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Adraa ist die Thronerbin des Landes Belwar: eine talentierte Magierin, die sich ihrem Volk beweisen will. Jatin wird einmal der König des Nachbarlandes Naupure werden. Die beiden wurden einander als Kinder versprochen, doch als nun Kriminelle in Belwar plötzlich nach der Macht greifen, kreuzen sich ihre Wege schon früher als geplant. Jedoch erkennen sie einander nicht, weil sie sich zu ihrem eigenen Schutz als jemand anders ausgeben. Maskiert und unter falschen Namen schließen sie sich zusammen, um unerkannt ihre Länder zu retten. Und während sie ihre wahren Identitäten voreinander verbergen, müssen sie lernen, dem anderen zu vertrauen, wenn sie das wahre Übel besiegen wollen ...
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Seitenzahl: 578
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Titel
Widmung
Gottheiten und ihre Kräfte
Prolog: Ich traf die Liebe meines Lebens und schlug ihr ins Gesicht
Kapitel 1: Ein unromantischer Liebesbrief
Kapitel 2: Widerstrebend auf dem Weg nach Hause
Kapitel 3: Ein kleiner Dieb
Kapitel 4: Die ausgebrannte junge Frau
Kapitel 5: Ein Verhör
Kapitel 6: Erklärungsnot
Kapitel 7: Zugestellt
Kapitel 8: Gefangen im Azur-Palast
Kapitel 9: Nettes Geplauder und ein peinliches Missverständnis
Kapitel 10: Im Untergrund
Kapitel 11: Ärger
Kapitel 12: Rettung
Kapitel 13: Gelernte Lektionen
Kapitel 14: Schneefall
Kapitel 15: Flirt mit einer Fremden
Kapitel 16: Pier sechzehn
Kapitel 17: Eine unfassbare Enthüllung
Kapitel 18: Eine Verabredung(keine romantische – oder vielleicht doch irgendwie ...)
Kapitel 19: Ein unerwarteter Brief
Kapitel 20: Belauschte Folter
Kapitel 21: Täuschung
Kapitel 22: Erwerb eines Namens
Kapitel 23: Fangen von Feuerbällen
Kapitel 24: Fall
Kapitel 25: Peinlich
Kapitel 26: Kräftemessen der Besten
Kapitel 27: Rückkehr des rechtmäßigen Herrschers
Kapitel 28: Unterhaltung mit dem Feind
Kapitel 29: Offenbarung der Wahrheit
Kapitel 30: Kampf um Vergebung
Kapitel 31: Zwischen Lügen und Wahrheit
Kapitel 32: Ein Auftritt für die Götter
Kapitel 33: Ein Tanz und seine Zerstörung
Kapitel 34: Verlust eines geliebten Menschen
Kapitel 35: Begegnung mit dem Tod
Kapitel 36: Erwachen in einem Albtraum
Kapitel 37: Opferbereitschaft
Kapitel 38: Der Gandhak
Kapitel 39: Erwacht
Kapitel 40: Verbranntes Schicksal
Kapitel 41: Brodelnde Gerüchte
Kapitel 42: Eine Entscheidung
Kapitel 43: Wir überleben
Anmerkung der Autorin
Danksagung
Impressum
Dana Swift
Übersetzung aus dem amerikanischen Englischvon Michael Krug
Für Kaethan – du weißt schon, dafür, dass du mich lieb hast und so.
Und für mein neunjähriges Ich – wir haben's geschafft!
Die neun Berührungen
Erif, Göttin des Feuers: herrscht über Vulkane
Rote Stärken: Fähigkeit, Feuer zu erschaffen und zu beeinflussen
Renni, Göttin der inneren Fähigkeiten: überwacht persönliche Entwicklung
Orange Stärken: Fähigkeit der Beeinflussung und Stärkung der Sinne und der Möglichkeiten des Körpers
Ria, Gott der Luft: gebietet über Tornados und den Wind
Gelbe Stärken: Fähigkeit, Luft zu erschaffen und zu beeinflussen, vor allem zum Fliegen
Htrae, Göttin der Erde: beaufsichtigt Felder und Ernten
Grüne Stärken: Fähigkeit, Holz und Pflanzen zu erschaffen und zu beeinflussen
Retaw, Gott des Wassers: regelt Überschwemmungen und Tsunamis
Blaue Stärken: Fähigkeit, Wasser zu erschaffen und zu beeinflussen
Raw, Gott des Kriegs: steht auf den Schlachtfeldern von Soldaten
Violette Stärken: Fähigkeit, Waffen, Schilde und Grenzen entstehen zu lassen
Laeh, Göttin der Heilung: wacht über Kranke und Verwundete
Rosa Stärken: Fähigkeit, zu heilen und Zaubertränke gegen Krankheiten anzufertigen
Dloc, Gott der Kälte: weilt in Schneestürmen und Lawinen
Weiße Stärken: Fähigkeit, Eis, Schnee und andere winterliche Niederschläge zu erzeugen und zu beeinflussen
Wodahs, Gott der Schatten: lebt in der Dunkelheit
Schwarze Stärken: Fähigkeit, sich zu tarnen und Trugbanne zu wirken
Adraa
Die Tür bestand aus blau schimmernden Eiskristallen. Und dahinter wartete mein ... ich sollte wohl sagen, mein Schicksal, so absurd es klingen mochte. Einen Jungen kennenzulernen, der irgendwann mein Ehemann werden könnte, sollte nicht als Schicksal gelten.
Und doch stand ich mit meinen Eltern am klaffenden schwarzen Schlund eines säulengesäumten Eingangs. Wie Reißzähne ragten die Säulen aus dem blauen Gestein des Palasts nach vorn. Das Gebäude war so gewaltig, dass ich den Kopf drehen musste, um es in seiner Gesamtheit auf mich wirken zu lassen. Das letzte Licht der Abenddämmerung fiel tänzelnd auf die glasähnliche Oberfläche. Ich warf einen Blick zu meinen Eltern. Beide wirkten unbekümmert. Offensichtlich würden wir nicht darüber reden, wie seltsam eine ausschließlich aus weißer Magie angefertigte Tür war. War das in ihren Vorträgen vorgekommen? Und, Adraa, erwähne nicht die gruselige Tür.
Als mein Vater die Faust zum Anklopfen hob, trat ich hastig vor und zog seinen Arm nach unten. Die Worte meiner Mutter ließen uns beide innehalten. »Vielleicht ... vielleicht sollten wir warten.«
Schneeflocken wirbelten dicht um uns herum. Der Winterwind heulte. Dann bedachte Vater uns beide mit dem Blick. »Wir reden schon seit Jahren darüber, Ira.«
Offensichtlich war ich in ihre Gespräche nicht einbezogen gewesen. Immerhin war ich erst acht. Meine Eltern dachten schon eine gefühlte Ewigkeit über eine arrangierte Heirat für mich nach.
»Und das nach all den Stufen.« Mein Vater schnaubte.
Ich wollte gar nicht hinter mich schauen, zurück zu den Treppen, die wir erklommen hatten. Meine Beine schmerzten, und ich fragte mich verwirrt, warum wir nicht wie vernünftige Hexen und Zauberer mit Himmelsgleitern hergeflogen waren. Bei Treppe zwanzig hatte ich begonnen, mir vorzustellen, der Maharadscha von Naupure ließe uns nicht etwa einer Tradition halber zu Fuß herwandern, wie mir alle einredeten, sondern um mich zu schwächen. Bei Treppe zweiundsechzig hatte sich neben der Kälte der nagende Gedanke eingeschlichen, dass ich mich einem Gefängnis näherte, keinem Palast.
Die Art, wie meine Mutter die krumme Nase krauszog, verriet mir, dass sie kurz davorstand, in Gelächter auszubrechen. Und meine einzige Chance in diesem Albtraum aus Stufen, Kälte und seltsamen Türen war im Begriff zu entschwinden.
»Ich sehe es wie Mama. Es ist eine schlechte Idee!«, verkündete ich.
Schlagartig hefteten meine Eltern ihren Blick auf mich. Mein Vater neigte sich zu mir herunter und legte mir die Hände mit festem Griff auf die Schultern. »Stell es dir einfach als ein Treffen mit einem neuen Freund vor, Adraa.«
»Aber ... aber er ist ein Junge.« Noch dazu einer, den ich eines Tages ... küssen sollte. Eine Ehe bedeutete, sich mit jemandem ein Zuhause zu teilen, das wusste ich. Aber erschütternd fand ich die Vorstellung, sich gegenseitig zu küssen. Wurde von mir erwartet, es regelmäßig zu tun und es auch noch zu mögen? Wieder zerrte ich an Vaters Arm. Mit Mutters Hilfe könnte die Sache vorbei und vergessen sein. Wir könnten von diesem Berg hinabsteigen, uns auf unsere Himmelsgleiter schwingen und zu unserem eigenen Palast an der Küste zurückkehren, wo der Winter nicht versuchte, uns tiefzukühlen.
Aber ich hatte das Falsche gesagt. Mein Vater lachte. Sogar meine Mutter schüttelte den Kopf und bedeckte den Mund mit behandschuhten Fingern, um ein Lächeln zu verbergen. Manchmal glaubte ich, dass sie mich nur wegen meiner unerwarteten Sprüche bekommen hatten.
»Ja.« Mein Vater schmunzelte. Sein warmer Atem bildete kleine Wölkchen in der frostigen Luft. »Ja, er ist ein Junge. Aber das bin ich auch. Und mich magst du doch, oder?«
Dieser Logik konnte ich nichts abgewinnen. Entweder übersah ich etwas Offensichtliches oder mein Vater. Mein durch und durch knabenhafter möglicher Verlobter war etwas völlig anderes als die breite Statur und die tröstenden Arme meines Vaters. Ich gab die einzige mögliche Antwort auf seine Fangfrage: »Ja.«
Mein Vater lachte, neigte den Kopf meiner Mutter zu und wiederholte »Ja«, um sie wieder zum Lächeln zu bringen. Wärme trat in den Blick seiner grünen Augen. »Ich weiß, es muss beängstigend sein.«
»Ich habe keine Angst«, stieß ich hastig hervor, vermochte jedoch selbst nicht zu sagen, ob es stimmte. Die winterliche Kälte von Naupure brannte auf meiner Haut und brachte mich zum Zittern. Hinter dem Palast ragte der Gandhak in den Himmel. Die letzten Strahlen des Tageslichts färbten die Felsen gelb-orange. Durch mein Zimmerfenster wirkte der Vulkan stets so ruhig. Aus der Nähe vermittelte das Spiel des Lichts den Eindruck von Lava.
Mein Vater sah meiner Mutter in die Augen. »Es ist nur ein erstes Treffen. Da wird noch nichts mit Blut besiegelt. Heute Abend ist es lediglich ein Kennenlernen«, wiederholte er. Und bevor ich etwas sagen oder ein letztes Mal protestieren konnte, klopfte mein Vater an.
Nichts geschah. Ich wähnte mich gerettet.
»Niemand zu Hause! Gehen wir!«, rief ich.
»Adraa«, herrschte meine Mutter mich an. Als sie den Mund öffnete, um etwas hinzuzufügen, ertönte das Ächzen von Eis. Verästelte Risse breiteten sich aus. Ich stolperte rücklings und hörte, wie Splitter abbrachen und zu Boden fielen. Als sich die Tür vollständig geöffnet hatte, blickten wir in gähnende Dunkelheit. Niemand hatte das marmorierte Eis berührt. Blaue Rauchschwaden kräuselten sich am Rand meines Sichtfelds. Ich wirbelte herum, um ihre Macht zu erfassen. Magie!
Der schummrige Eingangsbereich erstrahlte vor Licht, als nacheinander mehrere Kerzen zum Leben erwachten und eine breite Treppe erhellten. Ein aufwendig gekleideter Mann stieg die Stufen in unsere Richtung herunter.
»Seid gegrüßt!«, rief er. Es musste sich um Maharadscha Naupure handeln. Aber er war ... dünn und klein, was unerwartet kam. Ich hatte mir den mächtigsten Zauberer unseres Nachbarlandes weder dünn noch klein vorgestellt. Und dann gleich beides? Er konnte es nicht sein. Allerdings trug er auf der Brust das Zeichen von Naupure, einen von blauem Wind umhüllten Berg.
Er trat auf uns zu. Dann pressten Vater und er die Unterarme aneinander, bevor sie sich umarmten. Vater lachte und meinte: »Es ist zu lange her.«
Mutter legte die Finger an den Hals und verneigte sich würdevoll und ehrerbietig. Ihre Worte verschmolzen ineinander, wurden für mich unverständlich. Ich wich in den Wind zurück, der mir beißend gegen den Rücken wehte.
Pfeif auf dünn und klein. Pfeif auf den ersten Eindruck. Ich hatte mich gründlich geirrt. Meine Eltern kannten diesen Zauberer gut. Was bedeutete, dass es um mehr als eine bloße Vorstellung und den Austausch von Höflichkeiten ging. Nämlich um eine bereits getroffene Entscheidung. Es ist lediglich ein erstes Kennenlernen, Adraa, hatte es geheißen. Was war daraus geworden? Oder aus: Es ist nur ein Besuch, bevor Jatin zur Schule reist. Dies waren die Worte meiner Eltern gewesen, während ich dagesessen und mir auswendig eingeprägt hatte, was ich zu sagen haben würde.
Vater drehte sich um. »Adraa.«
Ich erstarrte. Wenn ich mich rührte, würde ich zersplittern wie zuvor die Tür.
Vater bemerkte es nicht. Er nahm mich an der Hand und zog mich vorwärts in die Eingangshalle. Über mir schimmerten etliche Bögen, reich verziert mit Ornamenten und Gold. Kerzen flackerten. Der Geruch frischer Winterluft vermischte sich mit jenem von Sträußen weißer Eisblumen. Ja, die Umgebung mochte schön sein, doch meine Angst flüsterte mir zu, dass es sich nur um eine Fassade handelte.
»Kommt herein und raus aus der Kälte.« Naupure machte eine Handbewegung, als wollte er den Wind verscheuchen. Er wirkte einen schnellen Zauber. Blauer Rauch strömte aus seinen Armen geradewegs auf mich zu und ergoss sich hinaus in die Nacht.
Mit großen Augen bestaunte ich, wie die Eissplitter emporschwebten und wieder an ihren angestammten Plätzen festfroren. Frostkristalle breiteten sich über die Marmoradern der Wand aus und schlängelten sich über die Scharniere der Tür. Ihr Weg endete erst, als sie die goldglänzende, über die Decke gespannte Seide erreichten.
Ich war so damit beschäftigt, mir alles anzusehen, dass ich gar nicht bemerkte, wie mich die orangefarbenen Schwaden der Magie meines Vaters auftauten. Der verbliebene Schnee auf unseren Mänteln verdampfte zischend. Als ich mich wieder umdrehte, galt die Aufmerksamkeit aller mir.
»Das muss Adraa sein.« Maharadscha Naupure ging in die Hocke. So war ich sogar größer als er. Nur fühlte ich mich dadurch auch nicht besser. »Es ist mir eine Freude, kleines Fräulein.«
An der Stelle sollte ich eigentlich sagen: Es ist mir eine Freude. Und vielleicht noch: Danke für die Einladung. Schweigen. Ich brachte keinen Ton heraus.
Meine Mutter runzelte die Stirn.
Maharadscha Naupure starrte mich weiter an. »Du bist ein hübsches kleines Ding. Aber das weißt du bestimmt, nicht wahr?«
Dieser Mann hatte offensichtlich nur einen Sohn. Hübsch? Im Ernst? Er wusste schon, wie viele Stufen ich gerade erklommen hatte, oder? Wo blieb ein Kompliment dafür, dass ich diese Tortur bewältigt hatte? Ich schaute zu meiner Mutter. Sie biss sich auf die Unterlippe. Wahrscheinlich fürchtete sie sich davor, was aus meinem Mund dringen könnte. Tatsächlich schwirrten mir alle möglichen Erwiderungen im Kopf herum. Meine Eltern hatten gelogen. Also ergänzte ich mein Schulterzucken um etwas Besonderes. »Ja, weiß ich.«
Mutter saugte scharf die Luft ein, als wollte sie einen Zauber vorbereiten, doch Maharadscha Naupure lachte nur. »Gut so. Ein hübsches Mädchen sollte um sein Aussehen wissen.«
Wie bitte? Was ist das denn für eine Antwort?
Maharadscha Naupure drehte sich schwungvoll der Treppe zu und rief: »Jatin! Lass unsere Gäste nicht warten.«
Ein dumpfer Laut hallte von oben herab. Meine Kehle wurde trocken, meine Hände hingegen begannen zu schwitzen. Der dumpfe Laut stammte von ihm, von dem Jungen, als wollte er mich damit wie ein Monster aus der Tiefe erschrecken.
Naupure führte uns in den offenen Raum auf der rechten Seite. Dort stand vor uns ein in Rot gehüllter Gebetstisch. Wandteppiche in verschiedenen Farben bedeckten den neunseitigen Raum. Jede der getäfelten Wände huldigte einem anderen Gott oder einer anderen Göttin. Meine Mutter war auf der Insel Pire aufgewachsen, wo man sich vor langer Zeit von der Vorstellung verabschiedet hatte, dass Magie uns von den Göttern verliehen wurde. Ihr Blick wanderte unsicher über die Wandteppiche, doch mir hatte Vater genug über jedes uns entgegenblickende Gesicht beigebracht. Ich wusste, dass wir unter jenen Augen unser Blut vergießen würden. Mit einem schnellen Schritt stellte ich mich zu meinem Vater und zog an seiner Hand. Bitte lass ihn meine Besorgnis verstehen. Bitte.
Er nickte. »Adraa ist ein bisschen aufgeregt, Jatin kennenzulernen.«
Verrat. Niederträchtiger Verrat. Ich ließ seine Hand los, als hätte sie mich versengt.
»Natürlich«, sagte Naupure.
Gleichzeitig protestierte ich: »Nein, bin ich nicht!«
Der Blick meiner Mutter bohrte sich in mich. Unser kurzlebiges Bündnis fiel in sich zusammen.
»Es tut mir leid. Normalerweise führt sie sich nicht so auf.« Mutter zeigte auf die Stelle neben ihr. »Adraa, komm her.«
Ich gehorchte. Meine rosa und orangefarbenen Röcke wirbelten in meiner Hast durcheinander, und ich versuchte, sie glattzustreichen, als ich mich neben meine Mutter setzte. Ich hatte keine Ahnung mehr, was ich tun sollte, um aus der Sache rauszukommen. Weiterhin zu rebellieren, würde Bestrafung nach sich ziehen. Vielleicht war ich darüber auch schon hinaus. Oder vielleicht würde unabhängig davon, was ich täte ...
»Hat sich dir deine Magie schon offenbart, Adraa?«, fragte Maharadscha Naupure.
Und einfach so verflog der Ärger. »Nein, Herr.«
»Das wird sie natürlich noch. Falls du dich erinnerst, sie ist ein Jahr jünger als Jatin«, kam schnell von meiner Mutter.
»Oh ja, ich erinnere mich.« Prüfend begutachtete der Maharadscha mich.
»Sie hat bereits ihr Berührungsmal. Adraa, zeig es ihm.«
Unwillkürlich legte ich den linken Arm mit der Handfläche nach oben auf das rote Tuch. Der Stoff fühlte sich kratzig an, wie mit kleinen Widerhaken versehen, statt samtweich. Warum legte sich jemand eine kratzige Tischdecke zu? Die Naupures waren Ungeheuer.
Ich zeigte mein Berührungsmal, ein kleines Zeichen, das an meinem linken Handgelenk erblüht war. Es handelte sich um einen rötlichen, verästelten Wirbel der Größe einer Silbermünze, dunkler noch als meine braune Haut. Der einzige wahre Hinweis darauf, dass ich eines Tages eine Hexe sein würde. Somit auch mein einziger Hoffnungsschimmer, während ich mich langsam dem Alter von neun Jahren näherte. Eines Tages, wenn ich mächtig genug wäre, würde das Muster an den Armen emporwachsen und sich um die Schultern kräuseln wie bei meinen Eltern, bei Maharadscha Naupure und bei der Hälfte der Menschen im Land. Dafür musste ich mein Berührungsmal wie eine Pflanze hegen und pflegen. Ich musste lernen.
»Und der andere Arm?«, fragte Maharadscha Naupure.
Vorsichtig legte ich den rechten Arm auf den Tisch. Meine Eltern erstarrten, denn dort befand sich nichts, nur nackte dunkle Haut. Und in meinem widernatürlich unberührten rechten Arm begründete sich die Sorge, ich würde ohne Macht bleiben. Bei allen, die ich kannte, war das Berührungsmal an beiden Handgelenken gleichzeitig erschienen. Es gab Berührte und Unberührte. Von etwas dazwischen hatte ich noch nie gehört.
»Interessant«, meinte Maharadscha Naupure.
»Hast du so etwas schon mal gesehen?«, fragte mein Vater. »Ich dachte, das gäbe es nur in Mythen und Legenden.«
Ich wusste es. Ich hatte gewusst, dass meine Eltern in Wirklichkeit besorgt waren und es einen handfesten Grund für meine Ängste gab.
»Nun ja, der Legende nach streiten sich die Götter darum, wer sie segnen soll.«
Ich riss die Arme vom Tisch zurück und sah mich um, betrachtete die Wandteppiche der neun Gottheiten im Raum. Der blaue Gott Retaw, der eine Flut befehligte. Die grüne Göttin Htrae beim Herrschen über ein Feld. Der gelbe Gott Ria, fliegend in einem Tornado. Die rote Göttin Erif über einem Vulkan. Der weiße Gott Dloc in einem Schneesturm. Die rosa Göttin Laeh beim Heilen von Krankheiten. Der schwarze Gott Wodahs, gehüllt in einen dunklen Mantel. Der violette Gott Raw auf einem Schlachtfeld. Die orangefarbene Göttin Renni, strotzend vor Muskeln und Kraft. Sie sahen eher aus, als wollten sie mich fressen, statt mir Macht zu verleihen. Konnten sie sich wirklich um mich streiten?
»Das ist beruhigender als ... die andere Möglichkeit.« Mutter seufzte.
Ich drückte kräftig auf mein Mal. Ohne Magie, ohne alle neun Arten von Magie, war ich nutzlos. Kein Titel. Unfähig, ein Land anzuführen, schon gar nicht meines. Als ich aufschaute und feststellte, dass Maharadscha Naupure mich nach wie vor musterte, vergaß ich schlagartig die wöchentlichen Vorträge über Höflichkeit.
»Musst du auch noch meine Backenzähne untersuchen?« Ich öffnete den Mund.
»Adraa«, entfuhr es meiner Mutter empört. Schnell schloss ich den Mund wieder, aber ich starrte den Mann unverändert an. Sieh mein wahres Ich, Maharadscha Naupure. Sieh, wie ungeeignet ich als Maharani von Naupure wäre! Und nicht nur, weil mein rechter Arm unberührt ist.
Wieder lachte Maharadscha Naupure dröhnend. Es schien sein einziger Laut der Belustigung zu sein. »Hach. Du erinnerst mich an meine Savi.«
Bevor meine Eltern zustimmten oder sich meine Mutter aus der Verlegenheit herausreden konnte, dass ich tatsächlich ihre Tochter war, trat ein Junge ein – der Junge. So wie ich hatte er pechschwarzes Haar und braune Haut, allerdings etwas heller als meine, dazu glänzende, glasig wirkende Augen. Jatin, mein Verlo... Ich konnte es nicht mal denken. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen und Beinen aus. Er hingegen wirkte völlig ruhig. Nein, tatsächlich eher ... gelangweilt.
Nicht gelangweilt dreinzuschauen, galt als oberstes Gebot, noch vor übertriebener Höflichkeit. Bei genauerer Betrachtung handelte es sich sogar um dieselbe Regel, denn ich empfand sein Auftreten als geradezu ärgerlich. Wie konnte er so ruhig bleiben?
»Jatin, da bist du ja. Komm und lern unsere Gäste kennen. Das sind der Maharadscha und die Maharani von Belwar.«
Jatin nickte. »Freut mich sehr, euch kennenzulernen.« Also hatte nicht nur ich höfliche Sprüche auswendig lernen müssen.
Jatin verneigte sich vor meinen Eltern, bevor er sich wieder seinem Vater zuwandte. Sein Gesichtsausdruck dabei teilte deutlich mit: Was muss ich noch tun?
»Und Jatin, das ist Adraa.«
Soll ich aufstehen oder so? Bevor ich mich entscheiden konnte, drehte sich Jatin mir zu und schenkte mir das wohl verlegenste Lächeln aller Zeiten. Ihm fehlten beide Eckzähne.
»Hallo«, sagten wir gleichzeitig.
»Jatin, was hältst du davon, Adraa dein Zimmer zu zeigen?«, schlug Maharadscha Naupure vor.
Jatin sah seinen Vater mit seelenruhigem Gehorsam an. Von ihm schien keine Hilfe zu erwarten zu sein.
Meine Mutter stupste mich mit dem Ellbogen. »Geh schon, Adraa. Wir müssen unter vier Augen mit Maharadscha Naupure reden.«
Ich wirbelte herum, drauf und dran zu versuchen, mich durch Schmollen aus der Affäre zu ziehen. Dann jedoch bemerkte ich die Augen meines Vaters. Nicht umgeben von Lachfältchen wie sonst immer. An diesem Tag nicht. Ich musste mir von diesem Jungen sein Zimmer zeigen lassen. Jatin bedeutete mir mit einem Nicken, ihm zu folgen. Mit einem Nicken! Als würde ihm das Land gehören. Nun ja, eines Tages würde es das wohl.
Während ich Jatin über weitere Steinstufen hinauf und durch diesen Irrgarten von einem Palast folgte, starrte ich auf seinen Rücken. Jedes Mal, wenn er durch ein Zucken andeutete, er könnte sich umdrehen und mich ansehen, tat ich so, als würde ich fasziniert das Spiel der gelben und blauen Farben der Torbögen bestaunen.
Als wir schließlich anhielten, deutete Jatin auf eine Holztür, in die sein Name mit geschwungenen Linien eingraviert war. »Hier ist es.«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Meinetwegen konnten wir es den ganzen Tag so weiterspielen. »Sehr schöne Tür.«
Jatin starrte mich wartend an. Dann drehte er den Knauf und wartete erneut. Nein. Auf keinen Fall. Ich würde nicht als Erste hineingehen. Auf diese Weise würde ich in das Zimmer gesperrt werden, und man würde nie wieder von mir hören. Meine Eltern mochten diesem ruhigen, höflichen Jungen vertrauen, aber ich nicht. Das war mit Sicherheit nur eine Fassade.
»Äh, du kannst reingehen«, sagte er.
»Du zuerst.«
»Aber ... du solltest ...«
»Was sollte ich?« Auf deine List hereinfallen? Kannst du vergessen, Junge.
»Egal.« Und damit schlenderte Jatin in sein Zimmer, dicht gefolgt von mir.
Ich hatte, wie bei allem im Palast, mit etwas Gewaltigem gerechnet. Die Möbel wirkten auch tatsächlich groß, was jedoch eher daran lag, dass sein Zimmer nicht unbedingt riesig war. Man hätte darin lediglich einen Elefanten unterbringen können, keine ganze Herde. Vielleicht ging der Eindruck auch auf die Unordnung zurück. Auf den Schreibtisch schien eine Bibliothek gestürzt zu sein. Pergamente drohten, auf dem Boden zu landen. In Kugeln und Flaschen leuchteten winzige Magiekügelchen. Gebannt starrte ich auf die schimmernden Farbwirbel. Alle neun Arten von Magie befanden sich fein säuberlich angeordnet in einer Reihe, schillernd wie ein Regenbogen. Ein kleines rotes Feuer, ein orangefarbener Nebel, gelb flimmernde Luft, ein moosartiges grünes Bündel, eine blaue Welle, ein violetter Dorn, eine rosa Kugel, ein schwarz wabernder Schatten und zu guter Letzt weiße Frostkristalle. Alles von ihm?
Es musste so sein. Bei ihren ersten Gehversuchen mit Magie erschaffen junge Hexen und Zauberer jede einzelne der göttlichen Farben. Welche Stärke man besitzt, wird erst im Alter von sechzehn Jahren bestimmt. Danach wird jeder Zauber durch die Farbe gefiltert, mit der man besonders gesegnet ist. Die Vielzahl der Schattierungen um uns herum bedeutete, dass Jatin bereits alle neun wirken konnte!
Als Jatin eine weiße Kugel ergriff, heftete sich meine Aufmerksamkeit jäh wieder auf ihn. »Kennst du dich schon mit Magie aus?«, fragte er, während er das durchsichtige Behältnis drehte. Schneeflocken und Frostkristalle schimmerten darin. Sein Berührungsmal wirbelte als verschlungenes Muster über sein rechtes Handgelenk.
»Ich bin dabei zu lernen.«
»Nein, ich meine, kannst du sie schon wirken?«
»Na ja ...« Ich suchte nach etwas, um ihn abzulenken, sah jedoch nur Kugel um Kugel aus buntem Rauch. Tat der Junge eigentlich auch etwas anderes, als zu lernen und zu zaubern?
»Du kannst es nicht!« Überrascht riss er die Augen weit auf, bevor sie mit sichtlichem Stolz wieder schrumpften. Auf einmal wirkten sie gar nicht mehr glasig. Er betrachtete meine Hände. Meine Wangen röteten sich, und ich schob den rechten Arm langsam hinter den Rücken. Deshalb sind Jungen am schlimmsten.
»Was denn? Sind die wirklich alle von dir?«, platzte ich heraus, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
»Ja. Willst du mal sehen?« Ruckartig hob er das Behältnis höher. »Das war mein erster Gefrierzauber.«
Hatte er etwa vor, ihn hier drin zu öffnen? Ich hatte geahnt, dass dieser Junge gefährlich sein würde. Wenn man Magie erst erlernte, musste man sie entweder in einer Kugel einschließen oder unter freiem Himmel wirken. Plötzlich fühlte sich sein Zimmer noch kleiner an.
»Nicht! Das darfst du nicht.«
Er richtete sich auf. »Doch! Ich bin ein Zauberer.«
Eher ein verwöhntes Balg.
»Ich bin auch eine Hexe. Nur habe ich meine Kräfte noch nicht«, erwiderte ich.
Er verschränkte die Arme vor der Brust. Wenigstens würde er nun die Kugel nicht gleich öffnen. Zumindest das hatte ich mir erspart. »Ich wette, du bist nicht mal eine Hexe.«
»Bin ich wohl.« Ich streckte die Hand nach meinem linken Ärmel aus, um ihm mein Berührungsmal zu zeigen, doch sein Lachen ließ mich abrupt innehalten. Hitze schoss mir in die Wangen, in meiner Brust pochte glühende Kohle. »Nimm das zurück!«
»Aber wenn du nicht ...«
Ich ließ ihn nicht ausreden. Stattdessen stürzte ich mich auf ihn.
Eigentlich wollte ich nur erreichen, dass er das Gleichgewicht und vielleicht den Halt um seine kostbare Kugel verlor. Aber in meiner Verärgerung klatschte meine Hand auf seine Wange – mit voller Wucht. Jatin stolperte rückwärts und landete mit einem dumpfen Aufprall am Boden. Ein spitzer Aufschrei entfuhr ihm, und die mit Frostkristallen gefüllte Kugel kullerte durch das Zimmer.
Füße stampften die Treppe herauf. Ich kauerte mich vor Jatin hin. Meine Wut verflog und schlug in Angst um, als sich die Schritte näherten.
»Es tut mir leid! Das wollte ich nicht.« Vor Bedauern fühlte sich meine Kehle wie zugeschnürt an. Ich hatte es wirklich nicht gewollt.
Jatin hielt sich die Wange und starrte mich mit großen Augen an. Wenigstens weinte er nicht.
»Lässt du mich mal sehen?« Ich rückte näher zu ihm, während er mich weiter ausdruckslos anstarrte. Behutsam löste ich die Hand von seinem Gesicht und seufzte. Nichts. Kein Mal. Gar nichts. Gut, es war ja auch nur meine offene Handfläche gewesen.
»Du hast mich geschlagen.«
»Es tut mir leid.« Er wirkte nicht annähernd weinerlich, ich hingegen spürte sehr wohl, wie sich ein Anflug heißer Empfindungen den Weg zu meinen Augen bahnte. Ich hatte den künftigen Maharadscha von Naupure geschlagen. Auch wenn es versehentlich passiert war, ich war so gut wie tot. Und zum Teil hatte ich es wohl auch verdient.
Jatins Tür stand noch offen, also eilten unsere Eltern einfach herein.
»Was ist passiert?«, fragte mein Vater.
»Geht es allen gut?«, kam keine Sekunde danach von meiner Mutter.
Ich schaute zwischen dem über uns aufragenden Maharadscha Naupure und dem immer noch fassungslos am Boden sitzenden Jatin hin und her.
»Adraa?«
»Ich ... ich bin wütend geworden, und ich wollte es nicht, aber ich ...«
»Sie hat nichts gemacht«, fiel Jatin mir ins Wort.
Einen atemlosen Moment lang starrten wir ihn alle an, als er seine Benommenheit abschüttelte und sich vom Boden aufrappelte.
Als ob sie das glauben würden. »Nein, ich ... ich habe ihn geschlagen.«
Meine Eltern schauten finster drein. Insbesondere die grünen Augen meines Vaters feuerten frostige Eiszapfen auf mich ab.
»Geht es dir gut, Jatin?« Maharadscha Naupure streckte einen langen Arm nach seinem Sohn aus. Jatin blickte niemandem in die Augen, nickte nur mit hängendem Kopf.
»Herr, ich weiß gar nicht, wie ich mich entschuldigen soll«, wandte sich meine Mutter an den Maharadscha.
»Adraa«, herrschte mein Vater mich an.
»Es tut mir leid«, flüsterte ich.
»Warum hast du ihn geschlagen, Adraa?« In der harten Stimme meines Vaters schwang eine Warnung mit.
»Er ...« Ich spähte zu Jatin. Schließlich löste er den Blick vom Boden. Und diesmal wirkte er alles andere als ruhig.
Ich sank vor Maharadscha Naupure auf die Knie, als wollte ich vor den Göttern beten. »Es tut mir leid, Maharadscha Naupure. Was passiert ist, spielt keine Rolle. Ich hätte Jatin so oder so nicht schlagen dürfen.«
Nach einer erschreckend stillen Minute lugte ich durch mein Haar, das mir wie ein Vorhang vors Gesicht hing. Maharadscha Naupure bebte, und ich erzitterte. Wir würden sterben. Ich hatte Jatin geschlagen. Als Vergeltung würden meine Eltern und ich hingerichtet werden.
Ein plötzliches Prusten zerriss die Spannung. Der Maharadscha ... lachte.
Naupure bückte sich und hob mein Kinn so an, dass ich seinem Blick begegnete. Die Art, wie er mich ansah, erschütterte mich bis ins Mark. Dann lächelte er. »Stärke ist mehr als Ansehen.« Mein Kinn nach wie vor in seiner Hand, schaute er zu meinen Eltern auf. »Sie ist dafür geschaffen, eine Naupure zu werden.«
Adraa
Am Morgen erfahre ich die Neuigkeit, vor der mir neun Jahre lang gegraut hat. Ich esse gerade Upma. Sowohl mein Mund als auch mein Herz arbeiten einwandfrei – bis mein Vater beide mit einer einzigen Frage ins Stocken bringt.
»Hast du gewusst, dass Jatin heute nach Hause kommt?« Er schaut von den Bergen aus Berichten auf, die sich in kreisförmig angeordneten Stapeln wie eine topografische Karte der nördlichen Reisfelder vor ihm ausbreiten. Beinahe verschlucke ich mich, und mein Mund rebelliert und zwingt mich, den Brei auszuspucken.
Meine Schwester Prisha lässt den Löffel klirrend in ihre Schüssel fallen. »Igitt.«
Auch Mutter verzieht angewidert das Gesicht. »Adraa.«
Ich halte die Hand vor den Mund, damit nicht noch mehr daraus entweichen kann, als ich huste. Es fühlt sich an, als hätten sich mehrere Organe zu einem Putsch gegen mich verschworen. Der Rädelsführer – mein Herz – gerät ins Taumeln und versucht, sich aus dem Staub zu machen oder sich zumindest von den Fesseln der umliegenden Arterien zu befreien.
Der Blick meines Vaters richtet sich bedeutungsschwer auf mein Gesicht. »Das heißt dann wohl nein.«
Neun Worte, eines für jedes Jahr, das ich ihn nicht gesehen habe. Mehr ist nicht nötig, um meinen Frieden zu zerstören. Nach all der Zeit kehrt Jatin nach Hause zurück.
Die Sonne hat beschlossen, hinter den Wolken Verstecken zu spielen. Deshalb beherrschen abwechselnd dumpfe Grautöne und warme Helligkeit das Esszimmer. Und natürlich zerbricht die Beständigkeit meines Lebens ausgerechnet während eines gleißenden Sonnenstrahls. Mein Verstand untersucht die Worte meines Vaters einzeln und lässt sie fallen wie ein ungeschicktes Kleinkind.
Jatin ... kommt ... heute ... zurück.
»Heute? Also in ein paar Stunden?« Ich huste.
»Ja, das ist so ungefähr, was heute bedeutet.« Vater legt einen umfangreichen Bericht beiseite, ohne mich anzusehen.
»Hat Maharadscha Naupure dir bei deinem letzten Besuch nichts davon erzählt?«, fragt Mutter, sichtlich erleichtert, dass ich die fein bestickte Tischdecke nicht ruiniere.
»Nein«, antworte ich. »Oder vielleicht doch ...« Seit jener ersten Nacht vor vielen Jahren haben Maharadscha Naupure und ich eine freundschaftliche Beziehung entwickelt, die über die eines zukünftigen Schwiegervaters zu seiner angehenden Schwiegertochter hinausgeht. Wir pflegen sie durch meine monatlichen Firelight-Lieferungen, die wir beide als Vorwand nutzen, um über alles Mögliche zu reden – Politik, Wirtschaft, ein besonderes Projekt, an dem ich arbeite. Alles außer seinem Sohn. Nur manchmal rutscht ihm etwas über ihn heraus. Dann tue ich so, als hätte mein Gehirn dabei einen Aussetzer gehabt. Aber über eine solche Neuigkeit kann ich nicht einfach hinweggegangen sein, oder? Beklommenheit verdrängt alle anderen Empfindungen, ich kann es nicht verhindern. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, jeden Gedanken an Jatin zu verdrängen – und daran, dass ich ihn heiraten muss.
»Ach, Adraa.« Mutter seufzt.
»Was denn? Ich bin nicht hinbestellt worden oder so. Und für heute steht keine Firelight-Lieferung bei ihm an. Also ... also gehe ich nicht hin.« Ich lege Überzeugung in meine Stimme, in der Hoffnung, dass sie mich dann nicht bedrängen. Ein unangenehmer Schauder läuft mir über den Rücken. Zum Palast reisen, an einer Begrüßungsparade teilnehmen, zu der sich bestimmt ganz Naupure einfinden wird, den Jungen sehen, der mein Ehemann werden soll ... Mein Herz würgt bei dem Gedanken, lässt mich wissen, dass es noch nicht damit fertig ist, sich darüber aufzuregen. Nach neun Jahren, die ich hier in Belwar gelebt habe, während Jatin Hunderte Meilen entfernt an einer noblen Schule in Agsa ausgebildet worden ist, wird die Verlobung letztlich ... real. Demnächst wird uns nur noch der Gandhak voneinander trennen.
»In Ordnung«, stimmt Vater zu.
Mutter runzelt die Stirn. »Meinst du nicht, sie sollte sich wenigstens blicken lassen? Immerhin reist er eigens durch Belwar, um seine Unterstützung zu zeigen. Die halbe Stadt wird hingehen.«
Endlich schaut Vater von seinen Unterlagen auf und zuckt mit den Schultern. »Wenn Maharadscha Naupure sie nicht gebeten hat, zu kommen, überlasse ich es Adraa.«
Mutter greift sich ein Stück Naan und reißt es in zwei Hälften. Die Flügel ihrer krummen Nase blähen sich. Wenn sich mein Vater vernünftig zeigt und für meine Entscheidungsfreiheit eintritt, kann sie ihm nicht gut widersprechen. Triumphgefühle durchströmen mich.
»Ich finde, Adraa sollte hingehen!«, ruft Prisha, den Kopf in ihr Zauberbuch vergraben. Allerdings kann ich das Grinsen in ihrer Stimme hören. Dieses kleine ...
»Das überlassen wir Adraa«, betont Vater. Danach tritt eine dichte Stille ein, und es ist klar, dass die Angelegenheit damit erledigt ist. Ich senke den Blick auf mein Frühstück und kann wieder atmen. Heute muss ich ihm noch nicht gegenübertreten. Und bis zum Abend lasse ich mir bessere Ausreden einfallen. Obwohl ich alle guten in letzter Zeit schon verbraucht habe.
Vater blättert weiter durch die Papiere. »Hast du gewusst, dass er auf dem Heimweg eine Lawine aufgehalten hat?«
Das weiß ich – leider – tatsächlich. »Ja. Eine kleine Lawine. Juhu.« Ich stochere mit meinem Löffel im Upma, schiebe das Gemüse hin und her. Der Appetit ist mir gründlich vergangen. Prisha grinst in ihr Zauberbuch. Dabei ist nichts am Erlernen von Hexerei unterhaltsam, schon gar nicht im fünfzehnten Jahr. Es begeistert sie bloß immer, wenn sich herausstellt, dass ich bei etwas falschliege und jemand meine Magie übertrumpfen kann. Was Jatin regelmäßig gelingt.
»Eine Lawine beliebiger Größe aufzuhalten, ist beeindruckend, Adraa. Dadurch wurde ein halbes Dorf gerettet«, wirft Mutter ein.
»Ich bin froh, dass den Menschen nichts passiert ist.« Natürlich bin ich das. Es ist nur ... Muss es ausgerechnet Jatin Naupure, der Hochmut in Person, vollbracht haben?
»Der Junge beherrscht Schneezauber sehr gut – außergewöhnlich gut sogar. Ich habe gehört, dass Dloc während seiner königlichen Zeremonie einen Schneesturm auf ihn entfesselt hat, den er im Handumdrehen entschärfen konnte.«
Weiße Magie ist seine Stärke, Papa. Wie also sollte er schlecht darin sein? Das ist ungefähr so, als fände es jemand beeindruckend, dass ich mit roter Magie als Stärke Feuer entfachen kann. Um ein Haar hätte ich meine Eltern an den Stallbrand erinnert, den ich im vergangenen Jahr gelöscht habe. Oder bei den Göttern, sogar daran, was ich mache, wenn ich mich nachts rausschleiche. Aber ich hüte meine Zunge. Denn Letzteres muss geheim bleiben. Und wer bin ich schon, dass ich den Mund aufreißen dürfte? Ich habe noch nie so viele Menschen gerettet. Außerdem muss ich meine königliche Zeremonie erst hinter mich bringen und beweisen, dass ich alle neun Arten von Magie beherrsche.
Im nächsten Moment stürmt Willona mit einer Schale voller Mangos ins Esszimmer und stellt sie auf den Tisch. Unsere älteste und liebste Dienerin streicht mit den Händen über ihre Schürze. Da weiß ich, dass sie irgendetwas beschäftigt. Warum wirkt sie so ...
Oh nein! Mit großen Augen drehe ich mich vollständig in ihre Richtung und versuche, ihr gestikulierend zu verstehen zu geben, nichts zu sagen. Doch es ist zu spät, die Worte sprudeln bereits aus ihr heraus. »Was hat in dem Brief gestanden, Fürstin Belwar? Alle in der Küche brennen darauf, es zu erfahren.«
Ich bedecke das Gesicht mit den Händen. Eigentlich sollte das unser Geheimnis sein. Muss ich jetzt anfangen, das Palastpersonal zu bestechen? Aber selbst das würde vielleicht nicht funktionieren. In Hinblick auf Jatin kann ich niemandem vertrauen. Unsere Verlobung ist gemeinhin bekannt. Im Palast wird darüber zu viel geredet, um Gerüchte einzudämmen.
Mutter setzt sich aufrechter hin. Sie hat eine unheimliche Schwäche für Romantik. Nur hat sie keine Ahnung, dass es zwischen Jatin und mir keine gibt. Wir liefern uns vielmehr einen erbitterten Wettstreit. Und das kann nur in einer Katastrophe enden.
»Hat er dir wieder etwas geschickt?«
»Äh, nein«, lüge ich.
»Adraa?«
Prisha lächelt mich von der anderen Seite des Tisches an und fordert mich förmlich heraus, noch mal zu flunkern. Wie kann jemand, der sonst so jung und unschuldig aussieht, ein so hinterhältiges Mundwerk haben?
Der Brief brennt mir ein Loch in die Tasche. Er ist erst an diesem Morgen eingetroffen, und ich hatte noch keine Lust, ihn zu öffnen. Ich weiß von der Lawine. Er wird sie mir unter die Nase reiben.
Ich seufze. »Wie jetzt? Soll ich ihn laut vorlesen?«
»Das wäre allerliebst.« Mit freudestrahlender Miene klatscht Willona in die Hände. »Ich hole das Küchenpersonal.«
»Nein, Willona, nicht!« Ich werde ignoriert, und die Tür schwingt hinter ihr zu. Mürrisch ziehe ich den Brief mit einem Ruck aus seinem nutzlosen Versteck. Die Sonne gerät wieder hinter eine Wolke und stürzt den Raum in Düsternis. Wie passend. Ich öffne das Siegel und überfliege den Inhalt, um mich zu vergewissern, dass nichts darin zu verstörend ist, um es vor allen vorzulesen. Der Brief ist kurz, aber wie immer unterhaltsam. »Wirklich? Ihr wollt das zulassen? Schon wieder?«
»Gönn ihnen doch den Spaß«, sagt Vater, während er etwas Wichtiges unterschreibt.
»Ja, Adraa, gönn uns den Spaß.« Prisha sieht mir direkt in die Augen.
»Spaß?« Hier ging es um mein – nicht vorhandenes – Liebesleben. Das sollte kein ... Spaß sein, schon gar nicht für unseren gesamten Haushalt samt Bediensteten.
Nur vier Minuten später stürmt ein Viertel der im Palast arbeitenden Hexen das Esszimmer. Alle scheinen vor Aufregung beinahe in Flammen zu stehen. Vielleicht würde ich ähnlich empfinden, wenn ich auch nur ein Wort von Jatins Unsinn glauben könnte.
»Na schön, sind alle bereit? Ich lese das nur einmal vor. Zara? Ich meine vor allem dich.« Mein Dienstmädchen verdreht die Augen und nickt danach, damit ich loslege.
»Liebste«, beginne ich. Prompt seufzen die Frauen schmachtend. Oh, bitte! Ich werfe ihnen über das Pergament hinweg einen strengen Blick zu und beginne von vorn.
Liebste,
falls du es noch nicht gehört hast, ich bin in den Alpen von Alconea, wo eine schreckliche Lawine beinahe das Dorf Alkin zerstört hätte. Es ist mir gelungen, sie aufzuhalten. Hoffentlich konnte ich meine Ehre in deinen Augen dadurch weiter festigen. Denn Anerkennung von dir ist alles, wonach ich auf der Welt je streben werde. Ich hoffe, wir können eines Tages Seite an Seite durch diese wunderschönen Berge wandern. Oh, wie sehne ich mich danach, wieder in deiner Nähe zu sein! Mein Herz pocht vor lauter Vorfreude.
Alles Liebe,
Jatin
Was für eine Farce. Ich habe den Jungen seit der Nacht, in der ich ihm ins Gesicht »geschlagen« habe, nicht mehr gesehen. Rückblickend war es eigentlich eher ein Schubs oder bestenfalls eine Ohrfeige, kein richtiger Schlag. Ich habe ihn damals nur gestreift. Aber mit der Zeit übertreibt man Einzelheiten gern. Oder besser gesagt, Jatin übertreibt gern. In Wirklichkeit können wir uns gegenseitig nicht leiden. Und ganz sicher lieben wir uns nicht.
Als ich aufschaue, sehe ich, wie sich das Küchenpersonal in den Armen liegt und förmlich auf den Läufern dahinschmilzt. »Wirklich? Jedes Mal, Leute?«
»Er ist so leidenschaftlich und romantisch«, findet Meeta, unsere Köchin.
Und Zara säuselt: »Lest noch mal den Teil darüber vor, dass er nur nach Eurer Anerkennung strebt.«
Ich stoße mich vom Tisch ab und wende mich zum Gehen. Ein Großteil der Zuhörerschaft versteht den Wink mit dem Zaunpfahl und huscht davon zur Arbeit in den jeweiligen Bereichen des Hauses. Nur Willona und Zara bleiben zurück. Wahrscheinlich, um mit Mutter oder Vater über die eine oder andere Aufgabe zu sprechen.
»Wohin willst du? Hilfst du mir heute nicht in der Klinik?«, fragt meine Mutter, sichtlich verärgert über meine Unhöflichkeit. »Und musst du nicht Firelight ins Ostdorf liefern?«
Ich wende mich zu ihr um. »Äh, ich brauche noch eine Stunde, um das Firelight für das Ostdorf vorzubereiten.«
Ihre Finger voller Upma erstarren auf dem Weg zum Mund. »Du hast es nicht gestern Abend fertig gemacht?«
»Äh, ja, das will ich damit sagen. Ich bin noch nicht fertig.«
»Ach, Adraa.« Sie setzt ihr typisches Stirnrunzeln auf. »Das ist das vierte Mal in den letzten zwei Monaten, dass du hinterherhinkst.«
»Erst Training, dann eine Stunde Arbeit, und ich bin wieder im Zeitplan.« Ich setze einen Gesichtsausdruck auf, der ihr vermitteln soll, dass es kein Problem ist.
Sie durchschaut mich auf Anhieb. »Zuerst Training? Adraa, nein. Basu erwartet bis zum Mittag tausend Firelights.«
Ich stoße die Schwingtür auf, um zu flüchten. Wenn Mutter nachhakt, warum ich das Firelight noch nicht fertig habe, könnte sie sich zusammenreimen, was ich nachts in Wirklichkeit treibe. Das darf ich nicht zulassen.
Willona rettet mich mit einem Scherz auf meine Kosten. »Ach, Fräulein Belwar ist immer gleich so motiviert zu üben, wenn sie einen von Jatins Liebesbriefen bekommen hat.« Grinsend drückt sie sich die Hand aufs Herz.
»Wahrscheinlich, damit sie die Röte auf den Wangen loswird.« Zara fächelt sich Luft zu und kichert.
Ich deute auf mein Gesicht. »Ich bin gar nicht rot.« Und selbst wenn ich es wäre, man könnte es kaum merken. Nach Mutter bin ich die Dunkelste im Raum, manchmal im ganzen Palast.
»Ja, seid Ihr wohl nicht«, pflichtet Zara mir bei und klingt dabei entschieden zu enttäuscht. Allerdings kriecht Röte in ihre eigenen Wangen, was mich zum Lächeln bringt. Sie wird sich mit Sicherheit zu den Feierlichkeiten schleichen. Also könnte ich sie später fragen, wie Jatins Parade gewesen ist. Ich könnte mich sogar nach mehr als der Parade erkundigen, nämlich nach ihm selbst. Sieht er freundlich aus? Sieht er gut aus? Sieht er so mächtig aus, wie er sein muss?
Ach, was kümmert mich der Trottel denn? Seite an Seite in den Alpen von Alconea wandern? Er weiß, dass ich nie wirklich gereist bin. Ich habe mich ihm nicht ein Jahr später an der Akademie angeschlossen. Weil ich die Sonderbare mit nur einem Berührungsmal bin. Ich sitze in diesem Teil der Welt fest, damit der Ruf der Belwars gewahrt bleibt. Es geht nicht an, die Thronfolgerin zur Akademie zu schicken, wo die nächste Generation großer Führungspersönlichkeiten ausgebildet wird, nur damit sie sich dort blamiert. Wieder drücke ich die Tür auf und denke an das Training. Vielleicht bin ich ja wirklich peinlich. Im Gegensatz zu Jatin, der bereits im Alter von neun Jahren alle neun Arten von Magie wirken konnte, ist meine weiße Magie fürchterlich schlecht. Wäre Alkin auf mich angewiesen gewesen, hätte das Dorf nicht überlebt.
»Na gut, eine Stunde zum Üben, eine Stunde für die Firelights, und dann runter zum Ostdorf«, stimmt meine Mutter zu.
»Danke. Du bist die Beste, Mama!«, rufe ich.
Vater schaut von seinen Berichten auf und hebt beide Arme. »Weißt du, ich bin auch noch da.«
»Du bist auch der Beste, Papa.« Und das ist er. Immerhin hat er mich davor bewahrt, Jatin heute sehen zu müssen.
»Also darf ich zur Parade?«, fragt Prisha. »Adraa will Jatin vielleicht nicht sehen, aber ich schon.«
Ich halte den Atem an. Das ist auf keinen Fall eine gute Idee.
»Prisha, du hast eine Prüfung«, gibt Mutter zu bedenken.
Den Göttern sei Dank. Zaras aufgeregte Erkundung kann ich ertragen, aber Prisha würde mir Lügen oder Halbwahrheiten liefern, und ich würde darüber grübeln müssen. Oder schlimmer noch, sie könnte auf Jatin zugehen und sich ihm vorstellen. Dann würde ich erklären müssen, dass ich aus Angst und Verärgerung nicht hingegangen bin, nicht wegen anderer Verpflichtungen.
Als ich aus der Tür trete, bin ich froh, die Proteste meiner Schwester hinter mir zu lassen. Allein im Gang zum Übungsplatz flüstere ich vor mich hin und berühre mit den Fingerspitzen Jatins Brief. »Gharmaerif!« Ein warmes rotes Leuchten breitet sich über die Seite aus. Zwei frostige Worte in Jatins unordentlicher Schrift tauen allein für meine Augen auf: »Ich gewinne.«
Verflixt. Er hat recht.
Jatin
Oben, hoch oben, wo die Wolken mit der Sonne liebäugeln, fliegen Kalyan und ich. Diese Freiheit lässt sich mit nichts vergleichen. Mein Himmelsgleiter, weißer als Knochen, schwebt von mir gelenkt in Richtung Heimat. Ich bin unterwegs nach Hause. Eigentlich habe ich gedacht, nach etwa acht Stunden der Reise würde ich mich an den Gedanken gewöhnt haben. Aber ich bin dem Käfig meines Namens und meines Titels nie entkommen. Die Schule ist nur ein erweitertes Gefängnis gewesen. Der Arm des Palasts hat sich über Hunderte Meilen erstreckt, mein Herz im Griff behalten und mich an meine Bestimmung gebunden. Lernen und üben musst du, denn eines Tages wirst du herrschen. Durchzufallen oder aufzugeben, bedeutet nicht nur persönliches Versagen, sondern auch den Niedergang deines Landes.
Seufzend denke ich zum wohl hundertsten Mal an die Lawine. Dabei hat sich all die Ausbildung in etwas anderes als einer zukünftigen Verpflichtung niedergeschlagen. Ich habe Menschenleben gerettet. Das hat sich gut angefühlt. Es fühlt sich immer noch gut an. Der Gedanke an die Lawine lenkt mein Gehirn unweigerlich zu Adraa, und ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Heute sollte sie den Brief erhalten. Dann wird sie erfahren, was ich in Alkin vollbracht habe. Das übertrifft alles, womit wir je zuvor geprahlt haben. Ich werde auf jeden Fall gewinnen.
Mein Leibwächter lenkt seinen Himmelsgleiter näher zu meinem. »Ich weiß, dass du nicht so gern fliegst und du die Rückkehr nach Naupure nicht als den besten Tag aller Zeiten betrachtest, also was ist los? Warum hast du dieses lächerliche Grinsen im Gesicht?«
Ich schaue in Kalyans Richtung. Der Wind peitscht sein schwarzes Haar und fegt seine weiße Magie böig hinter seinem Himmelsgleiter her. Auch hinter meinem wehen weiße Schlieren, aber sie verschmelzen mit den flauschigen Wolken. Kalyan hingegen zieht einen geraden gräulichen Strom über den Himmel.
»Wovon redest du?«
»Von dem Lächeln, das du seit Alkin auf den Lippen hast.«
»Ich bin einfach froh, dass ich dort war. Und all diese Menschen retten konnte ...«
»Du hast Adraa wieder eine dieser unsinnigen Nachrichten geschickt, nicht wahr?« Kalyan schüttelt den Kopf über mich. »Ich weiß, dass ich recht habe.«
Nachdem ich meine Kurta gerichtet habe, begegne ich dem durchdringenden Blick meines Leibwächters. »Wie kommst du darauf?«
»Habe ich dir schon gesagt. Durch dein lächerliches Grinsen. Du bist so was von stolz auf dich. Du glaubst, du wirst sie besiegen.«
Ich lasse das Lächeln von meinem Gesicht verschwinden und stelle eine ernste Miene zur Schau. »Ich habe viel, worauf ich stolz sein kann. Sieh dir dieses wunderschöne Land an.« Vage deute ich nach unten, bevor ich selbst einen Blick darauf werfe, um mein Grinsen im Zaum zu halten.
Einige Meilen zu meiner Linken wogt und brandet das Meer als schier unglaubliche Masse. Ich kann es nur deshalb erfassen, weil ich mich hoch genug befinde, um zu begreifen, wie weit es sich in die gefühlte Unendlichkeit erstreckt. Aus irgendeinem Grund erscheint es mir einschüchternder als die endlosen verschneiten Gipfel und das Grün der Berge, die sich zu meiner Rechten erheben. Vielleicht bin ich an Letztere zu sehr gewöhnt. Immerhin wurde ich in diesen Bergen geboren. Wenn ich fliege und sich mir die Gipfel entgegenstrecken, als wollten sie mich an den Füßen kitzeln oder meine Schultern streifen, fühlt sich das wie ein herzlicher, vertrauter Gruß an. In den letzten sechs Flugstunden ist das Meer unverändert geblieben, die Berge hingegen sind größer geworden, daher weiß ich, dass ich fast zu Hause bin.
»Worauf du stolz sein kannst? Wir sind noch nicht in Naupure. Oder willst du damit andeuten, dass alles hier dir gehören wird, weil wir uns Belwar nähern?«, fragt Kalyan.
»Nein. Mir steht nicht der Sinn nach Eroberung.«
»Natürlich nicht. Es wird dir praktisch ohnehin gehören, wenn du heiratest.«
Mir ist nicht danach, etwas darauf zu erwidern. Kämen die Worte nicht von Kalyan und wüsste ich nicht, dass er scherzt, wären sie Anlass für ein Duell. Kalyan lehnt sich auf seinem Himmelsgleiter zurück. Der Wind erfasst das Leitwerk in einem anderen Winkel. »Glaubst du, sie wird im Palast sein?« Er klingt neugierig, interessiert. Hätte ich diese Frage ausgesprochen, die Worte hätten sich angespannt angehört.
Ich zucke mit den Schultern.
Es ist so einfach, Adraa als jemanden zum Aufziehen und Herausfordern zu betrachten. Aber damit endet unsere Zuneigung füreinander auch schon. Offen gestanden kenne ich sie nicht besonders gut. Nur wenig kann ich mit Gewissheit über sie sagen. Zum einen ist sie beinahe skrupellos ehrgeizig. Zum anderen ist sie leicht reizbar. Ich habe ihr Temperament schon am eigenen Leib erfahren. Alles andere kenne ich nur als angeblich. Sie ist angeblich wunderschön, angeblich brillant, angeblich freundlich. Laut den Worten meines Vaters. Aber ihm steht diese Meinung wohl zu. Sie ist praktisch bei dem Mann aufgewachsen, während ich in der Ferne geweilt habe, nachdem ich weggeschickt worden war. Ich bin in dieser Konstellation der Fremde. Nun jedoch werde ich sie endlich selbst kennenlernen, statt in Berichten aus dem Palast über sie zu lesen. Schon vor Monaten bin ich achtzehn Jahre alt geworden. Wenn man uns verheiratet, dann bald. Mein Mund wird trocken. Will ich, dass sie im Palast sein wird? Vor mir schwebt ein Nein. Ich will sie noch nicht dort haben, will nicht in dem Moment meiner Zukunft ins Auge blicken, in dem ich durch die Tür aus Eis eintrete.
Kalyan schwebt nah heran, eigentlich zu nah, aber wir sind beide geschickt genug dafür. Er klopft mir auf die Schulter, nimmt mein plötzliches Unbehagen offenbar wahr. »He, das haben wir doch schon besprochen. So schlimm kann sie nicht sein.«
Seufzend fahre ich mir mit einer Hand durchs Haar. »Ja, Vater liebt sie geradezu.« Wodurch es in Wahrheit nur schlimmer wird, viel schlimmer. Wie soll ich aus diesem Arrangement entkommen, wenn der Mann, dessen Anerkennung ich mir mehr als die jedes anderen auf der Welt wünsche, eine heißblütige Hitzköpfin bewundert, die völlig unpassend für mich ist?
Kalyan erwidert nichts. Er wiegt die Worte gern ab und achtet darauf, damit etwas Wichtiges zu vermitteln oder zumindest einen Scherz einzuleiten. Bloßes Reden, nur um etwas zu sagen, betrachtet er als sinnloses Geschwätz. An der Schule war es mit ihm als bestem Freund eine sehr stille Zeit, doch hier in der Luft auf dem Weg nach Hause schätze ich die Stille. Wortlos streckt er den Unterarm aus. Flüchtig schlage ich mit ihm ein, bevor er sich der Sicherheit halber ein paar Meter entfernt. Die Geste genügt.
Vor uns fliegen drei meiner älteren Leibwächter. Ein kleiner Tross, wenn man bedenkt, dass ich im Alter von neun Jahren mit zwölf Bewachern zur Schule aufgebrochen bin. Wir rechnen zwar nicht mit Gefahr, aber die Reise ist lang. Jemand könnte ausbrennen. Unfälle kommen vor. Entlang unserer Strecke gibt es nur vier mit gelber Magie betriebene Flugstationen, schwebende Plattformen zum Ausruhen und Erholen.
Vor allem liegt es daran, dass ich alleiniger Erbe bin, nicht nur der einzige Sohn meines Vaters, sondern auch sein einziges Kind. Ich sollte eine Schwester haben. Ebenso sollte ich eine Mutter haben. Mittlerweile bemerke ich den Käfig der Vorsichtsmaßnahmen kaum noch.
Von hier aus kann ich nur die peitschenden Umhänge und die Magie der Wächter sehen. Orangefarbene, gelbe und blaue Strahlen strömen aus den Enden ihrer Himmelsgleiter und verflüchtigen sich, bevor sie Kalyan und mich erreichen. Sonst könnte eine magische Verbindung entstehen, die uns alle hinab zum Fuß des Bergs schleudern könnte.
Plötzlich fällt das Gelb ab, und mein Körper versteift sich. »Vardrenni.« Hastig wirke ich einen Zauber, um mich zu vergewissern, dass Samik von nichts getroffen worden oder eingeschlafen ist. Ich will sicherstellen, dass ich ihn noch retten kann. Weißer Rauch trübt kurz meine Sicht, die Magie lässt mich Samik vergrößert sehen. Er sinkt absichtlich ab und lässt sich zurückfallen. Ich seufze. Also nur ein Bericht. Trotzdem bleibe ich wachsam. Ich sollte aufmerksamer sein, statt an Adraa oder meinen Vater zu denken.
Samik braucht nur eine Minute, um abzutauchen und anschließend aufzusteigen, bis er sich neben mir befindet – die Fertigkeit eines gelb Gestärkten. »Radscha Jatin.« Er legt zum Gruß den Zeige- und Mittelfinger an den Hals. Ich tue es ihm gleich.
»Ja?«
»Wir nähern uns dem Ostdorf von Belwar, wo wir auf die Kutsche treffen.«
Na toll. Einfach nur toll. Ich werde nicht nur für meinen Vater vorgezeigt, sondern auch für die Belwars. Vor allem für eine bestimmte Belwar, davon bin ich überzeugt.
»Danke, Samik.« Ich drücke mir erneut die Finger auf die Schlagader. Er ahmt die Geste nach und fügt eine tiefere Verbeugung hinzu. Dann wartet er einen Moment, um den Wind zu erfassen, und lässt sich fallen. So viel Ehre und Tradition, so viel Respekt. Aber wer ist Samik über diesen Gruß hinaus? Irgendetwas scheint mir zuzuflüstern, dass ich es nie erfahren werde. Zum Teil, weil es in Naupure nun mal so ist. Wir sind von Natur aus förmlich. Aber es steckt mehr dahinter. Anders als im Land meines Onkels, Moolek, gibt es bei uns keine Diskriminierung aufgrund der Stärke einer Person. Dennoch wird das Ansehen auch bei uns davon bestimmt, wie viele Arten von Magie jemand wirken kann. In einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen höchstens vier Arten beherrscht, bin ich etwas Neuartiges. Eine Neun. Außerdem bin ich der Thronfolger. Und für manche Menschen somit die Verkörperung eines Gottes. Diesen letzten Teil habe ich immer als überwältigend empfunden. Aber das hält niemanden davon ab, mir höchsten Respekt zu erweisen. Was bedeutet, dass ich Leibwächter bekomme. Loyalität. Huldigung. Aber niemals Freundschaft.
Kalyan schwebt näher, statt die Stimme zu erheben. »Sollen wir nach der Landung die Plätze tauschen? Immerhin machen wir die Sache mit der Kutsche für eine Parade durch das Dorf.«
Ich berühre meine schlichte blaue Kurta und betrachte Kalyans fein bestickte Jacke mit dem Wappen meiner Familie, einem von Wind umtosten Berg. Wir sehen uns ähnlich wie Brüder, besitzen beide schwarzes Haar, dunkle Augen, einen hellbraunen Teint und sogar das gleiche kantige Kinn. Deshalb ist er mein Leibwächter, der sich auf Reisen als mich ausgibt – oder an der Schule einfach zum Spaß. Der größte Unterschied zwischen uns besteht darin, dass ich einen Kopf kleiner bin als mein Freund, was jedoch der Tarnung nur zusätzlich in die Karten spielt. Alle Welt erwartet, dass ein Maharadscha groß und erhaben ist. Nur meine Berührungsmale verraten mich. Die Macht meiner Studien und meines Bluts erstreckt sich über beide Arme hinauf bis zu den Schultern. Doch in Mänteln und einer langärmeligen Kurta vermögen nur wir fünf, die wir über den Bergen schweben, mich als Radscha zu erkennen.
»Willst du dich nicht ein letztes Mal um des Spaßes willen als mich ausgeben?« Ich klammere mich an einen Strohhalm, und wir wissen es beide.
Kalyan seufzt zwar, lässt es aber zu. »Na schön. Aber sobald wir den Gandhak passieren, wechseln wir zurück. Ich reite nicht in dem Aufzug zum Azur-Palast und klopfe an die Eistür.«
»Abgemacht.« Mir ist bewusst, dass ich mich danach nie wieder als schlichter Wachmann ausgeben werde. Und ich sehne mich bereits nach der Leichtigkeit, die damit einhergeht, so zu tun, als würde ich nicht eines Tages über das Land herrschen.
Adraa
»Himadloc«, leiere ich. Rote Magie strömt von meinen Fingern zu einer Schüssel mit Wasser. In die Flüssigkeit kommt Bewegung. Langsam – viel zu langsam – verhärtet sie, bildet Sprünge und gefriert schließlich. Seufzend über den erbärmlichen Versuch kehre ich zur überdachten Veranda zurück, wo das dickste Buch aller Zeiten auf einem Podest liegt. Ich blättere darin, suche nach anderen einfachen Zaubern weißer Magie.
Eine Tür zum Übungsplatz knallt geräuschvoll zu. Was nur eins bedeuten kann.
»He! Deine Zeremonienschulung ist erst in drei Stunden. Warum hast du ohne mich angefangen?« Als ich nicht aufschaue, klatscht meine beste Freundin die Hand auf die Seite, die ich gerade lese. »Adraa. Was ist hier los? Ist etwas passiert?«
»Nein.« Ich zucke mit den Schultern und schiebe Riyas Hand weg.
Sie blickt auf das aufgeschlagene Buch hinab. »Schneezauber? Wirklich? Du kannst mir den Brief ruhig sofort zeigen.«
Schließlich sehe ich Riya an. Sie schüttelt den Kopf, weil sie weiß, dass ich nur dann so verzweifelt bei weißer Magie werde, wenn mich etwas an meine königliche Zeremonie erinnert. Und Jatin ist in jeder Hinsicht der Inbegriff einer Erinnerung daran. Oh ihr Götter, er kommt heute wirklich nach Hause.
»Was denn? Du bist leichter zu lesen als dieses uralte Ding.« Zur Betonung hebt sie eine Ecke des Buchs an und lässt sie wieder fallen.
»Das verbitte ich mir. Ich bin vielschichtig, geheimnisvoll und ...«
»Und durcheinander wegen eines Jungen?« Riya zieht eine dichte Augenbraue hoch.
Mit einem Ruck hole ich den Brief aus der Tasche und reiche ihn ihr. »Nicht seinetwegen durcheinander. Bloß besorgt über ... über ...«
Riya bremst meinen gestammelten Erklärungsversuch, indem sie eine Hand hebt, bevor sie den Brief überfliegt. Schließlich sieht sie mir wieder in die Augen. »Irgendwie scheint er wohl zu gewinnen.«
Ich entreiße ihr den Brief. »Solltest du nicht mich unterstützen?«
»Ich beschütze dein Leben, aber in der Stellenbeschreibung steht nichts davon, dass ich dabei nett zu dir sein muss.« Dabei legt sie vielsagend die Hand auf ihr Messer, gleichzeitig lächelt sie jedoch.
Es ist ein schlechter Scherz. Noch vor sieben Monaten hat es keine solche Stellenbeschreibung für sie gegeben. Vor sieben Monaten musste Riya nichts weiter als meine beste Freundin sein. Dann wurde mein persönlicher Leibwächter, Herr Burman – ihr Vater –, von drei Vencrin-Verbrechern in die Enge getrieben. Sie feuerten Folterzauber auf ihn ab, bis er ins Koma fiel. Ohne zu zögern hat Riya die Pflicht ihres Vaters übernommen, mich zu beschützen. Allerdings beeinträchtigt es unsere vormals ungezwungene Beziehung, belastet sie.
Und manchmal beschleicht mich das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als das Thema zu wechseln. »Ich muss noch mehr Firelight anfertigen und ins Ostdorf liefern. Bist du dabei?«
»Natürlich. Ich könnte es ja nicht mal auslassen, wenn ich wollte.«
Wieder ein Scherz, aber diesmal schmerzt er, weil ich glaube, dass ein Teil von ihr es ernst meint. »Zerbrich dir nicht über Kleinigkeiten wie ein paar Worte den Kopf.« Spielerisch tätschle ich ihren Arm, bevor ich die Kugeln für das Firelight hole. Ich hoffe, dass sie weiß, wie ernst ich die Worte meine.
Sie lässt mir die Ablenkung durchgehen und hilft mir, das Behältnis gefüllt mit Hunderten kleiner Kugeln über den weitläufigen Innenhof zu tragen. Frostlight-Blütenblätter knirschen unter unseren Füßen und erfüllen die Luft mit dem Duft von frischem Schnee, obwohl wir Sommer haben. Diese Blüten breiten sich gern auf mein Übungsgelände aus, als gehöre es ihnen. Was in gewisser Weise sogar zutrifft. Hunderte zieren den Boden, nehmen ihn in Beschlag, überziehen ihn wie eine weiß gesprenkelte, blaue Decke. Einmal haben sie Feuer gefangen und beinahe die gewölbten Holzsäulen um uns herum niedergebrannt. Ich lernte ziemlich schnell einen Löschzauber, nachdem Riya und ich den Palast mit einem Schwall Wasser aus dem blubbernden Brunnen gerettet hatten. Bei der Erinnerung daran schmunzle ich, während ich einige der Blüten wegwische, um die Erde darunter freizulegen.
»Willst du es noch mal versuchen?«, frage ich. Dabei deute ich auf die Kugeln und die von mir geschaffene kahle Stelle.
Riya seufzt. »Du weißt, dass ich mit roter Magie nicht gut genug bin.«
Ich ahme ihr Seufzen nach. »Ja, bloß Wunschdenken.«
»Na gut, na gut.«
Meine Miene hellt sich auf, und ich lege zwei Kugeln auf den Boden. »Sprich mir nach und denk dran, dabei die Stimme zu erheben.«
»Ich mache das nicht zum ersten Mal, Adraa.«
Ohne mich zu entschuldigen – weil Riya das nicht wollen würde –, beginne ich mit dem Zauber. Erst flüsternd und dann mit einem Schrei endend entfesseln Riya und ich unsere Magie. »Erif Jvalati Dirgharatrika ...«
Von Riyas Fingerspitzen kräuselt sich violetter Rauch, von meinen roter. Beide Farbströme treffen die Kugeln. Feuer flammt darin auf. Mein Herz schwillt an, als ich beobachte, wie sich Riya bückt und ihre Kugel mit dem winzigen Flämmchen darin aufhebt.
»Du ...«
Sie pustet kräftig auf das kleine Leben. Wie ein Geist steigt Rauch davon auf. »Hat nicht geklappt.«
Ich ergreife meine eigene Kugel und puste, so kräftig ich kann. Das Leben darin flackert nicht. Tatsächlich scheint die blutrote Flamme die Herausforderung zu genießen und flutet meine Hand mit Licht. Mit einem Klicken schließe ich die Kugel. »Eine weniger, noch dreihundert übrig.«
»Ich leiste dir Gesellschaft.«
Damit meine Magie atmen kann, kremple ich den steifen rosa Ärmel hoch.
***
Ich habe meine Mutter belogen. Es dauert weitaus länger als eine Stunde, dreihundert Kugeln mit gleißendem, unerschütterlichem Licht herzustellen. Aber durch Riyas Unterbrechung meines kläglichen Versuchs, mit weißer Magie besser zu werden, liege ich trotzdem gut in der Zeit. Zum Ausruhen setze ich mich neben den Retaw geweihten Springbrunnen in der Mitte des Hofs. Riya reicht mir einen Becher Wasser, und ich trinke einen Schluck.
»Weißt du, ich kann nachvollziehen, warum du mit Schnee und Kälte nicht viel anfangen kannst. Wenn ich dir dabei zuschaue, wie du die da herstellst« – Riya hebt eine Firelight-Kugel auf – »ergibt es Sinn.«
»M-hm.« Aus meinem Gedächtnis taucht flüchtig der Eingang aus Eis des Azur-Palasts auf. Zu so etwas werde ich nie in der Lage sein, und eine Tür aus Feuer klingt einfach nur gefährlich. Tatsächlich ist meine magische Stärke gefährlich. Eine Rani sollte Probleme beseitigen, also Brände löschen, statt sie zu entfachen. Und das will ich auch – ich will erschaffen, nicht zerstören. Die kleine Kugel mit rotem Licht in Riyas Hand ist das erste Gute, was ich zustande gebracht habe.
»Im Ernst. Was soll so toll an Kälte sein? Wer friert schon gern?«, fragt sie.
