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Alles dreht sich um Califa, oder kurz: CLF. Die Militärführung in Nomandy, auf der anderen Seite des Ozeans, hat Zugriff auf das neue atomwaffenfähige Element – aber was ist mit Cistransatia, dem Gegner im Osten? In der aufgeheizten Stimmung eines geteilten Kontinents, auf dem sich die Weltmächte an den Zonengrenzen des seit dem Krieg besetzten Potatis nahekommen, scheint jede Entscheidung unkalkulierbare Konsequenzen zu haben. Die Börse in der Seestraße wird überraschend geschlossen, um auch die Währung an Califa zu koppeln, ein unruhevoller Abgeordneter wittert den Krieg und wird zum Problem, cistransatische Wissenschaftler entwickeln einen Gas-Abwehrschirm und leiten die Evakuierung in die unterirdische Hestermannstadt ein. Denn am Besprechungstisch im Politbüro muss dem »Alten« gebeichtet werden, dass in Cistransatia kein CLF vorhanden ist – doch das weiß in Nomandy niemand… Erstmals erscheint nun dieser Roman, den Justin Steinfeld 1955 in England verfasste, sich aber nie um eine Veröffentlichung bemühte. Das Manuskript geriet in Vergessenheit und wurde erst jetzt wiedergefunden. In Zeiten eines Kriegs in Europa und der erneuten Rede von atomarer Bedrohung liest sich »Califa« bedenklich aktuell und, in der Verbindung aus Politthriller und Satire, Science Fiction und alternativer Geschichte, auch überraschend modern. Steinfelds Fazit bestätigt sich: Solange es Nationen und damit Nationalismus gibt, wird es Krieg geben.
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2024
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JUSTIN STEINFELD, geboren 1886 in Kiel, seit 1892 aufgewachsen in Hamburg, gestorben 1970 in Baldock, England. Nach einer kaufmännischen Ausbildung wechselte er zum Journalismus und Theater und war in den 1920er Jahren Zeitschriftenherausgeber, Theaterkritiker, Dramaturg und Mitgründer des »Kollektivs Hamburger Schauspieler«. Er war Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg und stand der KPD nahe. 1933 war Steinfeld kurzzeitig im Konzentrationslager Fuhlsbüttel interniert; 1934 gelang ihm die Flucht nach Prag. Dort schrieb Steinfeld für diverse Organe der deutschen Exilpresse. Nach dem Münchner Abkommen 1938 floh er mit seiner Frau und deren Sohn über Polen und Schweden nach Großbritannien, wo er bis zu seinem Tod lebte. Sein – bisher als der einzige geltende – Roman Ein Mann liest Zeitung (Neuer Malik Verlag 1984, Neuausgabe Schöffling 2020) schildert die Schicksale deutscher Emigranten im Prag der 1930er Jahre und ist ein bedeutendes Dokument der deutschsprachigen Exilliteratur.
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49 a
D - 22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de
Alle Rechte vorbehalten
© Edition Nautilus 2024
Originalveröffentlichung
Erstausgabe März 2024
Umschlaggestaltung:
Maja Bechert
www.majabechert.de
Porträt des Autors Seite 2:
© Sammlung Weinke
1. Auflage
ISBN EPUB 978-3-96054-337-4
Der vorliegende Romantext folgt dem Original-Typoskript, wobei offensichtliche Tipp- und Zeichensetzungsfehler stillschweigend korrigiert wurden. Ebenso wurden Schreibweisen mit ae, ue, oe und ss, die der englischen Schreibmaschine geschuldet waren, durch Umlaute und ß gemäß geltender Rechtschreibung ersetzt. Akzente auf französischen Namen und Ausdrücken wurden ergänzt und variierende Namensschreibungen innerhalb des Manuskripts vereinheitlicht.
Alle weiteren orthografischen und stilistischen Eigenarten des Autors sowie Anglizismen, uneinheitliche Groß-/Kleinschreibungen und Getrennt-/Zusammenschreibungen wurden hingegen so belassen, wie sie im Typoskript stehen.
Der Verlag dankt Jo Hauberg für den Hinweis auf diesen Roman und die Überlassung des Manuskripts und Bernd Leunig für die Texterfassung, außerdem Dorette Flach-Bäuml, der Witwe von Steinfelds Neffen Martin Bäuml, für ihre Unterstützung. Dank gebührt auch Wilfried Weinke, der diesen Kontakt hergestellt und sich schon lange um Justin Steinfelds Werk verdient gemacht hat.
Vorwort
Personenverzeichnis
I.
Handelsminister im Kriegsministerium
II.
Im Grünen Saal (zwölf bei Tisch)
III.
Zwei im Laboratorium
IV.
Polizei auf dem Börsenplatz
V.
Im Treibhaus der grünen Nelken
VI.
Einer von 17 B und 48731
VII.
Im Grünen Saal II (doch dreizehn bei Tisch)
VIII.
Im Parlament
IX.
Der Geist Kains
X.
Gerüchte und schlechte Träume
XI.
Noch drei bis fünf Stunden
XII.
Eine Millionenstadt wird bezogen
XIII.
Dreieckiger Alarm
XIV.
Tenner erzählt und der Premier promeniert
XV.
Plan »Omega« und viele Ameisen
XVI.
»Gelbe Zettel« gegen Bombengeschwader
XVII.
Kriegserklärungen nach Kriegsausbruch
XVIII.
Die Pläne »Marathon« und »Salamis«, 51% sicher
XIX.
Die Neutralen, der Elefant im Porzellanladen und die Chinesen
XX.
Jüdisches Intermezzo
XXI.
Aufmarsch im potatischen Kochtopf
XXII.
Unterweltfieber
XXIII.
Wildwest-Film
XXIV.
Kinder spielen K r i e g
XXV.
Durchbruchsschlacht der »Seifenblasen«
XXVI.
Schrecken und Totenfeier
XXVII.
Das Volk greift ein
XXVIII.
Ohne Sieger und Besiegte
Nachwort
»Es heißt, sie, die es überlebten, seien allesamt Helden (…) nur Mütter hätten das Erbarmen aufgebracht, hinter der irrlichternden Heldengeste ihr armes, versehrtes Kind zu lieben.« Justin Steinfeld, Califa
In den Publikationen zur Exilliteratur heißt es übereinstimmend, dass Ein Mann liest Zeitung Justin Steinfelds einziger Roman sei. Die damit unterstellte Gewissheit ist falsch. Es ist nicht sein einziger Roman. Das Manuskript war nicht das einzige, das Martin Bäuml, der Neffe Steinfelds, Thies Ziemke und mir bei unserem Besuch in Hamburg übergab.
Das Manuskript, das wir im Neuen Malik Verlag 1984 veröffentlichten, hatte selbst keinen Titel. Ihn fanden wir auf einem losen beiliegenden Blatt mit dem handschriftlichen Vermerk: »Ursachen und Wirrungen. 1 Teil Ein Mann liest Zeitung«. Das zweite Manuskript, im Original titellos wie das erste, liegt jetzt als Buch mit dem vom Verlag gewählten Titel Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin vor.
Auf einer einfachen Postkarte fragte Martin Bäuml 1983, ob der Neue Malik Verlag Interesse an Manuskripten seines Onkels hätte. Bei unserem Gespräch erzählte er uns, dass er den Verlag aus zwei Gründen angeschrieben habe. Der Name Malik sei ihm natürlich als der Verlag Wieland Herzfeldes bekannt gewesen. In Verbindung mit Kiel jedoch, dem Geburtsort seines Onkels, sei es eine Überraschung und deshalb für ihn geboten gewesen. Heute neige ich zu der Vermutung, dass sich Martin Bäuml durch Presseberichte über die Gründung eines Verlages in Kiel mit dem anspruchsvollen Namen an die Manuskripte erinnerte, die er aus dem Nachlass seines Onkels bei sich verwahrte.
Obwohl Steinfeld in der kommunistischen und der Presse im Exil zahlreiche Spuren hinterlassen hat, war er für die Forschung nur eine Randfigur. Ob er Anstrengungen unternommen hat, für seine Manuskripte in der BRD oder DDR einen Verlag zu finden, wissen wir nicht. Auch vor seinem Tod am 15. Mai 1970 in Baldock bei London gab es politische Krisen, durch die seine düsteren Ahnungen, wie sie in Califa Gestalt annehmen, grauenvolle Wirklichkeit hätten werden können. Dennoch meine ich zu Recht vermuten zu können, dass er als unbekannter Autor aus unterschiedlichen Gründen in Westdeutschland und in der DDR entweder auf Desinteresse oder gar auf Ablehnung gestoßen wäre.
Sein schonungsloses Urteil über Deutschland, von ihm Mitteleuropa genannt – bewohnt von Menschen, die Teufel zu nennen »dem Höllenfürsten keine Kränkung antun« soll, »satanische Massenmörder«, schuld an der »entsetzlichsten, schändlichsten, barbarischsten Katastrophe aller geschichtlichen Zeiten« –, lässt jedoch Zweifel zu, ob er überhaupt eine Veröffentlichung in der Adenauerrepublik anstrebte, in dem westlichen Restdeutschland, das unmittelbar nach seiner staatlichen Konstituierung die Wiederbewaffnung plante und den Widerstand gegen diese Remilitarisierung kriminalisierte und mit Polizeigewalt unterdrückte. Als Zeitungsmensch und scharfsinniger Analytiker hatte er die Entwicklungen in der BRD genau verfolgt. In seinem Roman verweist er auf einen Konflikt in der Adenauerregierung. Der Militärchef der Besatzungsmacht fordert von den Vertretern der Sektoren A, B und C von Potatis eine Bewaffnung für einen kommenden Krieg. Einer der Vertreter, Raab, jedoch zögert: »Eine Frage von so schicksalbestimmender Bedeutung kann (…) überhaupt gar nicht beantwortet werden, ohne dass man die Nation oder zumindest seine Vertreter befragt.« Die Antwort des Militärchefs war, dass das eben nicht ginge. Steinfeld lässt Raab durch die Faust des »Alten Herrn von Rechts« töten. Gustav Heinemann trat wegen dieser Pläne aus dem Kabinett zurück und forderte zusammen mit Pastor Niemöller eine Neuwahl, weil diese Pläne nie Thema von Wahlen waren und deshalb nicht demokratisch legitimiert seien. Und wollte Steinfeld in einem Land verlegt werden, dessen Regierung keinerlei Bemühungen machte, die Exilanten zur Rückkehr zu bewegen und lieber seine staatlichen Institutionen mit Hilfe ehemaliger Nazis aufbaute? In dem Eigentumsverhältnisse und Klassenstrukturen wieder in die richtige Ordnung gerückt und ein Aufbegehren der Werktätigen und ihrer Gewerkschaften dagegen als politische Streiks verboten wurden? Die Programme der Verlage dieses Landes boten in den 1950er Jahren keinerlei Anlass, ihn dazu zu ermuntern.
Seine Haltung zu den Deutschen erklärt auch, warum Steinfeld eine Rückkehr in deren Land abgelehnt hat. In einem Brief an seinen Neffen Martin Bäuml beteuert er, nie wieder einen Fuß auf ihren Boden setzen zu wollen. Eine Übersiedlung nach Palästina scheint er dagegen mit der Hoffnung erwogen und verbunden zu haben, dass dort ein anderes, ein besseres und freundlicheres Land entstehen würde als das, in dem er lebte. Sonst »können wir bleiben, wo wir sind«.
Erst die politischen, sozialen und kulturellen Rebellionen ab Anfang der 60er Jahre vor allem von sehr jungen Frauen und Männern aus allen gesellschaftlichen Klassen in zahlreichen Ländern haben in der BRD Türen aufgestoßen zu einer Welt, die nach dem Faschismus den meisten gänzlich unbekannt war. Die Literatur jener Autorinnen und Autoren, die 1933 aus Nazideutschland flüchten mussten, wurde bis auf wenige Ausnahmen erst nach Steinfelds Tod dem Vergessen entzogen. Häufig von neugegründeten kleinen Verlagen und nicht selten als Raubdrucke. Erst Jürgen Serkes Artikelserie »Die verbrannten Dichter« im Magazin Stern weckte 1976 das Interesse eines zahlreicheren Publikums für die Exilliteratur.
Aus dem Geist dieser Rebellion heraus, auf der Suche nach dem Anderen, haben Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg in den frühen 1970er Jahren ihre Edition Nautilus gegründet und den Weg ins Offene, Nichtversicherbare angetreten. Zwei revolutionäre Freigeister ihrer Zeit wie Justin Steinfeld zu seiner Zeit einer war. Den Verlag, der nach 50 Jahren immer noch von Konzernen unabhängig ist, der jetzt von einem Kollektiv von Eigenen geführt wird, die weiterhin den Mut haben, Unruhe zu stiften und dem Zeitgeist zu widersprechen. Jetzt gemeinsam mit Franz Jung in so einem Verlag in Hamburg zu erscheinen, seiner ehemaligen und zweimal zerstörten Heimat, hätte Justin Steinfeld vermutlich gut gefallen. Deshalb lag es für mich nahe, ihnen dieses Manuskript zu übergeben.
Warum der Neue Malik Verlag nach der Veröffentlichung des ersten Romans den zweiten nicht herausgegeben hat, vermag ich heute nicht mehr eindeutig zu sagen. Obwohl Ein Mann liest Zeitung in den Feuilletons zahlreicher Zeitungen außerordentlich lobend besprochen wurde und der Spiegel ihm sogar eine »Spiegel-Geschichte« widmete, entsprachen die Verkaufszahlen wohl nicht unseren Erwartungen. Heute zählt der Roman zu den wichtigsten Werken des literarischen Exils, damals jedoch scheute der Verlag wohl das wirtschaftliche Risiko. Das Thema des Romans Califa und seine literarische Qualität waren es nicht, denn ich hatte als Erstleser wiederum zwei/drei schlaflose Nächte mit dieser fesselnden und beunruhigenden Geschichte verbracht, die in der Exilliteratur und in dem gängigen Kanon westdeutscher Nachkriegsliteratur beispiellos ist. Der Verlag hatte andere Sorgen, und das Manuskript verschwand in einer Schublade meines Schreibtisches, blieb aber immer abrufbar in meinem Gedächtnis.
Steinfeld beschreibt in seinem Roman, worum es zu seiner Zeit ging: »Ums Ganze. Jeder, der jetzt bei den kommenden Dingen irgendwie Partei ergreift, muss daran denken, dass er Partei ergreift für die Allmacht oder für den Bäcker.« Wohin der Griff der Mächtigen nach der Allmacht die Menschheit einmal führen werde, wissen wir heute. Als »Herren der Apokalypse«, wie Günther Anders sie nannte, machten sie sich aber zu »ohnmächtigen Titanen«, blind und hilflos gegenüber den Folgen ihres Handelns. Eine eindringliche Mahnung für uns Nachgeborene, in dieser von Kriegstaumel und neuer Heldenverehrung befallenen Zeit und für viele bereits heute fast nicht mehr bewohnbaren Welt für die Vernunft des Friedens Partei zu ergreifen und Brote zu backen statt Schwerter zu schmieden.
Jo Hauberg, Oktober 2023
In Panterra:
Oberst Grady, Leiter der Militärkommission
Leutnant Ritehand, Protokollant
Tenner, Ordonnanz
General Harkensee, Oberbefehlshaber
Generaloberst Booth, Stabschef
Oberst Spark, Generalinspektor
Oswald Stander, Staatsminister für Handel und Finanzwesen
Thomas Spät, Parlamentsabgeordneter
Potter, Parlamentsberichterstatter
In Nomandy:
Präsident Boswell
Primerus, Generaldirektor der Vereinigten
Währungsbanken
Sanders, Börsendirektor
Merton, Vertreter der Seestraße
Tommy Levinger, Börsenmakler
Portermeyer und Frank, Börsenmakler
In Cistransatia:
Mankiewicz, Minister für Volkserziehung
Bredow, Arbeitsminister
Leistikow, Minister für Schwerindustrie
Prenn, Minister für Mechanik
Techner, Verkehrsminister
Olsson, Handelsminister
Liefmann, Minister für Volksernährung
Hestermann, Stadtplaner
Lyonel, Professor
Romanus, Ingenieur
Alex Rettberg, Pilot
Anna Prenn, Starkstromtechnikerin
In Potatis:
Erwin Raab, Regierungspräsident
In Vinarnia:
Marschall Lepage
Oberst Grady trommelte mit den Fingern beider Hände auf der Platte seines aufgeräumten Schreibtisches, so heftig, dass die beiden drahtgeflochtenen Aktenkörbe rechts und links zitterten. Seine Leute nannten das »Trommelfeuer«, eine Vokabel, die vom ersten Weltkrieg übrig geblieben war. Es war Zeichen gespannter Nervosität, das wusste Leutnant Ritehand und griff zum dritten Mal in die Rocktaschen, um sich zu vergewissern, dass der Bleistift rechts, der Schreibblock links vorhanden seien. Sie waren da.
Jetzt schlug der Oberst mit der ganzen Fläche der linken Hand hart auf. »Aha«, dachte der Leutnant, »jetzt geht’s los.«
»Das Chefzimmer nebenan ist seit gestern früh leer«, sagte der Oberst.
»Ich weiß«, sagte Leutnant Ritehand und wusste sofort, dass er eine überflüssige Bemerkung gemacht habe.
»Der Neue wird um zwölf Uhr da sein, das ist in fünfzig Minuten.«
»Jetzt wird er sagen, wer der Neue ist«, dachte der Leutnant und irrte sich.
»Und jetzt hat sich für viertel nach elf Stander hier bei mir angesagt. Telefonisch, durch seine Sekretärin. Stander. Der Handelsminister. Mensch, machen Sie kein so dummes Gesicht! Ich weiß auch nicht, was ein Handelsminister hier will. Ich habe nie im Leben mit solchen Leuten ernsthaft gesprochen. Schreiben Sie alles mit. Ich werde ihm nötigenfalls sagen, das sei hier Befehl.«
Der Leutnant griff wieder in die Taschen und zog die Schreibsachen hervor.
»Noch ist er ja nicht da, oder ist er doch schon da?«, meinte Oberst Grady, denn eine Ordonnanz war eingetreten und stand jetzt neben der Tür. Der Oberst sah den Mann an.
»Herr Oswald Stander«, meldete die Ordonnanz.
Der Oberst sah immer noch den Mann an. »Sagen Sie mal, Tenner, womit putzen Sie eigentlich Ihre Knöpfe?«
»Mit Rennis Politur, Herr Oberst.«
»Dann machen die bei Rennis auch mehr Reclame, als ihre Sache wert ist. Lassen Sie Herrn Oswald Stander eintreten.« Der Oberst hatte sich erhoben. Der Leutnant, mit ein paar Schritten im Viertelbogen, stand nun etwas hinter ihm. Herr Oswald Stander, Staatsminister für Handel und Finanzwesen, trat ein. Oberst Grady ging ihm entgegen, die beiden Herren grüßten sich mit Händedruck, gleichsam wie alte Bekannte, stellten dabei an den Ringen fest, dass sie beide verheiratet seien, fragten nach dem beiderseitigen Wohlbefinden, ohne darauf die Antworten zu erwarten, dann nach dem Wohlbefinden der Frauen, um einander zu sagen, dass diese wohlauf seien, Leutnant Ritehand wurde vorgestellt, ohne Händedruck, er hatte auch, mit Bleistift und Schreibblock, die Hände gar nicht frei. Man setzte sich.
»Was kann ich für Sie tun?«, eröffnete der Oberst.
»Medias in res«, sagte der Minister. Ritehand wusste nicht genau, wie das geschrieben wird, und verwunderte sich innerlich, dass dieser Mann von der sogenannten Volkspartei Lateinisch könne.
»Medias in res. Ich breche den alten Brauch, dass hohe Ämter nebeneinander her arbeiten, ohne miteinander Fühlung zu nehmen, was sich manchmal als, äh, unpraktisch erwiesen hat. Hier bei Ihnen zieht heute ein neuer Chef ein. Sie wissen, was das zu bedeuten hat.«
»Der Dritte in vier Monaten«, versuchte der Oberst die Bedeutung des Umstandes abzuschwächen.
»Aber Sie wissen sicherlich, was es dieses Mal zu bedeuten hat. Ich weiß es auch«, sagte Stander mit einem Seitenblick auf den Leutnant.
»Mein Aide mémoire«, sagte der Oberst, »und folgt einem alten Dienstbefehl. Er ist ein Sohn von Herrn Thomas Ritehand von der Zementplatten-Gesellschaft.«
»Dann brauchen Sie, was ich jetzt sagen werde, Ihrem Herrn Vater nicht gerade heute schon weiterzuerzählen. Nun also, der Mann, der hier gleich einziehen wird, das ist, äh, der Mann. Der Mann.«
Der Oberst sah starr geradeaus, ein Loch in die Luft.
»Vielleicht«, fuhr der Minister fort, »befinden wir uns in einer Woche schon in einer völlig veränderten Lage. Ich meine, äh, im Krieg. Der neue Mann, äh …«
»Wird es gegebenenfalls verantworten.«
»Verantworten. Ja. Wem ist er verantwortlich? Hier niemandem. Geht’s schief, so geht’s schief für die Anderen. Wir Verantwortlichen kriegen einen anderen Posten und den nächstbesten Orden. Bliebe der liebe Gott. Lassen wir das. Es kommt also darauf an, von wo das Signal gegeben werden wird. Von hier oder von der anderen Seite des Ozeans. Vielleicht wird, äh, gar kein Signal gegeben werden. Zum Beispiel in Ihrem besonderen Falle, Herr Oberst. Vielleicht, äh, werden wir in einer Woche im Kriege sein, ohne dass die Nation, ich meine unsere Nation, davon etwas erfährt.«
»Sie meinen den Krieg gegen Cistransatia.«
»Eben den.«
»Mit der Atombombe Ur.«
»Nein. Mit der Atombombe C.L.F.«
»Was will dieser Mann«, dachte der Oberst, »wovon redet er? Blufft er? Wen und wozu? Soll ich ihn verhaften lassen?« Er blickte unverändert, starr, vor sich hin.
»Jetzt bin ich in meinem Rayon«, fuhr der Minister ruhig fort, der die heftige Anspannung beim Oberst wohl bemerkte. »Sie wissen sicherlich, dass eines meiner Hauptprobleme das sogenannte Währungsproblem ist. Das Problem ist, dass es gar keine Währung gibt, was alle Welt weiß, dass aber die ganze Welt so tut, als ob es eine gäbe. Nämlich die Goldwährung. Lachhaft, aber es ist so. Haben Sie ein goldenes Cigarettenetui? Ich habe eins.« Er zog es aus der Westentasche, hielt es mit Daumen und Zeigefinger. »Wollen Sie damit den Krieg finanzieren? Ich nicht. Den Krieg nicht. Und den Frieden auch nicht. Mit Cigarettenetuis. Aber lassen wir das. Nun, unsere Freunde in Nomandy, unsere sogenannten Freunde von der anderen Seite des Ozeans, haben zwar das Gold, aber sie wissen, dass es nichts wert ist. Und da wollen sie also gegebenenfalls die Währung umschalten, damit es doch wieder eine Währung sei.«
»Ja. Ich hörte davon.« Der Oberst hatte sich wieder beruhigt und meinte, etwas Freundliches bemerken zu sollen. »Ich verstehe gar nichts davon. Ehrlich gesagt, gar nichts. Währungsgrundlage Ur. Weil das die Herren, so sagten Sie, von der anderen Seite des Ozeans allein haben. Soviel verstehe ich am Ende doch. Ur. Inbegriff der Kraft.«
»Zunächst immer noch und nach all den Jahren der Zerstörung. Leider. Kein Vorwurf, bitte sehr, aber, und darum bin ich hier, ich weiß, äh, ich habe erfahren, äh, bitte fragen Sie mich nicht wie, es stimmt, ich stehe Ihnen dafür, also wenn da eine Umstellung kommt, mein Gott, warum nicht, Humbug, so oder so, also dann wird die Währungsgrundlage nicht Ur, sondern Clf.«
»Das heißt …«
»… für Sie, dass die Atombombe Ur überholt ist. Ramsch, für den Altwarenhandel. Das Ding heißt jetzt Atombombe Clf. Ja. So ist das. Clf.«
»Aber um Himmelswillen, was ist das, Clf?«
»Wenn ich das wüsste, Oberst Grady, bei Gott, an den ich nicht glaube, nicht sehr, aber einerlei, Sie würden es erfahren, gleich und sofort. Aber ich weiß es nicht. Clf. Ich habe keine Ahnung. Clf.«
»Und wissen Sie vielleicht, wie sich Clf zu Ur verhält? Ich meine, soweit es mein Departement angeht?«
»Keine Ahnung. Zehnfach. Hundertfach, Tausendfach. Keine Idee.«
»Wir haben die Ur.«
»Haben Sie die?«
»Meine Arbeit hier geht von der Voraussetzung aus, dass wir sie haben.«
»Ja. Und darum meinte ich, Ihnen meinen Bericht auf schnellstem Wege zu schulden. Entschuldigen Sie, wenn ich alte Dienstgebräuche übergangen habe. Aber ich glaube, wenn jetzt der neue Chef kommt, werden Sie ihm zuerst und vor allem diesen teuflischen Salat servieren müssen.«
»Darf ich fragen, Herr Minister, warum Sie das nicht selbst tun wollen?«
Stander lächelte. »Ich bin nie im Leben Soldat gewesen. Ich hinke da etwas, mit dem linken Bein. Sie haben es gar nicht bemerkt? Ist auch nicht viel daran. Aber die Ärzte damals refüsierten mich. Ja. Ein Minister von der Volkspartei und hinkt auf dem linken Bein. Phantasie hat die Wirklichkeit, nicht wahr? Na, so dachte ich, so weit das Dienstreglement doch nicht durchbrechen zu sollen. Besser so, Oberst Grady. Für mich. Sie haben da nun freilich, äh, naja. Aber das ist nicht meine Schuld.« Stander war aufgestanden. Auch die Offiziere erhoben sich.
»Herr Minister, Sie haben uns jedenfalls einen sehr großen Dienst erwiesen.«
»Weiß ich, Oberst Grady. Weiß ich. Und wenn ich draußen bin, werden Sie sagen, und mit Recht, dass mich der Teufel holen soll.«
»Aber Herr Minister.«
»Nein, bitte tun Sie das auch nicht. Denn an den Teufel, wissen Sie, an den Teufel glaube ich.«
Der Oberst geleitete den Minister zur Tür.
»Wie viel ist die Uhr?«, fragte Oberst Grady, als der Minister gegangen war.
»Zehn Minuten vor zwölf.«
Dann war Stillschweigen. Erst ging der Oberst auf und ab. Dann setzte er sich an den Schreibtisch. »Trommelfeuerte« einige Minuten lang. Dann wurde es ganz still im Raum.
»Der große Pan schläft«, dachte der Leutnant in die Stille hinein. »Pan schläft.« Er hatte das einmal gehört oder gelesen. Vor geraumer Weile, als noch die privilegierte Schule war oder so.
Genau um zwölf Uhr trat der neue Chef ein. Beide Offiziere waren aufgesprungen.
Draußen vor dem Raum, auf dem Gang der dicken, roten Teppichläufe stand Tenner. Von rechts und links, den Gang hinauf, kamen je zwei Militärs, mit vielen Ordensbändern auf der linken Brust, auf ihn zu.
»Tenner, wer ist da eben hineingegangen?«
»Harry.«
»Wer?«
»General Harkensee.«
»Der Kirchengänger!«
»Dann sei Gott uns gnädig.«
Die Wände des weiten Raumes waren ganz mit grünen Kacheln ausgelegt. Nicht in einheitlicher Farbe, manche Felder gingen ins Orangefarbene und Gelbliche, andere dunkelten in Blaues und sogar Purpurviolettes hinüber. Es bleibt dahingestellt, ob Absicht des Architekten da vorgelegen, oder Unzulänglichkeit der Kachelfabrik das Farbenspiel veranlasst hatte, aber der vorherrschende Grundton gab dem Raum mit Recht den Namen des »Grünen Saals«, der sicherlich im Winter, wenn der gewaltige, von grünblauen Steinen mit mancherlei Goldäderung eingefasste Kamin angeheizt war, eine gute Wärme gab und jetzt im Sommer erfrischend kühl war. Um den großen, mit grasgrünem Filz überspannten, rechteckigen Tisch in der Mitte versammelten sich eine Anzahl Männer, wohl ein Dutzend, und warteten auf den Dreizehnten, denn dreizehn Stühle standen um den Tisch, sechs an jeder Längsseite und einer an der oberen Schmalseite. Abergläubische Furcht vor der ominösen Tischgesellschaft der »Dreizehn« schien es hier nicht zu geben.
Obwohl ein wunderschöner Sommertag zur Neige ging, eine gewaltige, tiefstehende Sonne strahlte durch die breiten Fenster und blinkte spiegelnd in hundert Kachelfeldern, sprach niemand vom Wetter. Drei oder vier Gruppen hatten sich gebildet, doch kam in keiner eine eigentliche Unterhaltung auf. Es blieb in Fragen und Antworten.
»Wird die Parteilinie wieder einmal abgeändert werden?«, fragte einer, dem ein schwarzgeränderter, uralter Kneifer etwas schief saß.
»Parteilinie! Parteilinie! Brauch’ doch nicht immer so vermottete Begriffe«, gab sein Nebenmann zurück, ein Riese mit rotem Haar, der feine, weiße, frauenhafte Hände hatte und sie vielleicht darum, so auch jetzt, in die Taschen des zugeknöpften Rocks steckte.
»Soll ich es etwa Weltanschauung nennen, wo uns zur Welt noch allerhand fehlt?«
»Seid ihr schon wieder beim Wortespalten, ihr ewigen Silbenstecher!«, versuchte ein dritter, etwas untersetzter Mann abzulenken, der immer sehr bedächtig, fast leise zu sprechen pflegte, um sich auf diese ausgeprobte Weise sicheres Gehör zu verschaffen. »Vielleicht macht er wirklich einen Abänderungsvorschlag, wegen der Chinesen.«
»Die Chinesen, o diese Chinesen«, murrte Schirmer, der rothaarige Riese. »Fangen an mit einem Elan wie ein Wetterschlag und dann zog es sich hin und zieht sich hin, in das sechste Jahr schon. Der Geist vom Chiang Kai-Schek geht um und um. Ich wollte, diese ganzen Chinesen hätten nur einen Kopf …«
»Um ihn abzuhauen, du hitlerischer Massenmörder!«
»Nein, um ihn zurechtzusetzen. Aber fünfhundert Millionen Chinesen. Ich kann schon nicht mehr schlafen, wegen dieser Chinesen.«
»Ich höre immer Chinesen«, trat einer hinzu, der eben angekommen war, »o meine väterlichen Freunde, ich habe da den Schriftsatz jetzt fertig, für die chinesische Fibel. In zehn verschiedenen Dialekten. Wunderbar. Ich sage euch: wunderbar. Ich habe dabei versucht, wenigstens etwas Chinesisch zu lernen. Umsonst. Werde immer stupider. Aber wunderbar, diese Fibeln. So hübsch. So hübsch. Manchmal weiß ich nicht, was hübscher ist, die Bilder oder die Schriften. Und jetzt wird gedruckt. Gedruckt, meine väterlichen Freunde. Zehn Millionen chinesischer Fibeln, im ersten Anlauf. Und dann weiter. Immer weiter. Hundert Millionen Fibeln, wenn das Papier reichen wird. Noch eine Generation und kein Chinese mehr, der nicht lesen und schreiben kann.«
»Vorausgesetzt, dass …«
»Vorausgesetzt was?«
»Nun, ich dachte nur an das Papier und so.«
»Ja, das Papier.«
»Und so!«
»Wie viel Uhren?«, hörte man in einer anderen Gruppe.
»Nun eben zwei. Die kleine Armbanduhr und die große Taschenuhr.«
»Wo unsere Leute endlich etwas mehr Abwechslung brauchen.«
»Kriegen sie, kriegen sie ja. Zwanzig verschiedene Gehäuse oder fünfzig. Spielt ja keine Rolle. Runde, viereckige, sechseckige, achteckige. In allen Farben. Weißer Stahl, gelber Stahl, roter Stahl, blauer Stahl. Kristallgehäuse, aus ich weiß nicht was. In allen Farben des Regenbogens. Wenn Sie wollen, können Sie das Werk innen arbeiten sehen. Und präzise, das ist die Hauptsache. Mögliche Abweichung eine Zehntelsekunde in zehn Tagen. Und das Beste, läuft ein halbes Jahr. Genau 190 Tage. Sie brauchen ihre Uhr nur zweimal im Jahr aufzuziehen. Mankiewicz, wo ist Mankiewicz? Da ist er. Mankiewicz, du musst in Zukunft, am, sagen wir mal am ersten Mai und am ersten November auf deinem Radio ansagen lassen: Vergessen Sie nicht, Ihre Uhr aufzuziehen. Noch ein, zwei Jahre, Mankiewicz, dann ist es soweit. Aber ich sage es dir schon heute. Also denk daran!«
»Wie wird denn deine Produktion sein? Ich meine, in Wirklichkeit. Nicht auf dem Plan?«, fragte der behäbige Mankiewicz.
»Das ist eben das Problem. Die Uhren sind kein Problem. Wir können so viele machen, wie wir wollen. Seit wir die Präzisionsstanze haben. Schneidet durch den Hartstahl wie ein Rasiermesser durch Butter. Wenn wir täglich sechs Stunden arbeiten, hat in zwei Jahren oder so jeder eine neue Uhr. Also werden wir dann nur fünf Stunden arbeiten, oder nur vier. Das ist eben das Problem. Die viele freie Zeit.«
»Nun, das Ministerium für Volkserziehung …«, setzte Mankiewicz an, er wurde aber gleich unterbrochen.
»Volkserziehung! Wenn ich das schon höre. Meine Leute brauchen nicht erzogen zu werden. Nein. Und das wollen sie auch gar nicht. Und Tennisspielen wollen sie auch nicht immer. Und dann tifteln sie. Und dann erfinden sie was. Und die Erfindungen sind sogar gut und sie wachsen einem über den Kopf. Je weniger wir arbeiten, umso mehr Uhren. Und das ist so mit meiner ganzen Feinmechanik. Ob das nun Uhren sind oder Barometer, Küchenwaagen oder Apothekerwaagen oder Patentschlösser. Und das eben ist das Problem. Die Menschen sind zu gescheit, Mankiewicz. Mankiewicz!«
Aber der war nicht mehr da. Er stand mit einem langen, hageren Mann in den besten Jahren, und der noch jünger aussah als er wirklich war, in einer oberen Ecke des grünen Saals.
»Wie weit bist du, Hestermann, mit deiner toten Stadt?«
»Bist du verrückt geworden, davon so einfach zu reden?« Mankiewicz zeigte mit dem Daumen über die Schulter in den Saal. »Aber die wissen doch alle darum!«
»Aber reden nie darüber.«
»Warum hat der Alte das eigentlich so, ich meine soo verboten?«
»Frag ihn.«
»Ich werde mich hüten. Lässt uns übrigens mal wieder hübsch warten, der Alte. Also wie weit, Hestermann?«
»Fertig sozusagen. Ja. Praktisch fertig.« Und Hestermann legte den Zeigefinger der linken Hand über den Mund.
»Donnerwetter!«
Hestermann zuckte nur mit den Achseln.
»Sag mal Hestermann, kann man das Ding nicht mal zu sehen kriegen?«
»Wünsch dir was du willst, aber doch das nicht.«
»Nein, ich meine, nur mal so ansehen.«
»Frag den Alten.«
»Ich werde mich hüten.«
»Als ich damals in Holland Glas schleifen lernte«, erzählte ein Alter mit gepflegtem weißen Vollbart, »habe ich eine kleine Tintenflasche erfunden mit schrägem Boden. Das hatte den Vorteil, dass man mit dem Halter auch den letzten Tropfen Tinte herausholen konnte. Ich offerierte das Ding der größten Tintenfabrik. Großartig, sagten sie, aber haben wollen wir sie nicht. Warum nicht? Das ist doch eben unser Verdienst, dass die Leute die Tinte nicht aufbrauchen, sondern ein Achtel bis ein Siebentel wegschmeißen, weil sie zu bequem sind, die Flasche schräg zu halten. Davon leben wir doch. Ja, so ist das, denn unter dem kapitalistischen System ist die Tinte nicht zum Schreiben da, sondern zum Profit. Ich versuche jetzt, das in Verse zu bringen, in Chansonform. Hört zu.« Und er versuchte zu singen:
»Denn wozu ist der Weizen?
Zum Profit und zum Heizen.«
Seine Zuhörer brachen in Lachen aus.
»Was gibt’s da so Lustiges?«, fragte Mankiewicz, der schnell hinzutrat.
»Bredow erklärt uns die Grundlage des kapitalistischen Systems.«
Hestermann stand immer noch in seiner Ecke. Der große Rothaarige trat zu ihm. »Wie die kleinen Kinder«, sagte er und wies auf die lachende Gruppe. »Wie kleine Kinder, ja, so sind wir eben. Ich war jetzt im Süden. Inspektionsreise, wegen des Gemüseanbaus und so. Unsere Bauern da, harte, tüchtige Arbeiter, obwohl das Land ein reines Paradies ist. Harte Arbeiter, aber wie die Kinder. Du müsstest so einen Farmer singen hören, hoch oben auf dem Traktor, wenn er über ein Brachfeld rattert, dass einem vom Zusehen die Knochen wehtun. Und singt, wie ein großes Kind.«
»Hast du die Glasplantage gesehen?«
»Deswegen war ich doch da. Also Hestermann, das muss man gesehen haben. Drei, vier Gemüseernten im Jahr. Immer hintereinander weg.«
»Und die Glashäuser?«
»Ja, eben die Glashäuser. Also da kommt so eine Riesenrolle an. Sieht aus wie ein Papierballen, der zur Zeitung kommt. Dann ist da kein Papier, sondern Glasgewebe. So kilometerlang. Wie ein Zeitungsballen. Und dreht sich so ab. Wie Papier in die Rotationsmaschine. Durchsichtig, wie Wasser. Und unzerreißbar. Und bricht nicht. Und einen Nagel können Sie glatt durchklopfen.«
»Ich weiß. Und weiter?«
»Wenn erst ein Boden reguliert ist, ist der Rest Spielerei. Eisengestell drauf und das Glaspapier drüberweg mit ein paar Schraubenmuttern festgedreht. Alles vorgelocht. Eh du bis zehn zählst, ist so ein Glaskasten für hundert Tomatenpflanzen fertig.«
»Wie die Kinder. Vielleicht muss man doch bis zwanzig zählen.«
»Meinetwegen. Aber das geht. Was hast du, was kannst du. Und diese Plantagen, meilenweit. Alles unter Glas. Wird’s kalt, drückt man auf den Knopf und die elektrische Heizung ist da.«
»Ist die Heizungsanlage auch in den zehn Sekunden oder so mit drin?«
»Zieh mich nicht auf, Hestermann, du weißt schon wie ich es meine. Hestermann, meinst du, dass man die ganze Ernte unter Glas bringen kann? Ich meine einfach alles. Weizen, Roggen, Gerste, Mais. Einfach alles, Hestermann. Jedes Jahr zwei Riesenernten. Was meinst du?«
»Vielleicht. Warum eigentlich nicht? Ich weiß nicht. Ich habe da leider in letzten Jahren mich so gar nicht kümmern können.«
In dem Augenblick trat der Dreizehnte in den Saal. Ein mittelgroßer Mann in grauer Uniform, der Militärrock etwas zu weit, ohne irgendwelche Rangabzeichen, kurzes, weißgraues Haar und ein weißgraues Gesicht, wie aus Zement geformt. Eine graue Erscheinung, aus der heraus ein Paar dunkler Augen brannten.
(Man erzählte die Anekdote, eine der ganz wenigen Anekdoten, die es um ihn gab, dass ein bekannter Maler ihn habe porträtieren wollen und es dann aufgab. Gefragt warum, sagte der Maler: Sein Gesicht erscheint so steinern, scheint, denn alles sind die Augen. Und die kann ich nicht malen. Seine Augen versengen mir die ganze Farbe.)
»Ich habe euch warten lassen, das hat einen ernsten Grund. Ihr werdet ihn gleich erfahren. Sind wir beisammen?«
»Lyonel habe ich nicht gesehen«, sagte Mankiewicz.
»Lyonel, ist er krank?«, fragte einer.
»Das würde ihn doch nicht abgehalten haben«, sagte ein anderer. »Er muss tot sein.«
»Schlechter Witz«, sagte Mankiewicz.
»Kamerad Lyonel ist unerreichbar«, sagte der Graue. »Als wir ihn anriefen, erhielten wir Bescheid, er habe sich in seinem Laboratorium eingeschlossen und kann nicht gestört werden.«
»Aber in diesem Fall?«
»Kann nicht gestört werden. Er hat sogar das Telefon abgestellt. Hat den Verkehr mit der Umwelt abgebrochen.«
»Ist er allein?«
»Nein, es ist jemand mit ihm.«
»Wer?«
»Unbekannt. Also, Kameraden, setzen wir uns.«
Sie setzen sich um den großen Tisch. Ein Stuhl blieb frei. Der Dreizehnte, der nun der Zwölfte war, saß an der Schmalseite.
»Schade«, sagte Professor Lyonel zu dem Mann, der ihm gegenüber in einem Ledersessel saß – der Professor selbst saß rittlings auf einem gewöhnlichen Holzstuhl und hielt mit beiden Händen die Lehne –, »schade, dass wir hier nicht rauchen können. Mein Laboratorium, oder wenigstens dieser Winkel, ist ganz bequem eingerichtet, nicht wahr? Aber rauchen geht nicht. Na, also noch ein Glas Kornschnaps, mein Lieber.«
»Danke, Professor, ich möchte lieber nicht.«
»Eins und eins sind zwei. Und dann sei es genug. Sie werden es nötig haben, mein lieber Romanus.«
Er griff mit der Linken über die Stuhllehne, erfasste die Flasche und schenkte zwei Glasbecher voll, die auf der viereckigen Milchglasscheibe des Tisches standen.
»Im Grunde, Romanus, ist dieser Schnaps nichts anderes als Brotessenz und wer weiß, wann ich Sie herauslasse und Sie wieder etwas zu essen bekommen werden. Sagen Sie, Romanus, wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Namen gekommen?«
»Wieso, Professor, ich hieß immer so. Mein Vater, auch mein Großvater, immer Romanus. Drüber hinaus reicht meine Familienchronik nicht.«
»Gut, Romanus, freut mich. Ich habe da mal in Paris einen Mann kennengelernt, der war Schriftsteller oder so was, er machte damals auch in Völkerverständigung und ewigem Frieden und so was, ich weiß nicht, wie er eigentlich hieß, er nannte sich Julius Römer. Verstehen Sie, Julius der Römer. Gajus Julius Römer und hatte Angst vor der eigenen Konsequenz. Ja, also ich bin froh, dass Sie wirklich heißen, wie Sie heißen.«
Es gab eine kleine Pause, in die Romanus hinein fragte, »Ja, Professor, werden Sie mir jetzt sagen, warum ich hier sein darf?«
»Gemach, Romanus. Ich habe vielleicht mehr Eile als Sie, Romanus. Aber gemach. Vielleicht auch werden wir zwei in Kurzem die gleiche Eile haben. Ja, Romanus. Jetzt werde ich Ihnen was erzählen. Aber Romanus, ganz unter uns. Kein anderer darf davon erfahren. Sie und ich, Romanus, der Dritte wäre: der Tod! Und darauf wollen wir jetzt Brüderschaft trinken. Romanus und Lyonel. Lyonel und Romanus. Du und du. Der dritte ist: der Tod.«
Wieder eine Pause. Ganz still. Beide Männer ergriffen die Glasbecher, tranken einen tüchtigen Schluck. Stellten die Becher wieder hin, das gab einen kurzen, klickenden Ton. Der Professor zog Luft durch die Nase ein, wie ein Sänger, der zu einem großen Ton ansetzt.
»Was wir hier in diesem Laboratorium machen, meinst du zu wissen, Romanus. Du meinst, wir machen hier Experimental-Versuche – schlechtes Wort, aber einerlei – zur Herstellung oder zur Verbesserung von Atombomben. Stimmt. Haben wir hier gemacht. Aber alles, was darüber hier oder im Ausland an die sogenannte Öffentlichkeit kam, ist Humbug. Verstehst du, Romanus, alles Humbug. Zwecks Irreleitung der Ansicht. Haben wir Atombomben und was für welche? Oder nicht? Darüber zerbricht die Welt sich den Kopf. Wir haben nichts, Romanus. Nicht Bombe A und nicht Bombe B und nicht Ur. Fiasco, Romanus, Fiasco. Ich könnte dir sechs Stunden lang erzählen, warum wir selbst manchmal gemeint hatten, nun hätten wir es, und warum es jedes Mal wieder nichts war. Einerlei. Es war nichts. Fiasco. Die anderen haben nun mal den Vorsprung gehabt. Und, hol mich der Teufel, noch irgend was, was nicht nur Vorsprung ist. Hol mich der Teufel. Als mich der Teufel nicht holte, was hätte ich tun sollen? Mich aufhängen, Romanus! Ich habe mich nicht aufgehängt. Ich sage dir, Romanus, es hat Mut dazu gehört, sich in meiner Lage nicht aufzuhängen. Trink noch einen Schluck, Romanus, Junge, du bist gelblich geworden. Siehst du, Romanus, was habe ich dir gesagt? Wirst es nötig haben. Na also. Irgendwie muss man mit der Situation fertig werden. Habe ich mir auch gesagt, Lyonel, alter Scheißkerl, habe ich gesagt, jawohl. Früher hätte ich nicht geduldet, dass ein Mensch mich derartig beschimpft. Aber jetzt hat jeder unserer Staatsbürger das Recht, mich einen Scheißkerl zu nennen. Ja, alter Scheißkerl, habe ich mir gesagt, jetzt musst du das Pferd also von hinten aufzuzäumen versuchen. Jetzt musst du von der anderen Seite her an die Atombombe ran. Meine einzige Möglichkeit, wenn ich mich nicht wirklich aufhängen soll.
Ich könnte mir da eine Ideologie zurechtlegen. Ich könnte sagen: Unsere Nation ist keine aggressive Nation. Wir müssen gar nicht Angriff und Gewalt mit größerer Gewalt und heftigerem Angriff zuvorkommen. Aber das war nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe war: Angriff. Und ich habe meine Aufgabe nicht gelöst. Ich bin in die Verteidigung gedrängt worden. Gedrängt worden, Romanus. Durch wen? Durch meine eigene Unfähigkeit. Versager, Romanus. Von all den Männern um unseren Alten bin ich der einzige Versager.
Nicht dass wir die Versuche eingestellt hätten. Im Gegenteil. Das geht weiter. Siehst du da hinten die gelbe Wand? Das ist eine Eisenbetontür. Durch die kommt man in einen Garten. Das heißt, der Garten ist nur obenauf. Das ist ein großer Betonhof. In der Mitte des Gartens ist eine Wasserkunst. Oben ein Springbrunnen und Kaskaden ringsum. Das ist keine Wasserkunst, oder soll wenigstens keine sein. Das steht auf einem ungeheuren Zementklotz. In dem Zementklotz ist ein Laboratorium. Darin arbeiten zwei Männer. Ich darf dir nicht sagen, wie sie heißen. Aber vielleicht haben sie mehr Glück als ich. Hinten im Garten, der keiner ist, steht ein Bungalow. Da wohnen die beiden Männer. Kommen nie heraus. Hausen da wie im Kloster. Du weißt doch, was ein Kloster ist? Wann sie herauskommen werden? Wenn sie die Aufgabe gelöst haben werden, oder, wie ich, daran verzweifelt sind.
Ja. Wo war ich stehengeblieben? Bei dem Scheißkerl Lyonel, der sich eine Ideologie zurechtmacht. Angriff ist die beste Verteidigung, hat einmal ein Preußengeneral die preußische Weltanschauung in einem Satz zusammengefasst. Das Resultat war hundsmiserabel. Ich bin kein Philosoph, Romanus, aber vielleicht war diese preußische Weltanschauung oder was es war von Anfang an faul. Nicht wahr, ganz gut mache ich mir da meine Ausrede zurecht. Nun drehe ich das Ding um, jetzt stelle ich den Preußen auf den Kopf. Und wenn auf den Kopf stellen heißen kann, auf ratio stellen, auf Vernunft, so stelle ich also meine Sache auf die Vernunft und postuliere: Verteidigung ist der beste Angriff. – Sei dem, wie dem sei. Das Postulat ist eines wie andere auch. Und einstweilen hat es mir das Leben gerettet: Verteidigung ist der beste Angriff.
Aber wie, Romanus, wie? Aber wie verteidigt man sich gegen Atombombe A und Atombombe B und Atombombe Ur und Atombombe C.l.f.?«
Der Professor machte eine Pause. Zog wieder Atem ein, wie ein Opernsänger vor dem Bravourton. In die Pause hinein fragte Romanus: »Was ist die Atombombe C.l.f.?«
»Gut gefragt, Romanus, ich sehe, du bist auf dem Laufenden. Ich weiß nicht, was das ist. Ich weiß nur, dass es das gibt. Seit gestern weiß ich das. Die drüben haben sie.
Der Vorsprung, Romanus. Der Vorsprung. Den holen wir zunächst nicht ein. Und da ist es schon ganz egal, ob A oder B, ob Ur oder Clf oder XYZ. Verteidigung, Romanus, Verteidigung ist der beste Angriff.
Dieses, Romanus, habe ich dir sagen müssen, damit du Bescheid weißt über die Situation. Damit ich nun zu dem kommen kann, was ich von dir will.
Die Verteidigung nämlich. Die Verteidigung. Du musst mir helfen.«
»Ich bin doch ein Chemiker, Professor, und ein ganz spezialisierter, das wissen Sie doch, entschuldige, das weißt du ja. Ich verstehe etwas von Gas. Das heißt von ganz bestimmten Gasen, nicht mal von sogenannten Giftgasen. Von bestimmten Gasen verstehe ich was. Aber von solchen Dingen …?«
»Wird sich erweisen, Romanus. Nämlich ob du wirklich was von deinen Gasen verstehst. Wird sich erweisen. Kneif nicht, ehe es angefangen hat.
Also im Anfang des vorigen Krieges machten die Engländer die Ballon-Barrage. Erinnerst du?«
»Ich habe das damals mal gesehen. Ja. Lauter fliegende Elefantenküken. War ganz unzulänglich.«
»Ja. Die Ausführung war dilettantisch. Aber die Idee war gut. Der ursprüngliche Plan hatte das um die ganze Insel herum vorgesehen, ich denke, so die ganze Küste entlang. Aber zu spät begonnen und auch dann nur mit halbem Herzen. Zeitalter des appeasement und so. München und so. Erinnerst du dich?«
»Ja. Das klingt heute wie Legende und war einmal Wirklichkeit. Wenn ein Romanschreiber sich sowas ausdächte, man würde ihn einen verrückten Einfaltspinsel nennen.«
»Einerlei. Aber die Idee war gut. Ich meine die Ballon-Barrage.«
»Professor, du willst doch nicht etwa? Ballon-Barrage gegen Atombomben? Aber das ist doch heller Wahnsinn!«
»Ja. Heller Wahnsinn. Eben das will ich. Wahnsinn gegen Wahnsinn. Nicht gerade, wie sagtest du, fliegende Elefantenküken. Aber Barrage. Rund um das ganze Land. Barrage, wo keine Maus durchkommt und kein Atomgefliege.«
»Aber darüber weg!«
»Eine Barrage, bis an die Sterne hoch. Oder, um bei der Sache zu bleiben, bis in die Stratosphäre hinein.«
»Solche Ballons – solche Ballons – die das Netzwerk halten – nicht mal Helium – nicht mal Transhelium, wenn ich es hätte – solche Ballons kann ich nicht machen.«
»Wer redet von Ballons?«
»Professor, du sagtest doch …«
»Barrage, sagte ich. Barrage!«
»Erkläre mir.«
»Nun wirst du vernünftig. Nun, wo vom Wahnsinn die Rede ist, wirst du vernünftig. Eine Gasbarrage. Romanus. Eine brennende Gasbarrage. Eine bis in die hohe Stratosphäre brennende Gasbarrage. Gehst du manchmal in die Oper? Kennst du Wagners Walküre? Sowas werde ich machen. Ohne Musik. Nicht nur um einen Berg herum, um das ganze Land. Eine Wand von Gasfeuer. Ohne Musik. Der Richard Wagner war ein Stümper, mitsamt seinem Wotan, dem Gott. Die Götter sind Stümper. Mit und ohne Musik. Die Feuerwand muss ich haben.«
Lyonel hielt die Stuhllehne umklammert, dass man die Knöchel der Handrücken weiß durch die Haut schimmern sah.
Jetzt ergriff Romanus den halbgeleerten Becher des Professors und reichte ihm ihn hin. Nahm dann selbst ein Glas. Beide Männer tranken ihre Gläser in einem Zug leer. Romanus stellte seines auf den Tisch zurück. Lyonel hielt seines in der Hand, wiegend, als ob er das Gewicht prüfen wolle, und warf es dann mit solcher Gewalt durch das ganze Laboratorium, dass es hinten, an der gelben Wand, zersplitterte.
»Ich komme nicht hoch genug. Romanus. Verstehst du. Ich komme nicht hoch genug.«
»Wie – hoch – kommst du?«
»Zweitausend Meter hoch. Vielleicht zweitausendvierhundert.«
»Solange sie die Atombombe von Fliegern abwerfen lassen müssen …«
»Müssen sie? Und wenn sie mit Raketen schießen? Mit Langrohrgeschützen? Was weiß ich. Was ist Clf? Ich muss höher. Ich muss viel höher. Ein Risiko wird am Schluss immer bleiben. Auch das Unwahrscheinliche von heute kann Erreichnis von morgen sein. Aber der Wahrscheinlichkeitsfaktor, Romanus, mit dem muss ich doch rechnen.«
»Wie hoch musst du?«
»Zehntausend Meter.«
»Zehntausend!« Romanus seufzte, dann war eine Pause, dann schlug sich Romanus mit der flachen Hand mehrfach vor die Stirn, sagte wieder »Zehntausend!« und seufzte nochmals.
»Seufz nur, Romanus, mit jedem Seufzer nimmst du mir einen Stein vom Herzen.«
»Wieso?«
»So seufzt man doch nur, wenn man eine Möglichkeit ahnt. Schwer, Romanus, wie? Schwer. Aber doch möglich, wie? Sag, Romanus.«
»Das ist ja total verrückt. Wie willst du das Gas überhaupt abblasen, die unendlichen Grenzen entlang?«
»Das lass nur meine Sorge sein … oder gut. Schön. Also hast du von Schirmers Glasplantagen gehört?«
»Ja. Natürlich. Treibhäuser. Er soll im Süden die ganze Gemüsezucht unter Treibhäuser gesetzt haben.«
»Ja, und sonst?«
»Sonst nicht viel. Er soll noch eine ganze Menge Versuchstreibhäuser gebaut haben. So an den Grenzen. Man sagt für die Fremden. Dass sie was sehen, gleich, wenn sie die Grenzen passieren. Die Fremden sagen Potemkinsche Dörfer und lachen.«
»Gut so. Sollen sie lachen. Potemkinsche Dörfer ist gut. Ich habe seinerzeit Schirmer geraten, das Wort von den Potemkinschen Dörfern unter die Leute bringen zu lassen. Die Potemkinschen Dörfer gehen die ganzen Grenzen entlang, Romanus, die ganzen Grenzen. Jedes Glashaus hat eine elektrische Heizanlage. Und in die Heizanlage eingebaut ein Röhrensystem. Und darunter einen Betonkeller. Und da werden wir Gas abblasen. Die ganzen Potemkinschen Dörfer entlang.«
»Könnte man da Gas abblasen, in mehreren Staffeln?«
»In zwei. An vielen Stellen in vier.«
»Zwei ist unzulänglich. Vier ist gut.«
Wieder war Stillschweigen und wieder seufzte Romanus. »Ich komme nicht so hoch.«
»Wie hoch kommst du?«
»An den viergestaffelten Strecken hoch genug. An den zweigestaffelten nicht hoch genug. Wovon sind mehr?«
»Meistens zweigestaffelt.«
»Das ist der Haken.«
»Also wie hoch?«
»Ich weiß nicht. Das kommt drauf an.«
Wieder war eine Pause. Romanus schlug sich wieder mit der Hand vor den Kopf. Die Pause dehnte sich. Romanus zog ein zerknittertes Blatt Papier aus der Tasche und einen kurzen Bleistiftstummel. Was er dann auf das Papier schrieb, waren nichts als Spiralen.
»Ich weiß nicht, was du für Gas hast«, begann er wieder, »aber du sagst, es brennt 2400 hoch.«
»2000 bis 2400.«
»Also 2400. Wenn ich nun sage, dass meines etwa viertausend brennt, so macht das 6400. Wo eine dritte Staffel möglich ist, nochmal viertausend, macht zehntausendvierhundert.«
»Aber dein Gas muss doch auch vom Erdboden abgeblasen werden.«
»Und entzündet, zweite Staffel, wo deins aufhört. Und entzündet in dritter Staffel, wo die zweite abgebrannt ist. Vierundzwanzig und vierzig sind vierundsechzig und vierzig sind hundertvier.«
»Und wenn ich nun Columbus wäre, anstatt einfach Lyonel, dann würde ich sagen, wir lassen einfach mein Gas weg und fangen mit deinem an. Und dann sind vierzig plus vierzig achtzig. Mein ich.«
»Meinst du auch, dass ich genug Gas habe?«
»Wie viel hast du?«
»Eine Menge. Sehr viel. Aber zu dem Zweck? Bei dem Verbrauch? Da war vor ein paar Jahren, sechs Jahre sind das jetzt, da war die Erdölexplosion von Baklam-Krasnie. Eine Gegend, wo es nie Öl gegeben hatte. War auf einmal aus der Erde gebrochen, eine Fontäne, himmelhoch, hatte sich entzündet und brannte wochenlang, wie die Feuersäule des Moses. Erinnerst du?«
»Dunkel.«
»Nein, verdammt hell.«
»Man fuhr damals hin, um die brennende Fontäne zu sehen. So eine Art Ausflugsort.«
»Es brauchte Wochen, um abzudrosseln. Ich war auch als so ein Neugieriger hingefahren. Dann fiel mir auf, so brennt keine Petroleumfontäne. So brennt kein Rohöl, nicht mal raffiniertes brennt so. Da brennt Gas mit.«
»Natürlich war Gasdruck dahinter. Erdgas.«
»Aber was für eines, Professor. Ich ließ mich damals nach Baklam-Krasnie versetzen und untersuchte das. Ja, das hat alles in allem über drei Jahre gedauert. Aber das Gas dann. Ich habe es nämlich über Kältefilter nehmen müssen. Und die Kältefilter waren nicht ausreichend. Und da haben wir dann eine Kälte erreicht, da reichten meine Messapparate nicht mehr aus und das war auch nicht genug. Dann kamen wir auf eine Kälte, die war ausreichend. Aber das hielten die Behälter nicht aus. Die stärksten Stahlflaschen sind einfach gerissen. Bis dann der zweite Hartstahl gemacht wurde und die neue Stahlstanze erfunden war, und jetzt schneiden sie die Stahlflasche direkt aus dem Block und seit über zwei Jahren ziehen wir das Gas auf Flaschen.«
»Wie heißt das Gas?«
»Hat gar keinen Namen. Wir nennen es Peter. Da war im Anfang ein Hund, der hieß Peter und der ist an dem Gas krepiert, da haben wir es so genannt. Ich wollte mich mit den Spektralanalytikern in Verbindung setzen, ob die etwas wissen. Vielleicht hat man in der Sonne oder wo das gleiche Gas festgestellt und es hat irgendeinen großartigen Namen. Aber dazu kam es dann immer nicht und so blieb es bei Peter.«
»Nun sag mal, Romanus, wieso habe ich bis heute nichts davon gewusst? Wieso hast du uns das nicht längst mitgeteilt?«
»Habe ich ja. Aber wer hat sich denn gekümmert? Ich gehöre doch nicht zum Apparat. Wenn man nicht zum Apparat gehört, dann ist das nicht so einfach. Entschuldige schon. Ich habe auch zweimal direkt an den ›Alten‹ geschrieben. Ich weiß nicht, ob er das je bekommen hat, ich erhielt jeweils nie eine Antwort.«
»Die verdammte Bürokratie. Also wo waren wir stehengeblieben? Bei dem Gas, ja. Wo denn sonst? Und das kannst du so einfach abblasen auf Fernzündung?«
»Auf Fernzündung.«
»Ohne dass es vorher verfliegt? Mensch. 2400 m hoch. Bedenkst du das?«
»Das, das habe ich bedacht. 2400, 4000, 6400«, sagte Romanus und starrte auf sein Schreibblatt, als ob er aus den gekritzelten Spiralen etwas herauslesen könne.
»Romanus«, sagte der Professor und seine Stimme klang ganz tief, »wenn du kein Phantast bist, dann bist du ein großer Mann.« Er sah auf den Tisch. »Ach so. Ja. Habe ich vorhin zerschlagen. Ganz zwecklos. Müssen wir uns mit einem Becher weiterbehelfen.« Er schenkte das leere Glas voll. »Aber ich kriege den ersten Schluck, ich hab’s nötig.«
»Wo liegt eigentlich dein Peter?«, fragte der Professor dann.
»Der Schinder hat ihn damals abgeholt.«
»Ich meinte doch das Gas. Peter, das Gas.«
»Ja. So. Natürlich. Alles bei Baklam-Krasnie. Das ist eine Gegend, alles Kreidegrund. Wie kommt Kreidegrund dahin? Gegen alle Gesetze der Geologie, glaube ich. In den Kreidegrund haben wir die Keller eingeschnitten. Etliche Meilen weit. Da liegt es. Und wartet, dass man es abruft. Manchmal habe ich gedacht, das ist ja verrückt, immer so aufzustapeln. Aber ich habe ja genug andere Arbeit gehabt und seit etlicher Zeit bin ich gar nicht mehr hingekommen.«
»Und da wird immer so weiter gestapelt.«
»Bisher ja. Aber die Quelle kann in jedem Augenblick aufhören. Man kann da ja nicht messen. Ich jedenfalls kann sowas nicht.«
»Ja. Und wenn die Quelle versiegt?«
»Ich weiß nicht, ob man eine zweite findet. Vielleicht gibt es auf der ganzen Erde keine zweite.«
»Verdammtes Risiko.«
»Ich kann da keine präzisen Zahlen nennen. Rechnen ist überhaupt meine schwache Seite. Ich kann das nur so ungefähr in einen Rahmen bringen. Ich weiß nicht, wie lang die Grenzen sind. Und wenn du es mir sagst, besser sag es nicht. Zahlen machen mich nervös. Alles über hundert fällt mir schwer. Ja. So ist das und die Gaswand wird sehr dünn sein.«
»Wie dünn?«
»Sehr dünn. So dünn es geht. Aus Ersparnisgründen. Millimeter oder so. Die Abtrennhitze ist ungeheuer. Von Weltraumskälte zu Protuberanzenhitze. Da geht nichts durch. Ich sage, nicht mal die Asche, obwohl das Blödsinn ist, denn die Asche muss doch bleiben, aber ich habe sie nie feststellen können.
Die Atombombe, wenn sie nicht verbrennt, muss explodieren. So weiß man, wo sie bleibt. Weiter als die Gaswand kommt sie nicht. Vielleicht gibt es sehr interessante Feststellungen für die Atomtechniker. Keine Zahlen, das macht mich nervös. Aber die Gesamtgrenze.«
»Im Norden werden wir einen Streifen aussparen können. Voraussichtlich werden sie ja von der Westgrenze her ansetzen. Aber das ist natürlich nicht sicher.«
»Wie viel Zeit bleibt noch?«
»Was weiß ich. Vielleicht gar keine. Vielleicht kommt es auch gar nicht dazu. Im Augenblick ist der sogenannte politische Himmel so klar, so wolkenlos, so herrlich himmelblau, dass ich das Schlimmste befürchte. Ja.«
»Und wie lange kann das dauern? Vier Jahre und sechs Jahre haben wir gehabt. In der algebraischen Reihe also diesmal neun Jahre. Ja. Und was wir hier reden ist Quatsch. Neun Jahre hält mein Gas nicht vor und die Produktion, selbst wenn die Quelle ewig wäre, was sie nicht ist, käme nicht nach. Das halte ich nicht aus.«
»Wie lange hältst du’s aus?«
»Du meinst, wie lange das Gas vorhält? Ich meine der Vorrat, denn die Produktion ist Risiko. Keine neun Jahre, Blödsinn. Keine neun Monate, Quatsch. Keine neun Wochen. Es ist alles Unsinn.«
»Also wie lange?«
»Wahnsinn.«
»Wie lange? Mensch, wie lange?«
»Vielleicht knapp einen Monat, eher weniger als mehr.«
»Achtundzwanzig Tage?«
»Ich möchte nicht garantieren.«
»Fünfundzwanzig Tage?«
»Das kann schon sein.«
»Also zweiundzwanzig Tage. Und jeder Tag hat 24 Stunden, Romanus.«
»Ja. Hat vierundzwanzig Stunden.«
»Abgemacht, Romanus. Abgemacht. Zweiundzwanzig Tage. Und du sagst, du kannst nicht rechnen.«
»Ja. Aber garantieren kann ich nicht.«
»Wer kann etwas garantieren, wenn Wahnsinn und Teufel sich paaren?«
Romanus war aufgestanden. Er ging auf das Fenster zu, wo ein mattes, schwaches Licht noch durch die Milchglasziegel kam. Die Sonne war schon untergegangen. Das war gedämpfte, letzte Dämmerung. Und da stand Romanus, reckte zitternde Hände in das ersterbende Licht. »So, so habe ich das nicht geträumt.«
»Sei still, guter Junge, sei still. Meinst du, ich hätte mir das erträumt?«
Romanus ließ die Arme sinken und stand reglos im letzten Licht, das nur noch wie Schatten war.
So dauerte das Schweigen für etliche Augenblicke. Dann, mit einem Satz, sprang Professor Lyonel auf. »Genug«, rief er, »genug«, und schaltete das elektrische Licht an. »Da ist noch ein Rest in der Flasche.« Er schenkte den Rest ein, tat einen guten Zug und gab den Glasbecher Romanus in die Hand, der ihn leertrank.
»Was nun?«
»Nun gehst du in dein Hotel, nimmst ein gehöriges Abendessen und schläfst dich aus. Und morgen früh um zehn Uhr bist du wieder hier. Und dann wird es vielleicht Arbeit geben. Ich fahre inzwischen zum Alten.«
»Zum Alten?«
»Ja. In die Hauptstadt. Ich habe ihn heute schändlich bemogelt. Er hat mich auf eine Sitzung beordert, und ich hatte ihm sagen lassen, ich sei unerreichbar, weil ich mit dir sprechen musste. Ja. Und nun fahre ich hinüber. Solche Sitzungen dauern lange genug, dass ich noch zurechtkomme.«
Er war an den Telefonapparat gegangen. »Hallo! Stephan? Stephan, steht das Flugzeug im Hof? Ja, dann sag, dass wir fahren. Ich komme schon.«
Im Hinausgehen nahm der Professor Romanus unterm Arm. »Mein neues Flugzeug musst du sehen. Fünf Meter Anlauf über ein Sprungbrett. Dann zweihundert Meter senkrecht in die Höhe und ab …«
Als die Telefonjungens und die Telegrammboten zur Börse kamen, sahen sie schon beim Herannahen, dass die großen Türen geschlossen waren. Wie Feiertag. Aber nicht ganz. An jedem Portal war ein großer Papierzettel mit etlichen Heftzwecken angeschlagen, darauf dann, mit dickem Blaustift geschrieben: »Auf Wunsch und im Einverständnis mit der Zentralregierung von Centralstadt für alle Staaten von Nomandy bleiben die Börsen bis auf weiteres geschlossen. Die Wiedereröffnung wird mitgeteilt werden.«
Die Meisten, an bequeme Denkfaulheit gewöhnt, beschlossen, zunächst an Ort und Stelle abzuwarten, was sich da entwickeln würde. Die Gewitzteren liefen in die nächsten Telefonkioske, um ihre Firma zu informieren. Ganz Schlaue rannten ein paar Gassen weiter, wo etliche sogenannte Winkelbankiers wohnten, um dann noch schnell in die Spekulation à la Baisse zu gehen und noch ein paar Papiere auf Termin zu verkaufen, die man bestimmt in ein paar Stunden würde billiger einkaufen können. Das gelang nur einigen wenigen. Die Winkelbankiers wussten zumeist schon Bescheid oder rochen Lunte.
Tommy Levinger gehörte zu denen, die Glück hatten. Er war drei Blocks weiter gelaufen als die anderen, zu Solmar & Co., und konnte sechs schwere Papiere »Vereinigte Munition« per Mitte des sechsten Monats verkaufen, zu 102 ⅞. Der Banker hatte den Auftrag gerade vorliegen. »Vereinigte Munition« notierten 105 prompt. Nächste Monatsmitte mussten sie mindestens 103 ½ bringen. Der alte Solmar hatte ihn schön geschnitten. Einerlei, in zwei Stunden würde er den alten Solmar auslachen.
Als Tommy Levinger, gemächlich schlendernd, auf den breiten Platz vor der Börse zurückkam, schwitzte er immer noch, so war er vorher gelaufen. Nun, das wird der Mühe wert gewesen sein. Er wird nicht lange abwarten. Im ersten Rutsch wird er sich eindecken. Bei 98. Nein, nicht gar so ängstlich. Bei 96. Man kann sich den letzten Gewinn mitnehmen. Bei 96 also. Heißt 6 ⅞ x sechs. Heißt 41 ¼ runde Eier bar verdient. »Besser als in die Hosen gemacht«, zitierte Tommy Levinger einen der wenigen Aussprüche, die er kannte.
Es kamen auch schon die ersten »Herren« an. Chefs und Disponenten in großen Wagen. Buchhalter und Handlungsgehilfen in Taxis. Etliche aus den umliegenden Straßenblocks kamen zu Fuß gelaufen. Auf dem Börsendach landete auch schon das erste Flugzeug, und Portermeyer selbst kam die etwas zu steile Treppe schwankend heruntergesegelt, immer zwei Stufen auf einmal, mit hochrotem Gesicht, aber das bedeutete nichts. Das war seine Naturfarbe. »Was geht hier vor«, herrschte Portermeyer seine Jungens an, die ihm entgegen kamen. Als ob die Jungens irgendetwas dazu konnten. »Frank, was ist los«, rief er einen eben den Wagen entsteigenden an, ohne eine Antwort von den Jungens abzuwarten.
»Ja, was ist los?«, fragte Frank zurück. Wie konnte Frank wissen, wenn Portermeyer nichts wusste.
