Carl Friedrich Ferdinand Böhme Tagebuch 2te Periode (I) -  - E-Book

Carl Friedrich Ferdinand Böhme Tagebuch 2te Periode (I) E-Book

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Beschreibung

Carl Friedrich Ferdinand Böhme machte den Feldzug 1812 als Sousleutnant und Verpflegungs-Offizier im Grenadier-Bataillon von Spiegel (Grenadier-Kompanien der Regimenter Prinz Max und v. Rechten) mit. Er focht mit dem Bataillon bei Podobna (18.10.1812), an der Lesna (11.10.1812) und bei Biala (18.10.1812). Sein Tagebuch enthält neben interessanten Einblicken in den Verpflegungs- und Truppendienst einen gezeichneten Plan zur Schlacht bei Podobna.

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Beiträge zur sächsischen Militärgeschichte zwischen 1793 und 1815

Heft 45

Abb. 01 – Deckblatt

Vorwort

Der Originaltitel der Aufzeichnungen lautet:

Die Beschreibung meiner Tage seit den unruhigen und traurigen Zeiten vom Jahr 1811 bis 1818 – Zweide Periode gehalten von Carl Friedrich Ferdinand Böhme.

Böhme (15.07.1782 – 18.04.1827) wurde zu Annaberg als Sohn eines pensionierten Hauptmanns geboren. Mit 14 trat er als Gemeiner in das Regiment Prinz Maximilian ein, in welchem auch sein Vater 42 Jahre gedient hatte. Als Fähndrich (Patent vom 19.08.1805) wohnte er 1806 den Gefechten bei Saalfeld und Jena bei. Als Sous-Leutnant (Patent vom 06.04.1808) machte er 1809 den Feldzug gegen Österreich mit und wurde in der Schlacht bei Wagram durch beide Beine geschossen. Bereits von den französischen Wundärzten aufgegeben, rettete ihn ein sächsischer Arzt. Für Wagram erhielt er den Militär St.-Heinrichs-Orden (beliehen am 04.08.1809). Mit dem Grenadier-Bataillon Spiegel zog er 1812 in den russischen Feldzug1.

Am 06.06.1813 zum Premier-Leutnant befördert, geriet er am 28.08.1813 bei Luckau in preußische Gefangenschaft. Böhme kehrte nach der Leipziger Schlacht nach Sachsen zurück und diente im 2ten Linien-Regiment / 2te Kompanie. Mit seiner Einheit stand er bis 1818 bei der Okkupations-Armee. Im Jahre 1821 erhielt die nachgesuchte Entlassung mit Hauptmanns-Charakter.

Böhme hat seine Erinnerungen in 9 Oktavbänden (incl. eines Bandes mit Aktenstücken, Tagesbefehlen, Zeitungsausschnitten zu den Vorfällen von 1815) für die Jahre 1811 – 1818 festgehalten.

Der im nachfolgenden wiedergegebene Band seines Tagebuches aus dem Feldzug von 1812 befindet sich heute in Privatbesitz. Wo sich die anderen Bände befinden, ist nicht bekannt. Darüber hinaus muss er noch ein Tagebuch zum Feldzug von 1809 geführt haben, dessen Verbleib aber bereits 1827 nicht bekannt war.

Der Text selbst ist so originalgetreu wie möglich wiedergegeben, jedoch der heutigen Rechtschreibung angepasst. Verwendete Namen, Begriffe und Ortsbezeichnungen werden, insofern zweifelsfrei identifizierbar, zum besseren Verständnis in der exakten Begrifflichkeit wiedergeben. Sonst wurde die Schreibweise des Tagebuches beibehalten.

Bedanken möchte ich mich unbekannterweise beim heutigen Besitzer des Werkes, der die Veröffentlichung erst ermöglicht hat.

Natürlich möchte ich mich auch bei Ihnen, verehrter Leser, dafür bedanken, dass Sie sich zum Kauf dieses Buches entschlossen haben. Insofern Sie Anregungen und Kritiken haben oder mir einfach nur mitteilen wollen, ob Ihnen das Buch gefallen hat, so können Sie mich via email unter [email protected] erreichen.

Ihr

Jörg Titze

1 Für nähere Informationen zum sächsischen Korps im russischen Feldzug möchte ich auf mein Werk „1812 – Die Sachsen in Russland“ (No. 19 dieser Serie) verweisen.

Die

Beschreibung meiner Tage

seit

den unruhigen und traurigen

Zeiten vom Jahr

1811 bis 1818

Zweite

Periode

gehalten

von

Carl Friedrich Ferdinand Böhme

Legende zur Abbildung auf den Seiten → und →

Schlacht bei Podowna am 12ten August 1812

A

Platz wo am 11

ten

Aug. des Abends unsere Avant-Garde gestanden hatte

B

längerer Aufenthalt des General Reynier

C

Abmarsch unserer 1

sten

Division

D

sich in der Nacht aufgestellte in einem Verstecke liegende Avant-Garde von uns

DD

1

ste

Position der Russen

DDD

2

te

Position derselben

E

1

ste

Position der Sachsen

EE

Aufstellung unserer Avant-Garde mit der eingetroffenen 1

sten

Division

F

Schein-Attacke unserer 2

ten

Division

H

Nachmalige Aufstellung der 2ten Division

Anm. des Hrsg.: Die Stellung EE befindet sich im Längsknick der Karte und ist daher nur andeutungsweise rechts neben dem Weg nach Kobryn zu sehen.

Auf! Auf!

Der Sturm bricht los!

Die Kriegs-Fackel leuchtet!

Der Kampf muss nun beginnen;

Lasset uns siegen,

Gehet zu sterben,

Nur dieses sei unser Ziel.

1Bemerkung

Endlich sollten wir nun dem entgegen gehen, was uns schon seit Jahresfrist vor Augen gestanden, und weswegen in dieser Zeit auch schon so manche Veranstaltung mit so mancher Geld-Aufwand geleistet worden war.

Die Armee war vollzählig, gut verpflegt, an Märsche schon gewöhnt, und kurz in so einem herrlichen und vortrefflichen Zustand, als man solche gewiss selten so finden wird; - wahrscheinlich werden sie länger nun nicht mehr so bleiben; - dies war jetzt das Wort eines Jeden, und leider musste das Ende dieser Periode solches schon be- 2 stätigen; ein früheres Vermuten von einer gänzlichen Auflösung dieser Legionen würde gewiss einen Jeden des Wahnsinns beschuldigt haben. –

So weit gehen Möglichkeiten! – so ist Gottes Schickung!

3 Den 21ten Juni 1812

Die Notwendigkeit, für das Bataillon abermals Geld zu erheben, gebot mir, diesen Mittag ein Reise nach Warschau anzutreten, welches ich in Begleitung unseres Marketenders, welcher diesen Weg wegen des Einkaufs mehrerer Genüsse schon mehrere Male gemacht hatte, und solchen also genau wusste, vollzog; ich hatte mir ein recht flinkes Fuhrwerk aus meinen Vorspann-Bauern, welche im Lager behalten und nicht entlassen wurden, herausgesucht, womit ich nun mit Bequemlichkeit und auch mit Geschwindigkeit meinen Weg fortsetzen konnte.

4 Wir fuhren mehrere Stunden in den Wald, kamen dann auf einen ohngefähr eine halbe Stunde freien Platz, wo wir einige ganz zerstörte Häuser nebst einem großen und gewiss ehemals schönen Posthaus und einen Judenkrug fanden, welches noch alles die besonderen Merkmale der rücksichtslosesten Aufführung und Plünderung der daselbst gestandenen westphälischen Truppen deutlich bewies; den Namen des Orts konnte ich für diese Zeit nicht erfahren, da Niemand zugegen war; man fand mehrere angelegte Biwaks, von Reisig erbaut und daneben leere und zum Teil zerstörte Häuser; es waren keine Truppen 5 mehr zugegen, die wohl in voller Masse hier gestanden haben mochten und vorwärts gegangen waren; es war dieser Ort ein Grenzort gegen das russische Polen. Bald führte uns der Weg wieder in den Wald, in welchem wir wiederum mehrere Stunden fuhren; als wir wieder ins Freie kamen, sahen wir die noch einige Stunden entfernt liegende Residenzstadt Warschau, wenigstens in ihrer Kontur und Mengen von Türmen, ausgebreitet vor uns liegen.

Kaum ist es wohl zu glauben, dass man in der Nähe der größten, schönsten und prachtvollsten Stadt einer Monarchie nicht mehr Kultur, nicht mehr Wohlhabenheit verspüren soll-6 te? Zwar soll es jenseits der Weichsel, wo die Gegend noch etwas angenehmer wie hier ist, nicht so ganz den Mangel aller deutschen Annehmlichkeiten enthalten. Wir fuhren demnach bis fast in das diesseits liegende Städtgen Praga, wobei wir vorher einige alte Feld-Verschanzungen, Überbleibsel von den früheren polnischen Revolutions-Kriegen, passieren mussten; soweit waren wir schon in den Umgebungen von Warschau gekommen, ohne vorher etwas anderes als einige alte, halb zerfallene, kleine, die Unreinlichkeit ausdrückende, und in diesem Lande gewöhnliche Dörfer, mit einigen Edelhöfen, zu finden; war früher keine Be- 7 wunderung für Schönheit in mir geregt worden, so wurde es eben so wenig in Praga, indem ich in ihr weiter nichts als eine gewöhnliche Judenstadt fand. Als wir die Verschanzungen des Brückenkopfes der vor uns liegenden Weichselbrücke, passiert hatten, sahen wir einen großen Teil der Stadt in amphitheatralischer Lage vor uns, und ob sich dieses gleich in der Entfernung und durch die Menge großer Gebäude, welche rechts und links des Ufers in bedeutender Entfernung fort gingen, recht gut ausnahm, so wollte in der Nähe die so auffallende Verschiedenheit das Auge doch nicht so recht erfreuen; große und antike Gebäude zieren zwar öfters auch eine Stadt und impo- 8 nieren sogar, allein wenn man zugleich neben ihnen wieder niedrige, schlechte und schmutzige Hütten sieht, wie dieses hier größtenteils der Fall ist, so vergisst man öfters das Schöne durch die danebenstehende Beleidigung desselben, wenigstens bei mir war das der Fall, dass mir die gewiss auch hier zu erwartende Bewunderung unterdrückt wurde.

Nachdem man die über die Weichsel angelegte Schiffbrücke passiert hat, geht man etwas steil durch eine Straße, welche in die Krakauer Vorstadt führt, die, sowie die so genannte neue Welt recht schön, und von allen Straßen, davon 300 sind, am besten gebaut ist, denn außerdem 9 findet man wie schon bemerkt, so eine Mannigfaltigkeit der Bauart, die den Augen eine Beleidigung verschaffen muss. Warschau, außer Praga, zählt 76.000 Einwohner unter welchen 20.000 Juden sein sollen, man denke sich diese Lebhaftigkeit auf den Straßen, und dieses mannigfaltige Gewühl, das Begegnen der Armut mit der Pracht, der höchsten Reinlichkeit mit der Schweinerei! – Dieser Ort ist übrigens noch von einer bedeutenden Menge von Fremden fast stets, aber vorzüglich in den Wintermonaten von denen weit und breit daher reisenden Magnaten, Starosten u.s.w. angehäuft, welche wenigstens immer den Fasching hier erwarten, daselbst in größ- 10 ter Pracht leben, bis diese vielleicht längst hierauf gesparte Summe beendigt, und sie nun auf ihren stillen Landsitz zurück kehrend, den Sommer oder längere Zeit wieder in größter Einfachheit leben. Daher findet man in Warschau auch den größten Luxus, wie man sich ihm nur denken kann, Bälle, Konzerte, Komödien, und eine Menge anderer Belustigungen, wechseln sich, besonders im Winter ununterbrochen ab; will man fahren, so findet man auf mehreren Punkten der Stadt Lohnkutscher, wo man für 1 Stunde 1 höchstens 2 Gulden polnisch bezahlt /: 1 polnischer Gulden hält 4 Groschen :/ und dieser fährt nun wohin man will, nämlich doch für diese Preis in der Stadt, 11 und somit sind eine Menge solcher Wagen und sonstiger Equipage auf den Straßen, dass man öfters seines Lebens nicht sicher ist, und ein Quotlibet von Christen und Juden, Soldaten und Mädchen, Mohren und Bettlern, Matronen und Kindern, drängen sich fortwährend so durch die Straßen, das man öfters nicht weiß, wie man ausweichen soll, und um geschwind fortzukommen, es das Besten ist, sich einer Lohnkutsche zu bedienen. Warschau hat einen Umfang von 3 ½ poln. Meilen; sie besteht aus Alt- und Neustadt, der Krakauer Vorstadt, neuen Welt, Lebzew, Nowe Lipie, Grzybowo; will man z.B. von der Krakauer Vorstadt nach der neuen Welt, oder nach Lochinska oder Radziwil, welches alles noch 12 zur Stadt gehört, so hat man einen Weg von mehreren Stunden. Diese Stadt enthält 3.465 Häuser, wovon 1.212 steinerne und 2.253 hölzerne; unter den 48 öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus, das königl. Schloss, der sächsische Palast mit einem schönen Garten, die Kasernen, die Münze, das Zeughaus, die Artillerie-Schule, der Kadettenhof, die Post usw.; es hat 115 Paläste, 23 Klöster mit Kirchen und überdies noch 9 Kirchen; 3 Theater etc. etc. etc. Alles was man nur wünschen kann, findet man in schönen Boutiquen auf den verschiedenen Plätzen, und alle Genüsse, welche den Gaumen verschafft werden können, bieten sich dar; eine freie Ausübung aller Religio- 13 nen findet statt, und man sieht von allen etwas. Die Verschwendung, vorzüglich bei den schönen Gesellschaft in luxuriöser Hinsicht, ist hier zu Hause, denn die Frau von Hause kann sich schlechterdings nicht entschließen, nur das geringste in ihren wirtschaftlichen zu übernehmen, sondern bestimmt sich bloß für ihre Eleganz und Vergnügungen zu sorgen, daher öfters selbst freie und öffentliche Klagen von ihren Männern geschehen, welche es damit immer nicht abändern können, da es eine alte hergebrachte Sitte sein soll. – die Wollust hat hier ihre Fittige sehr weit ausgebreitet, Kinder der Venus zieren so manches Fenster und 14 auf den Straßen findet man Clubs von Judenjungen, die unter mancherlei Adressen dem Liebhaber die Wahl lassen; noch ungleich schlimmer findet man solche Werber des Abends, in der Gestalt von Laternenträger; zu Dutzenden findet man solche vor den Aubergen oder sonstigen Gesellschafts-Häusern, die mit dem Vorwand diejenigen so solche Orte spät verlassen, nach Hause zu leuchten, ihre Empfehlungen vorbringen.

Man findet auch hier sehr viele Einwohner, welche die deutsche Sprache verstehen; doch wird man es äußerst selten finden, das sie sich mit dieser Sprache einlassen.

15 Ich suchte mit meinen Fuhrwesen in einem Privathaus mein Unterkommen, wo der mich begleitende Marketender sehr bekannt war, und sehnte mich heute bald nach Ruhe, da ich doch heute nichts mehr für meine Geschäfte tun konnte, und überdies sehr müde war. Allein mein Vorhaben mich der Ruhe zu überlassen wurde sehr bald, wenigstens auf eine lange Zeit gestört, nämlich in der Nähe meines Quartiers erhob sich auf einmal ein sehr bedeutender Lärm, mehrere sächsische und polnische Soldaten hatten zusammen eine Schlägerei, von beiden Seiten fanden sich immer noch mehr hinzu, man kämpfte gegenseitig mit dem Seitengewehr, verfolgte sich in den Straßen 16 auf und ab, es wurden mehrere Verwundete, selbst ein Toter gefunden, und kaum konnten die Wachen dieser Wut Einhalt tun, welches nur endlich durch fortwährende starke Patrouillen beendigt werden konnte.

Es war von unsern Armee-Korps in Warschau: das Hauptquartier und die Brigade v.Klengel, wovon jedoch ein großer Teil in Praga stand.

Den 22ten Juni

Da ich nebst der Übernahme von Traktaments und Löhnungs-Gebührnissen, auch die Fassung der Lebensmittel von hier besorgen musste, und dieses hier eine ungeheure Menge von Schwierigkeiten verursachte, so musste ich heute wider meinen Willen hier bleiben.

17 Den 23ten Juni

Eine schreckliche Entdeckung musste ich diesen Morgen machen, als ich nach meinen Wagen fragte, um nunmehr bald von hier abzureisen, und erfahren, dass mein Fuhrmann, welches ein Jude war, mit seinen beiden Pferden, trotz dem, dass solche mit den Wagen in einen verschlossenen Hof gestanden hatten, dennoch die Flucht ergriffen habe; es reizte mich dieses darum um so mehr zu größter Wut, da ich nun gar kein Mittel vor Augen hatte, mein vieles Geld und mehrere Sachen, die ich eingekauft und bei mir hatte, fortbringen zu können. Hier konnte ich mir keine Fuhre versprechen, das wäre nicht möglich gewesen, und 18 von meinen Fassungswagen konnte ich auch keinen wegnehmen, ich wusste so nicht, wie ich die vielen Lebensmittel auf selbigen fortbringen sollte, da war Holland in Nöten, ich war in größter Verlegenheit; doch! fiel mir noch ein, ob nicht die Ochsen, welche ich hier aus dem Magazin als Fleisch für das Bataillon erhalten hatte, im Zug zu gebrauchen sein könnten, ich erhielt meine Vermutung durch meine Soldaten, welche dieses Fuhrwesen unter sich hatten, für ausführbar, ließ demnach einige Joche kaufen, zwei Ochsen an einen Brotwagen spannen, nahm die Pferde von selbigen, spannte sie an den meinigen und so trat ich meine Rei- 19 se denn glücklich an und war seelenvergnügt, diesen Einfall noch ertappt zu haben. Meinen Lebensmitteltransport übergab ich meinen Unteroffizier, welcher bei mir war, und fuhr mit meinem Gelde nun geradewegs zurück in das Lager bei Ockuniew; zwar hatte ich wohl gehört, es wäre dort alles schon abmarschiert, allein da ich hiervon nichts gewisses erhalten konnte, so blieb ich meinen Vorhaben getreu; zu meinen großen Missvergnügen musste ich bei meiner dortigen Ankunft alles leer, und nichts als einige Hunde finden. Dies musste mir umso unangenehmer sein, da einige anwesende Ein- 20 wohner mir sagten, dass alles nach Siroz marschiert sei, wohin ich von Warschau eben nicht weiter als hierher gehabt hätte und folglich dieser Weg umsonst gemacht sei. Nachdem ich daselbst etwas hatte füttern lassen und für meine Person ein wenig geruht hatte, fuhr ich wieder ab, um nun nach Siroz zu fahren, allein der Weg war noch zu weit, die Pferde zu müde und ich blieb darum unterwegs bei einem armen Schlachtschützen. /: Schlachtschütz nennt man einen jeden gewöhnlichen polnischen Edelmann :/.

Den 24ten Juni

In aller Frühe machte ich mich wieder auf den Weg und kam um 9 Uhr nach Siroz, ein schlechtes 21 Städtchen am Einfluss der Narew in den Bug, mit 400 Einwohnern. Ich erfuhr daselbst, dass das Bataillon diesen Morgen in aller Frühe habe schleunigst aufbrechen müssen, und dass man des baldigsten in der Nähe etwas kriegerisches erwarte. Wo das Bataillon hin marschiert sei, konnte ich nicht mit Bestimmtheit erfahren, da ich keinen Sachsen fand, man sagte mir zwar nach Pultusk und ich ging heute dahin ab, traf auch wirklich das Hauptquartier und einige Bataillons daselbst, allein leider noch nicht unser Bataillon, welches nach Aussage mehrerer Offiziers weiter rechts sich an der Narew hinauf bewegen, und wahrscheinlich mehrere Tage nicht wie- 22 der zum Korps stoßen würde, doch meinten mehrere, die Direktion der Armee wäre nach Ostrolenka, und das Bataillon würde auch dahin kommen, ich ging demnach um ganz sichere Auskunft zu haben, und nicht unnötiger Weise mit meinen ohnehin schlechten Fuhren nicht länger in der Ungewissheit herum zu fahren, und wohl gar den Feind in die Hände zu laufen

den 25ten Juni

früh zum Herrn General Leutnant von Lecoq, eröffnete ihm meine mehrere Tage schon gehabte Ungewissheit über den Aufenthalt unseres Bataillons, das ich Gelder für selbiges 23 hätte, welches es sehr notwendig brauchen würde und erbat mir Auskunft über selbiges, der General gab mir hierauf die Weisung, nicht nach Ostrolenka sondern nach Udrzyn und Brock zu gehen, wohin das Bataillon seine Marsch-Direktion erhalten und vielleicht nur erst in einigen Tagen wieder zum Korps stoßen würde.

Zu meinen größten Missfallen musste ich erfahren, dass mein Unteroffizier mit denen mit Lebensmitteln beladenen Wagen auch einen anderen Weg eingeschlagen hatte und nicht nach Pultusk gekommen war, wohin er eher als ich hätte kommen sollen, 24 ich glaubte ihm schon verloren, und Gott weiß es, was ich mir alles dachte. Ich hätte ihm nun gerne die vom General erhaltene Nachricht mitgeteilt, um ihm eine richtige Direktion zu geben, doch ich musste nun einmal jetzt alles, und selbst mich dem Schicksal preisstellen.

Wir marschierten jetzt in einer sehr interessanten Gegend, indem man von Siroz oder auch Sirock bis Ostrolenka eine anhaltende und zum Teil sehr schöne Gebirgskette findet, die durch den hindurch strömenden Narew und dem dazu kommendem Bug hin und wieder sehr schöne und fruchtbare Täler besitzen. Siroz habe ich bereits schon als ein geringes Städtchen erwähnt, und ob zwar gleich Pultusk etwas größer und 25 volkreicher, indem es doch 230 Häuser und 1.300 Einwohner besitzt, so würde es mit ebenfalls daselbst nie gefallen können; zu dem kam noch, dass die ausgestandenen Leiden und traurigen Schicksale dieser Gegend im Jahr 1806 erfahren, indem den 26ten Dezember Napoleon die Russen daselbst schlug, immer noch bemerkbar waren. Außerdem hatte diese Gegend aber auch noch viel merkwürdiges für uns, denn hier schlug 1703 Carl der 12te die Sachsen. In Ostrolenka war ich nicht.

Nachdem ich also meine richtige Marsch-Direktion erhalten hatte, ging ich heute nach Wyszkow und noch einige Stunden bis Preuschinsk; so schlecht 26