Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Krieg in Germanien. Der römische Feldherr Drusus marschiert mit seinen Legionen vom Rhein zur Weser, um die Sugambrer zu unterwerfen. Melon, Herzog der Sugambrer, schmiedet seinerseits eine Koalition gegen die römischen Invasoren. Wer hat Erfolg? Auf welche Seite wird sich der Stamm der Cherusker schlagen?Mittendrin befindet sich Centurio Marcellus, der eine Centurie der XVIII Legion befehligt. Er muss sich mit zweifelhaften Verbündeten, der schlechten Versorgungslage fernab der römischen Legionsstützpunkte und germanischen Hinterhalten herumschlagen. Auch sein Privatleben bleibt vom Krieg nicht verschont. Es ist nicht immer leicht, den Überblick zu behalten und das Richtige zu tun. Denn wie schon Cicero sagte: Inter arma enim silent leges. Unter Waffen schweigen die Gesetze.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Klaus Pollmann
Unter Waffen schweigen die Gesetze Klaus Pollmann published by: epubli GmbH, BerlinCopyright: © 2015 Klaus Pollmann Konvertierung: Sabine Abels www.e-book-erstellung.de
Amisia
Ems
Dimella
Diemel
Lupia
Lippe
Rhenus
Rhein
Rura
Ruhr
Visurgis
Weser
Aliso
Bergkamen
Arausio
Orange
Augusta Treverorum
Trier
Benesbure
Bensberg
Castra Confluentes
Lager am Zusammenfluss Fulda und Werra/Hedemünden
Lugdunum
Lyon
Mogontiacum
Mainz
Novaesium
Neuss
Oppidum Ubiorum/Castra Ubiorum
Köln
Vetera
Xanten
Lucius Justinius Marcellus
Centurio in der XVIII Legion Gallica
Gnaeus Justinius Marcellus
sein Vater ehemaliger primus pilus unter Caesar
Gaius Justinius Marcellus
Bruder Anwalt in Arausio und Lugdunum
Marcus Cornelius Plautus
Bruder lebt in Rom
Gaius Syros
Vetter lebt in Syrien
Appius Maestus
Freund, Geschäftsmann im Oppidum Ubiorum
Faustus
Sklave des Lucius
Fausta
Sklavin des Lucius und Lebendsgefährtin von Faustus
Tertia Hateria
Witwe aus Augusta Treverorum
Ancus Haterius
Bruder von Tertia
Novius Haterius
Bruder von Tertia
XVIII Legion
Furnius
Legat der XVIII Legion
Silvanus
Legat der XVIII Legion
Tribune:
Saturninus
senatorischer Tribun
Apronius
senatroischer Tribun
Silanus
Tribun
Paternus
Tribun später stell. Präfekt der Kundschafter
Aquila
Tribun
Piso
Tribun
Plotius
Tribun
Titus Statilius Solon
Medicus
Gemellus
Primus Pilus der XVIII Legion
Visellius
Primus Pilus der XVIII Legion
Plotius
Praefectus Castrorum der XVIII Legion
Centurionen der 3. Kohorte
Mucius
Tuditianus
Cossulius
Mamilius
Secundus
Ligarius
Hastatencenturie
Publius Caedicius
Optio
Fulcinus
Signifer
Raecius
Tesserarius
Marcus Caelius
Immunes Schreiber
Legionäre
Andarius
Bruttius
Ennius
Siccius
Trebius
Corvus
Cornix
Nero Claudius Drusus
Statthalter und Feldherr
Tiberius Claudius Nero
Statthalter und Feldherr
Antonius
Legat
Telesinus
Legat
Lepidus
Legat
Gaius Julius Licinius
Prokurator – später Präfekt der Kundschafter
Germanen
Agilmar
Herzog der Marser
Heimrich
einer seiner Häuptlinge
Marcus Vipsanius Haldavoo
Häuptling der Ubier
Marcus Vipsanius Hristo
sein Sohn, Präfekt der Ala Pomponianii
Marcus Vipsanius Haldavoo der Jüngere
jüngster Sohn
Reburrus
ein Halbfreier
Sugambrer
Melon
Herzog der Sugambrer, Anführer der Wolfssippe
Baitorix
sein Bruder und Priester der Tamfana
Meinolf
Sohn des Melon
Ringolf
Sohn des Melon
Gerwin
Häuptling der Speersippe
Gerolf
sein Sohn
Geront
jüngster Sohn
Germar
Neffe von Gerwin
Telma
Frau des Gerolf
Ansgar
erster Gefolgsmann von Gerolf
Die oberhalb der Diemel gelegene Eresburg war von strategischer Bedeutung. Sie beherrschte die Straße zur Weser und kontrollierte den Zugang zur Hochebene von Arbalo und damit die Bergwerke. Lange Zeit war sie der Sitz der Teiwazsippe gewesen, bis Melon und seine Wolfssippe sie vertrieben hatte.
Jetzt verbrachte der Herzog der Sugambrer hier den Winter. Melon hatte zahlreiche Unterhändler und Kundschafter zu den anderen Stämmen geschickt. Ihre Nachrichten waren ausgesprochen schlecht.
„Sechs Legionen sind am Rhein aufmarschiert“, berichteten die Kundschafter. „Außerdem rüsten die Chatten zum Krieg. Sie sind von den Römern aufgewiegelt worden und werden angreifen, sobald der Schnee geschmolzen ist.“
Baitorix, Melons Bruder und Priester der Göttin Tamfana, hatte mit den Stämmen des Nordens verhandelt und war unverrichteter Dinge zurückgekehrt. Die Friesen, Chamaven und Chauken hatten sich mit den Römern verbündet.
„Die Stämme des Nordens berichten, dass die Römer mit Hunderten von Schiffen an den Küsten des Nordmeers aufgetaucht sind. Schiffe, so groß wie Häuser!“, berichtete Baitorix. „Selbst die Brukterer, die viele Tagesreisen vom Meer entfernt leben, erzählen, dass Schiffe, auf die ganze Gefolgschaften passen, in die Flüsse vorgedrungen sind.“
Melon rief also die Aldermänner und Hunnos der Sugambrer auf der Eresburg zusammen. Er schickte auch Boten zu den Cheruskern, und deren Aldermänner Segimundus, Sebald und Ermin folgten seinem Ruf.
Gerolf war als Vertreter der Speersippe seines Vaters Gerwin auf die Eresburg gesandt worden. Er konnte die Geschichten aus dem Norden einfach nicht glauben. Zur gleichen Zeit, als mehrere Legionen ins Land der Sugambrer vorgedrungen waren und die Hirschsippe und die Teiwazsippe unterworfen hatten, hatten andere Römer das Nordmeer befahren? Das klang wie eine Gruselgeschichte, die man im Winter am Feuer erzählte. So viele Krieger konnte keine Macht der Welt aufbringen!
Doch auch Gerolf hatte wichtige Neuigkeiten für Melon. Er überbrachte dem Herzog die Grüße und besten Wünsche seines Vaters und berichtete ihm von der Kontaktaufnahme mit den Römern.
Auf Melons Wunsch hatte Gerwin Boten zu den Römern geschickt und nach den Bedingungen für eine Unterwerfung gefragt. Die Römer hatten nicht viel verlangt, und was sie verlangt hatten, war sehr eigenartig.
Die Speersippe sollte, als Zeichen ihrer Aufrichtigkeit, die Bauarbeiten an der Benesburg einstellen. Die Nordmauer sollte unvollendet bleiben. Einen Weiterbau, so verkündete der Gesandte der Römer, würden die Römer als Kriegserklärung betrachten. Gerwin hatte dem Vertrag zugestimmt und durfte nun nicht mehr mit seinen Gefolgsleuten gegen die Römer kämpfen. Für Melon waren dies trotzdem ausnahmsweise gute Nachrichten. Er konnte die Eindringlinge jetzt aus nächster Nähe beobachten. Händler und Fischer lieferten Berichte über Nachschub- und Truppenbewegungen. Außerdem konnte die Speersippe ungestört Vorräte, Männer und Waffen liefern, ohne von den Römern behelligt zu werden.
Einen Teil von Gerwins Gefolgsleuten würde Melon einfach übernehmen. Die Unterwerfung der Speersippe war ein taktisches Meisterstück! Zufrieden entließ Melon Gerolf.
Der ging eilig über den Hof zur großen Halle. Nach der langen Unterredung mit Melon war er spät dran. Das Festessen hatte schon begonnen.
Die Fackeln warfen ein unruhiges Licht auf die Versammelten, und die Schatten tanzten um sie herum. Die Gefolgsleute saßen an langen Tischen. Gerolf sah seinen kleinen Bruder Gernot, der, wie alle jüngeren Söhne, die noch nicht zum Mann erklärt worden waren, herumging und Bier und Met einschenkte. Der Duft von Gebratenem hing in der Luft.
Gernot stellte seinem Bruder mit einem flüchtigen Lächeln einen Teller mit Brot und einem würzigen Käse hin und eilte weiter. Gerolf setzte sich neben Segestes, einem jungen Cherusker. Meinolf, Melons ältester Sohn, begrüßte ihn mit einem Kopfnicken.
„Warum sollen wir nach Westen ziehen?“, fragte Segestes herausfordernd in die Runde hinein. „Was gibt es im Land jenseits des Rheines schon?“
Meinolf schwang sein Bein über die Bank, stand auf und kam zu ihnen herüber. Er ließ sich direkt neben Gerolf auf die Bank fallen.
„Das ist eine gute Frage, Segestes, Sohn des Segimundus.“
Er trank einen Schluck Bier und wischte sich den Schaum aus dem Bart.
„Gallien ist ein ausgesprochen fruchtbares Land, es macht viele Menschen satt. Sie haben dort wunderschöne Frauen und sehr guten Stahl.“
Gerolf sah sich nach seinem Bruder um.
„Gernot! He, Gernot!“
Er winkte ihn zu sich. „Gib‘ mir dein Messer!“
Gernot gehorchte. Gerolf schob Segestes das Messer über den Tisch zu. Der Cherusker sah erstaunt von ihm zu Gernot, der nur mit den Schultern zuckte. Segestes zog das Messer aus seiner Scheide und betrachtete die Klinge.
„Ich habe meinem Bruder Gernot das Messer von meiner letzten reisa nach Gallien mitgebracht“, erklärte Gerolf.
„Diesen Stahl hast du verschenkt?“, fragte Segestes ungläubig. „Du hast ihn nicht selbst behalten?“
Gerolf schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe dieses hier.“
Er schob seine eigene Klinge über den Tisch.
„Es soll dir gehören.“
Segestes bestaunte die Klinge.
„Ich danke dir Gerolf, Sohn des Gerwin“, sagte der Cherusker. „Ein wahrhaft großzügiges Geschenk! Nimm meine Klinge im Austausch dafür!“
„Danke, Segestes, Sohn des Segimundus“, sagte Gerolf und musterte Segestes‘ Klinge aus brüchigem Eisen. Kein Wunder, dass der gallische Stahl den Cherusker so begeisterte.
„Die gallischen Schwerter sind noch viel besser“, sagte Meinolf laut und vernehmlich.
Sebald hatte ihr Gespräch aufmerksam verfolgt und rief nun vom anderen Ende der Tafel her: „Wann hast du die nächste reisa geplant, Meinolf?“
In seinen Augen flackerte die Beutegier.
„Mein Sohn Segimer würde sich dir gerne anschließen. Das wäre mal was anderes als den Langobarden ein paar magere Kühe zu rauben!“
„Mir folgen dreißig Schwertträger!“, rief Segimer. „Meinolf, ich stehe dir mit meinen Männern zur Verfügung.“
„Mit solchen Kriegern an unserer Seite würden wir noch mehr Ruhm und Beute erringen“, bestätigte Meinolf. „Doch so sehr ich dein Angebot begrüße, Sebald, wir werden uns erstmal eines Überfalls der Chatten erwehren müssen.“
„Die Chatten? Die werdet ihr doch leicht zurückschlagen können!“
„Die Römer stehen an den Ufern der Lupia. Wenn wir sie zurückgeschlagen haben, werden wir die reisa sofort durchführen. Wir können dann nicht auf deinen Sohn warten.“
Sebald schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. „Dann soll er dir bei dem Kampf gegen die Römer und Chatten zur Seite stehen. Er soll seine Beute im Krieg machen und danach an der reisa teilnehmen.“
„Wenn du es wünscht, Aldermann!“, sagte Meinolf und trank Sebald zu. „Aber wie umfangreich die reisa sein wird, kann ich dir nicht sagen. Du weißt, das Glück ist im Krieg launisch und schlägt sich mal auf diese, mal auf jene Seite.“
Sebald wischte die Bemerkung mit einer Handbewegung beiseite.
„Ich bin kein Knabe mehr, natürlich weiß ich das. Ich werde Segimer auch noch einige meiner Schwertträger mitgeben. Hundert Krieger sollen ihn begleiten.“
„Und was ist mit mir?“, begehrte jetzt Sebalds jüngerer Sohn Inguiomer auf. „Ich kann auch mit Schwert und Speer umgehen.“
„Gebrauche erstmal den Speer richtig bei deiner Frau!“, höhnte Sebald. „Dein Bruder hat immerhin schon einen Sohn gezeugt, und seine Frau ist bereits wieder schwanger. Der Bauch deines Weibes ist glatt wie ein Teich.“
Inguiomer sah seinen Vater wütend an und knallte den Becher auf den Tisch. Seine Antwort ging im Gelächter der Männer unter.
Jetzt meldete sich Segimundus lautstark zu Wort.
„Mein Sohn Segestes soll euch auch begleiten.“
Schon erhoben auch die anderen Hunnos der Cherusker ihre Stimmen und boten Männer für einen Kriegszug gegen die Römer an.
Meinolf ist kein Wolf, sondern ein Fuchs, dachte Gerolf bewundernd. Er hatte es tatsächlich geschafft. Die cheruskischen Hunnos überboten sich darin, Krieger für einen Krieg gegen die Römer zu stellen, und andere Stämme würden folgen. Sollten die Römer also ruhig kommen.
Im Sitzen essen! Bei einem gesellschaftlichen Ereignis! Das war ja wohl so barbarisch wie nur irgendwas. Klar, im Felde, wo man allerlei Unbequemlichkeiten erdulden musste, da konnte so was ja noch angehen, aber hier? Lucius verlagerte sein Gewicht. Auf einer Bank sitzen! Man konnte sich nicht anlehnen, man konnte sich nicht entspannen, stattdessen hockte man an diesem Tisch und brauchte zwei Hände, um das Essen zu zerteilen. Und dann dieses Gesöff! Das Bier schmeckte so ähnlich wie die gallische cervisia. Da war ihm dieser Met noch lieber, wenn es schon keinen Wein gab. Haldavoo und seine Söhne hatten zwar das römische Bürgerrecht, aber ihre Esskultur war eindeutig barbarisch.
Es wäre aber unhöflich, ihnen das zu sagen. Immerhin hatten sie ihn eingeladen, um die Ernennung von Haldavoos ältestem Sohn Marcus Vipsanius Hristo zum neuen Präfekten der Ala Pomponianus zu feiern.
Lucius war seine Aufgabe als Ausbilder endlich los und freute sich auf einen Urlaub, bevor er im Frühjahr seine neue Centurie übernehmen würde. Er würde die Saturnalien in Augusta Treverorum feiern und seine freie Zeit in vollen Zügen genießen.
„Ich kann dir nicht zustimmen“, sagte Hristo, und brachte Lucius damit ins Hier und Jetzt zurück. Der frisch ernannte Präfekt schnitt sich ein Stück Braten herunter und warf es sich auf den Teller. Er sah Lucius über den Tisch hinweg an.
„Das römische Bürgerrecht ist nur eine Auszeichnung, so wie ein Ehrengeschenk. Mehr nicht.“
„Das römische Bürgerrecht ist mehr als das“, belehrte Lucius ihn, und probierte einen Bissen von dem Fleisch. Durchaus genießbar, dachte er überrascht.
„Das römische Bürgerrecht ist ein Privileg.“
„So? Dann lass mich von diesem Privileg wissen.“
„Du bist von persönlichen Steuern befreit und darfst in den Legionen dienen.“
„Dafür zahlt mein Stamm Steuern, zu denen ich beitragen muss, und mir reicht es vollkommen in den Kohorten oder den Alen der Ubier zu kämpfen.“
„Du hast das Recht auf einen Prozess, und bei einer Verurteilung das Recht auf eine provocatio beim Princeps.“
„Auch als Ubier habe ich das Recht auf einen Prozess auf dem Thing.“
„Du darfst nicht erniedrigt, gequält oder gefoltert werden!“
„Das darf das Thing auch nicht anordnen.“
„Du darfst nicht zur Zwangsarbeit verurteilt werden.“
„Das werde ich vom Thing auch nicht.“
„Todesurteile gibt es nur für Hochverrat, und auch dort steht dir das Recht auf Tod durch das Schwert oder durch die eigene Hand zu. Das Kreuz bleibt dir erspart.“
„Tod ist Tod. Was spielt es für eine Rolle, wodurch er herbeigeführt wird?“ Hristo lächelte. „Sieh es ein, Centurio. Deine Privilegien gelten vielleicht für die Menschen in deinem Land oder im Osten, wo sie vor Königen katzbuckeln müssen, aber nicht für die Menschen hier, die Ubier, Bataver oder Sugambrer.“
„Natürlich spielt die Todesart eine Rolle“, warf Hristos Bruder ein. „Ob du im Moor versenkt oder gehenkt wirst, ob du den Strohtod stirbst oder im Kampf, spielt sowohl für dich als auch für deine Familie eine Rolle.“
Hristo zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht. Alles in allem sehe ich das römische Bürgerrecht aber nur als Ehrenzeichen.“
„Ich sehe die Rechtsprechung als den wichtigsten Punkt“, beharrte Lucius. „Wenn das für uns Römer nicht so wichtig wäre, würden wir es nicht in die Verträge mit unseren Verbündeten schreiben. Das Recht auf einen Prozess ist nicht so selbstverständlich.“
„Für einen freien Ubier schon.“
„Und wenn du eine Reise unternimmst? Nach Lugdunum? Nach Augusta Treverorum?“
„Was soll ich da?“
Lucius hob resignierend die Arme.
„Mit jemandem, der alles verneint, kann man nicht diskutieren, und man kann ihn auch nicht überzeugen.“
„Du wirst noch auf viele Hunnos treffen, die so denken wie ich“, erklärte Hristo lachend. „Ich erkenne viele Vorteile in dem, was du gesagt hast, aber ich sehe es nicht in so leuchtenden Farben wie mein kleiner Bruder. Und andere Hunnos werden dort, wo du von Freiheit sprichst, nur die Kette der Sklaverei sehen.“
„Dann kann ich ihnen nicht helfen.“
Lucius war dieses Themas überdrüssig. Wenn die Germanen, egal ob Ubier, Bataver oder Sugambrer, die Vorteile des römischen Imperiums im Allgemeinen und des römischen Bürgerrechtes im Besonderen nicht erkennen konnten oder wollten, dann eben nicht.
Jetzt schaltete sich Haldavoo der Ältere ein, der bisher schweigend auf seinem Stuhl am Kopfende der Tafel gesessen hatte.
„Marcus,“ er nickte zu seinem jüngsten Sohn hin, dessen voller Name Marcus Vipsanius Haldavoo der Jüngere lautete, der aber zur Unterscheidung von seinem Vater nur Marcus gerufen wurde, „hat eine Einladung nach Rom bekommen.“
„Eine Einladung nach Rom?“, fragte Lucius überrascht.
„Der Statthalter Roms hat eine Einladung an alle Aldermänner und Hunnos der Ubier und Bataver geschickt“, erzählte der Häuptling. „Sie sollen einen ihrer Söhne nach Rom schicken, wo sie Gäste des Princeps sein werden.“
„Das ist eine große Ehre. Du wirst die größte Stadt der Welt kennen lernen und eine Ausbildung erhalten“, sagte Lucius begeistert. „Du hast die letzten Jahre als mein Reitknecht viel gelernt, und dir steht eine Karriere im ganzen Imperium offen.“
Die Ubier teilten seine Begeisterung nicht.
„Er wird eine Geisel sein“, widersprach Hristo. „Und allein unter Fremden.“
„Er kann Latein. Er ist klug“, entgegnete Lucius. „Es wird ihm gut gehen.“
„Ich weiß nicht“, sagte Marcus beklommen. „Rom ist viele Tagesreisen entfernt von hier. Was ist, wenn ich Hilfe und Unterstützung brauche? An wen soll ich mich wenden?“
„Mein Bruder Marcus lebt in Rom“, sagte Lucius. „Ich kann dir ein Schreiben an ihn mitgeben.“
„Was soll ein bekritzeltes Pergament nutzen?“, fragte Hristo geringschätzig.
„Es bietet dir Schutz, wie ein Gastgeber“, erklärte Lucius.
„Und dein Bruder wird einen Barbaren, der an seine Tür klopft, hereinbitten, um die Zeilen zu lesen?“, fragte Hristo spöttisch.
So angriffslustig kannte Lucius ihn gar nicht.
„Hast du heute was Falsches gegessen?“, fragte er Hristo und säbelte sich ein Stück Braten herunter. Er legte es auf seinen Teller, häufte dazu noch ein wenig Gemüse an und trank einen Schluck von dem sauren Bier.
Hristo sah ihm belustigt zu. „Centurio, ich sehe einige Vorteile, die uns dein Volk bringen kann, aber stell es bitte nicht so dar, als ob ihr wie ein Segen der Götter über uns gekommen seid. Wir haben bisher auch nicht wie die Tiere gelebt.“
Das kam immer darauf an, wen man fragte, dachte Lucius. Viele Römer sahen das anders. Er steckte sich ein Stück Braten in den Mund. So musste er wenigstens nicht direkt antworten.
„Wie würde das mit dem Schreiben funktionieren?“, hakte Marcus noch einmal nach.
Lucius überlegte kauend. Ein Schreiben alleine konnte in der Tat zu wenig sein.
„Ich werde dir ein Zeichen für das hospitium mitgeben“, sagte er dann. „Eine Tafel, auf der unser beider Namen stehen, und die Erklärung, dass du mein Gast bist. Diese Tafel breche ich in zwei Teile. Einen sende ich mit einem Brief an meinen Bruder und einen bekommst du.“
„Wenn du das tust, schulden wir dir etwas“, sagte Haldavoo der Ältere. „Ich wusste nicht, dass du einer so mächtigen Familie angehörst, dass dein Wort über Tausende von Meilen noch Gewicht hat.“
Macht und Einfluss waren ein zweischneidiges Schwert. Sie brachten Rechte, aber auch Pflichten, und konnten sogar gefährlich werden. Lucius dachte an den Brief seines Vaters, den er vor wenigen Tagen bekommen hatte. Sein Bruder Gaius vertrat in Lugdunum den Fall einiger gallischer Stämme gegen Gaius Julius Licinius. Licinius war nicht irgendein freigelassener Gallier. Er war vom göttlichen Julius freigelassen worden und diente Augustus und Drusus. Von diesen war er zum Prokurator ernannt worden. Sich gegen Licinius zu stellen war ein Risiko.
Vielleicht wird die Freundschaft eines germanischen Häuptlings meiner Familie irgendwann noch nützlich sein, dachte Lucius.
Gnaeus Justinius Marcellus grüßt seinen Sohn, den 2. Principes Centurio Lucius Justinius Marcellus
Mit Genugtuung habe ich von deiner Ernennung zum Principes Centurio gehört, und auch mit Freuden vernommen, dass du deine Pflicht tust.
Selbstverständlich habe ich dies von dir als einem Justinii Marcelli nicht anders erwartet, trotzdem ist eine Beförderung, die Verleihung der torque, ein Zeichen der Anerkennung.
Wir wissen zwar alle, dass die Legionen von heute nicht mehr mit denen von früher vergleichbar sind. Es darf bezweifelt werden, ob eine Legion heute in der Lage wäre, im Winter durch die verschneite Cebenna zu ziehen. Auch das Ausheben von 30 Meilen Befestigung in drei Wochen werden die heutigen Legionäre kaum schaffen. Sie sind doch alle verzärtelt, man hört, manche nehmen ihre Frauen mit, um sie in ihrer Nähe zu haben. Das hätte es früher nicht gegeben! Trotzdem ist ein Sieg über Germanen ein Sieg über Germanen und verdient Anerkennung, selbst wenn dieser Melon nicht so viele Krieger wie Ariovist hatte.
Dein Bruder Gaius hat mich zum zweiten Mal zum Großvater gemacht. Es gibt wieder einen Gnaeus Justinius, und ich unterstütze ihn und Julia bei der Erziehung der Kinder. Sie sollen als echte Römer aufwachsen, und jemand muss euch Jungen ja die richtigen Werte vermitteln.
Als Anwalt erregt Gaius weiterhin Aufsehen. Es sind einige Stämme aus den drei Gallien an ihn herangetreten, um ihren Fall vor dem Statthalter zu vertreten. Es geht um Ungenauigkeiten bei der Steuereintreibung. Kann man von einem Steuereintreiber jemals etwas anderes erwarten?
Gaius schwankte, ob er diesen Fall annehmen sollte, da er gegen den Prokurator klagen müsste. Dieser Gaius Julius Licinius ist immerhin von Augustus eingesetzt worden! Gaius findet es unklug, sich mit diesem Fall zu befassen. Ich aber habe ihn darüber belehrt, dass wir eine Verpflichtung unseren Klienten gegenüber haben, und dazu gehören auch die gallischen Stämme, die ich während Agrippas Statthalterschaft unter meine Fittiche genommen habe. Dein Großvater hat nicht gescheut, mit seinem Leben für das einzustehen, was für seine dignitas und die seiner Klienten oder seines Patrons das Richtige war.
Gaius muss dies noch lernen, wenn er irgendwann das Oberhaupt der Justinii Marcelli sein will. In diesem Fall habe ich als pater familias ein Machtwort gesprochen und ihm gesagt, er solle die Gallier vertreten. Vor so einem Freigelassenen soll ihm nicht bange sein!
Ich wünsche dir Erfolg, Beute und Gesundheit auf deinen weiteren Feldzügen. Sei deinen Legionären stets ein gutes Vorbild, und verlange nichts, was du nicht auch tun würdest! Sei hart, aber gerecht zu deinen Legionären! Wer die vitis spart, verzieht den Legionär.
Es grüßt dich dein Vater
Gnaeus Justinius Marcellus
Lucius wachte wie immer vor Tagesanbruch auf. Durch die Fensterläden schimmerte bereits das Licht des neuen Tages. Lucius lauschte auf die gleichmäßigen Atemzüge von der anderen Seite des Bettes. Tertia schlief noch. Leise schwang er sich aus dem Bett und suchte nach seiner weißen Leinentunika, streifte sie über und tapste zur Tür.
Er hatte den Winter bei seinem Freund Appius Maestus in Augusta Treverorum verbracht und war mit ihm ins Oppidum Ubiorum zurückgekehrt.
Appius Maestus‘ Haus war eines der komfortabelsten Häuser im Oppidum und konnte sich durchaus mit den Häusern der Magistrate messen. Es bewies, dass Appius Recht gehabt hatte: Das Oppidum Ubiorum war eine Goldgrube. Appius‘ Vater hatte das bezweifelt.
„Kein Kupferas bekommst du von mir“, hatte der alte Maestus unmissverständlich gesagt. „Du meinst, du könntest erfolgreich sein, na, dann los.“
Nach bereits zwei Jahren konnte sich das Geschäft sehen lassen. Aus Appius war ein angesehener Händler und Bauunternehmer geworden.
Das Haus erwachte nur langsam zum Leben. Wie jeden Morgen huschte Janus umher, löschte die Nachtlampen und entzündete das Herdfeuer.
„Deine posca wird gleich fertig sein“, begrüßte der Sklave Lucius.
„Wo ist Faustus?“
„Er erwartet dich im Bad.“
„Appius und Domitia?“
„Der dominus und die domina schlafen noch. Ich werde sie in einer Stunde wecken.“
Jeden Morgen der gleiche Wortwechsel, fast wie ein Ritual. Lucius nickte Janus noch einmal zu und ging dann in Richtung Bad, wo sein Sklave Faustus ihn erwartete.
Der Junge stammte von den Dakern ab und war entsprechend groß, da er aber als Sklave in Gallien geboren war, konnte er in seiner Muttersprache nur fluchen.
Lucius streifte die Tunika ab und setzte sich auf einen Schemel. Faustus wusch ihn mit einem Schwamm ab, während Lucius seinen Gedanken nachhing.
„Die Nachbarn reden“, sagte Faustus und schrubbte nicht gerade sanft mit einem Metallschaber über Lucius‘ Rücken.
„So? Was reden sie denn?“
„Ein Mann und eine Witwe zusammen unter einem Dach, da weiß man, was vorgeht. Keine ehrbare Frau würde so etwas tun“, sagte Faustus. „Ganz gleich, wie groß die Wohnung ist. Aber bei Appius Maestus mit einem …!“
Faustus verstummte.
„Ja?“, fragte Lucius.
„Mit einem ausgehungerten Soldaten in einem Haus. Mithridates, der Janitor von gegenüber, sagte: Ein Wunder, dass Tertias Schreie nicht die ganze Nachbarschaft wachhalten. Du würdest sie doch bestimmt jede Nacht besteigen.“
Sklavenklatsch war kein bisschen diskreter und vornehmer als Soldatenklatsch, das wusste Lucius, aber irgendwie war es etwas anderes, Ziel des Klatsches im Oppidum zu sein als im Castrum.
„Ich habe ihm gesagt, er soll nicht von seinem Herren auf meinen schließen.“
Lucius hatte das Gefühl, irgendwas dazu sagen zu müssen. „Ah ja, gut.“
„Die Dame Tertia sei ein geehrter Gast in diesem Hause, genauso wie der Centurio Marcellus. Wenn anderweitige Gerüchte in Umlauf gerieten, würde der Centurio so einen klatschsüchtigen Janitor verantwortlich machen.“
Faustus machte ein selbstzufriedenes Gesicht.
„Dann würde der Centurio den klatschsüchtigen Janitor einfach kaufen und mit zur Legion nehmen.“
Jetzt lachte Faustus ein wenig schadenfroh.
„Das brachte sein lüsternes Grinsen zum Verschwinden.“
„Ja, gut“, wiederholte Lucius lahm.
Faustus hatte die Waschung beendet und reichte ihm ein Tuch zum Abtrocknen.
„Gestern kam die Antwort.“
„Was für eine Antwort?“, fragte Lucius.
„Tertias Bruder Ancus Haterius ist im Oppidum eingetroffen“, sagte Faustus tonlos.
„Er ist gestern angekommen? Warum hast du mich nicht informiert?“, fragte Lucius erbost. „Die Dame Tertia hätte gestern schon in sein Haus gehen können.“
„Das hatte ich irgendwie vergessen“, sagte Faustus. „Verzeih mir.“
Lucius warf ihm einen durchdringenden Blick zu.
„Was sage ich Haterius jetzt, warum seine Schwester noch eine Nacht hier geblieben ist?“
„Sag ihm, dass du einen nachlässigen Sklaven hast, der die Peitsche verdient“, erwiderte Faustus gelassen und begann mit der Rasur.
„Du bringst mich auf gute Ideen“, drohte Lucius.
„Was ist, wenn er dich verklagt? Oder sein Bruder?“, fragte Faustus.
„Das werden sie nicht“, meinte Lucius zuversichtlich. „Weswegen auch?“
„Oder wenn er sie tötet?“
„Das wäre Mord. Sie untersteht nicht ihren Brüdern. Sie ist Witwe, hat dreimal geboren, ihr Vater ist tot. Folglich ist sie sui iuris, mündig, und für sich selbst verantwortlich“, sagte Lucius.
„Ob ihre Brüder das auch so sehen?“, fragte Faustus, und kratzte die Bartstoppeln am Kinn ab. „Sie gelten als so konservativ wie Cato.“
Eine Weile war nur das leise Schaben von Faustus‘ Messer zu hören.
„Hast du Tertia mal gefragt, ob sie bei dir bleiben will?“, fragte er dann unvermittelt.
„Sie wird doch nicht mit mir durchs Imperium ziehen wollen.“ Lucius seufzte tief. „Schön wäre es aber.“
„Ja, aber hast du sie gefragt?“
„Wenn sie bei mir bleiben wollte, hätte sie doch was gesagt.“
Was dachte sich Faustus eigentlich?
„Also hast du sie nicht gefragt!“
Faustus wischte ihm mit einem feuchten Tuch durch das Gesicht und reichte ihm eine frische Leinentunika.
„Nein, ich hab sie nicht gefragt.“
Lucius streifte die Tunika über und raffte sie, um sie zu gürten.
„Kümmere dich um meine posca!“
Den Winter über war Tertia seine Bettgefährtin gewesen. Was danach sein würde, hatte er sich nie gefragt. Bald würden die Legionen ausrücken, und nur die Götter wussten, wann sie zurückkehrten.
Wollte er überhaupt zu ihr zurückkehren? Er nahm den dampfenden Becher posca entgegen und trank einen langen Schluck. Das Getränk vertrieb den letzten Rest Schlaf aus dem Körper und sorgte für einen klaren Kopf.
Jemanden zu haben, zu dem man zurückkehren konnte, das wäre ein schönes Gefühl. Aber war Tertia dieser Jemand? Das war die Frage.
Im Haus begann es zu rumoren.
Und wenn sie bei ihm bleiben würde? Was würde ihre Familie sagen? Wo sollte sie wohnen? In einem vicus oder im Oppidum? Wovon sollte sie in seiner Abwesenheit leben? Er könnte Monate und Jahre fort sein, so viel Geld konnte er nicht für sie zurücklassen. Anspruch auf seinen Sold konnte sie nicht erheben.
Er ging in die Schlafkammer zurück. Tertia war aufgewacht.
„Fausta sieht noch nach ihrem Kleinen und wird gleich für dich da sein“, begrüßte Lucius sie. Tertia machte keine Anstalten aufzustehen und nickte nur. Lucius ließ seinen Blick über ihren nackten Körper schweifen. Tertia war kräftig gebaut. Man sah ihr die Schwangerschaften an. Es war aber nicht ihr Körper, der ihm an Tertia aufgefallen war, sondern ihr Gesicht und ihre Augen. Ein Gesicht, das hart aussah, wenn sie ernst oder nachdenklich war, sich aber gänzlich veränderte, sobald sie lächelte. Es war, als ob sie eine Maske abnähme und darunter ein anderes Gesicht zum Vorschein käme. Ein strahlendes, freundliches Gesicht mit wunderschönen Augen. Er schmunzelte.
„Woran denkst du gerade?“, fragte sie.
„An den Tag, als ich eine Bemerkung über deine Augen gemacht habe und Du mich ausgelacht hast!“
„Ich habe dich nicht ausgelacht“, protestierte sie. „Ich habe nur gesagt, dass diese Art Sprüche von kleinen Jungs verwendet wird.“
„Na ja, ich bin ein wenig aus der Übung“, sagte Lucius. „Aber irgendwas muss dir ja an mir gefallen haben.“
Sie lächelte verschmitzt. „Du hast geschmollt, und da wurde aus dem harten Centurio plötzlich der junge Mann, der er eigentlich ist.“
Lucius sah sie erstaunt an.
„Das hat dich für mich eingenommen?“
Sie nickte und streckte die Hand nach seinem Becher aus. Lucius reichte ihr das Getränk.
„Eben warst du noch so angeberisch: ‚Ich gehöre nicht zur nobilias, aber meine Familie ist nicht ganz unwichtig in Gallien, und natürlich werden wir bei Gesatorix übernachten können‘“, ahmte sie seine Stimme nach.
Lucius lachte verlegen. Ja, es stimmte, er hatte sie beeindrucken wollen, nachdem er Faustus ausgeschickt hatte, um bei Gaius Julius Gesatorix um Quartier zu bitten.
„Und dann hast du beim Essen versucht, mich mit den Sprüchen eines Fünfzehnjährigen zu umgarnen.“
„Und du sagtest, so jung sind wir aber beide nicht mehr.“
Sie lachten beide. Lucius liebte es, mit ihr zu lachen.
„Und du schmolltest den Rest des Abends.“
„Und das hat dich von meinem guten Charakter überzeugt!“, stellte Lucius fest und setzte sich aufs Bett.
„Nein, das war Fausta.“
„Fausta? Du hörst also auf Sklavenklatsch?“
„Natürlich, wie soll man sonst auf dem Laufenden bleiben?“
„Was hat sie denn für schlimme Dinge über mich erzählt?“
„Oh, sie verehrt dich, sie würde nie etwas Schlimmes über dich sagen.“
„Sie verehrt mich?“, fragte er überrascht.
„Du hast sie einem Tribun abgekauft und ihr erlaubt, mit Faustus zusammenzuleben.“
„Der Tribun hat mich dazu gezwungen, und Faustus ist der Vater ihres Kindes“, wehrte Lucius ab.
„Außerdem behandelst du Faustus anständig. Er bekommt mal eine Ohrfeige, aber die Peitsche hast du noch nie gegen ihn erhoben.“
„Er hat mir noch keinen Grund gegeben.“
„Und selbst, wenn du noch so lange keine Frau gesehen hast, du hast Fausta noch nie angerührt. Du bezahlst lieber eine Hure.“
„Fausta lebt mit einem anderen Mann zusammen.“
Sich an einer wehrlosen Frau vergreifen? Wovon redete Tertia da bloß?
„Sie ist dein Eigentum, und du hättest von ihr das bekommen können, wofür du woanders bezahlst.“
„Meine Familie hat nur wenige Sklaven, und ich käme nie auf solch eine Idee“, sagte Lucius kopfschüttelnd. „Was willst du mir damit eigentlich sagen?“
„Dass ich daher wusste, dass ich vor dir nichts zu befürchten hatte. Selbst wenn du scharf wie ein brünstiger Eber bist, du würdest nur versuchen, mich mit Worten herumzukriegen, aber nie mit Gewalt.“
„Aber die Worte haben ja nicht gewirkt. Ich bin eben aus der Übung.“
Tertia lächelte ihn an.
„Du und ich, wir sind in anderen Welten groß geworden“, sagte Tertia. „Ich stamme aus einer Welt, in der die Manusehe selbstverständlich ist, in der Männer gegen die Vorstellung wettern, dass Frauen selbst über Geld verfügen können und sogar mündig werden. Und eine Welt, in der ein Vater oder ein Mann seine Frau tötet, wenn sie mit einem anderen Mann zusammen ist.“
Sie reckte sich.
„Deine Erzählungen von Arausio und dein Umgang mit den Sklaven zeigten mir eine andere Welt. Eine Welt, die ich kennen lernen wollte, und da habe ich entschieden, dich in mein Bett zu nehmen. Ich wollte es so, daher keine Geschenke, kein Geld.“
Lucius hob abwehrend die Hände. „Davon habe ich doch gar nichts gesagt.“
„Nein, aber ich wollte das klarstellen, bevor du davon anfängst. Die letzten Wochen waren etwas Besonderes. Wenn ich jetzt ein Geschenk annähme, käme ich mir wie eine Hure vor.“
Lucius sah sie betroffen an.
Tertia sagte entschieden: „Vier Monate lang durfte ich selber über mein Leben bestimmen. Vier Monate lang war kein Vater oder Ehemann da, der auf der patria potestas beharrte. Das lass‘ ich mir nicht kaputt machen, indem du mir jetzt ein Geschenk aufzwingst. Du bist nicht für mich verantwortlich.“
Lucius schwieg verwirrt. Natürlich war er nicht für sie verantwortlich. Aber … Ich werde Monate oder Jahre unterwegs sein, dachte er. Es ist keiner Frau zuzumuten so lange zu warten. Lucius zuckte hilflos mit den Schultern. Irgendetwas musste er dazu sagen.
„Dein Bruder ist eingetroffen. Faustus wird dich nachher dorthin begleiten“, sagte er lahm, und wartete auf ihre Reaktion.
„In Ordnung“, sagte sie, und ein Schatten huschte über ihr Gesicht.
Er wurde unsicher. Warum sagte sie das so … so emotionslos? War sie nicht traurig, ihn zu verlassen?
„Wir werden Abschied nehmen müssen. Ich muss vor der Rückkehr ins Lager noch einige Besorgungen machen“, sagte er und zeigte auf eine Buchrolle.
„Du und deine Bücher!“, erwiderte sie. „Wofür brauchst du die als Centurio überhaupt?“
„Ich will, dass meine Centurie die beste Centurie der Kohorte wird. Ich suche Anregungen, wie ich das schaffen kann. Marschieren und Waffen sind eher nebensächlich“, erklärte er mit Nachdruck. „Ich will, dass niemand mehr meinen Rang anzweifelt.“
„Wenn die Zeit für den Abschied gekommen ist …“, sagte sie tonlos und unterbrach sich, als ein Geräusch an der Tür zu hören war. Tertia begann wieder zu lächeln und damit kehrte die Wärme in ihren Blick zurück.
„Fausta, du brauchst nicht an der Tür zu horchen.“
Sie drückte Lucius auf den Rücken und setzte sich auf ihn.
„Der Centurio und ich werden es jetzt so laut treiben, dass du deine Ohren nicht an die Tür drücken musst, um es zu hören.“
Früher hatten im Oppidum Ubiorum nur ein paar Fischer, Bauern und Handwerker gelebt. Mit den Legionen kam die übliche Mischung von Schankwirten, Huren, Soldatenliebchen und deren Bastarde dazu.
Haldavoo, der Häuptling der Familie, in deren Machtbereich das Oppidum Ubiorum lag, hatte einen Tempel der Roma errichtet, um die Dokumente, Verträge, Urkunden und Schriftstücke zu lagern, die sich aus dem Kontakt mit dem Imperium ergaben. Andere Sippen hatten ihre Dokumente ebenfalls hier gelagert, und um die Kontrolle über die Stadt und das Heiligtum nicht einer Familie alleine zu überlassen, hatten weitere einflussreichen Familien angefangen, hier Häuser zu errichten und einen Tempel für den Divis Julius, den göttlichen Julius, in Auftrag gegeben. Familien, die früher über die ganze civitas verteilt lebten, hatten ihre pagi verlassen, um hierher zu kommen.
Es folgten die römischen Händler. Händler wie Appius Maestus, der sich im Oppidum einige Grundstücke gesichert hatte und entschlossen war, seinem Vater zu beweisen, dass die Geschäfte hier auch weiterhin ein Erfolg sein würden.
Drusus hatte das Forum pflastern lassen und den Bau einer basilica in Auftrag gegeben.
Heute war Markttag und das ganze Oppidum schien auf den Beinen zu sein. Lucius genoss es, als Zivilist durch die Straßen zu schlendern. Keine rote Tunika, kein Militärgürtel – nur die vitis wies ihn als Soldat und Centurio aus. Appius und seine Familie begleiteten ihn. Lucius steuerte zielsicher einen Stand mit Büchern an und war bald völlig in den angebotenen Schriften versunken.
Da drangen auf einmal lautes Lachen und Grölen über den Platz. Eine Horde Legionäre betrat das Forum. Anfangs hatte nur eine Legion hier überwintert, aber mittlerweile waren es vier. Überall traf man auf betrunkene Legionäre, die sich langweilten. Sie waren der Traum aller Schank- und Bordellbesitzer und der Schrecken aller übrigen Bürger.
So weit ist es schon gekommen! Bald müssen wir unsere Frauen und Töchter verstecken, dachte Appius angewidert, und ging zu seiner Frau hinüber. Das Forum leerte sich schnell, die meisten Forumsbesucher verschwanden vorsichtshalber in den Seitenstraßen. Viele Händler bauten ihre Stände ab, besonders die Geschirrhändler packten eilig zusammen. Die betrunkenen Legionäre lärmten ausgelassen zwischen den verbliebenen Ständen herum.
Appius verstand es, mit Tagelöhnern und Arbeitern umzugehen, oder auch mit zwielichtigen Gestalten, wie Geldverleihern und Schutzgelderpressern. Bei diesen Männern wusste er, woran er war. Selbst der übelste Halsabschneider wollte Geld verdienen und nicht sein Leben riskieren.
Legionäre waren anders. Sie folgten Gesetzen und Regeln, die kein normaler Mensch verstand. Appius sah zu Lucius hinüber. Wenn der sich doch nur schneller seine Bücher aussuchen würde! Dasselbe dachte wohl auch der Händler am Stand, dem allmählich der Schweiß ausbrach. Appius wechselte einen besorgten Blick mit Domitia, die die kleine Domitia Prima eng an sich drückte. Die Legionäre kamen immer näher und waren offensichtlich bester Laune. Appius‘ gravitas erlaubte ihm nicht, seine Besorgnis zu zeigen, aber innerlich verspürte er Furcht. Er wandte sich hilfesuchend zu Lucius um, der aber sah nur die Bücher vor sich.
„Hallo, Schätzchen!“ Ein schriller Pfiff und anzügliches Gejohle ertönten.
„Nicht umdrehen“, sagte Appius leise und legte seiner Frau die Hand auf die Schulter. Er spürte, wie Domitia am ganzen Körper zitterte.
Die unrasierten Legionäre in ihren schmuddeligen Tuniken prosteten sich grinsend zu und klopften zweideutige Sprüche. Ihr aggressives Auftreten erschreckte Appius zutiefst.
„Lucius! Lucius!“
Nur langsam sickerten die Rufe in sein Bewusstsein.
„Hm?“
Lucius drehte sich zu Appius um. Er konnte sich nur schwer von der Schriftrolle losreißen, die er gerade auf Kopierfehler durchgesehen hatte.
Appius zischte so etwas wie „lass uns endlich verschwinden“.
Lucius sah sich auf dem Forum um. Überrascht stellte er fest, dass die meisten Besucher gegangen waren. Eine Gruppe angetrunkener, ausgelassener Legionäre lief zwischen den Ständen herum. Ein paar lungerten neben dem Bücherstand herum. Lucius sah verwundert zu seinem Freund und dessen Frau. Domitia starrte die Legionäre entsetzt an. Lucius verstand.
Zivilisten!, dachte er. Da hatten die Soldaten mal Spaß, und schon machten sie sich in die Tunika.
Er sah sich die Männer an. Natürlich waren sie ziemlich besoffen. Besoffen und vergnügungssüchtig, aber mehr gutmütig als bösartig. Na gut, da waren die anzüglichen Bemerkungen, aber die konnte man doch mit der nötigen gravitas über sich ergehen lassen.
„Ich kümmere mich darum!“, sagte Lucius und griff nach seiner vitis.
„Ach, sind sie aus deiner Legion?“, fragte Domitia erleichtert.
„Was? Äh, keine Ahnung!“
Lucius musterte die Gruppe.
„Nein, ich glaube nicht!“
Er ging auf die Männer und steckte zwei Finger in den Mund. Ein schriller Pfiff ertönte.
„Achtung!“
Die Männer zuckten zusammen, sahen die vitis, hörten den vertrauten Kommandoton − und standen stramm.
„Jawohl, Centurio!“
„Hört auf hier herumzuschreien und die domina zu belästigen!“
„Jawohl, Centurio!“
„Dann Abmarsch, und ab jetzt ein bisschen leiser!“
„Jawohl, Centurio!“
Die Legionäre zogen brav ab. Lucius hätte beinahe laut gelacht, als er Appius‘ ungläubiges Gesicht sah. Doch da bemerkte er, wie Faustus über das Forum auf ihn zukam.
Er wurde von einem kräftigen Mann begleitet, der finster hinter ihm her stapfte.
„Dominus! Das ist Ancus Haterius, der Bruder der Dame Tertia“, rief Faustus, wurde aber rüde beiseitegeschoben. Ancus Haterius hielt sich nicht mit langen Vorreden auf.
„Centurio, ich verlange eine Erklärung!“
Immerhin wollte er reden und war nicht gleich mit gezücktem Dolch auf ihn losgegangen. Lucius zeigte auf den nächstgelegenen Weinstand. Haterius nickte und holte einen Krug Wein und zwei Becher.
„Wir sehen uns später“, sagte Lucius zu Appius und Domitia, ohne auf ihre fragenden Mienen zu achten. „Faustus, du wartest dort.“
Haterius füllte die beiden Becher und stellte den Krug zwischen sie.
„Ich verlange eine Erklärung von dir. Wieso ist meine Schwester seit vier Monaten in deinem Haus? Selbst wenn du sie in Augusta Treverorum gerettet hast. Ja, Tertia sagte tatsächlich ‚gerettet‘.“
Er rang nach Luft.
„Vor dem Bruder ihres verstorbenen Mannes. Sonst hat Tertia nicht viel gesagt, das brauchte sie auch nicht.“
Haterius nahm einen langen Schluck.
„Ich hatte Vater gewarnt. Eine alte Familie, das schon, aber sie taugt nichts. Der jüngere Sohn war noch der beste des ganzen Wurfes.“
Haterius stürzte den restlichen Inhalt des Bechers herunter.
„Tatsächlich war er ein feiner Kerl, aber ich kenne auch seinen Bruder, dieses Schwein, und seine Frau, diese Harpyie.“
Er kippte den nächsten Becher herunter. Lucius sah ihn verblüfft an. Wollte er nach jedem Satz einen Becher kippen? Lucius schenkte ihm den dritten Becher ein, aber an dem nippte Haterius nur.
„Also, was immer in Augusta Treverorum an den Saturnalien vorgefallen ist, ich danke dir, dass du meine Schwester von dort ins Oppidum gebracht hast.“
Gern geschehen, zeigte Lucius mit einer Geste. Er wusste sowieso nicht, was er sagen sollte, und Haterius war so schön in Schwung. Haterius fixierte ihn mit seinem Blick.
„Das erklärt aber nicht, warum du sie nicht, wie es deine Pflicht gewesen wäre, bei ihrer Familie abgeliefert hast.“
„Du hattest mit deiner Familie den Ort bereits verlassen, um bei deinem Bruder zu überwintern. Ihr seid Meilen entfernt gewesen“, erinnerte ihn Lucius.
„Das heißt aber nicht, dass sie die H …, äh, im Haushalt eines Centurio wohnen soll.“
Haterius‘ Blick wurde geradezu durchbohrend.
„Sie hat in deiner Unterkunft den ganzen Winter verbracht. Ich bin sicher, ihr habt nicht nur Gedichte rezitiert.“
Lucius verzog keine Miene. Er musste sich beherrschen. Er durfte dieses Ekel weder auslachen, noch ihm eine reinhauen. Tertia würde es ausbaden müssen.
„Wir sind eine sehr traditionsbewusste Familie“, hatte sie erzählt. Schon die Namen Ancus und Novius bewiesen, was für eine Gesinnung die Familie hatte. Wer nannte seine Kinder heute noch so? Lucius entschloss sich also zu einer diplomatischen Antwort.
„Ich habe deine Schwester mit großem Respekt behandelt. Sie war auch nicht in einer Taverne untergebracht, sondern wohnte in dem Haus des angesehenen Appius Maestus. Seine Frau Domitia hat sich ihrer angenommen und ich habe ihr meine Sklavin Fausta zur Verfügung gestellt“, erklärte Lucius. „Ich war ebenfalls Gast in diesem Haus und hatte natürlich ein anderes Zimmer.“
Sie starrten einander an. Lucius konnte erkennen, wie es im Kopf des anderen arbeitete. Vielleicht erhoffte Haterius sich vom Wein Inspiration, denn er leerte den Becher erneut in einem Zug.
„Wenn du sie mit zur Legion nehmen willst, das kannst du vergessen!“, brach es aus Haterius heraus. „Soll sie in einer dieser miesen Hütten vor dem Lager wohnen? Hast du so was mit meiner Schwester im Sinn?“
„Was denkst du von mir? Dass ich deine Schwester wie eine Straßenhure behandle? Sie in einem Stall halte, jeden Abend beehre, danke für den Fick und auf Wiedersehen?“
Haterius lief rot an und stellte den Becher mit einem lauten Knall auf den Tisch.
„Wir Haterii sind zwar nur Plebejer der dritten Klasse, aber wir sind stolz auf unseren guten Namen. Ich will wissen, ob du unsere Familie entehrt hast!“
Lucius erhob sich und spielte den tödlich Beleidigten.
„Du sprichst von eurer Ehre, aber was ist mit meiner? Mit der dignitas der Justinii Marcelli? Glaubst du, ich bin über sie hergefallen? Glaubst du, ich habe sie gezwungen, Gast in dem Hause zu sein? Glaubst du, sie hat sich mir an den Hals geworfen wie eine Straßenhure?“
Haterius starrte ihn unverwandt an und Lucius entdeckte kein Fünkchen Wohlwollen in seinem Blick. Er bekam plötzlich Angst um Tertia. Auch wenn sie nicht mehr unter der Vormundschaft ihres Bruders stand, konnte dieser sie doch aus verletztem Ehrgefühl töten, gleichgültig, ob er das Recht hatte oder nicht. Lucius legte seine linke Hand an sein Gemächt und hob die rechte zum Schwur.
„Ich schwöre, dass ich deine Schwester mit größtem Respekt behandelt habe und dass wir in getrennten Zimmern untergebracht waren.“
Das war immerhin nicht gelogen. Hoffentlich entging Haterius der Unterschied zwischen getrennt untergebracht und getrennt schlafen. Haterius mahlte mit dem Kiefer als müsste er die Worte zerkleinern.
„Außerdem ist deine Schwester nicht dumm. Sie braucht eure Hilfe, nicht meine!“, ergänzte Lucius, um Haterius auf eine andere Spur zu bringen. „Wie kann ihr ein Centurio bei ihrer Mitgift helfen? Wie soll ein Centurio sie schützen und für sie sorgen, wenn er irgendwo jenseits des Rhenus in den germanischen Wäldern steckt?“
Haterius sprang auf das Wort Mitgift an.
„Was ist mit der Mitgift?“
„Sie hat sie nicht zurückbekommen“, sagte Lucius. „Ihr Schwager hat sie behalten.“
„Dieser Scheißkerl“, fluchte Haterius. „Möge Pluto ihn in den Arsch ficken. Wie kann er es wagen?“
„Es war niemand da, der sie beschützen konnte. Ihre Brüder waren weit weg.“
Lucius nippte am Wein. Bacchus hilf! Was für ein Gesöff! Haterius aber hatte schon den nächsten Becher zur Hälfte geleert.
„Ich werde Novius sofort schreiben. Wir müssen beraten, was geschehen soll, sie braucht einen neuen Mann.“
Haterius schien mit seinem Becher zu sprechen.
„Und wir müssen diese Mitgift wiederhaben.“
Der Gedanke belebte ihn. Lucius versetzte das Gesagte einen Stich. Tertia sollte heiraten? Natürlich, irgendjemand musste sich ja um sie kümmern.
„Empörend wie das mos maiorum, die Sitten der Väter, dauernd verändert werden!“, sagte Haterius plötzlich. „Dieses neumodische Zeug, wonach die Frau ein eigenes Vermögen hat und jederzeit ausziehen kann.“
Er schüttelte sich angewidert.
„Was soll aus Rom werden, wenn wir unsere Traditionen aufgeben?“
Traurig leerte er den Becher und Lucius schenkte nach. Je mehr Haterius trank, desto weniger würde er sich später an alles erinnern.
„Tertia hat gesagt, eine Manusehe kommt nicht mehr für sie infrage. Zweimal sei genug.“
Er donnerte die Faust auf den Tisch und die anderen Gäste sahen herüber.
„Nicht infrage! So weit ist es schon gekommen. Jetzt wollen die Frauen schon mitreden.“
„Euer Vater ist tot, ihr Mann auch. Sie hat drei Kinder geboren, damit ist sie jetzt sui iuris, mündig, auch wenn keines der Kinder überlebt hat.“
Der Hinweis konnte nicht schaden. Lucius nippte wieder an seinem Becher und wiederholte: „Sie ist sui iuris, und kann also über sich selbst bestimmen.“
Haterius sah ihn verschlagen an.
„Theoretisch. Quot licet iovi, non licet bovi. Was den noblen Frauen gestattet ist, ist den einfachen noch lange nicht erlaubt. Unsere Frauen brauchen jemanden, der sie beschützt, der sie vor Gericht vertritt. Unser Vater ist tot, also wäre es am besten für sie, wenn sie sich unter unsere Vormundschaft stellen würde.“
Sein Blick verfinsterte sich.
„Ich kenne ein paar achtbare Römer. Die wären bestimmt daran interessiert, eine Witwe zu heiraten, die bewiesen hat, dass sie fruchtbar ist. Novius kennt auch ein paar Bauern, die Witwer sind und eine neue Frau für den Hof und die Kinder suchen.“
Lucius schwieg. Nur nichts Falsches sagen.
„Du hast sie gerettet, dafür danke ich dir. Auch, dass du sie sicher hierher gebracht hast“, begann Haterius von Neuem. „Auch für deine Gastfreundschaft danke ich dir. Appius Maestus werde ich schreiben.“
Lucius neigte sein Haupt und nahm den Dank schweigend entgegen. Haterius schwankte davon, ohne bezahlt zu haben.
Lucius starrte auf seinen fast vollen Weinbecher. Sollte er Tertia vielleicht fragen, ob sie bei ihm bleiben wollte, wie Faustus es vorgeschlagen hatte, als seine concubina, seine Lebensgefährtin? Er grübelte. Morgen würde er endlich wieder eine Centurie übernehmen. Die 2. Principescenturie der 3. Kohorte der XVIII Legion. Auf dieses Kommando freute er sich. Seit die Ala Pomponiani zu Beginn des Winters über die civitas verteilt worden war, um Futter für die Pferde zu sparen, hatte er kein Kommando gehabt. Vier Monate Urlaub klang in vielen Ohren wie ein Venuswurf und er hatte sie genossen, aber ohne Kommando keine Aufgabe, ohne Aufgabe keine Beförderung, kein Ruhm, keine Beute, keine Möglichkeit, den anderen Centurionen zu beweisen, dass er ein guter Centurio war, trotz seines jungen Alters.
Seine Gedanken kehrten zu Tertia zurück. In ein paar Monaten war er mit der neuen Centurie weit weg, jenseits des Rhenus. Wenn er ein Kommando im Osten oder in Africa hätte, wo die Legionen wenig außerhalb der Stellungen unterwegs waren, dann sähe die Lage anders aus. Er konnte sie nicht mitnehmen, und ließe er sie hier als seine concubina, würden ihre Brüder sie vermutlich töten. Da war es doch besser, Tertia bliebe eine ferne, schöne Erinnerung. Traurig kramte er einige Münzen hervor und legte sie auf den Tisch.
Faustus zerrte die Truhe durch die Tür, während Lucius den Altar der Hausgötter aufbaute und ein kurzes Gebet sprach. Dann öffnete er die Läden, um Luft und Licht hineinzulassen. Der Raum wurde kaum heller, das war bei dem trüben Februarwetter auch nicht zu erwarten. Überall auf den Möbeln zeichnete sich der Staub der letzten Monate ab.
„Wir müssen erstmal gründlich sauber machen“, sagte Lucius und sah sich um.
„Ja, das müssen wir wohl, dominus“, sagte Faustus und grinste.
Lucius ignorierte die Spitze. Sollte der Sklave ruhig seinen Spaß haben.
Es gab nur eine Schlafkammer. Faustus musste also in der Küche schlafen. Lucius ging durch den Wohnraum und betrat sein Dienstzimmer. Die karge Einrichtung bestand aus einem Tisch, einem Stuhl und einem Hocker. In einem weiteren Raum stand nichts außer einer leeren Truhe, sicher als Aufbewahrungsort für die Unterlagen der Centurie.
„Nun Centurio, hast du deinen Urlaub genossen?“, hörte Lucius eine vertraute Stimme. „Ich auf jeden Fall.“
Sein Optio Publius Caedicius betrat das Dienstzimmer und sah sich um.
„Sehr übersichtlich.“
„Das wird schon. Ich kann über meinen Urlaub nicht klagen“, sagte Lucius. „Wo hast du deinen verbracht?“
„Ich bin gerade aus Aquitanien zurückgekehrt.“
„Warum bist du bei Schnee, Eis und Regen nach Aquitanien gereist?“, fragte Lucius. „Du stammst doch gar nicht aus der Gegend.“
„Dort lebt meine Unsichtbarwerdendeessenkochendewaschfraubettgespielin!“, sagte Caedicius, wischte den Staub vom Hocker und setzte sich.
„Was? Wer lebt da?“
„Meine Unsichtbarwerdendeessenkochendewaschfraubettgespielin!“, wiederholte Caedicius geduldig. „So bezeichnen wir bei der Legion die Wunschgefährtin. Sie soll waschen und Essen kochen können, mit uns das Bett teilen, und wenn wir aufbrechen, unsichtbar werden.“
„Den Begriff habe ich noch nie gehört“, stellte Lucius kopfschüttelnd fest.
„Ein Wunder, wenn an man deine langjährige Erfahrung in der Legion denkt. Drei Jahre, nicht wahr?“, sagte Caedicius.
Lucius ließ sich nicht provozieren. „Vier Jahre bitteschön. Vier Jahre als miles gloriosus.“
„Vier Jahre. Verzeih‘, also 22 Jahre alt, vier Jahre unter den Adlern. Da hast du mit Sicherheit schon Unmengen an concubinae gehabt“, sagte Caedicius.
„Wohl nicht so viele wie du. Wie viele hattest du denn bisher?“
„Zwei.“ Caedicius überlegte kurz. „Drei eigentlich. Eine ist nach einem Jahr bei der Geburt des ersten Kindes gestorben. Die anderen beiden waren Witwen, hatten Kinder und bekamen von mir auch noch ein paar.“
„Wo sind sie jetzt?“
„Die zweite starb auch im Kindbett. Zwei ihrer Söhne, naja, unserer Söhne, sind mittlerweile auch bei den Adlern. In Hispanien.“
Er hatte einen nachdenklichen Blick. „Die letzte, Flora habe ich sie genannt, lebt in Aquitanien.“
„Bei ihr bist du also gewesen. Wie geht es ihr?“
„Gut“, war die knappe Antwort.
„Wann zieht sie zum Rhenus? Wir haben doch schon eine Reihe concubinae hier.“
„Gar nicht“, sagte Caedicius kurz. „Sie wird mir nicht folgen. Wir gehen getrennte Wege.“
Lucius musste an Tertia denken. Caedicius wechselte schnell das Thema.
„Wie wirst du die Centurie angehen? Du wirst doch sicher wieder Scherereien mit ihnen haben, weil du so jung bist.“
„Natürlich.“
Lucius nickte. Darüber hatte er sich in den letzten Wochen mehrfach Gedanken gemacht, und er wollte einige Dinge ausprobieren. Aber das würde er dem Optio nicht auf die Nase binden. Er wollte es ohne fremde Hilfe schaffen. Er grinste schief.
„Wie ich die Centurie angehen werde? Mit den Mitteln des miles gloriosus natürlich.“
Eines war klar, es würde keine schmissige Ansprache geben. Die letzte war ein Desaster gewesen und hatte ihm den verhassten Spitznamen miles gloriosus eingebracht. Nein, heute würde es nicht darum gehen, die Männer zu gewinnen oder zu überzeugen. Es war ganz einfach: Er war ihr Centurio und sie hatten diesem Rang Achtung und Respekt entgegenzubringen, egal was sie von seiner Person hielten.
„Militis. Ich bin Centurio Lucius Justinius Marcellus!“
Lucius stand breitbeinig vor der Centurie und klopfte mit der vitis in seine Handfläche.
„Das ist Publius Caedicius, mein Optio!“
Er machte eine Pause, in der er die Männer musterte. Sie machten keinen sonderlich disziplinierten Eindruck. Es war eben die XVIII Legion.
„Wie ihr wisst, steht uns in diesem Jahr ein kleiner Ausflug über den Rhenus bevor. Außerdem steht in zwei Wochen die Equirria an, und wir wollen Mars doch nicht mit schlechten Waffen entehren. Ich erwarte, dass alles im besten Zustand ist. Daher werden wir jetzt eine kleine Inspektion vornehmen, um zu sehen, wie es um die 2. Principescenturie der 3. Kohorte steht.“
„Erste Reihe vortreten!“
Caedicius wedelte mit der Wachstafel und die Legionäre machten einen Schritt vorwärts. Gemeinsam mit Fulcinus, dem Signifer, marschierten die Inspekteure auf den ersten Legionär zu.
„Name?“, schnarrte Lucius.
„Immunis Ennius, 1. Contubernium!“, war die hastige Antwort.
Lucius überflog mit raschen Blicken die Ausrüstung. Alles war da, alles war in Ordnung, nur das Kettenhemd war ein wenig stumpf. Auch der cingulum , der Militärgürtel, konnte eine Reinigung vertragen.
„Füße hoch!“
Ennius hob gehorsam erst den einen und dann den anderen Fuß, damit Lucius die Sohlen begutachten konnte, die ausreichend mit Nägeln beschlagen waren. Zufriedenstellend. Nun war das Bündel dran. Kochgeschirr, Trinkflasche und Getreidebeutel waren in ordentlichem Zustand. Ein gutes Omen?
„In Ordnung!“
Er tippte Ennius mit der vitis auf die Brust.
„Das Kettenhemd und der Gürtel könnten besser gereinigt werden. Optio, schreibe auf: Ennius 1. Contubernium: Alle Metallgegenstände haben bis morgen zu glänzen!“
Ennius schaute ihn ungehalten an.
„Fragen, Immunis?“, bellte Lucius.
Ennius starrte geradeaus.
„Nein, Centurio!“
„Sehr gut. Name?“
Lucius winkte den zweiten Mann des Contuberniums nach vorne.
„Immunis Bruttius, 1. Contubernium!“
Bei Bruttius sah die Sache schon anders aus. Das Kettenhemd hatte einige schadhafte Ringe. Bei zwei Schnallen war das Leder durchgescheuert, der Tragriemen vom pugio schien nur noch von der letzten Faser gehalten zu werden.
„Gladius!“, schnauzte Lucius den Immunis an, der hastig das pilum in den Boden rammte und sein gladius zog. Lucius begutachtete es kurz und fragte dann mit ruhiger Stimme: „Was ist das?“
„Mein gladius, Centurio!“, sagte Bruttius erstaunt.
„Bist du sicher?“
Lucius fuhr mit dem Daumen die Klinge entlang.
„Die Klinge ist stumpf. Hat ein gladius eine stumpfe Klinge?“
Bruttius sah ihn unsicher an. Er fuhr nervös mit der Zunge über seine Lippen.
„Willst du mich küssen? Oder mir ein eindeutiges Angebot machen?“, polterte Lucius los.
„Nein, Centurio!“
„Dann behalte deine Zunge im Mund, da wo sie hingehört!“
Bruttius schloss den Mund.
„Hat ein gladius eine stumpfe Klinge?“, wiederholte Lucius seine Frage.
„Nein!“, sagte Bruttius tonlos.
„Ich kann dich nicht hören!“
„NEIN, CENTURIO!“, schrie Bruttius.
„Also. Ich wiederhole meine Frage. Was ist das dann hier?“
Bruttius blieb die Antwort schuldig, und Lucius untersuchte das Bündel.
„Optio. Legionär Bruttius hat in den nächsten drei Wochen jeden zweiten Wachdienst, damit er lernt, sorgfältig mit seiner Ausrüstung umzugehen.“
„Er ist Immunis!“, ließ sich Fulcinus, der Signifer, vernehmen.
„Jetzt nicht mehr!“, bemerkte Lucius, und winkte den nächsten Legionär nach vorne.
Die Inspektion zeigte bereits Wirkung, stellte Lucius zufrieden fest. Die Legionäre machten langsam einen etwas verunsicherten Eindruck.
„Vortreten! Name?“
„Immunis Siccius, 2. Contubernium.“
Mal sehen, wo hier der Hund begraben lag. Siccius hatte ein schadhaftes Kettenhemd, obendrein fehlte noch die Tragestange mit dem Marschgepäck. Er hatte den Befehl, die vollständige Ausrüstung mitzubringen, einfach ignoriert.
„Legionär Siccius ist für die nächsten drei Wochen auf Gerste gesetzt und sein Sold wird um ein Drittel gekürzt. Damit er das Befolgen von Befehlen lernt. Außerdem übernimmt er jeden zweiten Wachdienst.“
Unruhe breitete sich in der Centurie aus.
„Nächster!“
Lucius winkte den nächsten Legionär des 2. Contuberniums nach vorne. Auch bei diesem fehlte das Marschgepäck, die Waffen waren vollkommen verwahrlost. Eine echte Schande. Neben der Soldkürzung und dem zusätzlichen Wachdienst durfte er sich auch besonders intensiv um die Latrine kümmern, entschied Lucius.
„Nächster!“
Auch die nächsten sechs Legionäre hatten samt und sonders das Marschgepäck nicht dabei, und darüber hinaus noch ungepflegte Waffen. Daher durften auch sie sich allesamt in den nächsten drei Wochen um die Latrinen kümmern und mit einer Soldkürzung leben.
„Name?“
„Legionär Andarius, 2. Contubernium!“, sagte der ältere Legionär, der an letzter Stelle stand. Merkwürdig, dass ein so alter Legionär nicht mindestens Immunis war. Noch überraschender war, dass bei ihm die komplette Ausrüstung vorhanden und in gutem Zustand war. Die Waffen waren gepflegt, das Kochgeschirr sauber.
„Zufriedenstellend“, lobte Lucius. „Legionär Siccius?“
„Jawohl, Centurio!“
„Komm her und nimm den Platz hier hinten ein!“
Mit verkniffenem Gesicht kam Siccius und stellte sich auf Andarius‘ Platz.
„Immunis Andarius, du übernimmst dieses Contubernium. Geh nach vorne auf deinen Platz!“
Lucius beglückwünschte sich zu dieser guten Idee. Jetzt konnten alle sehen, dass gutes Verhalten sofort belohnt wurde.
„Bis die Ausrüstung beim ganzen Contubernium in Ordnung ist, bekommen alle nur Gerste“, wies Lucius Caedicius an.
Sie setzten die Inspektion fort, und am Ende war Caedicius‘ Wachstafel über und über mit Strafen gefüllt. Das 5. Contubernium war ähnlich verwahrlost wie das 2. und bekam daher wechselnden Latrinendienst mit dem zweiten aufgebrummt. Das 7. Contubernium landete geschlossen auf Gerste, das 9. Contubernium durfte sich mit zusätzlichem Marschdrill anfreunden. Zufrieden beendete Lucius die Inspektion und ließ die Männer wegtreten.
„Auf ein Wort, Centurio.“
Fulcinus, der Signifer, blieb vor Lucius stehen.
„Ich weiß nicht, ob das so klug war!“, sagte er und nickte zum 2. Contubernium hin. „Andarius ist ein Spätberufener. Das gibt böses Blut.“
Spätberufene waren Männer, die sich erst nach vielen Jahren, manchmal sogar erst mit Ende zwanzig zur Legion meldeten. Die Blicke, die die Männer des 2. Contuberniums Andarius zuwarfen, waren alles andere als freundlich. Lucius beschlichen Zweifel. Hatte er einen Fehler gemacht? Würde Andarius im Contubernium zum Außenseiter werden und am Ende gar Prügel beziehen? Auf dem Schlachtfeld konnte er ohne den Schutz seiner Männer schnell tot sein. Ein Rückzieher kam aber jetzt nicht mehr infrage, wenn Lucius seine Autorität nicht gefährden wollte. Hoffentlich wird das gutgehen, dachte er bei sich.
Laut knurrte er ungehalten: „Ach was! Abmarsch vor das Lager!“
Die Centurie marschierte nach Norden auf den verlandeten Flussarm zu. Während des Marsches befahl Lucius Schwenks, Rückzüge und Laufschritt. Auch die testudo, die Schildkrötenformation, ließ er üben. Er beobachtete mit Argusaugen die Geschwindigkeit und Präzision, mit der eine Formation eingenommen wurde.
Als die Männer in der Pause zusammensackten, als ob sie einen Gewaltmarsch hinter sich hätten, setzte Lucius diesen sofort ganz oben auf seine Liste. Für seinen Plan musste die Centurie in bester Verfassung sein.
Am nächsten Morgen stand wieder eine Inspektion an. Diesmal stattete Lucius den Baracken einen Besuch ab. Zu allem hatte er Fragen, denn alles war wichtig. Die Sicherheit der Feuerstellen? Schließlich sollte keiner das Lager abfackeln. Die Sauberkeit? Es würden sich noch früh genug Krankheiten einschleichen. Die Vorräte? Die Männer mussten gut und ausreichend essen, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Bevor der Feldzug beginnt, wird so mancher Schweiß fließen, dachte Lucius grimmig.
Marcus Cornelius Plautus Justinianus grüßt seinen Bruder den Centurio Lucius Justinius Marcellus.
In ganz Rom gibt es derzeit nur ein Gesprächsthema: Die erzwungene Scheidung von Tiberius und Vipsania Agrippina. Jetzt, wo Agrippa tot ist, brauchte Julia einen neuen Ehemann, und dieser ist niemand anderes als ihr Stiefbruder. Tiberius ist nach Claudius Marcellus und Marcus Agrippa ihr dritter Mann. Obwohl der Klatsch sagt, dass Julia früher einmal in Tiberius verliebt war, hat sie sich, so heißt es, mit Händen und Füßen gegen diese Hochzeit gewehrt. Auch Tiberius wollte diese Hochzeit nicht, er war mit Vipsania glücklich. Augustus hat sich aber weder davon, noch von dem eigenen Dreikindgesetz beeindrucken lassen.
Die Omen waren entsprechend schlecht – Donner während der Hochzeitzeremonie, ein zweiköpfiges Kalb wurde geboren, vor dem Tempel der Bellona soll es Blut geregnet haben und ein schwarzer Hund ist in den Tempel des Mars ultor eingedrungen. Augustus hat trotzdem auf die Hochzeit bestanden, und Tiberius ist nach der Zeremonie Hals über Kopf zu seinen Legionen nach Pannonien abgereist. Was soll aus einer Ehe entstehen, die so anfängt?
Man kann ja verstehen, dass sich Julia nicht mehr für ihn erwärmen kann. Tiberius war noch nie der Geselligste, seit er sich aber diesen Ausschlag zugezogen hat, ist er auch nicht mehr der Hübscheste. Ganz anders als Julias bevorzugter Begleiter vor der Ehe, Iullus Antonius. Der Mann sieht gut aus, ist charmant, hat Witz. Natürlich gibt es die wildesten Spekulationen, was zwischen den beiden läuft, aber das spielt keine Rolle. Egal, ob die beiden was miteinander haben oder nicht, die Art und Weise, wie sie in der Öffentlichkeit auftreten, ist ein Skandal und eine Provokation für Augustus.
Drusus hat Antonius nun erneut als Legat angefordert, angeblich, um ihn von Rom fernzuhalten. Was erbittert Tiberius jetzt mehr? Dass er eine glückliche Ehe beenden musste? Dass Gaius und Lucius, die Söhne des Agrippa, schon vor Jahren von Augustus adoptiert wurden und ganz offen als seine Erben aufgebaut werden? Dass er den Stiefvater für die übrigen drei Kinder von Agrippa geben muss? Dass Augustus bei jeder Gelegenheit betont, dass die Kinder Julias Kinder sind und damit nichts anderes sagt, als dass nur ihre Kinder seine Erben werden und nicht Tiberius und sein Sohn? Fragen über Fragen.
Man kann den Faden noch weiter spinnen. Was ist mit Drusus und seinen Kindern? Und was ist, falls Tiberius und Julia einen gemeinsamen Sohn haben? Immerhin heißt es, dass Julia, freiwillig oder gezwungenermaßen, das Jahr bei ihrem Mann in Panonnien verbringt. Demnächst mehr.
Vale.
„Tata, erzähl mir die Geschichte vom Tag von Eleusis!“, forderte der kleine Nero. Drusus streichelte seinem Sohn über das blonde Haar.
„Die Geschichte gefällt dir?“
Nero nickte heftig. „Das ist meine Lieblingsgeschichte. Deine auch?“
Er sah seinen gleichaltrigen Cousin an.
„Ich kenn‘ sie nicht!“, krähte der kleine Drusus. „Mein Tata hat sie mir nie erzählt!“
Drusus sah seinen Bruder an und sagte lächelnd: „Aber Tiberius, du hast meinem Neffen nie die glorreiche Geschichte von Gaius Popilius Laenas erzählt?“
Tiberius erwiderte das Lächeln nicht, sondern schüttelte nur verdrossen den Kopf.
„Erzähl die Geschichte!“, wiederholte der kleine Drusus jetzt, und streckte seine kurzen Ärmchen in die Höhe.
