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Die Story von der Frau, die in Gallerte verwandelt wird – und sehr froh darüber ist … Die Story von dem Mann, der aufwacht, als die Menschheit schon lange ausgestorben ist – und sofort gejagt wird … Die Story von der Frau, die eine Zahnplombe verliert – und danach plötzlich in einer anderen Welt ist … Die Story von dem Teleskop, das in die Zeit zurücksehen kann – und endlich eine Antwort auf einer der wichtigsten Fragen der Menschheit findet, jedoch … Diese und andere verblüffende Storys kamen heraus, als der Herausgeber die Autoren fragte, was sie sich zu seinen Grafiken ausdenken könnten. In diesem Band sind die besten Geschichten versammelt von: Axel Aldenhoven, Anja Bagus, Gabriele Behrend, Dieter Bohn, Christian Endres, Jan Gardemann, Gerry Haynaly, Hubert Hug, Jörn Lausen, Thomas Le Blanc, Ellen Norten, Alexander Röder, Guido Rohm, Friedrich Salzmann, Tamara Schinner, Regina Schleheck, Franck Sezelli, Achim Stößer, Mala Jay Suess und Maximilian Wust.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2025
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AndroSF 231
Frank G. Gerigk
CAPRICE 02
Fantastische Kurzgeschichten
AndroSF 231
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Januar 2026
p.machinery Michael Haitel
Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.
Titelbild: Frank G. Gerigk
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 488 5
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 668 1
Was bedeutet Caprice?
Caprice steht für Eigensinn und merkwürdige Launen sowie sonderbare Einfälle. Genau jene sind es, die im Alltag die größte Reibung verursachen, weil sie Verwunderung und andere Emotionen erzeugen.
Jene Literaturgattung, die hierfür besonders exemplarisch steht, ist die Fantastik. Diese hat besonders in Deutschland eine Jahrhunderte währende Tradition und sich seither in Subgenres aufgefächert, deren Anzahl und Definitionen mittlerweile unübersichtlich geworden sind. Sie alle, obwohl höchst unterschiedliche Welten mal nah, doch meist sehr fern des Alltags, eint das Fiktionale und der Versuch, eben solche Ideen zu skizzieren.
Folgerichtig haben wir es in diesem Buch also umgekehrt gedacht: Normalerweise macht man eine Illustration zu einer Story. Diesmal jedoch schrieben die Autoren eine Geschichte zu einer Grafik, die sie sich aussuchen durften. Sie mussten sie sich weder akribisch an die Vorlage halten, noch galt es sonstige Regularien einzuhalten. Die Story sollte nur irgendwie von der Grafik beeinflusst sein – je deutlicher, desto besser, aber das war kein Zwang – und dem Bereich der Fantastik zugehören. (In den Kapiteln am Ende des Buchs wird näher auf die eigentlichen Grafiken eingegangen.) Und es wurden sehr unterschiedliche Autoren angefragt. In welcher Weise würden sich diese inspirieren lassen?
Heraus kam ein Feuerwerk von so vielen unterschiedlichen Welten, dass die Kontraste zwischen ihnen schon überraschend, beinahe ruppig sein können. Genau dies, was eine besondere Aufmerksamkeit für die Schönheit der einzelnen Texte und Ideen erfordert, macht Caprice aus.
Frank G. Gerigk
»Voilà!« Professorin Doktor Amra Kapur deutete feierlich auf das Gebilde, das die weite Halle dominierte. »Unser Kairoskop.«
Eine durchsichtige Kugel von annähernd zwei Metern Durchmesser ruhte auf einem Gestell aus mattgrau schimmernden Trägern. Drei kardanisch gelagerte Ringe, ineinander drehbar, erlaubten der Batterie an Mess- und Aufzeichnungsgeräten am inneren Ring, jeden Punkt der Oberfläche anzufahren. Zwei kreisförmige Balustraden aus Gitterrosten, durch Geländer zur Kugel hin abgesichert, umgaben die Konstruktion auf Äquatorebene und oberhalb des Nordpols der Kugel. Dutzende Arbeitsstationen standen auf Bodenebene in konzentrischen Kreisen um das Gebilde herum und vermittelten den Eindruck, man befände sich im Kontrollzentrum einer Raumfahrtagentur.
»Kairoskop?« Finja Ziegler legte den Kopf schief. »Benannt nach dem griechischen Gott Kairos? Warum nicht Chronoskop … wenn ihr schon die Griechen zitiert.«
Amra hob anerkennend eine Augenbraue. »Die alten Griechen hatten drei verschiedene Begriffe, um den Ablauf der Zeit zu beschreiben. Die alle auch als Gottheiten personifiziert wurden. Kronos ist die Bezeichnung für die kontinuierlich ablaufende … die chronologische Zeit. Äon ist die Lebenszeit, ein Zeitalter oder die Ewigkeit. Und Kairos schließlich ist die Gelegenheit, der Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein kann. Und genau das ist es, mit dem wir es zu tun haben. Wir suchen im Strom der Zeit nach genau dem richtigen, dem einen Zeitpunkt.«
Die Projektleiterin machte eine Handbewegung zu einer Gruppe von Männern und Frauen, die abseits an einer der vielen Arbeitsstationen stand, und hielt zielstrebig auf einen etwa dreißigjährigen Asiaten zu.
»Doktor Zhào kennen Sie ja noch von den Bewerbungsgesprächen.«
Der Mann streckte Finja die Hand entgegen. »Ich heiße übrigens Kagura.« Er grinste Amra Kapur an. »Nicht alle sind so förmlich wie die Chefin.«
Kagura Zhào wandte sich an die Gruppe von Wissenschaftlern. »Dies hier ist Finja Ziegler, Doktor in Biologie und Mineralogie. Sie soll uns beim Thema der Kristall-Compartments unterstützen.« Er nannte Finja im Gegenzug Namen und Funktionen einiger Wissenschaftler, die sie sich auf die Schnelle nicht alle merken konnte.
»Das muss für den Anfang reichen!«, schloss er die überhastete Vorstellung ab. »Denn du kommst gerade richtig. Gleich wird nämlich ein Peek starten. So nennen wir den Blick in die Vergangenheit.«
Die Wissenschaftler und die Direktorin verstreuten sich zu ihren jeweiligen Arbeitsstationen, während Kagura mit Finja über eine Gittertreppe die erste Balustrade um die Kugel erklomm.
Er stützte sich am umlaufenden Geländer ab. »Die Kugel ist aus Panzerglas – zu unserem Schutz und damit wir überhaupt etwas erkennen können. Denn ohne das Hochvakuum darin würden wir nur eine Art helles Elmsfeuer auf einer Kugeloberfläche sehen, wenn die Singularität mit den Luftmolekülen interagiert. Sie reagiert nämlich recht heftig mit der Materie im Hier und Heute. Du kannst also nicht so einfach die Hand in die Vergangenheit stecken.« Er verzog gequält das Gesicht. »Was das Team, dass die Methode des Tunnelns vor fünf Jahren entdeckte, schmerzhaft am eigenen Leib erfahren musste. Mögen sie in Frieden ruhen.«
Finja konnte ihre Augen nicht von der Kugel abwenden. »Und damit kann man sich wirklich jeden Zeitpunkt in der Vergangenheit ansehen? Ich meine, Theorie ist das Eine …« Sie stockte, als ihr ein Gedanke kam. »Habt ihr schon mal …?«
Kagura spreizte die Hände, als kenne er ihre Frage. »Wir haben strenge Regeln, was wir beobachten dürfen und was nicht. So gibt es Zeitpunkte in der Geschichte, die absolut tabu sind und deren Beobachtung strengstens verboten ist. Dazu gehört zum Beispiel das Leben und Sterben zweier Männer aus Nazareth beziehungsweise aus Mekka, sowie ein POV – ein Point of View – im Sommer 1947 in der Nähe eines kleinen Kaffs in New Mexico. Und überhaupt ist und wird alles, was die Menschheit in eine Krise stürzen könnte, als Verschlusssache deklariert.«
Er hob entschuldigend die Schultern. »Abgesehen davon können wir uns die POV nicht so einfach aussuchen wie einen Film auf einem Streamingportal. Der Betrieb der Anlage ist energieintensiv und teuer. Darum entscheidet eine international besetzte Kommission unter Aufsicht der Vereinten Nationen, was wir uns ansehen. Dies sind Dinge, die von nationenübergreifendem Interesse für die Menschheit sind.« Er grinste. »Also kein Unter der Dusche mit Cleopatra.«
»Achtung, wir tunneln!«, hallte es aus unsichtbaren Lautsprechern. Finjas Finger verkrampften sich um das Geländer der Absperrung. Ihre Hände wurden feucht. Ihre Fußsohlen fühlten die Vibrationen des Bodens, spürbare Auswirkung der titanischen Energien, die irgendwo weit unter ihnen erzeugt wurden. Gebannt starrte sie auf die gläserne Kugel. Die Ringe drehten testweise in die eine oder andere Richtung.
»Aufzeichnung läuft!«, kam es von den Kontrollpulten.
»Energielevel nominal.« Nacheinander meldeten die einzelnen Arbeitsstationen ihren Status.
Finja hört nicht hin. Sie war vom Geschehen in der Panzerkugel gefesselt.
Ein stetig heller werdender Fleck erschien im Zentrum der Kugel, er wuchs … und plötzlich war da ein Loch im Raum. Da Bild »dahinter« wackelte leicht, als würde man etwas in der Ferne mit einem Teleobjektiv beobachten.
Finja blinzelte. Es schien, als hätte jemand einen Kreis aus einem Bild ausgestanzt und ein anderes Bild dahinter gelegt. Eingefasst von der kardanischen Ringkonstruktion schaute sie auf eine sonnendurchflutete, karge Landschaft.
»Was zum …?« Sie bewegte den Kopf seitlich und vertikal. Dabei fiel ihr auf, dass ihr Blick nicht die Kugel fixierte, sondern durch die Kugel hindurch ging, als sei dort tatsächlich ein Loch, durch das sie hindurch sehen konnte, und dass der Hintergrund – das zweite Bild dahinter – mitwanderte. Sie wandte den Kopf zur Seite und bemerkte Kagura, der sie feixend beobachtete.
»Was du hier siehst, ist keine Abbildung, kein Fernseher oder eine Projektion, sondern tatsächlich ein vierdimensionales Loch in der dreidimensionalen Raumzeit. Durch dieses Loch sehen wir durch Raum und Zeit in unsere ferne Vergangenheit.«
»Könnte man uns …?«
»… sehen?«, fiel Kagura ihr ins Wort. Anscheinend war dies ebenfalls eine häufig gestellte Frage der Neuen. »Nein. Auf der anderen Seite sieht man nichts davon … von dem Loch. Ganz zu Anfang haben wir Experimente dazu durchgeführt. Wir haben den POV eine Stunde in die Vergangenheit gerichtet … auf genau den Zeitpunkt, an dem wir eine Stunde vorher gewartet haben. Wir konnten uns dabei beobachten, wie wir vergeblich nach einem Voyeur aus der Zukunft Ausschau gehalten haben. Wir können aus der Vergangenheit Informationen in Form von dem dort reflektierten Licht empfangen, wir können aber nichts in die Vergangenheit schicken. Augenscheinlich fließt die Information, das Licht, die Zeit – wie immer du es nennen magst – nur in eine Richtung.«
»Kein Ton?«, fragte Finja.
»Leider nein, nur Licht.«
Er wandte sich wieder der Kugel zu. »Du fragst dich bestimmt, warum das Bild so zittert. Nun, es ist gar nicht so einfach, einen bestimmten Ort anzupeilen und nachzuverfolgen.« Er machte eine dramatische Pause. »In vier Dimensionen! Die meisten Menschen realisieren wohl, dass die Erde sich um die Sonne bewegt. Dass dies mit circa dreißig Kilometer pro Sekunde geschieht, ist aber den wenigsten bewusst. Die Sonne ihrerseits – mit ihren Planeten, einschließlich der Erde – rast mit etwa zweihundertzwanzig Kilometern pro Sekunde um das Zentrum der Milchstraße. Die Milchstraße wiederum bewegt sich innerhalb der Lokalen Gruppe von Galaxien mit sechshundertdreißig Kilometer pro Sekunde in Richtung des Sternbilds Hydra. Wir befinden uns also jetzt bereits fast tausend Kilometer von der Position entfernt, an dem wir uns noch vor einer Sekunde befunden haben.«
Er holte tief Luft. »Also liegt der Ort dieses Point of Views nicht nur Millionen, Milliarden Jahre in der Vergangenheit, sondern auch zig Tausende von Lichtjahren räumlich von unserer jetzigen Position entfernt. Und das Ganze vollzieht sich ja nicht in einer geraden Linie. Die Erde dreht sich um sich selbst und wandert dabei auf einer Ellipsenbahn um die Sonne. Das allein macht im zeitlichen Verlauf des Jahres für einen beliebigen Punkt auf der Erde schon eine schraubenförmige Bewegung. Die Sonne dreht sich aber um das Galaktische Zentrum der Milchstraße. Die Milchstraße wirbelt durch den Leerraum. Das alles zusammen ergibt als Bahnkurve über die Zeit hinweg eine Superposition von Schwingungen, die aussieht, wie eine verbogene und verknotete Wendel durch den Raum. Dagegen …« Er machte eine dramatische Pause. ». ist das Lokalisieren eines Koordinatenpunkts auf der dreidimensionalen Oberfläche der prähistorischen Erdkugel ein Klacks. Die Erde dreht sich am Äquator ja nur mit vierhundertvierundsechzig Meter pro Sekunde um sich selbst. Und dabei habe ich das Eiern der Sonne um das gemeinsame Gravitationszentrum ihrer Planeten noch gar nicht erwähnt.«
Er deute auf eine der Arbeitsstationen. Ein schwarzes Schild über den Köpfen verkündete mit weißen Lettern »NAV«. Ein Witzbold hatte eine blaue britische Polizei-Notrufzelle auf die Stirnseite der Arbeitsstation gemalt.
»Die Kollegen von der Chrononavigation dort drüben berechnen das auf den Zentimeter. Aber genauso, wie ein Blick durch ein Fernglas schon mal wackelt, so wackelt unser POV beim Blick in die Vergangenheit.«
»Aber warum schweift man dann in so weite, zeitlich entfernte Ferne? Ich meine, das ist zwar total spannend und interessant, aber warum schaut man sich nicht zum Beispiel die benachbarten Sonnensysteme an, ob es da Leben gibt?«
Er lachte. »Würden wir gerne, das geht aber leider nicht. Die Energie, die man aufwenden muss, steigt quadratisch mit dem Abstand zur Erde. Egal, in welche Zeit man schaut, das verbraucht weniger Energie, als ein Blick quasi über den räumlichen Standort der Erde hinaus. Warum das so ist, ist noch vollkommen offen. Die momentan vorherrschende Theorie ist, dass es eine Verschränkung durch Raum und Zeit auf Quantenebene gibt. Wenn wir uns also die Erde in vier Milliarden Jahren Vergangenheit anschauen, braucht das weniger Energie, als ein Blick zum Mars in der Jetztzeit.«
Finja deutete auf die Kugel, auf der eine karge Felslandschaft zu sehen war. »Und in welcher Zeit befindet sich dieser Point of View gerade?«
Kagura Zhào deute auf eine Digitalanzeige. »THU – 3.901.219.896 – 164 – 16:13:52«, stand dort mit übergroßen Lettern.
»Willkommen am Donnerstag, dem hundertvierundsechzigsten Tag des Jahres, vor rund drei Komma neun Milliarden Jahren.« Kagura grinste. »Ungefähr just about tea time.«
Kagura Zhào wurde wieder ernst. »Unser momentanes Projekt betrifft nun mal den Beginn des Lebens auf der Erde. Darum brauchen wir ja auch Deine Expertise.«
Bis vor wenigen Tagen hatte Finja nicht einmal gewusst, auf welche Stelle genau sie sich beworben hatte. In der Ausschreibung war lediglich von einem »wissenschaftlichen Mitarbeiter in einem multinationalen Projekt« die Rede gewesen. Umso größer war ihre Überraschung, als sie erfahren hatte, dass sie Anteil am größten Projekt seit der Errichtung der internationalen Mondstation haben sollte.
Die gängige Lehrmeinung besagte, dass die Erde vor rund vor 4,6 Milliarden Jahren aus einer wirbelnden Masse aus Gasen und Materiebrocken entstanden ist. Nach dem Abkühlen vor vier Komma zwei Milliarden Jahre bestand die dünne Hülle der Uratmosphäre vorwiegend aus Methan und Ammoniak. Die Sonne bombardierte die Oberfläche mit UV-Strahlung. Meteoriten – umherfliegende Gesteinsbrocken, die bei der Planetenbildung übrig geblieben waren – stürzten auf die Erde und brachten dabei Kohlenstoffverbindungen, Wasserstoff und möglicherweise Aminosäuren mit sich. Im Inneren des 1969 in Australien auf die Erde gestürzten Murchison-Meteoriten – mit vier Komma fünf Milliarden Jahren genauso alt wie die Erde – entdeckte man mehr als siebzig verschiedene Aminosäuren. Diese Theorie von der Entstehung des Lebens durch Lebensbausteine von »außerhalb« der Erde war als Panspermie bekannt.
Rund eine Milliarde Jahre nach ihrer Entstehung war die Erde ein unwirtlicher, immer wieder von gewaltigen Katastrophen erschütterter Planet. Vulkane spien Gase und Wasserdampf und sättigten die Luft mit Wasser, Kohlendioxid, Stickstoff und Kohlenmonoxid an. Der Wasserdampf der Atmosphäre begann zu kondensieren und ließ die Ozeane entstehen.
Kagura fuhr fort: »Zwar belegten Stanley Miller und Harold Urey 1953 in ihrem legendären Experiment die Theorien über die präbiotische Entstehung organische Lebensbausteine in dieser ›Ursuppe‹, allerdings blieben viele Fragen offen. Lange Zeit dachte man, das Leben sei an hydrothermalen Quellen am Meeresgrund entstanden. Wir vermuten die Wiege des Lebens nicht im Meer, sondern an Land, in kleinen Tümpeln rund um Geysire oder heiße Schlote. Es gibt die Theorie, dass abgegrenzte Kammern in bestimmten Kristallen als solche Orte, aber auch als Katalysatoren fungiert haben könnten. Diese Compartments könnten den Bausteinen des Lebens das optimale chemische und physikalische Umfeld geboten haben, um sich zu den ersten Zellen zusammenzulagern.«
Finja nickte. »Quasi, anstatt Ursuppe, präbiotischen Pfannkuchen in steinernen Nischen in Montmorillonit, Pyrit und ähnlichen Mineralien.«
»Und deshalb brauchen wir eine Mineralogin. Dass du außerdem in Biologie promoviert hast, ist ein angenehmer Bonus und der Grund, weshalb letztlich die Wahl auf dich gefallen ist.« Kagura deutete auf die gläserne Kugel. »Wir können nicht einfach vor- oder zurückspulen wie bei einem Video. Wir müssen uns einem POI, dem Point of Interest, iterativ nähern, – und dann beobachten und aufzeichnen. Wir springen in eine Zeit und schauen uns die Ausbreitung des Lebens an. Dann schauen wir uns weitere Zeitpunkte davor und dahinter an. Aus diesen Daten ermittelt eine KI einige POI, die nacheinander angesprungen werden, um so den möglichen Zeitpunkt des Ursprungs des Lebens auf der Erde zu ermitteln. – Und, tja …« Kagura holte tief Luft. »Dieses Herantasten hat alle hier versammelten Wissenschaftler überrascht, denn es brachte nicht das Ergebnis, das wir erwartet hatten. Wir haben Anzeichen dafür gefunden, dass es bereits vor 4 Milliarden Jahren Spuren von Leben auf der Oberfläche gab. Auf der Oberfläche! Obwohl man davon bislang keine fossilen Spuren in der Jetztzeit gefunden hat.«
Die nächsten Wochen waren das Aufregendste, das Finja in ihrem Leben je erlebt hatte. Fast jeden Tag »tunnelten« sie in die Vergangenheit – und Finja war dabei. Leider konnten die Forscher keine Proben nehmen, darum mussten sie sich auf das Sehen und Aufzeichnen beschränken – mal aus großer Höhe, mal dicht über der kahlen Oberfläche einer Erde im frühen Präkambrium.
Was sie dabei entdeckten, widersprach dem, was man aus Fossilien zu wissen glaubte.
Der gängigen Lehrmeinung nach entstanden die ersten Pflanzen, wahrscheinlich einzellige Algen, vor etwa 3,8 Milliarden Jahren im Urmeer. Und erst vor 500 Millionen Jahren – nach bisherigem Kenntnisstand und durch Fossilien belegt – entwickelten sich die ersten Landpflanzen aus Wasserpflanzen und besiedelten das Land. Die bisherigen Sprünge in die Vergangenheit hatten jedoch gezeigt, dass bereits vor rund vier Milliarden Jahren niedere Pflanzen wuchsen, während die Meere noch tot und leer schienen.
Sie sprangen mit dem Kairoskop vor und zurück durch die Zeit von vor rund vier Milliarden Jahren und sahen die Gewächse im Westen des Urkontinents sich ausbreiten und wieder verschwinden.
Fast schien es, als sei das Leben an Land entstanden, dann in das Meer zurückgetrieben worden, bevor es erneut – und diesmal erfolgreich – zur Eroberung des Landes ansetzte.
Also näherten sie sich in immer kleiner werdenden Zeitsprüngen – iterativ und durch die KI immer genauer bestimmt – dem Zeitpunkt und dem Ort »Null«.
Wie erwartet zeigte der Blick durch das Kairoskop eine leblose Erde.
Finja war einerseits aufgeregt, andererseits enttäuscht. Denn weit und breit war kein Tümpel oder eine entsprechende »feuchte« Mineralienformation zu sehen, die den Theorien über die Kristall-Compartments entsprach.
Finja zog die Brauen zusammen, dann deute sie auf die Kugel mit dem Loch durch Raum und Zeit. »Da glitzert etwas in der Sonne!«
Einige Wissenschaftler kamen zu ihrem Blickpunkt auf der Balustrade.
»Seht ihr das? Ein Eisfeld?«
Kagura gab Anweisung, den POV näher heranzubringen. Die Berechnungen dauerten ein paar Minuten, dann »flog« das Abbild in der Kugel zitternd über die steinige Ebene.
Plötzlich rief jemand entgeistert: »Was ist das?«
Das Ding war grob kugelförmig, wobei die untere Hälfte gestauchter wirkte. Es schien auf irgendwelchen Ausbuchtungen oder stummelförmigen Landebeinen zu ruhen. Deutlich sichtbare Rinnen oder Schrunden verliefen von Pol zu Pol. Farblich hob es sich vor dem Hintergrund des gewaltigen, schneebedeckten Gebirgsmassivs kaum ab, schon deshalb, weil seine spiegelnde Oberfläche die Umgebung stark reflektierte.
»Jedenfalls nichts Natürliches!« Finja verspürte den Drang, vor Neugier in die Kugel hineinkriechen zu müssen. Sie trippelte um die Kugel herum, um einen anderen Blickpunkt in die Umgebung zu bekommen. Plötzlich erstarrte sie. Ihre Finger krampften sich um das Geländer.
»Hey, Leute!«, keuchte sie. »Da hinten spaziert jemand herum!«
»Ein vollkommen ungeeigneter Planet.« Tschitschetsch klappte die Handanzeige der Sensoreinheit zu. Ihre Stimme klang dumpf unter der Atemmaske hervor. »Bodenschätze sind zwar vorhanden, aber nicht in der Menge, dass sich der Aufwand für den Abbau lohnen würde.«
Sie sah zur Planetenfähre, die weit entfernt wie ein Quecksilbertropfen vor dem Panorama der Berge lag. Mit dem Bodengefährt hatten sie verschiedene interessante Stellen im weiten Umfeld der Fähre angefahren und sich dabei ein ganzes Stück von der Fähre entfernt.
»Und zur Kolonisation wäre der äußere Nachbarplanet besser geeignet. Dort müssen wir wenigstens keine Masken zur Sauerstoffanreicherung tragen. Allerdings haben die dortigen Erkundungsteams gerade durchgegeben, dass die Nummer vier zu klein ist, um die Atmosphäre auf Dauer zu halten.«
Tschitschetsch packte den Transportgriff der hüfthohen Sensoreinheit. »Komm, einpacken! Wir sind in diesem Sonnensystem fertig. Fass mal mit an!«
Sie drehte den Kopf zu ihrem Kollegen. »Was ist los mit dir?«
Etschpsischel krümmte sich und hielt mit einem Arm seine Körpermitte umfasst.
»Krämpfe«, presste er hervor. »Ich habe dir gesagt, dass das Taschtapschul verdorben war.«
Tschitschetsch machte eine Geste des Bedauerns. »Und jetzt?«
»Ich glaube, ich bekomme Durchfall!«
Tschitschetsch deutete einladend zu ihrer Planetenfähre. »Wir sind hier sowieso fertig. In zwanzig Zeiteinheiten sind wir bei der Fähre.«
Etschpsischel krümmte sich noch stärker. »Schaffe ich nicht mehr«, sagte er gepresst.
»Tja, dann«, sagte Tschitschetsch und deutete auf einen größeren Felsbrocken in der Nähe.
Zischend presste Etschpsischel die Atemluft unter der Maske hervor. Dann schleppte er sich zum Felsen, öffnete seine Hose, zog sie bis zu den Fußknöcheln herunter und ging in die Hocke.
»Das ist jetzt nicht wahr!« Finja sah in entsetzte Gesichter um sie herum. Sie alle hatten gesehen, was sie gesehen hatte. Und die Kameras hatte es aufgezeichnet.
Zwei Humanoide. Entfernt menschlich, auch wenn die Proportionen falsch wirkten. Silbrig glänzende Kleidung. Übergroße Augen in einem Gesicht, dessen untere Hälfte von einer Art Maske bedeckt war. Ein Räderfahrzeug, das frappierend an das Lunar Roving Vehicle, das »Mondauto« der APOLLO-Missionen erinnerte.
Die Wesen hatten Dinge auf dem Wagen verstaut, sich dabei augenscheinlich unterhalten, und dann …
Die eilends hinzugerufene Amra Kapur hatte anscheinend den Atem angehalten, denn nun stieß sie die Luft lautstark aus ihren Lungen. »Meine Damen und Herren, Ihnen ist ja wohl klar, dass das unter Verschlusssache fällt! Und ich muss ja nicht extra erwähnen, was es bedeutet, wenn diese Information an die Öffentlichkeit gelangt. Das Leben ist nicht von sich aus entstanden – weder im Urozean, noch in Tümpel oder Kristall-Compartments, sondern wurde … hinterlassen.«
Einer der Wissenschaftler schüttelte den Kopf. »So viel zum Thema Pan… äh …spermie.«
»Wohl eher Pan-Kopromie«, sagte Finja heiser. Sie räusperte sich. »Von kópros, dem griechischen Wort für Kot, Mist und Schmutz.«
»Scheiße!«, entfuhr es einem der Techniker.
»Ja, auch das«, fügte Kagura tonlos hinzu. »Bakterien, abgelöste Darmzellen, Enzyme, Proteine, vielleicht sogar unverdaute Pflanzensamen … die die Erde kontaminierten und die Evolution in Gang setzten.«
Finja schaute zur Anzeige der Chrononavigation. »Der Beginn des Lebens auf der Erde lässt sich jedoch exakt datieren.« Ihr Blick fuhr die lange Reihe von Zahlen entlang und blieb an der Buchstabenfolge am Anfang der Kette hängen. »Es war ein Dienstag.«
Putzmittel – ein billiger Geruch nach Putzmitteln steigt mir in die Nase. Ich öffne die Augen, blinzele, aber die weiße Wand vor mir will nicht schwinden. Rechts das gleiche und links – da bauscht sich ein blassgelber Vorhang vor einem leicht gekippten Fenster. Wo bin ich?
Der Schlauch, der sich mit einer Kanüle in meinen Unterarm bohrt, gibt mir Gewissheit. Ich liege im Krankenhaus, hänge am Tropf. Was ist passiert? Que pasa? Gerade bin ich noch auf der Rambla in Barcelona spazieren gegangen, hatte mir einen Torroneriegel an einem Stand gekauft, diesen aber dann doch nicht gegessen. Da war zuvor am Hafen der leckere Fisch, dann das Softeis, danach wurde mir komisch. Ein Geschmack, der sich nicht beschreiben lässt, fast als würde man Kreide essen, breitete sich in meinem Mund aus, mir wird schon bei der Erinnerung schlecht.
Ich hatte mich auf eine Bank am breiten Fußgängerboulevard gesetzt, dem bunten Treiben auf der Pulsader Barcelonas zugeschaut. Da blendete mich die Sonne, die durch das Blätterdach einzelne Strahlen auf mich schoss, gelbes Licht, weißes Licht, dann grünliche Streifen, ich verliere das Gleichgewicht, Menschen um mich herum, Schwärze.
Aber deshalb gleich ins Krankenhaus. Steht es so schlimm um mich? Es muss doch eine Klingel hier geben. Meine Arme sind schwer, zu schwer, ich finde die Klingel nicht und schlafe wieder ein.
»Ola!« Eine warme Hand streicht mir über die Schulter, schüttelt mich sachte. »Hallo, ich bin Estrella Urriaga, ihre Ärztin. Können sie mich hören?«
Ich blinzele und sehe eine junge Frau im weißen Kittel. Ihr Gesicht nahe an meinem, ein leichter Geruch nach Vanille strömt mir entgegen, einzelne dunkle Haare haben sich aus ihrer Frisur gelöst, streifen meine Wange. Das kitzelt. Ihre dunklen Augen über einer leicht gebogenen Nase schauen mich an, fast meine ich ihren Atem zu spüren.
»Geht es wieder?« Ihr spanischer Tonfall ist nicht zu überhören. Sie steht über mich gebeugt da.
»Was ist passiert, que pasa, Señora Urri?«, frage ich irritiert.
Die Ärztin lacht über mein Spanisch.
»Sie können Deutsch mit mir sprechen und Estrella reicht. Sie haben verdorbene Lebensmittel gegessen. Wir haben ihren Magen ausgepumpt, aber ein Teil ist schon ins Blut übergegangen. Die Analysen laufen noch, wir wissen noch nicht, wer oder was sie da quält. Vielleicht eine Infektion, vielleicht aber auch eine Vergiftung. Wir behalten sie zur Sicherheit noch hier.«
Auch das noch, schönes Barcelona – und jetzt schönes Krankenhaus. So hatte ich mir meine Städtetour nicht vorgestellt.
»Hier ist etwas Tee, zu essen gibt es frühestens morgen etwas.«
Kaum ist die Ärztin weggegangen, überfällt mich wieder der Schlaf.
Ich wache von dem Geräusch auf, den ein Vorhang beim Zurückziehen verursacht, ein kurzes, scharfes schhh, wie eine Mutter, die ihr Kind zum Schweigen bringen will. Es ist Morgen und durch das nun freiliegende Fenster sehe ich, die Fenster des gegenüberliegenden Hauses.
»Buenos dias!« Die Schwester wirbelt durch das Zimmer, stellt mir eine Tasse Tee auf meinen Nachtisch und ist auch schon wieder verschwunden. Ich schaue wieder zum Fenster, sehe die hochherrschaftliche Häuserfront, oben das Dach, dass sich nur durch eine Art Sims zu erkennen gibt. Kurioserweise bewegen sich Schatten an der oberen Kante und ich versuche, zu erraten, was diese Schatten verursacht.
Pflanzen, vermutlich, Ziersträucher, die über meinem Fenster auf dem Dach, vielleicht einer Dachterrasse stehen. Der Wind bewegt ihre dünnen Äste und die Schatten winken mir zu. Dann nähert sich ein Schatten von oben, landet zwischen den Sträuchern. Ein Vogel, ein riesiger Vogel, der gerade seine Flügel anlegt. Für eine Krähe oder Taube ist er zu groß. Wie spannend, mal sehen, was das Schattentheater noch hervorzaubern wird. Tatsächlich nähert sich ein zweiter Vogel, der den ersten überragt, soweit man dies bei Schatten wirklich beurteilen kann. Die beiden bewegen ihre Hälse aufeinander zu. Ist es ein Liebesspiel oder bahnt sich ein Kampf an? Was mögen das für Tiere sein, hier mitten in der Stadt?
Da rauscht wieder die Schwester herein. Sie spricht mich auf Spanisch an, ihre Worte sprudeln wie ein Wasserfall aus ihrem Mund. Ich verstehe buchstäblich nichts, niente, nada. Ich möchte sie nach den Vögeln fragen, aber das würde sie nur verwirren. Also nicke ich lediglich und freue mich über die Suppe, die sie mir auf den Nachtisch stellt. Die leere Teetasse wird durch eine Flasche Wasser ersetzt. Schon ist die Schwester wieder verschwunden und ich bleibe allein.
Inzwischen sind die Vögel aufgestiegen, ich habe es an ihren Schatten verfolgt und gehofft, dass ich sie kurz erblicken kann, wenn sie die Straße vor meinem Fenster überfliegen. Der gegenüberliegende Dachabschluss und der, der sich vermutlich über meinem Zimmer befindet, geben einen Zwischenraum frei und präsentieren darin ein Stückchen Himmel. Doch anscheinend sind die Tiere in eine andere Richtung geflogen. Immer wieder wandern meine Augen zum Fenster, warten auf die Rückkehr der Schattengestalten doch vergeblich. Inzwischen ist die Sonne weitergezogen, die Schatten sind verschwunden und ich sehe das Nachbarhaus im strahlenden Sonnenlicht. Die Vögel lassen sich nicht mehr blicken.
Der Tag vergeht und meine Kräfte kehren zurück. Der Tropf ist ab, das Mittagessen scheint mir zu bekommen und morgen steht meine Entlassung an, so verkündet es mir meine Ärztin. Die endgültige Diagnose sei aber noch offen. Auch wenn es inzwischen fast Abend ist, frage ich Estrella nach den Vögeln.
»Oh, wir haben hier viele Vögel, die meisten sind Krähen und Tauben«, antwortet sie mir.
»Aber die Schatten sind viel größer, Kraniche, Flamingos, so groß müssten die Tiere mindestens sein«, wende ich ein.
Estrella lacht. »In Spanien gibt es Flamingos, natürlich, auch Kraniche und Störche, aber nicht mitten im Zentrum von Barcelona. Und Enten und Gänse leben normalerweise nicht auf Flachdächern hoher Wohnhäuser.« Sie würde mal darauf achten, ob sie etwas sehe und die Kollegen fragen. Vielleicht ließe sich so das Rätsel klären, fügt sie hinzu.
Estrella drückt mir kurz die Hand und verlässt den Raum. Inzwischen hat mich eine geradezu detektivische Neugier gepackt. Morgen, nach der Entlassung werde ich versuchen, nach oben zu gelangen. Wäre doch ein Witz, wenn ich als Biologin das ornithologische Rätsel nicht lösen könnte.
Am nächsten Morgen scheint die Sonne und das Schattentheater beginnt von Neuem. Die beiden Vögel kommen und gehen, besser gesagt sie landen und fliegen kurz danach wieder davon. Zwischen den Sträuchern könnte sich ein Nest befinden, denn die hier deutlich breitere Lücke, zeigt einen leicht geschwungenen Schattenrand, der über dem sonst sichtbaren Boden schwebt. Außerdem meine ich, dass die beiden Vögel dort ihre Hälse nach unten biegen, als wenn sie ihre Jungen füttern. Einmal taucht sogar etwas aus dem Nest auf, ein Kopf? – Die Sache wird immer spannender.
Fast zeitgleich mit dem Abwandern der Sonne und dem heutigen Ende des Schattentheaters betritt die Ärztin den Raum. Sie nennt mir einen lateinischen Namen, doch der hat nichts mit den Vögeln zu tun, sondern ist die Bezeichnung des Erregers, der mir die Sinne geraubt hat. Sie überreicht mir die Entlassungspapiere und wünscht mir alles Gute.
»Und die Vögel? Haben sie etwas herausbekommen? Haben die Kollegen etwas beobachtet?« Estrella schaut irritiert.
»Ach so, die Kollegen wissen auch nichts«, antwortet sie schnell, fast zu schnell. Ich habe das Gefühl, sie hat die Vögel völlig vergessen. Naja, als Ärztin kann sie sich nicht um alles kümmern und ihre medizinische Betreuung war bestens. Also bedanke ich mich und packe meine Sachen. Als ich wenig später das Zimmer verlasse, achte ich darauf, dass ich allein im Gang bin.
Neben dem Fahrstuhl, der in dieser Etage endet, befindet sich eine Treppe, die sowohl nach oben als auch nach unten führt. Ich nehme den Weg nach oben. Die Treppenstufen sind hier schmaler als bei dem Weg nach unten, wirken wenig benutzt. Auf dem grauen Boden ist deutlich eine Staubschicht zu erkennen. Nach einem Blick nach links und rechts eile ich die Treppe rauf. Das Treppenhaus verdunkelt sich, ein Fenster ist nicht vorhanden und die nackte Glühbirne, die hier statt einer modernen Lampe hängt, spendet kaum Licht. Den nächsten Treppenabschnitt steige ich bedeutend langsamer und vorsichtiger hinauf. Ich lausche auf mögliche Geräusche, rechne aber nicht wirklich damit, hier jemandem, wem auch immer, zu begegnen.
Das ganze Treppenhaus steht im scharfen Kontrast zu dem modernen Krankenhaus unter mir. Eigentlich erwarte ich eine Tür, die nach draußen führt, aber das Treppenhaus führt noch weiter nach oben. Inzwischen erhellt grelles Sonnenlicht, das durch einen schmalen Spalt fällt, notdürftig den Raum. Während das gebündelte Licht mich blendet, ist der Kontrast zum dunklen Treppenhaus noch stärker, ich taste mich regelrecht am Geländer entlang.
Endlich, die Treppe endet und ich stehe vor der Tür, an deren Seite das Außenlicht eindringt. Schloss und Klinke entdecke ich nicht, stattdessen gibt es einen kleinen verbogenen Riegel, der die Tür verschließt. Sofort versuche ich, diesen zu öffnen, doch das Metallteil ist korrodiert, vermutlich festgerostet und lässt sich nicht bewegen. Aber ich gebe nicht auf, nestele aus meiner Tasche die kleine Nagelfeile und beginne damit zwischen den Teilen zu kratzen. Das gelingt besser als erwartet. Einige Roststücke springen ab, der Schieber lockert sich und mit einigem Geschick kann ich ihn tatsächlich zurückziehen.
Jetzt stoße ich gegen die Tür. Die bewegt sich zwar, doch nur wenige Millimeter, denn sie klemmt im Rahmen. Das altersschwache Holz hat sich verzogen. Das sollte zu schaffen sein, ich möchte nur keinen Lärm veranstalten, will bei meiner Expedition aufs Dach unentdeckt bleiben. Also stoße ich immer wieder vorsichtig mit meiner Körperseite gegen die Tür. Diese kratzt einige Millimeter nach vorne, gibt jedoch nicht nach. Ich stoße und drücke, bis sie endlich quietschend nach außen schwingt.
Die Sonne ist gleißend hell, blendet mich, doch ich bin eindeutig da, wo ich hinwill. Ich sehe den Dachabschluss des Hauses gegenüber nun auf gleicher Höhe. Vor mir stehen die Sträucher, die sich dort als Schattenriss abgezeichnet hatten und dazwischen befindet sich tatsächlich ein großes Nest. Die Vögel sind nicht da.
Vorsichtig gehe ich nach vorne, habe auf einmal ein ungutes Gefühl. Ich möchte die Küken nicht stören. Außerdem irritiert mich die ungeschützte Kante am Ende des Flachdaches. Kein Geländer oder Ähnliches dient der Sicherung. Ich bin nicht schwindelfrei und möchte mein Abenteuer nicht mit dem Leben bezahlen, schließlich befinden wir uns mindestens im siebten Stock. Im Schneckentempo bewege ich mich nach vorne. Es ist inzwischen Mittag und das Sonnenlicht ist unglaublich grell. Was, wenn die Vögel von hinten kommen, ihr Nest bedroht sehen und mich angreifen? Ich bleibe stehen. Hätte ich doch nur meine Sonnenbrille dabei. Ich blinzele und drehe mich langsam um. Die Sonne steht für die Mittagszeit eigentümlich tief, ich kann kaum etwas erkennen. Das Dach, die Tür, wo sind sie?
Vor mir erstreckt sich eine weite Landschaft. Ein Meer von leuchtend roten Blumen, grüne Bäume, am Horizont zeichnen sich Berge ab. Das ist doch nicht Barcelona! Ich stehe wie angewurzelt da, mein Puls rast, und ich versuche, einen klaren Gedanken zu fassen. Was ist das? Was sehe ich da? Die Bäume sind mir fremd. Beim genaueren Hinschauen wirken sie wie Farne und auch die Blumen, inzwischen verschwimmen ihre Konturen, es könnte sich auch einfach um roten Sand handeln. Die Berge im Hintergrund beginnen Feuer zu speien, es sind Vulkane, und ein leichter Hauch von Schwefel trifft meine Nase. Wo bin ich? Die Landschaft wirkt wie aus Zeit und Raum gefallen. Wo soll das sein? Ganz langsam drehe ich mich wieder in die andere Richtung. Die Bilder verblassen, die Dachterrasse des Krankenhauses nimmt Kontur an. Es ist, als ob ich auf der Grenze zwischen zwei Welten stehe.
Ich habe Angst, kann ich den Rückweg überhaupt finden? Nicht jetzt daran denken, zwinge ich mich. Du willst doch das Geheimnis ergründen, auch wenn ich nicht dachte, dass es sich so rätselhaft darstellt. Das kann doch alles nicht sein. Nicht umschauen, ich gehe auf das Nest zu. Da schnellt ein Kopf auf einem dürren, blau geäderten Hals hervor. Der Kopf schwankt vor und zurück, als ob er jeden Moment abbrechen könnte. Riesige schwarze Augen, die teilweise von einer Nickhaut überzogen sind, schauen mich an.
Hässlich, das Vieh ist unglaublich hässlich. Sein Schnabel ist gebogen und trägt noch den Höcker, mit dem es die Eischale durchschlagen hat. Runzelige blässlich rosa Haut ohne Federn, von einem blauen Geflecht durchzogen, in dem das Blut pulsiert. Da gibt das Tier einen markerschütternden Schrei von sich. Das Nest beginnt zu wackeln. Der widerwärtige Nestling schreit und strampelt, da kippt die ganze Angelegenheit bedrohlich zur Seite, die gähnende Straßenschlucht wartet.
Nein, rufe ich. Fühle mich schuldig, das Küken zu stören, drehe mich um und gehe schnell ein paar Schritte zurück. Wieder das blendende Licht, die schreiendbunte Landschaft, die schön und fremd zugleich ist. Ich versuche Halt zu bekommen, doch meine Hände greifen ins Leere. Ich taumele, bleibe aber auf den Beinen. Übelkeit steigt in mir auf, ich schmecke Schwefel, starre in den Himmel und da sehe ich sie, zwei Vögel, die auf mich zukommen.
Was ist das, wer ist das, die Vögel sind riesig, zu groß für Vögel. Sie sehen aus wie Saurier, Flugsaurier, doch die gibt es doch gar nicht mehr. Ich blinzele gegen die gleißende Sonne, will mehr erkennen, da spüre ich den Lufthauch ihres Flügelschlags an meiner Kopfhaut. Meine Haare richten sich auf, ich bekommen eine Gänsehaut.
Angst, ich schaue, wie die Tiere am Nest landen. Sie ignorieren mich, alle Aufmerksamkeit gilt ihrem Küken. Dessen schwankender Kopf taucht auf, der Schnabel öffnet sich beängstigend weit und einer der Eltern lässt ein zappelndes grün schillerndes Wesen in den Schlund des Nestlings gleiten. Ein Frosch oder ein Fisch? Ich weiß es nicht. Der Kopf des Kükens dreht sich hin und her, scheint zu schlucken, taucht ab und erscheint erneut. Jetzt gibt der Nestling seinen markerschütternden Schrei erneut von sich. Sein Blick geht zu mir, der Kopf nickt in meine Richtung, als wolle er auf mich deuten, da stößt ein dritter Flieger direkt über meinem Kopf auf die Gruppe zu.
Fremde Schreie, Fauchen, gurrende Laute, die ich nie zuvor gehört habe; ein wildes Gezänk setzt ein. Der Ankömmling ist noch größer als die beiden Flugdrachen, er ist kampfbereit und will zum Nest. Wahrscheinlich hat er es auf den Nachwuchs abgesehen, will die Brut vernichten, vielleicht das Küken verschlingen. Eine wilde Schlacht beginnt. Alle drei Tiere machen Sprünge in die Höhe und attackieren sich mit ihren langen Schnäbeln, dazwischen das Nest, das gefährlich zu wackeln beginnt. Da spritzt Blut aus dem Hals des Aggressors, wie von Sinnen rast er auf seinen dürren Beinen auf das Nest zu und stößt dieses von der Dachkante.
Dann dreht er ab, fliegt über meinen Kopf zurück in sein Land, in seine Zeit und die anderen Flugdrachen verfolgen ihn unter lautem Geschrei. So schnell wie der Spuk begonnen hat, ist er auch wieder vorbei. Ich stehe allein auf dem Dach. Die Sonne scheint warm und freundlich, sie blendet mich nicht mehr. Vorsichtig drehe ich mich um. Die Landschaft ist verschwunden, die Flugdrachen ebenfalls, stattdessen sehe ich die Tür zum Treppenhaus, dahinter das Klinikdach mit Schornsteinen und einigen schlecht verlegten Leitungen. Ein Dächermeer erstreckt sich, soweit der Blick reicht und die Türme der Sagrada Familia und der großen Kathedrale prägen die Skyline.
Ich bin in Barcelona, im Hier und Jetzt. Ein letzter Blick zurück. Der Platz, wo das Nest stand, ist leer. Hier hält mich nichts mehr. Ich trete durch die Tür, die noch offensteht, und ziehe sie hinter mir zu. Sie klemmt nicht mehr, sondern fühlt sich an wie eine einfache normal leichtgängige Tür. Ich eile durch das ausreichend beleuchtete Treppenhaus, mache mir keine Gedanken über die veränderten Lichtverhältnisse. Schon erreiche ich die Etage, aus der ich gekommen bin und in der sich mein Zimmer befand.
Der Aufzug wartet und ich steige ohne zu zögern ein, drücke die Taste zum Ausgang und komme wenig später im Vestibül an. Durch die Glasfront nach draußen sehe ich die Gasse, die ich von oben erahnt habe, aber nicht wirklich sehen konnte. Ich trete durch die Drehtür und schaue auf das gegenüberliegende prächtige Stadthaus. Von hier aus ist der Sims seines Flachdaches als unauffälliger Abschluss des Mauerwerks auszumachen. Das Krankenhaus endet dagegen mit der sechsten Etage, ein darüber liegendes Dach ist von hier unten nicht zu erkennen.
Ich stehe etwas ratlos vor der Tür, kann mich noch nicht entscheiden, zu gehen. Ein Mann von der Straßenreinigung kommt auf mich zu. Er trägt gelbe Arbeitskleidung, in seiner linken Hand befindet sich eine Schaufel, rechts trägt er einen Handbesen. Auf der Schaufel liegen Reste eines Nestes mit Bruchstücken von heller Eischale darin. Darunter könnte sich der Kadaver eines Kükens befinden. Mich schaudert es und ich schaue weg, flüchte von diesem Ort, diesem Krankenhaus mit seinem Dach.
Ich laufe ziellos durch die Straßen, verliere die Orientierung, doch das ist mir egal. Langsam beruhigt sich mein Schritt, ich tauche ein in das Gewimmel der Großstadt, werde wieder zum Besucher, bin noch angeschlagen aber fühle mich deutlich besser. Vor mir liegt die Rambla. Um mich herum flanieren Liebespärchen und Touristen. In den Straßencafés genießen die Menschen den sonnigen Tag. Es ist ihre Welt, die so existiert und doch gibt es Dinge, die anders sind, die wir nicht einmal erahnen und die nur in seltenen Ausnahmen in unsere Wirklichkeit schimmern.
Als ich an diesem Morgen das Zimmer des alten Turmwächters betrat und ihn nicht in seiner Uniform, sondern in einem schlichten, einteiligen, weißen Leinengewand in seinem Lehnsessel sitzen sah, da ahnte ich, dass heute der Tag der Tage war, und mich überkam ein ehrfürchtiger Schauder. Mir fiel sofort auf, dass das einzige Fenster seines Studierzimmers, das sich zwischen den Regalen an der Rückwand des Raums befand, sich in eine Tür verwandelt hatte, deren Glasfüllung milchig-undurchsichtig war.
»Ich grüße Euch, Meister Ohm.« Ich verneigte mich ehrerbietig.
»Ich grüße dich ebenfalls, Pavel«, kam der freundliche Gegengruß zurück.
Der Meister winkte mich zu sich heran und forderte mich auf, mich auf einen kleinen Schemel zu setzen, den er neben sich platziert hatte, sodass wir fast Körperkontakt miteinander hatten. Dann setzte er zu seinen Abschiedsworten mit klarer, ruhiger Stimme an:
»Obwohl wir in diesem Turm auf viele Jahrtausende zurückblicken und weit in die Zukunft voraus schauen können, währt auch hier nichts von Dauer. Der Turm mag ewige Wahrheiten vermitteln, ist selbst aber kein Ort der Ewigkeit. Meine Zeit als Wächter jedenfalls ist heute abgelaufen, zweihundertachtzig Jahre sind wohl genug in dieser Aufgabe, die mich müde gemacht hat. Ich bin am heutigen Morgen vom Schöpfer abberufen worden und übergebe die Verantwortung für den Turm jetzt an dich.«
Er legte seine linke Hand auf meine rechte Schulter. »Ich habe dir in diesem Jahr, das du in meiner Obhut warst, alles vermittelt, was du wissen musst, um die Funktionen der Fenster zu steuern und um allen Menschen und anderen Intelligenzwesen, die hier hinein mit ihren Fragen kommen, auch Antworten geben zu können. Was dich sonst noch interessiert und du an weiteren Kenntnissen für diese Aufgabe benötigst, das kannst du in all meinen Schriften und denen meiner Vorgänger lesen.« Er machte mit der anderen Hand eine vage Bewegung zu den Regalen um sich und auch hinüber zu den Tischen, auf denen ungezählte Mappen mit handbeschriebenen Dokumenten lagen. »Dieses Wissen der Zeiten vor uns hast du jetzt zu hüten und zu bewahren, und du darfst versuchen, es zu verstehen – und dann nach deiner Dosierung an Fragesteller weiterzugeben. Du wirst unsere Welt weiterhin in all ihrer Schönheit und Einzigartigkeit kennenlernen, und du wirst dich daran gewöhnen, alles Belastende mitzutragen.«
Er ließ mir keine Zeit für Fragen, sondern stand nun auf, wie ich auch, packte mich mit beiden Händen fest an den Oberarmen, sah mir tief und bedeutungsvoll in die Augen und sagte: »Das ist der Abschied. Von diesem Augenblick an, Pavel, bist du der Wächter des Turms der Wahrheit.«
Die Tür hinter meinem alten Meister öffnete sich jetzt, und er ging durch sie hindurch in einen undurchsichtigen Nebel hinein. Dann schloss sie sich wieder und verwandelte sich zurück in ein freundliches und unscheinbares Fenster, das eine friedliche Landschaft zeigte.
Der Turm war nun in meiner alleinigen Verantwortung. Aus dem Novizen Pavel war der Meister Pavel geworden, der Wächter der einsamen Wahrheiten.
Ich war vor einem knappen Jahr hier eingetroffen, nachdem ich in einem Traum in den Turm berufen worden war.
Ich war in einem Bauerndorf am Rande der Berge aufgewachsen. Meine Eltern bewirtschafteten einen großen Hof mit Nutzvieh, wir hatten Ziegen, Schafe, Schweine, Hühner, Gänse, Enten und auch Kühe. Ich hatte zwar lesen und schreiben gelernt, und die Dorfschule hatte mir auch kaufmännisches Rechnen beigebracht sowie Grundlegendes über Ackerbau, Obstanbau, Viehwirtschaft und Landschaftspflege, aber ansonsten fehlte mir das Wissen über Naturwissenschaften, zu fernen Ländern, Geschichte und Politik. Aus meinem Dorf kam ich nur gelegentlich heraus, wenn wir auf städtische Märkte zogen, um mit unserem Vieh zu handeln. Zusätzliches Wissen hatte ich lediglich von meiner Großmutter erworben, die in unserer Region als Heilerin wirkte und mich in die Wälder mitnahm, um mir Pflanzen zu zeigen und mir Informationen über ihre Wirkstoffe zu vermitteln. Später ging ich dann bei einem Zimmermann in die Werkstatt und lernte bei ihm die Arbeit mit Holz, den Umgang mit Werkzeugen, das Schlagen von Bäumen und das Errichten von Häusern. Und in einem ehrwürdigen Haus, das ich geholfen hatte, wieder herzurichten, war der Bruder unseres Dorfbürgermeisters eingezogen, der viel in der Welt herumgekommen und auf seine alten Tage nun in seine Heimat zurückgekehrt war. Mit ihm freundete ich mich an und ließ mir von ihm Geschichten erzählen.
Wieso eines Tages – ich war gerade zweiundzwanzig Jahre alt geworden – der Ruf aus dem Turm ausgerechnet an mich ergangen war, das ergründete ich nicht. Der aktuelle Turmwächter, der sich mit Meister Ohm vorstellte, erschien mir in drei aufeinander folgenden intensiven nächtlichen Träumen und teilte mir im letzten meine Bestimmung mit, und so packte ich meine wenigen Habseligkeiten in einem Ränzel zusammen, verabschiedete mich tränenreich von meinen Eltern und meinen Geschwistern, die ich niemals wiedersehen sollte, und machte mich zu Fuß auf den mir aufgezeigten Weg zum Turm. Vom Turm der Wahrheit hatten wir zwar schon gehört, von einem magischen Turm mit Zukunftsfenstern, aber doch mehr in Form einer Fabelgeschichte wie vom ausladenden Schloss des Königs, dem unergründlichen Teich der Nixen oder den Grassodenhäusern der Waldhexen, und keiner aus unserem Dorf war je in seiner Nähe gewesen.
Am Turm langte ich erst nach zwei Wochen an, wobei meine Reisezeit zweimal verkürzt wurde, weil ich auf einem Ochsenkarren mitgenommen wurde. Dann ragte er plötzlich vor mir auf, ein steinernes sechsseitiges Monument, das in einen Felsensporn hinein errichtet war, mit einem Eingang ganz unten, der in den Felsen hineinführte. Die Landschaft um ihn war mit niederem Gesträuch bewachsen, aus dem nur wenige karge Bäume herausragten, sodass man ihn weithin sehen konnte. In seiner unmittelbaren Umgebung gab es keine Siedlungen.
Ich schritt durch das offene Tor in den Felsen hinein und fand mich in einer Eingangshalle, die im diffusen Licht von einigen Wandsteinen beleuchtet war. Seitlich waren auf Holzplatten Bilder und Texte befestigt, die Wissenswertes zum Turm darstellten, und mitten im Raum stand ein breiter Tisch, ein Empfangstresen, hinter dem eine schmale kleinwüchsige Person saß.
»Ich heiße Emma, und Sie suchen die Wahrheit, werter Herr?«, begrüßte sie mich mit einem freundlichen, aber eher geschäftsmäßigen Gesicht.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich möchte zum Turmwächter, werte Dame«, antwortete ich unsicher. »Er hat mich zu sich gerufen. Ich heiße Pavel.«
Da hellte sich ihre Miene auf. »Der Meister hat Euch bereits angekündigt, und wir warten seitdem auf Euch.« Sie kam um den Tresen herum und verneigte sich leicht vor mir. »Ich bringe Euch zu ihm.« Dann winkte sie nach hinten, und ein zweiter Gnom kam heran und setzte sich an ihrer statt an den Tresen.
»Folgt mir, Novize Pavel.«
Sie ging ganz durch die Eingangshalle und kam an ihrer Rückseite an zwei gläserne Schächte. Der rechte war offen und ließ den unteren Absatz einer nach oben führenden Wendeltreppe sehen. Beim linken Schacht öffnete sie die Tür und bat mich in einen schmalen Raum hinein, in dem gerade mal drei Personen nebeneinanderstehen konnten. Hinter mir zog sie die Tür wieder zu und schloss uns damit beide ein. Dann drückte sie auf einer senkrechten metallenen Leiste am Glas, die auf Knöpfen die Zahlen von 1 bis 12 aufwies, auf die Zahl 8.
»Erschreckt nicht, Herr!«, sagte sie nun vorsorglich, denn der Raum entpuppte sich als eine Kabine, die uns beide im Turm nach oben fuhr. »Wir nennen diese Einrichtung ›Lift‹, sie wird mit Druckluft angetrieben und erspart es uns, mühsam die Wendeltreppe hoch- oder runterzugehen.«
Ich sah, wie die Ebenen des Turms langsam an uns vorbeiglitten und jeweils einen ersten Blick auf sie offenbarten, wobei auf dem Glas nacheinander die Nummern der Stockwerke erschienen. Der Lift blieb bei der Nummer 8 stehen, und die Tür öffnete sich. Emma forderte mich auf auszusteigen.
Ich gelangte über einen kleinen Vorraum in ein großzügig angelegtes Zimmer, das rundum mit Holzregalen ausgestattet war, die mit endlosen Papierstapeln belegt waren und in dessen Mitte ein würdiger altersloser Mann mit einem eisgrauen Spitzbart und in einem dunkelblauen, eng geschnittenen Habit hinter einem Schreibtisch saß. Er blickte mich freundlich an, blieb zur Begrüßung aber sitzen.
»Du bist Pavel, der Novize, den ich zu mir gerufen habe?«, stellte er in Frageform fest. »Ich freue mich, dass du meinem Ruf gefolgt bist, und begrüße dich im Turm der Wahrheit.«
Ich nickte kurz und unsicher, wusste jedoch nicht, was ich erwidern sollte.
»Du wirst dich zunächst hier vollkommen fremd fühlen, nichts ist so wie in der Umgebung, in der du aufgewachsen bist. Und auch deine Aufgabe wird dir fremd vorkommen. Doch ich bin sicher, dass du dich schnell einfinden wirst. Der Schöpfer hat dich nicht wegen deines Wissens, sondern wegen deiner raschen Auffassungsgabe auserwählt. Und in die noch fehlende Autorität wirst du hineinwachsen. Ich weiß, was jetzt an Ängsten in dir vorgeht, denn ich habe auch einmal dort gestanden, wo du jetzt stehst.« Bei diesen einfühlsamen Worten erhob er sich. »Aber du sollst nach deiner langen Anreise erst einmal ruhen, dir den Alltagsstaub abwaschen, dich umkleiden und vor allem dich mit einem guten Essen stärken. Für heute wollen wir dich noch nicht mit allzu viel Fremdartigem überfallen.«
Er schob mich in den kleinen Vorraum zurück, wo die Gnomin wartete.
»Emma wird dich jetzt in deine Klause bringen und sich um alles Weitere kümmern. Am morgigen Vormittag wird sie dir die Ebenen des Turms zeigen, die wir als ›Etagen‹ bezeichnen, damit du dich hier zurechtfindest, und erst am folgenden Tag kommst du dann wieder zu mir.«
Er geleitete mich bis zum Lift, dessen Tür sich beim Nähertreten selbsttätig öffnete. »Du nennst mich ›Meister Ohm‹«, verabschiedete er sich für heute von mir.
Emma fuhr mit mir ein Stockwerk höher zur Etage neun. Dort führte sie mich in eine Klause, die zwar eng und bescheiden war, aber meine Kammer in unserem Bauernhof war auch nicht größer gewesen. Die Möblierung bestand aus einer hölzernen Liege mit einem aufgelegten Polster aus einem mir unbekannten Material, einem Schrank für die Wäsche, einem Stuhl und einem Wandregal. Ich holte die kaum faustgroße holzgeschnitzte Kuh, die mir meine kleine Schwester mitgegeben hatte, aus meinem Ränzel und stellte sie auf einen Regalboden, damit sie mich an zu Hause erinnerte. Jetzt kam mir doch eine Träne, und ich wandte mich rasch ab, indem ich durch die winzige Fensteröffnung nach draußen in die Landschaft hinaus blickte.
»Ich stelle Euch noch einen Krug mit frischem Wasser und eine Schale Obst hin. Außerdem bringe ich Bettwäsche und Kleidung zum Wechseln, während Ihr badet. Es soll Euch an nichts fehlen. Ich, mein Mann und meine gesamte Familie einschließlich der Kinder sind für alle Eure Wünsche da. Wir wohnen im Anbau des Turms, und ich zeige Euch morgen, wie Ihr uns Tag und Nacht erreichen könnt«, sagte Emma freundlich, die sich sehr um mich bemühte.
Dann führte sie mich über den Lift drei Stockwerke tiefer in das Badezimmer, wo eine einladende hölzerne Wanne auf mich wartete. Emma hantierte an einer an der Wand befindlichen Wasserleitung mit einem Hahn, den sie nicht nur aufdrehen konnte, sondern mit dem sie auch die Wassertemperatur regelte.
»Zieht Euch schon aus, Herr. Ich lasse Euch erst einmal ein heißes Bad ein, in das Ihr Euch jetzt legen und darin entspannen und all den Schmutz Eurer Reise abwaschen könnt. Ich bringe Euch neue Kleider, danach könnt Ihr essen und dann auch schlafen.«
Ich legte mich in das wohlig warme Wasser und griff nach der bereitgelegten Seife.
»Lasst Euch nur Zeit, Herr.« Sie nahm meine abgelegten Kleider, die von der Reise nicht nur verschmutzt, sondern teilweise auch eingerissen waren. »Ich komme dann mit frischen Kleidern wieder, in denen Ihr Euch wohlfühlen werdet.« Sie ging, schaute aber sofort noch mal durch die Tür. »Wir werden Euch mit ›Herr Pavel‹ ansprechen.«
Ich fühlte, wie das warme Wasser einen Teil meiner Verspannungen löste, und schloss die Augen. Ich war in einer komplett fremden Umgebung angekommen, und ich hatte keine Ahnung, was hier auf mich wartete. Meine Familie fehlte mir, und ich vermisste auch all unsere Tiere. Ob ich hier am Turm wenigstens Vögel sehen würde?
Ich blieb lange im Wasser liegen, bis es sich auszukühlen begann. Da kam auch schon Emma wieder, half mir aus der Wanne, trocknete mich mit weichen Tüchern ab, ließ mich wollene Leibwäsche anziehen und unterstützte mich beim Anlegen meiner neuen Uniform, die der des Meisters im Schnitt ähnelte, nur aus grün gefärbtem Leinen bestand.
Dann führte sie mich wieder zurück auf Etage neun in ein Speisezimmer, wo sie für mich ein reichhaltiges Essen – eine Scheibe Rinderbraten mit Kartoffelklößen und Rotkraut – und auch einen Krug mit Wein aufgetischt hatte. Da ich großen Hunger hatte, ließ ich es mir schmecken.
Anschließend begab ich mich in meine Klause nebenan, wo Emma bereits Bettwäsche bereitgelegt hatte. Doch ich legte mich, so wie ich jetzt angezogen war, einfach auf die frisch bezogene Liege und schlief sofort erschöpft ein.
Am nächsten Morgen begab ich mich bei Sonnenaufgang wieder in das Speisezimmer, wo schon ein Frühstück mit einem herrlichen Früchtetee auf mich wartete. Es gab verschiedene Geschmacksrichtungen an Brot, und ich konnte wählen aus Konfitüre und Honig als süßem Belag oder Wurstsorten und Schinken sowie Rührei mit Speckgrieben, daneben lagen reichlich Gurken, Radieschen und Tomaten und kleine Maiskolben sowie ein tomatenähnliches knackiges Gemüse, von dem ich hinterher erfuhr, dass es Paprika war. Alles lag aufgeschnitten bereit für mich, und ich kam mir verwöhnt vor.
Emma holte mich nach dem Frühstück ab, fuhr mit mir mit dem Lift ganz nach unten, und wir verließen zunächst den Turm nach draußen. Sie führte mich zu einem Beobachtungsplatz einige Schritte entfernt, von wo aus wir einen guten Blick auf den Turm in seiner Gesamtheit hatten.
»Prägt Euch seine Gestalt ein, Herr Pavel«, forderte sie mich auf. »Wenn wir anschließend die einzelnen Stockwerke begehen, solltet Ihr stets dieses Bild vor Augen behalten.«
Ich sah eine in einem verschachtelten mehrstöckigen Unterbau stehende massive steinerne Form, die leicht versetzt aus einem Felsen herauszuwachsen schien und nur wenige Alterungsschäden aufwies. Wie ich in den Folgetagen erfuhr, wurden bei Bedarf bröckelnde Steine ersetzt und immer mal wieder auftretende Löcher gefüllt. Im unteren Teil zeigte das Bauwerk einen dreistöckigen Anbau nach hinten, und vorne war im Turm noch ein schmales Tor zu sehen, das mutmaßlich ein Notausgang war und von dem aus ein Felspfad nach rechts hinten lief. Das vierte Stockwerk des Unterbaus erwies sich gleichzeitig als das erste Geschoss des eigentlichen steingemauerten Turms, der in den Felsen hineingesetzt war. Auf etwa zwei Drittel der Höhe war ein umlaufender hölzerner Söller angesetzt, und ganz oben sah ich ein mit Schindeln gedecktes Spitzdach. Der Turm war von seinem Grundriss her regelmäßig sechseckig und hatte im unteren, dem felsigen Teil, keine sichtbaren Öffnungen, im mittleren Teil einige wenige kleine Fenster, im oberen Teil jedoch gleichförmig große Fenster in alle Richtungen.
Der Turm war ein unverwechselbares Monument, und Emma berichtete mir, dass er schon so lange hier stand, wie Menschen und andere Wesen in dieser Welt zurückdachten. Und auch wenn er auf dem Staatsgebiet des mächtigen Königs von Ussul stand, gehörte er nicht zu dessen Reich.
