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Cézannes glücklichste Zeit war seine frühe Jugend in der Provence, wo er zusammen mit Zola und einem anderen Freund in der Natur umherstreifte. Ermutigt durch Renoir, stellte er 1874 und 1877 zusammen mit den Impressionisten aus. Doch die ablehnende Haltung, mit der man seiner Kunst begegnete, verletzte ihn tief. Er malte gern Früchte, weil sie gehorsame Modelle waren, was seiner langsamen Arbeitsweise entgegenkam, dabei behielt er die dominante Farbe und den Charakter der Frucht bei, verstärkte aber den emotionalen Reiz der Form durch ein Spiel von reichen, fein aufeinander abgestimmten Farbwerten. Seine eigentliche Meisterschaft entfaltete er in den Stillleben. Cézanne verstand es, seine Malkunst mit Wissen zu bereichern, dem Wissen um die Dinge – dieser unabdingbaren Voraussetzung für alles schöpferische Bemühen. Kurz nach dem Tod seines Vaters zog er sich für immer auf sein Gut in der Provence zurück und war vermutlich dort der einsamste Maler seiner Zeit. Von Zeit zu Zeit überfiel ihn eine seltsame Melancholie, ja sogar eine düstere Hoffnungslosigkeit. Er konnte unberechenbar und schwierig sein, seine Leinwände zerstören oder sie zum Fenster seines Studios hinauswerfen, sie ganz einfach auf einer Wiese stehen lassen oder sie seinem Sohn geben, der sie zerschnitt und wie ein Puzzle wieder zusammensetzte. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts holten die Bauern aus ihren Scheunen eine größere Menge von Stillleben und Landschaften, als sie hörten, dass ein Narr aus Paris dafür mit gutem Geld zahlte. Doch leider kam die Anerkennung zu spät. Er starb 1906 an einem Fieber, das er sich zugezogen hatte, als er beim Malen vom Regen überrascht wurde.
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Seitenzahl: 43
Veröffentlichungsjahr: 2011
Autor: Nathalia Brodskaya
Layout: Julien Depaulis
Layout:
Baseline Co.Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam
© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
ISBN:978-1-78160-719-0
Weltweit alle Rechte vorbehalten
Nathalia Brodskaya
INHALT
1. Bildnis des Künstlers, um 1873-1876
2. Bildnis Ivan Morozov
Musée d’Orsay, Paris
An der Wende zweier Jahrhunderte errang das Schaffen Cézannes immer häufiger die Aufmerksamkeit progressiver Künstler wie Matisse, Picasso, Braque, Vlaminck oder Derain, aber auch die junger russischer Maler, die eine neue Kunst schufen, deren Grundlage in vielem vom Meister aus der Provence gelegt worden war. Daneben gab es auch viele Zeitgenossen Cézannes - zu denen auch so bekannte Autoren wie Arsène Alexandre oder Camille Mauclair gehörten - die sich die wahre Größe des Künstlers nicht vorstellen konnten. Auf seinen Tod reagierten die französischen Zeitungen mit etwa einem Dutzend ziemlich zweideutiger Nachrufe. »Kein vollwertiges Talent«, »grobe Malerei«, »...ein Künstler, der er niemals war«, »...nicht fähig, irgendetwas außer Entwürfen zu schaffen« infolge »...eines angeborenen Augendefekts« – mit solchen Charakteristiken begleiteten die Kritiker den Sarg des großen Meisters. Das Unverständnis für die Kunst Cézannes war kein Resultat ungenügenden Nachdenkens einzelner Künstler oder Kritiker, sondern entstand infolge der objektiven Kompliziertheit seiner Malerei, der spezifischen Eigenheit seines Kunstsystems, das der Meister im Verlaufe seines ganzen schöpferischen Lebens entwickelte,von ihm aber in keinem einzelnen, für sich genommenen Werk vollständig verkörpert wurde.Cézanne ist wohl der komplizierteste Künstler des 19. Jahrhunderts. »Man kann nicht umhin, vor der Größe Cézannes so etwas Ähnliches wie Angst zu verspüren; als ob man in eine geheimnisvolle Welt einträte, rau, reich, mit so hohen Gipfeln, dass es scheint, sie wären unbezwingbar«[1], schrieb Lionello Venturi. Diese Gipfel zu erklimmen, ist wirklich schwer. Zu ihnen führen keine von literarischen Themen oder von gewöhnlichen Assoziationen mit dem alltäglichen Leben gebahnten Wege. Das Schaffen Cézannes ist ganz undgar eigenständig und souverän.
Museum des Kleinen Palastes, Paris.
Heute entfaltet sich vor uns die Kunst Cézannes in der Reihenfolge ihrer logischen Entwicklung, an deren Anfängen schon der Grundstein zu ihrer Kulmination gelegt wurde. Denjenigen aber, die nur die Möglichkeit hatten, einzelne Fragmente vom Ganzen zu sehen, erschien natürlicherweise vieles seltsam und unverständlich. Aber nur so, indem sie einzelne Werke in Privatsammlungen und auf episodischen Ausstellungen sahen, konnten sich die Zeitgenossen mit dem Schaffen Cézannes bekannt machen, und nur wenige von ihnen erkannten seine Größe. Der Mehrheit fielen nur die seltsame stilistische Mannigfaltigkeit und das ungleiche Maß an Abgeschlossenheit seiner Arbeiten auf. Davon verblüffen die einen durch die ungestüme Kraft des Temperaments, das sich in der brutalen Macht der Volumina und in der Dynamik der Formen äußerte, die gleichsam mit einem schweren Werkzeug herausgearbeitet und aus einem Farbenteig modelliert sind; die anderen zeichnen sich durch eine rationelle, wohlüberlegte Komposition, eine unbegreifliche Vielfalt der Farben und ihrer Modulationen aus; die dritten wiederum stellen flüchtige Entwürfe dar, in denen die Tiefe durch einige aquarellhaft durchsichtige Pinselstriche angedeutet ist; und in den vierten endlich treten mächtig modellierte Figuren in komplizierte Raumbeziehungen ein, die ein russischer Autor treffend als »Verflechtung des Raumes«[2]bezeichnete.
Ja, Cézanne selbst mit seinen ständigen Beschwerden über die Unmöglichkeit einer Realisierung dessen, was er fühlte, brachte die Kritik auf die Idee des Fragmentarischen seiner Kunst. Jedes Werk erschien dem Künstler als ein unvollendeter Teil vom Ganzen. Es kam oft vor, dass Cézanne eine angefangene Arbeit nach mehreren, vielstündigen Versuchen mit dem Gedanken, sich ihr irgendwann einmal wieder zuzuwenden, im Stich ließ. Mit jedem nachfolgenden Werk versuchte er, die »Unvollkommenheit« des vorhergehenden zu überwinden, »es abgeschlossener zu machen als vorher«. »Haare und Bart sind bei mir lang, das Talent aber kurz.«[3]
Genau einen Monat vor seinem Tode schreibt der Künstler an Émile Bernard: »Ob ich das Ziel je erreiche, das so stark erwünschte und so lang erstrebte? Ich will es, das Ziel aber ist noch nicht erreicht, und ein verschwommener Zustand der Kränklichkeit wird mich umfassen, solange ichden Hafen nicht erreicht habe.«[4]
4.Szene im Interieur,Anfang der 1860er Jahre,
Puschkin-Museum für
bildende Künste, Moskau.
5.Pastorale,um 1870,
Musée d’Orsay, Paris.
Solche mit Bitterkeit erfüllten Gedanken kommen immer wieder und wie ein tragisches Leitmotiv im Briefwechsel Cézannes und in seinen Gesprächen mit den Freunden zum Ausdruck; sie stellen die Tragödie seines ganzen Lebens dar, die Tragödie ständiger Zweifel, des Unbefriedigtseins, des Nichtglaubens an die eigenen Kräfte. Diese Ungläubigkeit erzeugte aber auch die treibende Kraft seines Schaffens, das sich ähnlich dem, wie Bäume wachsen oder sich Felsen bilden, durch das langsame, allmähliche Anwachsen immer neuer Schichten auf de
6.Frühstück im Grase,um 1870-1871,
Privatsammlung, Paris.
