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Ein bislang unbekanntes Fragment der Memoiren von Giacomo Casanova und ein kunstvoller Glasteller mit ungewöhnlichem schwarzem Fadenglasdekor stellen Museumsleiter Dr. John Wattsen vor einige Rätsel, nachdem die berühmte Fernseherzählerin "Tante Lorchen" aus seinem Bürofenster auf der Veste Coburg zu Tode stürzte. War es ein Unfall oder Mord? Ist der Täter in den Reihen der Laienspielgruppe zu suchen, die dort ein Theaterstück aufführen? Wattsen kommt geheimnisvollen Zusammenhängen auf die Spur, die ihren Ursprung im Venedig des 18. Jahrhunderts haben, denn dort nahm das Unheil seinen Anfang – mit Casanovas Fadenglas.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2022
Klaus J. Dorsch
Casanovas Fadenglas
Wattsens dritter Fall
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Impressum neobooks
Klaus J. Dorsch
Casanovas Fadenglas
Mecklenburg-Vorpommern, 8.10.1944, 22 Uhr
Das kleine Mädchen fror in dem dünnen, hellgrünen Georgettekleidchen mit den rosa Schleifen, das bereits für eine Oktobernacht wie diese völlig unangemessen, jedoch hier, tief unter der Erde, so absolut deplatziert erschien, wie seine ganze Erscheinung. Sie erinnerte fast an Alice im Wunderland, als wäre sie durch das Loch im Boden tief in ein unbekanntes unterirdisches Reich gestürzt.
Es war kalt, doch es war nicht die feuchte Kälte und die Müdigkeit zu so später Stunde, die das Mädchen zittern ließen.
Sie hatte Angst.
Angst vor der Dunkelheit in dem gewaltigen Stollen, in den sie mit dem klappernden Aufzug ruckelnd herabgefahren waren, dessen enges, dunkles Eisengerippe sie fest umklammert hatte, wie ein Käfig in einem unheimlichen Kerker.
Angst vor dem riesigen, im kalten Licht der spärlichen Scheinwerfer silbern aufblitzenden runden Tor aus gehärtetem Krupp-Stahl, das sich mit einem infernalischen Kreischen scheinbar für immer geschlossen hatte. Wie eine gewaltige Tresortür mit mehreren Metern Durchmesser verbarg sie der Welt etwas, das sich das Mädchen nicht im Traum vorstellen konnte – oder schütze sie davor. Das Tor erweckte den Anschein, als würde es etwas von ungeheurer Gefährlichkeit wegsperren, ein Ungeheuer, einen Drachen oder etwas viel Grässlicheres.
Elly wusste nicht, was vor sich ging. Wusste nicht, was die Frauen und Männer taten, die hochkonzentriert an fremdartigen Geräten herummanipulierten und in den weißen Kitteln wie Ärzte aussahen oder wie Wärter einer Irrenanstalt.
Und sie fürchtete sich auch vor den Männern in den schwarzen Uniformen, mit den bleichen Totenschädeln an den Mützen, obwohl ihr Vater zu ihnen gehörte.
Am meisten Angst hatte sie vor den vielen Flugzeugen, die unheilvoll dröhnend und unsichtbar über den Wolken des Nachthimmels erschienen waren und Bomben auf ihr schönes Haus geworfen hatten. Das Mädchen versuchte, auch die anderen Gedanken zu verdrängen, doch sie hatte, als sie fliehen mussten, den eleganten, silbernen Schuh erkannt. Den Schuh an dem Frauenbein. An dem Frauenbein, das unter den Trümmern hervorragte. Den Trümmern der Treppe. Der Treppe ihres Hauses.
Ihr Vater hatte ihr immer wieder versichert, die Mutter sei sicher im Lazarett und sie würden bald wieder zusammen sein.
Doch sie glaubte ihm nicht. Sein Blick sagte etwas anderes. Und sie spürte es. Tief in ihrem Innern wusste sie es.
Als sich Tränen in ihren Augen bildeten, hob die Siebenjährige den Blick zu ihrem Vater, der an der Seite eines anderen Mannes, den sie nicht kannte, einige Meter vor ihr stand. Fast sahen sie aus wie Zwillinge, dachte sie, von ähnlicher Größe und Statur. Mit ihren gleichen Uniformen, ihren hellblonden, kurzgeschnittenen Haaren und den harten, kantigen Gesichtern glichen sie einander wie Marionetten aus derselben Fertigung. Und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als beide gleichzeitig und völlig synchron, als wären sie Tänzer in einer grotesken Choreographie, die rechten Arme kraftvoll emporstreckten und die Hacken der schweren, glanzpolierten Lederstiefel laut knallend zusammenschlugen. Der Eindruck der Gleichartigkeit geriet ins Absurde, als das Kind sah, dass beide jeweils unter dem linken Arm gleich große Pakete hielten, beide in braunes Packpapier gewickelt und sorgfältig verschnürt, beide mit der leuchtend roten Aufschrift in Sütterlin-Lettern: „ACHTUNG! ZERBRECHLICH!“
Der kleine Mann mit der lächerlich großen Mütze und dem winzigen schwarzen Oberlippenbart, wie ihn das Kind aus den lustigen Filmen mit Charlie Chaplin kannte, stand vor den beiden und hob grüßend die Hand, indem er sie in einer affektiert wirkenden Weise zurückklappen ließ. Als der Vater ihn jedoch nicht wie erwartet belustigt, sondern ehrfürchtig, ja sogar furchtsam anblickte, erschien dem Kind diese Gestalt an diesem Ort wie eine groteske Ausgeburt der Hölle.
Veste Coburg, 25.5.2018 mittags
Der Mann lag auf der harten Holzbank bequem hingestreckt wie auf einem gemütlichen Sofa, stützte seinen Kopf in Ermangelung eines Kissens auf die linke Hand, was entfernt an den kleinen Engel in Rafaels berühmter Sixtinischer Madonna erinnerte. Ähnlich war auch sein Blick: Er sah gelangweilt und etwas überheblich zu seinem Gegenüber auf, der breitbeinig, mit wutverzerrtem Gesicht vor ihm stand.
„Du fragst mich im Ernst, was ich will?“, brüllte dieser ihn an, „Das weißt du ganz genau, du elender Kretin!“
Langsam zog der südländisch aussehende Mann eine Pistole aus seiner abgewetzten Jeansjacke. Er lächelte schmierig, während er die Waffe langsam senkte.
„Aber ich sage es dir noch ein allerletztes Mal: Du wirst mir dafür büßen, für all das, was du mir und meiner Frau angetan hast.“
„Ach, die Frauen ...“, entgegnete der Liegende gelangweilt und aufreizend blasiert, „Einen Dummkopf zu betrügen ist eine Handlung, die eines Menschen von Geist würdig ist. Und überhaupt: Sie verwechseln mich, ich habe mit Ihnen nichts zu tun.“
„Nichts zu tun? Ha, ha!“ Der Italiener lachte laut und affektiert und es wirkte unecht – als hätte er es einstudiert. „Halt dein ungewaschenes Maul, du bornierter Bastard! Du wirst dafür mit dem Tod bezahlen! Du hast die Ehre meiner Frau auf dem Gewissen mit deinen betrügerischen Liebesgeschäften ...“
„Schaften! Verdammt, es eißt Liebschaften! Wie oft soll isch dir das noch predigen, Antonio! Dein Deutsch! Und lach nicht so laut und affektiert. Das wirkt wie einstudiert.“
Descartes entriss ihm die Waffe, stellte sich breitbeinig vor den liegenden Mann und schrie mit übertriebener Emphase: „... mit ihren betrügerischen Liebschaften! Casanova! Isch abe alles verloren, was mir heilisch war! Meine Ehre ist verletzt! Die Ehre meiner Familie geht mir über alles! Nehmen Sie das dafür! Isch asse Sie!“
Ein harter, ungewöhnlich lauter Knall peitschte durch den Innenhof der mittelalterlichen Veste, als er abdrückte. Lauter, als man es von einer harmlosen Schreckschusspistole aus der Theaterrequisite erwartet hätte. Alle Umstehenden erschraken und sahen herüber.
Der Getroffene zuckte heftig zusammen, rutschte von seinem improvisierten Sofa, sank etwas übertrieben röchelnd in sich zusammen - daran würde man noch arbeiten müssen - und lag dann reglos am Boden.
„Sehr gut, Giaco, etwas forciert, so stirbt keiner, aber gut, Casanova tut ja in dieser Szene auch nur so, also schon ganz gut! Vielleicht nicht so viel röcheln“, lobte der Regisseur, „C’était bien. So wird das gemacht! Und wenn du es beim nächsten Mal nischt bringst, Antonio“, drohte er mit dem Finger, „besetze isch die Rolle des betrogenen Ehemannes um. Pause für alle! Allez, allez, meine Lieben!“
Die Schauspieler der Laienspielgruppe wandten sich murmelnd ab, teils verärgert über die erneute Unterbrechung, teils belustigt über Antonios Versprecher und suchten nach ihren Handys oder Zigarettenpackungen.
Der Mann in der Rolle des Casanova blieb still und reglos im Gras liegen und zunächst beachtete dies niemand.
„Giaco, ist gut jetzt, steh endlich auf, mein Junge. Giacomo! Du wirst dich noch erkälten“, rief Tante Lorchen ebenso fürsorglich wie unnötig, denn inzwischen zeigte das Thermometer wieder einmal über 30 Grad. Genau wie gestern. Und vorgestern. Und die Tage davor.
Ihre angenehm feine, aber wohlmodulierte Stimme drang irgendwo zwischen einem bunten venezianischen Fächer und einem Sonnenschirmchen aus weißer Spitze hervor. Bei beidem wusste man nicht, ob diese Dinge zur Rolle gehören würden oder tatsächlich nur etwas antiquierte Accessoires einer kultivierten alten Dame bei dieser sommerlichen Hitze waren.
Giacomo Brancuso regte sich immer noch nicht.
„Etzt mache keine Scheiß! Die Mädschen kriegen ja Ongst“, brüllte Descartes zu ihm hinüber, fuchtelte mit den Händen und verteilte dabei in funkelnden Wirbeln die Glut seiner Gauloises „Blondes Rot“, die er möglichst ständig und möglichst überall rauchte. Seine Vorliebe galt daher Freiluft-Aufführungen wie dieser, denn die Freiräume für Raucher waren auch am Theater sehr eingeschränkt worden.
Tatsächlich hatte die junge Friedlinde, die noch nicht lange zur Truppe gehörte und sich während ihrer Semesterferien aus Spaß und zur Selbstfindung als Laienschauspielerin versuchte, in einer klein-mädchenhaften Geste ihre beiden blonden Zöpfe mit den Händen verschreckt vor das Gesicht gepresst. Niemand hätte jedoch sagen können, ob es wirklich ein Ausdruck von Ängstlichkeit war oder sie damit nur ein Kichern zu verbergen suchte. Bei Friedlinde konnte man sich nie sicher sein.
Antonio kniete sich nieder, wobei seine Haltung sehr theatralisch wirkte und an einen zum Schwur niedergeknieten Tempelritter aus einem alten Hollywoodfilm erinnerte. Er stieß Giacomo rüde an.
„Es reicht! Jetzt steh endlich wieder auf, du Clown!“
Plötzlich schreckte er zurück.
„Oh mein Gott! Da ... da ist ja Blut. Alles voll Blut! Er ist tot! Himmel ... Madonna mia ... Holt die Polizei! Descartes! Was haben Sie getan? Was ist das für eine Waffe? Policia!“
Maurice Descartes, der Regisseur, kam herbeigestürzt. Seine Zigarette fiel ihm vor Schreck aus der Hand.
„Isch? Du Idiot! Was ast du gemacht? Das gibt es doch gar nischt ... die Pistol war doch nur eine ...“
Er war kreidebleich, sein schwarzes Seidenhemd schlagartig schweißdurchtränkt und er kniete sich nieder, um den leblosen Körper zu untersuchen, fühlte den Puls an der Halsschlagader und fuhr zu Tode erschrocken zurück, als Giacomo sich plötzlich lachend aufrichtete.
„Und sagen Sie bloß nicht mehr, dass der Antonio kein guter Schauspieler wäre.“
Die beiden Italiener lachten lauthals und schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, während Descartes die Faust in Antonios Richtung ballte und sein Gesicht wütend verzerrte, als wäre er der grüne Hulk.
Antonio gluckste immer noch vor Lachen und sonnte sich im Erfolg ihrer kleinen Privat-Komödie. Bewunderung heischend, stellte sich nahe vor Frieda, wie Friedlinde von allen genannt wurde, und sah ihr tief in die wasserblauen Augen während er nun den Italian Lover zu geben versuchte. Sie wich instinktiv ein Stück zurück und schlug erneut – diesmal mit der Absicht verschämt zu wirken – die Zöpfe vors Gesicht.
„Ich habe eine tolle Idee, Frieda“, flüsterte Antonio ihr verschwörerisch zu, „wir kriegen doch zur Aufführung von Dr. Wattsen diese antiken Steinschlosspistolen aus dem Museumsfundus. Die funktionieren immer noch. Ich werde eine der beiden Duellpistolen laden. Passende Kugeln haben wir reichlich im Depot, da habe ich natürlich Zugang, und etwas Schwarzpulver ist schnell besorgt. Ich könnte als Schluss-Gag einen der Scheinwerfer zerschießen. Was glaubst du, wie Giacomo erschrickt? Und das Gesicht von Descartes möchte ich zu gerne sehen. Wie würde dir das gefallen? Ich schaff das locker“, prahlte er, „ich bin im Schützenverein, bei den Coburger Landesschützen. Na, was hältst du davon?“
Er schaute sie an und hoffte auf Anerkennung, wenn nicht gar staunende Bewunderung, doch er hatte sich in Frieda gründlich getäuscht.
„Blödsinn! Mach bloß keinen Scheiß, Antonio!“, blaffte sie ihn stattdessen an, „Du bist ja ein völlig durchgeknallter Wirrkopf! Wie dieser Casanova! Nur ohne Chancen bei den Frauen. Ihr Italiener glaubt wieder einmal, ihr seid die Größten! Ciao bello.“
Damit ließ sie ihn stehen und Descartes trat an ihre Stelle.
„Verdammte Vollidioten!“, herrschte er Antonio und Giacomo gleichzeitig an, „Isch sollte eusch alle beide rausschmeißen! Etzt! Sofort! So etwas ätt es nischt gegeben, als isch noch mit Fellini gearbeit abe.“
Tante Lorchen lächelte hinter ihrem Fächer, den sie mit großer Grandezza bewegte. Das mit Fellini streute Descartes mindestens drei Mal am Tag ein und niemand glaubte ihm, so oft er es auch wiederholen mochte. Sie hingegen wusste, dass er 1976 als Jugendlicher bei Fellinis Casanova-Verfilmung das Kamerakabel halten durfte. Und ein einziges Mal lief er in einer kurzen Tunica als römischer Sklave durchs Bild, weil einer der Komparsen krank geworden war – das war aber auch schon alles. Mit Fellini gearbeitet! Sie wusste ganz genau, womit Descartes damals sein Geld beim Film verdient hatte. Und mit Schauspielerei hatte das wenig zu tun gehabt, eher mit Casanova. Doch davon wusste wohl niemand außer ihr. Gealtert, mit grauem, hochgezwirbeltem Schnurrbart, der wohl an Dalí erinnern sollte, einer Glatze und der übertrieben bunten Künstler-Brille von Gucci sah er heute ganz anders aus und niemand würde ihn in einem seiner damaligen Sexfilmchen erkennen, für die sich - allein schon der grottenschlechten technischen Qualität wegen - längst keiner mehr interessierte.
Ebensowenig glaubte man der Behauptung des Regisseurs, ein Nachfahre des berühmten französischen Philosophen René Descartes zu sein. Er hatte sogar einen genetischen Vergleich machen lassen, um dies zu beweisen.
Tante Lorchen wusste, dass der Test negativ ausgefallen war. Sie hatte überall ihre Quellen und wusste eine erstaunliche Menge Dinge über alle möglichen Leute. Gutes und Schlechtes. Banales und Skandalöses. Langweiliges und höchst Brisantes. Man hätte sagen können, dass dies gewissermaßen eine Art Hobby von ihr war, das sie zum Beruf gemacht hatte. Ganz bestimmt würde Descartes die beiden nicht rausschmeißen - dafür würde sie schon sorgen, falls er es wirklich ernst gemeint haben könnte. Sie hätte einige Möglichkeiten, ihn ganz sanft unter Druck zu setzen. Oder auch massiv. Unter anderem galt sie als Mäzenin der Gruppe. Über den Fächer, der sie wie ein bunter Kolibri umschwirrte, zwinkerte sie den beiden Italienern verschwörerisch zu und drehte dabei kokett ihren Sonnenschirm.
Sie fragte sich, wo John blieb.
„Wir mache etzt weiter mit die Sene swei. Wir brauche dazu Schohn. Mon dieu, was für eine Itz eute! So kann isch nischt arbeite! Kann jemand Schohn rufe? Mon dieu! Isch fühle – das endet mit euch alles in eine ganz große Katastroph! Kein Mensch wird applaudieren. Ganz große Katastroph!“
Venedig, März 1753
Der Nebel des frühen Morgens lag schwer und grau wie fein pulverisiertes Blei über dem ebenso grauen Wasser der Lagune. Der Adel von Venedig schlief noch in seinen weichen Federbetten und träumte von den rauschenden Festen der vergangenen Nächte, der wundervollen Musik, den exquisiten kulinarischen Köstlichkeiten, dem erlesenen Wein, dem sorglosen Lachen und den oberflächlichen amourösen Begegnungen.
Vereinzelt sah man schwarze Gondeln mit bunten Laternen, deren Fahrgäste mit farbig-glänzenden oder schwarz-weißen Masken sich umarmten, küssten oder trunken vor sich hindösten. Die Maskenzeit begann in Venedig am Stephanustag, dem 26. Dezember, und endete erst im Sommer. Den Gebrauch der venezianischen Maske, der Bautta, hatten die Behörden für alle Tage des Jahres gestattet. Diese bestand aus schwarzem Cape, Kapuze und Dreispitz sowie einer weißen Larve, die auch den unteren Gesichtsteil bedeckte, jedoch dort weit nach vorne gewölbt war, sodass man bequem essen und trinken konnte, ohne sie abnehmen zu müssen.
Giacomo Casanova wusste sich in diesen vornehmen Kreisen zu bewegen wie kein zweiter. Auch er trug heute morgen eine Bautta, um unerkannt zu bleiben.
Zu dieser unmenschlich frühen Stunde stand er einsam und etwas verloren vor der Renaissancefassade der kleinen Kirche Santa Maria di Miracoli, ging dann bis zur Kaimauer des Fondamente Nove hinunter und sah versonnen auf das trübe, von den Wellen leicht bewegte Wasser hinaus.
Obwohl es wieder ein glühendheißer Tag zu werden versprach, frischte der kühle Morgenwind doch auf und Casanova zog fröstelnd seinen Umhang enger an den Körper. Er hatte zum Frühstück nur zwei Äpfel im Schlafrock zu sich genommen, nach den oft üblichen Austern und Krebsschwänzen stand ihm heute nicht der Sinn und für ein umfangreiches Frühstück mit Rehrücken à la Madame d’Urfé blieb heute keine Zeit.
Er wartete auf Felippe, den Fischer, der ihn ohne viele Fragen nach Murano hinüber rudern sollte. Felippe war von Geburt an stumm und daher der diskreteste Fährmann, den man sich nur wünschen konnte.
Das Boot bog bereits aus einem der vielen Seitenkanäle und ging längsseits zur Kaimauer. Casanova, der für sein Unternehmen lieber ein einfaches Fischerboot als eine der schwarzen Gondeln bevorzugte, winkte mit seinem Dreispitz, sprang dann beherzt mit einem wagemutigen Satz hinunter, wobei sein schwarzer Umhang sich aufblähte und ihm für einen kurzen Moment das Aussehen einer riesigen Fledermaus gab. Der kostbare Galanteriedegen knallte hart auf das Holz der Sitzbank.
„Andiamo, Felippe!“
Der kräftige Fischer deutete im Sitzen eine Art linkischer Verbeugung an, grunzte und legte sich sogleich in die Riemen.
Aus dem Nebel tauchte rechts die Friedhofsinsel von Venedig mit der Chiesa San Michele in Isola auf. Felippe ruderte schnell und gleichmäßig, die Überfahrt nach Murano würde keine halbe Stunde dauern. Sie überquerten dabei den Canale della Fondamenta Nuova und den Canale delle Navi.
Als sie die Venedig vorgelagerte Insel erreichten, lichtete sich bereits der Nebel und die ersten bunten Häuser tauchten vor ihnen hinter der Kaimauer auf. Casanova wies seinen Fährmann an, ihn am frühen Nachmittag wieder abzuholen, was jener mit einem kurzen Nicken quittierte und einen Vorschuss auf seinen Lohn zufrieden grinsend in Empfang nahm.
Casanova kannte sich hier aus. Erinnerungen an seine Kindheit überfielen ihn plötzlich: Seine Großmutter, bei der er aufgewachsen war, weil seine Eltern - beide Schauspieler - ihn verlassen hatten, brachte den geistig zurückgebliebenen, kränklichen Knaben zu einer Hexe, die auf Murano lebte. Sie vollzog an ihm ein seltsames, magisches Ritual, das ihn tatsächlich geheilt hatte.
Er hielt sich links am Ufer, ging die Piazzale Calle Colonna entlang, von wo aus man normalerweise einen wundervollen Blick auf San Michele in Isola hatte, das heute aber noch nebelverhüllt war, hinauf in die Fontamenta Serenella und bog schließlich rechts in die kleine Calle Bertolini ein, wo er die Werkstatt von Giovanni Briati betrat.
Briati galt als der angesehenste Glasmacher der Insel, ja sogar des Landes und weit über dessen Grenzen hinaus; seine Familie übte diesen hoch angesehenen Beruf schon seit vielen Generationen aus.
Die Glasmacher hatten in Venedig einen besonderen Status, vor allem war der Signoria, der Regierung der Lagunenstadt, daran gelegen, die Geheimnisse der Glasmacherkunst nicht ins Ausland dringen zu lassen. Darum durften die Handwerker die Republik Venedig nicht verlassen. Genau das aber hatte der Großvater von Giovanni, Guiseppe Briati, getan und war vor fünfzig Jahren nach Böhmen gezogen, um dort neue Techniken zu erlernen. Giovanni blickte mit Stolz auf seinen Großvater, einem Meister in seiner Kunst, redete aber nicht gerne über ihn, um nicht alte Geschichten aufzurühren und vielleicht bei der Regierung deshalb in Ungnade zu fallen. Die Glasmacher-Familie konnte sich indes der Protektion einflussreicher Gönner sicher sein.
Casanova wusste nur zu gut, dass Giovanni den Adel mit allerlei Delikatem aus Glas belieferte und man sich dabei auf seine Verschwiegenheit verlassen konnte. So bestellten die Damen der Gesellschaft bei ihm Kunstpenise aus dickem, hohlem Glas, die innen mit heißem Wasser gefüllt und mit einem Korken verschlossen werden konnten. Adelige Männer kauften nicht selten eine besondere Spezialität Briatis: das „venezianische Stilett“, wie man es nannte, ein Messer ganz aus Glas, das man in den Körper des Opfers stach und dann abbrach. Der Stichkanal blieb so fein und schmal, dass sich die Wunde augenblicklich wieder schloss, ohne Spuren der Tat zu hinterlassen.
Angeblich wegen der Brandgefahr, vielmehr jedoch zum Zwecke der Kasernierung und besseren Überwachung durften sich Glasmacherwerkstätten nur auf der Insel Murano ansiedeln. Der Verrat von Werkstattgeheimnissen, wie etwa die Herstellungsmethoden, die zu einem absolut durchsichtigen Glas führten, wurde mit dem Tode bestraft.
Dafür genossen diese besonderen Handwerker zahlreiche Privilegien. So durften etwa die Töchter von Glasmachern in den venezianischen Adel einheiraten, was Töchtern anderer Handwerker untersagt blieb.
Simonetta, die hübsche Tochter von Briati, schlich sich leise die Treppe herunter, als sie vom Fenster aus Casanova kommen sah. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie wusste genau, was sie wollte.
Die Öfen brüllten vor Hitze und die orange-rote, infernalische Glut waberte und atmete wie das wahrhaftige Höllenfeuer Dantes.
Der Meister begrüßte Casanova mit einer tiefen Verbeugung.
„Eine große Ehre, edler Herr, dass Ihr uns wieder einmal besucht. Ich stehe Euch zu Diensten. Nennt Eure Wünsche.“
Nachdem man ein paar Höflichkeiten ausgetauscht hatte, kam Casanova auf sein Anliegen zu sprechen.
„Mein guter Giovanni, was ich diesmal von Euch fordere, ist nicht gering. Ja, wahrscheinlich werdet Ihr darüber verwundert sein, doch lasst mich Euch vorab die Versicherung geben, dass nur ein einziger Mensch außer mir Euer Kunstwerk zu Gesicht bekommen wird, da es mir zu einem ... besonderen Zweck dienen soll.“
„Ihr macht mich neugierig, Herr. Ist es gar etwas Ungesetzliches? Ihr wisst, dass mein Großvater Antonio ...“
„Seid unbesorgt, Giovanni. Nein, es ist nicht gegen das Gesetz, aber es könnte gegen Eure Ehre als Glasmacher gehen.“
„Gewiss ist uns Venezianern unsere Ehre heilig und wir würden ohne zu zögern töten, um sie zu verteidigen, doch sagt selbst: Was könnte wohl so arg gegen meine Berufsehre gehen, dass Ihr es nicht mit einer entsprechenden Bezahlung wett machen könntet?“
Casanova lächelte über soviel Geschäftssinn.
„Nun ... ich möchte einen Teller von Euch gefertigt. Das heißt, eigentlich zwei.“
Briati lachte. „Wenn ich für jeden Teller, den ich gefertigt habe, einen Stein bekommen hätte, so könnte ich damit eine Brücke hinüber nach Venedig bauen. Und noch nie ist mir ein Glasteller gegen meine Ehre gegangen.“
„Sicherlich, da habt Ihr wohl recht. Aber ich möchte einen besonders kunstvollen Teller – einen aus feinstem Fadenglas – dem vetro a retorti.“
„Auch das, edler Herr, ist kein Problem. Ich möchte mich nicht selbst rühmen, aber in der ganzen Republik Venedig und weit darüber hinaus werdet Ihr keinen Besseren als mich für einen solchen Auftrag finden.“
„Auch das weiß ich, geschätzter Meister, und genau aus diesem Grunde bin ich bei Euch. Aber die Fäden, welche die beiden Teller in einem komplizierten Muster, wie nur Ihr es zustande bringt, zieren sollen, müssen schwarz sein.“
Briatis Mundwinkel sanken herunter und er setzte sich demonstrativ auf einen der derb gezimmerten Holzschemel.
„Schwarz? Aber gütiger Herr! Venezianische Fadengläser, ob Pokale oder Teller oder was immer Ihr wollt, enthalten stets weiße Fäden. Weiß! Noch niemals ist mir ein Exemplar unter die Augen gekommen, das schwarze Fäden gehabt hätte. So etwas ist impossibile!“
„Genau deswegen möchte ich solche Teller.“
„Aber ... so etwas bringt Unglück!“
„Fertigt Ihr nicht auch ... Stiletts?“
Briati sah verlegen zu Boden.
„Certamente, Ihr wisst dies so gut wie ich. Und ich habe Euren Wünschen immer entsprochen. Waffen – gut, Spielereien für amore – auch gut. Aber ein schwarzes Fadenglas?“
Casanova zog eine große ausländische Goldmünze hervor und hielt sie ihm unter die Nase.
„Eine jetzt und genau so eine, wenn der erste Teller heute noch in meiner Hand ist und noch eine, wenn Ihr den zweiten morgen liefert.“
Briatias Augen leuchteten bei jedem Wort, das er vernahm, mehr und er leckte sich mit seiner dicken Zunge über die spröden, rissigen Lippen, die sich plötzlich zu einem breiten Grinsen auseinanderzogen und eine Reihe fauliger Zähne freigaben.
„Va bene. Wenn Ihr es unbedingt so wollt. Aber seid gewarnt: Ein schwarzes Fadenglas bringt Unglück und Tod.“
„Genau das soll es, werter Meister, genau das soll es.“
Casanova setzte sich in eine ruhige Ecke der Werkstatt, möglichst weit ab von den hitzespeienden Öfen. Der Raum starrte vor Ruß und Schmutz und der vornehm gekleidete Mann nahm sich darin völlig fehl am Platze aus. Er trug unter dem schwarzen Cape einen langen Rock aus dunkelblauem Samt mit vergoldeten Knöpfen und Litzen, darunter eine beige-weiß marmorierte, mit Goldbrokat bestickte Weste mit einem weißen Rüschenhemd, das gewiss leiden würde. Genauso sicher würde er auch unter der weiß gepuderten Perücke mit der rosa Schleife schwitzen, doch das war nun einmal der Preis, den man bezahlte, um zur Nobilità, der besseren Gesellschaft, zu gehören.
Der Geruch von Ruß, Schlacke und verbrannter Haut oder Stoff lag überall in der Luft und setzte Casanova sehr zu. Er roch an einem Wattebäuschen, getränkt mit edlem Rosenöl, das er in einem Bergkristallflakon um den Hals trug, was aber nur wenig gegen den Gestank der Werkstatt ausrichten konnte. Trotzdem wollte er der Herstellung des ersten Tellers beiwohnen, obwohl er wusste, dass dies ein langwieriges Unterfangen sein würde. Unsicher war überdies, ob der erste Versuch überhaupt gelingen würde.
Er sah interessiert zu, wie Briati den Gesellen einige Anweisungen gab. Casanova bemerkte, dass zunächst ein hitziger Disput entbrannte, den der Meister aber mit einer herrischen Geste beendete. Die Gesellen färbten eine flüssige Glasmasse mit Eisenoxiden und setzten einen geheimen Wirkstoff zu, den Casanovas feine Nase aber sofort als Schwefel identifizierte. Während die Arbeiter damit begannen, wie Zauberkünstler in atemberaubender Geschwindigkeit aus der schwarzen, flüssigen Glasmasse lange, dünne Stäbchen auszuziehen, die sofort beim Erkalten aushärteten, nahm auch Briati mit seiner Glasmacherpfeife einen Butzen flüssigen, klaren Glases auf und blies unter ständigem Drehen in die eiserne Pfeife mit dem Holzgriff. Auf seinem hochroten, feisten Kopf bildeten sich zahlreiche Schweißperlen.
Die Gesellen hatten ihre Glasstäbchen inzwischen auf gleiche Länge gebracht und Briati ordnete sie mit gleichen Abständen am Innenrand eines dünnen Tonzylinders an. Abwechselnd stellte er dazwischen farblose Glasstäbchen, die bereits vorgefertigt bereit lagen. Danach füllte er den Hohlraum des Zylinders mit farblosem Glas aus und zog das verschmolzene Ganze nach dem Herausnehmen zu einem langen Stab aus, der immer dünner und dünner wurde. Unter ständigem Wechsel aus Erhitzen und Drehen um die eigene Achse wurde er in spiralige Windungen gebracht. Eine ganze Anzahl solcher Stäbe entstanden auf die gleiche Weise und wurden wiederum in einen größeren Zylinder gestellt.
Simonetta lugte scheu hinter dem Türflügel hervor, neben dem eine steinerne Treppe hinauf in die Schlafräume führte. Sie hatte eigens ihr smaragdfarbenes Seidenkleid angezogen und die blonden Haare in aller Eile zu einem Kranz geflochten, den eine kleine Perlenkette zusammenhielt. Sie schlich vorsichtig zu Casanova hinüber und achtete dabei darauf, von ihrem Vater nicht bemerkt zu werden. Die dunkle Ecke bot ausreichend Schutz vor den Blicken der Handwerker, die überdies viel zu beschäftigt waren, um auf ihre Umgebung zu achten. Simonetta hatte schon oft in der Werkstatt gesessen und staunend die Kunstwerke bewundert, die unter den Händen des Vaters und seiner Mitarbeiter entstanden. Doch heute schenkte sie der Arbeit keine Beachtung.
Ein aus den Stäben verschmolzener Glasbutzen wurde inzwischen mit der Glasmacherpfeife aufgeblasen und zu Bändern breitgedrückt, diese übereinandergelegt und neu verschmolzen. Die Gesellen brachten immer neue Stäbe, die hinzugefügt wurden, es wurde gedreht und wieder erhitzt, das Ganze mit Holzwerkzeugen flach geschlagen und wieder ausgezogen.
Casanova sah sich nicht mehr in der Lage, dem Herstellungsprozess zu folgen, fast zweifelte er an dem Sinn des verwirrenden Treibens. Wie ein gut geöltes Uhrwerk griffen die einzelnen Vorgänge ineinander. Jeder der Handwerker wusste genau, was er zu tun hatte und immer, wenn Casanova glaubte, so etwas wie einen Teller entstehen zu sehen, wurde das Werkstück wieder gefaltet, erneut gedreht und abermals geplättet. Ihm blieb völlig unklar, wie Meister Briati hierbei den Überblick behalten konnte. Das Geschehen hatte ihn so sehr in seinen Bann gezogen, dass er verwundert aufschreckte, als er die Hand von Simonetta in der seinen fühlte.
„Verzeiht mir, edler Herr, meine unangemessene Zudringlichkeit, doch konnte ich die Neugierde nicht mehr länger ertragen, einen solch illustren Herrn kennenzulernen, von dem man sich so viel erzählt. Mein Name ist Simonetta.“
„So seid gegrüßt. Was erzählt man sich denn so über mich, Signorina?“
Simonetta errötete. Statt einer Antwort raffte sie die Röcke hoch und setzte sich breitbeinig auf seinen Schoß.
„Ich hoffe, nichts Falsches.“
