CAPRICE 01 -  - E-Book

CAPRICE 01 E-Book

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Beschreibung

CAPRICE 01 ist die erste Anthologie dieser Art von Kurzgeschichten aus verschiedenen Bereichen der Fantastik, vor allem der Science-Fiction. Die Autoren ließen sich durch eine Auswahl an Grafiken inspirieren. Sie suchten sich eine aus, um hiermit eine ihrer besten Storys zu schreiben. So entstanden Geschichten von Axel Aldenhoven, Anja Bagus, Gabriele Behrend, Dieter Bohn, Maike Braun, Kris Brynn, Jan Gardemann, Gerry Haynaly, Uwe Hermann, Thomas Le Blanc, Michael Marrak, Jacqueline Montemurri, Alexander Röder, Danijela Rüppel, Friedrich Salzmann, Tamara Schinner, Regina Schleheck, Franck Sezelli, Arthur Gordon Wolf und Maximilian Wust. Titelbild & Illustrationen von: Frank G. Gerigk

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Frank G. Gerigk (Hrsg.)

CAPRICE 01

Fantastische Kurzgeschichten

AndroSF 210

Frank G. Gerigk (Hrsg.)

CAPRICE 01

Fantastische Kurzgeschichten

AndroSF 210

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: April 2025

p.machinery Michael Haitel

Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

Titelbild & Illustrationen: Frank G. Gerigk

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Frank G. Gerigk

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 449 6

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 696 4

Über dieses Buch

Was bedeutet Caprice?

Caprice steht für Eigensinn und merkwürdige Launen sowie sonderbare Einfälle. Genau jene sind es, die im Alltag die größte Reibung verursachen, weil sie Verwunderung und andere Emotionen erzeugen.

Jene Literaturgattung, die hierfür besonders exemplarisch steht, ist die Fantastik. Diese hat besonders in Deutschland eine Jahrhunderte währende Tradition und sich seither in Subgenres aufgefächert, deren Anzahl und Definitionen mittlerweile unübersichtlich geworden sind. Sie alle, obwohl höchst unterschiedliche Welten mal nah, doch meist sehr fern des Alltags, eint das Fiktionale und der Versuch, eben solche Ideen zu skizzieren.

Folgerichtig haben wir es in diesem Buch also umgekehrt gedacht: Normalerweise macht man eine Illustration zu einer Story. Diesmal jedoch schrieben die Autoren eine Geschichte zu einer Grafik, die sie sich aussuchen durften. Sie mussten sie sich weder akribisch an die Vorlage halten, noch galt es sonstige Regularien einzuhalten. Die Story sollte nur irgendwie von der Grafik beeinflusst sein – je deutlicher, desto besser, aber das war kein Zwang – und dem Bereich der Fantastik zugehören. (In den Kapiteln am Ende des Buchs wird näher auf die eigentlichen Grafiken eingegangen.) Und es wurden sehr unterschiedliche Autoren angefragt. In welcher Weise würden sich diese inspirieren lassen?

Heraus kam ein Feuerwerk von so vielen unterschiedlichen Welten, dass die Kontraste zwischen ihnen schon überraschend, beinahe ruppig sein können. Genau dies, was eine besondere Aufmerksamkeit für die Schönheit der einzelnen Texte und Ideen erfordert, macht Caprice aus.

Frank G. Gerigk

Anja Bagus: Die Blackbeard Company

»Was für ein Glück, dass heute die Sicht gut ist«, sagte Tess und drehte ihren Kopf im Taucheranzug, so gut es ging, hin und her, um alles in sich aufzunehmen.

»Allerdings.« Die Antwort ihres Kollegen Norm wurde nicht von dem Fauchen und Zischen der Atemgeräte begleitet.

»Er hat damals lange nach diesem Platz gesucht«, sagte Kevin. »Hier gibt es selten Strömungen, darum ist das Sediment meist nicht aufgewühlt.«

»Klugscheißer«, sagte Tess. »Natürlich hat er sich diesen Platz gut ausgesucht. Er ist Gershwin fucking Hill! Aber ich glaube, er hat nichts mehr von der schönen Aussicht. Ich glaube, der ist tot.«

»Die Quoten darauf sind miserabel!«, sagte Kevin abfällig.

Tess rollte die Augen. »Hast du etwa gewettet?«

Kevin lachte. »Ihr nicht? Die halbe Welt hat doch gewettet? Die und die andere Halbe schaut jetzt den Livestream hier. Alle sitzen vor den Bildschirmen und sehen uns zu. Wie einstmals bei der ersten Mondlandung. Nur gut, dass die uns nicht hören, sondern die Berichterstattung von denen da drüben.«

Tess sah sich um. Natürlich wusste sie es eigentlich, aber die Konzentration auf die wichtigen Schritte eines solchen Unterwasserspaziergangs hatte vergessen lassen, wie viele Gruppen ihnen in einem streng festgelegten Abstand folgten. Die Menge an Anzügen und Equipment, die dort bewegt wurden, ließ dort dann doch das sonst so ausgesucht ruhige Sediment aufschäumen und bewegte das Paradies in der Tiefe. Algen schaukelten in den Wellen und Fische schwammen extra schnell durch die Sandwirbel.

»Warum konnte man uns nicht erst allein reingehen lassen?«, fragte sie genervt. »Aber nein, man muss ja live dabei sein.«

»Das ist der Punkt, Tess«, sagte Kevin. »Das ist der Grund für alles. Ein Spektakel für die ganze Welt.«

»Ich finde das nervig.«

»Warum? Hast du Sorge, dass deine Figur in dem Anzug nicht zur Geltung kommt?«

»Halts Maul, Kevin«, sagte Norm.

»Sicher, Norm, sicher.« Kevin hatte ein Gemüt wie ein Ackergaul.

Tess war Norm dankbar, obwohl sie ihn eigentlich nicht brauchte, um sich vor ihrem Kollegen zu behaupten. Aber jetzt war nicht die Zeit, weiter darüber nachzudenken. Auch nicht über die Berichterstatter hinter ihr oder die ein oder andere vorwitzige Drohne, die die Nachrichtenleute ausschickten, obwohl ganz klar abgemacht war, dass die Abgesandten der Blackbeard Company alles zuerst sehen und erfahren würden.

Sie setzte weiter Fuß vor Fuß, was nicht ganz trivial war, denn die Anzüge hatten Bleiplatten in den Sohlen, damit sie hier so scheinbar unbeschwert über den Meeresboden wandern konnten. Der Ort war nicht wirklich tief, sonst hätte das normale Tageslicht nicht ausgereicht, um alles gut sichtbar zu machen, und sie hätten mit Lampen arbeiten müssen. Tess hatte das alles schon erlebt; als Unterwasserarchäologin kannte sie viele unwirtlichere Tiefen. Dennoch war sie völlig außerhalb ihrer Wohlfühlzone. Das lag vor allem daran, dass sie eben keine überflutete antike Struktur, kein untergegangenes Wrack oder eine unterseeische Höhle untersuchen sollte. Sondern … ja, was eigentlich?

»Also tatsächlich glauben die meisten, er wäre tot – darum sind die Quoten dafür auch ganz mies. Danach kommen die, die glauben, er hat sich die ganze Zeit mit einer Horde Bunnys vergnügt. So Hugh-Hefner-mäßig.« Kevin war immer noch bei seinem möglichen Gewinn.

»Was für eine ekelhafte Idee«, sagte Tess.

»Die haben das doch sogar als Serie gedreht: ›One, two, three, here comes Hill‹.« Kevin sang das sogar.

»Widerlich«, sagte Tess.

»Wusstest du das nicht?«

»Nein. Ich gucke so etwas nicht.«

»Na ja, es gab auch ernstere Versuche. So langweilige Theaterstücke und so. Man hat es mit so einem Klassiker verglichen, wo alle auf jemanden warten oder so. Ich fand die Serie witzig.«

»Ich habe gehört, dass er ein Buch schreiben wollte«, sagte Norm.

»Lesen ist sooo letztes Jahrhundert«, stöhnte Kevin. »Ich wäre sehr enttäuscht, wenn er das wirklich gemacht hätte.« Der Taucher rutschte auf einem Felsen aus, der von losem Sand verborgen gewesen war. Dahinter befand sich eine kleine Senke und er taumelte, da sein Fuß ins Leere ging. Norm bewegte sich plötzlich sehr schnell und stabilisierte seinen Kollegen.

»Lass das«, sagte Kevin scharf.

Tess glich die kleinen Strömungen aus, die durch die Rettungsaktion entstanden waren und seufzte lautlos.

»Gleich kommen wir zu der Barriere«, sagte sie. »Kevin, ist das Gerät einsatzbereit?«

»Klar. Gleich wissen wir, ob ich reich bin oder nicht.«

»Wieso?«, fragte Norm.

»Weil ich eine Außenseiterwette gemacht habe. Ich glaub nämlich, der Bastard verarscht uns alle und ist gar nicht da drin.«

Tess schnaubte. »Das ist deine Idee? Dass G-Hill so viel Geld investiert hat, um dann ganz woanders zu sein?«

»Naja, wer will denn schon dreißig Jahre allein in einem Habitat unter Wasser verbringen?«, fragte Kevin. »Ich jedenfalls nicht.«

Eine Drohne surrte an ihnen vorbei, stoppte dann plötzlich und sank taumelnd auf den Meeresgrund.

»Ach, danke«, sagte Tess sarkastisch und sah sich noch einmal um. »Jetzt wissen wie es ganz genau, wo die Grenze ist.« Sie hob die Hand zum Stopp-Zeichen und tatsächlich hielt ihre Entourage sich an die Abmachung. Einige bekamen es allerdings nicht sofort mit und taumelten gegen andere, es sah von Weitem aus wie ein Kegelspiel. Tess wartete nicht, um zu sehen, wie viele wohl umfallen würden. Sie war sich sicher, dass unter den Journalisten und Kameraleuten eine ganze Menge waren, die keine Ahnung von den Dynamiken unter Wasser hatten.

»Drück schon«, sagte sie zu Kevin, als sie den Ort erreicht hatten, an dem die Drohne niedergegangen war. Norm wedelte den Sand beiseite und fand das Kabel, welches einige muschelverkrustete Metallantennen verband.

»Dreißig Jahre Signalblocking«, sagte Norm. »Reife Leistung.«

»Nur vom Feinsten«, sagte Kevin. »Wobei es einmal einen Vorfall gegeben haben soll. Ein Taifun hat derartig gewütet und es soll möglicherweise einen kurzen Ausfall gegeben haben … naja, ich hab’s gerüchteweise gehört, aber niemand kann es wirklich bestätigen.«

Tess nickte. »Na ja, die Geheimhaltung funktioniert zum Glück.«

»Eine Menge Leute haben viel Geld dafür locker gemacht, die Logs unserer Überwachungsrechner zu sehen.« Norm holte ein wasserdicht eingepacktes Gerät aus seiner Beintasche.

»Was wollten sie denn erfahren?«, fragte Tess.

»Naja, Sicht und Geräusche? Vielleicht hat es noch mehr Ausfälle gegeben?«

»Was wollten sie denn hören können? Eine ewige Party? Ihn schnarchen? Unter der Dusche singen?«

Kevin zuckte mit den Schultern. »Irgendwas! Irgendwas, das beweisen würde, dass er lebt.«

Tess seufzte. Sie redete sich eigentlich ein, dass es ihr egal war. Aber dennoch spürte auch sie jetzt ein Kitzeln der Spannung in ihrem Magen.

Gershwin ›Der Einsiedler‹ Hill war der größte lebende Künstler. (Oder eben nicht mehr?) Man hatte ihn zu seinen Hauptschaffenszeiten mit Leonardo da Vinci verglichen, da er wie dieser ein Universalgenie war und sich nicht nur auf eine Kunstform, wie zum Beispiel die Malerei, beschränkte. Zu seinem weltbekannten Portfolio gehörten auch Ingenieursleistungen, architektonische Monumente und sogar eine Art Oper/Theater/Soap Opera Aufführung, die als die tiefgreifendste Erfahrung in diesem Metier bezeichnet wurde. Vor dreißig Jahren, genau an diesem Tag zu dieser Stunde hatte er sein wahnsinnigstes Projekt realisiert. Er hatte all sein Geld in den Bau eines Unterwasserhabitats gesteckt und sich zu seinem dreißigsten Geburtstag dort eingeschlossen. Zuvor hatte er die Blackbeard Company gegründet und damit beauftragt, dafür zu sorgen, dass er nicht gestört würde. Seither spekulierten die Menschen darüber, was er in seinem exzentrischen Heim getan hatte, warum er es tat und natürlich, ob er noch lebte.

Tess war jetzt seit sechs Jahren im Unternehmen und wusste, was von einigen versucht worden war, um herauszubekommen, ob G-Hill, wie man ihn inzwischen nannte (manche machten auch direkt Gill daraus, in Anspielung darauf, dass ihm vielleicht Kiemen gewachsen waren, was natürlich blödsinnig war, denn er lebte ja nicht im Wasser, aber Menschen waren eben so …), wirklich dort drin war, oder sie alle zum Narren gehalten hatte.

»Signalblocking wird abgeschaltet in …« Norm zählte die Sekunden herunter, wie ein Ansager an Silvester. »Jetzt!«

Aus irgendeinem Grund dachte Tess, dass man etwas hören müsste, aber dem war nicht so. Aber es gab etwas zu sehen. Der holografische Schirm, der ihnen bis jetzt eine schier endlose Weiterführung des Meeresbodens suggeriert hatte, verschwand und stattdessen sahen sie das Habitat.

Tess wusste, wie es aussah. Jeder wusste das. Aber auch sie hatte nur die Bilder von vor 30 Jahren. Die Auswertung der Überwachung von Blackbeards Computern wurde von einer künstlichen Intelligenz erledigt; die Ergebnisse durften zwar interpretiert werden, aber nicht als wirkliches Bild, sondern nur als Datenstrom. Sie hätten natürlich erfahren, wenn das Habitat einen Schaden erlitten hätte. Dann hätten sie ein Notfallsignal bekommen, und unter ganz bestimmten Umständen hätte man auch eingegriffen. Aber diese Umstände waren nicht eingetreten. Darum standen sie heute erst hier, nach 30 Jahren und sahen die beeindruckende Struktur, die Gershwin Hill hatte bauen lassen.

Sie zögerte, genau wie Kevin. Nur Norm nicht. Wie alle seiner Art war er halt ein bisschen schneller, obwohl sie inzwischen Widerstände und Dämpfer einbauten. Ohne das wären die Androiden zu unmenschlich – argumentierten die Kritiker. Tess befürwortete das Übermenschliche eigentlich. So wie hier, waren die Norms einfach nützlich. Ihr Kollege brauchte kein Atemgerät. Er war speziell für diese Umgebung trainiert und würde an der Oberfläche – oder in der Struktur – einfach ein anderes Programm aufrufen, um auch dort maximal hilfreich sein zu können.

Solche wie Kevin hassten die Fähigkeiten der Norms, da sie sich dadurch nicht als Krone der Schöpfung beweisen konnten. Sie nutzten jede Gelegenheit, um die Norms kleiner zu machen oder ganz zu meiden. Aber die Androiden waren einfach zu nützlich. Tatsächlich hatte die Blackbeard Company die Norms erfunden und perfektioniert. Es waren wohl zu viele kreative Menschen dort angestellt gewesen, um mit der Überwachung von G-Hill ausgelastet zu sein. Die Androiden waren zunächst als unterseeische Truppe konzipiert worden, um das System rund um das Habitat in Schuss zu halten und auch zu beschützen. Es gab sogar Tier-Androiden, solche, die zum Beispiel wie Haie aussahen und andere, die eher wie Seesterne … wie auch immer: Die künstlichen Lebensformen (auch dieser Begriff war natürlich heiß umkämpft, denn künstlich und Leben passt für viele nicht zusammen) waren sehr nützlich. Der Umsatz half, die Blackbeard Company noch größer, besser und einflussreicher werden zu lassen.

Tess folgte Kevin, der natürlich als Erster die Kabel überquerte und sich dann umdrehte, um den Nachfolgern das Signal zu geben. Und natürlich, um auf dem Foto nicht von hinten zu sehen zu sein. Tess überließ ihm diese Sekunde des Ruhmes gerne.

»Warum hat er diese Dinger hier bauen lassen?«, fragte Tess dann, nachdem sie die Umgebung studiert hatte. Sie zeigte auf kleinere Strukturen, die sie entdeckt hatte, nachdem sie an der Sphäre eigentlich nichts entdeckte, was sie nicht schon kannte.

G-Hills Habitat war eine dreidimensionale Ellipse, ähnlich einer senkrecht stehenden Muschel. Verankert am Meeresgrund auf einer Plattform, die die Mechanismen beinhaltete, die die Ellipse drehten und auch mit den nötigen lebenserhaltenden Systemen versorgte, ragte sie genau vierzig Meter hoch. Der Großteil bestand aus dem neuartigen Material Plastit (das Patent lag natürlich ebenfalls in den Händen der Blackbeard Company) und hatte viele durchsichtige Scheiben. Am senkrechten Äquator der Ellipse befand sich ein Außenaufzug, der zu einer Art Plattform führte, die dicht unter der Meeresoberfläche lag. Als ob G-Hill da oben ab und zu die Sonne sehen wollte (… wie viele Flugzeuge hier drüber geflogen waren, wie viele Boote versucht hatten, den gesperrten Bereich zu durchbrechen, um einen Blick zu erhaschen …). Innen war die Struktur ein fast autarkes Habitat mit Wohnräumen, Gewächshäusern und auch ein paar Tieren.

Und eben – vielleicht – dem Künstler.

Tess hatte das alles schon in allen möglichen Fassungen gesehen und studiert. Als Risszeichnung, als Hologramm und als Foto der im Bau befindlichen Teile. Aber jetzt so davor zu stehen, war noch einmal etwas völlig anderes. Es war riesig und irgendwie auch ehrfurchterregend.

»Fuck«, sagte Kevin. »Das ist schon scheißegroß. Alles für einen Spinner. Wehe, der ist tot.« Letzteres war ihm irgendwie herausgerutscht und er lachte humorlos.

»Meine erste Analyse der zusätzlichen Strukturen ergibt eine große Wahrscheinlichkeit, dass diese für weitere Lebensformen gedacht sind.« Norm blieb naturgemäß unbeeindruckt. Seine Art hatte nur Spiegelneuronen, wenn es gewünscht war, dass sie Emotionen erkennen und zeigen sollten.

»Er ist doch allein hier?«, sagte Kevin. »Wer soll denn hier wohnen?«

»Äh«, sagte Tess und zeigte auf eines der wie Seifenblasen am Felsen klebende Mini-Habitat. An der Scheibe stand jemand und winkte.

»Fuck dich selbst!«, entfuhr es Kevin.

»Musst du immer so vulgär sein?«, fragte Tess genervt. Sie erwartete keine Antwort und die Frage war nur der Tatsache geschuldet, dass sie an diesem Fenster tatsächlich die Gestalt von Gershwin Hill sah.

»Dieser Gershwin Hill kann nicht der echte sein«, sagte Norm.

»Was?«, fragte Kevin.

»Entweder ist es ein Bild, eine Projektion oder etwas anderes, aber dieser Hill sieht exakt so aus wie der, der vor dreißig Jahren gelebt hat. Das dort ist kein sechzig Jahre alter Mensch.«

Tess nickte. Norm hatte recht. So schnell hatte sie das nicht realisiert, denn sie hatte ja genau dieses Bild im Kopf, wenn sie an Gershwin Hill dachte. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf, während sie die Hand hob, um zurückzuwinken.

»Okay«, sagte Kevin mürrisch. »Wir haben jetzt sechs falsche Hills gefunden. Ein Schriftsteller, ein Maler, ein Dandy, ein Regisseur, ein Familienvater und einen Spitzensportler. Ich hab langsam die Nase voll.«

Sie waren vier Stunden durch die Struktur gewandert. Türen waren erst verschlossen, andere offen, die verschlossenen öffneten sich später dann doch … Die Gespräche mit den falschen Hills waren interessant, aber es blieb die drängende Frage: Warum? Was sollte das alles und wo war der echte Gershwin Hill?

Jetzt befanden sie sich in einer Art Speiseraum. Es glich einem luxuriösen Restaurant und ein für drei gedeckter Tisch schien sie einzuladen.

»Herzlich willkommen Chez Hill«, sagte eine Stimme und Tess drehte sich um. Ein weiterer Hill, gekleidet in eine Kochjacke, mit einer dieser seltsamen Mützen auf dem Kopf, trat ein. Er trug eine kleine Platte mit Appetizern und stellte sie auf dem Tisch ab. »Was kann ich euch zu trinken bringen? Bitte, setzt euch.«

»Sie sind auch nicht Gershwin Hill«, sagte Norm.

Der Mann nickte. »Stimmt. Gershwin wusste aber, dass Sie zu diesem Zeitpunkt müde und hungrig sein würden. Bitte, genießen Sie, was er für Sie vorbereitet hat.«

Tess wollte wütend sein. Aber sie konnte es nicht. Sie war tatsächlich erschöpft. Die Bedeutsamkeit des Tages und dieser Mission war zu viel gewesen. Sie hatten ihre Taucheranzüge schon lange abgelegt und so setzte sich dankbar.

»Was soll das alles?«, fragte Kevin zum siebten Mal. Er hatte ihnen bei jedem neuen Hill immer weniger amüsiert erzählt, wie viele Wetten nun verloren wären. Aber Tess konnte das nicht weniger interessieren. Sie fragte sich ebenfalls, was das alles sollte, allerdings nicht, weil sie etwas zu verlieren hätte.

Oder doch? Sie rieb sich das Gesicht und schloss dabei einen Moment zu lang die Augen. Müdigkeit und Enttäuschung brandeten wie ein wütendes Meer in ihrem Gehirn gegen die Wand der Wut. Sie fühlte sich verraten und wusste doch, dass es nur ihre eigenen Erwartungen waren, die nun wie Ping-Pong-Bälle herumklackerten und sich weigerten, einfach zu verschwinden.

Draußen hörten sie die Stimmen der Berichterstatter, die ihnen natürlich stets auf den Fersen waren. Norm stand auf und schloss die Tür, sodass nur noch ein Geräusch wie eine Schar wütender Gänse zu vernehmen war.

Tess trank das Glas vor ihr in einem Zug aus. Dann atmete sie tief ein, nahm eines der Häppchen und beobachtete den weiteren viel zu jungen Hill, wie er einen Servierwagen hereinrollte und ihnen mit Metallglocken bedeckte Teller servierte.

»Ein bescheidenes Essen, aber ich bin immer darauf angewiesen, was wir hier gerade produzieren«, sagte er und setzte sich selbst dazu.

»Die anderen Hills waren nicht sehr kommunikativ«, sagte Tess. »Bis auf den, der sich selbst als Dandy bezeichnet.« Sie hatten die Einladung zu einer Orgie abgelehnt. »Wie ist es mit Ihnen? Werden Sie uns ein paar Fragen beantworten?«

»Sicher«, sagte der falsche Hill. »Aber erst essen Sie einmal.«

Sie befolgten die Einladung, bis auf Norm, der nicht als Begleiter gebaut war. Er musste nicht essen.

»Sie sind Klone, nicht wahr?«, fragte Kevin kauend.

»Ja und nein. Wir sind eine Mischung aus dem, was Norm ist und einem Klon. Schwer zu erklären.«

Kevin schlug auf den Tisch. »Schwer zu erklären? Ja, genau!«, schrie er. »Alles Verarschung! So ein Bockmist!«

Tess konnte nur zusehen, wie ihr Kollege explodierte und seinen Frust herausbrüllte. Sie wusste, er würde nicht aufhören, wenn sie intervenierte.

Der falsche Hill sah ebenfalls einfach zu und Norm blieb sitzen, nachdem er Tess angesehen hatte und sie den Kopf schüttelte. Sollte Kevin sich halt mal auskotzen. Warum nicht? Ihr selbst war nach solchen Emotionen zumute, aber sie fühlte sich einfach nur leer.

»Wollen Sie noch einen Nachtisch, oder lieber einen Kaffee?«, fragte ihr Gastgeber, als Kevin sich endlich beruhigte und wütend sein Essen attackierte.

»Beides«, sagte Tess. »Es war ganz vorzüglich.«

»Es war ganz vorzüglich«, äffte Kevin sie nach.

»Jetzt ist es aber gut, Kevin!«, wies Tess ihren Kollegen zurecht. »Ich finde das alles auch schwierig, aber du kannst bitte auch professionell bleiben.« Sie fand die Situation ja selbst maximal absurd. Sie saß hier und ließ sich von einem falschen Gershwin Hill einen Kaffee servieren, als wäre dieser ein Kellner. Aber er hatte ich selbst einen mitgebracht und rührte leicht lächelnd Zucker hinein.

»Ich bin tatsächlich der, bei dem Sie Ihre Fragen loswerden können. Ich kann Ihnen auch einfach etwas erzählen, wie es Ihnen lieber wäre.«

»Wo ist der echte Gershwin Hill?«, fragte Kevin sofort.

»Leider weilt Mister Hill nicht mehr unter uns.«

»Scheiße!«

»Kevin, jetzt reicht es mir! Noch ein Aussetzer und du fliegst raus!« Tess sagte das, so ruhig sie es konnte.

»Ist er tot?«, fragte sie dann.

»Ja. Und nein. Denn …«

»Was denn …«, begann Kevin aufbrausend und regulierte sich dann selbst. »Ja, ok, ich bin schon still.«

»Nun, er lebt ja in uns weiter.«

Tess war überrascht. »Sie sind also wirklich Klone?«

»Ja. Wir haben menschliche Anteile und androide. Ich kann zum Beispiel aus dem Kaffee nur den Zucker verstoffwechseln, aber ich habe Geschmacksknospen und Geruchsnerven, um das Aroma des Kaffees genießen zu können. Meine menschlichen Anteile sind genetisch identische Abbilder von Mister Hill.«

»Diese Technologie ist uns bisher noch nicht bekannt«, sagte Tess.

»Ja. Mister Hill hat das aus einem bestimmten Grund verheimlicht.«

»Um uns zu verarschen«, sagte Kevin mürrisch.

»Nein. Im Gegenteil.«

»Ich fühl mich verarscht. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Leute da draußen noch enttäuscht sein werden?«

»Wovon denn?«, fragte der falsche Hill. Tess wurde gerade klar, dass sie nicht wusste, wie sie ihn eigentlich ansprechen sollte.

»Na, hier von dem allen! Diese ganzen falschen Hills, alles Täuschung! Sie sind … nein, nicht Sie … also der echte Hill, der Tote … verdammt!« Kevin ruderte mit den Armen.

»Sehen Sie? Es ist komplex.«

»Wie nenne ich Sie denn? Ich kann Sie ja nicht Gershwin Hill nennen.« Tess nahm noch einen Schluck des hervorragenden Kaffees. Woher hatte er den? Nach 30 Jahren hätte doch jedes Pulver und jede Bohne den Geschmack verloren? Baute er ihn an? Fragen über Fragen.

»In der Tat. Wir wissen, dass Gershwin draußen G-Hill genannt wurde. Das brachte ihn auf die Idee, uns nach dem Alphabet zu nennen. Ich bin J-Hill. Der Letzte bisher. Sie können mich auch James nennen.«

Kevin schnaubte. Tess konnte so schnell nicht ausrechnen, wie viele Hills es also gab.

»Wir sind nur diese sieben«, sagte James, als könne er ihre Gedanken lesen. »Wir mussten einige gehen lassen oder erneuern. Schließlich altern wir auch und die Technologie ist noch nicht ganz ausgereift.«

»So viele Fragen«, sagte Tess. Draußen war es stiller geworden. Vermutlich versuchten einige, dieses Gespräch hier mit den Ohren oder Gerätschaften abzuhören. Egal.

James nickte.

»Aber eigentlich doch nur eine«, sagte Norm. »Warum?«

James lehnte sich zurück, nickte und holte tatsächlich tief Luft. »Als Mister Hill damals dieses Projekt hier plante, hatte er eigentlich nur eines im Sinn: Er wollte der Welt das wichtigste und epochalste Kunstwerk präsentieren, welches es je gegeben hatte. Und weil ein Künstler dazu manchmal Isolation und Einsamkeit braucht, hat er diesen Weg gewählt. Aber noch, bevor er die Struktur fertig geplant und alles drum herum in Gang gebracht hatte, wurde ihm einiges klar, welches sein Vorhaben grundlegend veränderte.

Gershwin wurde klar, dass sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Egal was er schaffen würde, es würde immer welche geben, die es nicht als das genialste Kunstwerk bezeichnen würden. Es würde immer jemanden geben, der sagen könnte: Das habe ich mir so nicht vorgestellt. Ich bin enttäuscht.«

Tess nickte. So war das eben, dachte sie und zuckte automatisch die Schultern.

James lächelte. »Genau«, sagte er. »Damit muss man eben rechnen! So sind die Menschen. Kunst liegt oft im Auge des Betrachters und dann kommt noch die Frage, ob sie vom Künstler zu trennen sei. Geben wir ihnen also einfach unzählige Möglichkeiten! Gershwin hatte also die Idee mit den Klonen. Die Norm-Technologie war der Anfang, er ließ die Anfänge davon absichtlich durchsickern, damit die Forscher der Blackbeard Company ihn dabei unterstützten. Dann begann er, mit den ersten Norms weiter zu forschen. Die Ergebnisse sehen sie hier und natürlich werden Ihnen die Grundlagen auch zur Verfügung gestellt.«

»Soll das dann sein Kunstwerk sein? Bessere Norms?«, fragte Kevin verächtlich.

James schüttelte den Kopf. »Nein. Das eigentliche Kunstwerk sind nicht die Multis. So nennen wir uns. Multiple Ausführungen ein und derselben Person. Auch das Buch, welches B-Hill geschrieben hat, oder die Filme, die Bilder, oder sportlichen Rekorde der anderen sind nicht die eigentlichen Œuvres. Auch die tatsächlichen biologischen Nachkommen und Erben sind nicht das, was Gershwin selbst als sein größtes Kunstwerk bezeichnen würde.« Er machte eine Kunstpause und trank den Kaffee aus. Porzellan klirrte auf Porzellan und dann lächelte James wieder.

»Nein. Das alles sind nicht Gershwins wahre Errungenschaften. Sie sind nicht das, was ihn unsterblich im Gedächtnis der Menschen machen wird.«

»Die Spannung bringt uns um«, sagte Kevin mürrisch.

»Gershwin wusste, was die Menschen von ihm erwarteten. Er verfolgte die Spekulationen und war versucht, die eine oder andere Idee tatsächlich zu verfolgen. Aber dann wäre es ja nicht seine Idee gewesen. Es zerfraß ihn förmlich. Er wollte ja niemanden enttäuschen! Er isolierte sich also vollständiger und nahm keine Nachrichten aus der Außenwelt mehr auf. Er isolierte sich auch von uns und ging in einen Zustand der tiefen Meditation ein. Als er die Erkenntnis erlangte, was die Lösung war, tauchte er auf, erzählte es uns. Danach lebte er zufrieden, bis ein Schlaganfall ihn vor etwa zehn Jahren tötete.«

»Er ist also wirklich tot?«, fragte Tess. Sie war irgendwie enttäuscht.

James nickte. »Der Leichnam kann natürlich von Ihnen begutachtet werden.«

Kevin seufzte.

»Ich komme zu meiner Frage zurück«, sagte Norm. »Warum? Was soll das dann alles? Warum wurde nicht abgebrochen, als Gershwin starb?«

James schloss die Augen. »Weil … es doch hier nicht um Gershwin geht.«

»Was?«, fragte Kevin. »Was soll das denn nun heißen?«

»Wissen Sie, warum die Firma, bei der Sie angestellt sind, Blackbeard Company heißt?«, fragte James.

»G-Hill hat das so bestimmt«, sagte Tess.

»Sie wissen sicher, dass Blackbeard ein Pirat war«, sagte James nickend. »Einer der berühmtesten und berüchtigsten. Vermutlich ein schlimmes Subjekt, welches die Menschheit besser vergessen hätte, wenn nicht … wenn er nicht so erfolgreich darin gewesen wäre, ihr ein ewiges Rätsel aufzugeben: Wo ist sein Schatz?«

»Ich denke, es gab keinen«, sagte Kevin sofort. »Aber da gibt es Leute, die behaupten, sie hätten eine Karte und die suchen da, aber sie dürfen irgendeine Straße nicht aufreißen. Und es gibt welche, die sagen, der Ort ist überflutet und sie suchen mit Schiffen und Tauchern. Scheiße noch eins!«, rief er und sprang auf. Er sah sich im Raum um und aus dem Fenster. »Hat G-fucking-Hill etwa den Schatz gefunden?«

James lachte. »Nein. Ich muss Sie enttäuschen.«

»Schon wieder?«, fragte Kevin und schlug die flache Hand gegen die Wand. »Verdammt!«

»Aber es war schon spannend, oder? Und es bleibt auch spannend. Abenteuer, Reichtum, Erfolg!«

»Was reden Sie denn da?«, fragte Tess.

»Ich rede von dem, was da vorgegangen ist, bei Ihrem Kollegen. Und bei allen Menschen, die von so einem Mysterium hören. Wir Menschen haben den Tieren ja einiges voraus, aber vor allem haben wir ein unglaubliches Vorstellungsvermögen.«

»Ja, und?«, fragte Kevin? »Ich hab’ halt Fantasie. Ich hätte aber echt lieber das Gold.«

»Glaube ich sofort. Aber solange das Gold nicht da ist, ist es Schrödingers Schatz, oder? Und all Ihre Fantasie macht ihn glänzender, größer und aufregender, als er vielleicht in Wirklichkeit war, wenn es ihn gegeben hätte. Niemand weiß, ob Blackbeard wirklich irgendwo etwas vergraben hat. Die Reichtümer der Piraten waren auch oft kein Gold, sondern andere Waren. Und wenn er zum Beispiel Seide vergraben hat, dann ist davon sicher nicht mehr viel übrig. Was also ist daran, dass wir seinen Namen bis heute kennen?«

»Sie meinen, die Legende sei der eigentliche Schatz?«, fragte Tess vorsichtig.

James wiegte den Kopf hin und her. »Fast. Eigentlich ist es nur unsere Fantasie. Und das ist es, was Gershwin erkannte. Egal, was er tat: Er konnte den Fantasien der Menschen nicht gerecht werden. Der Mensch ist zu solch fantastischen Gedanken fähig, wenn ihn ein Thema wirklich interessiert. Aber was interessiert jeden Einzelnen? Am Ende … am Ende doch nur das Rätsel. Das Geheimnis. Und ja, die Legende. Das war es dann, was Gershwin schaffen wollte. Und schon geschafft hatte. Die Last war von ihm genommen.«

»Pah«, sagte Kevin nur. »Er hat es einfach aufgegeben.«

James neigte den Kopf. »Es gibt diese Geschichte, die in den unterschiedlichsten Formen erzählt wird. Unter anderem auch mit Blackbeard in einer Rolle. Ich nehme diese Form der Einfachheit halber. Es sollen eine Gruppe Piraten endlich die Kiste ausgegraben haben. Darin sollte Blackbeards Schatz sein, der größte, den man sich wünschen kann. Das Wertvollste auf der Welt. Als die Männer die Kiste aufbrechen, finden sie nur einen Spiegel.«

»Das ist so albern«, kommentierte Kevin. »Eine dumme Weisheit.«

»Weisheiten können nicht dumm sein, Kevin, nur Menschen.« Tess war während James’ Ausführungen durch die verschiedensten Emotionen gegangen. Sie blinzelte, hob ihre Tasse, fand darin aber nur eine Pfütze kalten Kaffees und stellte sie wieder ab. Dann seufzte sie und lächelte schließlich. »Ich hab’s verstanden. Und ich glaube tatsächlich, Gershwin Hill hat es geschafft. Wir sind Blackbeard-Hills brave Piraten, die sich nun damit konfrontiert sehen, dass es keinen Schatz gibt.«

»Nein: dass es nur einen Schatz gibt.« Norm zeigte keine Regung, dafür war er nicht eingestellt. Aber er hatte den Ausführungen offensichtlich folgen können.

James nickte. »Der Mensch selbst und seine Vorstellung, das ist der Schatz. Und Gershwin hat euch einen Schatz gegeben. Dreißig Jahre lang durftet ihr träumen und fantasieren. Dinge wurden bewegt, gebaut, erfunden, alles nur, um herauszubekommen, was man sich erhoffte. Hoffnung. Das ist der Schatz.«

»Dann ist es sehr traurig, dass es heute endet«, sagte Tess. »Aber ich gestehe, ich bin froh, ein Teil gewesen zu sein.«

»Ich kapier’ es nicht.« Kevin war sichtlich enttäuscht. Besser als wütend, dachte Tess und er tat ihr irgendwie leid.

Dann dachte sie, dass es für ihn einfach nicht vorbei war. Kevin wollte weiter Träumen und hoffen. Vielleicht würden er und andere es nicht glauben, weiter suchen, nach dem verborgenen Kunstwerk, nach der Schriftrolle, auf der Hill die wahre Trophäe offenbarte. Oder er würde nach Hill selbst suchen, nicht glaubend, dass er wirklich tot wäre, egal, wie beweiskräftig die DANN-Untersuchungen sein würden …

Ja, es würde hier nicht enden. Tess sah James und Norm in die Augen. Beide nickten und sie öffnete dem Mob der Berichterstatter lächelnd die Tür.

Gabriele Behrend: Schwestern

1. Mokta singt

Heute war der große Tag des Vorsingens. Mokta war nervös. Sie ging noch einmal im Geist den Song durch, den sie anbieten wollte. Sie hatte ihn noch niemandem vorgespielt, erst recht nicht ihrem Vater, der sonst alles zu hören bekam, was ihr durch den Geist flog. Aber dieser Song war anders, nicht so heiter und fröhlich wie all die anderen kleinen Lieder, harmlos und freundlich. Aber da dies das große Vorsingen war, die Audition, an der ihr ganzes Herz hing, hatte sie in ihrem Inneren geforscht und einen Punkt gefunden, den sie sonst tunlichst nicht anrührte. Weil er zu schmerzvoll war, mit Unsicherheit behaftet und mit Trauer versehen. Und wenn sie schon so durcheinander war, wenn sie nur daran dachte, warum sollte sie dann ihren Vater damit belasten? Also hatte sie sich die traurigen Gedanken abgerungen, einen Song daraus geknüpft und alles für sich behalten. Bis nachher. In ungefähr zwei Stunden öffnete die Akademie ihre Kuppel und ließ die hoffnungsvollen Aspiranten der schönen Künste eintreten, auf dass sie auf ihr Können, ihre Attitude und ihr Potenzial geprüft würden.

Mokta machte sich fertig und verließ ihre Wohnkuppel im Botanischen Bezirk. Dort lebte sie seit ihrem dritten Lebensjahr, zuerst in der Kuppel mit ihrem Vater. Danach, als sie sechs Jahre alt war, bezog sie ihre eigene kleine Kuppel, die sie mit einer Rotte Meerschweinchen und unzähligen Grünpflanzen teilte. Die Meerschweinchen wurden immer wieder ausgetauscht, es war ganz normal, dass sie als Nahrung dienten, die Pflanzen aber wucherten und verwandelten die Kuppel inzwischen in einen formidablen Dschungel. Ihr Vater scherzte gerne, dass dies daran lag, dass Mokta ihren Pflanzen so gerne vorsang und sie in ihrer Musik badete. Das Grün im Inneren einer ansonsten vorwiegend roten Welt war eine Konstante in ihrem Leben, die sie stets beruhigte. So war es nicht verwunderlich, dass Mokta über ein ausgesprochen ausgeglichenes Wesen verfügte. Sie war ein hoch emotional intelligenter Mensch, voller Empathie und Mitgefühl, dem die Herzen ihrer Menschen schon nach kurzer Zeit zuflogen. Die meiste Zeit machte sie sich über diesen Umstand keine Gedanken, nicht dass sie undankbar wäre, es war einfach kein Thema. Sie war freundlich und ging davon aus, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte. So einfach war das. Heute allerdings war gar nichts einfach. War es richtig, mit einer gedankenschweren Ballade anzutreten, wenn man anderes von ihr gewohnt war? Wen sahen die Prüfer vor sich, wenn sie sich ihnen stellen würde? So viele Fragen. Und keine Antworten.

Endlich kam Mokta an der Akademie an und reihte sich still in die Reihe der Wartenden ein. Eine gespannte Stimmung schwebte über den hoffnungsvollen Talenten, kaum einer wagte zu sprechen.

Da knackte es im Com-Kanal von Moktas Helm. »Bist du auch so aufgeregt, Mokta?« Ohne eine Antwort abzuwarten, plapperte die junge weibliche Stimme munter drauflos. »Also, ich bin es, so richtig, weißt du? Ich konnte kaum schlafen, außerdem habe ich in der Nacht geschnarcht und jetzt ist meine Stimme angegriffen, ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt einen geraden Ton herausbekommen kann. Aber du hast solche Probleme bestimmt nicht. Was gibst du zum Besten? Danse, Danse vielleicht? Das ist doch ein Hit! Ich weiß gar nicht, ob ich dir Glück wünschen soll oder nicht. Auf der einen Seite könntest du mir meinen Platz vor der Nase wegschnappen, auf der anderen Seite, weiß ich eh, dass du weiterkommen wirst. Du hast es einfach drauf. Und hey, Mokta, du weißt ja, ich bin dein größter Fan!«

»Danke dir, Frou Frou. Aber sei mir nicht böse, ich möchte noch einmal an meinem Song arbeiten, mich vorbereiten. Ich wünsch dir alles, alles Gute. Du wirst deinen Traum bestimmt leben können, du packst das.«

Ein helles Kichern ertönte als Antwort, dann knackte es erneut im Com-Kanal und Mokta war nach diesem Überfall wieder alleine mit sich.

»Schwesterherz, ich suche dich.

Schwesterherz, wo versteckst du dich?

Ich weiß, dass es dich gibt,

ich weiß, dass du mich liebst.

In jeder Nacht kann ich dich hören,

wie wir uns schwören,

uns niemals zu verlassen,

egal, wie sich die beiden hassen.

Und doch bist du so lange fort,

bist nicht hier, sondern an einem anderen Ort.

Schwesterherz, ich suche dich,

Schwesterherz, denn ohne dich

bin ich nicht ich.

Ein Teil fehlt, die Sehnsucht webt mir ein Bild von dir,

ich wünschte, du wärst hier…«

Mokta hatte leise hinter ihrem verspiegelten Visier gesungen, der Atem hatte sich feucht an die Innenseite geschlagen. Mokta runzelte die Stirn, dann ließ sie sich ganz in die Sehnsucht und die Wehmut hineinfallen, badete in dem Gefühl der Verlorenheit und atmete tief durch.

Einen Moment später wurde sie in die Kuppel gebeten und zu der Probenbühne geführt. Auf dem Weg setzte sie ihren Helm ab, fuhr sich durch ihren Afro, der darunter zutage kam und schüttelte ihre Arme aus. Nach einer kurzen Vorstellung und der Übergabe ihrer Bewerbung auf einem Datenstick, war es dann schon so weit. Sie sang. Schwesterherz …

Nach ihrem Auftritt war es für einen Moment sehr ruhig. Dann begann eine der Prüferinnen zu applaudieren. Nach und nach fielen alle Mitglieder der Jury ein und Mokta wagte es, die Augen zu öffnen, die sie während ihres Vortrages geschlossen gehalten hatte. Dann lächelte sie – erst verhalten und dann strahlend, war wieder sie, die sie auch sonst war, heiter und unbekümmert und voll unbändiger Freude.

Als sie die Kuppel verließ, war sie ein Student der Akademie, ihr Song sollte in den kommenden Tagen produziert und veröffentlicht werden und was dann geschah, das würde man dann sehen.

2. Infer flucht

»Wo warst du heute, Infer? Ich habe dich gebraucht, wir haben einen neuen Job. Da ist ein Schiff von der Erde eingetroffen. Fünfzehn Jahre Flug, jede Menge Mikrobeschuss, Sternenstaub und defekte Hitzeschutzkacheln. Das putzt sich nicht von allein.« Suzannes Stimme, rau, heiser, lieblos und hart wurde jetzt noch mit einer Nuance Ärger gewürzt. »Morgen früh um sechs treten wir unsere Schicht an, schieb deinen Hintern dementsprechend früh aus dem Bett, klar?«

»Aber Maman, ich habe die Möglichkeit bei Giuso ein Praktikum als Coderin zu machen. Wenn alles glatt läuft, können wir viel mehr Kohle machen als mit dem Zusammenflicken dieser schrottreifen Wracks.«

»Das war keine höfliche Frage oder Bitte, das war eine Ansage. Schlag dir Giuso aus dem Kopf, du bist eine Schiffsratte, warst es schon immer und das wirst du auch bleiben.« Suzanne hob den Blick von dem technischen Panel ihrer Trockenwaschmaschine. »Das Ding will wieder nicht. Aber ich will mein teuer erarbeitetes Geld nicht in dreckige Wäsche stecken.« Sie überlegte einen Moment. Dann stand sie auf und reichte ihrer Erstgeborenen das Multitool. »Hier, mach dich nützlich und bring das Ding wieder zum Laufen.« Danach stiefelte Suzanne los, die Tiefen des Raumhafens zu erkunden. Sie setzte sich ab, wie so oft, wenn sie nicht weiterwusste.

Infer blieb zurück, das Multitool in der Hand. Ihre Schultern hingen herunter und der Ärger fraß sich durch ihre Innereien. Jeder andere hätte sich einen neuen Automaten gekauft oder wenigstens einen Handwerker, einen Spezialisten beauftragt, um das Ding wieder zusammenzuflicken. Aber jetzt hatte sie den Schrott am Hals. So wie ihr ganzes Leben von Schrott, Unrat und Schmutz geprägt war. Nichts wollte sie lieber, als gerade diesem Leben zu entfliehen. Aber solange sie unter Suzannes Hand dahinvegetierte, würde sich nichts an ihrer Situation ändern.

Sie spielte wieder einmal den einen Gedanken durch. Was, wenn sie sich abnabeln würde von Suzanne? Wenn sie sich ein Zimmer suchen würde, bei Giuso Coderin wäre und ihr eigenes Geld verdiente? Aber das hieße, dass es niemanden gäbe, der ein Auge auf ihre Mutter hätte. Denn je stärker Infer sie hasste, desto stärker war ihr Verantwortungsbewusstsein. Immerhin war es ihre Maman, der einzige Mensch, der ihr verbunden war. Infer spürte tief in ihrem Inneren, dass ihre Mutter ohne sie und die Erinnerungen an die Erde, an Terra Prima, komplett vor die Hunde gehen würde. Und das wiederum wollte Infer nicht auf sich sitzen lassen. Diesen Vorwurf wollte sie sich von niemand machen lassen. Es war wie verhext. Infer spürte, wie es in ihrer Brust eng wurde und nach einem quälend langen Moment entrang sich ihr ein schrilles »Fuck you! Fuck you, bitch!« Und sie knallte das Multitool auf die Waschmaschine. »Mach deinen Scheiß doch alleine!« Infer hieb sich die geballten Fäuste an die Stirn und raufte sich das schulterlange glatte schwarze Haar. Dann schmiss sie den Music-Com an und drehte die Lautstärke bis zum Anschlag auf. Die ersten Stücke waren harte treibende Beats, die Infer halfen, das Problem an dem Waschautomaten zu identifizieren. Als sie dann mit der Reparatur begann, wechselte die Musik zu einer opulenten Ballade. Das Intro war mächtig und zart gleichzeitig. Infer ließ das Multitool sinken, steuerte die Lautstärke etwas niedriger ein und lauschte. Schwesterherz …

Infer saß wie erschlagen auf dem Boden. Der Song rührte eine Seite an, die sie lange vor sich verborgen gehalten hatte. Als sie fünf Jahre alt gewesen war, hatte ihr Leben als Schiffsratte begonnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Suzanne den fremden Mann verlassen, den dunklen Mann mit den krausen Haaren und der breiten Nase. Den Mann, der so anders ausgesehen hatte, wie der Mann, der auf dem Foto in Mamans Portemonnaie lebte. Der war im wahren Leben schon lange tot, noch vor Infers Geburt gestorben. Aber da hatte es nicht nur den fremden Mann gegeben, mit dem sie nie so richtig warm geworden war. Da hatte es auch ein kleines Mädchen gegeben, mit milchkaffeefarbener Haut und einem wüsten Lockenschopf. Schwesterherz …

Das Radio verkündete, dass der gerade gespielte Song von Mokta Ngege stammte, einer Studentin der Akademie, von der man noch viel zu erwarten hatte. Infer runzelte die Stirn und schrieb sich den Namen in ihr smartes Comgerät. Danach nahm sie das Multitool wieder in die Hand und brachte die Reparatur zu einem passablen Ende. Dann erhob sie sich und machte sich auf die Suche nach ihrer Mutter.

Als sie den Raumhafen durchkämmte und in den ersten drei Etablissements keine Spur von ihrer Mutter fand, wusste sie, dass es wieder einmal so weit war. Keine Credits, kein Drink. Dabei war der Monat erst zur Hälfte herum. Sie würden wieder von der eisernen Reserve leben müssen, die Suzanne und Infer schon seit Jahren zur Erde zurückbringen sollte. Im letzten Loch sah Infer ihre Mutter schließlich über der Theke hängen, ein Glas mit billigem Fusel vor sich. Sie setzte sich neben sie.

»Ist wieder alles in Ordnung.« Dann nahm sie die goldene Creditkarte aus Suzannes Börse und hielt sie dem Bartender hin. »Einmal abrechnen, bitte.« Als der Vorgang abgeschlossen war, drehte sich Infer zu ihrer Mutter herum.

»Bereit? Es geht nach Hause, ausnüchtern. Vergiss nicht, du hast morgen einen Job.«

Suzanne stöhnte. Dann schmatzte sie laut. »Wenn du wüsstest, wo ich gerade bin. Die Tuilerien. Paris. Montparnasse. Endlich wieder einen ordentlichen Café au Lait. Einen Pastis. Alles ist besser als das hier.« Dann hob sie den Kopf und giftete den Bartender an. »Du willst deine Gäste wohl umbringen, Kerl. Hast den falschen Job, was?«

»Bring sie weg hier.« Der Keeper blieb cool. »Noch so einen Ausbruch, und ihr bekommt Hausverbot.«

Infer klemmte sich Suzanne unter den Arm und zog sie mit sich.

»Ohne dich wäre ich schon längst wieder auf der Erde«, maulte Suzanne. »Du bist ein Bremsklotz, ein Mühlrad an meinem Hals. Lass mich endlich zur Erde! Wenn ich dich doch nur nie bekommen hätte!«

Infer stieß ihre Mutter von sich und trieb sie vor sich her nach Haus. Sie schwieg verbissen, die Kiefer mahlten, die Fäuste waren geballt. Ihr Inneres war erfüllt von einem heißen Strom von Hass und Zorn. Sollte sie sich jetzt gehen lassen, würde sie Dinge sagen, die sie später wahrscheinlich bereuen würde. Aber sie stand knapp davor, dass ihr alles egal war…

3. Mokta ringt um Worte

Sechs Wochen später. Schwesterherz war ein voller Erfolg, die ganze Kolonie pfiff die Melodie vor sich hin, wobei die begeisterte Mehrheit dabei dem Song die Schwere nahm, indem sie mehr und mehr Leichtigkeit einfließen ließ. Mokta wusste nicht, was sie davon halten sollte. Auf der einen Seite freute sie sich schon, dass ihr Werk so gut ankam, auf der anderen Seite ärgerte sie sich über die Unbesonnenheit, mit der ihre Mitmenschen über den Text und die Bedeutung der gesungenen Worte hinweggingen. Aber so war es schon immer gewesen – die Fans eigneten sich die Gemmen an, schliffen sie in eine neue Form und erfreuten sich daran, egal ob Kopie oder Original. Keiner von ihnen wusste, dass der Text in Mokta weiterarbeitete. Keiner wusste um ihre Sehnsucht nach der Schwester, die täglich anstieg.

Aber genau so war es. Mokta dachte immer wieder, dass sie ein Fass aufgemacht hatte, dass um des lieben Friedens willen, am besten weiterhin fest verschlossen geblieben wäre. Ihr Vater, sonst ein liebevoller Mann, zugewandt und aufmerksam, schnappte ein wie eine Auster. Mokta hatte sich den Vergleich einmal von ihm erklären lassen: Austern waren Meereslebewesen mit einer harten Schale, die, einmal zugeschnappt, sich nicht so leicht öffneten. Nun gut, dann war ihr Vater zurzeit ein Meereslebewesen auf einem Planeten ohne freien Wassers, sollte er doch. Sie wollte trotzdem ihre Schwester finden, wusste nur nicht, wie sie es anstellen sollte. Eine Schnüffelnase beauftragen? So viel Geld hatte sie nicht. Also musste sie doch mit ihrem Vater sprechen, herrje, sie drehte sich im Kreis und das war nicht gut.

»Wie hieß denn meine Mutter?«

»Suzanne.« Ihr Vater bewegte sich einen Millimeter auf seine Tochter zu.

»Und wie war der Nachname? Hast du eventuell noch deine Heiratsakte? Da muss doch alles vermerkt sein.«

»Die habe ich bei der Scheidung ordnungsgemäß vernichtet. Da du meine Tochter bist und ich die Sorge für dich übernommen habe, war das ohne Probleme möglich. Nichts soll einen an die verpfuschte Ehe erinnern. Eine prima Einstellung der Behörden, sie haben nur nicht mit dem Wissensdurst der Kinder gerechnet.« Moktas Vater wandte sich genervt ab.

»Aber wie kann ich denn jetzt meine Halbschwester finden? Mit meiner Geburtsurkunde allein geht das doch nicht, oder?«

»Da muss doch der Querverweis zu Suzanne drinstehen. Versuchs da drüber.«

»Aber der führt mich zu ihr, nicht zu ihrer Tochter.« Mokta verzweifelte langsam.

»Versuch es dennoch. Geh.« Moktas Vater klappte wieder zu und sie drehte sich zum Ausgang der Kuppel herum.

»Papa?«

»Ja?«

»Wieso sperrst du dich dagegen, dass ich meine Schwester finde?«

Ihr Vater schwieg. Was sollte er schon sagen? Dass er ein schlechtes Gewissen diesem Kind gegenüber hatte, das er einst im Stich gelassen hatte? Dass er es einer kaltherzigen Person überlassen hatte? Einer Frau, die zu keinen tiefen mütterlichen Gefühlen fähig war. Einer Frau, die nicht wusste, was Liebe bedeutete. Fakt war, er hatte getan, was er tun konnte, hatte wenigstens sein eigen Fleisch und Blut vor einem Leben in der Gosse bewahren können. Aber eben nicht das andere. Und seitdem Moktas Lied durch die Gassen der Kolonie zog, ging es ihm nicht gerade besser. Denn auch er steckte mit einem Mal in Erinnerungen fest, die er lieber verdrängte.

Mokta deutete das Schweigen ihres Vaters falsch. Für sie war es Desinteresse und damit einhergehend eine tiefe Enttäuschung. Traurig verließ sie die Kuppel und wanderte durch das Botanische Viertel, vorbei an der Bürokratie und dem Bildungskomplex mitsamt der Akademie. Irgendwann stand sie mitten auf der Brache, die die Kolonie vom Raumhafen trennte. Vor ihr erhoben sich die rostigen Containerbauten, bis zu sechs Einheiten stapelten sich übereinander. Überall lag Unrat herum, als ob die allgemeinen Regeln zur Sauberkeit, Hygiene und Ordnung nur für die Kolonie gelten würden. Mokta krauste die Nase. Sie wusste nicht, was sie hierher getrieben hatte, sie wusste aber, dass allein der Anblick sie abstieß.

Während sie weiterhin wie erstarrt einfach an ihrem Platz stand, bemerkte sie, wie sich aus der Ferne, vom Raumhafen aus, eine Person auf einem Hoverboard näherte. Sie hielt direkt auf Mokta zu und stoppte kurz vor knapp vor ihr. Eine junge Frau in engem Raumhafenoutfit stieg ab.

In Moktas Com knackte es. »Kann man helfen?«, tönte es zynisch in Moktas Helm hinein. »Oder wollen die feinen Pinkel sich mal wieder an unserem Dasein aufgeilen?«

»Nein. Oder doch? Ich weiß es nicht.« Mokta verfiel in ihr nervöses Stottern, das immer auftrat, wenn sie sich unsicher fühlte. Die junge Frau vor ihr war so anders als die Menschen, die Mokta umgaben. Diese Frau war wild und eckig, scharfkantig und sie fluchte.

»Du gehörst hier nicht her. Also verpfeif dich zu deinen Palästen, zu deinen Kuppeln, zu deiner Kolonie. Und glotz nicht so. Das macht es weder besser noch schlechter.« Die Fremde streckte eine Hand aus und stupste Mokta an der Schulter. »Geh einfach. Hau ab!«

Mokta seufzte und wandte sich ab, da hörte sie wie die Fremde, die gerade wieder auf ihr Hoverboard stieg, Schwesterherz summte. »Hey!«, traute sie sich da, zu sagen. »Ich suche auch nach meiner Schwester. Ich weiß nur nicht, wie ich es anstellen soll.«

Da stoppte die andere ihr Lied und musterte Mokta aufmerksam. »Also meine soll irgendwo in den Kolonien stecken. Beim Grünzeug. Ich weiß nicht, wie das aussieht, im Raumhafen haben wir keines.«

»Ich glaube, meine ist hier irgendwo. Also dort.« Mokta deutete auf den Raumhafen. »Ich weiß aber noch nicht einmal, wie sie heißt. Ich kenne nur den Namen unserer Mutter.«

Die Fremde zögerte. Dann räusperte sie sich. »Meine heißt Suzanne. Suzanne Bellingfourt.«

Mokta klappte das Visier herunter. »Und wie heißt du?«

»Infer Bellingfourt.« Damit ließ Infer das Visier ebenfalls herunter. »Bist du etwa Mokta?«

Mokta nickte. Der Schreck war ihr in die Glieder gefahren, die Freude, die Erleichterung, kurzum ein komplettes Gefühlschaos hatte sich in ihr eingenistet und tanzte Polka, aber all das schnürte ihr den Hals ab und ließ sie um die passenden Worte ringen. Schließlich warf sie ihr ganzes Herz in das, was als nächstes folgte. Sie stolperte auf ihre Schwester zu und warf die Arme um sie. »Du bist es wirklich?«, jauchzte sie mehr, als dass sie es fragte.

Infer hielt still in diesem Schraubstock der Überwältigung, erwiderte die Umarmung nicht und begann zu planen, wie sie die jüngsten Ereignisse ausschlachten könne.

4. Infer erkundet Terra

Am Abend überraschte Infer ihre Mutter mit Fragen, die sie so noch nie gestellt hatte. Dazu hatte sie sich rittlings auf den klapprigen Stuhl geworfen, hatte sich mit einer Hand ein altes Fladenbrot vom Esstisch gegriffen und einen Placken mit den Zähnen davon abgerissen. Zwischen dem Beißen und Kauen presste sie ihre Fragen dann heraus.

»Wie war Terra, Maman? Wie war das Leben dort? Hast du es geliebt?«

Suzanne hob erstaunt eine Braue. »Was kümmert’s dich?«, schnappte sie rau. Der Tag war lang gewesen, die Arbeit in der Spülküche einer billigen Cantina, dem Zweitjob Suzannes, hart und dreckig, wie immer.

»Ich hab halt nachgedacht.« Infer hatte den Fetzen Brot vertilgt. »Du sagst doch immer, du willst unbedingt zurück nach Terra Prima. Und ich frag mich – warum? Ist das den Fünfzehn-Jahre-Flug wert?«

»Alles ist es wert, aus dieser Hitze herauszukommen. Und Terra, ach Terra. Die gute alte Erde, so haben wir sie genannt. Voller Grün und Wasser. Es gab dort Meere, weißt du? Und Seen, Staudämme, Deiche, Wälder, Äcker und Wiesen. Es gab Tiere, so viele Tiere. Nicht nur diese kleinen Fußhupen, wie sie in den Kuppeln der Kolonie herumzappeln. Pferde. Es gab Giraffen und Elefanten. Vögel, die zwitscherten den ganzen Tag, am liebsten aber am Morgen, um den Tag anzukündigen. Und es gab Städte. Richtige Städte mit allem Komfort. Du bist in eine Mall gegangen, in ein Magasin, einen Souk und du hast alles bekommen, was dein Herz begehrte.« Als Suzanne gewahr wurde, wie sehr sie ins Schwärmen geraten war, versiegten die begeisterten Worte und ein Schatten legte sich auf ihr Gesicht.

»Wieso hast du mich wieder in meine Erinnerung zurückgeworfen. Macht es dir Spaß, mich leiden zu sehen?«

Infer schüttelte den Kopf. »Nein, gar nicht. Aber ich suche einen Weg, dir deinen Traum zu erfüllen.«

»Du machst was?«

»Kann ich dir noch nicht verraten, ich weiß noch nicht, ob mein Plan klappt.«

»Welcher Plan denn?«

Infer erhob sich und streifte sich die Außenjacke über. Sie prüfte den Verschluss und griff dann zum Helm.

»Jetzt sag, welchen Plan meinst du? Wovon redest du da?«

»Na, dich endlich wieder zur Erde zurückzuschaffen, was denn sonst?« Damit setzte sich Infer den Helm auf und verließ die Wohnung. Suzanne saß erstarrt auf dem kleinen Sofa und fühlte sich mit einem Mal fiebrig. Erregt. Erstaunt und im freien Fall. Die Angst vor einem unsanften Aufkommen war groß, die Fallhöhe zwischen Hoffnung und Wirklichkeit war größer.

Infer hingegen hatte sich ihr Hoverboard geschnappt und fuhr zum Grenzstreifen zwischen Raumhafen und Kolonie. Auch sie machte sich Gedanken. Aber die kreisten hauptsächlich um Giuso, das Ziel, Coderin zu werden, und streiften am Rand ihre Halbschwester, die sie wie einen Touristen ausnehmen würde. Schwesterherz war so ein Erfolg, das musste doch ganz schön was abwerfen. Und da sie die gesuchte Schwester war, so fand Infer es nur fair, dass sie auch einen Teil des Kuchens abbekam. Und wenn sie den dann ihrer Mutter ins Maul stopfen sollte, um endlich ihr eigenes Leben leben zu können, dann sollte das eben so sein. In der Zwischenzeit wollte sie eben den Weg zur Kolonie einschlagen und selber in den Datenarchiven über Terra forschen. Außerdem wollte sie sehen, welches Leben ihre Halbschwester führte. Und sei es nur, um den Neid zu schüren und damit die Rechtfertigung für sich selber einzuholen, um ihre Schwester übers. Ohr zu hauen.

Sie hatte schon herausgefunden, in welchem Kuppelviertel der Biologe wohnte. Moktas Vater und ihr Stiefvater. Infer schluckte hart. Wut rauschte mit einem Mal durch ihre Adern. Recht hatte sie, das einzufordern, dass ihr schon so lange zugestanden hatte. Sie stand auf ihrem Gefährt, auf dem Weg zur Kolonie, der zeitlich gesehen recht kurz schien, aber eine schier unüberbrückbare Distanz für Infer bedeutete.

Als sie die unsichtbare Linie passierte, kam sie sich vor, als geriete sie ins Hintertreffen. Hier schien alles geordnet, sauber, reinlich, individuell, auch wenn die Kuppeln, in drei Größen verfügbar, sich einander ähnelten. Allein die Inneneinrichtung, die aus den meisten erleuchteten Bauten erkennbar war, prägten die Alleinstellungsmerkmale der Bewohner. Jeder war etwas hier. Jeder hatte einen Namen und nicht schlichtweg eine Bezeichnung. Hier war man eine Person, keine Funktion. Infer kämpfte gegen die Flut heißer Tränen aus Trotz und Neid und Verlangen oder Sehnsucht. Sie verhärtete ihren Geist und ihr Herz und hielt vor der mittelgroßen Kuppel, die gleich neben einer kleinen Kuppel stand. Während die kleine Kuppel einem Dschungel glich, strahlte die größere Bubble eine reine Ordnung in den Frühabendhimmel ab, die Infer blinzeln ließ. Sie sprang von ihrem Board ab, klemmte es sich unter den Arm und machte einen Schritt auf die Tür zu. Dann verharrte sie allerdings. Was sollte sie dem Biologen denn sagen? Hallo Daddy, ich bin’s, Infer! Erinnerst du dich noch? Du hast mich im Stich gelassen, damals, als ich fünf war und die Welt nicht verstanden habe. Was ich hier will? Ich weiß es nicht. Deine Tochter schröpfen, vielleicht. Und dir ein schlechtes Gewissen machen. Such es dir aus, ich bin da flexibel. Nein, das konnte sie nicht. Von sich selbst enttäuscht drehte sich Infer um und wollte gerade das Board besteigen, als die Schleuse der kleinen Kuppel zischte und Mokta in die Abendstimmung entließ.

»Infer?« Mokta klang erstaunt, dann aber strahlte sie von einem Ohr zum anderen. »Oh wie gut, dass du hier bist, ich freue mich wirklich sehr, dich wiederzusehen. Sag, hast du den weiten Weg extra für mich auf dich genommen?«

Infer nickte knapp. »Ich wollte dich fragen, wo man hier am ehesten etwas über Terra erfahren kann.«

Mokta überlegte kurz. »Komm mit mir«, sagte sie dann. »Ich muss zur Akademie, daneben befindet sich die Bibliothek … Dort sollte es einige versprengte Informationen zu Terra geben. Wahre Infos, das meiste ist allerdings Gehetze gegen den Mutterplaneten, damals, als die Kolonie sich etablieren wollte und die uneingeschränkte Zustimmung ihrer Bewohner benötigte.«

»Spring auf.« Infer nickte zum Board. »Bist du so etwas schon mal gefahren?«

»Nein«, gestand Mokta ein. »Dad hat es nicht erlaubt und irgendwann war ich zu ängstlich dafür.«

»Leg deine Arme um mich. Dann passiert auch nichts.«

Mokta tat wie ihr geheißen. Dann brausten die beiden Schwestern durch den Abend, auf den Straßen der Kolonie, als ob sie zeit ihres Lebens nichts anderes gemacht hätten. Vor der Akademie der schönen Künste stoppte Infer ihr Board sanft ab.

Als Mokta wieder festen Boden unter ihren Füßen hatte, fühlte sie sich beschwingt und aufgekratzt. »Sag mal, Schwesterherz, wieso willst du Aufzeichnungen von Terra sehen?«

»Weil ich wissen will, ob Suzanne mich belogen hat. Und weil ich wissen will, was sie mir vorzieht.« Infer ließ die Arme hängen und sah trotz ihrer Kluft und ihrem Helm aus, wie frisch geborenes Meerschweinchen, ganz allein und verloren. Mokta schlang ihre Arme um sie. Dann löste sie sich und lief zur Akademie hinüber. Sie war schon spät dran für ihren Termin, sie durfte nicht länger warten.

Infer hingegen suchte die Bücherei auf und starrte blicklos auf die wenigen bunten Videos, die sie in den Datenminen auftreiben konnten und einen Planeten von bezaubernder Farbigkeit, Grün und frischem Wasser zeigten und eine Tierwelt abbildeten, die sie sich so nie hätte vorstellen können.

Kein Wunder, dass Maman dorthin zurückwollte.

5. Mokta fasst einen Plan

Es musste also ein neuer Song her. Mokta seufzte. Alle erwarteten wieder so ein Brett wie Schwesterherz, aber woher nehmen und nicht stehlen? Konnte sie wirklich unter Druck so ein kleines Juwel aus sich herauspressen? Sie raufte sich die Haare, als Frou Frou vor ihr auftauchte.

»Hast du schon eine Idee, Mokta? Ach, die hast du ganz sicher, du, unsere Meisterschülerin. Du bestehst doch nur aus Melodie und Rhythmus. Aber hast du auch schon ein Thema?«

Die helltönende Bewunderung des jüngeren Mädchens, das es selbst nur mit Ach und Krach an die Akademie geschafft hatte, zwickte Mokta. Es war, als legte Frou Frou den Finger zielgerichtet in den Tümpel aus Selbstzweifeln und Ratlosigkeit, in dem Moktas Seele gerade dümpelte. Sie rang sich ein Lächeln ab, hob einen Daumen und spurtete dann zum Ausgang. Gerade als sie durch die Schleuse trat, kam Infer aus der Bücherei, ihr Board unter dem Arm.

»Infer? Du wirkst so niedergeschlagen. Was ist los?«

Infer, die sich in einem seltsamen Zustand der Ehrlichkeit befand, schaltete sich in Moktas Helm-Com. »Meine Mutter hat nicht gelogen. Kein Wunder, dass sie von hier weg will. Und kein Wunder, dass sie mich als Bremsklotz sieht. Allein hätte sie es wahrscheinlich schon längst geschafft.«

»Aber wenn sie das wirklich so sehr will. Wieso hat sie dich nicht mit eingepackt und ist mit dir zurück zu Terra?«

»Du hast bestimmt keine Geldsorgen, nicht wahr?« Infer schnaubte bitter. »Wenn sie das Geld gehabt hätte, dann wäre sie längst weg gewesen. Aber so oder so, bis zu meinem sechzehnten Geburtstag hätte sie mich gar nicht mitnehmen dürfen, weil ich offiziell ein Kind der Kolonie bin, den Statistiken nach. Erst seitdem ich sechzehn bin, kann ich die Entscheidung treffen, die Kolonie zu verlassen. Und so lange musste sie ja dableiben und mich versorgen.«

Mokta nickte leicht. »Und jetzt?«, murmelte sie dann. »Willst du jetzt mit ihr nach Terra?«

»Oh Gott, Nein! Terra ist Mamans Traum, nicht meiner. Am liebsten würde ich sie in die nächste Maschine stopfen und losschicken, aber das Geld fehlt. Also wird sie weiter hier sein, sich in den freien Tagen betrinken, herumnörgeln und das Leben beklagen.« Infer zuckte mit den Achseln. »Aber was soll’s, dann geht es eben so weiter, Tag für Tag und Schicht für Schicht. Was soll man machen?«

Mokta durchzuckte eine Idee. »Sag mal, Infer?«

»Ja?«

»Darf ich sie kennenlernen?«

»Wen? Suzanne?«

»Ja!«

»Warum?«

»Weil sie meine Mutter ist?«

»Ich weiß nur nicht, wie sie dich empfangen wird. Wahrscheinlich nicht freundlich.«

»Wieso denn? Ich habe ihr doch nichts getan.«

»Aber du könntest sie an bessere Tage erinnern.«

»Wenn du mich nicht mitnimmst, werden wir das nie herausfinden.« Mokta klang fröhlicher, als sie sich fühlte, aber sie hatte etwas im Sinn, dass sie nicht mehr losließ. Terra. Was musste das für ein Ort sein, der so eine Sogkraft hatte, dass man sein ganzes Leben darauf ausrichtete, wieder dorthin zurückzugelangen? Sie brauchte Antworten von Suzanne. Und sie brauchte ein Bild von ihrer Mutter.

»Es ist schon spät«, murrte Infer. »Willst du wirklich mitkommen?«

Mokta nickte.

»Dann spring schon auf.« Die ältere Schwester machte das Hoverboard startklar, stieg auf und wartete, bis Mokta ihre Arme um sie gelegt hatte. Danach ging die Fahrt los, und die Entfernung schien nur noch halb so weit zu sein, zwischen Kolonie und Raumhafen. Jetzt, wo beide Schwestern gemeinsam unterwegs waren.

An der Containersiedlung angekommen, stoppte Infer das Board und sprang in den Sand. Mokta folgte ihr. Licht schien aus dem kleinen Fenster und malte ein verzerrtes Quadrat mit scharf abgegrenzten Rändern auf den Boden. Suzanne musste also zu Hause sein. Während sich Infer mit der ihr eigenen Lässigkeit wappnete, zog sich in Mokta alles zusammen. Gleich würde sie die Frau sehen, die sie vor achtzehn Jahren auf die Welt gebracht hatte. Und von der sie seit fünfzehn Jahren nichts mehr gehört oder gesehen hatte. Was hatte sie sich nur gedacht?

»Komm mit.« Infer nickte zur Schleuse hin. »Hier draußen findest du nicht, was du suchst.«

Mokta folgte ihrer Schwester und trat in den Container. Umgeben von Textilien, die in verschiedenen Graden von Alter, Verschmutzung und allgemeinem Zustand über zwei Leinen und den zwei Stühlen hing, saß eine Frau mit immer noch schönen blonden Locken, die im krassen Gegensatz zu dem abgearbeiteten, vom Suff ausgezehrten Gesicht standen. Vor ihr befand sich eine Flasche mit klarem Inhalt, ein Wasserglas, gut gefüllt, gleich daneben.

»Wo bist du gewesen?«, lallte die Frau mit schwerer Zunge. »Sieh dir die Schweinerei an. Nichts kannst du, gar nichts. Nicht mal so eine kleine verwichste Waschmaschine reparieren. Jetzt musste ich alles mit der Hand waschen. Den ganzen Tag, den ganzen Tag.« Der Zorn wurde mit einem Schluck Sprit runtergespült.

Infer ließ ihren Blick über die Wäscheberge wandern. »Hast du unsere Wasserration etwa dafür verschwendet?«

Suzanne machte eine wegwischende Handbewegung. »Irgendwie muss es doch sauber werden, oder soll ich rumlaufen wie der letzte Hund?« Auf ihrem Gesicht wechselte der Ausdruck von Abscheu zu Seligkeit und zurück zu Trauer. »Ich hatte einen Hund, damals bevor meine Eltern beschlossen hierher zu kommen. Ich war so traurig, als ich ihn zurücklassen musste.«

»Aber du hast dich mit meinem Vater ja gut getröstet nicht wahr?«

»Und was hat es mir eingebracht? Dich.«

Mokta war geschockt. »Ich glaube, ich sollte gehen«, murmelte sie und machte schon den ersten Schritt rückwärts.