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Als Lucius von dem Angebot an seinen Vater hört, ihn als Centurio zur Legion zu schicken, ist er begeistert und als sein Vater Pertinax einen Exgladiator einstellt, der ihn im Schwertkampf unterrichten soll, kennt sein Glück keine Grenzen. Bei einer Geschäftsreise in Massilia (Marseille), verläuft er sich eines Tages im Hafenviertel und wird von Straßenkindern verprügelt und ausgeraubt. Sein Vater ist über diese Schwäche seines Sohnes und die öffentliche Demütigung der Familie so wütend, dass er Lucius auf das Weingut in der Nähe von Arausio verbannt, welches er als Entlassungsgeld aus der Armee erhalten hat. Dort soll er von Saxum, einem ehemaligen Legionär und Pertinax abgehärtet und auf die Legion vorbereitet werden. Wenn Lucius versagt und den Rang eines Centurio nicht erhält, muss er für den Rest seines Lebens auf dem Weingut bleiben und dort als Verwalter arbeiten. Zwei Jahre quält sich Lucius bei Wind und Wetter durch die Ausbildung und wird endlich als Rekrut angenommen. Seine Schwierigkeiten fangen damit aber erst an. Bald ist er sich nicht mehr sicher, ob die Feinde innerhalb oder außerhalb des Legionslager gefährlicher sind. Neben den Kämpfen gegen die Raeter, Vindelicer und Germanen ist da auch noch der undurchsichtige Centurio Titus Valens. Er macht Lucius das Leben zur Hölle.
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Seitenzahl: 615
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Klaus PollmannCenturio der XIX Legion
KLAUS • POLLMANN
ImPrint eBook, Münster 2012
© 2009 ImPrint Verlag, Mü[email protected]
Umschlaggestaltung: Oliver Pröbstl
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-936536-97-3
PERSONENREGISTER •
REGISTER • RÖMISCHER • STÄDTE- UND • FLUSSNAMEN •
CENTURIO • DER • XIX • LEGION
NEUE WEGE •
DIE • TOGA • DER • MÄNNER •
DER • RUF • ZU • DEN • ADLERN •
IM • LAGER • DER • LEGIONEN •
CENTURIO • MARCELLUS •
WINTERLAGER •
VAE • VICTIS! •
DIE • UNTERWERFUNG • DER • VINDELICER •
TOD • DEN • TEUTONEN •
AUGUSTA • RAURICA •
GLOSSAR •
DATIERUNGEN, • KALENDER • UND • DATEN • – • GELD • – • HIERARCHIEN • IM • IMPERIUM • – • HIERARCHIEN • IN • DER • LEGION • – • LÄNGENMASSE • – • ZAHLEN • – • FACHBEGRIFFE • VON • A • BIS • Z
Lucius Justinius Marcellus, geboren in Arausio
Die Familie
In Arausio
In der XIX Augusta
2. Hastatencenturie der 8. Kohorte
Die Kelten
Die Feldherren
ARAUSIO
Lucius brannte die Sonne heiß ins Gesicht. Sein Mund war voller Dreck und Staub. Wohin er auch sah, überall erstreckte sich Wüste. Kein Baum, kein Strauch und kein Wasserloch war zu sehen, nur Sand und Felsen. Dort, Richtung Osten, lagen mehrere Wasserstellen, doch dieser Weg war vom parthischen Heer versperrt. Lucius hätte eine Million Sesterzen für einen Schluck Wasser gegeben. Es blieb aber keine Zeit, nach der ohnehin fast leeren Feldflasche zu greifen, da die berittenen Bogenschützen wieder näher rückten. Sie beschossen die Römer ohne Pause, während sie die Reihen entlangtrabten. Am Ende der Schlachtreihe angekommen, wendeten sie ihre Pferde und ritten zurück. Wieder ging ein Pfeilhagel auf die Legionäre nieder. Jeden Schmerzensschrei beantworteten die Parther mit gellendem Hohngelächter. Lucius hielt krampfhaft seinen Schild hoch und betete zu Mars, dass er den Beschuss stoppen möge. Da rissen die parthischen Bogenschützen plötzlich ihre Pferde herum und galoppierten davon. Vergeblich versuchten die römischen Reiter, ihre Gegner einzuholen.
Durch die Legion ging ein Aufatmen, das aber nur von kurzer Dauer war. Die parthischen Kataphrakten machten sich bereit. Die Rüstungen ihrer Pferde funkelten wie ein Teich an einem friedlichen Sommertag. Ihre Lanzenspitzen blinkten in der Sonne, alles andere als friedlich.
Die Drachenstandarte, die über ihnen aufragte, wirkte bedrohlich. Lucius’ Auge wanderte zum römischen Legionsadler, der stolz über der Legion thronte, wachsam und kampfbereit.
Die Kataphrakten setzten sich in Bewegung, die Reiter durch den Schild gedeckt und die Lanze im Anschlag.
Lucius zwang sich, durchzuatmen, und rief seine Befehle. Die Legionäre nahmen Aufstellung. Den Schild auf den Boden gestellt, die schweren Wurfspeere nach vorn gestreckt, erwarteten sie den Ansturm. Der Aufprall raubte Lucius den Atem und es war, als ob die Welt untergehen würde. Ein Inferno tobte um ihn herum. Gebrüll, Schmerzens- und Todesschreie, Holz splitterte und Metall dröhnte. Wie eine vernichtende Welle brach der Angriff über die Legion herein. Dann folgte plötzlich unheimliche Stille. Überall um Lucius herum lagen Tote und Verletzte, aber die Attacke war abgewehrt. Doch nun kehrten die Bogenschützen zurück und wieder ging ein Pfeilhagel unbarmherzig auf die Legionäre nieder. Der Mann vor Lucius seufzte kurz auf und fiel dann vornüber aufs Gesicht. Lucius sah entsetzt auf den Pfeil, der im Hals des Toten steckte. Sein Blick flackerte, so dass er blinzeln musste. Er fuhr sich mit der Zunge über die rissigen Lippen. Die Pfeile prasselten jetzt unaufhörlich auf sie nieder. Lucius konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
Wo waren nur die eigenen Reiter geblieben? Er konnte sie nirgends entdecken. Überall gaben die Legionäre ängstlich ihre Stellungen auf. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Legion und dann das ganze römische Heer zur Flucht wandten.
Lucius wusste, er musste etwas unternehmen. Jetzt kam es auf ihn an. Er drehte sich zum Aquilifer um und entriss ihm den Adler. „Folgt mir, Kameraden!“, schrie er. „Gebt euren Adler nicht der Schande preis!“ Und er stürmte dem Feind entgegen. Er schien den Wüstenboden gar nicht zu berühren, Pfeile sausten an ihm vorbei und trafen ihn nicht. Ein parthischer Bogenschütze legte auf ihn an und sank im selben Moment von Lucius’ Speer getroffen vom Pferd. Eine Lanze kam geflogen und wurde von seinem Schild abgefangen. Der parthische Anführer fiel, niedergestreckt von seinem Schwert. Wie er das schaffte, Schwert, Speer, Schild und Adler zu halten, das wusste Lucius selbst nicht. Es war, als ob er plötzlich tausend Hände hätte. Hinter ihm setzte sich die Legion in Bewegung, ermutigt durch Lucius’ tapferes Vorbild, und unter ihrem Ansturm wurde das parthische Heer hinweggefegt und ergriff die Flucht.
Die Legionäre erreichten die Wasserstelle. Wie herrlich das Wasser schmeckte, besser als jeder Wein! Der Feldherr Marcus Vipsanius Agrippa kam auf sie zugeritten und hielt neben Lucius an. „Tribun Marcellus!“, rief er mit seiner weit tragenden Stimme. „Du hast die Legion gerettet, und deshalb verleihe ich dir die Graskrone!“ Ein Legat reichte Agrippa die Krone und der Feldherr setzte sie Lucius aufs Haupt. Die Legionäre brachen in Jubelrufe aus und riefen seinen Namen: „Lucius, Lucius!“ Sie ergriffen seinen Arm und schüttelten ihn.
„Lucius!“, rief Stephanos und rüttelte ihn wach. Lucius fuhr von der Bank hoch. Die Schriftrolle, die auf seinen Beinen gelegen hatte, fiel polternd zu Boden. Er befand sich nicht in Parthien, sondern in Arausio und war im Garten eingeschlafen. Es schien ihm auch nicht die Wüstensonne ins Gesicht, sondern die Frühlingssonne Südgalliens.
„Lucius“, wiederholte Stephanos, der Hausverwalter, „du musst gleich zum Unterricht!“
Lucius reckte sich und knurrte ungehalten. Rhetorikunterricht! Am liebsten hätte er dem alten Mann gesagt, was er mit dem Unterricht machen könnte, aber der konnte ja auch nichts dafür. Lucius sah ihm nach, wie er ins Haus zurückschlurfte. Dann hob er die Schriftrolle auf und warf wehmütig einen Blick in die Passage, die er zuletzt gelesen hatte:
„Als unsere Soldaten vor allem wegen der Tiefe des Wasser zögerten, beschwor der Adlerträger der 10. Legion die Götter, der Legion einen glücklichen Ausgang dieses Unternehmens zu gewähren, und rief: Springt, Kameraden, wenn ihr den Adler nicht dem Feinde ausliefern wollt! Ich jedenfalls werde meine Pflicht gegenüber Staat und Feldherrn erfüllen.“
Er rollte das Volumen zusammen und stand seufzend auf. „Ich jedenfalls werde meine Pflicht gegenüber der Familie erfüllen.“ Aber eines Tages, so schwor er sich, werde ich ein Tribun, Legat oder Feldherr sein. Ich werde die Feinde des Imperiums zerschmettern und mir einen Beinamen erwerben. Germanicus klingt nicht schlecht, oder vielleicht Armenius. Lucius Justinius Marcellus Britannicus wäre auch sehr klangvoll. Dann werde ich unter dem Jubel der Römer die Via Sacra entlangziehen, meine Soldaten werden ihre Spottlieder singen und abends werde ich im Tempel des Jupiter Optimus speisen.
„Hallo, Lucius!“, rief ihn in diesem Moment eine Stimme von oben. Das war nicht Jupiter Optimus. Ein kleiner Junge lehnte sich über die Mauer und sah zu ihm herunter. „Kommst du rüber, Lucius? Meine Eltern sind weg und nur meine Schwester ist da. Du wolltest mir doch noch den Trick beim Orcaspielen verraten!“
„Jetzt leider nicht, Sextus!“, entgegnete Lucius mit echtem Bedauern. „Ich habe Rhetorikunterricht!“
„Du hast es gut!“, sagte Sextus neidisch. „Ich muss mit zwanzig anderen Kindern dieses blöde Lesen und Schreiben lernen, und du darfst so tolle Sachen machen!“
Kinder, dachte Lucius bei sich. Sextus glaubt tatsächlich, dass ich diesen Mist toll finde. Ich wüsste ja schon etwas Besseres mit meiner Zeit anzufangen!
Er winkte zum Abschied und ging ins Haus. Er durchquerte das Atrium, um das Buch wieder in die Bibliothek zu legen. Am Eingang des Atriums, gegenüber vom Hausaltar, lagen schon die Schriftrollen mit den Reden Ciceros bereit. Er zog sie auseinander, um sich zu vergewissern, dass es die richtigen waren. Bis er seine glanzvolle Karriere im Dienste des Imperiums und bei den Adlern starten konnte, würde es noch ein paar Jahre dauern, und so lange würde er hier in Arausio bleiben müssen. Er warf sich unwillig den Kapuzenmantel über, den Stephanos ihm hinhielt, und verließ das Haus.
Nach dem Unterricht war Lucius’ Laune auf einem Tiefpunkt angelangt. Servius öffnete die Tür schon nach dem zweiten Klopfen. Aber bereits das dauerte Lucius viel zu lange, nachdem er den Nachmittag schon mit Cicero vergeudet hatte.
„Wird auch Zeit!“, fauchte er den Sklaven an und drängte sich an ihm vorbei ins Haus. Der stämmige Gallier, der im Haushalt für die schweren Arbeiten zuständig war, sah ihm verdutzt nach. Lucius stürmte die Treppe hinauf zu den Schlafkammern und hastete durch den Gang im Dachgeschoss zu seinem Zimmer. Das wenige Licht, das durch die Dachluke fiel, reichte nicht, um einen aufgebrachten jungen Mann vor der Dachschräge zu warnen. Schmerzhaft wurde Lucius daran erinnert, dass er mit fünfeinhalb Fuß zu groß war, um in diesem Gang unachtsam zu sein. Benommen stand er da. Sein Kopf brauste, ihm war schwarz vor Augen geworden. Er betastete die schmerzende Stelle an seiner Stirn. Bei Äskulap, das würde eine Beule geben! Und er würde sich wieder dumme Sprüche über seine Herkunft anhören dürfen. Nicht, dass der eine oder andere seiner Freunde nicht selbst gallische Vorfahren hatte, aber bei ihm schlugen die gallischen Merkmale sichtbar durch: blaue Augen, ein breite Nase, und überdies war er eine Handbreit größer als seine Freunde. Der Schmerz und der Gedanke an den Spott besserten seine Laune nicht, und als er sein Zimmer erreichte, stieß er die Tür so heftig auf, dass sie mit einem lauten Knall gegen die Wand schlug. Er warf die Schriftrollen und Schreibutensilien auf das Bett und zerrte dann seinen Mantel über den schmerzenden Kopf. Dabei berührte er natürlich die frische Beule und wimmerte vor Schmerz. Er warf den Mantel zu Boden und trat an die Kleidertruhe. Der Deckel flog auf und schlug so heftig gegen die Wand, dass der rote Putz absplitterte und ein hässlicher weißer Kratzer sichtbar wurde.
Er suchte seine Badesachen heraus. Öl, Strigilis, Schwamm, eine frische Leinentunica. Wo war denn nur seine neue blaue Tunica? Während seiner Suche warf er die Kleidungsstücke, die er nicht brauchte, achtlos auf den Boden. Angewidert betrachtete er den Strigilis, auf dessen Griff Kinder beim Nüssespiel zu sehen waren. Am liebsten hätte er diesen Strigilis fortgeworfen und sich einen vernünftigen Schaber, einen für Erwachsene, geholt. Er hatte auf dem Markt welche gesehen, auf deren kunstvoll gearbeiteten Griffen amouröse Szenen dargestellt waren. Am besten hatte ihm der mit dem Satyr und der Nymphe gefallen, aber sein großer Bruder Gaius hatte sich nur an die Stirn getippt und ihm geraten, aus der Sonne zu gehen.
Endlich hatte er alles gefunden und rollte die Sachen zu einem Bündel zusammen. Er hob seinen Mantel wieder auf. Ohne sich um das Chaos zu kümmern, das er angerichtet hatte, verließ er die Schlafkammer. Sein schmerzender Schädel mahnte ihn zur Vorsicht und er ging deutlich langsamer als auf dem Hinweg.
Ein bisschen Wein im Bad wäre nicht schlecht. Er überlegte und drehte sich dann zu der Tür, die zum Aufenthaltsraum der Sklaven führte. Einen halben Schritt vor der nur angelehnten Tür blieb er wie erstarrt stehen. Servius sprach über ihn. Lucius spähte vorsichtig in den Raum.
„Der junge Herr ist wieder bester Laune! Rhetorikunterricht?“, fragte Servius an die anderen Haussklaven gewandt, während er sich seiner Schnitzarbeit widmete. Stephanos, der gerade die Vorratslisten überprüfte, bestätigte kurz: „Rhetorikunterricht!“
Brigit, die gerade ein Gewand ausbesserte, sah auf und lachte: „Sein gallisches Blut macht sich bemerkbar.“
„Seine Mutter war Römerin!“, bemerkte Stephanos irritiert.
Brigit seufzte: „Natürlich war Pompeia Römerin. Aber obwohl ihre Familie seit zwei Generationen das römische Bürgerrecht besitzt, ist trotzdem gallisches Blut in ihm. Und dieses Blut will mit fünfzehn Jahren nicht lesen, sondern kämpfen! Gaius und Marcus waren da ganz anders, die konnten gar nicht früh genug damit anfangen, Reden zu lernen und zu halten!“
Sie musste es wissen, sie war die Kinderfrau seiner Brüder gewesen, nachdem die damalige Hausherrin Cornelia bei Marcus’ Geburt gestorben war. Auch um Lucius hatte sie sich nach dem Tod seiner Mutter gekümmert.
„Ich weiß noch, wie Gaius auf der Bank im Garten stand und den Bäumen eine Ansprache hielt. Als ich ihn hereinholen wollte, sah er mich finster an und sagte: ‚Siehst du nicht, dass ich von der Rostra aus eine Rede an die Volksversammlung halte? Einer Frau geziemt es nicht, Männer bei den Staatsgeschäften zu unterbrechen!’ Und dann sagte er zu den Bäumen: ‚Mitbürger, leider rufen mich dringende Geschäfte fort, ich werde morgen wiederkommen und euch sagen, warum Marcus Antonius eine finstere Kreatur ist!’ Er kletterte von der Bank und stolzierte zum Abendessen. Da war er dreizehn.“ Sie lächelte bei der Erinnerung.
Die beiden Männer erwiderten das Lächeln höflich. Sie kannten Brigits Kindheitsgeschichten der Herrschaft zur Genüge. Als Brigit das aufgesetzte Lächeln der anderen bemerkte, widmete sie sich wieder schweigend ihren Näharbeiten.
Lucius war verlegen gewesen, als er die Sklaven über sich sprechen hörte, aber angenehme Gerüche, die aus der Küche herüberzogen, lenkten ihn nun ab. Liebend gern wäre er nachsehen gegangen, was Geminia Feines kochte, aber sie konnte zur Furie werden, wenn jemand sie im falschen Moment störte. Außer ihrer Tochter Briseis durfte sich niemand beim Kochen in der Küche aufhalten.
Da bemerkte Lucius plötzlich aus den Augenwinkeln eine Bewegung im Durchgang zum Atrium und zuckte erschrocken zusammen. Er war beim Lauschen vor dem Sklavenquartier ertappt worden! Hastig, mit brennenden Wangen, drehte er sich um und eilte auf die Haustüre zu. Schritte näherten sich von hinten und er hörte die Stimme von Julia, der Frau seines Bruders.
„Lucius, auf ein Wort!“ Lucius ließ die erhobene Hand, mit der er gerade die Tür hatte öffnen wollen, sinken und drehte sich halb zu ihr um:
„Was?“, fragte er und hoffte, an seiner Stimme wäre zu erkennen, dass er an einer Belehrung über das Erwachsenwerden nicht interessiert sei. Aber Julia hatte etwas anderes auf dem Herzen. „Rogata war heute Morgen hier!“, sagte sie ernst.
Rogata war die Nachbarin, deren Wohnung an ihren Garten grenzte. Eine sehr redselige Frau, dachte Lucius, die einem mit dauernden Ratschlägen auf die Nerven ging. Als Entschädigung hatte sie aber mit Sabellia eine entzückende Tochter. Lucius kannte Sabellia und ihren älteren Bruder, seit sie ein kleines Mädchen war. Der kleine Sextus, mit dem er ab und zu spielte, war Sabellias jüngster Bruder. Mittlerweile war Sabellia vierzehn und sah gar nicht mehr wie ein kleines Mädchen aus. Julias durchdringender Blick holte Lucius unsanft ins Jetzt zurück.
„Sie möchte es wegen Sabellia nicht mehr!“
Lucius war verwirrt. Was wollte Rogata wegen Sabellia nicht mehr?
Julia schimpfte verärgert: „Du hast wieder nicht zugehört!“
Ja, ja, dachte Lucius entnervt, jetzt red schon.
„Rogata und ihr Mann Titus Sabellius haben nichts gegen deine Besuche einzuwenden und freuen sich, wenn du mit dem kleinen Sextus spielst, aber sie sagen, es geht nicht, dass du einfach über die Mauer in ihren Hof kletterst.“
„Was?“, fragte Lucius überrascht. „Das mache ich doch schon, seit ich sechs Jahre alt bin!“
„Ja, aber mittlerweile bist du ein junger Mann und Sabellia ist eine junge Frau, und sie sagen, es schickt sich nicht, über die Hofmauer zu steigen!“ Julia machte eine Pause und fügte dann streng hinzu: „Ich bin ihrer Meinung!“
„Ich aber nicht!“, antwortete Lucius von oben herab. „Ich bin gut genug, um mit Sextus zu spielen, aber dann soll ich um die ganze Insula laufen, anstatt von unserem Garten aus einfach über die Mauer zu klettern?“ Lucius verkniff sich die Bemerkung, was Rogata und Titus ihn konnten, und riss die Tür auf.
„Ich bin im Bad!“, rief er Julia noch kurz zu und schlug die Tür donnernd hinter sich zu.
Das letzte, was er von seiner Schwägerin vernahm, war so etwas wie: „Sei wenigstens heute pünktlich zur Cena wieder da!“ Was für eine blöde, überflüssige Bemerkung, dachte sich Lucius. Frauen waren doch zu albern – als ob er bei seinem Hunger das Abendessen verpassen würde.
Julia sah Lucius seufzend nach. Gab es etwas Schlimmeres als heranwachsende Männer? Gerade in der Zeit, bevor sie die Bulla ab- und die toga virilis anlegten, waren sie besonders unausstehlich. Julia wusste, wie das war, sie hatte selbst zwei Brüder. Sie waren genauso gewesen. Sie konnten die Bulla gar nicht schnell genug loswerden. Immer wieder mussten sie ermahnt werden, sie umzuhängen. Das Amulett beschützte sie, bis sie richtige Männer waren. Aber welcher Sechzehnjährige würde schon zugeben, noch kein Mann zu sein, besonders, wenn er einem Mädchen nachstellen wollte? Lucius hatte in den letzten Monaten mehrmals seine Bulla „vergessen“ und Julia fragte sich, wer die Glückliche war. Sie hatte ihrem Mann Gaius nichts davon gesagt, da Männer schnell vergaßen, dass sie selbst einmal jung gewesen waren. Das Letzte, was Lucius brauchte, war eine Moralpredigt seines ältesten Bruders. Sie musste mit Gaius reden. Lucius brauchte dringend eine Beschäftigung, die ihm das Gefühl gab, erwachsen zu sein und ernst genommen zu werden. Und die ihn davon abhielt, Dummheiten zu machen.
Auf der Straße schlug Lucius ein gemäßigtes Tempo an. Er war wütend über Julias Ermahnungen, aber nicht so blind vor Zorn, dass er einen Sturz in den Straßendreck riskieren wollte. Unter den Kolonnaden herrschte auf den Bürgersteigen viel Betrieb, deshalb kam er auf der Straße besser voran. Jetzt am Nachmittag strotzte sie nur so vor Schmutz und Unrat. Die Ladenbesitzer hatten begonnen, ihre Geschäfte aufzuräumen, da es bald Zeit war, sich mit der Familie zur Cena niederzulassen. Sie kippten ihren Dreck einfach auf die Straße und kehrten. Mit dem Abfall, der sich den Tag über sonst noch ansammelte, gab das eine ziemliche Schweinerei. Fußgänger mussten aufpassen, wenn sie nicht ausrutschen und unter allgemeinem Gelächter auf dem Hintern landen wollten. Außerdem würden ihm Gaius und Julia wieder einen Vortrag über die dignitas der Familie halten, wenn Lucius zu schnell ging. Es schadet dem Ansehen der Familie, wenn der Sohn des Gnaeus Justinius Marcellus, Präfekt des Augustus bei Gründung der colonia Arausio und Freund und Kampfgefährte des besten Generals des Imperiums, Marcus Agrippa, wie ein hergelaufener Tagelöhner durch die Straßen rennt. Er konnte ihre Stimmen in seinem Kopf förmlich hören. Und jetzt noch die Sache mit Sabellia. Was wollte Rogata eigentlich? Er hatte schließlich keinen Annäherungsversuch gemacht, und selbst wenn, könnte sich die Familie geehrt fühlen, dass ein Justinius Marcellus sich für ihre Tochter interessierte. Nicht als Ehemann natürlich, Sabellia war nun einmal nicht standesgemäß. Vielleicht sollte ich mal einen Annäherungsversuch unternehmen, dachte er bei sich, als er die Ecke der Insula erreichte. Wie immer stieg ihm an dieser Ecke der Geruch der Bäckerei in die Nase. Gab es einen schöneren Geruch als den von frisch gebackenem Brot? Gab es etwas Schmackhafteres, wenn man Hunger hatte? Von allen Erfindern, die die Menschheit je hervorgebracht hatte, musste der Erfinder des Brotes ein besonderer Liebling der Götter gewesen sein. Lucius sah mit hungrigen Augen auf die Auslage. Die Frau des Bäckers sah seinen Blick. Sie hob ein Brot hoch und hielt es ihm hin. Er nickte heftig, und sie warf es ihm zu. Er hatte einige Mühe, den warmen Laib mit einer Hand zu fangen und festzuhalten. Er biss hinein und hielt das Brot mit den Zähnen fest, während er nach einer Münze suchte. Endlich hatte er eine gefunden und warf sie der Bäckerin zu, die sie geschickt auffing und ihm einen Gruß zurief.
Er biss ein großes Stück ab. Bei dem Geschmack des frischen Brotes merkte er, wie sich sein Ärger ein wenig legte. Zufrieden kauend ging er weiter die Straße entlang, grüßte Bekannte und nickte wichtig, wenn ihm Klienten seines Vaters und seines Bruders Grüße auftrugen. Er erreichte das kleine Badehaus am Ende der Straße und zahlte sein Viertel As.
„Keine Massage heute, junger Herr Lucius?“, fragte der Pächter ein wenig enttäuscht.
„Nein! Es ist schon spät. Ich will mich nur säubern und ein wenig im warmen Wasser liegen!“
Nachdem er sich ausgezogen hatte, ließ er sich säubern. Er wurde mit Öl und Sand eingerieben. Anschließend schabte der Badediener das Gemisch mit dem Strigilis wieder von seiner Haut. Lucius wusch sich im Kaltwasserbecken sauber und beeilte sich dann, in das Caldarium, das Warmwasserbecken, zu kommen. Er grüßte die anderen Badegäste und begann, vor sich hin zu dösen und über seine Zukunft nachzudenken.
Er dachte in letzter Zeit sehr viel über seine Zukunft nach, da er keine Ahnung hatte, was aus ihm werden sollte. Sein Vater war seit vier Jahren im Osten unterwegs und konnte nur brieflich mit der Familie verkehren. Seine Zukunftsplanung war aber kein Thema, das Lucius per Brief mit seinem Vater diskutieren wollte. Schon im direkten Gespräch war sein Vater ausgesprochen kurz angebunden und hatte keine Zeit für lange „Schwafeleien“, wie er es immer ausdrückte. Allerdings war nach vierzig Jahren in der Legion für seinen Vater jede Rede Schwafelei, die länger als drei Sätze war, und jede Rückfrage fast ein Kapitalverbrechen. „Warum soll ich denn Rhetorik lernen?“, hatte Lucius daher kurz vor Vaters Aufbruch erstaunt gefragt, als dieser ihm Asteros als Lehrer vorgestellt hatte. Gnaeus Marcellus hatte es für einen Moment die Sprache verschlagen, bevor er mit erzwungener Ruhe sagte: „Weil ich es so will und weil es dir später einmal nützlich sein kann!“
Die Reihenfolge war Lucius nicht entgangen.
Mit seinem zweiten Bruder Marcus hätte er manchmal gerne über die Dinge gesprochen, die ihn beschäftigten. Marcus und er hatten sich immer gut verstanden und viel Unsinn im Kopf gehabt. Gaius, der Älteste von ihnen, der vernünftige Gaius, wie sie ihn immer nannten, hatte sie oft getadelt, aber Marcus hatte sich nicht darum geschert.
Dann war Marcus mit Vater vor vier Jahren nach Rom gereist. Wie hatte Lucius ihn beneidet! Aber Marcus war nicht zurückgekehrt. Eines Tages kam ein Brief von Vater, der ihm mitteilte, dass Marcus nicht mehr sein Bruder sei. Lucius war entsetzt und verwirrt, als ihm Gaius erklärte, dass ein Ritter namens Lucius Cornelius Plautus Marcus adoptiert hatte. Plautus hatte keine eigenen Söhne, und so war aus Marcus Justinius Marcellus Marcus Cornelius Plautus geworden. Lucius hatte es sehr verwirrt, dass sein Bruder plötzlich einen anderen Namen hatte. Im Gegensatz zu Lucius brauchte sich Marcus um die Zukunft nun keine Gedanken mehr zu machen. Als Sohn eines reichen Ritters würde er einfach irgendwann das Geld seines Adoptivvaters erben.
Gaius, der vernünftige Gaius, hatte konkrete Vorstellungen, wie Lucius’ Lebensweg aussehen sollte. Leider deckten sich diese überhaupt nicht mit Lucius’ Vorstellungen. Vor einigen Tagen hatte er sich bei Gaius über seinen Rhetorikunterricht beschwert. Auf Gaius’ Frage, warum er so schlechte Laune habe, hatte er geantwortet: „Ach, nichts Besonderes. Asteros’ Unterricht war wieder zum Einschlafen. Bei Minerva, der Göttin der Weisheit, warum muss ich jede Rede, die in Rom jemals gehalten wurde, auswendig lernen und vortragen? Was soll ich damit? Ich würde lieber in der Palaestra mit meinen Freunden trainieren. Von denen muss keiner Rhetorik lernen. Sie stehen kurz davor, die Toga der Männer anzulegen und in die Welt der Erwachsenen einzutreten, und ich muss immer noch lernen. Sie helfen ihrer Familie, sie reisen und kommen herum. Appius war sogar schon einmal in Narbo.“
Aber Gaius hatte nur Spott für ihn übrig gehabt. „Oh, ihr Götter!“ Er hob die Arme zum Himmel, als ob er beten wollte. „Seht diesen armen, geknechteten Mann und erbarmt euch seines Schicksals! Wie lange, Lucius, willst du unsere Geduld noch missbrauchen? Wie lange soll diese deine Raserei ihr Gespött mit uns treiben?“ Lucius lief dunkelrot an und war nahe daran, die Beherrschung zu verlieren, als er Gaius eine der berühmtesten Reden von Cicero zitieren hörte. Ehe er aber etwas sagen konnte, ließ Gaius seine Arme sinken und fuhr im normalen Tonfall fort: „Du müsstest dich mal selber hören. Andere Jungen in deinem Alter stehen jetzt gerade auf den Feldern und arbeiten noch bis zum Dunkelwerden. Das Schwerste, was du heute schon gehoben hast, sind deine Schriftrollen. Du hast Glück, dass du eine Schule besuchen und Rhetorik lernen kannst. Das wird dir bei Geschäftsverhandlungen nützlich sein. Vielleicht wirst du später ein öffentliches Amt bekleiden. Dann musst du in der Lage sein, vor vielen Menschen zu reden. Mit deiner Ausbildung in Rhetorik und Juristik kannst du als Anwalt Fälle vor Gericht vertreten. Du kannst dich zum Ädil oder Duovir wählen lassen. Du hast viele Möglichkeiten, aber vorher musst du studieren!“
Anwalt oder Ädil in Arausio, Lucius stöhnte so laut auf, dass die anderen Badegäste erschrocken zu ihm sahen. Schrecklicher Gedanke, als ob er sein ganzes Leben in dieser kleinen colonia versauern wollte. Gaius kannte Lucius’ heimlichen Wunsch nicht, seinen Traum, der zum ersten Mal im Alter von fünf oder sechs Jahren in ihm aufgestiegen war, als sie an einer Mansio rasteten. Lucius hatte so gebannt den Abenteuern eines ehemaligen Legionärs zugehört, dass sein Vater ihn schließlich verärgert wegzerren musste. Auf der Weiterreise bestürmte Lucius seinen Vater mit Fragen und wollte wissen, ob seine Soldatenzeit auch so aufregend gewesen sei. „Höre bloß nicht auf diesen Aufschneider!“, sagte Gnaeus Marcellus. „Das Leben in der Legion ist nicht so unterhaltsam!“ Dann erzählte er Lucius ein paar Geschichten, um ihm einen richtigen Eindruck zu vermitteln. Lucius konnte keinen Unterschied erkennen. All das hörte sich für ihn fremdartig, abenteuerlich und faszinierend an. In diesem Moment stand für ihn fest: Er wollte später ebenfalls dem Imperium dienen, wie sein Vater. Erst hatte sein Vater gekämpft, um Gallien zu erobern, und dann, um den schrecklichen Bürgerkrieg zu beenden. Er hatte beim Wiederaufbau geholfen und drei Jahre lang für Agrippa in der Provinzverwaltung von Gallia Comata gearbeitet. Er hatte bei der Ansiedlung der Veteranen in Arausio und Forum Julii geholfen. Jetzt war er im Osten, um im Krieg und in Verhandlungen mit den Parthern seine Pflicht zu erfüllen. Dazwischen war er immer wieder wie Cinncinatus auf seinen Hof zurückgekehrt und hatte sein Land bearbeitet.
So stellte sich Lucius auch seine Zukunft vor. In die Welt ziehen, um dem Imperium zu dienen. Drei, vier Jahre als Militärtribun, danach wichtige Aufgaben in der Provinzverwaltung, Feldzüge in ferne Länder, Parthien und Ägypten, ins sagenumwobene Britannien, Kämpfe gegen riesige Germanen, reiche Städte, die man plündern konnte. Veteranen ansiedeln, Provinzen verwalten und zwischendurch auf sein eigenes Landgut zurückkehren, voller Ehren, immer bereit, wieder gerufen zu werden.
Diesen Traum hatte er aber für sich behalten. Stattdessen hatte er seinen Vater weiter nach Geschichten ausgefragt. Seiner Mutter war das gar nicht recht gewesen, deshalb hatte sein Vater ihm nicht viel erzählt. Also musste Lucius andere Informationsquellen erschließen, doch das war ein Leichtes. Immerhin war Arausio eine Veteranenkolonie, und ehemalige Legionäre erzählten für ihr Leben gern von der guten alten Zeit bei den Adlern. Lucius hatte viele aufregende Geschichten gehört. Außerdem hatte er Caesars Kommentare über den gallischen Krieg und den Bürgerkrieg gelesen, Sallusts Geschichte über den Krieg gegen Jugurtha, Polybios’ Schriften zum Krieg gegen Hannibal. Mit seinem Onkel, Gnaeus Pompeius, dem jüngeren Bruder seiner Mutter, hatte er stundenlang geographische Bücher gewälzt und Gnaeus hatte ihm anvertraut, dass er beabsichtigte, ein großes geographisches und historisches Werk zu schreiben. Daher trug er seit Jahren alle möglichen Schriften alter Autoren zusammen. Neben denen bekannter römischer Autoren, wie Varro und dem älteren Cato, hatte er auch Texte einiger längst vergessener Griechen ausgegraben. Wer hatte je von Ephoros gehört? Sein Onkel stand mit Nepos, Livius und einem jungen Griechen namens Strabo in regem Schriftverkehr. Onkel Gnaeus hatte ein Vermögen ausgegeben, um alle vierzig Bände von Diodoros Siculus zu erwerben, die dieser im Laufe von dreißig Jahren herausgebracht hatte. Gemeinsam hatten sie in diesen Texten gestöbert. Das alles hatte Lucius’ Fernweh nur noch mehr gefördert. Er hatte mit seinem Vater und dem Onkel in den Osten reisen wollen, aber immer hieß es: „Du bist noch zu jung!“, oder: „Das ist keine Vergnügungsreise.“
So schnell hatte Lucius aber nicht aufgeben wollen. In seinem letzten Brief hatte er Onkel Gnaeus gefragt, ob er ihn auf seiner nächsten Forschungsreise begleiten dürfte, als Sekretär oder so, aber Onkel Gnaeus hatte bedauernd abgelehnt, da er die nächste Zeit mit Schreiben und nicht mit Reisen verbringen würde. Lucius solle ruhig in Arausio bleiben und weiter lernen. In Arausio bleiben! Was erwartete ihn denn in Arausio? Er würde zuerst zum Quästor gewählt werden und sich um die Stadtkasse kümmern. Wie aufregend! Damit gelangte er automatisch in den Stadtrat und würde dann, nachdem er sich ein paar Jahre lang den Hintern platt gesessen hatte, zum Ädil und in Folge zum Duovir gewählt werden. Ein Amt, das jeder Trottel bekleiden konnte, vorausgesetzt, er war Mitglied des Stadtrates und erreichte das entsprechende Alter. Aber als Justinii Marcellii stand es außer Frage, dass er, wenn er mit fünfunddreißig Jahren noch am Leben wäre, zum Duovir gewählt werden würde. Bis dahin würde er im Stadtrat versauern, den Weinhandel leiten und im Herbst die Weinernte auf dem Hof beaufsichtigen. Dieses Schicksal sah Lucius unweigerlich auf sich zukommen, und nichts würde es ihm ersparen. Er konnte kein Tribun werden. Tribune waren entweder Söhne von Senatoren oder Söhne von Rittern. Sein Vater war weder das eine noch das andere. „Ich weiß!“, fauchte Lucius ins Leere. „Deshalb werde ich hier in Arausio ‚Karriere’ machen. Schreiber bei meinem Bruder, dann eigene Aufgaben und als oberstes Ziel: persönlich Verhandlungen in ‚fernen’ Städten wie Lugdunum, Massilia oder Narbo zu führen.“ Wenn kein Wunder geschah, wäre die einzige andere Karriere, die ihm blieb, der Eintritt in die Legion als Miles, als einfacher Soldat. Dann könnte er in zehn oder zwanzig Jahren zum Centurio aufsteigen und danach in den Verwaltungsdienst einer Provinz wechseln. Diesen Weg wollte Lucius aber ganz und gar nicht einschlagen. Miles! Er schüttelte den Kopf. Er war ein Justinii Marcellii, einer seiner Vorfahren war bereits Ritter gewesen und ein Gefolgsmann des legendären Gaius Marius. Lucius suchte eine bequemere Position und sinnierte weiter.
Er hatte Mars ein Opfer gebracht und um ein Wunder gebeten. Vielleicht sollte er auch noch Apollo ein Opfer bringen und ihn um Hilfe bitten, überlegte Lucius. Apollo war immerhin der Schutzgott von Augustus – und wenn nicht der Princeps, wer konnte dann für Hilfe sorgen? Gleich auf dem Heimweg würde er Apollo ein Opfer bringen – und Fortuna natürlich, denn Glück war auch nicht zu verachten. Hatten nicht Sulla und Caesar ganz fest auf ihr Glück vertraut und am Ende ihre Feinde besiegt?
Lucius hatte es tatsächlich fast pünktlich zur Cena geschafft. Er lag auf seiner Cline, steckte sich eine Traube in den Mund und musterte dabei gedankenverloren die Wandbemalung im Triclinium, wie er es schon hundert Mal getan hatte. Dem Bacchus dort fehlte ein Finger, Schlamperei des Malers, und einer Muse fehlte ein Teil des Gesichts. Ein betrunkener Gast hatte einen leeren Becher gegen die Wand geworfen und dabei hatte Erato ihr Gesicht verloren. Auch ein Wasserschaden war zu erkennen, wenn man wusste, wo er gewesen war. Gaius könnte ruhig mal den Putz abschlagen und neue Malereien auftragen lassen. Vielleicht sollten sie mal die Plätze tauschen, um einen neuen Blick, eine neue Perspektive zu gewinnen. Wenn er mit Julia den Platz tauschen würde, hätte er den Blick auf den Schwur der Horatier, ein schönes, patriotisches Motiv, und von Gaius’ Platz aus würde er direkt auf die Bibliothek sehen und den größten Teil des Atriums überblicken können. Das wäre doch mal was anderes.
„Lucius?“ Gaius’ Stimme sickerte langsam in sein Bewusstsein und er schreckte auf. „Schläfst du mit offenen Augen? Ich möchte wissen, wo du wieder mit deinen Gedanken bist.“
Besser nicht, dachte sich Lucius und griff nach seinem Weinbecher. „Was denn?“, fragte er mürrisch.
„Es ist ein Brief von Vater eingetroffen, den ich nach dem Essen vorlesen möchte!“, erklärte Gaius mit dieser belehrenden Ruhe, die Lucius jedes Mal in Rage versetzte, weil er sich wie ein kleines Kind vorkam, wenn Gaius so mit ihm sprach. Sie hatten schon eine Weile nichts von Vater gehört. Lucius schluckte seinen Ärger herunter und sah Gaius erwartungsvoll an, während dieser den Brief aus dem Behälter zog und entrollte.
Gnaeus Marcellus grüßt seine Söhne,
ich bin noch in Syrien, aber eure Onkel Gnaeus und Sextus befinden sich auf dem Heimweg. In dem Moment, in dem ihr diesen Brief erhaltet, werden sie bereits in Rom sein. Sextus wird sich von dort aus auf den Weg nach Arausio begeben und einen Gast mitbringen.
Mir geht es gut und ich bin zuversichtlich, Ende des Jahres in Italien und vielleicht sogar in Arausio zu sein. Ich breche auf, wenn Augustus aufbricht. Er hat noch einige Angelegenheiten zu regeln. Wir werden zunächst nach Griechenland ziehen und von da aus weiter nach Brundisium reisen. Irgendwann im Sextilis oder September werde ich Rom erreichen. Ob ich von dort sofort weiterreisen kann, wird sich dann entscheiden.
Wie es aussieht, stehen unserer Familie große Veränderungen bevor. Wir werden neue Wege beschreiten. Sextus hat einige Instruktionen für euch, befolgt sie als gehorsame Söhne.
Jupiter beschütze euch.Es grüßt euer Vater Gnaeus Marcellus
Lucius sah verwirrt und enttäuscht auf. „Das ist aber wenig. Ein bisschen ausführlicher hätte es schon sein dürfen.“
Auch Gaius wirkte verärgert. „Er scheint vergessen zu haben, dass wir inzwischen vier Jahre älter und damit keine Kinder mehr sind. Was soll diese Geheimnistuerei? Neue Wege beschreiten! Und was sind das für Instruktionen? Was ist das für ein Gast?“
Er sah Julia an, als ob sie eine Antwort wissen müsste. Julia zuckte mit den Schultern und sagte, ganz die praktische Hausherrin: „Durch Lamentieren werden wir auch nicht mehr erfahren, aber es müssen Vorbereitungen für zwei Gäste getroffen werden!“
Gaius nickte und rief Richtung Atrium: „Stephanos!“ Es dauerte einen Augenblick, dann waren Schritte zu hören, die sich näherten. Der massaloitische Hausverwalter betrat das Atrium. „Ja, Herr?“
„Unser Onkel Sextus wird uns in einigen Tagen besuchen und er bringt einen Gast mit! Bereite alles vor!“
„Ja, Herr!“ Stephanos blieb stehen und fragte: „Wie groß wird die Begleitung sein? Werden die Gäste mit Frauen reisen?“
Gaius schüttelte den Kopf. „Sextus’ Frau ist in Lugdunum. Ob der Gast eine Frau mitbringt, weiß ich nicht und wie groß das Gefolge ist, weiß ich auch nicht. Sie haben eine weite Reise hinter sich, also werden es nicht mehr als vier oder fünf Begleitpersonen für beide zusammen sein. Bereite alle Eventualitäten vor!“ Stephanos ging hinaus. Gaius blickte wieder in die Schriftrolle. „Was hat Vater nur wieder im Sinn?“
Lucius hatte ungeduldig auf die Ankunft der Gäste gewartet. Nun stand die Sänfte seines Onkels vor der Haustür. Die große, massige Gestalt von Sextus Pompeius Trogus, dem jüngsten Bruder von Lucius’ Mutter, wälzte sich heraus. Sein Vater war Caesars Kanzleichef in Gallien gewesen. Die Familie hatte vom gallischen Krieg nicht schlecht profitiert. Sextus stellte diesen Wohlstand gern zur Schau. Außerdem hielt er es für vornehmer, getragen zu werden, statt zu gehen. Seine große Gestalt war um die Hüften noch ein wenig mehr in die Breite gegangen. Offensichtlich wurde im Osten gut gekocht.
Aus der Sänfte stieg noch ein zweiter, viel jüngerer Mann von vielleicht achtzehn Jahren. Er war dunkel gebräunt wie ein Orientale oder ein Afrikaner, aber sein fein geschnittenes Gesicht entlarvte ihn als Römer.
Gaius begrüßte die Gäste. „Sextus Pompeius, sei willkommen in unserem Haus!“
Sextus dankte und winkte Lucius, näher zu kommen. „Das ist euer Vetter Gaius Justinius Marcellus Syros“, stellte er den jungen Mann vor. „Er ist Gaius Marcellus Pius’ zweiter Sohn. Er ist mit eurem Vater von Antiochia nach Rom gereist.“
„Du lebst im Osten?“, rief Lucius aufgeregt. „Davon musst du mir erzählen!“
Sein Bruder wies ihn zurecht: „Lucius! Zuerst solltest du unseren Gast begrüßen. Willkommen, Gaius Justinius, in unserem Haus. Ein Namensvetter unter demselben Dach, das wird für einige Verwirrung sorgen!“
Dieser lachte: „Nennt mich Syros! Das machen alle. Als erster Justinii Marcellii, der im Osten geboren wurde, hat man mir diesen Beinamen gegeben, auch um Verwechslungen mit meinem Vater zu vermeiden.“
„Wo ist euer Gepäck?“, fragte Gaius.
„An der Herberge am Südtor!“, antwortete Sextus. „Wir wollten nicht das ganze Gepäck am Tor auf Träger umladen. Da die Wagen vor Sonnenuntergang nicht in die Stadt dürfen, müssen sie eben warten. Diese Bündel enthalten die wichtigsten Sachen, die wir brauchen.“
„Dann nehmt jetzt ein Bad und macht euch frisch!“, sagte Gaius. „Ich werde unterdessen das Abendessen vorbereiten lassen.“
Das Triclinium war zwar großzügig bemessen, aber für fünf Personen dennoch ein wenig eng. Stephanos hatte vier Clinen und für Julia einen Stuhl aufstellen lassen. Es schickte sich natürlich nicht, dass Gaius’ Frau mit Gästen zu Tisch lag, selbst wenn diese wie Sextus und Syros zur Familie gehörten.
„Euer Vater hat mir Briefe für euch mitgegeben!“ Sextus pellte sorgfältig seine Eier aus der Schale. „Ja, und er meinte, vielleicht ist er schon Großvater, wenn er Ende des Jahres nach Hause kommt!“, warf Syros anzüglich ein und knabberte genüsslich an einer Stange Porree. Gaius funkelte ihn an. „Oh, Marcus wird Vater?“, bemerkte Julia leichthin. „Das hat er in seinem letzten Brief gar nicht erwähnt?“
Syros setzte ein verschmitztes Lächeln auf. „Äh, nein, nicht Marcus, er dachte dabei an seinen anderen Sohn!“
„Lucius!“, sagte Julia mit gespieltem Entsetzen. „Du hast ein Mädchen geschwängert und es uns nicht gesagt? Wer ist es?“
Lucius setzte eine betont ernste Miene auf. „Caesars Frau!“, rief er in die Runde.
„Aber die muss über jeden Zweifel erhaben sein!“, ergänzte Gaius lachend.
Dieser Ausspruch über Caesars Frau war ein Klassiker und wurde häufig auf der Bühne benutzt. Was es mit Caesars Frau auf sich hatte, wusste keiner mehr. Irgendetwas hatte es mit dem berüchtigten Volkstribun Clodius zu tun, Details waren unwichtig. Allein die Forderung Caesars, eines stadtbekannten Ehebrechers, an seine Frau, über jeden Zweifel erhaben zu sein, erheiterte die Römer noch eine Generation später über die Maße. Gaius spuckte vor Lachen ein Stück Thunfisch aus, das im hohen Bogen in seinem Trinkbecher landete. Syros japste lachend auf, Sextus hielt sich den Bauch: „Seit wann versuchst du Maecenas in den Schatten zu stellen? Mulsum mit Thunfisch? Ein wahrer Gaumenschmaus für Epikureer!“, stieß er mühsam hervor.
„Wenigstens kein gekochter Esel!“ Lucius schüttelte es bei dem Gedanken.
„Wenn dir gekochter Esel zuwider ist, darfst du dich in Rom aber nicht einladen lassen!“, bemerke Syros mit Tränen in den Augen. „Schon mal Schweine-Euter gegessen? Oder die Gebärmutter von Jungsäuen?“ Syros feixte über die fassungslosen, angeekelten Gesichter der anderen.
„Gaius!“, rief Julia entgeistert.
„Degenerierte!“, knurrte Sextus und nahm sich noch ein Stück von dem Thunfisch.
Gaius hatte unterdessen sein Getränk von unerwünschten Zutaten befreit und trank einen Schluck von dem Honigwein.
„Willst du uns den Appetit verderben? Erzähle lieber, was sich im Osten tut! Die Gerüchte, die wir gehört haben, sind widersprüchlich. Die Parther geben die Feldzeichen zurück, verweigern aber die Rückgabe der Gefangenen. Einmal heißt es, Tiberius sei in Armenien eingefallen, dann auf einmal soll eine parthische Marionette auf Armeniens Thron sitzen und dann sagt man wieder, Sieg auf der ganzen Linie für Rom.“
Syros griff schnell noch nach einem Stück Porree, bevor Stephanos auf Gaius’ Geheiß die Vorspeisen abräumen ließ. „Es stimmt von allem ein wenig! Die Lage im Osten ist sehr kompliziert. In Hispanien und Gallien herrscht Rom direkt, im Osten meist indirekt“, erklärte er und biss in den Porree.
„Wieso indirekt? Asia, Syria, Bithynia et Pontus, Ägypten und seit Neuestem Galatien. Der Osten besteht doch nur aus römischen Provinzen, mit Ausnahme des kleinen Kleckses, der sich Judäa nennt, und dahinter kommen Parthien und Armenien!“, warf Lucius eifrig ein. Endlich ein Thema, bei dem er mitreden konnte!
Syros seufzte ein wenig und sah einen Moment lang schweigend zu, wie der Hauptgang aufgetragen wurde. Grüner Kohl, Bohnen mit Speck und Huhn. „Ja, das ist eine Meinung, wie sie in Rom ebenfalls stark vertreten ist,“ bemerkte er resigniert. „Aber leider zeigt es nur die Unkenntnis in der Stadt und die Unwissenheit über die tatsächlichen Gegebenheiten im Osten!“
„Dann kläre uns auf und erhelle uns mit deinem Wissen, oh Weiser!“, deklamierte Gaius, schöpfte den Wein aus der Weinschale und schüttete ihn durch ein Sieb in den Trinkbecher. „Zwei zu drei“, sagte er halblaut zu Stephanos, der sofort begann, den Becher mit Wasser aufzufüllen, und ihn an Sextus weiterreichte.
„Also, die östlichen Provinzen bilden kein zusammenhängendes Gebiet wie Hispanien.“ Syros stellte seinen Weinbecher vor sich und zeigte darauf: „Hier ist Syrien, östlich davon Parthien, nördlich davon Armenien und hier im Westen sind die Provinzen Asia, Bithynia et Pontus und Galatia. Zwischen Armenien und diesen drei Provinzen liegen Lycia, Cappadocien und Pontus, in denen befreundete Könige herrschen. Der König von Armenien, König Artaxes, ist alles andere als ein Freund der Römer. Das heißt, er war kein Freund der Römer, denn er wurde ermordet. Schlecht für uns!“
„Warum?“, fragte Gaius erstaunt. „Ich denke, er war ein Feind Roms. Das müsste doch die Situation vereinfacht haben.“
„Die Nachfolgefrage ist ziemlich kompliziert!“, warf Sextus ein.
„Also“, Syros holte tief Luft, „Phraates von Parthien hätte am liebsten den ältesten Sohn des Artaxes, Artaxes den Jüngeren, auf den Thron von Armenien gesetzt, weil der mit einer seiner Töchter verheiratet ist. Das passte Agrippa nicht, denn der wollte, dass Tigranes, der jüngere Bruder von Artaxes, den Thron besteigt. Davon war wiederum Phraates nicht gerade begeistert, denn Tigranes ist als Freund Roms bekannt. Er wollte einen Tausch machen, die Feldzeichen von Crassus und Antonius gegen Artaxes den Jüngeren auf dem Thron. Dazu ein Versprechen Roms, sich aus den inneren Angelegenheiten Parthiens und Armeniens herauszuhalten. Dafür würde er im Gegenzug die Freilassung von Gefangenen in Erwägung ziehen.“
„Und?“, fragte Lucius gespannt.
„Du musst dir die Situation vorstellen!“, erläuterte Syros. „Agrippa auf einem Podium in seinem curulischen Stuhl sitzend. Hinter ihm seine zwölf Liktoren. Über ihm ragen seine blaue Standarte und die Adler der syrischen Legionen auf, auf der rechten Seite sitzen die Spitzen der römischen Gesellschaft und auf der linken Seite Herodes, König von Judäa, und die Abgesandten von Cappadocien und Armenien. Dann kommen die Unterhändler der Parther und stellen solche Forderungen. Agrippa bekommt einen Wutanfall, er droht den Unterhändlern mit der Hinrichtung, ruft nach seinem Schwert und schwört, lieber gehe er wie Crassus in der Wüste zu Grunde, als solch eine schmachvolle Vereinbarung zu schließen. Herodes fällt ihm in den Arm und beschwört ihn bei allen Göttern, sich nicht an den Unterhändlern zu vergreifen!“
Syros warf einen Blick in die Runde, als wollte er sich versichern, dass alle zuhörten. Lucius folgte seinem Blick und stellte fest, dass selbst Julia wie gebannt an Syros’ Lippen hing, was Gaius offensichtlich völlig entging, da er diese unziemliche Neugier nicht tadelte.
Als Syros zufrieden feststellte, dass er die Aufmerksamkeit aller hatte, fuhr er fort: „Agrippa tobt weiter und ist gar nicht mehr zu beruhigen. Herodes schickt die eingeschüchterten Unterhändler fort und Tiberius weist einen der Liktoren an, sie sicher durch die Menge, in der sich viele Soldaten befinden, zu geleiten. Während die Unterhändler weggeführt werden, brüllt Agrippa hinter ihnen her: ‚Ich habe Pompeius, Antonius und Kleopatra vernichtet. Ich werde Ekbatana, Seleukia und Susa schleifen und mir den Kopf von Phraates holen.’ Einen Moment herrscht völliges Schweigen. Dann bricht ein Jubelsturm los. Die Soldaten stürmen auf das Podium zu und schreien vor Begeisterung. Herodes klopft Agrippa begeistert auf die Schulter und die Abgesandten von Cappadocien applaudieren verzückt. Man hatte den Eindruck, dass alle sofort bereit waren, gegen die Parther zu ziehen.“
„Und dann?“ Lucius war nicht minder gefesselt von Syros’ Bericht.
„Phraates schickte neue Unterhändler, die sich wortreich entschuldigten und berichteten, dass ihre Vorgänger hingerichtet worden seien, weil sie die Worte des Königs derart verdreht hätten. Dann luden sie Agrippa ein, nach Ekbatana zum Großkönig zu kommen. Der aber lehnte dankend ab und schickte stattdessen Tiberius.“
„Und der hat die Feldzeichen zurückgebracht und die Gefangenen auch!“, beeilte sich Sextus, die Geschichte abzukürzen, die er schon zu Genüge kannte.
Syros sah ihn ein wenig verärgert an, nickte aber zustimmend. „Und dieses Jahr zieht Tiberius mit den Legionen nach Tigranocerta, um Tigranes auf den Thron zu setzen!“
Lucius stieß einen erstaunten Pfiff aus. „Also ein Erfolg für Rom auf der ganzen Linie. Und König Phraates hat dem zugestimmt?“
„Nun ja, er sieht es mit etwas anderen Augen. Seit Jahren droht ihm von Rom ein Vergeltungszug wegen Carraeh. Der Angriff von Marcus Antonius ist gescheitert, aber nach dem Ende des Bürgerkrieges kann jederzeit der nächste folgen. Phraates gibt die Feldzeichen zurück und Rom erkennt seine Herrschaft an. Tigranes ist in Rom erzogen worden und wird sich deshalb nicht gegen uns stellen. Armenien kann sich ohne Roms Hilfe aber nicht gegen die Parther wenden. Damit sind die Armenier neutral. Phraates kann sich also nun ganz auf seine innenpolitischen Feinde konzentrieren. Tiridates erhebt Anspruch auf den parthischen Thron. Rom hat sich verpflichtet, ihn nicht zu unterstützen.“
Gaius runzelte verwundert die Stirn. „Warum dann dieses Jahr der Feldzug?“
„Eine Demonstration! Das ist bei den Königen im Osten äußerst wichtig“, erklärte Syros. „Erstens wird Tigranes und Armenien gezeigt, wem Thron und Unabhängigkeit zu verdanken sind, zweitens demonstriert Rom Phraates seine Macht und drittens erhält Tiberius die Gelegenheit, Ruhm zu erwerben.“
Für einen Moment herrschte Schweigen, während man über das Gehörte nachdachte.
„Das ist bestimmt aufregend, oder?“, fragte Lucius wissbegierig. „Du musst mir alles von den Ländern und Völkern erzählen, die du kennengelernt hast!“
Syros lachte: „Haben wir einen Abend oder ein Jahr Zeit? Der Osten ist ein buntes Gemisch von Völkern – Syrer, Griechen, Römer, Armenier, Ägypter, Phönizier, Judäer.“
Er trank noch einen Schluck. Dann sah er sich suchend um: „Kein Garum?“, fragte er zu Gaius gewandt. Lucius grinste in sich hinein, in Erwartung eines bissigen Kommentars von Gaius. Syros konnte die Vorbehalte seines Bruders gegen die würzige Fischsauce, die jeden Eigengeschmack übertünchte, nicht kennen. Gaius verzog nur leicht das Gesicht: „Stephanos, bringe bitte das Garum!“ Er schaffte es sogar, den Widerwillen in seiner Stimme zu unterdrücken.
Syros fiel es anscheinend nicht auf. Er wandte sich wieder an Lucius und fuhr fort zu erzählen: „In einigen Jahren will mein Vater mit mir nach Ägypten reisen. Dann werde ich Jerusalem und Alexandria kennenlernen.“ Syros erzählte, dass er es kaum erwarten konnte, vollwertig im Geschäft seines Vaters zu arbeiten. „Andere Länder und Menschen sehen – Rhodos, Athen und Gades, die Zinninseln, Kolchis, das Euxenische Meer. Vielleicht sogar eines Tages Indien.“
Syros’ Augen leuchteten begeistert bei dieser Aufzählung.
Sextus lächelte. „Das scheint eine Familienkrankheit zu sein. In jeder Generation wird einer vom Fernweh infiziert. Lucius schwärmt auch von anderen Ländern.“
„Ich nicht.“ Gaius schüttelte heftig den Kopf. „Ich finde das Reisen anstrengend. Mir reicht es, nach Lugdunum und Massilia zu fahren. Als ich vor vier Jahren nach Rom gereist bin, war ich von den Strapazen ganz erledigt.“
„Wie hat dir Rom gefallen, Gaius?“, fragte Syros.
„Wenn du die Bauten in Rom gesehen hast, erscheint dir alles andere klein“, antwortete Gaius.
Syros nickte. „Wir haben auf unserer Reise Athen angelaufen. Dann Brundisium, Syrakus und Neapel. Alles wunderschöne Städte, aber Rom ist unübertrefflich. Das Herz der Stadt ist fast ganz aus Marmor“, schwärmte er. „Und überall wird immer noch eifrig gebaut. Augustus und Agrippa werden eine Stadt aus Marmor hinterlassen.“
„Gibt es Städte im Osten, die sich mit der Größe und der Pracht Roms messen können?“, fragte Lucius, begierig, mehr zu erfahren.
„Alexandria oder Babylon vielleicht, eventuell Susa. Ich habe diese Städte bisher noch nicht gesehen“, erwiderte Syros nachdenklich. „Nur Ekbatana!“
„Ekbatana?“, fragte Gaius erstaunt. „Ekbatana in Parthien? Was hast du da gemacht?“
Anstatt zu antworten, nahm Syros einen weiteren Schluck aus seinem Weinbecher.
Gaius und Lucius warteten ungeduldig auf seine Antwort. Sextus lächelte über die gespannte Erwartung seiner Neffen.
„Nun, ich war mit meinem Vater dort!“, antwortete Syros knapp.
Gaius und Lucius sahen sich verdutzt an. Das war doch keine Erklärung. Ekbatana lag viele Meilen weit im Reich der Parther, und gegen die Parther hatte Rom bis vor kurzem offiziell noch Krieg geführt.
Als Syros schwieg, hakte Lucius nach. „Und was machte dein Vater dort?“
„Mein Vater? Mein Vater hat euren begleitet“, entgegnete Syros.
Gaius und Lucius sahen fragend zu Sextus hinüber. Der schien aber ganz in sein Essen vertieft zu sein. Lucius überkam der Verdacht, dass Syros sie zum Besten hielt. Er sah sich seinen Vetter genau an. Aber Syros schaute ganz arglos zurück. Dann sah Lucius nochmals zu Sextus. Der blickte ganz unbefangen zu seinem Neffen. Er lachte nicht, oder besser: Er lachte ganz betont nicht.
Die beiden nehmen uns auf den Arm, schoss es Lucius durch den Kopf. Auch Gaius musste dieser Gedanke gekommen sein. Er griff nach ein paar Trauben und warf sie Syros an den Kopf.
„Nun los, rede schon!“
Syros lachte laut auf und Sextus platzte heraus: „Oh, ihr Götter! Eure Gesichter sind zu köstlich. Wie zwei Schafsböcke!“
Etwas gequält und unsicher stimmten Gaius und Lucius in das Lachen ein. Ihr Vater hielt es offenbar für völlig unnötig, sie in seine Missionen einzuweihen. Endlich erbarmte sich Syros und begann zu erzählen: „Marcus Agrippa wollte Verhandlungen mit den Parthern. Dazu gehört natürlich mehr, als nur herumzuschreien. Mein Vater hat gute Beziehungen zu den Parthern, da wir mit ihnen Geschäfte machen. Agrippa wollte sich das zunutze machen, daher hat er unsere Familie einbezogen. Also sind unsere Väter nach Ekbatana gereist. Ich habe sie als Sekretär begleitet.“
„Und weiter?“
Syros machte eine Pause, um die Spannung zu steigern: „Nun, Verhandlungen nehmen im Osten viel Zeit in Anspruch. Da gibt es viele Kleinigkeiten zu beachten und man muss die Form wahren. Das bedeutet eine Reihe von Besuchen und Gegenbesuchen, Einladungen und Geschenken bei Geschäftsleuten, die jemanden kennen, der jemanden kennt, der der Vetter von jemandem ist, der das Ohr des dritten Eunuchen hat, der der dritte Sohn von jemandem ist!“
Lucius schwirrte der Kopf. „Und der ist dann jemand vom Königshaus!“
„Nein, er aber kennt jemanden, von dem er gehört hat, dass er jemanden aus dem Königshaus kennt!“, warf Gaius trocken ein.
„Wie ich sehe, kennst du dich aus!“, stellte Syros fest und alle lachten.
„Woher kanntet ihr die politischen Verhältnisse im Reich der Parther so genau?“, hakte Gaius nach.
„Die Verhältnisse bei den Parthern kennt im Osten jeder Händler. Aus Geschäftsgründen sozusagen. Für einen Händler ist es ungemein wichtig zu wissen, welcher König auf Krieg und welcher auf Frieden aus ist.“ Mit einem durchtriebenen Grinsen fügte er hinzu: „Und wer wen kennt und kennen könnte und so weiter!“
Lucius musste plötzlich an etwas anderes denken. „Was ist denn mit den römischen Gefangenen?“
„Du denkst an unseren Onkel? Die Gefangenen werden zwar freigelassen, aber unser Onkel stand auf keiner der Listen. Er ist immer noch verschollen. Wahrscheinlich längst tot“, sagte Syros traurig. „Unsere Väter sind nach Nisibis gereist, um bei der Rückgabe der Adler dabei zu sein.“
„Wann Gnaeus nach Arausio zurückkehrt, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen!“, bemerkte Sextus. „Aber er kehrt in jedem Fall dieses Jahr noch nach Italien zurück. Da es noch einiges zu erledigen gibt, bleibt er den Winter über vielleicht in Rom. Allerdings hat er Pläne mit euch. Daher soll ich euch seine Wünsche übermitteln.“
„Pläne?“, fragte Lucius verwirrt.
„Wünsche?“, ergänzte Gaius misstrauisch.
„Ja. Du, Gaius, sollst dich in diesem Jahr um ein Amt bei den Vigintiviri bewerben!“, sagte Sextus. Gaius verschluckte sich am Wein und prustete ihn über den Tisch.
„GAIUS!“ Julia sah ihn empört an, aber Gaius röchelte nur und versuchte den Wein aus seiner Luftröhre zu husten. Sextus war ihm behilflich, indem er ihm auf den Rücken klopfte. Seine tellergroßen Hände sausten mit einer solchen Wucht auf Gaius’ Rücken, dass Lucius befürchtete, er würde seinem Bruder das Kreuz brechen.
„Ich soll mich dieses Jahr wählen lassen?“, keuchte Gaius schließlich.
„Warum nicht?“, fragte Sextus. „Die Wahlen sind erst im Juli, das gibt dir Zeit, deine Kandidatur einzureichen und deinen Wahlkampf zu führen. Die Justinii Marcelli sind in Arausio bekannt, du hast gute Chancen, gewählt zu werden.“
„Aber ich habe schon einem Kandidaten für die triumviri capitales und einem Kandidaten für das Amt des Kurators für die Wasserversorgung Unterstützung zugesagt“, erklärte Gaius mit Nachdruck. „Und wenn ich nicht als Triumvir für die öffentliche Ordnung kandidieren kann, bleibt nur das Amt eines duovir viarum für die Straßen in der Stadt oder das eines Quatrovir für die Straßen außerhalb der Stadt übrig. Diese Ämter sind eine Zumutung.“
„Wie sieht es denn mit Verbindungen zum Statthalter aus?“, fragte Syros. „Er könnte dich doch auf die Liste der Richter setzen!“
Sextus winkte ab. „Egal, als was du dich aufstellen lässt, Gnaeus will, dass du nächstes Jahr ein Amt bekleidest, damit du jederzeit einen Platz im Stadtrat beanspruchen kannst. Selbst wenn du noch nicht Quästor warst. Das steht in einem der Briefe, lies sie in Ruhe, es gibt einige Veränderungen.“
„Was denn noch?“, fragte Gaius ein wenig gequält. „Soll ich mich noch um ein Priesteramt bewerben?“
„Nein, aber außer dem Anbau und Verkauf von Wein möchte Gnaeus, dass sich die Familie ums Geldgeschäft kümmert.“
„Ums Geldgeschäft?“, fragte Gaius entsetzt. „Davon verstehen wir doch gar nichts!“
„Deswegen ist Syros hier! Er wird dir helfen!“
„Ich soll mich mit einem Tisch auf das Forum setzen und den Geldwechsler spielen? Bei allen Furien, das tue ich nicht!“ Gaius’ Gesicht war dunkelrot angelaufen und es sah so aus, als würde er gleich auf Sextus losgehen. Julia legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm: „Ruhig, mein Gemahl, ich bin sicher, dass dies nicht in der Absicht deines Vaters liegt!“
Syros nickte: „Es geht um etwas völlig anderes. Agrippa ist wieder Statthalter für ganz Gallien, um die Neuordnung abzuschließen. Die letzten Unruhen liegen Jahre zurück und Handwerk und Handel blühen auf. Es werden vermehrt Luxusgüter, Möbel und Geschirr aus Italien nach Gallien exportiert. Über kurz oder lang werden einheimische Handwerker damit anfangen, diese Güter selbst herzustellen, um den Markt vor Ort zu beliefern. Ich rede nicht von kleinen Handwerksbetrieben, sondern von großen Massenanfertigungen. Die großen Handwerksbetriebe brauchen natürlich Kapital für Werkstätten, Maschinen und Menschen. Dieses Kapital kann von einem Konsortium bereitgestellt werden! So ein Konsortium schwebt Onkel Gnaeus vor.“
Gaius blickte irritiert auf Lucius. Was denn, dachte Lucius, bis er merkte, dass er seine Würstchen mit Garum überschwemmte. „Warum lassen wir überhaupt würzen, wenn du alles in Garum ertränkst?“, kritisierte Gaius diesen Vorgang und fragte dann Syros: „Ein Finanzier also?“ Er dachte einen Moment nach. „Aber so viel Geld haben wir nicht!“
„Es muss nicht nur eigenes Geld sein!“, warf Sextus ein. „Du kennst doch die Menschen hier in der Umgebung, als Stadtrat wirst du ein geachteter Mann sein und als Anwalt weißt du eine Sache zu vertreten! Ich werde dir das alles noch genau auseinandersetzen!“
Lucius hatte zuerst noch interessiert zugehört, aber jetzt, da es um die Details ging, fing er an, sich zu langweilen. Natürlich war es interessant, wie man eine Provinz verwaltete, aber dafür hatte man ja schließlich seine Sklaven und Freigelassenen. Er bemerkte, wie ihn alle ansahen, und ihm wurde klar, dass ihn jemand etwas gefragt hatte. „Bitte?“, fragte er unverbindlich in die Runde und trank einen Schluck von dem verdünnten Wein.
„Ich habe einen Lehrer für dich in Rom angeworben. Er wird in den nächsten Tagen hier eintreffen“, wiederholte Sextus mit gerunzelten Brauen.
„Was denn für einen Lehrer?“, seufzte Lucius ergeben.
„Einen Schwertkämpfer“, sagte Sextus leichthin.
„Einen was?“, brüllte Lucius begeistert. Er glaubte, sich verhört zu haben. Einen Schwertkampflehrer, für ihn?
Sextus fuhr fort: „Er heißt Pertinax und war ein Meister der Arena. Jetzt ist er im Ruhestand.“
„Pertinax?“, fragte Gaius nach. „Es gab mal vor einigen Jahren einen bekannten Gladiator mit diesem Namen. Er hat als Thraker gekämpft.“
„Und als Samnite“, bestätigte Sextus. „Er wurde vor vier Jahren freigelassen. In der ersten Zeit betätigte er sich wohl als Rausschmeißer in Bordellen, aber dann war er Ausbilder bei den spanischen Legionen. Er ist jetzt erst zurückgekehrt. Dein Vater hat ihn ausdrücklich benannt. Ein Tipp unter alten Kameraden oder so.“
„Wo ist Pertinax jetzt?“, fragte Lucius begierig.
„Er ist bereits in der Stadt und sucht eine Unterkunft!“
Schwerttraining bei einem Gladiator. Seine Freunde würden vor Neid erblassen, wenn er mit seinen neu gewonnenen Fähigkeiten in der Palaestra trainieren würde. Als Erstes musste er die Siegespose der Gladiatoren lernen, Appius hatte doch diese Vase, auf der Gladiatoren abgebildet waren.
„Freue dich nicht zu früh!“, mahnte Sextus schmunzelnd. „Schwertkampftraining ist kein Kinderspiel, sondern hartes Training, härter als Ringen oder Boxen.“
Lucius hörte ihn, war aber mit seinen Gedanken schon weit weg. Lucius der Schwertkämpfer, dachte er über seinen Beinamen nach, Lucius der Sieger. Er bemerkte Gaius’ spöttischen Blick und hörte, wie sein Bruder zu den anderen sagte: „Mit ihm brauchen wir nicht mehr zu rechnen! Er ist im Elysium!“, aber das kümmerte ihn nicht.
Als Stephanos das Obst brachte, nahm er sich einen Apfel und sah versonnen zu, wie der Sklave die kleine Opferschale vor Gaius hinstellte. Gaius legte ein Würstchen und ein bisschen Kohl hinein und reichte sie Stephanos zurück, damit dieser sie zum Hausaltar brachte. Dann streute er etwas Weihrauch in die Lampe und dankte den Göttern für das Essen. Und ich, dachte Lucius, werde Fortuna ein Opfer bringen. Ich bin ein Glückskind.
Als sich die Unterhaltung erneut der Lage in Rom zuwandte, wurde Lucius wieder aufmerksam und vergaß seine Träumereien für einen Moment. Händler hatten von Unruhen in der Stadt erzählt.
„Was gibt es Neues aus Rom?“, fragte Gaius interessiert. „Es soll Aufruhr gegeben haben?“
Sextus seufzte schwer: „Kannst du dich noch an den Ädilen Marcus Egnatius Rufus erinnern?“ Gaius zuckte ratlos mit den Schultern. Lucius erinnerte sich an einen Brief von Marcus: „War das nicht der, der seine Sklaven zur Feuerbekämpfung eingesetzt hat?“, fragte er vorsichtig.
Sextus nickte bestätigend. „Das machte ihn so populär, dass er zum Prätor gewählt wurde!“
„Ach ja, richtig!“, erinnerte sich Gaius jetzt. „Augustus hatte aber vor seiner Abreise selbst die Gründung einer Einheit in Auftrag gegeben, die vigilis, und Agrippa hatte vor seiner Abreise nach Hispanien die Ordnung in der Stadt wiederhergestellt, oder nicht?“
„Nur kurz!“, antwortete Syros. „Rufus hatte eine beträchtliche Zahl von Anhängern gesammelt, und kaum, dass Agrippa die Stadt verlassen hatte, kamen sie wieder aus ihren Löchern!“
„Ja, und jetzt wollte er sich sogar unter Umgehung der lex Villia annalis zum Konsul wählen lassen“, ergänzte Sextus.
„Zum Konsul!“, sagte Gaius verblüfft. „Ich hatte so etwas gehört, aber es für eine Latrinenparole gehalten.“
„Nein, es war keine!“, widersprach Sextus. „Es kam zu einigem Durcheinander. Gaius Sentius Saturninus musste sein Amt allein antreten und Rufus versuchte seine Anhängerschaft zu mobilisieren. Zum ersten Mal seit Jahren kam es wieder zu Schlägereien auf dem Forum!“
„Kann er die Stadt übernehmen?“, fragte Lucius besorgt. „Wird es einen Aufstand geben?“
„Nein!“ Sextus schüttelte energisch den Kopf. „So fanatisch ist seine Anhängerschaft nicht! Die meisten sind Hitzköpfe, die überschüssige Energie loswerden müssen, aber keiner legt Wert auf eine Veränderung und auf einen neuen Krieg. Saturninus hatte die Situation die meiste Zeit im Griff, und Titus Statilius Taurus ist auch noch da. Mit seinen Gladiatoren und den Vigilen könnte er jeden Aufstand unterdrücken. Es wird einen heißen Sommer geben, aber spätestens, wenn Augustus Ende des Jahres wieder in Rom ist, wird der Spuk vorüber sein!“
„Hoffentlich!“, sagte Gaius und stand auf. Jede Unruhe, jede Intrige in Rom hatte irgendwann auch die Provinzen in Mitleidenschaft gezogen. Seit zehn Jahren herrschte nun Frieden. Man konnte nur hoffen, dass dies noch lange so bleiben würde.
In den nächsten Wochen musste Lucius beim Wahlkampf helfen. Zuerst richtete Gaius einige Abendessen für befreundete und einflussreiche Familien aus, um auszuloten, mit welcher Unterstützung er rechnen konnte. Syros erwies sich als unschätzbare Hilfe, da seine Erzählungen von den Ereignissen im Osten den Gästen den Eindruck vermittelten, dass es sich lohnen würde, einen Justinii Marcellii zu unterstützen. Gnaeus Marcellus hatte die Gründung der colonia geleitet und war einer der reichsten und angesehensten Bürger Arausios, aber seine häufige Abwesenheit hatte verhindert, dass die Familie auch politisch an Bedeutung gewann. Gaius konnte sich schließlich der Unterstützung einiger Stadträte versichern, die ihm Männer aus ihrem Stab mit Erfahrung im Wahlkampf überließen.
Die Entscheidung, für welches Amt Gaius kandidieren würde, war nicht leichtgefallen. Die Justinii Marcellii hatten schon einigen Kandidaten ihre Unterstützung zugesagt, so dass Gaius jetzt nicht gegen sie antreten konnte. So blieben nur die ungeliebten Ämter der Kuratoren für die Straßen. Die Aufgabe der duoviri viarum war es, sich um den Zustand und die Sauberkeit der Straßen innerhalb der Stadt zu kümmern. Damit befanden sie sich zwischen Scyllia und Charibdis: Verrichteten sie das Amt anständig, machten sie sich bei den Nachbarn unbeliebt, weil sie Bußgelder verhängen mussten. Ließen sie die Zügel schleifen, bestand die Gefahr, von einem politischen Gegner wegen Vernachlässigung der Amtspflichten verklagt zu werden.
Die quatroviri viarum
