Carola P. - Alena Dille - E-Book

Carola P. E-Book

Alena Dille

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Beschreibung

Carola geht zur Schule und lebt mit ihrer sechsköpfigen Familie eigentlich ein gutbürgerliches Leben. Doch sogar in ihrer Clique von Außenseitern ist sie die Außenseiterin. Von der Zukunft hat sie eine klare Vorstellung: Sie will später einmal studieren und ihren deutlich reiferen Volleyballtrainer Steffen heiraten. Allerdings weiß der davon noch nichts. Als das Schicksal in kürzester Zeit mehrmals heftig auf Carola einschlägt, ist ihre Kindheit endgültig vorbei und ihre Träume vorübergehend unwichtig.

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Schule, Sport & Ärger

Nick will reden

Das Schicksal schlägt zu

Unerfüllte Sehnsucht

Kontrollverlust

Kein Unfall

Ver(w)irrt

Das Wiedersehen verdienen

Die Einladung

Besuch aus der Hölle

Neues Leben

Schule, Sport & Freude

Caro öffnet sich

Eine Runde weiter

Das Rendezvous

Rache

Sommertag am See

Ein Grobian

Die Mehrzahl von Stress

Der richtige Bus

Abschied

Triggerwarnung

Dieses Buch enthält mögliche Trigger. Eine Liste befindet sich auf der letzten Seite.

Achtung: Die Hinweise können der Geschichte vorgreifen und ihre Spannung nehmen (Spoiler).

Schule, Sport & Ärger

Eine große, runde Uhr hing über der Eingangstür. Statt Zahlen hatte sie nur Striche, die in ihre Mitte hin ausgerichtet waren. Ihr Blatt war weiß, die Zeiger schwarz. Nach jeder Minute hörte man, wenn es ganz ruhig war – oder man darauf achtete – ein schweres Klacken, wenn der Minutenzeiger zwar nicht zu Boden fiel, sich aber auf den nächsten Strich schmiss.

Die Turnhalle war alt, mit Bestimmtheit älter als Carolas Mutter oder Vater. Alle Mauern waren aus Backsteinen gemacht und diese hatten Löcher. An ihnen und in ihnen hingen Kaugummis auf der Kopfhöhe Heranwachsender. Es waren sehr viele Kaugummis; manche waren weiß, gingen schon in Grau über, einige waren blau – dieses strahlende Blau, das an Türkis erinnert – und ganz wenige hatten rote Farben. Die alten Kaugummis waren bereits hart, aber viele waren noch zäh. Wenn man sie mit dem Zeigefinger berührte, verformten sie sich und manch eine hatte fast den Drang, sie zu kauen, wenn sie nicht so eklig gewesen wären.

Über dem Geschehen gab es auf den langen Seiten der Halle große Fenster, auf denen Vögel aufgeklebt waren, damit solche nicht dagegen flogen. Draußen, das konnte man durch die Scheiben sehen, standen einzelne hochgewachsene Bäume und auf der Südseite erkannte man hinter ihnen die Kirche. Die Turmuhr zeigte die richtige Uhrzeit an – im Gegensatz zur Hallenuhr. Irgendwem war die Zeit wohl egal.

In der Halle machte gerade ein Mädchenvolleyballteam ein Trainingsspiel. Sie waren zu siebt, also drei gegen vier. In der Mitte der drei stand Carola. Sie hatte schwarz gefärbte Haare, die verfettet waren und aussahen, als wären sie von Haarspray auch noch verklebt. In ihrem Gesicht sah man das Ergebnis von zu viel Selbstbräuner, der allerdings von jeder Menge dunklem Make-up verdeckt war. Carola stand breiten Schrittes und nach vorne gebeugt bereit für den Ball. Als dieser langsam auf sie herabfiel, legte sie die linke Hand in die Rechte, drückte die Daumen zusammen, streckte die Arme fast durch und ging tiefer in die Hocke. Als der Ball – er war blau und gelb, außen weich, aber hart aufgepumpt – niedrig genug war, reckte sie ihre Beine und änderte seine Richtung. Der Volleyball flog nach oben und in einer perfekten Kurve auf die gegenüberliegende Seite des Netzes; Carola und alle anderen Augenpaare in der Halle schauten ihm nach.

Ich würde schon behaupten, dass ich ein normales Mädchen war. „Normal“ natürlich nicht gemeint wie „durchschnittlich“, aber im Sinne von: „Von meiner Sorte gibt es noch ein paar.“

Sport nahm in Carolas Leben viel Raum ein. Sie spielte auch Tennis, was sie überhaupt nicht gerne tat. Aber ihre Mutter war zu Jugendzeiten sehr gut darin, also hatte Carola zweimal die Woche ins Tennistraining zu gehen.

Das Dreierteam hatte nun Aufschlag. Carola nahm den Ball, beförderte ihn mit links in die Luft, sprang und versenkte ihn auf der gegenüberliegenden Grundlinie. Ihre Kameradinnen kamen sofort alle auf sie zu und klatschten ihre Hand ab.

Volleyball war die Sportart, die Carola gefiel. Darin konnte sie etwas zeigen, sie war die Beste im Team. Im Training galt die Aufmerksamkeit oft nur ihr, auch die ihres Trainers Steffen. Dieser stand schon während des gesamten Trainingsspiels breitbeinig und mit verschränkten Armen neben dem Netz und verfolgte den Ball mit Augen und Kopf.

Dieser Mann mit dem dunklen Dreitagebart und den muskulösen Armen war Carolas Traummann, den sie später einmal heiraten wollte. Allerdings wusste er nichts davon. Sie hatte noch nie über etwas anderes als über Aufschläge, Stellungsspiel und so ein Zeug mit ihm geredet.

An diesem Tag machte Carola im Training wieder sehr viele Punkte. Sie rettete Bälle, indem sie zu Boden hechtete, sie ging an ihre körperlichen Grenzen. Als Steffen auf den Fingern pfiff, um das Trainingsspiel zu beenden, schritten die Mädchen wie üblich an ihm vorbei und klatschten seine Hand ab. Während Carola das tat, spürte sie ihren Ring. Sie setzte sich auf die Bank, stützte ihre Ellbogen auf die Beine und ließ den Kopf nach unten hängen, um besser Luft holen zu können.

Das Schmuckstück war der Grund, weshalb Carola nie bei einem Punktspiel auflief. Es war ein einfacher, silberner Ring, ohne irgendeine Verzierung, der mehr als nur Schmuck war. Er war Carolas Lebenseinstellung und sie wollte ihn nie abnehmen, also tat sie es auch nicht. Im Training wurde es geduldet, wenn sie ihn mit Tape abklebte, aber im Wettkampf war das verboten, dementsprechend blieb sie fern. Wirklich niemand hatte Verständnis dafür.

Nach seiner taktischen Ansprache – Carola war in Gedanken versunken und hatte kein Wort wahrgenommen – beendete Steffen durch ein weiteres, leiseres Pfeifen das Training und schickte die Mädchen zum Duschen.

Zu Hause dann saß Carola mit ihrer Familie beim Abendessen. Sie hockten zu sechst an einem Tisch, der aus hellem, fast gelbem Holz war, allerdings mit einem durchsichtigen Harz beschichtet, sodass man das Holz nicht anfassen konnte. Über der Mitte der Tafel hing eine niedrige Deckenlampe, die schwaches gelbes Licht abgab. Es roch nach Pizza, denn es gab Pizza. Hauptsächlich roch man das heiße Tomatenmark darauf, beigemischt der Duft von gebackenem Käse und mehligem Teig.

Keiner trug an Kleidung das, was er tagsüber angehabt hatte. Alle hatten sich in bequeme Schlabberklamotten geschmissen – bis auf Alessia. Thomas biss von seinem Stück Pizza ab, das er in beiden Händen hielt und kaute langsam. Der sportlich gebaute junge Mann mit den glatten schwarzen Haaren war der ältere von Carolas Brüdern; sechs Jahre war er schon länger auf der Welt als sie. Er studierte Biomechanik an der Universität. Carola konnte sich nichts Langweiligeres vorstellen, als später einmal zu studieren. Immerhin war die Schule schon zum Kotzen. Dennoch war es eine geplante Etappe auf ihrem Lebensweg.

Nachdem sie fertig gegessen hatten, zog die Familie von der Küche in das Wohnzimmer. Timo saß mit verschränkten Armen auf der Couch, streckte sein Bein aus und ließ es dann immer wieder zurück gegen das Fußteil schlagen. Er ging auch auf Carolas Schule, stand kurz vor dem Abschluss. Er war drei Jahre älter als sie und konnte es nicht erwarten, nach der Schulzeit endlich von zu Hause auszuziehen. Carola verstand das nur zu gut.

Es lag nicht an Alessia. Das kleine, siebenjährige Mädchen mit glattem gold-blondem Haar, blauen Augen und gut sichtbaren Sommersprossen, blickte gerade gebannt auf den Fernseher und lehnte den Kopf an Carolas Schulter. Carola sah auf sie hinab und sagte sich in Gedanken einmal mehr, dass Alessia alles für sie sei – auch wenn, oder vielleicht erst recht, weil die Kleine wie ihr exaktes Gegenstück wirkte: stets fröhlich, nett und zuvorkommend.

Auf ihrer eigenen, kleineren Couch saßen die Eltern der vier Geschwister. Sie lehnten aneinander und sahen dabei nicht so aus, als fühlten sie sich wohl. Carola war felsenfest davon überzeugt, dass die beiden schuld daran seien, dass Timo ausziehen wollte. Die Mutter war gerade in einer Lebensphase, deren physische Auswirkungen ihre Stimmungen mit dem pubertären Verhalten der mittleren Kinder schwer vereinbaren ließ. Das war für alle, auch für sie selbst, sehr anstrengend. Besonders nach strapaziösen Schichten schwankte sie oftmals zwischen wütender Gereiztheit und einer Enttäuschung über eigentlich wenig belangreiche Dinge, die sie den Tränen nahebrachte. Daher entschuldigte sie sich oft – meistens bei den Mädchen – wenn sie ihren Frust verbal an Unschuldigen ausgelassen hatte.

In diesem Moment nahm sich die Mutter ein Plätzchen vom Teller auf dem Tisch – die Pizza war ja schon alle. Dann fasste sie die weiße Platte an deren Rand und hob sie hoch, reichte sie anbietend umher. So war sie immer: Trotz allen Stresses dachte sie stets an die anderen. Von ihr hatte Alessia offenbar gelernt sich zu benehmen. Das kam daher, dass Carolas Mama Krankenschwester war. Sie hatte viel mit Menschen zu tun, konnte sich in jeden einfühlen und wusste dann, was zu unternehmen war.

Der Vater rollte in jenem Moment mit den Augen. Er rutschte ungeduldig auf der Couch umher, verschränkte die Arme und legte den Kopf in den Nacken. Carolas Papa war anders als ihre Mama. Er war einer der Menschen, die nur ihre eigenen Themen im Kopf haben. Er hatte sich in der Arbeit stets gut eingebracht, daher hatte die Familie auch ein Leben ohne materielle Nöte. Doch sein begrenztes Interesse an den Lebensinhalten seiner Kinder belastete das Familiendasein. Er sprach mit ihnen beinahe ausnahmslos darüber, wie wichtig gute Noten seien, um später einmal eine erfolgreiche Karriere zu haben. Zudem drängte er Carola immer wieder, sich in den Ferien oder für nachmittags einen Schülerjob zu suchen und zu beginnen, Geld zu verdienen. Er verstand nicht, dass sie neben Schule und Sport auch einen Teil ihrer Zeit selbst gestalten wollte. Sie hing trotzdem mit ihren Leuten ab.

Am nächsten Morgen war wieder Schule. Eigentlich wäre Carola dort besser gewesen, als es auf dem Papier stand – wenn die Lehrer sie nur gemocht hätten. Ihr verging die Lust am Lernen immer wieder, besonders damals an diesem speziellen Tag, relativ zu Beginn des neuen Schuljahres. Noch in den Ferien hatte sie sich vorgenommen, unentwegt zu lernen und der Schule höchste Priorität zukommen zu lassen. Zwei Wochen lief dieses Schuljahr super, sie machte ihre Hausaufgaben und verhielt sich im Unterricht tadellos; sie meldete sich oft und bekam sogar gute Zusprache von ihren Lehrern.

Wie üblich betraten die Schüler den Klassenraum. Carola legte ihre Tasche, einen schwarzen Sport-Rucksack, auf den Boden neben ihrem Pult in der vorletzten Reihe und setzte sich auf ihren Platz. Die Stühle hatten Sitzflächen und Lehnen aus Holz und Beine aus Stahl, insgesamt waren sie aber viel zu niedrig für Schülerinnen ihres Alters. Als Carola so dasaß, verschränkte sie ihre Arme und blickte teilnahmslos auf die Tischplatte. Darauf stand in blauer Tinte irgendwas gekritzelt, es war aber nicht wichtig. In ihrem schwarzen Pulli, mit der Kapuze auf dem Kopf und den weiten Ärmeln sah Carola sehr klein, aber auch angriffslustig aus.

Der Geografielehrer Herr Kriger kam herein, setzte sich auf das Lehrerpult und betrachtete die Klassenliste auf seinem Klemmbrett. Der Mann war schal und wäre er nicht der einzige Erwachsene im Raum gewesen, er wäre nicht aufgefallen: weiß, mittel-alt, er trug eine Brille mit kreisrunden Gläsern und hatte horizontale Furchen auf der Stirn. In seinem graukarierten Pullunder hätte er auch ein als Spießer getarnter Agent sein können. Herr Kriger rief Carola auf. Sie war an der Reihe, über den Stoff der letzten Stunde ausgefragt zu werden.

Sie war gut vorbereitet, trotzdem schoss ihr das Adrenalin in die Glieder. Es lähmte sie mehr, als dass es sie zur Bewegung motivierte. Aber sie freute sich, denn nach einem Nachmittag voller geografischer Fachbegriffe in der Vorwoche konnte sie jetzt endlich Punkte abkassieren.

Carola stand auf und ging trotz hängender Schultern – was vermutlich daher rührte, dass sie gelangweilt aussehen wollte – auf eine sportliche Art und Weise nach vorne. Sie atmete tief ein.

Nach der Abfrage ging Carola zurück an ihren Platz und hatte dabei ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Ein Mitschüler – Feliks, ein bebrillter und entspannter Zeitgenosse mit hervorstehenden Schneidezähnen – lehnte sich in ihre Richtung und versteckte sein anerkennendes Kompliment flüsternd hinter verwunderten Worten: „Du Streberin! Das war garantiert die Bestnote, was ist denn los mit dir heute?“ Seine Verwunderung hatte aber einen echten Grund: Bisher hatte Carola eine Bestnote nur mal versehentlich nach Hause gebracht, wenn ihr ein Thema ganz gut lag; bestimmt hatte sie nie dafür gelernt.

Der Rest der Stunde verging wie im Fluge, Carola hatte ein großartiges Gefühl. Endlich konnte sie die Ernte einfahren, nachdem sie sich jeden Tag zu Hause hingesetzt hatte. Der Lehrer stellte in dieser Stunde noch einige Fragen, anders als gewohnt war auch manchmal sie die Schülerin, die antwortete. Die Jugendlichen schrieben auch Notizen von vorne ab. Herr Kriger war bekannt dafür, ständig Wörter in grüner und roter Farbe zu unterstreichen – und er verlangte von ihnen, das Farbenspiel in die Aufzeichnungen genauso zu übernehmen. Irgendwann meldete sich endlich der Gong.

Alle Schülerinnen packten nach diesem Geräusch aus der grauen Lautsprecherbox zügig ihre Sachen zusammen und verschwanden aus dem Raum in die Pause. Das Treiben war von einem lauten Schnattern begleitet. Carola blieb im Klassenzimmer, sie wollte den Lehrer noch abfangen: „Welche Note bekomm ich denn jetzt auf meine Abfrage?“ „Ich gebe dir eine Zwei.“

Was für ein Schlag in die Magengrube. Carola hatte größte Mühe nicht zu erbrechen; außerdem viel es ihr schwer einzuatmen. Sie sah in sein Gesicht, aber erst mal bewegte sich dort nichts. Seine Ausdruckslosigkeit verwirrte sie so sehr, dass sie sich plötzlich nicht mehr sicher war, ob sie ihn schon gefragt oder sich das vielleicht nur eingebildet hatte. Für das Folgende nahm sie sich vor, sachlich zu bleiben und ihre Worte sanft in den Raum zu hauchen. Stattdessen jedoch brach es wütend aus ihr heraus und ihre Stimme wurde mit jedem Satz lauter:

„Eine Zwei? Eine Zwei? Wieso eine Zwei? Ich hab alles gewusst, keine Frage offengelassen! Wieso bekomm ich da nur eine Zwei?“ Diese letzten Worte waren kein Brüllen mehr, sie waren ein Krächzen. In diesem Augenblick merkte sie, dass sie einem Streit im Moment nicht gewachsen war.

Der Lehrer antwortete darauf ruhig, mit einem belehrenden Unterton: „Damit musst du leben können.“ Er senkte leicht den Kopf und sah sie über den Brillenrand hinweg an. „Das ist immerhin eine riesige Steigerung, wenn du das mit deinen Leistungen aus dem letzten Schuljahr vergleichst. Und eine Diskussion werde ich mit dir jetzt sicher nicht führen.“

Carola bemerkte an seinem Tonfall, dass dieser Mann sie vor seinem geistigen Auge wohl mit irgendeinem widerlichen Kleintier verglich. Er bewertete sie als Person und nicht ihre Leistung.

Fassungslos rannte sie aus dem Klassenzimmer, sie war sehr wütend. Sie schlug die Türe hinter sich mit aller Kraft zu; man sah das Holz fast bersten. Meter für Meter entfernte sie sich eilend auf dem steinig gepflasterten Boden vom Ort der Kränkung.

In der darauffolgenden Chemiestunde wollte es der Zufall, dass sie erneut zur Ausfrage erwählt wurde. „Nein, sicher nicht“, war ihre Reaktion, die sie mit trotzig verschränkten Armen und einer weit nach hinten gelehnten Sitzposition untermalte. Der Lehrerin war nicht begreiflich, woher die Weigerung rührte. Doch es blieb ihr nichts anderes übrig, als Carola statt mit der zweitbesten, diesmal mit der allerschlechtesten Note zu versehen. Auch den Mitschülern, die die Szene nach der vorangegangenen Stunde nicht mitbekommen hatten, war es unbegreiflich, was in sie gefahren war. Nicht direkt, aber wahrnehmbar erntete sie Spott und Kopfschütteln.

Nach dieser bitteren Szene saß Carola still auf ihrem Platz, ihre Haare fielen über ihr Gesicht, sodass ihre Augen nicht sichtbar waren. Man konnte – die Mitschüler mussten – ahnen, dass sie weinte. Das tat sie aber nicht; ihr Blick war stattdessen wie versteinert, eisern geradeaus gerichtet.

Carola war derart wütend, dass sie diesen Zustand an diesem Tag und sogar die ganze Woche lang nicht mehr loswurde. Doch so war ihr Leben. Sie wurde nicht akzeptiert von den Leuten, von denen es wichtig gewesen wäre. Auch Erfahrungen wie diese waren insgeheim ein Grund, weshalb sie es nicht wagte, sich um einen Job zu bewerben. Dortige Ablehnungen hätte sie einerseits verkraften, neugierigen Mitmenschen andererseits erklären können müssen. Doch wie erklärt man, warum man ist, wie man ist?

Nick will reden

Einmal saß Carola mit ihren Leuten in der Eingangshalle der Schule. Sie begutachteten die Schülerinnen, die durch den Haupteingang ins Gebäude kamen – und Fred, der Anführer, pöbelte diese an. Die Halle war groß, ungemütlich grau, was an zu viel Stein am Boden und Betonwänden lag. Schräg gegenüber dem Eingang, auf halber Höhe der kurzen Treppe, die auf das eigentliche Erdgeschoss der Schule führte, war eine Art Brunnen gebaut, in dem sich statt Wasser Pflanzen befanden. Auf dessen dicken, steinernen Rand saß die Gang: zwei Jungs, zwei weitere Mädchen und Carola. Sie alle waren etwa gleich alt, allesamt schwarz gekleidet und dunkel geschminkt. Sie waren grundsätzlich ein ausladender Anblick.

Fred, kränklich blass aussehend und von großer, dürrer Gestalt, pöbelte einen dicken Jungen an, der gerade reinkam. „Hey jo, was geht? Du siehst ja gar nicht gut aus heute. Ach ja, das ist ja immer so!“ Er lachte aufgesetzt und versuchte dadurch überlegen zu wirken.

Sichtlich getroffen und angewidert drehte sich der Junge sofort weg und floh zügig über die Treppe nach oben. Carola saß auf der Brunnenkante, hatte einen Fuß auf den Steinboden gestellt, den anderen auch auf die Kante und umklammerte das dazugehörige Knie mit den Armen. Sie beäugte die Szene ausgesprochen kritisch. Sie fühlte sich unwohl. Die anderen drei lachten demonstrativ über Freds Spruch, der zweite Junge, Olav, vergewisserte sich stets im Gesicht des Anführers, ob er noch weiterlachen sollte.

Dann kam ein Mädchen rein: groß, schlank, blond und hübsch. Carola wusste in etwa, was kam. Sie blickte auf den Boden. Dass sie sich schämte, konnte sie nicht verbergen – auch wenn es unbemerkt blieb, weil sich niemand für sie interessierte. Fred legte los: „Hey Schnuckelchen, heute schon was vor? Wir können ja – du weißt schon – rumknutschen.“ In einer kurzen Pause zwinkerte Fred dem Mädchen zu und fuhr dann fort: „Wir müssen auch nicht reden dabei, wir kennen uns danach auch nicht. Na, was sagst du?“

Carola sah währenddessen nicht auf. Doch aus den Augenwinkeln wurde sie Zeugin, wie das Mädchen stehen blieb und Fred demonstrativ den Mittelfinger zeigte. Dabei huschte Carola ein Lächeln über die Lippen – auch wenn man es durch ihren niedergeschlagenen Gesichtsausdruck nicht vernehmen konnte. Carola redete sich ein, dass es ihr egal war, wenn Fred so etwas machte, solang er mit seinen beleidigenden Worten nicht sie meinte. Doch gerade da drehte er sich zu ihr und fing an:

„Na Caro, weißt du, warum die alle nicht wollen?“ Carola blickte Fred finster an. „Ich glaub die haben nur Schiss, weil sie mit meiner Erfahrung nicht mithalten können. Du bist doch heute bereit für mich?“ Plötzlich platzte alles aus ihr heraus: „Halts Maul Fred, du Scheißkerl!“ Carola war dabei so ungewohnt laut, dass sich tatsächlich ein halbes Dutzend Schüler neugierig nach ihnen umdrehte. Fred schüttelte mit einem verachtenden Naserümpfen den Kopf, bevor Carola ihren schwarzen Rucksack nahm und zügig Richtung Mädchentoilette marschierte.

Als sie sich dort auf ein Waschbecken abstützte und im Spiegel betrachtete, bebten ihre dunkellila geschminkten Lippen. Sie hörte ihre eigene, zittrige Stimme leise zu sich selbst sagen: „Verdammt noch mal!“ Carola atmete durch den Mund einmal tief ein, dann tief aus. „Warum muss mir dieser Vollpfosten nur immer so blöd kommen? Und wieso muss ich danach immer fast heulen?“

Doch so weit kam es nicht. Vielmehr sammelten sich ihre Tränen in ihrem Hals und sie schluckte sie allesamt hinunter. Nachdem sie ihre Gefühle wieder erfolgreich verdrängt hatte, machte sie sich auf den Weg zur nächsten Chemie-Stunde.

Manche Chemie-Stunden hatten sie hier, im Fachraum, der für praktische Experimente ausgelegt war. Jeweils links und rechts des mittleren Durchganges waren in jeder der sieben Reihen zwei Holzbänke fest im Boden verankert. Der Raum wurde in seiner Tiefe immer höher. Er war, sozusagen, eine Zwischenstufe zum universitären Hörsaal.

In der dritten Reihe, vom Pult aus rechts gesehen, war Carolas Stammplatz. Sie nahm ihren Rucksack ab, legte ihn unter den Tisch und setzte sich auf den Stuhl, den sie dafür von der Bank dahinter runterklappen musste.

Chemie war nicht ihr Lieblingsfach, vor allem nicht nach der Nullrunde in der letzten Ausfrage. Aber sie musste auftauchen, sie wollte ja nicht vorsätzlich Ärger mit den Lehrerinnen suchen.

Frau Vendelar stand am Pult und begann den Unterricht mit einer Ankündigung: „Heute machen wir wieder Experimente. Ich les die Gruppen einmal vor…“ Während die Lehrerin die Namen der zueinander gehörenden Schülerinnen vortrug, begann Carola damit, konzentriert ihre Sachen auszupacken: Notizen, Stiftmappe, da wurde sie unterbrochen.

„Carola, komm schon, setz dich rüber! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit und du erst recht nicht“, forderte die Lehrerin sie auf. Carola blickte von ihren Stiften hoch und sortierte rasch, was die Worte bedeuteten. Dann ignorierte sie die abschätzige Aussage zum Schluss, nahm sich nur die Sachen, die sie schon auf den Tisch gelegt hatte, schaute sich kurz nach ihrer zugewiesenen Partnerin Boni um und ging schließlich über den Gang auf die andere Seite der dritten Reihe.

Dort setzte sie sich direkt neben Boni, die – so wie es schien – für Carola äußerlich extrem leicht einzuordnen war: sehr gepflegt, langes, ordentlich gekämmtes dunkelbraunes Haar. Ihr Gesicht war stark geschminkt; es durfte bezweifelt werden, ob man sie ohne Make-up noch erkannt hätte. Außerdem trug sie ein sehr enges, bauchfreies Top in Rot und dazu einen Jeansrock, der es im Sitzen knapp verpasste, die Hälfte der Oberschenkel zu bedecken. Die Flipflops an den Füßen rundeten das Outfit nicht unbedingt ab.

Carola hatte ihre Mitschülerin sehr genau gemustert und wurde von dieser angesehen, als müsse sie jetzt etwas sagen. Carola selbst waren Äußerlichkeiten unwichtig, umso mehr störte es sie, dass sich ihr Gegenüber derart darüber identifizierte. Also sagte sie ruhig, mit ihrer sanften Stimme: „Na du Lusche, hast du heute schon wieder mit einem aus dem Abschlussjahrgang rumgemacht?“

Damit, dass sie das laut ausgesprochen hatte, hatte sich Carola selbst geschockt. Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen gespieltem Stolz und ehrlicher Abscheu gegenüber ihrer eigenen Person. Dennoch bereute sie ihre Worte nicht, denn damit hatte sie ihre Mitschülerin nicht allzu hart getroffen. Im Gegenteil wirkte diese daraufhin sogar sehr schlagfertig: „Nur weil du rumspinnst mit deinem Keuschheit-vor-der-Ehe-Ding. Du kannst froh sein, wenn dich überhaupt mal einer heiratet, du Grufti!“ Boni deutete durch eine Körperdrehung und die Öffnung ihres Mundes an, sich bei der Lehrerin beschweren zu wollen, doch Carola kam ihr zuvor: Sie sammelte erneut ihre Sachen vom Tisch, stand auf und ging zu Frau Vendelar. Unangenehm war ihr das vorangegangene Gespräch zu dem Zeitpunkt nicht mehr; was sie einschüchterte waren die unzähligen verwunderten Blicke der gesamten Klasse.

Die Lehrerin reagierte genervt, als sie Carola auf sich zukommen sah und realisierte, worum es ging. „Oh man, nicht schon wieder. Komm, setz dich zu Nick, der hat noch keine Partnerin!“ Also machte Carola kehrt, noch bevor sie überhaupt vorne angekommen war und begab sich auf den Weg in die letzte Reihe, wo sie mit Nick allein sitzen würde. Auch kein besseres Los, dachte sie sich.

Nick erfüllte aus ihrer Sicht das Klischee eines Computer-Nerds. Carola meinte zu wissen, wie seine Freizeit aussah. Er setzte sich wohl mit literweise Cola und einem Pfund Kartoffelchips vor irgendeine Konsole und ballerte sich mit Gleichgesinnten in einem Kriegsspiel das Hirn aus dem Schädel.

Sie ließ sich auf den Stuhl neben ihm nieder. „Ich mag deine Haare.“ Er sagte diesen Satz plötzlich und einfach so in den Raum, in einer Lautstärke, in der nur sie ihn hören konnte. Trotzdem klang er in ihrem Ohr intensiv nach. Carola merkte, wie ihr Gesicht warm wurde, wie ihr Herz zu pochen begann. Und sie realisierte, dass Nick mit einem Mal nicht mehr in ihr Klischeebild passte. Verwundert blickte sie ihn an und antwortete schließlich betont unberührt: „Okay… danke.“

„Nichts zu danken“, antwortete er ohne Zögern und sprach dann sprudelnd-schnell weiter: „Ich find’s nur toll, wie glatt sie sind und ich find nicht, dass du sie unbedingt dunkel färben musst. Die sehen auch so ganz toll aus.“ Tatsächlich hatte Carola ihr Haar heute Morgen sorgfältiger gekämmt als sonst. Dass das außer Alessia noch jemandem auffiel, wunderte sie sehr.

So geschmeichelt sie auch war, so unangenehm war es ihr doch, dass ihr Äußeres das Gesprächsthema mit einem quasi Fremden war. Daher entgegnete sie – etwas giftiger als geplant: „Okay, ich mach aber lieber, was ich will. Nichts gegen dich, aber ich find’s so besser, okay?“ Sie bemühte sich sehr darum, keine Emotionen zu zeigen; Gefühlsregungen passten nämlich nicht zu dem, wie sie auf andere wirken wollte.

Nick ließ sich nicht beirren. Er sprach weiter in einem ruhigen und freundlichen Ton. „Ich mag auch, wie sie riechen. Das ist irgendwas mit Pfirsich oder Kiwi, oder so. Stimmt’s?“ Ihre Verwunderung darüber, dass er wusste, wie ihr Haar roch, schaffte es nicht in ihr Bewusstsein. Stattdessen sprach sie einen anderen Aspekt an: „Nett… können wir auch über was anderes reden als über meine Haare? Wir sollten dieses Zeug hier destillieren.“ Carola war nun viel weniger giftig in ihrer Tonlage. In Wahrheit wollte sie auch nicht lieber destillieren als zu reden, aber das Thema ertrug sie schon langsam nicht mehr. Doch Nick sprach weiter. „Klar, wir können über deine Sommersprossen reden, die find ich einfach klasse. Und dein Teint ist sehr schön! Aber den Selbstbräuner kannst du trotzdem weglassen, find ich. Und was ist das für ein Ring? Ich hab mich schon oft gefragt, wieso du ihn trägst.“

Carola überging die zahlreichen übergriffigen Kommentare, die die Komplimente enthielten. Sie reagierte auch nicht wie üblich gereizt darauf. Irgendwie freute sie sich, dass sich tatsächlich mal jemand für ihre inneren Beweggründe interessierte. Sie runzelte zwar die Stirn und zögerte erst, doch dann antwortete sie. Sie hatte das Gefühl, vertrauen zu können.

„Der Ring ist ein Zeichen. Ich bin sozusagen in einer Gemeinschaft, in der alle einen solchen Ring tragen. Es hat für mich nichts mit irgendeiner Religion zu tun, aber ich find’s richtig, bestimmte Grenzen vor der Ehe nicht zu überschreiten. Alle, die diesen Ring tragen, tun es, um das zu zeigen und sich notfalls selbst daran zu erinnern.“

Nicks Gesichtsausdruck, der seine Antwort auf Carolas Erklärung war, konnte sie nicht deuten. Er sah sie einfach an. Sie meinte Verwunderung zu erkennen, aber die hatte sie von ihm nach der Aussage auch erwartet, also bildete sie sich das vielleicht nur ein. Schließlich antwortete er mit Worten, die von Emotionen ungefärbt waren: „Ich glaub nicht, dass du das durchhältst.“

Das ärgerte Carola. „Wieso denn nicht, du kennst mich gar nicht! Und es geht dich auch wirklich gar nichts an, ich hätte nicht darüber reden sollen.“ Sie reagierte gereizter, als sie es wollte und witterte die Gefahr, dass Nick sie an ihrer wunden Stelle – ihrer Gefühlswelt – berühren könnte. Aber er blieb ruhig. „Ich bin froh, dass du mir das erzählst. Ich mein nur, dass einem hübschen Mädchen wie dir noch viele Jungs nachlaufen werden, und irgendwann willst du nicht mehr warten.“

Carola war innerlich weit davon entfernt, Nick recht zu geben; schließlich wusste sie, dass sie es durchhalten würde. Um das Gespräch jedoch zu beenden, gab sie nach: „Mag sein.“

Nach diesem Schlusspunkt widmeten sich die beiden dem, was die Lehrerin ihnen aufgetragen hatte. Sie destillierten Salzwasser. Ein Gespräch führten sie nicht mehr, erst nach einer Weile begannen sie überhaupt wieder zu sprechen – über den Unterricht, so distanziert wie Carola nun mal war.

Zu Hause aß die vollzählige Familie zu Abend. Carola aß nicht wirklich, sie saß viel mehr gedankenversunken vor ihrem Teller und stocherte mit der Gabel in den Nudeln. Ihre Mutter bemerkte das und meldete sich neugierig und einen Hauch besorgt zu Wort: „Caro, was ist denn los? Du bist heute so anders.“ Dabei stützte sie ihre Ellbogen auf den Tisch auf, faltete ihre im Gelenk geknickten Hände und blickte – das Kinn knapp über den Fingern sichtbar – zu ihrer Tochter hinüber. Carola war aus ihrer Trance gerissen und rang zunächst innerlich nach Worten. Es war noch nie vorgekommen, zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern, dass sich ihre Mutter vor versammelter Mannschaft nach ihren Gefühlen erkundigte und dabei auch ihr Vater mimisch Interesse bekundete.

Carola erwiderte den Blick ihrer Mama mit weit aufgerissenen Augen. Sie wirkte, als sei sie bei etwas ertappt worden; ihre hektischen Worte untermauerten das: „Nix! Wieso? Was soll los sein, ich hab nix gemacht, wirklich nicht!“ Mit einem Mal sahen alle zu ihr, denn gegen Ende ihrer Rechtfertigung war ihr die Luft ausgegangen. Plötzlich stieg Alessia mit ihrer kindlich hellen Stimme in das Gespräch ein: „Caro ist verliebt.“ In der dann folgenden, mit Spannung gefüllten Pause blieb der männliche Teil der Familie unangenehm berührt stumm und suchte mit den Augen einen Fleck in der Küche, an dem es keine Gefühle gab; im weiblichen Teil machten sich unterschiedliche Arten von Aufgeregtheit breit. Dann wiederholte Alessia ihren Satz in einem belustigten Singsang: „Caro ist verlie-hie-hiebt.“

„Stimmt doch gar nicht!“, rief Carola halblaut und sich selbst nicht glaubend in den Raum, stand vom Tisch auf und eilte aus der Küche. Wieder spürte sie, wie Gesicht und Hals vor Durchblutung ganz warm wurden. Ob sie wütend war oder sich schämte, konnte sie auf dem Weg über die Treppe in ihr Zimmer nicht unterscheiden. Dort angekommen erleichterte sie der Anblick ihres Spiegelbildes: Durch den großzügig aufgetragenen Selbstbräuner konnte man gar nicht sehen, dass sie rotgeworden war.

Mit feuchten Augen starrte sie sich selbst an und versuchte mit offenem Mund ihren Atem zu bremsen. Dann sagte sie sich ins Gesicht: „Die haben doch alle keine Ahnung.“ Mit „alle“ meinte sie eigentlich ihre Familie, doch in ihrem Hinterkopf dämmerte ihr, dass sie selbst inbegriffen war. Damit war das Thema für Carola erst mal vom Tisch.

Das Schicksal schlägt zu

An einem ihrer vielen gewöhnlichen Treffpunkte, zwischen zwei Läden eines Einkaufszentrums, hatte sich die Gang getroffen. Sie saßen dort an die Wand gelehnt am Boden, jeder mit einer Weißblechdose in der Hand. Carola hielt einen gelben Softdrink in ihrer, die anderen Energydrinks und Fred sogar Bier. Er war auch von außen als der Kopf der Gruppe wahrzunehmen. Jeder vorbeigehende Passant, der irgendetwas Auffälliges an sich hatte, wurde aggressiv angepöbelt. Viele wehrten sich gegen seine Worte, indem sie alle fünf verurteilten; alle sahen die Jugendlichen an, als wären sie Aussätzige.

Seit Schuljahresbeginn waren viele Wochen vergangen. Für Carola war die Zeit schnell verflogen, denn der Rhythmus war immer der gleiche: Sie ging an fünf Tagen die Woche zur Schule, hatte nur mittwochs und am Wochenende frei von Volleyball und Tennis und hing dann wie heute mit ihrer Gang herum. Und obwohl sie nie zweimal in Folge am selben Ort abhingen, war es doch immer dasselbe.

Fred zündete sich eine Zigarette an, wie auch Olav, der seine weiterreichte, um sie mit Aneta und Toja zu teilen. In dieser Hinsicht war Carola sogar in dieser Gruppe von Außenseitern die Außenseiterin. Obwohl Fred es besser wusste, hielt er die Packung Kippen vor Carolas Gesicht und bot ihr auch eine an. Sie erwiderte sein Angebot mit einem angewiderten Blick und nahm demonstrativ einen Schluck aus ihrer Dose, woraufhin er mit den Schultern zuckte und sich die Drogen unsanft in die löchrige Hosentasche zurückstopfte.

Die anderen versuchten immer wieder, ihr das Rauchen anzugewöhnen, aber sie wollte es nicht. Sie hat es nie getan und entwickelte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, etwas zu verpassen. Da sich die Gang aus Prinzip nicht über persönliche Dinge austauschte, konnten die vier auch nicht ahnen, weshalb ihre Versuche bei Carola niemals Wirkung zeigen konnten.

Das war unter anderem Timos Verdienst. An diesem Tag war es schon gut fünf Jahre her gewesen, aber sie konnte sich – auch danach – noch genau daran erinnern. Carola saß auf Timos Schoß auf dem quietschenden Drehstuhl vor seinem hölzernen Schreibtisch. Es roch nach Banane, die zwei hatten sich eine geteilt, die Schale lag noch herum. Damals war Carola nicht geschminkt, sie hatte nicht das Gefühl, sich verstecken zu müssen – und sie war noch bunt gekleidet.

Für ein Schulreferat hatte Timo einen Spot erstellt, in dem er unterhaltsam darstellte, was er über die Strategie der Tabakindustrie recherchiert hatte. Die beiden sahen sich das Video auf seinem Laptop an. Es war mit anschaulichen Bildern untermalt, aber was wirklich in Erinnerung blieb, war das, was die roboterhafte Männerstimme am Ende zusammenfassend sagte: „Sie haben genug Geld und können sich ihren Wunschurlaub leisten? Ändern Sie das, das muss nicht sein. Sie machen Sport, fühlen sich dadurch fit und ausgelastet? Es gibt etwas anderes, das Ihnen die Luft nehmen kann! Sie sind zufrieden mit Ihrer Potenz und wollen diese aufgeben, um sich wie ein halber Mann zu fühlen? Sie sind der Meinung, zu viele Steuern zu zahlen und wollen noch mal extra draufzahlen, damit der Staat es auch merkt? Sie hassen die Farbe Weiß und wollen jeden Morgen die gelbe Sonne aufgehen sehen, wenn Sie in den Spiegel lächeln? Die Lösung für all diese Probleme gibt es jetzt in einer Packung: Rauchen Sie wie ein Schlot und es wird sich etwas ändern – versprochen!“

Carola musste unvermittelt lächeln, als sie an diese Szene zurückdachte und daran, dass sie über den infantilen Humor derart lachen musste, dass sie beinahe von Timos Schoß gefallen wäre, hätte er sie nicht festgehalten. Ihr Bruder war auch heute noch ein radikaler Gegner von Industrien, die den Menschen schädliches Verhalten aufschwatzen wollten, um sie – wie er sagte – zu „melken“. Einen Teil davon hatte er seiner Schwester mitgegeben. Und auch wenn es ihr nie gelungen war, ihren Mitmenschen derart nahezukommen, um ihnen das Rauchen ausreden zu können, so hatte sie selbst zumindest niemals damit angefangen.

Wie diese Wochen verging auch der Rest des Schuljahres für Carola sehr schnell, obwohl sie sich dabei nicht minder langweilte. Lediglich das Volleyballtraining machte ihr Spaß und dabei Steffen zu sehen, nährte ihre Hoffnung, dass ihr Leben einmal ein Happy End nehmen könnte. Aber es war auch nur Teil des ewig gleichen Ablaufs, Woche für Woche. Es passierte einfach nichts Außergewöhnliches.

Erst kurz vor Beginn der Sommerferien veränderte sich etwas: Timo schaffte seinen Abschluss. Sein Durchschnitt war außerordentlich gut, aber es reichte für ihn knapp nicht, um sich seinen Traum erfüllen zu können: Medizin studieren. Soweit sich Carola zurückerinnern konnte, war es immer Timos Wunsch gewesen, das Leben von Menschen zu retten, wie ihre Mama das tat. Während er in der Grundschule vorrangig mit Blaulicht durch die Lande düsen wollte, um kranke Personen einzusammeln, wandelte sich seine Vorstellung von seiner Zukunft, als die weißhaarige Doktor Wanin den älteren Bruder Thomas von seiner Schilddrüsenstörung heilte. Seitdem war sie Timos Vorbild gewesen. Und er wäre auch ein guter Arzt geworden, davon war Carola überzeugt. Doch er fand eine Alternative, mit der er seinem Wunsch zu helfen auch nachkommen konnte: Ein Studium der Pharmazie.

Wenige Wochen nachdem Timo sein Abschlusszeugnis feierlich überreicht bekommen hatte, zog er aus, da die Universität weit weg war. Erst nach Wochen realisierte Carola, dass das nicht der einzige, nicht der eigentliche Grund war. Nein, neben seiner neuen Adresse hatte er auch eine neue Telefonnummer und teilte diese seiner gesamten Familie niemals mit. Er war dann einfach nicht mehr da, hatte sich abgenabelt und den Kontakt abgebrochen. Als Carola das viel später als der Rest der Familie realisierte und sich kaum damit abfinden konnte, tat Thomas kurz darauf genau dasselbe.

Zu Hause wurde der Abgang der Brüder totgeschwiegen. Wie Carola auch, waren die Eltern bedrückt von der Dezimierung der Familie, doch niemand fand Worte oder wollte diese aussprechen. Nur Alessia war weiterhin immer fröhlich und unbekümmert.

Dann ging das Schuljahr zu Ende. Carolas Zeugnis war schlecht, aber wie auch die Jahre zuvor, hatte sie keine Probleme dabei, die nächste Klassenstufe zu erreichen.

Endlich waren Sommerferien und für Carola begannen sie grandios: Jeden Tag gingen Alessia und sie an den nahe gelegenen Fluss, spielten und entspannten an dessen Bett und hatten Spaß. Carola trug immer ihre dunklen, für die Jahreszeit viel zu warmen Sachen, Alessia war hauptsächlich in ihrem Badeanzug unterwegs. Der war hellblau und hatte weiße Streifen an der Seite unter den Armen. Die kleine Schwester lächelte immerfort und Carola konnte beobachten, wie sie damit sämtliche Menschen um sich herum ansteckte, egal wie miesepetrig diese zuvor dreingeschaut hatten. Immer wenn ihr das auffiel, fühlte sie sich an ihre eigene Kindheit erinnert, als sie sich keine großen Sorgen um die Zukunft machte und sich an kleinen Dingen erfreuen konnte.

Am Nachmittag eines dieser Ferientage lief ein Film im Fernsehen, den Carola schon lange sehen wollte und ihre Mutter schaute ihn mit ihr. Die beiden saßen bequem auf der Couch und knabberten etwas. Das Haus hatten sie für sich, denn ihr Vater war mit Alessia zu seiner Schwester, Carolas Tante Petra, gefahren.

Da klingelte das Telefon. Carola war schon dabei aufzustehen, um ranzugehen, aber ihre Mama winkte mit der Hand ab und sagte in einem liebevollen Ton: „Ich geh ran, bleib sitzen. Du hast dich schon so auf den Film gefreut.“ Carola freute sich darüber, ließ sich zurück in die Couch sinken und genoss ihre Dankbarkeit, statt sich voll auf den Fernseher zu konzentrieren. Mama ist immer so lieb, dachte sie sich.

Als Carola dem Film horchte und mit den Augen das Telefonat beobachtete, das ihre Mutter an der Station des Apparats neben der Tür zum Flur führte, veränderte sich alles. Ohne dass sie bewusst interpretierte, was der Gesichtsausdruck ihrer Mutter aussagte, ließ große Angst ihre Brust schmerzen. An die Stelle des Dialogs aus dem Fernseher, trat ihr eigener Puls in die Aufmerksamkeit ihrer Ohren. Ihr Herz pochte gewaltig. Auch ihr Atem wurde lauter, flacher und zitterte. Carolas Zeitgefühl setzte aus. Es war ihr nicht möglich zu sagen, ob das Telefonat kurz oder lang dauerte.

Ihre Mutter verabschiedete den Anrufer und stellte das Gerät zurück an seinen Platz. Als sie ihren Kopf zu Carola drehte, merkte diese, dass jede Bewegung Zeitlupengeschwindigkeit angenommen hatte. Die beiden sahen sich tief in die Augen. Derart durchdringend hatte Carola noch niemand zuvor angesehen. Der Blick allein sagte so vieles aus und doch verstand sie nichts. Nach wenigen Sekunden, vielleicht auch einigen Stunden, in denen Carola alle erdenklichen Szenarien durch den Kopf gegangen waren, wer angerufen haben könnte und was er oder sie berichtet haben könnte, begann ihre Mutter – die inzwischen kreidebleich im Gesicht war – ihre Lippen zu bewegen. So intensiv wie nie, wie diese es davor und danach niemals erlebte, sagte sie den Namen ihrer Tochter: „Carola.“

Es war so ankündigend und vielsagend und dabei in gleicher Weise schön. Carola mochte ihren Namen, sie liebte es wie ein gutes Lied, wenn ihn jemand, den sie liebte, aussprach. Sogar in diesem Moment ließ er sie auf einer Wolke der Geborgenheit schweben, auch wenn rundherum ein dunkles Gewitter mit ohrenbetäubendem Donner aufzog.

Als dieser Augenblick schließlich vergangen war, brach alles herein – die Mutter brach zusammen. Zunächst fasste sie sich an die Brust, als wolle sie einen Tiger darin davon abhalten, auszubrechen. Dann sank sie auf die Knie, ihre rosa Jogginghose berührte den dunkelgrünen Teppichboden. Carola konnte in dieser Situation nichts tun, sie war nur Beobachterin, ihr Körper gehorchte nicht, vielleicht war er gar nicht mehr da. Dann kippte ihre Mutter um und blieb reglos liegen. Schon wieder vergingen gefühlte Minuten, Carolas Gedanken drehten sich darum, was ihre Mutter wohl in ihrer Kindheit so unternommen hatte. Dann dachte sie daran, wie Mama ihr das Fahrradfahren beigebracht hatte. Während dieser Erinnerungen saß sie wie hinter einem Vorhang – in Watte eingepackt – sie hörte nichts, sie roch nichts, sie sah nur wie ihre Mutter dort lag und hatte ihre Gedanken.

Plötzlich realisierte sie, dass ihre Mama einen Herzinfarkt hatte. Sie stand von der Couch auf, hastete zu ihr, kniete sich hin, wo zuvor ihre Mutter kniete. Dann legte sie ihre linke Hand auf das Ende des Brustbeins des reglosen Corpus, die rechte auf den Rücken der linken. Ihre Arme streckte sie wie beim Baggern im Volleyballtraining fast durch und massierte das Herz. Ihr Zeitgefühl war immer noch kaputt, sie hatte keine Ahnung, ob sie zu schnell, zu langsam, richtig, zu fest oder zu leicht drückte. Es tat sich nichts, ihre Mutter blieb einfach liegen und sagte nichts und atmete nicht.

Der Telefonhörer war noch warm und leicht feucht von der Hand ihrer Mutter, als sie ihn aufnahm, an ihr Ohr schlug und aus vollem Hals „Hilfe“ brüllte. Wieder vergingen einige Momente, bis sie bemerkte, dass sie zunächst eine Nummer wählen musste. Nachdem sie die Tasten gedrückt hatte, machte das Telefon erst quälend lang tutende Töne, bevor jemand ranging. Sie wollte gerade wieder auflegen, als sich die junge Dame der Notrufzentrale meldete und etwas sagte. Doch Carola hörte nicht zu und unterbrach die nichtssagende Stimme: „Schnell, einen Krankenwagen! Meine Mutter… schnell!“

Carola legte auf und warf das Telefon beiseite. Wieder muss sie ihr Zeitgefühl getäuscht haben, denn scheinbar nur einen Augenblick später klingelte und klopfte es wie wild an der Haustür. Carola sprang auf, blickte auf ihre leichenblasse Mutter hinab und flehte sie an: „Halt durch!“ Dann rannte sie den Flur entlang und öffnete die Tür zum Hof. Ein Notarzt kam fragenden Blickes hinein, Carola zeigte auf den Durchgang zum Wohnzimmer. Der Mann und ein paar Sanitäterinnen folgten ihrem Finger. Den Retterinnen hinterher kam eine junge Frau zur Tür herein.

Der Anblick dieser Gestalt ließ Carola die dramatische Situation um sie herum schlagartig vergessen. Diese Frau war außerordentlich schön: Sie war größer als Carola, bestimmt einen Meter fünfundachtzig. Sie hatte glattes, glänzend braunes Haar, das bis unter ihre Schultern reichte. Dazu helle, ebenmäßige Haut, bis auf Lachfalten neben den Augen. Ihr Gesicht war absolut symmetrisch; das Kinn, die Wangen und alles andere war klar definiert und mit weichen Kanten versehen. Der Mund war rot, sie schien aber absolut nicht geschminkt zu sein. Dem Anschein nach, den ihr Körper vermittelte, war sie sehr athletisch und gepflegt. Sie trug einen dunkelgelben Wollpullover und eine eng anliegende blaue Jeans. Ihre Schuhe waren weiß und sportlich.

Lächelnd und mit zarter Stimme, aber in einem bestimmenden Ton, sagte sie: „Komm, wir gehen in dein Zimmer.“ Carola war wie hypnotisiert und ging voraus. Die Frau folgte ihr, sie machte kaum Geräusche beim Aufsteigen der Treppen. Dann betrat Carola ihr Zimmer; es war unaufgeräumt und sie schämte sich ein bisschen dafür. Sie hielt der Frau symbolisch die Tür auf und schloss sie, als diese – es ist nicht anders zu beschreiben – hindurchgeschwebt war. „Gut gemacht, es war alles richtig: die Wiederbelebungsmaßnahmen und dass du uns gerufen hast.“ Carola war sehr zufrieden in diesem Moment. Einerseits fiel ihr ein Stein vom Herzen, weil sie raushörte, dass sie ihre Mutter gerettet hatte. Andererseits löste die Stimme der Frau selbst bereits ein wunderbar warmes Gefühl in ihr aus. Dann fragte diese: „Wer sollte denn am besten noch von dem Vorfall erfahren?“ „Meine Brüder, aber ich weiß nicht, wie ich sie erreichen soll. Und mein Vater kommt mit meiner Schwester erst morgen wieder heim.“

Die Frau schloss sanft die Augen und senkte mit einem halben Nicken zustimmend ihren Kopf. Dann blickte sie Carola genau an. „Mein Name ist Mirijam.“ Carola fand den Namen genauso schön wie die Frau selbst. Mirijam, die nie aktiv lächelte, deren Mundwinkel aber stets nach oben ausgerichtet waren, verwickelte sie in ein Gespräch. Während sich die beiden locker unterhielten, vergaß Carola, was vorhin geschehen war, vergaß, dass es außerhalb ihres Zimmers noch eine Welt gab. Mirijam wollte von ihr wissen, was sie in den Ferien bisher so gemacht hatte und viele andere Dinge, die Carola danach wieder entfielen. Sie war vertieft, hatte zuvor noch nie ein derart gutes Gespräch.