Cerys: Das Lied der Nachtigall - Theresa Eisner - E-Book

Cerys: Das Lied der Nachtigall E-Book

Theresa Eisner

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Beschreibung

Die Schlacht um die Eisige Stadt ist gewonnen und der Rabenstein hat sein Geheimnis offenbart, doch der Preis war hoch. Sam bleibt verschwunden und Cerys wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Ihre Schwester enthüllt, welche Rolle sie bei den Morden in der Gilde gespielt hat und fordert, dass sie nach Dariya zurückkehrt. Doch Cerys hat eigene Pläne. Gefürchtet und zurückgewiesen erinnert sie sich wieder an ihr ursprüngliches Ziel: sich an dem Mann zu rächen, der ihr alles genommen hat. Die Novizen sollen ihr Studium in der Magie fortsetzen, aber Delia kann Sam nicht vergessen. Als sie ein beunruhigendes Gerücht über die Leibwechsler aufschnappt, zögert sie nicht und flieht. Unterdessen führt Cerys’ Wunsch nach Vergeltung sie in die Hauptstadt von Astor, mitten hinein in die Fänge des Rats.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Cerys

 

Das Lied der Nachtigall

 

Theresa Eisner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Das Lied der Hinterbliebenen

Ein Abendessen mit den Dariya

Von Winterastern und Wermuttee

Das Vermächtnis von Gaius Messingbein

Lonis Geschichte

Mahnungen im Morgengrauen

Tanzende Wassergeister

Der Sohn des Bluthunds

Durch die verschneiten Wälder

Gerüchte über die Gauklerprinzessin

Isolde

Narrenträume

Wiedersehen in Schattenhafen

Blumenjunge

Von Feenglanz und seufzenden Türmen

Wieder mit dem diebischen Feuer vereint

Die zweiköpfige Wildkatze glüht

Das Leid der Leibwechsler

Zu Tisch mit dem Feenschlächter

Mit Geheul und Funkenschauer

Vom Geschmack der Morgensonne

Der Kuss der schwarzen Asche

Die Geschichte des Einhorns

Zwischen rotgoldenen Blättern und Nebelschleiern

»Bereut!«

Die zwei schaumgekrönten Türme

Von Adeptinnen und verbrannten Steinen

Die Stadt des Narren

Ein Wiedersehen und eine Wasserpfeife

Die Entscheidung der Teeherrin

Der Rat von Astor

Die Gerichtsverhandlung beginnt

»Ich halte dich für verrückt …«

Die Erzbischöfin und der weiße Rabe

Von Halluzinationen und unliebsamer Verwandtschaft

Erzwungene Projektion

Im Namen der Portale

Von Muscheln und nächtlichen Treffen

In den Händen der Richterin

Von der Göttin berührt

»Blut für Blut!«

Heimkehr

Glossar

Danksagung

Urheberrechtlich geschütztes Material

Alle Rechte am Text liegen bei Theresa Eisner.

Cerys – Das Lied der Nachtigall

Band 3

 

1. Auflage

© 2024 Theresa Eisner

c/o Fakriro GbR

Bodenfeldstr. 9

91438 Bad Windsheim

 

Lektorat: Ina Solowij (Lektorat: Kompass & Feder)

Korrektorat: Sabine Steck (www.lauragambrinus.de)

Covergestaltung: Alexander Kopainski (www.kopainski.com)

Unter Verwendung von Stockdaten von shutterstock.com

 

 

 

 

Für meine Patentanten.

Lasst uns noch weitere großartige Orte bereisen.

Prolog

Sie traten aus dem finsteren Tunnel hinaus an die Oberfläche und der Anblick des Vollmonds verschlug Cerys den Atem. Wie eine polierte Goldmünze schwebte er über dem unendlichen Meer der Bucht des Phönix, die er mit tanzenden Irrlichtern füllte. Sie erinnerte sich, dass Lisanna immer behauptet hatte, der Mond sei das Auge der Richterin, mit dem sie ihre Kinder selbst nachts im Blick behielt. Sie stolperte fast über ihre eigenen Füße, so versunken war sie.

»Pass doch auf, Mädchen!«, fauchte die Priesterin neben ihr und packte sie am Oberarm, um sie wieder aufzurichten.

Cerys zog den Kopf ein. »Verzeiht. Es ist nur schon so lange her, dass ich den freien Himmel gesehen habe.«

Etwas wie Verständnis huschte über die Züge der Frau, doch es war so schnell wieder verschwunden, dass Cerys glaubte, es sich eingebildet zu haben.

Sie drehte den Kopf und erspähte weit hinter ihrer kleinen Prozession aus Priesterinnen und Wächtern das Glühen der Lavaströme aus der Stadt Miran Dar. Das Meer brandete mit lautem Klatschen gegen die Klippen und ein salziger Geruch lag in der Luft, der den der Asche überlagerte.

Sie erreichten die Anhöhe, wo bereits eine einzelne Gestalt vor einem Altar auf sie wartete. Eine Frau. Die Priesterinnen stellten sich in einem Halbkreis um sie auf. Cerys trat vor, wagte es aber nicht, zu ihr aufzusehen. Sie wusste, wer diese Frau war. Die oberste Machtinstanz der Kirche und Herrin über Miran Dar: Sethis Isliren.

Die Hohepriesterin winkte sie näher zu sich heran. Sie war wunderschön mit diesem wallenden, flammend roten Haar und der schimmernden Haut, so weiß wie das Mondlicht. Sie war in ein schlichtes schwarzes Kleid gehüllt, welches ihre Arme unbedeckt ließ und ihren Körper umschmeichelte. Diese Dariya trug die vergangenen Jahrhunderte in ihren goldenen Augen und strahlte die Würde und Grausamkeit einer Herrscherin aus.

Cerys’ Eingeweide schienen sich vor Unbehagen zu einem festen Knoten zusammenzuziehen. Was würde sie hier erwarten?

»Tritt vor, Mädchen.«

Ihre Stimme war befehlsgewohnt, aber auch angenehm wie das Gefühl von Seide auf der Haut. Cerys gehorchte. Die Hohepriesterin umkreiste sie und schien sie dabei mit ihren Augen zu verschlingen.

»Zieh dich aus.«

»Ich verstehe nicht …«

Sethis war schnell wie eine zustoßende Natter. Der Steindolch schlitzte ihr die empfindliche Haut unter dem Schlüsselbein auf. Cerys biss die Zähne zusammen und presste die Hand auf den stark blutenden Schnitt.

»Ich bitte nicht und ich befehle nicht zweimal.«

Das Mädchen griff nach hinten, um den Verschluss in ihrem Nacken zu öffnen, und streifte das Kleid ab. Der Wind strich kühl über ihre erhitzte Haut und sie fröstelte.

»Knie nieder.«

Sie tat es.

Um sie herum begannen die Priesterinnen, in einem unheimlichen Chor zu singen und sich zu wiegen. Der Flammenschein der Fackeln ließ die Intarsien des steinernen Altars flackern, als wären sie lebendig, und der eingemeißelte Phönix schien sie anzusehen. Cerys schluckte, doch sie wagte es nicht, erneut das Wort zu ergreifen.

Dann spürte sie die kühlen Finger der Hohepriesterin auf ihrem nackten Rücken und erschauderte. Zwei Frauen, ihren Gewandungen nach Tempeldienerinnen, traten zu ihnen, und Cerys unterdrückte ein Keuchen, als Nadeln im steten Rhythmus zu dem anhaltenden Gesang ihre Haut durchstachen. Sie zwang sich, keine Miene zu verziehen, auch wenn es sich so anfühlte, als würde ihr Rücken in Flammen stehen. Trotz der kühlen Brise war sie schon bald schweißgebadet.

Sie stachen ihr in einem uralten Ritual das Zeichen des Phönix ein. Es verging eine Ewigkeit, bis die Tempeldienerinnen endlich wieder von ihr abließen und der Gesang verstummte.

Cerys drehte den Kopf und berührte ihr Schulterblatt. Schwarze Linien hoben sich von ihrer bleichen Haut ab und formten sich zu einer aufwendigen Tätowierung. Sie war gezeichnet.

»Steh auf, kelari.«

Mit zitternden Beinen erhob sie sich wieder. Es fühlte sich an, als wären sie aus Schlacke gegossen. Sethis legte ihr einen Umhang über die Schultern und führte sie zurück in den Kreis. Es war endlich vorbei.

Dann war Cynthia bei ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Zuerst dachte Cerys, ihre Mentorin wolle ihr damit Mut zusprechen, aber dafür krallte sie sich zu fest in den dicken Stoff. Eine ungute Vorahnung beschlich sie.

Sie sah sich um und erblickte ihre kleine Schwester, die den Weg herauf eskortiert wurde.

»Lisanna …« Das Wort war kaum mehr als ein Flüstern.

Cynthias Fingernägel bohrten sich tiefer in ihre Schulter.

Lisanna sah besser aus als früher, nicht mehr so dünn. Trotzdem hustete sie noch immer trocken und wirkte völlig verängstigt. Mit der linken Hand hielt sie den Anhänger um ihren Hals umklammert, ein geschnitztes Reh, das Griffin ihr geschenkt hatte. Auch Cerys hatte eine solche Kette besessen, einen Raben aus Weißdorn, aber ihre jeskilindril hatte sie ihr noch am selben Tag weggenommen und verbrannt.

Lisanna entdeckte sie und streckte einen Arm nach ihr aus. »Schwester!«

Doch sie wurde von ihrem Wächter unaufhaltsam an ihr vorbei und weiter zum Altar gezerrt.

»Was habt Ihr mit ihr vor?«

»Halte dich zurück«, zischte Cynthia ihr ins Ohr. »Du kannst nichts daran ändern.«

Die Hohepriesterin musterte ihre Schwester nicht voller Begierde wie zuvor Cerys, sondern vielmehr mit blanker Abscheu.

Die Verlassenen haben keinen Zutritt zu den heiligen Stätten, schoss es ihr durch den Kopf.

Ihre Schwester wurde vor Sethis auf die Knie gestoßen. Sie war blass, aber sie weinte nicht. Die Hohepriesterin zog den Steindolch aus ihrem Gewand hervor und schlitzte ihr in einer schnellen Bewegung die Halsschlagader auf.

»Nein!«

Cerys entwand sich den zupackenden Händen und fing Lisanna auf, bevor sie auf den harten Felsen aufschlug. Es scherte sie nicht, wie sie nun vor der Hohepriesterin kniete, wehrlos, in einer demütigenden Pose. Sie hatte nur Augen für ihre kleine Schwester.

»Bitte nicht, Lis, bitte nicht.«

Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Verzweifelt versuchte sie, die Blutung zu stoppen, diese schreckliche Blutung …

»Es … tut mir … leid«, wisperte Lisanna.

»Hör auf zu sprechen. Du musst durchhalten.«

Aber es waren leere Worte und sie wusste es. Cerys beugte sich über den kleinen Körper und zog ihn an sich. Lisannas Atem kitzelte an ihrem Ohr.

»Ich liebe dich sehr, Ciri.«

Ihre Augen waren so blau wie die ihrer Mutter. In ihnen konnte Cerys nichts als Unschuld und Güte sehen, selbst jetzt noch.

»Trennt sie voneinander«, befahl Sethis.

Grobe Hände zerrten sie fort. Cerys verfluchte sie und wehrte sich, aber sie war zu schwach.

»Lisanna. Lisanna!«

Die Arme wurden ihr auf den Rücken gedreht und sie wurde wieder auf die Knie gezwungen. Tränen verschleierten ihre Sicht.

»Bitte nicht!«, flehte sie, aber natürlich erhörte man sie nicht.

Sie war gezwungen, zuzusehen, wie man ihre Schwester auf den Steinaltar hievte und Sethis den Dolch herabstieß, der sich in Lisannas Brust bohrte. Die jedoch sah nur Cerys an und lächelte. Ein kleines trauriges Lächeln. Mit der linken Hand hielt sie noch immer den Anhänger umklammert. Dann verschwand das Erkennen aus ihren Augen.

»Lisanna!«

Ihre Stimme brach und ihr ganzer Körper wurde von abgehackten Schluchzern geschüttelt. Ihr Widerstand erstarb. Langsam hob sie den Kopf und sah der Hohepriesterin hasserfüllt in die goldenen Augen.

»Dafür werde ich Euch eigenhändig umbringen«, flüsterte sie erstickt. Zu mehr fehlte ihr die Kraft.

Sethis lachte nur. »Bewahre dir diesen Hass, meine Liebe. Er wird dich überleben lassen. Du wirst mir eines Tages noch dankbar dafür sein.« Sie gab den Tempeldienerinnen einen Wink. »Lasst den Leichnam für die Möwen liegen.«

Das Lied der Hinterbliebenen

Cerys

»Edna.«

Der Wind nahm das Wort auf und trug es mit sich über die weite Ebene.

Cerys stand an der Treppe, die in den untersten Bezirk der Eisigen Stadt hinabführte. Selbst von so weit oben konnte man noch die gefrorenen Leichname erkennen, die zu Bergen vor der Stadtmauer aufgetürmt waren. Tag und Nacht brannten die Bestattungsfeuer, selbst während der ständig einsetzenden Schneefälle. Aber an diesem Vormittag war der Himmel kristallklar und man konnte meilenweit sehen.

Die Dariya hielt sich im Schatten einer kleinen Tischlerei auf. Selbst dort schmerzten ihr noch die Augen von dem gleißenden Sonnenlicht, das sich auf der dünnen Eisschicht auf den Pflastersteinen brach. Trotzdem wollte sie noch nicht zum Palast zurückkehren, denn dort würden die anderen Dariya schon auf sie warten. Unter ihnen ihre Schwester. Edna.

Ihr plötzliches Erscheinen hatte sie völlig unvorbereitet getroffen. Sie hätte nie erwartet, ihr in dieser Stadt zu begegnen, so weit entfernt von ihrer Heimat. Nur daran zu denken, dass Edna die Vulkanebene freiwillig verlassen könnte, wäre ihr lachhaft vorgekommen. Ihre ältere Schwester verachtete die übrigen Reiche und deren Bewohner, die sie für niedere Geschöpfe hielt. Weit unter den Dariya.

Bei ihrem letzten Gespräch hatte sich herausgestellt, dass sie die Würdenträgerin auf dem darischen Schiff, der Phönixschwinge, im Hafen von Celeros gewesen war. Und als Cerys nicht wie geplant dort aufgetaucht war, war ihre Schwester ihr bis hierher gefolgt. Ihrer Familie schien es ernst damit zu sein, sie wieder heimzuholen. Verflucht.

Der Statthalter hatte nicht erfreut reagiert, als die darische Delegation offiziell eingetroffen war und ein ganzes Stockwerk des Palasts für sich beansprucht hatte, aber er hatte notgedrungen zugestimmt und sie willkommen geheißen. Seither hatte sie Lune nicht mehr ohne eine weiße Wache oder Erwin an ihrer Seite angetroffen.

Es waren nur drei Tage vergangen, seit der Rabenstein sich verwandelt und die ersten Verse der Prophezeiung verkündet hatte. Seit Edna sie in ihrem Schlafgemach in jener Nacht aufgesucht hatte. Bisher waren sie sich alle erfolgreich aus dem Weg gegangen. Jeder konnte etwas vorschieben. Die Reparaturarbeiten, die koordiniert und beaufsichtigt werden wollten, oder die Anwesenheit bei den Bestattungsfeuern, um den gefallenen Bürgern der Stadt Respekt zu erweisen, aber an diesem Abend würden sie sich alle zu einem netten, kleinen Essen zusammenfinden. Cerys würde sich lieber den Magen verrenken, als freiwillig dort aufzutauchen, aber es blieb ihr wohl nichts anderes übrig.

Sie drehte leicht den Kopf und entdeckte nicht weit entfernt zwei von Ednas Leibwächtern, die sich unbemerkt von den Passanten im Schatten verborgen hielten. Sie machten sich nicht die Mühe, ihr ins Tageslicht hinaus zu folgen. Wozu auch? Sie wussten, welchen Ruf Cerys genoss. Die Weiße Viper, eine der gefürchtetsten Attentäterinnen von Dariya, konnte sich selbst verteidigen. Sie waren nur da, um aufzupassen, dass sie sich nicht heimlich aus dem Staub machte. Demnächst würde sie noch unter ihrem Bett nachsehen müssen, ob Edna auch dort einen ihrer Spitzel versteckt hatte.

Ihr Blick glitt wieder über die zerstörten Bauten des untersten Bezirks, zwischen denen die Leute den Schutt auf Karren luden und aus der Stadt transportierten, als ein Krächzen ertönte. Cerys sah zu der Ruine auf, die hinter den Gebäuden westlich von der Stadt gerade noch zu erkennen war. Ein Überbleibsel des ersten Turms, den die Magier erbaut hatten. Er war noch vor seiner Fertigstellung von Gaius Messingbein zerstört worden, nachdem dieser durch den Rabenstein verrückt geworden war. Ein heller Schemen zog weite Kreise über der Ruine und sie erkannte den weißen Raben. Offenbar fühlte er sich von diesem Ort angezogen, an dem er so viele Monate in den falschen Händen verbracht hatte.

Ihr stand noch deutlich vor Augen, wie der Stein sich während der Siegesfeier in einen Raben verwandelt und zu ihnen gesprochen hatte. Und wieder meinte sie, seine krächzende Stimme zu hören, wie sie die ersten Verse der Prophezeiung rezitierte.

 

Sie kommen!

Wenn das ewige Eis schmilzt im Blute der Unschuldigen.

Es tropft und tropft in den Schoß der Geduldigen.

Jene, die warten auf die Verheißene, die ertrunken wiederkehrt

und uns mit Quelle, Glut und Lehm beehrt.

Aber hört, der Phönix flüstert im Osten einen Namen.

Dieser wird sich der Menschen niemals wieder erbarmen.

Wenn sie kommen!

 

Diese erste Strophe hatte sich in großen Teilen bereits erfüllt. Die Schlacht um die Eisige Stadt hatte stattgefunden und der Vormarsch der astorischen Armee war nur möglich gewesen, weil sie, Cerys, im Auftrag einer Ratsherrin zwei unschuldige Opfer ermordet hatte. Sie hatte damals nicht gewusst, in wessen Diensten sie stand und wofür sie die beiden töten sollte. Für diese Entscheidung hatte sie einen hohen Preis bezahlt. Und Lune war wiedergekehrt, nachdem sie sechzehn Jahre lang als ertrunken gegolten hatte. Sie war die Tochter einer verlassenen Halbnajade und eines Menschen. Sie war die Verheißene der Prophezeiung. Cerys wusste nicht, was sie davon halten sollte.

Als die letzte große Prophezeiung ausgesprochen worden war, jene über die zwölf Befreier, hatte dies zum Fall der Altvorderen und damit zum Sturz der größten Dynastie geführt, die es je gegeben hatte. Die Elf Reiche waren damals in erbitterte Machtkämpfe verstrickt gewesen und viele altehrwürdige Familien für immer vom Angesicht der Welt gefegt worden. Was würde wohl diesmal geschehen?

Nur zwei Zeilen blieben noch ungeklärt, was jedoch nicht bedeuten musste, dass sie nicht bereits eingetreten waren. Und da war noch eine Frage, die ihr Kopfzerbrechen bereitete. Wer waren sie? Wer würde kommen? Waren es die Altvorderen, wie alle zu glauben schienen? Oder doch etwas anderes?

Cerys strich mit der Fingerkuppe über die Blüten der Winterastern, die sie an diesem Morgen gekauft hatte. Sie wollte sie später auf Griffins Grab legen. Er hatte sich geopfert, damit seine Tochter, Lune, leben konnte. Sie vermisste ihn.

»Rhen!«

Sie drehte sich um.

Jared kam auf sie zu. Er schob sich an einem dickbäuchigen Wirt vorbei, der gerade ein Fass über die Straße rollte, Ketzer an seiner Seite. Der Wolf kam schwanzwedelnd auf sie zu gesprungen. Die Dariya beugte sich zu ihm herab und kraulte ihm den Pelz, hielt ihm aber die Schnauze zu, als er versuchte, ihr einen feuchten Kuss zu verpassen. Er winselte und drängte sich an sie.

Cerys hatte den treuen Wolf ins Herz geschlossen, den sie auf ihrer Reise durch Cantos als Welpen aufgelesen hatten. Sie zupfte eine Blüte aus ihrem Strauß und steckte sie ihm hinters Ohr. Ketzer versuchte, daran zu schnuppern, und drehte sich bei dem Versuch um sich selbst.

Sie sah lächelnd zu Jared auf. Jared, den sie gerettet hatte, als er auf dem Schlachtfeld zu verbluten drohte. Es war kurz nach der Zerstörung des Portals gewesen. Sie hatte ihren magiefressenden Ring hineingeworfen, um so den Vormarsch der astorischen Truppen aufzuhalten, wissend, dass es sie umbringen würde, doch die entfesselte arkane Macht, die dabei freigeworden war, hatte jene ersetzt, die ihr das Relikt entrissen hatte. Cerys konnte noch immer spüren, wie sie durch ihren Körper zirkulierte und sie manchmal noch immer mit wilder Euphorie erfüllte. Die überschüssige Energie des Portals lag noch immer in der Luft. Beinahe konnte sie sie auf der Zunge schmecken.

»Was machst du hier draußen?«, fragte Jared, der Ketzer erlöste, indem er sich die Winteraster schnappte und sie dem Wolf vor die Nase hielt. Der schnüffelte und nahm sie ihm dann vorsichtig mit den Zähnen aus der Hand. Offenbar war die Blüte seine neueste Trophäe, die er zu den anderen auf Jareds Bett legen würde.

»Mich verstecken«, meinte Cerys bloß schulterzuckend. »Es gibt kein besseres Versteck vor einem Dariya als in hellstem Sonnenlicht.«

Er schnitt eine Grimasse. »Wenn du das sagst. Komm, lass uns irgendwo einkehren. Es ist schweinekalt hier draußen.«

Sie schlenderten die Hauptstraße entlang, bis sie zu einer erleuchteten Taverne kamen. Das Schild am Eingang verkündete: Zum gefräßigen Bären.

Jared hielt ihr die Schanktür auf und sie schlüpfte in die warme Stube. Um diese Uhrzeit war noch nicht allzu viel los. In einer Ecke spielte eine kleine Musikantengruppe melancholische Lieder, zu denen die Gäste sich gedämpft unterhielten. Über dem Tresen hing der massige Schädel eines Eisbären, vermutlich der besagte gefräßige Bär, der sich besser nicht mit den Gebirgsjägern dieser Stadt angelegt hätte. An einem der Tische saßen drei Zwerge beisammen, die anscheinend ein Geschäft abschlossen, so wie die dicken Silbertaler über den Tisch geschoben wurden. Einige der Männer beäugten sie misstrauisch, als sie beide sich einen Platz beim Kaminfeuer suchten, aber daran war Cerys längst gewöhnt. Eine weißhaarige Dariya erregte überall Aufmerksamkeit und inzwischen hatte sie es aufgegeben, sich die Haare mit Feenglanz zu färben.

Jared bestellte zwei Gläser Glühwein und brachte sie ihnen an den Tisch. Das Getränk duftete herrlich nach Zimt und Nelken und Cerys legte die klammen Finger um das Glas. Die Winterastern lagen zwischen ihnen auf dem Tisch. Ketzer kroch unter den Tisch und wärmte mit seinem warmen Leib ihre Füße. Daran könnte sie sich gewöhnen.

»Wo hast du Lucien gelassen?«, wollte sie wissen und nippte an dem Wein.

»Er spielt mit Lunes kleinen Geschwistern. Er und Gilbert sind etwa im gleichen Alter.«

Cerys nickte. Der Gedanke an den kleinen Jungen stimmte sie merkwürdig traurig. Er würde die Magier wieder nach Celeros begleiten, wenn sie in einigen Tagen aufbrachen. Die Kräutersammlerin Hestia würde sich fortan um ihn kümmern. Und obwohl es ihre eigene Idee gewesen war, würde sie Lucien vermissen. Aber es war besser für ihn, wenn er nach der Hetzjagd um den Rabenstein, wegen dem er sein Dorf und seine Familie verloren hatte, endlich ein sicheres Zuhause bekommen würde.

Jared musterte sie über seinen Glühwein hinweg. »Du schweigst dich schon seit Tagen über diese Dariya aus«, bemerkte er. »In welchem Verhältnis stehst du zu ihnen? Wenn ich es richtig verstanden habe, ist eine von ihnen eine einflussreiche Adelige.«

Cerys seufzte ergeben. Es schien, als käme sie nicht länger um dieses Gesprächsthema herum.

»Ist sie. Und unser Verhältnis ist … kompliziert.«

»Dann kennst du sie?«, bohrte er nach.

Ihre Mundwinkel zuckten selbstironisch. »Es gibt wohl kaum einen Dariya, der sie nicht kennt. Edna Valoren. Sie ist eine kelari, das, was ihr vermutlich als Prinzessin bezeichnen würdet, und allem Anschein nach inzwischen eine geweihte Priesterin, wie man an ihren Augen sehen kann.«

Jared verschluckte sich an seinem Glühwein und hustete. Sie langte über den Tisch, um ihm auf den Rücken zu klopfen.

»Eine … Prinzessin?«, würgte er hervor. »Ernsthaft?«

Sie vermied es, ihn direkt anzusehen, und nahm beiläufig noch einen Schluck von ihrem Getränk. Allmählich breitete sich eine wohlige Wärme in ihrem Bauch aus und für einen kurzen Moment rückte das anstehende Abendessen in den Hintergrund.

»Ja. Hat dir das noch niemand gesagt?«

»Wer denn?«, meinte Jared griesgrämig. »Unsere Gastgeber haben derzeit genug damit zu tun, die Reparaturarbeiten zu koordinieren und sich vor den Dariya zu verstecken. Mir erzählt doch keiner was. Offenbar nicht mal du.« Er runzelte die Stirn, dann fügte er hinzu: »Weißt du, was sie hier will?«

Mich. Aber das sprach sie nicht laut aus. Sie wollte nicht, dass er sie mit anderen Augen sah, deshalb sagte sie nur: »Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. An unseren Plänen wird es nichts ändern.«

Zumindest nicht, wenn es nach mir geht.

Aber leider bezweifelte sie, dass Edna nur gekommen war, weil sie sie vermisst hatte.

Cerys fluchte innerlich. Es wäre alles so viel einfacher gewesen, wenn ihre Schwester nicht in der Stadt aufgetaucht wäre. Dann hätte sie jetzt entspannt mit Jared beisammensitzen können und müsste sich nur mit der Frage auseinandersetzen, wie sie seine Mutter aufspüren könnten. Vor der Schlacht hatte sie ihm versprochen, ihn auf seiner Suche nach ihr zu begleiten, sollten sie überleben. Ohne Edna hätte sie nichts mehr in dieser Stadt gehalten. Schließlich hatte sie ihren Auftrag in Celeros abgeschlossen und auch der Rabenstein war nun dort, wo er sein sollte. Und es lockte Cerys, mehr von den Elf Reichen zu erkunden. Es war immer ihr persönlicher Traum gewesen, den sie mit Kuron geteilt hatte.

Unwillkürlich schlossen sich ihren Finger fester um ihren Glühwein. Noch immer verursachte der Gedanke an ihn ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Brust und erinnerte sie daran, weshalb sie damals überhaupt nach Astor gereist war: Um ihn zu rächen.

»Wann willst du aufbrechen?«, fragte sie, um sich von der schwelenden Wut in ihren Eingeweiden abzulenken.

»Ich möchte warten, bis Lucien die Stadt verlässt«, verkündete Jared, was sie nicht weiter überraschte. Er hatte den kleinen Jungen ins Herz geschlossen und sich lange geweigert, ihn gehen zu lassen.

Cerys nickte. »Gut, aber trotzdem sollten wir nicht zu lange warten. Es kann sein, dass es hier schon bald von Magiern und Stahlröcken nur so wimmelt. Darauf könnte ich verzichten.«

Nun war es an ihm, zu nicken. Sie beide hatten keine guten Erinnerungen an ihre letzte Begegnung mit den Stahlröcken.

»Und wie wollen wir deine Mutter finden?«, fragte sie weiter. Sie wollte noch ein wenig länger daran glauben, dass sie diese Reise tatsächlich gemeinsam antreten würden. »Hast du dir schon überlegt, wo wir die Suche beginnen sollen?«

»Ich erinnere mich nicht mehr, wo genau mein Dorf liegt«, gestand er und kaute auf der Innenseite seiner Wange herum. »Ich war erst sieben oder acht, als die Söldner mich verschleppt haben. Deswegen wollte ich zuerst zu Aeliorns Kralle reisen und mich dann durchfragen. Meine Mutter war früher eine bekannte Sängerin. Irgendjemand muss doch wissen, wo sie sich niedergelassen hat, oder?«

»Es wäre möglich.«

Jared sah weg. Sie konnte die unausgesprochene Angst in seinen meerblauen Augen sehen. Es waren seither mehr als zehn Jahre vergangen. Vielleicht erinnerte sich niemand mehr an die schöne Sängerin. Vielleicht war sie inzwischen gar nicht mehr in dem Dorf, in dem sie ihren Sohn verloren hatte. Oder vielleicht war sie längst gestorben, an einem Fieber oder während einer Hungersnot, wie es sie so häufig im westlichsten Zipfel von Astor gab. Sie lebten in einer erbarmungslosen Welt.

Cerys griff über den Tisch nach seiner Hand und drückte sie aufmunternd. »Wir werden sie finden, Jared.«

Er nickte ruckartig. »Ja, das werden wir.«

Ein Schatten fiel über sein Gesicht und er zog die Hand zurück.

»Was ist los?«

»Es ist nur … wegen Delia.« Er seufzte. »Ich fühle mich nicht gut dabei, sie jetzt allein zu lassen.«

Natürlich, Delia. Sie hatte die Metzgerstochter über ihre eigenen Probleme hinweg beinahe vergessen.

»Wie geht es ihr denn?«

»Nicht gut. Sie hat kaum geschlafen, geschweige denn gegessen seit … du weißt schon.«

Sie nickte. Man hatte Sams Leichnam noch immer nicht gefunden.

»Und diese ganze Angelegenheit mit dem Rabenstein lässt sie auch nicht zur Ruhe kommen«, fügte Jared hinzu. »Was hältst du von dieser ominösen Prophezeiung?«

Ja, was hielt sie davon? Als sie die Prophezeiung an jenem Abend gehört hatte, war sie aus dem Saal geflüchtet.

»Ich denke, diese Prophezeiung hätte niemals ausgesprochen werden dürfen. Es wäre besser, wenn man den Raben zurück zum Orakel bringt, dorthin, wo niemand sie jemals hören wird. Es würde verhindern, dass sie öffentlich wird und die Leute sich ihre eigene Version zusammenschustern.«

»Ich glaube nicht, dass das einen Unterschied machen würde«, wandte Jared ein. »Sie würde doch so oder so in Erfüllung gehen.«

»Vielleicht«, entgegnete sie gedehnt, »aber wie sie es tut, kann man zumindest in groben Zügen steuern. Diese Prophezeiung ist gefährlich, Jared.«

Er fuhr sich mit beiden Händen durch das rabenschwarze Haar. »Ich weiß. Was meinst du, wie Lune sich dabei fühlt?«

»Es schert mich nicht, wie sie sich fühlt«, zischte Cerys schärfer als beabsichtigt. Sie konnte die unterdrückte Wut aus ihrer eigenen Stimme heraushören.

Seitdem Lune ihre wahre Identität zurückgewonnen hatte und ihre verschütteten Erinnerungen langsam wiederhergestellt wurden, trat sie ihr gegenüber feindselig auf. Nur weil Cerys eine Dariya war. Und Cerys wiederum verachtete Lune, nein, Livia Anna, weil ihre Mutter sie geliebt hatte, wohingegen sie sie, ihre eigene Tochter, zu töten versucht hatte. Ihr stand noch immer die geteilte Vision vor Augen, wie ihre Mutter sie in einem verschneiten Tempel zurückließ, als sie kaum mehr war als ein Neugeborenes.

»Ich verstehe euch Frauen einfach nicht.« Jared schüttelte den Kopf. »Ist ja auch egal. Wir haben mit dieser ganzen Sache jetzt nichts mehr zu tun. Sollen diese Hochwohlgeborenen sich doch mit dem Rabenstein herumärgern.«

Ganz meine Meinung.

Sie musste daran denken, wie viel der Rabenstein sie bereits gekostet hatte. Espen, ihr Freund und Rebell, war tot und ebenso Griffin, der für sie wie ein Vater gewesen war.

Der Barde zupfte noch immer die Laute und ein Zwerg begleitete ihn auf dem Horn. Es klang verloren in der gedrückten Stimmung des Schanksaals. Zu fröhlich. Die Klänge fühlten sich an, als würden sie an ihrer Haut zerren, um den Panzer aus Verlust zu durchdringen.

Cerys stand unvermittelt auf und schritt auf den Barden zu. Die Musik verstummte und die beiden musterten sie misstrauisch, als sie auffordernd die Hand ausstreckte. Doch dann reichte der Barde ihr die Laute und die Musiker hockten sich an einen der Tische. Sie spürte, wie Jareds Blick ihr folgte, als sie sich auf den frei gewordenen Schemel setzte und begann, die Laute neu zu stimmen. Probeweise schlug sie die Saiten an.

Es war ewig her, seit sie zum letzten Mal ein Instrument gespielt hatte. Ihre jüngere Schwester Lisanna war die künstlerisch Begabte von ihnen gewesen, doch auch sie hatte schon im Singenden Stein zur Laute gegriffen, um die Schenkenbesucher zu unterhalten.

Cerys zögerte kurz, doch dann zupfte sie an den Saiten und entlockte dem Instrument sanfte, wehmütige Töne. Es war eine Melodie voll bittersüßer Sehnsucht. Sie entführte sie zurück in ihre Zeit in Dûnrinth und beinahe konnte sie sich einbilden, wieder dort zu sein, umringt von ihren Kameraden und Freunden. Als wären die Magier nie dort aufgetaucht und hätten ihr nie die Heimat entrissen, die sie für sich selbst gewählt hatte.

Sie begann, leise zu singen:

 

»Mein Vater,

in regnerischer Nacht, hinfort bist du gezogen.

In unseren letzten Stunden hast du uns belogen.

Hast uns ein Lebewohl aus falscher Güte verwehrt

Und bist nun auch nach all den Schlachten nicht zu uns zurückgekehrt.«

 

Ihre Stimme trug über die Köpfe der Anwesenden hinweg, die sich zu ihr umdrehten und lauschten. Cerys schloss die Augen und gab sich dem Lied hin. Ihre Finger bewegten sich wie von selbst, als würde es sie dazu drängen, ihren Kummer mit Jared und den hier Versammelten zu teilen.

 

»Meine Mutter,

er ist fort, aber plage dich nicht.

Ist es denn nicht das, was uns die Hüterin verspricht?

Wir alle werden wieder beisammen sein.

Denn keiner bleibt im Tod für immer allein.

 

Mein Bruder,

weshalb willst du wieder wetzen die Klingen?

Willst gegen unsre Feinde du sie schwingen?

Entehre nicht den hart erkämpften Frieden,

Denn die Geduldsamen werden schlussendlich obsiegen.

 

Meine Schwester,

trockne die Tränen, weine nicht mehr.

Auch wenn es scheint, als wäre die Stube zu leer.

Es wird Zeit, die Arme auszubreiten.

Es kommt die Stunde, weiter voranzuschreiten.«

 

Eine letzte Note schwebte davon, ehe sie die Hand auf die Saiten legte, um sie zum Verstummen zu bringen. Cerys öffnete die Augen wieder und sah, dass einige Gäste weinten.

Es war ein Lied über die Nachwehen einer schrecklichen Tragödie, die man gemeinsam überstehen sollte. Denn irgendwann musste man weitermachen und wieder feiern und singen. Ihre kleine Schwester hatte dieses Lied geliebt, das sie von einem astorischen Musikanten aufgeschnappt hatte. Es war traurig und zugleich schön.

Cerys stand auf und lehnte die Laute gegen den Schemel, ehe sie zu ihrem Tisch zurückkehrte. Auch Jared wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und sie machte sich mit einer hochgezogenen Augenbraue über ihn lustig. Zugleich bemerkte sie, dass die Leute in der Schenke sie nicht länger als einen Eindringling wahrzunehmen schienen und von ihr wegrückten, sondern ihr zuprosteten und ihr sogar im Vorbeigehen ein Lächeln schenkten. Es war fast schon zu einfach, diese zugeknöpften Gebirgsleute mit einem Lied zu berühren.

Jared und sie unterhielten sich eine Weile über die Reparaturarbeiten in der Stadt und woher sie die Vorräte für ihre bevorstehende Unternehmung bekommen sollten. Als sie schließlich wieder aufbrechen und den Wirt bezahlen wollten, winkte dieser bloß ab. Sie traten auf die Straße hinaus und Cerys stellte fest, dass es bereits nach Mittag war.

Neben ihr streckte sich Ketzer genüsslich und stieß dann ein jämmerliches Jaulen aus. Ein klares Zeichen dafür, dass es ihn nach einer Mahlzeit verlangte.

Jared kraulte ihm die Ohren. »Du hast ja recht, ich bin auch hungrig. Was meinst du, sollen wir zurückgehen?«

Cerys sah auf die Winterastern in ihrer Hand herab. »Ja, aber vorher möchte ich noch Griffins Grab besuchen. Es ist kein großer Umweg.«

Doch als ihnen ein Palastbote entgegengeeilt kam, ahnte sie schon, dass sie dazu nicht mehr kommen würde, und tatsächlich war er von Edna losgeschickt worden, um sie zurück in den Palast zu zitieren. Trotz der kalten Gebirgsluft standen Schweißperlen auf seiner Stirn. Offenbar hatte man ihm deutlich zu verstehen gegeben, was ihm blühte, wenn er ohne sie zurückkehrte. Ihre Schonfrist war abgelaufen.

Cerys seufzte. »Ich komme.«

 

Zuerst ließ sie sich von dem Boten zu den Bädern führen, wo sie ihn schlotternd im Eingangsbereich stehen ließ und verkündete, er solle dort auf sie warten. Selbst hier unten waren Abbildungen von Schwänen und Steinadlern allgegenwärtig, die gemeinsam das Wappen dieser Stadt bildeten, und gleichzeitig das der Familie Norvar.

Die Bäder der Eisigen Stadt bestanden aus unterirdischen Quellen, die in separate Bereiche eingeteilt waren. Offenbar hatten die Dariya einige der Becken im hinteren Teil beschlagnahmt.

Cerys streifte ihre Kleider ab und suchte sich ein kleines Becken, dessen Wasser mineralisch roch und einladend dampfte. Sie ließ sich Zeit damit, sich abzuschrubben und die Haare zu waschen. Sie zögerte dieses Treffen unnötig hinaus, aber ihre letzte Begegnung hatte gezeigt, dass sie und ihre Schwester gänzlich unterschiedliche Interessen verfolgten. Erst als sie zwei Dariya erspähte, die ebenfalls die Bäder aufsuchten, verließ sie das Becken. Sie wollte sich nicht von ihnen in ein Gespräch verwickeln lassen und wimmelte sie daher mit einer knappen Begrüßung ab.

Der Bote war sichtlich erleichtert, als sie wieder zu ihm stieß, und führte sie sogleich in eines der oberen Stockwerke des Palasts. Er geleitete sie durch einen langen Gang und sie bemerkte, wie er zu zittern begann, als sie sich den beiden darischen Leibwächtern näherten, die vor einer Tür postiert standen.

»I-ich h-habe sie her-hergebracht«, brachte er stammelnd hervor, ehe er auf dem Absatz kehrtmachte und mit wehenden Schößen davoneilte.

Cerys konnte es ihm nachempfinden. Die beiden Dariya, ein Mann und eine Frau, trugen trotz der Kühle, die selbst im Innern des Palasts vorherrschte, ärmellose Lederwämser und darüber geschwärzte Brustpanzer, die mit geifernden Scheußlichkeiten verziert waren. Die schwarzen Tätowierungen am Hals und an den vernarbten Armen zeichneten sie als Angehörige der Beschwörer aus. Sie konnten Dämonen herbeirufen und mussten sich daher nicht bloß auf die zahlreichen Klingen an ihren Gürteln verlassen. Und wie sie Edna kannte, waren diese beiden ihr vermutlich auf geradezu fanatische Weise treu ergeben.

Die Leibwächterin schnupperte und rümpfte die Nase. Vermutlich roch Cerys noch immer nach Lavendelseife. Es erinnerte sie schmerzhaft an jenen Tag zurück, als sie während des Fests der Hüterin Jade vergiftet hatte. Jared und Theyra waren aufgetaucht, als sie noch über dem Leichnam gestanden hatte, hatten sie aber nicht erkannt. Sie betete, dass keiner von ihnen je herausfinden würde, wer jene Attentäterin gewesen war. Besonders Jared nicht. Er würde es nicht verstehen. Man hatte sie hinters Licht geführt und es verging kein Tag, an dem Cerys ihren Entschluss nicht bedauerte. Dennoch war ihr keine Wahl geblieben, denn hätte sie es nicht getan, wäre Jade nicht durch ihre Hand gestorben, dann wären stattdessen Jared, Cedric, Espen und Lucien getötet worden. Ihre Lehrmeisterin, Cynthia, war kompromisslos in ihren erzieherischen Maßnahmen.

Die Beschwörer ließen sie mit unbewegten Mienen passieren und Cerys trat ein.

Das Gemach war überraschend groß und besaß hohe Fenster, doch die schweren, dunkelblauen Vorhänge waren zugezogen und nur wenige schmächtige Kerzenflammen durchdrangen die Düsternis. Mehr brauchten die lichtempfindlichen Augen einer Dariya nicht.

Edna erhob sich von einem Schminktisch, als Cerys eintrat, und legte ihren Kamm beiseite. Ihre Schwester trug ein langes Kleid aus dunkelrotem Brokat. Es war bis zur Hüfte geschlitzt und brachte ihre langen Beine äußerst vorteilhaft zur Geltung. Der Stoff bildete zum Saum hin dunklere und schließlich fast schwarze Muster aus, die sich mit helleren Applikationen abwechselten, sodass es aussah, als hätten sich glühende Kohlestückchen darin eingenistet. Die Locken fielen ihr in einer weißen Kaskade über die Schultern und umrahmten ihr Dekolletee. Unter ihrem linken Schlüsselbein hob sich tiefschwarz in der Runenschrift das Haussymbol ihrer Familie von der bleichen Haut ab.

Für darische Verhältnisse war sie züchtig gekleidet, aber den Gästen heute Abend würden vermutlich die Augen aus dem Kopf quellen, wenn sie sich ihnen so zeigte. Obwohl dafür wohl schon ein Blick in ihr Gesicht ausreichen könnte. Edna hatte ihre Augen mit Kohlestift umrahmt und ihre Lippen färbte ein sinnliches Rot. Ihre Haut war makellos und von der üblichen vornehmen Blässe, wie sie allen Dariya zu eigen war. Von ihren Ohren baumelten goldene Ohrringe, in die Feueropale eingesetzt waren, die nur in den tiefsten Höhlen des Vulkangebirges zu finden waren und für die so mancher Händler wohl seine eigenen Nachkommen verkaufen würde. Auch wenn sie derlei nicht wirklich brauchte, um aufzufallen. Ihre ältere Schwester war unbestreitbar eine Schönheit.

»Da bist du ja endlich.«

Edna klang gereizt und winkte eine Dienerin herbei, die stumm in den Schatten gewartet hatte. Sie war kaum mehr als ein Mädchen, nicht älter als Delia. Vielleicht sechzehn oder siebzehn. Den verblassten Tätowierungen auf ihren Wangen und ihrer Stirn zufolge musste sie eine Skarin sein. Dafür sprachen auch die blassblauen Augen und das typisch hellblonde Haar, das sie mit einer Spange hochgesteckt hatte. Die teuren Stoffe ihres Gewands konnten nicht darüber hinwegtäuschen, was sie war. Man musste sich nur den goldenen Reif um ihren Nacken ansehen, mehr Halsband als Schmuckstück.

Cerys schnalzte verärgert mit der Zunge. »Du bringst Sklaven hierher? Was denkst du dir, Edna?«

Die Sklavin zuckte bei ihren Worten zusammen und zog den Kopf ein. Ihre Schwester dagegen blieb völlig ungerührt.

Wie hatte sie erwarten können, dass Edna während ihres Aufenthalts in der Eisigen Stadt auf eine Leibeigene verzichten würde? Zwar war Sklavenhandel in Teilen von Loranien, Skaribor und den südlichen Inseln ebenfalls zu finden, jedoch nahm er in ihrer eigenen Heimat weitaus erschreckendere Ausmaße an. Dass Cerys diese Zustände stets kritisiert hatte, legte ihre Schwester ihr seit jeher als eine exzentrische Neigung aus, die sich noch auswachsen würde.

»Ich denke, wenn du wie verabredet zum Schiff gekommen wärst, hätte ich mich nicht dazu gezwungen gesehen, hierher zu reisen«, erwiderte sie und blieb vor ihr stehen. Noch immer konnte Edna auf sie herabsehen. »Aber wir sollten dieses leidige Thema nicht noch einmal anschneiden.«

»Wir befinden uns hier auf feindlichem Territorium«, erinnerte Cerys sie. »Wenigstens ihre Bräuche und Moralansichten sollten wir respektieren, solange wir uns hier aufhalten. Noch gehört uns diese Stadt nicht.«

Edna lächelte. »Schon bald genug.«

»Vorsicht«, mahnte Cerys. »Deine Worte sollten nicht an die falschen Ohren geraten.« Dann fügte sie schärfer hinzu: »Glaubst du, der Statthalter würde es dulden, dass wir Sklaven hierherbringen? Oder sein Hofstaat?«

»Selbst wenn sie es wüssten, würden sie nicht darauf reagieren. Sie haben Angst«, bemerkte Edna und wickelte sich eine Strähne um den Finger. »Ich kann dich jedoch beruhigen. Unsere Sklaven haben sich unauffällig unter die übrigen Mitglieder meiner Delegation gemischt, in Kapuzenmänteln. Keiner hat sie bemerkt. Und niemand, nicht einmal Norik Norvar, hat es bisher gewagt, mich hier zu stören. Du siehst, deine Sorgen sind völlig unbegründet.«

»Unterschätze sie nicht, Edna. Sie könnten dich überraschen.«

Edna lachte amüsiert auf. »Immer die Politikerin, Cerys.«

»Wir müssen sie nicht dazu bringen, uns gegenüber noch feindseliger aufzutreten als ohnehin schon.«

Es hörte sich beinahe wie eine Rechtfertigung an. Sie verabscheute es, wie ihre Schwester sie immer wieder mit ihren Bemerkungen aus dem Konzept brachte. Wie sie sie dazu brachte, sich wieder mehr wie eine Dariya zu fühlen.

»Ich bezweifle, dass sie uns derzeit besonders feindlich gesinnt sind. Schließlich hat dein kindischer Trotz dafür gesorgt, dass ihre Stadt nicht an den Rat gefallen ist, wofür wir alle dankbar sein sollten. Sie verdanken ihren Sieg dir, einer Dariya.«

»Und sie tun alles, um es zu vertuschen«, ergänzte Cerys und konnte dabei nicht verhindern, dass ein Hauch von Bitterkeit in ihrer Stimme mitschwang.

»Das lässt sich ändern. Ein wenig Geld in die richtigen Taschen, und schon bald werden die Barden das richtige Lied singen.«

Edna griff nach Cerys՚ rechter Hand und betrachtete ihren Zeigefinger, um den sich ein weißlicher Streifen aus Narbengeflecht zog. Ein letztes Andenken an den arkanen Ring, welcher ihr über drei lange Jahre hinweg stetig die arkane Macht entzogen hatte.

»Es ist dir tatsächlich gelungen, ihn zu entfernen. Ich muss zugeben, ich hätte es nicht für möglich gehalten.«

»Ich auch nicht«, gestand Cerys. »Aber wenn nicht, würde ich jetzt vermutlich als sabberndes Wrack vor dir stehen.«

Edna runzelte die Stirn. »Wie dem auch sei, wenn der Rat sich wieder regen sollte, werden wir darauf vorbereitet sein. Ich werde mit dem Statthalter darüber verhandeln müssen, mehr Truppen hier zu stationieren. Uns stehen turbulente Zeiten bevor … Und doch hast du anscheinend nichts Besseres zu tun, als dich in Schenken herumzutreiben und vor diesen Ratten zu singen.« Das letzte Wort klang wie ein Zischen.

Es war ungewohnt, sich wieder in ihrer eigenen Muttersprache zu unterhalten. Als würde sie Edna damit einen Sieg zugestehen.

Cerys zuckte betont gleichmütig mit den Achseln. »Schlechte Angewohnheiten ändern sich eben nie. Ich tue, was ich will, Edna. Immer.«

»Und da irrst du dich«, säuselte Edna. »Du hast getan, was du wolltest. Jetzt wirst du das nicht mehr tun. Und nun setz dich.« Sie deutete zu dem Schminktisch hinüber.

Cerys überlegte, sich zu weigern, aber es kam ihr kindisch vor, also tat sie, wie geheißen. Sie ließ es zu, dass die Sklavin ihre Haare löste und begann, sie zu kämmen. Ihr Nacken prickelte dabei vor Unbehagen. Sie hasste es, wenn das Mädchen versehentlich ihre Haut berührte und sie damit daran erinnerte, wozu man es verdammt hatte. Vermutlich war es in Sklaverei geboren worden und hatte nie ein anderes Dasein gekannt. Immer gezwungen, zu gehorchen und sich zu ducken. Niemals frei.

Aber Cerys würde nie wieder den Fehler machen, zu versuchen, einem Sklaven gegenüber freundlich zu sein. Fast konnte sie das Blut des Jungen wieder auf ihrer Wange spüren. Wie es ihr warm vom Kinn tropfte. Dabei hatte sie ihm doch bloß aufgeholfen, als er gestolpert war, und ihn nach seinem Namen gefragt. Er hatte gelacht, als sie ungeschickt versucht hatte, sich mit ihm in seiner Muttersprache zu verständigen. Es hatte genügt, um ihn zu töten, nur um ihr damit eine Lektion zu erteilen. Sie selbst war mit seinem Blut auf ihrer Wange und einem Vortrag ihrer jeskilindril über das korrekte Verhalten einer kelari davongekommen. Beide konnten sie nicht älter als sechs Jahre gewesen sein.

Die Sklavin begann, ihr die Haare zu einer aufwendigen Frisur zu flechten. Unterdessen besah sich Edna einige Kleider, die auf ihrem Bett ausgebreitet lagen. Cerys konnte nicht verhehlen, dass sie es ein wenig genoss, zurechtgemacht zu werden. Tatsächlich war sie äußerst eitel, wenn sie es sich leisten konnte. Sie wusste um ihre eigenen Reize und es würde sie nicht stören, Lune an diesem Abend nach allen Regeln der Kunst auszustechen.

Als die Sklavin fertig war, trat Edna hinter Cerys. Die fluchte, als sie ihr unvermittelt einen Ohrring in den Knorpel stach.

»Stell dich nicht so an.«

Zwei weitere folgten. Die Ringe waren aus Stahl, schmucklos und zierten nun die obere Hälfte ihres rechten Ohrs, ganz der derzeitigen darischen Mode entsprechend.

»Einer für den Traumseher, einer für das Edelfell-Mädchen und einer für Griffin«, flüsterte Edna. Ihr Atem strich warm über ihre Wange. »Letztlich hast du alle drei für uns beseitigt. Sie sollen dich daran erinnern.«

Cerys musste sich auf die Zunge beißen, um ihr nicht an den Kopf zu werfen, dass sie Griffin nicht getötet hatte. Nein, und dennoch hatte ihre Entscheidung zu seinem Ableben geführt. Edna lachte leise in sich hinein, als würde sie ihren inneren Konflikt spüren.

Cerys stand wortlos auf und schälte sich aus ihrer Kleidung. Diese Ohrringe würden sie tatsächlich an etwas erinnern. An ihre eigene Dummheit und ihren verletzten Stolz, als sie begriffen hatte, wie Semira Rûndara sie benutzt hatte. Sie würde den Tod von Eist nicht vergessen, durch den der Rat überhaupt erst unbemerkt hatte angreifen können. Er hatte sie gelehrt, wieder wachsamer zu sein, und ermahnte sie jeden Tag aufs Neue, ihrem tiefsitzenden Groll nicht mehr so leicht nachzugeben.

Sie schritt zu dem Bett hinüber und nahm das Kleid entgegen, welches Edna ihr reichte. Hinter ihr stieß die Sklavin ein unterdrücktes Wimmern aus. Die beiden Schwestern beachtete sie nicht weiter. Cerys wusste, was sie so erschreckt hatte. Die Tätowierung, die sich über ihren Rücken erstreckte. Jeder, der sich mit den Symbolen der lodernden Mutter schmückte, musste dieses Mädchen zu Tode ängstigen. Die gläubigen Dariya zeichneten sich nicht nur dadurch aus, dass sie ihre Sklaven besonders schlecht behandelten, sondern opferten sie auch gern zu hohen Feiertagen, um Netherys so ihre Verehrung zu demonstrieren.

Cerys stieg in das Kleid, das sich an sie schmiegte wie eine zweite Haut. Es war aus schimmernder weißer Seide gefertigt, die zu den Ärmeln und zum Saum hin dunkler wurde und in einem Anthrazitton auslief. Um ihre Hüften legte sie einen Gürtel aus silbernen Medaillons, in die kunstvolle Beschwörungsrunen eingraviert waren. Sie betrachtete sich im Spiegel. Es war ein elegantes Kleid, das musste sie zugeben, doch sie fühlte sich nicht wohl damit, es zu tragen. Es erinnerte sie zu sehr an die Kleidung, die sie als Weiße Viper wählte. Vermutlich hatte Edna es gerade deswegen ausgesucht. Boshaftes Miststück.

Cerys verkniff sich die Bemerkung, dass sie sich bei diesem Abendessen den Hintern abfrieren würde. Mit ihrer Priesterweihe war Edna der Segen der Göttin zuteilgeworden, der sie gegenüber Kälte unempfindlich machte, was für Cerys selbst leider nicht galt. Und sie bezweifelte, dass ihre Schwester für sie noch ein wärmendes Fell aus einer ihrer Kleidertruhen zaubern würde. Sie seufzte innerlich. Es würde nichts bringen, zu streiten.

Edna zog sich einen ihrer vielen Ringe vom Finger und hielt ihn ihr entgegen. Es war ein schlichter Silberring, in den ein geschliffener Diamant eingefasst und das Symbol der Herrscherfamilie eingeätzt war.

»Nimm ihn.«

Genervt streifte Cerys ihn über und drehte ihn an ihrem Finger. »Dann wissen sie alle, wer du bist?«

»Selbstverständlich. Wozu sollte ich das geheim halten?« Ihre Augenbrauen wanderten in die Höhe. »Könnte es sein, dass du deinen geschätzten Reisebegleitern bisher verschwiegen hast, wer du bist? Und wie wir zueinander stehen?«

Cerys schwieg.

Edna schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Dieses Versteckspiel wird nun aufhören, kleine Schwester.« Sie musterte sich noch einmal prüfend im Spiegel, dann nickte sie zufrieden. »Gut, wir können gehen. Es wäre doch unhöflich, sie noch länger warten lassen.«

Ein Abendessen mit den Dariya

Delia

Die Eingangshalle füllte sich allmählich mit den Gästen, die unter den großen Kristallkronleuchtern in lockeren Grüppchen zusammenkamen. Delia sah sich unbehaglich zu ihnen um und zupfte an der Boa aus Fuchsfell, die um ihre Schultern lag. Der Statthalter und seine Frau begrüßten gerade eine kleine Zwergenrotte, angeführt von einem fettleibigen Zwerg, der sich mit den beringten Fingern über den geflochtenen kupferroten Bart strich.

Lune beugte sich zu ihr herüber und flüsterte: »Das ist Kunult Goldnase. Er ist der reichste Zwerg im gesamten Grenzgebirge und jetzt der neue Vorsitzende der Versammlung.«

Die Metzgerstochter nickte, fragte sich aber, wann die Versammlung die Zeit gefunden hatte, einen neuen Vorsitzenden zu wählen, nachdem der alte gerade einmal zwei Tage unter der Erde weilte.

Delia ließ ihren Blick weiterwandern und stellte fest, dass überraschend viele Würdenträger aus der Stadt hergebeten worden waren, um diesem Abendessen beizuwohnen. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, weshalb sie selbst eingeladen war. Jareds Miene nach zu urteilen, stellte er sich die gleiche Frage. Er fummelte schon wieder unglücklich am Kragen seines neuen Wamses herum, dessen blauer Brokat mit weißen Schwänen bestickt war. Cedric war ebenfalls bei ihnen. Es hatte Lune viel Überzeugungskraft gekostet, ihn dazu zu überreden, wenigstens für einen Abend die provisorischen Sanatorien zu verlassen, die in der halben Stadt eingerichtet worden waren.

Cedric beäugte gerade einen Priester, der von einem Diener hereingeführt wurde. Er hatte einen weißgrauen Bart und ein Gesicht wie ein Raubvogel. Die Schließe an seinem reinweißen Gewand war wie ein geschlossenes Auge geformt, von dem eine Träne perlte. Er musste demnach ein Anhänger der Seherin sein.

»Das ist Bischof Valdrin«, erklärte Lune, als sie Cedrics Blick folgte. »Er war schon Vorsteher unserer Kirche, als ich noch ein kleines Kind war. Hat sich kaum verändert.«

Sie klang fröhlich, doch Delia wusste, dass es nur gespielt war und Lune noch immer unter ihren Erinnerungslücken litt. Sie war ins Eis eines Sees nahe der Stadt eingebrochen, und als sie wieder zu sich kam, waren vierzehn Jahre vergangen. Lune war während dieser Zeit nicht gealtert und hatte nicht mehr gewusst, wie sie überhaupt hieß. Sie war orientierungslos umhergeirrt und schließlich in Eschenbach gelandet, wo sie gemeinsam mit Delia und ihren Freunden von den Suchern gefunden und zur Gilde gebracht worden war. Dort hatte Argus sie wiedererkannt und zurück zu ihrer Familie gebracht.

Delia erblickte den alten Magier, der sich gerade zu Lunes Ziehgeschwistern Erwin und Dianna gesellte, und es wunderte sie, dass sie Nero nirgends entdecken konnte. Bisher hatte er an jeder wichtigen Besprechung teilgenommen, allerdings war auch er ein Heilkundiger und hatte vermutlich entschieden, dass die vielen Verwundeten nicht auf ihn verzichten konnten.

»Oh, schaut mal! Die Rektorin der Universität ist tatsächlich gekommen!«, flüsterte Lune aufgeregt und deutete auf eine Frau mit mausbraunen, kinnlangen Haaren. Sie war klein und gedrungen, hatte aber ein energisches Auftreten und kluge, graue Augen. Delia konnte sich vorstellen, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen war. Die Rektorin trug einen grauen Talar, und das Abzeichen über ihrer Brust zeigte einen Knochen gekreuzt mit einem Edelweiß.

»Abetare Knochenschneider«, fügte Lune beinahe ehrfürchtig hinzu. »Sie ist eine studierte Heilerin und gilt als Ikone der angewandten Medizin. Obwohl sie eine Bürgerliche ist, führt sie die Universität nun schon seit achtzehn Jahren. Ihr Vater ist ein gewählter Ratsherr.«

»Gewählt?«, hakte Delia stirnrunzelnd nach.

Lune nickte. »Es gibt insgesamt zwölf Ratsmitglieder. Acht davon entstammen den acht Gründerfamilien von Astor und die vier anderen werden vom Volk gewählt.«

»Wirklich faszinierend«, brummte Jared. »Aber würdest du uns jetzt endlich erklären, weshalb wir hier sind, Lune? Soweit ich mich erinnere, sind weder Delia noch ich studiert, geschweige denn adlig, und Cedric ist vor seiner hochwohlgeborenen Familie geflüchtet.«

»Ihr seid meine Freunde, reicht das nicht?«, murmelte Lune und kaute auf ihrer Unterlippe herum. »Ich schätze, ich wollte … einfach nicht mit diesen Dariya allein sein.«

Delia legte ihr eine Hand auf den Arm, auch wenn sie selbst wieder nervös wurde.

»Wo bleiben die eigentlich?«, wollte Jared wissen.

»Vielleicht sind sie mit dem Prinzip einer Taschenuhr nicht vertraut«, erwiderte Lune spitz.

»Wer sind diese Dariya überhaupt?«, mischte sich nun Cedric ein. »Und was wollen sie hier?«

»Ihre Delegation kommt aus Belos, ihrer Hauptstadt. Angeführt werden sie von Edna Valoren, einer Prinzessin ihres Herrscherhauses. Sie …«

»Eine Prinzessin?«, quietschte Delia ungläubig.

Lune nickte und auch Jared sah nicht überrascht aus. »Ja, sie … Edna ist meine Cousine.« Sie verzog das Gesicht. »Wie ihr wisst, war mein Großvater ein Dariya. Er hatte zwei Töchter, eine darische und meine Mutter, die er als Erbin eingesetzt hat. Sollte ich sterben, würde die Eisige Stadt an meine darischen Verwandten übergehen.«

Jareds Miene verdüsterte sich. »Schätze, damit hat sich die Frage geklärt, weshalb sie hier sind. Um zu sehen, ob du wirklich überlebt hast.«

»Vermutlich.« Lune seufzte. »Ich frage mich nur, wie sie so schnell davon erfahren haben.«

»Weiß Cerys, dass eine Prinzessin hier ist?«, wollte Delia neugierig wissen.

»Ja«, antwortete Jared. »Sie wurde vorhin zu ihr gerufen. Außerdem ist Cerys doch selbst eine Adlige.«

Lune sah überrascht aus und wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als die Gespräche um sie herum jäh verstummten.

Delia sah sich um und musste ein Seufzen unterdrücken, als sie die beiden Dariya erblickte, die gerade die Treppe zu ihnen herunterkamen. Die Prinzessin, Edna, war von einer berauschenden Schönheit, als wäre sie einem Gemälde entstiegen. Sie hatte nicht die seelenlosen, pechschwarzen Augen der Dariya, sondern goldene, die aussahen, als würde eine Kerzenflamme dahinter brennen. Die Metzgerstochter senkte rasch den Kopf, als sie bemerkte, wie schamlos die beiden Frauen gekleidet waren.

Jared und Cedric aber hatten nur Augen für Cerys, die sie mit offenen Mündern anstarrten. Keiner von ihnen hatte sie je in einem Kleid gesehen. Der herrliche Stoff umfloss sie wie Wasser einen Felsen und das Wechselspiel aus Grau und Weiß verlieh ihren Haaren einen leicht silbrigen Schimmer. Sie sah umwerfend aus, aber auch fremdartig, jetzt so viel mehr eine Dariya als zuvor.

Ednas goldener Blick heftete sich auf Lune und sie stellte eine unhörbare Frage. Dann kamen die beiden Dariya auf ihr Grüppchen zu, ohne sich vorher mit dem Statthalter aufzuhalten. Die darische Prinzessin musterte sie eingehend und ihre Mundwinkel hoben sich leicht, wie zu einem angedeuteten Lächeln.

»Möchtest du mir diese jungen Leute nicht vorstellen, Cerys?«

Ednas Akzent war sehr viel ausgeprägter als der von Cerys und verlieh der Frage einen unangenehmen Unterton.

»Nicht wirklich, aber wenn du darauf bestehst …« Cerys wies gelangweilt der Reihe nach auf sie. »Das ist Cedric Finster, der Hauptmann der Stadtwache von Grauehr, Sohn von Cerberus Finster, dem Statthalter von Schattenhafen. Hier haben wir Jared, einen Soldaten, der sich in der Schlacht hervorgetan hat. Und das ist …« Sie wandte sich Delia zu und runzelte die Stirn. »Ich habe deinen Namen vergessen.«

Delia war zu verblüfft, um etwas darauf zu erwidern. Weshalb behandelte Cerys sie wie eine völlig Fremde? Und warum behauptete sie, Cedric wäre noch immer der Hauptmann von Grauehr? Nachdem er sie aus den Verliesen des Abendseglers befreit hatte, hatte er gemeinsam mit ihr flüchten müssen und war zu einem Studenten an der Universität von Celeros geworden. Es erstaunte Delia, dass Cerys eine Prinzessin so offen belog oder zumindest die Wahrheit stark überstrapazierte.

»Das ist Delia, eine Novizin der Gilde und eine gute Freundin von mir.« Lune funkelte Cerys wütend an. »Wie du sehr genau weißt«, fügte sie bissig hinzu.

»Ich muss dich enttäuschen, Lune, doch ich merke mir nicht jedes unbedeutende Gesicht«, teilte diese ihr spöttisch mit, ehe sie sich wieder Edna zuwandte. »Ich vermute, die Herrin dieser Stadt bedarf keiner Vorstellung, oder?«

Delia spürte, wie ihr die Kehle eng wurde, und musste schlucken, doch da bemerkte sie, wie Cerys mit ihrer gewohnten, nervösen Geste den Ring an ihrem Finger drehte, und begriff. Diese Worte waren nicht gegen sie gerichtet gewesen. Offenbar traute Cerys dieser anderen Dariya nicht.

»Nein, das wird nicht nötig sein«, stimmte Edna zu und richtete ihren goldenen Blick wieder auf Lune. »Sollte ich mich noch einmal vorstellen oder ist Euer Gedächtnis nicht mehr so lückenhaft wie vor zwei Tagen?«

»Ich weiß, wer Ihr seid, geschätzte Cousine«, presste Lune zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Noch ehe eine der beiden Dariya darauf etwas erwidern konnte, gesellten sich Statthalter Norvar und Erwin zu ihnen, mit denen sie einige belanglose Begrüßungsfloskeln austauschten. Delia atmete innerlich auf und zog sich ein wenig zurück.

»Wenn ich nun zu Tisch bitten dürfte.«

Sie folgten dem Statthalter in den großen Speisesaal. Dabei fiel Delia auf, wie feindselig der Priester und die Dariya einander im Vorbeigehen musterten. Diener wuselten zwischen ihnen umher und wiesen den Gästen ihre Plätze zu. Schon bald fand sich Delia neben Jared und einem grimmig aussehenden Gebirgsjäger wieder. Ihnen gegenüber saßen Abetare und Cedric, der die Gelegenheit nutzte und die Rektorin in ein Gespräch verwickelte. Eigentlich war er eher schweigsam veranlagt, aber wenn es um die Heilkunde ging, blühte er geradezu auf. Auf der anderen Seite der Tafel saßen die fremdländischen Gäste und die Familie des Statthalters, wobei man Valdrin bewusst nicht in die Nähe der beiden Dariya gesetzt hatte. Der Eindruck eines ungezwungenen Zusammenseins wurde durch die Leibwächter an den Wänden zerstört. Sechs Dariya und zwölf Soldaten der Weißen Wache.

Argus, der neben der Gemahlin des Statthalters saß, richtete einige Worte in der darischen Sprache an Edna, aber sie winkte ab.

»Bitte, sprecht Eure Sprache. Sie ist so … gefällig.«

Sie tauschte einen amüsierten Blick mit Cerys, was Lune mit einem wenig damenhaften Schnauben quittierte.

»Gerne, gerne«, erwiderte Argus unbekümmert, »das wird es für alle Beteiligten leichter machen.«

Delia musste ihm stumm beipflichten. In der Gilde hatte sie monatelang versucht, sich die Grundlagen des Darischen anzueignen, doch selbst jetzt noch verstand sie kaum ein gesprochenes Wort. Diese Sprache war so schwer auszusprechen und so kompliziert, dass sie hoffte, ihr mühevoller Abendunterricht würde von nun an ausgesetzt werden. Schließlich gab es nun keine Attentäter in Celeros mehr, die sie in ihren Träumen belauschen musste.

Bis der erste Gang aufgetragen wurde, verliefen die wenigen Gespräche gezwungen. Nur die Dariya schienen völlig ungerührt und lächelten vor sich hin, als würde sie die angespannte Stimmung köstlich unterhalten.

Delia war erleichtert, als ein Diener ein kleines Silbertablett vor ihrer Nase abstellte, auf dem drei Gläschen angerichtet waren. Eines enthielt eine Kürbissuppe mit geschlagener Sahne darauf, eines eine Art Fischeintopf mit kleinen Tomaten und das dritte Glas eine deftige Zwiebelsuppe. Daneben lagen zwei Scheiben geröstetes Brot mit Weichkäse und Preiselbeeren.

Die Metzgerstochter griff unsicher nach dem kleinen Löffel, der an der Kopfseite ihres Tellers lag und beobachtete erst, wie die übrigen Gäste sich der Speise näherten, ehe sie sich beeilte, sie nachzuahmen. Sie hatte nie zuvor einem so formellen Essen beigewohnt und ihre Ohren brannten vor Verlegenheit. Jared schien ihre Bedenken nicht zu teilen, denn er stocherte gerade mit der Gabel nach einem Stück Fisch.

Delia horchte auf, als sich Lune zu Wort meldete. »Mich würde interessieren, in welchem Verhältnis du zu unserem geschätzten Gast stehst, Cerys.«

Die Dariya erwiderte daraufhin nichts, sondern ließ sich Zeit damit, den Weichkäse zu zerschneiden, ehe sie das Besteck wieder zurück auf den Tisch legte.

Edna lächelte nur. »Du hast es ihnen also wirklich verschwiegen? Wenn das so ist«, sie wandte sich dem Statthalter und seiner Familie zu, »dann möchte ich Euch ganz formal meine jüngere Schwester vorstellen.« Erwins Löffel verharrte auf dem Weg zu seinem Mund. »Cerys Valoren.«

Cerys betrachtete völlig ungerührt ihre Fingernägel, aber ihre Freunde waren wie vor den Kopf gestoßen. Jared sah aus, als hätte er sich an einer Gräte verschluckt, sagte aber erstaunlicherweise überhaupt nichts.

Einer der Zwerge räusperte sich und brummte: »Das erklärt einiges.«

Cerys weitete in gespielter Überraschung die Augen. »Tatsächlich?«

Und jetzt, nachdem sie mit der Nase darauf gestoßen worden war, konnte Delia die Familienähnlichkeit sehen. Sie hatten die gleichen schön geschwungenen Augenbrauen, das gleiche Kinn und hätte Cerys ihre Haare offen getragen, würden sie sich vermutlich ähnlich sanft wellen wie die Ednas.

Lune starrte Cerys unverwandt an, als würde sie sie zum ersten Mal wirklich sehen.

»Und warum hättest du das geheim halten sollen?«, stieß sie mühsam hervor.

Die Angesprochene zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Zu jedem früheren Zeitpunkt hätte es die Dinge nur unnötig verkompliziert.«

»Und dürfte ich fragen, was eine darische Prinzessin in Cantos zu suchen hatte?«

»Das, geliebte Cousine, geht dich nichts an.«

Irgendwie war Delia nicht sonderlich überrascht. Es passte zu ihr. Cerys war schon immer arrogant gewesen, eitel, abweisend. Ganz wie eine Prinzessin.

Erst jetzt fielen ihr die drei Ohrringe auf, die aufblitzten, als Cerys leicht den Kopf drehte, um ihrer Schwester neben sich etwas zuzuraunen. Offenbar gefiel es ihr nicht, dass ihr Geheimnis gelüftet worden war. Aber die lächelte nur.

Ehe Delia es sich versah, wurden die Tabletts schon wieder abgeräumt und der Hauptgang gebracht. Mehrere große Forellen und Seesaiblinge auf einem Bett aus goldgelben Kartoffeln wurden gebracht, die in Öl schwammen und mit Zitronen und Rosmarin mariniert waren. Alternativ dazu gab es Rehrücken in Weinsoße, Pilzragout und Rotkraut, das schon eher der deftigen Kost des Grenzgebirges entsprach. Das leichtere Fischgericht aus Cantos sollte wohl den Magiern entgegenkommen.

Cedric und Jared häuften sich einen Berg von Kartoffeln und Fleisch auf die Teller. Delia unterdessen versteckte sich hinter ihrem Rotkraut, während sie lauschte, wie Cerys die Zwerge in ein grollendes Gespräch verwickelte. Der neue Vorsitzende unterhielt sich schon bald angeregt mit ihr, offenbar erfreut, dass sie seine Sprache beherrschte.

»Was reden die da?«, grummelte Jared, während er sich missmutig einen Bissen Reh in den Mund schob.

»Sie hat sich nach den Handelsrouten erkundigt, die durch das Gebirge führen«, antwortete ihm Abetare, die von ihrem Gespräch mit Cedric aufsah. »Nachdem die Zwerge dem Statthalter zur Hilfe geeilt sind, fordern sie längst überfällige Reparaturarbeiten an den Straßen und Gebirgsjäger als Geleitschutz für den Transport ihrer Waren. Es wird Zeit, dass die Versammlung diesen Beschluss durchwinkt. Zwei Wagenlieferungen mit Höhlenkräutern und Verbandsmaterialien sind im letzten Winter verloren gegangen, weil die Meilensteine völlig verwittert sind und man sie nicht mehr von gewöhnlichen Felsbrocken unterscheiden konnte.«

Die Rektorin hatte einen schweren Akzent und ihre Stimme klang, als würde sie aus den Tiefen ihres Bauchs heraufdringen. Sie hielt kurz inne, um weiter zuzuhören, dann fuhr sie fort. »Diese Dariya scheint sich für die Beziehungen zwischen den hier lebenden Zwergen und Menschen zu interessieren, und Kunult liebt es, sich über die ungleiche Behandlung auszulassen und darüber, welchen Beschränkungen sein Volk zustimmen musste, um sich wieder in der Eisigen Stadt ansiedeln zu dürfen.«

»Ziemlich unhöflich, sich in einer fremden Sprache zu unterhalten.« Delia zog die Nase kraus.

Die Rektorin schüttelte den Kopf. »Daran merkt man, dass ihr nicht von hier seid. Die meisten Bewohner sprechen beide Sprachen. Fast jeder könnte sich an der Diskussion beteiligen, wenn er wollte. Selbst Livia Anna musste schon mit sechs anfangen, sie zu lernen, auch wenn sie ein wenig eingerostet zu sein scheint.«

Sie nickte zu Lune hinüber, die offenbar angestrengt versuchte, der Unterhaltung mit halbem Ohr zu folgen.

»Wie ungewöhnlich, dass eine so junge Angehörige der Familie Valoren Grotnek spricht. Die hohen Häuser haben ihre Unterhändler, wenn sie mit den Zwergen aus Ankyor oder Norkyor verhandeln, und legen für gewöhnlich wenig Wert darauf, es ihren Nachkommen beizubringen. Dafür leben in Dariya einfach zu wenige Zwerge.«

Mit diesen Worten drehte sie sich Cedric zu und nahm das fallengelassene Gespräch wieder auf. Delia blinzelte überrascht, musste dann aber ein Kichern unterdrücken. Offenbar war es der Rektorin so in Fleisch und Blut übergegangen, die neugierigen Fragen ihrer Studenten zu beantworten, dass sie auch außerhalb der Universität in alte Gewohnheiten verfiel.

Die Metzgerstochter beschloss, sich ernsthaft dem Essen zu widmen, anstatt sich unnötig Sorgen zu machen. In den letzten Tagen hatte sie sich Cedric angeschlossen und Decken und Essen an die Verwundeten verteilt, sodass sie darüber völlig vergessen hatte, sich um sich selbst zu kümmern. Ihr vernachlässigter Magen dankte es ihr, als sie ihn mit Kartoffeln und Rotkraut füllte. Von dem Fleisch ließ sie die Finger, nachdem sie inmitten des Schlachtengetümmels zu viel Blut und Eingeweide gesehen hatte.

Die beiden Dariya schien das Essen nicht zu beeindrucken, denn sie verloren kein Wort darüber, während es von dem Priester und Argus gelobt wurde und die Zwerge auch noch das letzte Fitzelchen Rehrücken unter sich aufteilten. Vermutlich waren sie extravagantere Speisen gewöhnt, denn Edna aß nur wenig und Cerys spielte lieber mit ihrer Gabel herum, als den Fisch auf ihrem Teller auch nur eines Blicks zu würdigen.

»Haben die Zwerge auch beim Bau des ersten Magierturms geholfen?«, fragte sie gerade einen zerknautscht aussehenden Zwerg, nun wieder in der gemeinen Zunge.

»Nein«, grollte dieser. »Hätten wir bei der Planung geholfen, wäre er wohl nie so armselig in sich zusammengestürzt.«

Dabei warf er Argus einen finsteren Blick aus seinen kleinen Kieselaugen zu, aber der schnäuzte nur ungerührt in sein Taschentuch.