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Im März 2015 kommt Naja Marie Aidts 25-jähriger Sohn Carl bei einem tragischen Unfall ums Leben. »Carls Buch« hält jene Monate nach dem verheerenden Anruf aus dem Krankenhaus fest. Sehr persönlich, aber gleichzeitig von erstaunlicher Allgemeingültigkeit schreibt die preisgekrönte dänische Schriftstellerin über den Versuch, das Unbegreifliche zu verstehen. Wie wir mit der Tatsache fertig werden, dass das Leben einfach so aufhört. Wie der Tod eines geliebten Menschen uns an die Grenze von Sprache führt. Wie wir Trost finden - bei Freunden und Familie, in unseren Erinnerungen und in der Literatur. Ergreifend, sprachlich brillant, mutig und unvergesslich.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2021
Zum Buch
Im März 2015 kommt Naja Marie Aidts 25-jähriger Sohn Carl bei einem tragischen Unfall ums Leben. »Carls Buch« hält jene Monate nach dem verheerenden Anruf aus dem Krankenhaus fest. Sehr persönlich, aber gleichzeitig von erstaunlicher Allgemeingültigkeit schreibt die preisgekrönte dänische Schriftstellerin über den Versuch, das Unbegreifliche zu verstehen. Wie wir mit der Tatsache fertig werden, dass das Leben einfach so aufhört. Wie der Tod eines geliebten Menschen uns an die Grenze von Sprache führt. Wie wir Trost finden – bei Freunden und Familie, in unseren Erinnerungen und in der Literatur. Ergreifend, sprachlich brillant, mutig und unvergesslich.
»Naja Marie Aidt ist zweifelsfrei eine der besten Schriftsteller Skandinaviens. Immer interessant. Immer intelligent. Phantasievoll, präzise, poetisch.« Linn Ullmann
Zur Autorin
Die dänische Schriftstellerin und Dichterin Naja Marie Aidt zählt zu den wichtigsten Stimmen Skandinaviens, ausgezeichnet u. a. mit dem renommierten Nordischen Literaturpreis und dem Großen Preis der Dänischen Akademie. Aidt wurde 1963 auf Grönland geboren und lebt heute in Brooklyn. Sie ist Mutter von vier Söhnen. »Carls Buch« gilt als eines der 10 besten Memoirs des letzten Jahrzehnts (Lithub). Bei Luchterhand ist zuletzt von Naja Marie Aidt der Roman »Schere, Stein, Papier« erschienen.
Naja Marie Aidt
Hat der Tod
dir etwas genommen,
dann gib es zurück
Carls Buch
Aus dem Dänischen
von Ursel Allenstein
Luchterhand
Für Martin und Eigil
und unsere Kinder
Und höher, die Sterne. Neue. Die Sterne des Leidlands.
Langsam nennt sie die Klage: – Hier,
siehe: den Reiter, den Stab, und das vollere Sternbild
nennen sie: Fruchtkranz. Dann, weiter, dem Pol zu:
Wiege; Weg; Das Brennende Buch; Puppe; Fenster.
Aber im südlichen Himmel, rein wie im Innern
einer gesegneten Hand, das klar erglänzende ›M‹,
das die Mütter bedeutet …… –
Rainer Maria Rilke, aus der zehnten duineser elegie
Ich hebe mein Glas und stoße mit meinem ältesten Sohn an. Über uns schlafen seine schwangere Frau und seine Tochter. Draußen ist die Märznacht kalt und klar. »Auf das Leben!«, sage ich, als sich die Gläser mit einem schönen, zarten Klirren berühren. Meine Mutter sagt etwas zu dem Hund. Dann klingelt das Telefon. Wir gehen nicht ran.
Wer sollte uns so spät am Samstagabend noch anrufen?
*
Er trug seine grüne Jacke. Das weiß ich, weil ich es selbst gesehen habe. Er ging in den grünen Wald, und neben ihm lief ein Tiger.
Er ging in den grünen Wald, und er blickte ins Laub hinauf. Ich kann sehen, wie das Licht in seinem Haar flimmert, das die gleiche Farbe hat wie das Fell des Tigers. Er geht allein. Er versteht nicht, warum er allein ist. Aber er hat seinen Tiger dabei. Er hatte seinen Tiger dabei. Er legt seine Hand auf dessen starken Rücken, und ich sehe, dass er sorglos ist. Jetzt macht der Weg eine Biegung, und er verschwindet dahinter, der Pfad führt ihn tiefer und tiefer hinein in den grünen Wald.
Er verschwand im Wald. Er war sorglos. Er verstand nicht, warum er allein war. Neben ihm lief ein Tiger.
*
Einmal, als ich schwanger war, träumte ich, das Kind in mir sei ein Tigerjunges.
Verspielt, sanft und verschmust mit hellbraunen Augen und goldenem Fell.
So sahst du aus, als du geboren wurdest.
*
Du wurdest per Kaiserschnitt entbunden, und nach der Geburt ging es mir richtig schlecht. Ich litt unter einer unerträglichen Migräne, doch auf der Entbindungsstation hielten sie mich alle für hysterisch. Ich weinte und klagte. Ich hielt es kaum in mir aus. Ich konnte mich kaum um dich kümmern. Als ich dich in dem durchsichtigen Säuglingsbettchen den Gang entlangschob, kollabierte ich. Dann wurde eine Krankenschwester hinzugerufen, die zugleich Heilerin war. Ich konnte tatsächlich spüren, wie sie mir einen Stoß warmer Energie schickte. So fühlte es sich an. Es half aber nichts. Schließlich wurde ich zu einem Facharzt für physikalische Medizin geschickt. Er sagte, in mein Rückenmark seien Luftblasen gelangt, weil die Periduralanästhesie nicht richtig gelegt worden sei. Er nahm meinen Körper komplett auseinander und renkte meine Glieder und meinen Rücken ein. Es knackte und krachte. Ich fühlte mich wie ein Tier auf der Schlachtbank. Ich war nichts als Knochen und Fleisch. Dann verschwanden die Kopfschmerzen, und ich wurde nach Hause geschickt. All das geschah im Rigshospitalet in Kopenhagen. Draußen war es sehr kalt. Ich hatte Angst, du würdest die Kälte nicht verkraften. Zuhause schlieft ihr sofort ein, dein Vater und du. Ich saß allein in der winzigen Küche, es war Abend, dunkel. Ich zog meine Jacke über und ging Zigaretten holen. »Ich bin ein Mensch«, dachte ich. »Ich bin jetzt wieder ich, allein in meinem Körper.« Und als ich am Kiosk stand, dachte ich darüber nach, dass der Verkäufer nicht sehen konnte, dass ich gerade ein Kind geboren hatte. Das war mein Geheimnis. Es freute mich. Du warst mein Geheimnis. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt. Ich lächelte den Verkäufer an und ging durch die schneehellen Straßen nach Hause.
Ein Geheimnis:
Geboren am 21. November 1989 um 14.32 Uhr.
Du wogst 3260 Gramm und warst 51 Zentimeter groß.
Du warst sehr hungrig, gleich nach der Geburt schon.
Mein Kleiner
*
Ich schrieb in mein Tagebuch:
Am Montag, dem ersten Mai 1989 – ein sonniger Tag – fand ich heraus, dass ich im Winter noch ein Kind bekomme. Kleines Winterkind, wie seltsam, dass du da bist, ich spüre dich noch nicht, mein Körper versteht gar nicht, dass du da bist.
Ich freue mich so, ihn zu sehen
Draußen ist die Märznacht kalt und klar
*
Eine Nacht voller Schrecken
Eine Nacht so voller Schrecken
Eine Nacht so voller Schrecken, so voller Schrecken, so voller Schrecken,
so voller Schrecken, so
Ich kann keinen Satz bilden
Meine Sprache ist ausgetrocknet
*
Ich hebe mein Glas und stoße mit meinem ältesten Sohn an. Über uns schlafen seine schwangere Frau und seine Tochter. Sie ist gerade erst drei Jahre alt geworden. Draußen ist die Märznacht kalt und klar. Wir haben den ganzen Tag zusammen verbracht. Wir waren im Wald spazieren und haben mit der Kleinen gespielt. Sie hat viele großartige Sachen gesagt, und sie hatte Spaß. Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten, und jetzt sitzen wir am runden Tisch im Wohnzimmer meiner Mutter. Auf das Leben!, sage ich, als die Gläser aneinanderstoßen. Wir haben gegessen, wir trinken Wein, wir sprechen über meinen zweitältesten Sohn. Dass er nicht auf der Filmschule aufgenommen wurde, aber bis in die letzte Runde kam. Dass das eine große Leistung ist. Dass es so scheint, als habe er seine Enttäuschung verwunden. Er sich nächstes Jahr wieder bewerben will. Er mit seiner Arbeit als Koch immer noch glücklich ist. Er fast seine ganze Freizeit damit verbringt, Filme zu schneiden. Wir vermissen ihn. Ich sage: Ich vermisse ihn. Schade, dass er heute Abend nicht bei uns sein kann. Aber ich freue mich so, ihn morgen zu sehen, sage ich. Der Hund bellt. Ich erzähle von meinem jüngsten Sohn. Wir lachen über irgendetwas. Meine Mutter sagt etwas zu dem Hund. Dann klingelt das Telefon. Wir gehen nicht ran. Wer sollte uns so spät am Samstagabend noch anrufen?
Maiglöckchen, weiße Rosen.
Die Erde, schwarz und feucht.
Das feine Bimmeln von Glasglocken heut
Nacht, heut
Nacht
*
Frederik, Carl Emil, Johan, Zakarias.
Ich habe vier Söhne.
Hast du vier Söhne?
Ja.
Die Sprache, leer, hohl
Weiß wie in weißes Rauschen
weiße Nächte.
Brautschleier, Leichenhemd,
Milchzähne, Muttermilch.
Ich stillte dich, und du aßt begierig
Du hast einen Namen
*
Carl:Jungenname(vgl. auch 1.1; jetzt v. a. dial.) erwachsener Mann (im Ggs. zu Junge); v. a.: junger Mann, der die Jugendjahre hinter sich gelassen hat, aber noch unverheiratet ist; Jüngling.
Emil: Jungenname, von lat. Aemilius, ‚einnehmend’. Der Name Emil hat seinen Ursprung im römischen Familiennamen Aemilius. Der Familienname hängt möglicherweise auch mit dem lateinischen Wort aemulus, ‚fleißig, eifrig’, zusammen.
Carl Emil.
Einnehmender junger Mann.
Einnehmender eifriger junger Mann.
Einnehmender eifriger fleißiger junger Mann.
Wir wollten uns mit Emil zufriedengeben, aber du warst so breitschultrig und stark, dass es nicht ausreichte.
Du bist nach dem Vater meines Vaters und dem Großvater deines Vaters benannt.
Die jüngste Tochter deines großen Bruders ist nach dir benannt: Emilie.
Die Tochter deines großen Bruders ähnelt dir.
Sie stellt sich nicht in den Mittelpunkt und:
Dein Lächeln ist unvergesslich (eine schöne Form):
Du bist in der Tochter deines großen Bruders:
Wir sind ineinander.
Bist du in mir?
Ja.
*
Ich schrieb in mein Tagebuch:
8. November 1994.
Carl Emil ist mittlerweile ruhiger und ausgeglichener, und er interessiert sich außergewöhnlich stark fürs Zeichnen, Malen, Basteln von Masken, Kneten usw. Schreibt Buchstaben und Wörter und fängt an zu zählen und Geld zu sparen.
Hat Freunde und ist nicht mehr so scheu und wortkarg wie noch vor ein paar Jahren. Ein leidenschaftlicher Junge, der nach wie vor seinen Schnuller und einen Kuss und sein Bett liebt.
Ich küsste deine Hand, und deine Hand war so kalt, dass die Kälte hinaufkroch in mein Gesicht, meinen Kopf, meinen Schädel. Es gibt nichts Kälteres auf der Welt. Nicht Eis noch Schnee. Keine Furcht, keine Angst, kein Kummer sind so kalt wie deine Hand; deine Hand, die ich küsste mit meinem warmen, lebendigen Mund.
Ich sagte: Mein Kleiner.
Du warst fünfundzwanzig Jahre alt.
Das war im März 2015.
Es war
Es war
Dein junger Körper im Sarg
Die Erde, schwarz und feucht
So seltsam, dass du nicht da bist, ich spüre dich noch immer
Mein Körper versteht gar nicht, dass du nicht da bist.
*
Ich schrieb in mein Tagebuch:
4. Dezember 1989.
Der Kleine ist da! Was für ein süßer Kleiner. Er saugt und schläft und ist immer noch bloß ein kleines Tier. Ich merke schon, dass er auf seine eigene, stille Weise eine starke Persönlichkeit ist. Er schreit nur (sehr selten), wenn es WIRKLICH einen Grund dafür gibt, aber dann schreit er, dass die Wände wackeln. Und zugleich gibt er die niedlichsten Laute von sich, als würde er singen.
Ich kann über dich sagen: Als hättest du gesungen.
Ich kann sagen: Du sangst.
Ich kann sagen: Du singst in mir.
Du hattest eine Wärme in dir, die andere Menschen in den Bann zog. Du hattest eine sinnliche Wärme in dir.
Aber du warst auch zurückhaltend oder fern oder scheu.
Aber du warst auch voller Freude.
Aber du warst auch zart, empfindsam.
Aber du warst auch stark.
Aber du warst auch auf der Suche nach etwas.
Aber du warst auch fest verwurzelt.
Du hattest nicht viel Wut in dir.
Du hattest etwas an dir, für das mir die Worte fehlen. Etwas Durchsichtiges, das dich leiden ließ, allein, im Stillen.
Und wenn du über die Liebe geweint hast, hast du am meisten gelitten.
Du hast dich nie in den Mittelpunkt gestellt.
Du hast geleuchtet.
Wenn ich dich beschreiben soll, erscheint mir eins problematisch. Ich sehe dich nicht losgelöst von mir selbst. Ich sehe dich vor dem Hintergrund meiner eigenen Beschränkungen. Diese Beschränkungen sind ein Teil meiner selbst. Deshalb habe ich kein klares Bild von dir. Das ist gar nicht möglich. Und trotzdem sehe ich dich klar. Obwohl ich dich nicht notwendigerweise wahrheitsgetreu sehe. Vielleicht sehe ich Teile von dir, die niemand sonst sehen kann. Vielleicht ist die Wahrheit über einen Menschen kaleidoskopisch. Alle Blicke zusammen bilden ein Prisma, und das bist du. Kaleidoskop kommt aus dem Griechischen und heißt so etwas wie eine schöne Form betrachten. Ein schöner Betrachter einer Form sein, eine Form schön betrachten, einen schönen Betrachter formen.
Ich sehe dich, du bist eine schöne Form. Du bist ein schöner Betrachter. Ich habe einen schönen Betrachter geformt: dich.
*
Einmal, da warst du neun Jahre alt, waren wir zusammen auf die Insel Frøja in Norwegen gefahren. Von dort aus nahmen wir kleine Fähren zu den umliegenden Inseln im Schärengarten. Es war das erste Mal in deinem Leben, dass wir beide allein etwas unternahmen, ohne deine Brüder. Nie war genug Zeit da. Ich machte ein Bild von dir: Du liegst auf dem Boden, umgeben von Blaubeer- und Preiselbeerbüschen. Die Sonne strahlt. Deine Augen strahlen. Du siehst vollkommen entspannt und glücklich aus. Du siehst zu mir hoch und kneifst die Augen zusammen, weil das grelle Licht dich blendete. Dein Lächeln ist unvergesslich. Wir schliefen eine Nacht im selben Bett in einem kleinen Hotel auf einer kleinen Insel, deren Namen ich vergessen habe. Es war der Abend, bevor das Foto aufgenommen wurde. Als wir an jenem Abend zusammen aßen, stellten wir uns gegenseitig Fragen über unsere Kindheit. Es war, als wüssten wir sehr wenig übereinander. Als hätten wir nie die Gelegenheit gehabt, ein privates Gespräch zu führen. Nie war genug Zeit da. Wir waren wie Fremde, die versuchen, einander kennenzulernen. Aber es war ein schönes Gespräch. Ein sehr zivilisiertes und respektvolles Gespräch. Du fragtest nach meiner Kindheit. Ich fragte nach deiner. Du sagtest, die Scheidung sei schwer für dich gewesen, und du würdest deinen Vater sehr vermissen. Das hatte ich bereits gewusst. Ich bewunderte dich, weil du im Stande warst, mir davon zu erzählen. Du hast mir gegenüber gesessen und Pommes frites gegessen. Wir saßen draußen, mit Blick auf einen kleinen Hafen. Es war kalt, aber wir wollten beide lieber draußen sitzen.
*
Ich schrieb in mein Tagebuch:
20. Mai 1998.
Carl Emil kommt nach den Sommerferien in die dritte Klasse; etwas in sich gekehrt und ohne besondere Interessen. Aber ich glaube, das ist das Alter: Man will so gewöhnlich sein wie möglich. Mit der Zeit wird er sich mehr entfalten.
In einem kleinen Hotel auf einer kleinen Insel, deren Namen ich vergessen habe, entfaltetest du dich. In den Blaubeerbüschen, in den Preiselbeeren. Mit Blick auf einen kleinen Hafen. Du siehst zu mir hoch.
*
Ich schrieb in mein Tagebuch:
1. November 1994.
Carl Emil, Joakim und Johan sollen schlafen. Plötzlich ruft Joakim: Meine Oma passt immer auf mich auf, sie ist ein Engel!
Sie ist tot, sagt Johan.
Carl Emil setzt sich im Bett auf: Wenn ich sterbe, möchte ich nicht verbrannt werden, ich will auf einem Friedhof tief in der Erde vergraben werden. Die beiden Jüngeren sind ein bisschen verwirrt. Dann sagt Joakim: Ähm, ähm … Wenn ich alt bin, möchte ich gebraten werden! Er sagt es voller Ernst.
Johan erwidert: Wenn ich alt bin, will ich wieder aufgewärmt werden. Ja, genau!
Dann legen sie sich wieder hin.
1994: Carl Emil 5, Joakim 4, Johan 3.
Joakim: dein Cousin.
Johan: dein kleiner Bruder.
Als Johan gerade mal vier Jahre alt war, sagte er: »Die Seele, das ist so ein rundes, weißes Ding.«
*
Am 21. November 2007 wurde Carl achtzehn, und er bestand darauf, selbst für seine vielen Gäste zu kochen. Wir waren mindestens fünfundzwanzig Leute. Carl wollte etwas Arabisches kochen. Er hatte vorher noch nie ein ganzes Essen allein zubereitet. Das Menü war ambitioniert. Ich durfte ihm helfen. Wir standen den ganzen Tag und fast den ganzen Vortag in der Küche. Er bereitete unzählige Gänge zu, ich war seine Assistentin. Kurz bevor die Gäste kamen, waren wir beide so erschöpft, dass wir uns auf den Küchenboden legten. Wir mussten lachen und konnten nicht mehr aufhören. Du siehst mich an, deine Augen strahlen. Da lagen wir in unserer festlichen Kleidung auf dem Holzboden und lachten. Es war ein magischer Moment. Dein Lächeln war unvergesslich. Dann standen wir auf, und Carl nahm seine Gäste in Empfang. Er hatte herausgefunden, dass er ein Talent besaß. Er konnte kochen.
Du konntest kochen.
Und du aßt begierig
Als du fünfundzwanzig Jahre alt wurdest, hielt dein Großvater väterlicherseits eine Rede auf dich. Du und Joakim und dein Freund N hatten für alle gekocht, die Lust hatten vorbeizukommen.
Dein Großvater hielt eine Rede auf dich, er sagte:
Heute ist Carl 25 Jahre alt geworden. Die 25 hat etwas von einer Silbermedaille, etwas Glänzendes, Glitzerndes. 25 Jahre: ein Viertel des Lebens. Und da steht er wie ein griechischer Gott mit seinen Suppentöpfen und Gewürzen.
Das war am 21. November 2014. Dein Großvater war 79 Jahre alt. Es war knapp vier Monate, bevor du starbst.
*
Ich schrieb in mein Tagebuch:
11. Februar 2016.
All die Gewürze, die du gekauft und verwendet hast, stehen immer noch in meinem Schrank, und immer, wenn ich sie berühre – geräucherte Paprika, Curry, Cayennepfeffer –, denke ich daran, dass es noch nicht lange her ist, dass du sie berührt hast, mit deinen warmen, lebendigen Händen.
Er ist immer noch glücklich mit seiner Arbeit als Koch
Er arbeitete schnell – fleißig, eifrig – in der Küche.
*
Ich hebe mein Glas und stoße mit meinem ältesten Sohn an. Über uns schlafen seine schwangere Frau und seine Tochter. Sie ist gerade erst drei Jahre alt geworden. Draußen ist die Märznacht kalt und klar. Wir haben den ganzen Tag zusammen verbracht. Wir waren im Wald spazieren und haben mit der Kleinen gespielt. Sie hat viele großartige Sachen gesagt, und sie hatte Spaß. Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten, und jetzt sitzen wir am runden Tisch im Wohnzimmer meiner Mutter. Auf das Leben!, sage ich, als die Gläser aneinanderstoßen. Wir haben gegessen, wir trinken Wein, wir sprechen über meinen zweitältesten Sohn. Dass er nicht auf der Filmschule aufgenommen wurde, aber bis in die letzte Runde kam. Dass das eine große Leistung ist. Dass es so scheint, als habe er seine Enttäuschung verwunden. Er sich nächstes Jahr wieder bewerben will. Er mit seiner Arbeit als Koch immer noch glücklich ist. Er fast seine ganze Freizeit damit verbringt, Filme zu schneiden. Wir vermissen ihn. Ich sage: Ich vermisse ihn. Schade, dass er heute Abend nicht bei uns sein kann. Aber ich freue mich so, ihn morgen zu sehen, sage ich. Der Hund bellt. Ich erzähle von meinem jüngsten Sohn. Wir lachen über irgendetwas. Meine Mutter sagt etwas zu dem Hund. Dann klingelt das Telefon. Wir gehen nicht ran. Wer sollte uns so spät am Samstagabend noch anrufen?
Dann klingeln all unsere Telefone.
Es ist meine Schwester, die anruft.
Meine Mutter geht ans Telefon.
Ich kann meine Schwester schreien hören.
Fortuna
Fortuna
Ich hasse dich
*
Ich schrieb dir am 13. Januar 2015, zwei Monate und drei Tage, bevor du starbst:
Mein Lieber,
wie geht es dir? Ich habe letzte Nacht von dir geträumt, du bist hingefallen und hast dir wehgetan und geweint. Mich hat das so traurig gemacht im Traum. Ich bin davon aufgewacht, dass ich weinte.
Du schriebst sofort zurück:
Haha! Mir geht’s gut. Bin gerade am Schneiden. Ich glaube, das wird ein guter Film.
*
Wir standen in meiner Küche, Neujahr 2015. Wir sprachen über deinen Urgroßvater, der einige Jahre zuvor gestorben war. Er wurde vierundneunzig. Du hast deinen Urgroßvater geliebt, und er liebte dich.
Du sagtest: »Ich habe keine Angst vor dem Tod. Das hatte ich noch nie.«
Ich sagte: »Ich schon. Wenn ich sterbe, müsst ihr mich verbrennen, ich will nicht in die kalte Erde hinunter.«
Du hast gelacht. Und dann gesagt: »Ich möchte beerdigt werden. Ich wünsche mir, in den großen Kreislauf einzugehen. Ich liebe die Natur, ich will ein Teil von ihr sein.«
Ich lachte.
Ich sagte: »Das bist du sowieso.«
Ich sagte: »Whatever. Das werde ich Gott sei Dank nicht mehr erleben.«
In der Tasche deiner grünen Jacke fand ich ein kleines Buch. Walt Whitmans Gedichte. Schön gebunden, Leder und Goldbuchstaben, von deinem Urgroßvater. Sein Name stand darin. Meine Mutter hatte es dir geschenkt.
Ich liebe die Natur.
Ich will zum Waldhang gehen und ohne Verkleidung und nackt sein,
Ich bin verrückt danach, daß sie mich berührt.
Der Dunst meines eigenen Atems,
Echos, Geplätscher, summendes Flüstern, Liebeswurzel, Sei-denfaden, Zwiesel und Ranke,
Mein Einatmen und Ausatmen, mein Herzschlag, das Strömen von Blut und Luft durch meine Lunge …
»Gesang meiner selbst«
Bleib bei mir diesen Tag und diese Nacht, und du wirst den Ursprung aller Gedichte besitzen.
Als ich das Buch in deiner grünen Jacke fand, warst du tot. Das war im März 2015.
Du singst in mir.
*
Einmal hast du in einem alten, knorrigen Magnolienbaum gesessen, versteckt hinter den rosafarbenen wachsartigen Blüten, den dicken grünen Blättern. Ich saß auf einem Stuhl auf dem Rasen und habe gelesen. Das war im April. Ich konnte deinen Atem hören und den Wind, der durch das Laub strich. Du sagtest: »Wenn ich tot werde, möchte ich unter Omas Magnolienbaum begraben werden.« Du warst vier Jahre alt.
Bleib bei mir diesen Tag und diese Nacht
Denn jetzt werden wir von dem hören, was niemand hören will.
Wir pflanzten einen Magnolienbaum auf deinem Grab. Es war derselbe Magnolienbaum, der während der Beerdigung neben deinem Sarg stand. Dort standen auch vier Apfelbäume. Blüten vom Magnolienbaum deiner Oma schmückten deinen Sarg. Und weißer Flieder, weiße Rosen, Mirabellenzweige, Blausterne. Es gab auch Vergissmeinnicht und Stachelbeerzweige, Kirschzweige und Maiglöckchen. Einen Strauß Maiglöckchen, den du mit auf den Weg bekamst. Ich las auf deiner Beerdigung aus »Gesang meiner selbst«. Ich las:
Erde der schlummernden, verschwimmenden Bäume!
Erde des entschlafenen Sonnenuntergangs – Erde der nebelgegipfelten Berge!
Erde des gläsernen Vollmundgusses, bläulich durchhaucht!
Erde des Glanzes und des Dunkels, welche die Gezeiten des Flusses sprenkeln!
Erde des schimmernden Wolkengrau, heller und klarer um
meinetwillen!
Weitstürzende gebogene Erde – üppige Apfelblütenerde!
Lächle, denn dein Liebender kommt!
Wie war das möglich? Es war möglich. Ich erhob mich von meinem Stuhl und las vom Blatt ab. Eine tapfere Trauernde, sagt man, und das ist gelogen. Versteinert, bloßer Überlebensinstinkt, neben sich stehend und doch gefasst, eine Form des Wahnsinns. Weiß, tot.
*
Als du klein warst, hast du deinen Mittagsschlaf im Kinderwagen unter dem Magnolienbaum gehalten. Du wachtest auf und plappertest vor dich hin, es klang, als würdest du singen. Lichtflimmern, Lichtregen durch die grünen Blätter.
Ich bin von Sinnen
*
Du schriebst das hier vor ein paar Jahren
flieg, flieg, flieg
stoß die welt nicht weg von dir
sondern lass vom wind dich tragen
stirb, stirb, stirb,
und ich fand deine Notizbücher, als wir dein Zimmer ausräumten, und ich sah, dass du Gedichte geschrieben hattest, und ich wusste bis dahin nicht, dass du Gedichte geschrieben hattest, und ich sah, dass viele vom Tod handelten, und ich dachte SCHICKSAL, und ich dachte NEIN, alle schreiben Gedichte über den Tod, wenn sie jung sind, und ich fror genauso, wie als ich zum letzten Mal deine Hand küsste, und ich zitterte vor Kälte und klammerte mich an dein Notizbuch, und ich taumelte und wäre fast ohnmächtig geworden, und es gab so vieles, was ich nicht von dir wusste, und es gab so vieles, was ich von dir wusste, und du schriebst
Spekulation, ist der Tod eine Union?
Tod, Death, Mort, Meth
Eine Klinge in der Maschine der Schwachen.
Schmerzhaft? Schlaflos?
Sorgenvoll? Müde?
Genieße die Frucht, sauer und süß.
Das Leben endet abrupt, denk daran
Jetzt – ehe du tot bist.
jetzt werden wir von dem hören, was niemand hören will
jetzt hören wir von tod, death, mort, meth
(ich fasse zusammen, mein hirn brennt, ich schreibe, ich nenne es notizen:
meth bedeutet tod auf hebräisch
ich wusste nicht, dass du das hebräische wort kanntest
ich wusste nicht, dass du gedichte last
ich wusste nicht, dass du gedichte schriebst
ich wusste nicht)
du flogst in den tod
du warst nackt als du
in den tod flogst
am 14. märz um 23.13 uhr
Aber davor warst du lebendig und du erblühtest
Gestorben am 16. März 2015 um 15.45 Uhr
Du wogst 88 Kilogramm und warst 1 Meter 96 groß.
ich lächle dich von meinem Bett aus an wie eine weiße blume die an die verschwundene sonne zurückdenkt
*
