«
Das Lächeln der Dryade wurde tiefer, nein zufriedener. »Das weiß ich nicht. Meine Geschwister und ich halten uns aus diesen Kämpfen heraus. Sprich mit deinesgleichen. Oder mit den Werwölfen, die kennen Ryders Rudel alle. Ob sie ihm nun angehören oder nicht.«
Das Nest war leider nicht besonders hilfreich gewesen. Trotzdem nickte sie nun zum zweiten Mal. »Hab Dank für deinen Rat!« Sie neigte den Kopf zum Zeichen der Ehrerbietung.
Als sie sich abwandte, schoss die Hand der Dryade vor. Dünne Zweige wanden sich um Honoras Handgelenk. »Nicht so schnell! Was bekomme ich für meine Informationen?«
»Ich dachte immer, Materielles wäre nicht so euer Ding? Glaubt ihr Waldnymphen nicht an das ewige Gleichgewicht der Natur und den Fluss des Lebens?«
»Oh, bitte!«
»Darf ich dich auf einen Minztee einladen?«
»Nein, so funktioniert das nicht.« Die Dryade hob den Kopf, als würde sie auf etwas lauschen, das Rascheln der Blätter vielleicht oder die Verzweigungen der Wurzeln unter ihr in der Erde. »Folge dem Pfad durch den Wald, und wenn die Bäume sich lichten, nimm die Abzweigung zum Meer. Beile dich, bevor der Sichelmond untergeht!«
Was war denn das für ein Handel? »Könnte ich dir nicht doch etwas Materielleres geben?«
Die Dryade verzog keine Miene, aber mit der Kraft von Bäumen wanden sich die Zweige enger um Honoras Handgelenk. Sie ballte das Holz zur Faust, es knirschte leise. Vom Nachbartisch sah ein Jugendlicher zu ihnen herüber und stupste seinen Freund mit dem Ellenbogen an. Auch hinter ihnen hob ein Tuscheln an.
»… vielleicht helfen?«
»Zu gefährlich. Verfickte Schattenbrut!«
»Mega, mach schnell ein Foto!«
Honora wandte eilig den Kopf ab, nicht, dass ihr Gesicht noch in irgendwelchen Posts zum Fairy Glow auftauchte.
Die Dryade lachte leise, ein Geräusch, als würde trockenes Herbstlaub rascheln. »Geh den Pfad hinab, wenn schon nicht, um unseren Handel zu ehren, dann um deiner selbst willen. Heute Nacht treibt der Wind das Schicksal bis an diese Küste.«
Ein Blitzlicht flammte auf. Na toll! Hoffentlich war das Foto verwackelt.
Honora nickte knapp.
Die Zweigfinger gaben ihr Handgelenk frei. Die Dryade nippte an ihrem Tee, und Honora stapfte zwischen den tuschelnden Menschen davon. Nymphen! Allesamt so naturverbunden wie absonderlich. Gut möglich, dass die Dryade wirklich etwas im Wind gehört hatte. Genauso gut möglich, dass sie sich einfach nur über Honora lustig machte, aus einer Laune heraus. Die bunten Laternen des Zeltes und das neugierige Geflüster blieben hinter Honora zurück, im Wald herrschte ein samtiges Halbdunkel. Feiernde zogen in kleinen Grüppchen den Pfad hinab, offenbar mit einem Ziel. Einige hielten ihre Handys als leuchtende Vierecke in der Hand oder trugen Lichterketten als Schmuck am Körper. Von einzelnen Zweigen hingen bunte Lampions herab.
Irgendwo vor ihr schwoll Musik an, keine hämmernden Techno-Beats dieses Mal, sondern Gitarrenriffs. Hinter den Bäumen schnitten die Lichtfinger von Strahlern durch die Nacht. Immer mehr Menschen strömten an Honora vorbei, dem Spektakel entgegen. Ein Wegweiser zeigte in dieselbe Richtung, statt Buchstaben war ein bleiches Gesicht auf das Holz gemalt, umkränzt von grünen Blättern und Noten. Das musste eine weitere Bühne sein. Doch ein paar Schritte hinter dem Wegweiser, halb hinter einer Pinie, zweigte ein Pfad ab und wandte sich den Hang hinab. Hier war niemand unterwegs, aber Honora konnte die Brandung an den Strand schlagen hören, und als sie langsam ein paar Schritte den Pfad hinab ging, schien ein ganzes Stück unter ihr das rote Leuchten eines Feuers hinter den Baumstämmen hervor.
Gabhán
Das gigantische Gesicht thronte bleich über der Bühne, die Augen niedergeschlagen, die Miene ernst. Die Krone aus Zweigen war nur zu erahnen, wenn einer der Bühnenstrahler himmelwärts zuckte. Auf der Bühne sang eine Gestalt in einer Ritterrüstung ins Mikro und reckte es der Menge entgegen. Die Zuhörenden brüllten den Refrain aus unzähligen Kehlen: »Good luck, babe! Well, good luck, babe!«
Gabhán stand ganz am Rand unter den Bäumen, mit wippender Fußspitze. Es wäre so leicht gewesen, ins Meer der Feiernden einzutauchen und sich bis zur Bühne treiben zu lassen. Die Nacht durchzutanzen, ein Bier zu viel zu trinken, freigiebig mit Lächeln und Scherzen zu sein. Sich vielleicht sogar in einer Umarmung zu verlieren und warme Lippen zu küssen.
Normalerweise hätte er genau das getan, doch heute war er nicht über die Absperrung des Geländes geklettert, um zu feiern. Charlie, ein Stammgast im Dawn, hatte erwähnt, dass May eine Karte für das Fairy Glow ergattert hatte. Was unwahrscheinlich genug war! Das Festival verschenkte zwar immer wieder Freikarten an Übernatürliche, aber für gewöhnlich an solche, die besonders sichtbar nicht menschlich waren: Die letzten Nymphenarten, eine geschuppte Şahmaran oder eine Hirschfrau, falls sie sich für eine Nacht unter Menschen begeben wollte. Angeblich hatte es sogar mal einen Flussgeist in einem großen Tank gegeben.
Es war also unwahrscheinlich, dass May die Karten vom Festival hatte – irgendjemand hatte ihr eine Karte bezahlt. Gabhán zog die Schultern höher, als könnte er so das Unbehagen abschütteln, das zwischen seinen Muskeln nistete.
