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Inmitten der politischen Umbrüche in den Elf Reichen wird Rhenawen ein magischer Stein zugespielt, der die gesellschaftliche Ordnung ins Wanken bringen könnte. Sie sieht sich gezwungen, ihn den Rebellen zu überbringen, die dem Rat von Astor ein Dorn im Auge sind. Schon bald tauchen Verfolger auf, die vor nichts zurückschrecken, um das Artefakt in ihren Besitz zu bringen.
Unterdessen kommen Magier nach Eschenbach, die einige der Stadtkinder einfordern und verschleppen. Während Lune und ihre Freunde in der Obhut der Magier einer unsicheren Zukunft entgegenreisen, taucht Rhenawen bei ihnen auf, die mit ihrem Hass auf die Magier zu einer Begleiterin wider Willen wird. Die bunte Gemeinschaft wird zusehends tiefer in Intrigenspiele und Verfolgungswahn hineingezogen. Und schon bald weiß niemand mehr, wer kann hier wem noch trauen?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Der Ruf der Rebellen
Theresa Eisner
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Von Hexen und Feuerstellen
Mehl und Apfelmost
Der Brief im Feuer
Die Säuberung
Die Ausgesonderten
Versprechungen zwischen Skeletten
Die Flucht aus der Entführung
Der Beherrscher der Flammen
»Solange es nötig ist …«
Verflossene Persönlichkeit
Zu neuen Ufern
Gerüchteküche
Der Biss des Mantikors
Unergründliche Seen
Der geflügelte Tod
Mit Blindheit geschlagen
Das Herz des Winters
Am Tisch der Berserker
»Steh auf!«
Ankunft in Grauehr
In der Stadt der Grauhunde
Der Lord von Grauehr
Zur Stunde des Wolfs
Der Verfechter der Gerechtigkeit
Der Magier und der Welpe
Schweiß, Blut und Portale
Triggerwarnung
Danksagung
Klappentext zu »Cerys – Das Geheimnis des Rabensteins«
Urheberrechtlich geschütztes Material
Alle Rechte am Text liegen bei Theresa Eisner.
Cerys – Der Ruf der Rebellen
Band 1
1. Auflage
© 2022 Theresa Eisner
c/o Fakriro GbR
Bodenfeldstr. 9
91438 Bad Windsheim
Lektorat: Ina Solowij (Lektorat: Kompass & Feder)
Korrektorat: Sabine Steck (www.lauragambrinus.de)
Covergestaltung: Alexander Kopainski (www.kopainski.com)
Unter Verwendung von Stockdaten von shutterstock.com
Kartendesign: Misty Beee (www.mistybeee.com)
Für meinen Vater.
Lass uns den Olivenbaum noch einmal besuchen.
In »Cerys – Der Ruf der Rebellen« gibt es eine Szene, die betroffene Personen unter Umständen triggern könnte. In dieser Szene kommt es zu selbstverletzendem Verhalten durch Schnitte. Falls es gewünscht ist, vor dem Lesen zu wissen, worum es geht, gibt es hinten im Buch eine kurze Zusammenfassung dazu.
Prolog
»Du musst dich entscheiden.«
Die Dunkelheit hatte sich über die Stadt gelegt wie ein undurchdringliches schwarzes Tuch, das mit hellen Punkten bestickt war. Nur die Häuser, die sich hoch über ihnen in das Bergmassiv krallten, wurden vom Mond in silbriges Licht getaucht. Durch die herabfallenden Lavaströme dahinter sah es aus, als würde die Nacht feurige Tränen weinen.
Cerys hob den Blick von ihren dreckigen Füßen und sah in diese eindringlichen Augen. Diese Frau war gekommen, um sie mit sich zu nehmen. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Sollte sie die Stadt verlassen, die ihre Heimat gewesen war?
»Wenn ich es tue, was wird dann aus meiner Schwester?«
»Sie wird bleiben, es wird ihr hier gut gehen.«
»Aber ich kenne Euch nicht.«
»Nein, tust du nicht, und dennoch musst du jetzt eine Wahl treffen. Du kannst hierbleiben oder du kannst mit mir kommen.«
Cerys griff nach ihrem Handgelenk und fuhr über die verschorften Schnitte, die die Handschellen dort hinterlassen hatten. Sie waren eine ständige Erinnerung daran, dass sie bis vor Kurzem nicht mehr gewesen war als eine Todgeweihte.
»Du wirst es nicht bereuen, Cerys. Es wird dir an nichts fehlen.«
Die Frau beugte sich zu ihr hinunter und hielt ihr die geöffnete Hand entgegen. Cerys zuckte zurück und dachte für einen Moment, sie würde sie schlagen wollen, doch die Frau verharrte in dieser Haltung und wartete ab. Cerys schluckte. Schnell wischte sie sich die Tränen aus den Augen und legte scheu ihre kalte Hand in die der Frau. Langsam hob ihr Gegenüber den Arm und strich ihr übers Haar.
»Du musst nicht traurig sein, Cerys. Ich bin nun deine Familie.«
Sie schwiegen, bis Cerys eine letzte Frage stellte. »Wie soll ich Euch nennen?«
»Du darfst mich Mutter nennen.«
Von Hexen und Feuerstellen
Lune
Lune blinzelte ins fahle Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel. Sie betrachtete die winzigen Staubkörnchen, die durch das Zimmer tanzten. Die Strahlen, die durch die Blätter des Apfelbaumes neben der Hütte fielen, malten leuchtende Sprenkel auf das Fell eines Fuchses, der sich auf dem Boden vor der Feuerstelle zusammengerollt hatte. Schräge Dachbalken schoben sich in ihr Blickfeld, als sie sich auf den Rücken drehte.
Müde fuhr sie sich mit der Hand über das Gesicht. Sie blieb liegen, bis sich ihre trägen Sinne zu schärfen begannen und die Spinnennetze der Traumwelt abschüttelten. Lune schälte sich aus der dünnen Wolldecke und stand auf. Sie zupfte sich ein Stück Moos vom Unterkleid. Ihre Schlafstatt bestand aus Heidekraut und Farnen, über welche sie ein Tuch gespannt hatte. Ein zusammengerollter Umhang diente ihr als Kissen. Sie breitete ihn auf dem zerwühlten Laken aus und klaubte die Kleidungsstücke heraus, die sie darin eingewickelt hatte. Rasch entkleidete sie sich, um in die wollene Hose und das viel zu weite Leinenhemd zu schlüpfen. Anschließend zwängte sie ihre Füße in die derben Wildlederschuhe, die neben der Feuerstelle auf sie warteten.
Der Fuchs blinzelte schlaftrunken zu ihr hoch. Er gähnte und streckte sich genüsslich. Sie tätschelte ihm den pelzigen Kopf und schlich dann weiter, behutsam darauf bedacht, Hestia nicht zu wecken.
Sie sah verstohlen hinüber zu dem Bett, das vom Fenster abgewandt stand. Die Frau darin war im Halbdunkel kaum auszumachen. Sie regte sich im Schlaf, erwachte jedoch nicht. Selbst dann nicht, als die Tür beim Öffnen laut knarrte. Ein Uhu flatterte aufgeschreckt zum Dachbalken hinauf. Die Eule beäugte das Mädchen und klapperte verärgert mit dem Schnabel.
Draußen empfing sie ein milder Morgen. Obwohl Lune nun schon lange in der Hütte lebte, hielt sie noch immer einen Augenblick inne und genoss den Ausblick, der sich ihr bot. Sie stand auf einer sanften Anhöhe, unter der sich ein Apfelhain ausbreitete. Im Herbst pflückten die Bauern die kleinen süßen Äpfel, während ihre Sprösslinge sich lachend mit dem fauligen Fallobst bewarfen. Und in den späten Abendstunden, wenn die Sonne versank, tummelten sich zwischen den Bäumen die Rehe.
Die ersten zarten Triebe an den Ästen verkündeten, dass es bald vorbei sein würde mit den kalten Tagen, die die Gegend schon seit Monaten heimsuchten. Hinter ihrer schlichten Behausung begannen die Ausläufer der bewaldeten Hügel, die Eschenbach wie ein Halbmond umschlossen. Manchmal schien es, als würden ihre Schatten in der Abenddämmerung nach der kleinen Stadt greifen, um sie zu verschlingen.
Das Mädchen setzte sich in Bewegung und lief durch den Hain. Die Gräser waren noch schwer vom Tau und durchnässten ihr die Hosenbeine. Schon bald erreichte sie die Felder, die wie Teppiche vor ihr ausgebreitet lagen. Ihre Füße schlugen den gewohnten Weg ein, einen angelegten Pfad entlang, der von Gehöften gesäumt war. Ein Marder stöberte in einem Komposthaufen und kratzte mit der Pfote an einem sich windenden Regenwurm. Als sie an ihm vorbeilief, hob er den Kopf und stieß ein mahnendes Keckern aus, ehe er mit seiner Beute davonhuschte.
»Lu!«
Sie sah sich um und erblickte eine Gestalt, die auf sie zu gehastet kam. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie Sam erkannte. Der Junge gehörte zu den Müllerburschen, die in der Mühle am Bach ihrem Gewerbe nachgingen. Er erreichte sie keuchend und musste sich vornüberbeugen, die Hände auf die Knie gestützt. An seiner groben Kleidung hing noch der Mehlstaub und seine braunen Haare waren an den Spitzen weiß verkrustet.
Sam war ein gut aussehender junger Mann mit seinen siebzehn Jahren, aber zu schmächtig gebaut, um aufzufallen. Nur seine bernsteinfarbenen Augen ließen die Leute manchmal unwillkürlich innehalten und erinnerten an die eines Wolfes.
»Ich dachte schon, du würdest mich gar nicht mehr bemerken«, japste er.
»Komm erst einmal wieder zu Atem, bevor du mir eine Predigt hältst«, zog sie ihn auf. »Was hast du hier verloren? Ich dachte, an den Ruhetagen würde selbst die Mühle stillstehen.«
Er zuckte mit den Schultern. »Schon, aber warum soll ich den Tag müßig mit Nichtstun verbringen, wenn ich mich stattdessen auch anderswo nützlich machen kann?«
»Es gibt Menschen, die würden an ihren freien Tagen ausschlafen. Haben die Mäuse an deinen Zehen geknabbert, sobald die Sonne aufgegangen ist?«
Sam verdrehte die Augen. »Gerade du solltest mich verstehen. Immerhin könntest du täglich erst gegen Mittag aus den Federn kriechen.«
»Wohl kaum. Hestia jagt mich an den meisten Tagen schon vor Morgengrauen aus dem Bett, damit ich ihr zur Hand gehe.«
»Ich habe auch nicht behauptet, du würdest auf der faulen Haut liegen«, beteuerte Sam.
»Du hast noch nicht auf meine Frage geantwortet«, erinnerte ihn Lune. »Was treibt dich am frühen Morgen hierher?« Sie lächelte verhalten. »Hast du in letzter Zeit in den Spiegel gesehen? Du siehst furchtbar aus. Würde ich dich nicht kennen, würde ich dich für einen Ghul halten und Reißaus nehmen.«
Seine Augen waren dunkel umrandet, als hätte er die letzten Nächte kaum geschlafen, und die feine Mehlschicht auf seiner Haut machte ihn totenbleich. Er griff sich an die Brust.
»Au, das tat weh.«
Sie kicherte, doch sein Gesicht wurde ernst.
»In der Mühle sind wir in den vergangenen Tagen alle kaum zum Schlafen gekommen. Die Höfe am Waldrand rufen uns immer öfter. Die Wölfe sind dreister geworden, seitdem die Wilderer ihnen die Rehböcke wegschießen. In den abgelegeneren Dörfern sollen sie schon die Leute anfallen, wenn sie nach der Dämmerung ihre Häuser verlassen.«
Lune fröstelte bei der Vorstellung, Wölfe könnten des Nachts um ihre Hütte schleichen. »Habt ihr sie vertreiben können?«
»Ja«, seufzte Sam, »aber das letzte Mal wurden drei Schafe gerissen, bevor wir eintrafen. Ich kann nur hoffen, dass die Stallknechte die Schlupflöcher in den Pferchen ausbessern, ehe das Rudel zurückkommt.«
Das Mädchen rümpfte missbilligend die Nase. »Faule Bande. Was haben sie in diesem Winter anderes getrieben, als sich in der Taverne zu betrinken?«
»Was soll’s.« Sam schüttelte sich das wirre, hellbraune Haar aus der Stirn. »Ich bin nicht den halben Weg von der Mühle bis hierher gerannt, um über Schafhirten zu diskutieren. Ich wollte dich fragen, ob du zum Abendessen kommst. Ein Wilderer hat einige Auerhähne geschossen und zwei davon an das Waisenhaus gespendet. Margarete hat darauf bestanden, dass wir dich einladen. Du wirst sehen, das wird ein richtiges Festessen!«
»Oh.« Verlegen strich sie sich eine Strähne hinters Ohr. »Ich komme sehr gern, danke.«
Seine Miene hellte sich auf. Das Mädchen knuffte ihn gegen die Schulter.
»Vielleicht kommt Delia ja auch, wenn du sie höflich darum bittest.«
»Lune!«, rief er empört aus.
Sie hob abwehrend die Hände. »Schon gut, ich habe nichts gesagt. Auch wenn es kein Geheimnis ist, so wie du sie ansiehst.«
»Ach, halt doch den Mund«, murrte er, doch seine Wangen glühten verlegen.
»Du machst es einem aber auch wirklich leicht«, stellte sie lachend fest. »Ich gehe Ty besuchen, komm doch mit.«
Sam zögerte, dann nickte er. »Gut, aber lange kann ich nicht bleiben.«
Gemeinsam schlenderten sie weiter und steuerten einen kleinen Hof an, der ein wenig abseits der anderen lag. Der Junge öffnete das Gatter und hielt es Lune auf.
Neben dem kleinen Bauernhaus war eine Scheune erbaut worden, in der Stroh und Heu eingelagert waren. Ein Huhn stakste durch den kleinen, sorgsam gepflegten Kräutergarten der Bäuerin.
»Wer da?«, bellte eine Stimme, als Lune sachte an die Tür klopfte.
Ein verhärmter Bauer öffnete ihnen, der so unbeugsam und zerfurcht wirkte wie eine alte Kiefer. Hinter seinem Rücken blinzelte ihnen träge eine Kuh entgegen.
»Sieh nicht so verschreckt drein, Junge. Das steht dir nicht gut zu Gesicht«, raunzte er zur Begrüßung.
Sam sah verlegen auf seine Schuhe.
»Geh weiter, Sam. Es ist zu kalt, um auf der Türschwelle Wurzeln zu schlagen!« Ungeduldig schob Lune sich an ihm vorbei und umarmte den Bauern. »Guten Morgen, Albrecht«, grüßte sie ihn.
»Wird auch Zeit, dass du dich wieder blicken lässt«, brummte er. Lachfalten bildeten sich um seine Augen. Er löste sich von dem Mädchen und deutete mit dem Kopf in die warme Stube. »Ich brühe uns einen Tee auf.«
Erleichtert folgte Lune der Einladung. Im Vorbeigehen tätschelte sie der Kuh den Hals und ließ sich dann auf einen Hocker fallen. Sie steckte die Hände unter die Oberschenkel und sah sich um. Der Wohnbereich war recht klein dafür, dass er eine dreiköpfige Familie sowie eine Kuh mit ihrem Kalb und ein Schwein zu beherbergen hatte. Die Familie schlief getrennt von den Tieren unter dem Dach, wo es zwar rauchig, aber im Winter gemütlich warm war.
Albrecht warf Teeblätter in einen Wasserkessel und bedeutete Sam, der ein wenig verloren im Raum stand, sich zu setzen. Gemächlich stopfte Albrecht sich eine Pfeife, während er den Jungen nicht aus den Augen ließ, der unbehaglich auf seinem Schemel herumrutschte.
»Bist du nicht einer von den Armenhäuslern?«, wollte der Bauer stirnrunzelnd wissen. »Von denen, die mit dieser Frau in den Elendsvierteln leben?«
Lune verdrehte die Augen angesichts der unumwundenen Art des Bauern.
»Bin ich«, stimmte Sam leise zu. »Ich habe bis vor Kurzem in ihrem Waisenhaus gelebt.«
Die Wärme in seiner Stimme brachte Lune zum Lächeln. Es gab viele, die sich dafür geschämt hätten, einzugestehen, dass sie einst in einem Waisenhaus untergekommen waren, aber Sam strahlte stets Zuneigung aus, wenn er von seinem alten Zuhause sprach.
»Solange ich es mit ehrlichen Leuten zu tun habe und nicht mit Strauchdieben, bist du mir willkommen. Aber Margarete erzieht ihre Schützlinge für gewöhnlich ohnehin zu anständigen Leuten.« Er wandte sich an das Mädchen. »Und was ist mit dir? Was hat dich die ganze Zeit über ferngehalten?«
Lune verzog das Gesicht und richtete den Blick auf die Tischplatte. »Ich hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit den Wachen«, murmelte sie widerwillig.
»Soso. Eine Meinungsverschiedenheit also«, wiederholte der Bauer bedächtig. »Bist du schon wieder in die private Bibliothek des Statthalters eingebrochen?«
»Meine Güte, ist das so verwunderlich?«, brauste Lune auf. »Wenn die Bücher zur freien Verfügung stehen würden, müssten die Nachtwächter sich auch nicht mehr mit mir herumplagen. Aber nein, nur die wohlbetuchten Bälger dürfen dort unterrichtet werden.«
»So ist es nun einmal und so war es schon immer. Mich interessiert viel eher, wie du dafür bestraft wurdest.« Albrecht zog eine Augenbraue hoch. »Es ist nicht ratsam, die Obrigkeit zu verärgern.«
»Ich glaube nicht, dass der Statthalter verärgert war«, widersprach Sam mit einem breiten Grinsen.
»Nicht wirklich«, kicherte Lune. »Für die restliche Nacht wurde ich in eines seiner Gästezimmer gesperrt, wo ich so gut geschlafen habe wie noch nie.«
»Und nachdem er sie kurz gerügt und zu Hestia zurückgeschickt hat, traf am Tag darauf ein Bote ein, der das gestohlene Sortiment unter ihrem Laken hübsch erweiterte.«
Albrecht schüttelte belustigt den Kopf. »Das sieht ihm ähnlich. Aber ich vermute, die Wächter behalten dich seitdem genaustens im Auge.«
»Schon, aber es ist nicht so, als hätten sie mich vorher ignoriert, oder?«
Es kursierten viele Gerüchte über Lune. Im vorletzten Spätsommer war sie einfach aufgetaucht. Mit bloßen Füßen und verblichener Kleidung, die jedoch aus feinster Wolle gefertigt und mit Knöpfen aus Silber versehen war. Offensichtlich verwirrt hatte sie nach dem Weg gefragt, um dann im Schlamm zusammenzubrechen. Das Mädchen mit den langen, schokoladenbraunen Locken und den dunkelgrauen Augen hatte einiges Aufsehen erregt und war zum Objekt wilder Spekulationen geworden, nachdem sie sich auch noch entschieden hatte, der ansässigen Kräutersammlerin zur Hand zu gehen und nicht dorthin zurückzukehren, woher sie gekommen war.
Manche munkelten, sie sei die Tochter eines reichen Edelmanns, andere nannten sie eine Gauklerin, die des ewigen Umherziehens überdrüssig geworden sei, wieder andere nannten sie eine Konkubine, die diesem Dasein zu entfliehen versuchte. Doch niemandem hatte Lune je die Wahrheit darüber erzählt, woher sie kam oder wie es sie in diese Gegend verschlagen hatte.
Das Mädchen schenkte den beiden ein rätselhaftes Lächeln, sagte aber nichts weiter zu diesem Thema. Sie umfasste ihren Becher mit beiden Händen. Allmählich kroch die Wärme zurück in ihre Fingerspitzen.
»Wie auch immer, jetzt bin ich hier. Ich wollte Ty mitnehmen. Er wird sich freuen, den Frühling begrüßen zu können.« Der Bauer runzelte unwillig die Stirn. »Seine Mutter kann ihn nicht ewig auf dem Hof festhalten«, fügte sie sanft hinzu. »Und du auch nicht.«
Albrecht sah aus dem verhangenen Fenster. Seine Verärgerung war Besorgnis gewichen.
»Möglicherweise hast du recht«, gab er seufzend nach. »Auch wenn Gertrud das nicht gern sehen wird. Ich bin auch nicht froh darüber, aber …« Er räusperte sich. »Solange du ihn wohlbehalten nach Hause bringst.«
»Habe ich das nicht immer getan?«, fragte sie zaghaft.
Er nickte und stand auf. »Ich werde ihn wecken.«
Schwerfällig kletterte er die wackelige Leiter hinauf, die zu der kleinen Schlafkammer unter dem Dach führte.
Lune sah ihm nach. Es muss schwer für sie sein zu akzeptieren, dass sie Ty irgendwann verlieren werden.
Gedankenverloren nahm Lune einen Schluck Tee. Sie schüttelte sich innerlich. Mit diesem Gebräu konnte man Tote wiederbeleben. Das Mädchen betrachtete Sam verstohlen von der Seite. Er war dünner geworden. Seine Wangen wirkten eingefallen und das unordentliche Haar hing ihm tief in die Stirn. Wahrscheinlich hatten die übrigen Müllerburschen ihm die spärlichen Essensrationen streitig gemacht. In den kalten Jahreszeiten mussten selbst die Lehrlinge der Zünfte Hunger leiden.
In seinen bernsteinfarbenen Augen lag stets dieser verletzliche Ausdruck, als hätten sie schon zu viel Elend gesehen. Jedes Mal, wenn er Lune aus diesen traurigen Augen anblickte, zog sich ihr Herz mitfühlend zusammen. Auch er war nicht in Eschenbach geboren worden und wie sie sprach er nicht gern über sein früheres Leben.
Er kam aus den Nördlichen Reichen, so viel wusste sie. Dort hatte er in den Randbezirken einer großen Stadt gelebt und täglich darum gekämpft, dem Tod einen weiteren Tag zu stehlen. Über die Zeit danach konnte sie sich nur zusammenreimen, was sie aus der Gerüchteküche aufgeschnappt hatte. Sie wusste nicht, wie lange er hatte ausharren müssen, bis es ihm gelungen war, über das Grenzgebirge zu entkommen. Das Mädchen hatte einmal einen Blick auf seinen entblößten Rücken erhascht und war zusammengezuckt, als sie die langen Striemen gesehen hatte, die ihn entstellten.
Der Junge rückte unauffällig näher ans Feuer und seufzte wohlig. Er fuhr unmerklich zusammen, als eine kleine Gestalt von der Schlafkammer heruntergesprungen kam, das Haar noch vom Schlaf zerzaust.
»Lune!«, rief Ty begeistert und hüpfte fröhlich auf sie zu. »Wo warst du? Nimmst du mich mit?«, sprudelte es aus ihm heraus. »Hier war es furchtbar langweilig. Mutter hat mich nicht mehr aus dem Haus gelassen.«
Das Mädchen strahlte. »Ich freue mich auch, dich zu sehen, Ty.«
»Bitte sag, dass ich mitkommen darf!«, bettelte der Junge.
»Du darfst.« Sie zwinkerte ihm zu. »Wir besuchen jemanden.«
Offenkundig beruhigt, konzentrierte sich Ty wieder auf Albrecht und zupfte ihn am Hemd. »Ich will ein Honigbrot«, verlangte er.
Sam, offenbar verblüfft über den plötzlichen Themenwechsel, zog fragend eine Augenbraue hoch, lächelte aber.
Schon auf den ersten Blick wusste man, dass Ty anders war. Ein seltsames Kind mit noch seltsameren Gepflogenheiten. Obwohl er seinen Altersgenossen weit voraus war, benahm er sich oft wie ein Kleinkind und quengelte bei der kleinsten Unannehmlichkeit. Sein Geist forderte eine klare Routine und setzte sich gern mit Details und Regeln auseinander, die er stundenlang zerpflückte und über sie sinnierte. Wenn etwas von seinem gewohnten Muster abwich, verstörte ihn das zutiefst. Er war ein völlig fremdartiges Wesen, in vielerlei Hinsicht.
Der Junge knibbelte an seinem Hemd, das ihm bis auf die Knie reichte, kein Wunder bei seinem kleinen Körperwuchs. Er war schmächtig und seine braunen Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab, weshalb ihn seine Mutter zärtlich mein Igelchen nannte. Seine Nase war von Sommersprossen gefleckt und seine Augen waren von einem dunklen Waldgrün mit einem honigfarbenen Hof um die Pupille. Unter seinem wirren Haar sah man seine großen, spitz zulaufenden Ohren. Das war eine weitere Besonderheit an Ty. Er war ein Wechselbalg.
»Wie geht es dir, Ty?«, fragte Sam höflich. Der Balg sah ihn mit großen Augen an.
»Warum fragst du das?«, wollte er mit piepsiger Stimme wissen.
»Äh …« Sam überlegte kurz. »Ich wollte nur ein Gespräch beginnen.«
Ty legte die Stirn in Falten. »Wieso?«
Sam warf Lune einen hilfesuchenden Blick zu. Die kicherte nur stumm und hatte die Hand auf den Mund gepresst.
»Menschensachen«, meinte er dann bloß. »Davon verstehst du nichts.«
Albrecht schmunzelte in seinen Bart und reichte seinem Sohn die gewünschte Leckerei. Ty widmete sich uneingeschränkt der Mahlzeit, wobei er winzige Brocken herausbrach, den Honig ableckte und erst dann den Brotkrumen verzehrte.
Sam räusperte sich. »Wie war das damals mit Ty?«, fragte er den Bauern. »Ich wusste nicht, dass die Feen so weit in die annektierten Gebiete der Menschen eindringen.«
»Nun, sie tun es, Bursche«, brummte Albrecht und nahm einen Schluck von seinem Tee. »Vor … lass mich nachdenken … fünfzehn Jahre müssten es jetzt sein, gebar Gertrud einen gesunden Säugling mit einer kräftigen Lunge. Nach vier Fehlgeburten schenkten uns die Götter dieses wundervolle Kind.« Seine Miene wurde bei diesen Worten weich. »Gertrud nannte sie Gretchen. Wir wollten ein gutes Leben für sie, frei von den Entsagungen eines bäuerlichen Lebens. Also spielte ich bereits mit dem Gedanken, den Hof zu verkaufen und mich als Händler zu versuchen wie mein Schwager, aber keine acht Tage später fand meine Frau eines Morgens den Wechselbalg in der Wiege der Kleinen, eingewickelt in ein Tuch aus Blättern. Also nahmen wir ihn auf und zogen ihn als unseren Sohn groß.«
»Wart ihr denn nicht wütend?« Sam sah ihn zweifelnd an.
Albrecht lächelte wissend. »Im ersten Moment wollte ich ihm den Schädel mit meiner Axt einschlagen und den halben Wald niederbrennen, um meine Tochter wiederzubekommen, aber Gertrud hat mich davon abgehalten. Sie setzte sich bloß stumm neben die Wiege und sah bis spät in die Nacht aus dem Fenster. Irgendwann nahm sie den Wechselbalg hoch und setzte ihn auf ihren Schoß. Als ich sie so fand, wurde auch mir klar, dass das Bündel in der Wiege keine Schuld traf. Ich habe unsere Entscheidung nie bereut.« Der Bauer rieb sich die Nase. »Nun denn, fort mit euch. Mein Weib kommt bald vom Markt zurück und bis dahin müsst ihr verschwunden sein. Raus mit euch.«
Lune wickelte Ty einen Schal um die schmalen Schultern. Der Balg leckte sich unterdessen den Honig von den Fingern.
Ty. Gertrud hatte ihm diesen Namen gegeben. Es war die Abkürzung von Tameran, einem einst berühmten Barden aus den Nördlichen Reichen. »Er war so klein und hilflos, als wir ihn fanden«, hatte die Bäuerin ihr erzählt, während sie ihrem Findelkind das Haar kämmte. »Deshalb haben wir nach einem Namen gesucht, der groß ist.«
Die Wehmut stieg jedes Mal in ihr auf, wenn sie eine Mutter sah, die ihr Kind in die Arme schloss und ihm übers Haar strich. Sie fragte sich, wie sie sich anfühlen mochte, diese innige Zuneigung. Wenn sie diese selbst einmal erfahren hatte, hatte sie es längst vergessen.
Zum Abschied winkte Ty seinem Vater zu und rannte los, wobei sich kleine Steinchen in seine ledrigen Fersen bohrten. Sam verabschiedete sich am Tor und machte sich auf den Weg in die Stadt.
»Bis später«, rief Lune ihm über die Schulter nach.
»Vergiss unsere Verabredung nicht!«, rief er zurück und ein spitzbübisches Grinsen huschte über sein Gesicht. »Neirin rechnet fest mit dir!«
Das Mädchen streckte ihm die Zunge heraus und spurtete dann los. Sie holte Ty am Rande des Waldes ein. Von dort blickte sie zurück und sah, dass das Leben in der Stadt allmählich erwachte.
Der Balg presste seine Hand gegen eine Buche. Sie sah, dass sich seine Lippen bewegten.
Er spricht mit den Bäumen wie zu einem Freund.
Als er bemerkte, dass sie stehen geblieben war, lief er wieder los und rief: »Fang mich!«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf und folgte ihm die Hügel hinauf.
Ty blühte zwischen den Bäumen und verhutzelten Sträuchern geradezu auf. Er schien mit den Farben der Blätter und Rinden zu verschmelzen, sodass es schwierig war, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Die staubigen Gassen der Stadt, durch die etliche Gerüche waberten, mussten ein Wesen wie ihn ungemein einengen.
Er gehört nicht hierher, meldete sich eine ungebetene Stimme in ihrem Kopf.
Ein Wechselbalg, ein Sprössling der Feen, gehörte unter die uralten Laubbäume des Najama. Hier jedoch herrschte noch immer vereinzelter Schneefall, der die Äste zuckerte und die Singvögel fernhielt. Die Einheimischen deuteten diesen langen Winter als schlechtes Omen. Und lagen sie damit so falsch?
Die Schneestürme in diesem Jahr hatten sie alle unerwartet getroffen. Der Frost hatte die Stadt und ihre Bewohner heimgesucht und seine Vorboten hatten unter ihnen ein Fieber gesät. Die Menschen der Elendsviertel hatte es als Erste getroffen, aber auch hinter den Stadtmauern war die Krankheit schon bald darauf ausgebrochen. Die Seuche unterschied nicht zwischen arm oder reich, alt oder jung. Niemand war bisher gänzlich genesen und nur wenige befanden sich auf dem Weg der Besserung. Man hatte am Rand der Siedlungen ein Lazarett aufgeschlagen. Jeder, der die verräterischen Symptome zeigte, wurde isoliert und dort behandelt, ungeachtet seiner Herkunft. Die Menschen erhofften sich vom Einbruch des Frühlings Besserung. Dann konnte die Aussaat beginnen und die Tiere würden aus ihren Winterverstecken hervorkommen. Die Händler mit ihren Karawanen voller südlicher Früchte und Handwerkswaren würden kommen und den Hunger vertreiben, der die Menschen geschwächt hatte. Zumindest redeten sie sich das ein.
Dabei hatten doch selbst die Heilkundigen unter ihnen den Glauben an eine Genesung aufgegeben. Sie streiften täglich durch die Straßen und schickten jeden fort, der auch nur hustete. Sie glaubten, dass erst der Tod der Erkrankten sie vor einer Ansteckung bewahren würde.
Lune beobachtete, wie der Wechselbalg über einen Felsen kletterte.
»Ist es klug, Zuneigung gegenüber einem Wechselbalg zuzulassen?«, hatte Sam sie einmal gefragt. Als ob sie selbst nie daran gedacht hätte! Jeder Balg verschwand eines Tages spurlos. Sie kehrten zu ihresgleichen zurück und die Zieheltern erfuhren nie, wie es ihrem Schützling ergangen war. Es sei denn, sie entschlossen sich, ihm zu folgen.
»Ich weiß es nicht«, hatte sie ehrlich erwidert. »Seine Eltern hoffen, dass es bei ihm anders wird. Dass er bleibt. Ich teile diese Hoffnung.«
Ty war es, der sie noch in den traurigsten Momenten zum Lächeln brachte. Sie wusste nicht, wie sie mit seinem Verlust umgehen sollte, wenn es so weit käme.
Dabei war es nicht so, dass sie keine Freunde unter den anderen Kindern gefunden hätte. In den Elendsvierteln gab es Einrichtungen für die Bettler und Krüppel, Armenhäuser und geheime Seitengassen. Eine dieser Einrichtungen war ihr besonders ans Herz gewachsen. Ein Waisenhaus, das in einem der besseren Viertel der Siedlungen lag und wo auch Neirin und Sam eine Heimat gefunden hatten. Die zuständige Leiterin war die Frau eines verarmten Kaufmanns, deren Mildtätigkeit schon so manches Kind in kalten Wintermonaten gerettet hatte. Margarete war die Mutter, die ihre Freunde schon vor Jahren verloren hatten.
Von den Zünften waren sie nie mit mehr als einigen Säcken Getreide abgespeist worden, aber es gab andere Wege, auf denen die Waisenkinder sich durchschlugen. Die Diebesbanden schmuggelten Decken und Vorräte aus der Stadt, um sie unter den Hüttenbewohnern aufzuteilen, und seitdem Margarete auch verwaisten Langfingern Obdach gewährte, flossen großzügige Mengen an Pökelfleisch und Dörräpfeln an das Waisenhaus.
Hestia hatte sie dorthin mitgenommen, als eines der Kinder an einem schweren Fieber erkrankt war. So hatte sie die beiden Jungen kennengelernt. Den hitzköpfigen Dieb und den Müllerburschen mit den traurigen Augen.
Aber es hatte gedauert, bis die Waisen ihr uneingeschränkt vertraut hatten. Es gab Städter, die die Siedlungen auslöschen wollten, und dafür mussten sie erst einmal die Diebesbanden ausfindig machen. Aber irgendwann war Lune wie selbstverständlich in diese bunte Truppe aufgenommen worden. Manchmal wünschte sie sich, wie die anderen zu sein. Eine gewöhnliche Waise, die sich nicht von ihnen unterschied; kein Mädchen, bei dessen Anblick die Leute zu tuscheln begannen.
»Was starrst du da so gedankenverloren in die Luft, Kind?«
Das Mädchen schreckte bei den Worten zusammen. Eine alte Frau kam durch die Bäume auf sie zu gehumpelt. Das fleckige Flickenkleid reichte ihr bis auf die Knöchel, sodass ihre bandagierten Zehen zu sehen waren. Ein geflochtener Korb schlenkerte an ihrem Arm. Er war gefüllt mit allerlei Pilzen und Beeren. Das Gesicht der Alten war von Falten zerfurcht. Ihre Gelenke waren dünn und die geschwollenen Fingerknöchel übersät von Altersflecken. Schmutzig graue Locken umrahmten die hageren Züge. Große, blasse Augen, in denen man die Jahrhunderte erahnen konnte, die sie erblickt hatten, waren auf das Mädchen gerichtet.
Die Alte hob mahnend den Finger. »Wenn du unbedingt vollkommen kopflos umherirren musst, dann halte dich wenigstens von abschüssigen Wegen fern. Es wäre doch zu schade um deinen dürren Hals.« Ihre Stimme war heiser und klang wie das Gekrächze einer Krähe.
Lune musste lächeln. Die verschrobene Kräuterhexe war ihr ans Herz gewachsen. Agata lebte in diesem Wald und kurierte die Einheimischen von ihren Geschwüren und Knochenbrüchen, die selbst ein erfahrener Heiler nicht richten konnte.
»Dir auch einen guten Morgen«, sagte Lune.
»Aggi!« Ty rannte freudig auf Agata zu. Bei seiner stürmischen Begrüßung fielen einige Pfifferlinge aus dem Korb. Agata gab dem Wechselbalg einen Klaps aufs Ohr.
»Dummkopf«, schalt sie ihn. Ty schob schmollend die Unterlippe vor, bückte sich dann aber, um die Pilze wieder aufzulesen.
Agata rieb sich das Kinn. »Ich vermute, ihr wolltet ohnehin zu mir.« Lune und Ty nickten.
»Warum verschwenden wir dann weiter Zeit?«
Die Kräuterhexe drehte sich um und stapfte los. Der Wechselbalg hüpfte fröhlich neben ihr her. Lune folge ihnen kopfschüttelnd.
Agata schlurfte zügig voran, sodass Lune erst nach einer Weile bemerkte, dass die Bäume um sie herum bereits kräftige grüne Blätter trugen. Ihr Blick wanderte weiter. Am Wegesrand hatten sich kleine Blüten durch die Erde geschoben, um die ein Pfauenauge flatterte. Lune blieb überrascht stehen und reckte die Finger nach den kleinen, reifen Früchten, die an den Zweigen eines Brombeerbusches hingen. Einige seiner Blätter waren noch immer mit einer Raureifschicht überzogen. Es schien fast so, als wäre er gerade dabei, sein tristes Winterkleid abzuwerfen.
»Wie hast du das gemacht?«, fragte Lune und wandte sich zu ihren Begleitern um, konnte sie aber nirgends entdecken. Sie seufzte. Agata verschmolz mit ihrer Flickenkleidung ebenso gut mit der Umgebung wie Ty. Sie zwischen den Bäumen ausfindig machen zu wollen, wäre vergeblich. Aber immerhin wusste sie, wohin die beiden unterwegs waren. Lune pflückte eine Handvoll Brombeeren und machte sich dann auf den Weg tiefer in die Hügel hinein.
Als sie sich gerade die letzte Beere in den Mund warf, rutschte ihr Fuß auf einem Haufen loser Blätter aus und sie schlug mit der Schläfe auf einen moosbewachsenen Stein. Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut rieb sie sich den Schädel. Leise vor sich hin schimpfend setzte sie sich auf und erstarrte.
Aus dem Augenwinkel sah sie mehrere vermummte Gestalten, die zwischen den Bäumen hindurchschritten und in die Richtung zu eilen schienen, aus der sie gekommen war.
Erschrocken rappelte das Mädchen sich auf und verschanzte sich hinter einem entwurzelten Baum, doch als sie über die borkige Rinde spähte, waren die seltsamen Fremden verschwunden.
Vielleicht waren es keine Menschen, dachte sie beunruhigt. Sie hatte schon von den seltsamsten Wesen gehört, die sich in dieser Welt herumtrieben, von den Meernymphen der Perlenbucht bis zu den Basilisken, die sich in der roten Wüste heimisch fühlten. Doch nie zuvor hatte sie ein Geschöpf zu Gesicht bekommen, das ihr bisher in den Schauergeschichten begegnet war, die Mütter ihren Kindern erzählten. Sie biss sich auf die Unterlippe, als sie daran dachte, dass Nachtmahre jede Gestalt annehmen konnten, die ihnen gefiel.
Vielleicht habe ich es mir bloß eingebildet, versuchte sie, sich zu beruhigen. Es war ein ziemlicher Schlag auf den Kopf, das ist alles.
Vielleicht sollte sie Agata danach fragen. Aber nein. Die Hexe würde ihr nicht glauben und ihr nur einen ihrer fürchterlichen Tees aufbrühen, um sie zu beruhigen. Lune verbannte das Gesehene aus ihrem Gedächtnis, aber die Unruhe wollte sich nicht so schnell vertreiben lassen.
Es kostete sie den ganzen Morgen, Agatas Hütte aufzuspüren. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie das versteckte kleine Tal erreichte und den verschlungenen Wegen hinab folgte.
Die Behausung der Hexe sah aus wie ein überdimensionierter Hühnerstall. Das Dach war schief geraten und hatte einen krummen Schornstein, aus dem schwarzer Rauch quoll. Ein Rabe stieß einen Warnschrei aus, als sie das Gatter öffnete, das einen kleinen Garten einzäunte. Unter die Heilkräuter, die hier wuchsen, mischten sich auch Sträucher mit giftigen Beeren und Blumen mit Dolden, die Dämpfe absonderten. Der Duft, der die Luft erfüllte, war schwer und brannte zuweilen in den Augen. Angeblich wuchsen solche Gewächse nur an Stellen, die der Tod berührt hatte. Diesem Umstand verdankten diese Pflanzen auch ihre Namen: Schädelblüten, Knochenlilien, Blutbeeren, Würgedisteln. Agata selbst konnten diese Pflanzen nichts anhaben. Bisweilen vergaß sie, dass für Lune nicht dasselbe galt, und hatte sie Wisperknöpfchen pflücken lassen, bei deren bloßer Berührung das Mädchen in Ohnmacht gefallen war und noch tagelang geisterhafte Stimmen gehört hatte.
Jedes Mal, wenn sie die giftigen Gaben betrachtete, fragte sie sich, wessen Knochen in der Erde liegen mochten und weshalb diese Person hatte sterben müssen. Als sie die Hexe einmal danach gefragt hatte, hatte diese ihr deutlich zu verstehen gegeben, was sie von solch abergläubischem Geschwätz hielt.
Trotzdem hatte das Mädchen manchmal das Gefühl, beobachtet zu werden, und in der Dämmerung meinte sie zuweilen, die verschwommenen Umrisse eines kleinen Jungen auszumachen, der in einer hilflosen Geste die Hand nach ihr ausstreckte.
Ob er wirklich nur ein Trugbild ihrer Fantasie war, das ihr von dem schwachen Licht vorgegaukelt wurde? Oder war er etwas anderes? Möglicherweise eine Erscheinung, wie sie in der Nähe von Orten gefunden wurden, an denen ein gewaltsamer Tod stattgefunden hatte. Das Abbild eines längst verstorbenen Kindes, das noch immer umherirrte und die Gegend heimsuchte.
Schluss damit!, rief sie sich zur Ordnung. Es war ohnehin müßig, darüber nachzudenken.
Ein schmaler Steinweg führte zu der Haustür, die laut quietschte, als Lune eintrat. Eine schwarze Katze, die auf einer Decke vor dem Ofen lag, fauchte zur Begrüßung. Die Hexe saß mit Ty am Küchentisch und schälte Kartoffeln, während sie ihm mit ihrer rauchigen Stimme berichtete.
»… nicht sagen. Diese Tunnel liegen knapp unter der Erdoberfläche, dort findest du noch keine Kristalle. Nur Bovisten und Wurzeln, die von der Decke hängen.« Sie ignorierte Lunes Eintreffen und fuhr ungehindert fort. »In dem Moos an den Wänden tummeln sich Motten, die in verschiedenen Farben leuchten. Es gibt da diese roten Beerenflügler, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Sie haben die lästige Angewohnheit, sich in deine Haare zu setzen und dort zu nisten, wenn du sie nicht rechtzeitig wieder verscheuchst. Dann sind da noch Blattspanner, die grünes Licht produzieren, sodass du das Gefühl hast, Silenus persönlich würde dir gleich über den Weg laufen.«
Lune zog einen Hocker heran und setzte sich dazu. »Deinen Scharnieren könnte ein wenig Öl nicht schaden«, bemerkte sie beiläufig.
Agata schüttelte den Kopf, woraufhin ihre grauen Locken auf und ab wippten. »Unsinn! Wer hat schon von einer Hexenhütte gehört, deren Tür nicht quietscht? Als nächstes soll ich wohl auch noch die Löcher in meinem Dach ausbessern und die Flechten abkratzen. Nein, nein. Der Fortschritt kommt mir nicht ins Haus! Diese ganzen Dächer aus Lehmziegeln sind wirklich albern. Nichts gegen die guten, altmodischen Strohdächer. Und wie sollte ich sonst mitkriegen, dass Besuch eintrifft? Hm? Sag mir das.«
Lune sah sich mit hochgezogenen Augenbrauen um. Die Hütte bestand nur aus einem einzigen Zimmer. »Keine Ahnung«, erwiderte sie mit bemüht ernsthafter Miene.
»Na, siehst du? Und jetzt mach dich nützlich.« Agata schob ihr einen Berg Kartoffeln hin und hielt ihr auffordernd das Messer unter die Nase. Das Mädchen nahm es entgegen und griff zur ersten Knolle. Ty saß ihr gegenüber, mit einer Tasse Tee in der einen und einem Keks in der anderen Hand. Der Keks sah verdächtig nach Grünkern aus und Lune war froh, anderweitig beschäftigt zu sein.
»Du hast also doch noch hergefunden. Ich hatte meine Zweifel.«
»Wäre es zu viel verlangt gewesen, auf mich zu warten?«, wollte Lune säuerlich wissen.
»Wäre es.« Die Hexe putzte sich geräuschvoll die Nase. »Wo hast du den Jungen gelassen? Wolltest du mir diesen diebischen Burschen nicht einmal vorstellen? Traut der sich etwa nicht her? Meint er vielleicht, ich wolle ihn in meinen Kessel schubsen?« Lune versuchte, ein Kichern zu ersticken. »Meine Schwestern hätten das ohne Weiteres getan, aber ich bin die Unschuld in Person.«
Das Mädchen unterdrückte ein Hüsteln. »Bist du das?« Die Hexe überhörte die Frage.
»Wie kommt es, dass hier unten schon Frühling ist?«
Agata räusperte sich. »Es gibt da den einen oder anderen Kniff«, meinte sie nur geheimnisvoll.
Das Mädchen rieb sich mit dem Ärmel über die juckende Nase. In der Hütte roch es stark nach Rauch und den Kräutern, die in Bündeln von der Decke hingen. Die Gerüche brachten die Erinnerungen an die Zeit zurück, in der sie von Hestia aufgenommen worden war. Die Kräutersammlerin hatte sie eingeladen, die Nächte unter ihrem Dach zu verbringen, nachdem sie die wunden Füße des Mädchens behandelt hatte, mit denen es barfuß das Gebirge überquert hatte. Lune hatte auf dem Boden nahe dem Feuer geschlafen und ihr mit ihren Tränken und Salben geholfen, Feuerholz gesammelt und den Wald nach Kräutern und Beeren abgesucht. Sie wusste nicht recht, wann sie die Entscheidung getroffen hatte, dass sie bleiben würde. Ihre Anwesenheit war für Hestia irgendwann zur Selbstverständlichkeit geworden. Sie war es gewesen, die ihr Agata und Ty vorgestellt und dafür gesorgt hatte, dass Lune sich unter das Volk mischte, indem sie das Mädchen zu ihren Patienten mitnahm. Aber seit dem Ausbruch der Seuche waren ihre Besuche bei Agata seltener geworden.
Das Mädchen beachtete Zanya gar nicht, die spuckend und fauchend auf einem Regal Zuflucht gesucht hatte. Die Katze hatte Lune noch nie leiden können.
»Ach, sei still«, schimpfte Agata, während sie in ihrem Kessel rührte. »Ich werfe sonst wieder mit einer Zwiebel nach dir.«
Die Katze ging dazu über, leise zu murren. »Schon besser.«
»Aggi, wie feiern die Feen eigentlich?«, fragte Ty. Er nannte sie seit seinen Kleinkindertagen Aggi.
»Hm. Diese Tunichtgute sind da ganz ausgefallen. Ihre Feste finden nur an Vollmonden oder in den Mittsommernächten statt.«
»Wir haben tagsüber gefeiert«, vertraute er ihr verwundert an.
Der Wechselbalg hatte im Herbst zum ersten Mal ein Bauernfest in der Stadt besucht. Sam hatte sie beide dorthin mitgenommen. Neirin hatte sich geweigert, sie zu begleiten. Er verabscheute den Gedanken, dass die Bauern auf die Zünfte tranken, die dieses Fest ausrichteten und die nie hatten hungern müssen. Aber Lune hatte diesen Tag mehr genossen, als sie sich eingestehen mochte. Am Abend hatten sich alle in den Scheunen versammelt und von den einheimischen Köstlichkeiten probiert, von denen Lune zuvor noch nie etwas gehört hatte.
»Denen würde es wohl nie einfallen, bei Tageslicht zu tanzen«, unterbrach Agata ihre Träumereien. »Nein, sie wollen immer den Glanz des Geheimnisvollen aufrechterhalten. Was auch immer das sein soll. Sie versammeln sich in der Dämmerung auf den Elfenhainen und tanzen die ganze Nacht. Manchmal verirrt sich ein Sterblicher zu ihnen, der sich dem Rundtanz anschließt. Für den ist es dann zu spät. Sie nehmen den Verzauberten in ihre Reihen auf und für ihn wird der nächtliche Tanz nicht enden. Der Verzauberte fristet ein Dasein, das ihm wie ein Traum vorkommt, aus dem er nie erwachen wird.«
Die Hexe starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Lune wusste, dass sie eine lange Zeit bei den Feen verbracht hatte. Auch sie war durch deren Gesänge angelockt worden und hatte nur überlebt, weil Hexen eine ungewöhnlich lange Lebensspanne besaßen. Agata hatte ihr erzählt, dass sie manchmal wochenlang nicht einmal mehr gewusst hatte, wie sie hieß. Und dennoch vermisste sie ihre vorwitzigen Gefährten noch immer.
»Sie meinten es nie böse mit mir«, hatte die Alte dem Mädchen einmal anvertraut. »Es bereitet ihnen Vergnügen, sich Menschen zu fangen und mit ihnen zu spielen. Sie schenken ihnen eine wunderbare Zeit und begreifen nicht, dass sie sie damit ins Unglück stürzen.« Lune konnte Agata stundenlang zuhören, wenn sie vom Volk der Feen erzählte, das so andersartig war als ihres.
Lune legte das Schälmesser beiseite und rieb sich die schmerzenden Finger. Agata mustert die Kartoffeln, die auf dem Tisch lagen. »Denen hast du aber übel mitgespielt.«
»Oh ja«, murrte Lune. »Bemitleide sie nur. Diese da hat die Frechheit besessen, mir aus der Hand zu flutschen. Ich habe mich deswegen geschnitten.« Das Mädchen hielt der Hexe seinen blutenden Daumen hin. »Sie hat es verdient.«
»Pff. Jammerlappen. Hier.« Sie hielt Lune ein Töpfchen mit Salbe unter die Nase. »Reib den Schnitt damit ein und er ist morgen so gut wie nicht mehr zu sehen.« Lune schmierte sich die grüne Paste auf den Finger.
»Igitt. Das riecht wie Algenpampe.«
»Das ist Algenpampe«, stimmte Agata zu. »Die hast du mir im Herbst angerührt.«
»Ich erinnere mich.« Lune betrachtete sie angewidert. »Wozu brauchst du eigentlich diese ganzen Tinkturen, wenn du eine Hexe bist? Du könntest doch einfach zaubern und fertig.«
»So einfach ist das nicht«, seufzte Agata. »Hexerei kostet Kraft. Viel Kraft. Und würde ich alle Leute, die zu mir kommen, auf diese Weise behandeln, würde ich das nicht lange durchhalten. Ich werde nicht umsonst eine Kräuterhexe genannt. Ich webe meine Zauber in meine Arbeit ein. Auf diese Weise spare ich Energie und verschrecke meine Kunden nicht. Alle Hexen halten es so. Bei verwünschten Wunden wie Hirschsegen oder dem Biss eines Kobolds muss ich natürlich hexen, das dauert dann aber auch seine Zeit. Nicht jeder von uns kann ein Zauberkundiger sein.«
»Wieso?« Lune schaute überrascht auf. »Wo ist der Unterschied?«
Agata seufzte. »Sie verfügen einfach über eine ganze andere Art von Magie. Magische Ströme wirken sich unterschiedlich auf menschliche Wesen aus. Mir bescheren sie ein langes Leben und begrenzte Heileigenschaften. Bei Magiern dagegen wirken sie sehr viel destruktiver. Sie sind in der Lage, ihre körpereigene Magie zu bündeln und ihren Wünschen entsprechend zu formen. Und Zauberer sind zu Dingen imstande, von denen ich nicht einmal träumen könnte. Auch ich ziehe meine Magie aus meiner Umgebung, indem ich mich mit der Natur vereine, aber ein Magier besitzt zusätzlich eine eigene Kraftquelle, die in seinem Körper gespeichert ist. Was ich mir behutsam von den Pflanzen nehme oder sie mir geben, entreißt ein Zauberer ihnen.« Sie tippte sich gegen die Nasenspitze. »Ja, ich glaube, das trifft es ganz gut.«
Lune sah sie staunend an. »Wenn sie so erstaunliche Dinge vollbringen können, warum hassen sie dann alle?«
»Ach Kindchen, ist das nicht offensichtlich? Die Leute sind neidisch. Sie wollen es auch können. Für sie zählt nur diese Art von Magie, wobei sie selbst auch welche wirken, ohne es je zu begreifen. All die kleinen Alltagswunder bemerken sie nicht mehr.«
Agata stand auf und massierte sich den Rücken. »Es wird langsam spät«, bemerkte die Kräuterhexe mit einem Blick aus dem Fenster. »Ihr solltet aufbrechen.«
Mehl und Apfelmost
Sam
Eine heiße Dampfwolke schlug dem Jungen entgegen, als er mit dem Scheffel das frische Brot aus dem Ofen holte. Bran sah von dem Teig auf, den er knetete. Mehl klebte an seiner Wange.
»Was ist das für eins?«, wollte er stirnrunzelnd wissen und betrachtete die schwarzen Früchte, die in der Kruste saßen.
»Ich habe dem Teig Nüsse und Rosinen hinzugefügt«, erklärte Sam und betrachtete stolz sein Werk. »Ich wollte mal etwas Ausgefallenes ausprobieren. Keine Sorge, du musst es nicht essen.«
»Da darf ich mich wohl glücklich schätzen«, murrte Bran. »Setz dich lieber wieder an deine Torten, anstatt wahllos unsere Zutaten zusammenzuschütten.«
»Wenn du mal einen Blick auf die Theke wirfst, wirst du sehen, dass ich die Torten bereits verziert habe«, sagte Sam gut gelaunt und schnappte sich ein feuchtes Tuch, mit dem er über die Anrichte wischte. »Übrigens bist du mit Mehl bestäubt. Also erzähl mir nichts vom Verschwenden von Zutaten.«
»Du drückst dich schon den ganzen Tag vor der harten Arbeit. Mir tun die Finger weh von den ganzen Brotteigen, die ich durchgeknetet habe.«
»Dafür musstest du nicht die Öfen reinigen und die Botengänge erledigen. Außerdem kannst du das doch sowieso viel besser als ich.« Schalk blitzte in seinen Augen auf.
Bran schnaubte. Der Bäckerssohn war schon immer ein mürrischer Kerl gewesen, ganz im Gegensatz zu seinem Vater.
Sam fühlte sich in der Bäckerei wohler als an irgendeinem anderen Ort. Er liebte den Duft der frischen Backwaren und empfand jedes Mal kindliche Freude, wenn er den Teig mit seinen Händen formte und den Kuchen und Torten zu einem herausgeputzten Aussehen verhalf, bis sie ihn mit ihren Sahnehäubchen und Blüten aus Marzipan an die feinen Damen bei Hofe erinnerten. Es gab kaum etwas Befriedigenderes, als den eigenen Händen bei der Arbeit zuzusehen.
Als das Glöckchen über der Ladentür klingelte, sah er auf. Ein verhärmter älterer Mann kam herein. Ein Gnom klammerte sich an seine Hosenträger, um nicht von seiner Schulter zu rutschen. Der Gnom hatte ein pelziges Gesicht, große Ohren wie die einer Fledermaus, aus denen dicke Büschel weißen Fells sprossen, eine Nase, die entfernt der einer Katze glich, einen gepflegten Ziegenbart und kleine Knopfaugen. Wie auch der Schuster, auf dem er saß, trug er eine lederne Schürze, in deren Taschen allerlei Werkzeuge steckten.
»Guten Abend, Gildas«, begrüßte ihn Sam. »Und auch dir, Leydoc.«
»Guten Abend, mein Junge«, gab der Schuster zurück und lächelte ihm zu. Seine Stimme war ein pfeifendes Keuchen. »Wenn auch ein wenig frisch für meinen Geschmack.«
»Was darf ich dir einpacken?«
»Eines von diesen Roggenbroten.« Gildas beugte sich ein wenig vor, um die Ware genauer zu betrachten, wobei ein kleiner Hammer aus der Tasche des Gnomen rutschte. Der fing sofort an zu schimpfen.
»Ist ja schon gut!«, raunzte der Schuster. »Ich hätte dich schon längst rauswerfen sollen!«
Sam bückte sich eilig und las den winzigen Hammer auf.
»Du würdest nirgendwo einen auch nur halb so guten Helfer finden wie mich«, empörte sich Leydoc. »Niemand aus meinem Volk interessiert sich noch für Schuhe aus Leder, seit die Feen ihre aus Blättern und Rinde wollen. Aber los, geh und such dir einen anderen!«
»Sei doch nicht gleich eingeschnappt«, seufzte Gildas und reichte dem Gnomen sein Werkzeug, welches Sam ihm in die Hand gedrückt hatte. »Er ist immer so schnell beleidigt«, raunte er dem Jungen zu, der sich ein Lächeln verkneifen musste, als er die sauertöpfische Miene des Gnomen sah.
Sam angelte ein Brot aus dem Regal hinter sich und packte es in ein Tuch. »Sonst noch was?«, erkundigte er sich.
»Dieses Zuckergebäck sieht gut aus«, bemerkte Leydoc beiläufig.
»Damit du mir wieder den halben Keller vollkrümelst?«
»Es ist doch nicht meine Schuld, wenn du mich nicht am Tisch mitessen lässt!«
»So weit kommt es noch!«, polterte der Schuster. »Reicht es nicht, dass ich mich jeden Monat auf den Markt stellen muss, um deine geliebten Mondsteine zwischen den Händlern zu finden? Das ist Bezahlung genug.«
»Ich wäre bereit, diesen Monat darauf zu verzichten«, sagte der Gnom und sah begehrlich auf die Süßspeise hinab. Sam fühlte sich geschmeichelt. Er mochte den kleinen, übellaunigen Kerl. Gnome waren bekannt für ihre Geschicklichkeit und deshalb bei Handwerkern sehr gefragt. Als Gegenleistung forderten sie bloß eine Schlafecke in einem unbewohnten Keller oder Kleiderschrank, ausreichend Verpflegung und bunte Steine, die sie horteten und gern im Licht einer Kerze betrachteten.
Gildas rang mit sich und bedeutete dem Müllerburschen dann, die Zuckerteilchen einzupacken.
»Irgendwann wird auch die Katze dich nicht mehr tragen können«, brummte er ungnädig, als Leydoc begierig die Finger danach ausstreckte.
»Blödsinn. Dieser fette Kater könnte einen Kobold tragen.«
Bei dem Gedanken an den großen getigerten Kater des Schusters, der aufgezäumt durch die Straßen stiefelte, musste der Junge grinsen. Gnome ritten auf Katzen, Enten und manchmal auch Ziegen wie die Menschen auf Pferden. Es war zu komisch, dabei zuzusehen, wie die kleinen Kerle sich abmühten, eine wilde Ente zu zähmen.
Gildas hob zum Abschied die Hand. Noch während die Ladentür zuschlug, hörte er die beiden bereits wieder zanken. Sam sah den Gesellen hinterher und konnte sich das Grinsen nicht länger verkneifen.
Bran stand auf und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. »Ich glaube, wir sind für heute fertig«, bemerkte er. »Geh heim und sieh zu, dass du eine Mütze voll Schlaf bekommst. Du verschreckst uns noch die Kundschaft.«
»Herzlich wie immer.« Der Junge musste ein Gähnen unterdrücken.
Er las den Laib Brot auf, der ihm beinahe die Finger verbrannte, und nahm zwei weitere von denen, die am nächsten Morgen nicht mehr zu verkaufen waren. Draußen empfing ihn ein schneidender Wind. Er zog die Schultern hoch und schritt eilig voran.
Sein Weg führte ihn an den verschiedenen Zunfthäusern vorbei. Bloß die Räucherei fand keinen Platz innerhalb der schützenden Stadtmauern. An Tagen, an denen der Wind ungünstig stand, wehte der penetrante Geruch von Fisch bis in die Mahlstube und ließ die Burschen in der Mühle ungehalten werden. Sam zog die Schultern hoch, doch es gab schlimmere Schicksale als die ungestümen Raufereien unter den Lehrlingen.
Er erinnerte sich noch gut, wie er beinahe jede Nacht mit knurrendem Magen durch verlassene Straßen geirrt war auf der Suche nach einem Schlafplatz. Aber das war vor seiner Zeit in Eschenbach gewesen, bevor Margarete sich seiner angenommen hatte.
Irgendwann hatte Margarete ihn dabei erwischt, wie er, angelockt von dem herrlichen Duft frischer Brotlaibe, zur Backstube geschlichen war, und für ihren Schützling ein gutes Wort eingelegt. Der Bäcker hatte dem Jungen daraufhin erlaubt, ihm zur Hand zu gehen, wann immer er die Zeit dazu fand. Seitdem war die Bäckerei sein Rückzugsort vor den Launen seiner Mitgesellen in der Mühle.
Sam grüßte im Vorbeigehen den Sohn des Schmieds, Gavin, der von der Esse aufsah und ihm zuwinkte. Sein Vater hatte Sam schon häufiger kommen lassen, damit er ihnen bei großen Aufträgen half. Noch immer versuchte er, ihn zu überreden, eine Stelle bei ihm anzunehmen und seine Zeit nicht als Müllergeselle zu vertrödeln. Aber Sam wurde jedes Mal mulmig, wenn er die glühenden Eisen sah.
Er gelangte zu einem Haus mit einem hübschen, gepflasterten Innenhof. An den Mauern rankte sich im Sommer wilder Wein empor. Nervös trat er zur Tür und klopfte. Es dauerte kurz, bis sie nach innen aufschwang und ihm ein hübsches Mädchen mit kupferrotem Haar gegenüberstand. Delia schenkte ihm ein schüchternes Lächeln. Seine Augen blieben an dem grünen Kleid mit den aufgenähten weißen Blüten an Saum und Kragen hängen, das sie trug und welches ihre blassgrünen Augen betonte.
Er lächelte verzagt. »Guten Abend«, grüßte er sie.
»Ja, dir auch.«
Sein Hirn war wie leergefegt. Ihm fiel auf, dass das Lächeln ihre Augen nicht erreichte. Mit den Gedanken schien sie weit fort und er wusste auch, wo. Auch ihre Mutter war an der Seuche erkrankt und je länger kein Heilmittel gefunden wurde, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass sie es überleben würde.
»Hier.« Er hielt ihr das Brot mit den Rosinen hin, welches er in ein Tuch geschlagen hatte. »Das habe ich selbst gebacken. Ich dachte, vielleicht kann es dich ein wenig aufheitern.«
Warum kam er sich immer wie ein liebestoller Idiot vor, wenn er ihr gegenüberstand?
Eine sanfte Wärme ersetzte die Sorge in ihrem Gesicht. »Danke«, sagte sie und presste den warmen Laib an sich. Der Geruch von Blut waberte aus der Stube.
An den Feiertagen konnte sich die Metzgerei kaum vor Kundschaft retten. Delia bereitete dann gefüllte Gänse und mit Knoblauch gespickte Lammkeulen im Innenhof vor. Im letzten Herbst hatte Sam dem Metzger geholfen, zwei Ochsen für das Erntefest zu schlachten, und hatte ihr anschließend dabei zugesehen, mit welcher Hingabe sie ihre Arbeit verrichtete. Ihr Bruder hatte ihm ein blaues Auge verpasst, als er ihn dabei erwischte. Delia hatte sich daraufhin für ihn entrüstet, ihm ein feuchtes Tuch auf die Schwellung gedrückt und sich für die Grobheit ihres Bruders entschuldigt. Ein paar Tage später hatte sie einen Strauß Wildblumen vor ihrer Kammer gefunden. Er hatte beobachtet, wie es ihr ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hatte. Von da an hatte er beschlossen, sie öfter dazu zu bringen, so zu lächeln.
»Also«, er fuhr sich nervös durchs Haar, »ich gehe dann …«
»Sam, warte.« Der Junge sah sie fragend an. Ihre Wangen verfärbten sich rosig. Sie schien etwas sagen zu wollen, wurde aber von einer Stimme unterbrochen, die aus der Stube drang.
»Dee, wer ist das?«
»Niemand«, beeilte sie sich, zu sagen.
Sam erkannte die Stimme ihres älteren Bruders. Sein linkes Auge begann zu jucken.
»Er mag mich immer noch nicht, oder? Vielleicht solltest du ihm sagen, dass ich eigentlich ganz in Ordnung bin.«
»Das habe ich«, gestand sie ebenso leise. »Leider hat das an seinem Vorhaben, dir gehörig den Kopf zu waschen, nichts geändert. Ich glaube, damit habe ich es nur noch verschlimmert.«
»Dee?«
Sie lächelte entschuldigend. »Danke noch mal.« Dann schob sie rasch die Tür zu.
Der Junge machte, dass er davonkam, denn schon im nächsten Augenblick flog die Tür wieder auf und ein überaus wütender großer Bruder trat auf die Gasse, dessen ebenso grüne Augen aber nicht sanft, sondern mordlüstern dreinblickten.
Sam erreichte in Windeseile die Stadttore und passierte sie, ohne von den Wachen behelligt zu werden. Die Atmosphäre der Elendsviertel drückte ihn nieder, denn alles schien grauer zu werden und bekam einen düsteren Ausdruck. Hier verweilten die weniger Glücklichen. Bettler, Vagabunden, Tagelöhner. Sam senkte den Kopf. Er konnte es Lune nicht verdenken, dass sie lieber bei der Kräutersammlerin wohnte.
Sam bog in eine düstere Gasse ab. Eine Ratte huschte über den schlammigen Weg und quiekte bei seinem Anblick. Er drängte sich an zwielichtigen Gestalten vorbei, bis er vor einer Schenke stehen blieb. Der Name war auf dem vermoderten Holzbrett, das traurig an zwei Ketten im Wind schwang, kaum noch zu entziffern.
Sam stieß die Schanktür auf. Im Bierhumpen war es laut und voll. Er zog die Nase kraus bei dem Gestank von schalem Ale und Erbrochenem, der ihm entgegenschlug. In einer der hinteren Ecken droschen zwei betrunkene Burschen aufeinander ein, um die sich ein Halbkreis aus Schaulustigen gebildet hatte, die sie grölend anfeuerten.
Sam bahnte sich einen Weg zwischen den Tischen und Leibern zum Tresen hindurch. Der dickbäuchige Wirt wischte mit einem zerschlissenen Lappen einen Krug aus. Er war ein schmieriger Kerl mit dem Namen Cray. Hier jedoch wurde er Fuselwirt gerufen. Als er Sam sah, grinste er und entblößte dabei seine tabakgelben Zähne.
»Sieh an. Wen haben wir denn hier?«
Sam lächelte breit und stützte sich auf den Tresen. »Wie läuft das Geschäft?«
»Gut, gut. Auch wenn die Eheweiber einige der Jungs fernhalten. Man will es ihnen nicht verdenken. Die Kälte lässt auch den anständigsten Mann im Alkohol Vergessen suchen.«
»Ich nehme einen Becher Most.« Der Apfelmost war das Beste, was die Diebesviertel zu bieten hatten. Die Brühe, die hier als Ale verkauft wurde, roch nach Lampenöl, und er hatte nie Gefallen daran gefunden, sich zu betrinken.
Fuselwirt füllte ihm einen Becher und nahm den Schürhaken aus dem Feuer, den er hineintauchte. Es zischte und der würzige Geruch nach verbranntem Alkohol und Dörrapfel stieg auf. Dankbar nahm der Junge das heiße Getränk entgegen und kramte in seinen Taschen nach einem Kupferstück, als bereits eines klirrend auf dem polierten Holz landete.
»Der Most geht auf mich«, ließ eine tiefe Stimme hinter ihm verlauten. Sam drehte sich um. Ein breitschultriger Mann mit dunklem Haar und Bart hatte sich hinter ihm aufgebaut. Ein schartiges Breitschwert hing an seiner Hüfte und ein geöltes Kettenhemd blitzte unter dem schweren Ledermantel auf.
»Lawson?« Sam sah ihn ungläubig an. »Was machst du denn hier?«
Lawson war ein einschüchternder Mann, der sich als Söldner verdingte. Die beiden verband eine alte Freundschaft.
»Ich wollte mich vergewissern, wie es meinem Schützling geht«, meinte Lawson. »Schön, dich wiederzusehen.«
Sams Lächeln verblasste ein wenig. »Ja. Das ist es.«
Der Söldner packte ihn an der Schulter und schob ihn vor sich her zu einem freien Tisch, wo sie sich gegenübersetzten. Sam fiel auf, dass sich graue Strähnen in das schwarze Haar seines Gegenübers mischten. Er wirkte älter, als er ihn in Erinnerung gehabt hatte.
»Ich habe mir hier ein Zimmer genommen«, brummte der Söldner. »Noch nie bin ich so vielen Flöhen auf einmal begegnet.«
»Du hast sicher schon Schlimmeres gesehen.«
Lawson schmunzelte. »Ein Bett ist immer einer Nacht unter freiem Himmel vorzuziehen.« Er sah Sam prüfend an. »Wie ist es dir seit unserem letzten Treffen ergangen?«
»Gut«, antwortete Sam wahrheitsgemäß, wich dabei aber dem Blick des Söldners aus. »Ich habe eine Lehrstelle angenommen.«
»Das freut mich für dich. Ich hätte nicht erwartet, dass du so gut Fuß fassen würdest.«
»Doch, ich … Es ist gut. Ich fühle mich wohl hier, nur … Ich bin noch immer zu nah an der Nordgrenze. Ich sollte weiter in den Süden gehen. Ich habe keine Ahnung, ob ich hier vor ihren Schergen sicher bin.« Sam leckte sich über die Lippen. »Hast du irgendetwas Neues von ihnen aufgeschnappt?« Angst flackerte in seinen Augen auf.
»Und ob ich das habe. Einer der Rekruten ist ihnen entkommen. Der Oberkommandant hat seine Häscher nach ihm ausgeschickt. Anscheinend rast er vor Wut. Es heißt, er habe den Mann erschlagen, der ihm die Nachricht überbracht hat. Es war sein Schüler, der fortgelaufen ist.«
»Jared?«, fragte Sam fassungslos. »Jared ist entkommen?«
»Ja. Der Junge muss wahrlich ein Talent darin haben, unterzutauchen. Bisher hat man ihn nicht erwischt, dabei ist ihm das halbe Söldnerheer auf den Fersen.«
Der Junge lächelte in sich hinein. »Sie werden ihn nie zu fassen bekommen.«
Erleichterung durchflutete ihn. Jared hatte all die Jahre gegen seine Ausbilder angekämpft und keiner hatte ihm je seine Widerspenstigkeit rauben können. Wenn jemand es verdient hatte, erfolgreich zu desertieren, dann er. Allerdings …
»Jared wird versuchen, in den Süden zu entkommen«, stellte er mit rauer Stimme fest. »Und das bringt sie direkt hierher.«
»Sam«, begann Lawson beinahe mitfühlend. »Ihre Bluthunde werden dich nicht finden. Hier bist du vor ihnen sicher, solange du vorsichtig bist. Es sind jetzt beinahe drei Jahre vergangen. Ich glaube nicht, dass sie noch nach dir suchen. Man geht davon aus, dass du tot bist.«
»Wirklich?«, fragte der Junge hoffnungsvoll.
Der Söldner griff nach seinem Arm. »Du musst vergessen, Sam. Vergiss, was geschehen ist.«
Sam schluckte. »Das kann ich nicht.« Er sah auf seine Hände hinab, die leicht zitterten.
Lawson räusperte sich. »Ich würde mich derzeit um andere Dinge sorgen. Auf dem Weg bin ich einigen zwielichtigen Gestalten begegnet, die wohl hierher unterwegs waren. Vielleicht wollen sie bloß Vorräte besorgen, aber ich würde mich von ihnen fernhalten, wenn ich du wäre.«
»Was waren das für Leute?«, wollte Sam angespannt wissen.
»Ich weiß es nicht, aber mir kamen sie seltsam vor, irgendwie gefährlich.«
»Aber …« In seiner Stimme lag ein Zittern. »Aber was, wenn sie zu ihnen gehören? Hältst du das für möglich?«
Lawson öffnete schon den Mund für eine Erwiderung, als drei Männer zu ihnen an den Tisch traten. Sie alle waren Wegelagerer. Jakswell, ein Mann mit schütterem Haar, klopfte mit den Knöcheln auf das Holz.
»Es stört doch nicht, wenn wir uns dazugesellen?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er sich rittlings auf den Stuhl und legte einen Arm auf die Lehne. Er wirkte entspannt, aber seine rechte Hand ruhte auf dem Griff seines Kurzschwertes und er ließ den Söldner nicht aus den Augen. Sein Scheckenhund, ein wilder Rüde, legte sich neben ihn und knurrte leise. Hagen zog sich einen Schemel heran und der junge Bain ließ sich neben Sam nieder. Der Kerl war ängstlich wie ein Mäuserich und erschrak schon vor seinem eigenen Schatten, weshalb man ihn Bain Geisterseher nannte.
Jakswell beugte sich zu Lawson hin. »Solche wie dich sehen wir hier nicht oft«, bemerkte er beiläufig.
Lawson nahm einen Schluck Bier. »Das glaube ich gern.«
Sam spannte sich unmerklich an.
»Was sucht ein Söldner in einer Gegend, in der es so wenig Gold gibt?«, wollte Hagen wissen.
Auch Lawson schien zu spüren, dass hinter ihrer Gelassenheit Anspannung schlummerte. Sam kannte die Diebe und Wegelagerer, die durch die Gassen streiften. Aber selbst, wenn er mit ihnen lachte, Geschichten austauschte und raufte, war er immer darauf gefasst, aufzuspringen und sich ein Messer von der Kehle zu halten. Trotzdem schätzte er die rauen Kerle. Jeder von ihnen hatte eine tragische Vergangenheit und mancher sogar ein gutes Herz. Außerdem waren sie begnadete Geschichtenerzähler, wie Sam festgestellt hatte. Ihm behagte dieser Umgang zwar nicht, doch nur so erfuhr er von den Geschehnissen außerhalb der Stadt.
»Ich wurde nicht dafür bezahlt, euch alle abzumurksen«, stellte Lawson nüchtern klar. »Ich bin auf der Durchreise.«
»Und das sollen wir dir einfach glauben, ja?«, blaffte Jakswell.
»Das solltet ihr«, mischte Sam sich ein. »Ich kann für ihn bürgen.«
»Du, Bürschchen?« Der Wegelagerer schnaubte. »Du hast zu wenige Winter gesehen, als dass du eine Ahnung von Männern wie ihm haben könntest.«
Der Junge funkelte ihn an. »Ich weiß, wovon ich rede«, fauchte er den Mann an. »Schließlich habe ich genug Zeit mit Kerlen wie dir verbracht!«
»Lass es gut sein, Sam«, beruhigte ihn der Söldner. »Ich sehe, ich bin hier unerwünscht.« Er stand auf. »Ich werde morgen wieder aufbrechen. Wegen dem, was wir besprochen hatten … Mach dir deshalb keine Sorgen. Vielleicht gelingt es dir ja, mich noch abzupassen, wenn du reden willst.«
Dann ging er zu der Treppe, die zu den Gästezimmern führte.
Hagen spuckte aus. »Solchem Volk ist nicht zu trauen.«
Jakswell prostete ihm zu. »Was hast du mit so einem zu schaffen?«, wollte er von Sam wissen.
Der Junge schüttelte nur den Kopf. »Das geht dich nichts an.«
