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Frank lebt in Münster, ist 28 Jahre, hat sich vom Kraftfahrzeugmechaniker zum Automobilverkäufer gemausert und ist einer von uns; einer von uns zielstrebigen, markant liebenswürdigen, leicht durchschaubaren, saustarken und gleichsam verletzlichen Männern, die glauben den heiligen Gral schon in der Hand zu haben. Er lebt, liebt und feiert mit seinen Kumpels während ihm das Leben zulächelt und seine Freundin Tanja schon gedanklich die Freuden einer Familie begrüßt. Doch ein Abend reicht völlig aus, um alles aus den doch nur halbstarken Fugen geraten zu lassen. Er erlebt eine grausame Woche voll leidenschaftlich herbeigeführter Spontanschäden, wahrer, niederschmetternd aufbauender Männerfreundschaft und paddelt hilflos im depressiven Sumpf seiner Empfindungen von einem Strohhalm zum nächsten, die bei näherer Betrachtung bestenfalls dazu taugen das Chaos explodieren zu lassen. Aber vielleicht hat er dann klare Sicht auf die Dinge?!
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2017
Hawe Wesemann
Ein Männerroman
© 2017 Hawe Wesemann
Umschlaggestaltung, Illustration: Hawe Wesemann
Lektorat, Korrektorat: Hawe Wesemann
Verlag: Buchtalent - eine Verlagsmarke der
tredition GmbH, Hamburg
www.buchtalent.de
www.tredition.de
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„Wie lange geht das schon so?“, wollte Herr Gideon von ihm erfahren, und Frank glaubte, diesen traurig, enttäuschten Unterton in seiner Stimme wahrzunehmen den er so gar nicht leiden konnte, weil er ihn irgendwie an seine Mutter erinnerte, die in diesem Moment sicherlich immer noch stolz auf ihn war.
„Wie lange geht was schon so?“, entgegnete Frank automatisch und etwas zu trotzig um bereits 28 Jahre zu sein.
Dass alles hier waren nicht die Zutaten für einen wirklich guten Moment.
Frank saß im Büro von Herrn Gideon der versuchte versöhnlich zu wirken, während er innerlich zu beben schien und es dabei doch schaffte auf seiner Seite seines Schreibtisches unruhig sitzen zu bleiben.
Schal & Gideon – Das zertifizierte Autohaus.
Hierher zu gelangen, war nicht einfach gewesen. Die zwei Jahre Abendrealschule und nebenher als Taxifahrer zu arbeiten waren mühsam gewesen.
Aber Frank hatte sich dieses Ziel gesetzt, er hatte Automobilverkäufer werden wollen und es tatsächlich geschafft.
„Herr Arnsberg, mühte er sich ab, während er die erste Silbe von Franks Nachnamen besonders betonte, wollen sie mir wirklich weiß machen, sie haben keine Ahnung warum wir hier unser kleines Stelldichein abhalten?“
„Provisionsnachzahlungen sind es wohl nicht?“ orakelte Frank, wohl wissend das Angriff keine adäquate Verteidigung ist, wenn einem bereits die Schlinge um den Hals gelegt wurde.
„Nein, verdammt. Es sind keine beschissenen Nachzahlungen, ganz bestimmt nicht!“ brüllte Gideon während er seine knochige Faust auf den Schreibtisch knallen ließ, und damit den violetten Kugelschreiber der dort lag zu einem ganz ordentlichen Luftsprung animierte.
Frank beobachtete wie der Kuli sich in einem Salto versuchte, aber dann doch an seiner eigenen Längsachse scheiterte.
Im nächsten Augenblick hatte er sich fast schon wieder im Griff. „Zeigen sie mir Ihren Führerschein, Herr Arnsberg. Jetzt!“, setzte er nach.
„Ich fürchte“, begann Frank, der erahnte, dass genau diese Emotion grad ziemlich aktuell bei ihm sein sollte, „ich bin derzeit in meiner Mobilität etwas eingeschränkt.“
Gideon lehnte sich langsam in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme und fixierte Frank aus zusammen gekniffenen Augen. Er beugte sich wieder vor und legte die rechte Hand mit dem Handrücken auf seinen Schreibtisch.
„Autoschlüssel.“, zischte er.
Frank gab sich geschlagen, was hatte es auch für einen Sinn. Ein Autoverkäufer ohne Führerschein, das war doch so wie der Fisch, dem sein Fahrrad abhandengekommen war.
Frank fischte den Schlüssel aus der Anzughose und ließ ihn in Gideons wartende Hand gleiten, die sich sogleich schloss, um ihn auf seiner Seite des Schreibtisches demonstrativ in einer Schublade zu deponieren.
„Mensch Arnsberg, wann werden sie erwachsen? Haben sie eigentlich überhaupt realisiert in welche Situation sie die Firma und sich bringen? Sie fahren hier putzmunter in einem Vorführwagen von uns durch die Gegend, in dem sie am letzten Wochenende rotzebesoffen durch die Innenstadt geknallt sind, von der Polizei angehalten wurden und dann vermutlich ihren Führerschein abgeben mussten?
Die haben uns als Halter des Fahrzeugs natürlich informiert. Das muss ihnen doch klar gewesen sein!“
Frank war sich nicht sicher ob Gideon eine Antwort wollte, und wenn ja, auf welche Frage, also zog er es vor erstmal die Klappe zu halten.
„Ich wusste nur noch nicht, ob sie selber am Steuer waren, oder vielleicht doch einer ihrer Freunde. Wie zur Hölle haben sie sich das vorgestellt? Sie arbeiten hier einfach weiter, fahren fröhlich mit dem Vorführwagen spazieren, und in einem Jahr nehmen sie sich mal eben nen Tag für den Idiotentest frei, und dann Schwamm drüber?“
„Ich weiß es doch auch nicht, Herr Gideon, wir waren aus, feiern, und dann hab ich das Auto vor der Diskothek stehen gehabt. Das war alles nicht so geplant. Alles ist einfach schiefgegangen.“
„Ja“, knirschte Gideon, „gegangen – gutes Stichwort. Ich mag sie, sie sind sogar ein ganz passabler Verkäufer. Aber sie werden verstehen, dass nach so einem Vorfall ihre Tätigkeit in unserem Haus beendet ist. Und zwar ab jetzt. Gehen sie. Wenn sie über die notwendigen Grundvoraussetzungen bei uns zu arbeiten verfügen, also Fahrerlaubnis und reflektiertes erwachsenes Verhalten, dann dürfen sie noch einmal bei uns anklopfen. Aber machen sie sich keine allzu großen Hoffnungen. Die aktuellen Vorgänge und noch zu Erledigendes übergeben sie an den Kollegen Jakob.“
Gideon stand auf, ging um den Schreibtisch und hielt Frank tatsächlich noch zum Abschied die Hand hin.
„Was werden sie nun machen?“, fragte Gideon, als Frank sich gerade anschickte aus dem Büro zu gehen.
Er drehte sich noch kurz um und meinte: “Zuletzt bin ich Taxi gefahren.“ Dann verließ er Gideons Büro und, ohne sich um Weiteres zu kümmern, das Gelände auf dem er die letzten 10 Monate gearbeitet hatte. Zu Fuß.
Mit den Kollegen war er nie wirklich warm geworden, sollten Sie doch sehen, wie sie mit seinen bereits eingeleiteten Verkaufsvorgängen klarkamen. Das ging ihn nichts mehr an.
Frank steuerte auf die Bushaltestelle zu, er würde eine knappe Stunde benötigen, vermutete er. Busfahren war nicht so sein Ding. Aber vermutlich sollte er seine Einstellung den aktuellen Gegebenheiten etwas anpassen, dachte er noch benommen von dem Gespräch.
So allmählich dämmerte ihm die Tragweite der gesamten Geschichte.
Frank musste bald 20 Minuten auf den Bus warten, stieg vorne ein als der Fahrer das Gefährt knirschend auf dem Schotter, der sich auf der Haltebucht des Busses angesammelt hatte, zum Stehen gebracht hatte und nannte dem Fahrer sein Ziel.
„Hohe Geest“, murmelte er und kramte in der Innentasche seines Jackets nach seinem Portemonnaie.
„Da fahr ich nicht hin, aber sie können am Duesbergweg umsteigen. Macht € 2,90. Wenn sie online gebucht hätten wären es nur € 2,60. Kleiner Tipp fürs nächste Mal.“
Frank gab dem Fahrer drei Euro und wartete darauf, dass dieser seine Geldwechselmaschinerie in Gang brachte, fischte schließlich unten am Gerät seine 10 Cent heraus und nahm die Fahrkarte entgegen.
„Sie müssen nur auf die Durchsagen achten, der Duesbergweg wird auch genannt, und da müssen sie dann raus und umsteigen in die Linie Neun. Die fährt nach Hiltrup.“
Frank schaute ihn an und meinte: “Danke. Ach, und darf ich mal ihre Fahrerlaubnis sehn?“
„Was ist? Was wollen sie?“, grunzte der Fahrer.
„Ach, vergessen sie`s.“, er winkte ab und suchte sich einen Platz, während der grummelnde Fahrer den Bus aus der Haltestelle auf die Straße bugsierte.
Wenigstens war es einigermaßen warm und trocken, der September hatte es bis jetzt gut gemeint.
Frank stieg wie ihm geheißen am Duesbergweg aus und überlegte sich dann doch den Rest zu Fuß nach Hause zu gehen. Tanja war noch auf der Arbeit, und vermissen würde ihn niemand, dachte er und spürte gleichzeitig sein Smartphone vibrieren, dass er nun auch wieder auf laut stellen konnte. Aber andererseits war ihm augenblicklich nicht besonders nach Konversation.
Er kramte es aus der Hose hervor und las die Nachricht, die nur aus einem großen pulsierendem Herzen bestand und von Tanja kam.
Sie wusste, dass er auf der Arbeit nicht immer privat telefonieren konnte und sandte ihm gelegentlich Nachrichten. So konnte er zurückrufen, wenn er die Zeit und Gelegenheit dazu fand, naja und sie gerade auch telefonieren konnte.
Dies war keine Gelegenheit und schon gar keine gute, befand er, verstaute das Gerät wieder in seiner Hose und setzte erst seinen schleppenden Fußmarsch fort und dann, zuhause angekommen, sich auf die Couch und glotzte teilnahmslos auf das Hartz vier Fernsehen, dass sich in ihrer Wohnung breitmachte, genauso wie eine Mischung aus Trotz, Resignation, Wut und Hilflosigkeit, die lähmend von Frank Besitz ergreifen wollte.
Er hatte einfach noch kein passendes Rezept, wie er Tanja beibringen sollte, dass sie ab sofort viel mehr weniger Geld und kein tolles neues Auto mehr hätten, was sie dann aber sicherlich prima und beziehungsfördernd mit dem Plus an gemeinsamer Zeit kompensieren könnten.
Er suchte nach zusätzlichem Potential in dieser Argumentationskette, vergeblich.
Sein Smartphone vibrierte, auf dem Display erschien ein großes pulsierendes Herz, gefolgt von einem kleinen Fragezeichen.
Eigentlich müsste ich diese Nachricht gesendet haben, dachte er und tippte:Bin grad ein tolles Auto losgeworden, Schatz., um sich Zeit für was auch immer zu verschaffen.
Frank googelte Lottogewinn, die Chance betrug 1:140 Millionen.
Die Lottoscheine wären alle unmöglich aus zu füllen, bevor Tanja etwas merkte, geschweige denn bevor sie nach Hause kam, und womöglich wollten die von dem Lottoladen auch Vorkasse, und dann ist das ganze ja wieder totaler Schwachsinn, weil die Lottoscheine zusammen ja auch viel teurer wären als der zu erwartende Gewinn.
Mit dem Smartphone kontrollierte er seinen Kontostand: € 4.653,27 Haben.
Er hatte gut verdient und ein wenig Sparen können, aber das Geld wär rasch weg, und wenn die Arbeitsagentur ihn erst mal mit einer Sperre belegen würde, was das Arbeitslosengeld betraf, na dann Gute Nacht. Mit drei Klicks kündigte er den Dauerauftrag für die Miete.
Nicht die endgültige Lösung, aber so ist vorerst ein Teil meines fehlenden Einkommens kompensiert, dachte er.
Frank wählte Jürgens Handynummer.
„Hey Mann, alles klar bei dir? Wo bist du? Du rufst doch vom Handy aus an. Hast heute frei?“, wollte der wissen.
„Alles gut. Du kann ich mal dein Auto haben? Ich muss was einkaufen und hab keine Lust alles zu schleppen.“
„Wieso, was ist denn mit deinem Superkarren? Hat dir dein Chef das Auto weggenommen?“
„Nee, Tanja ist heute damit unterwegs, die muss nach der Arbeit noch was erledigen, und da hab ich ihn ihr halt gegeben.“
„Was? Sonst stellst du dich mit den Autos immer so an. Ist ja schon ein Wunder, wenn da mal jemand mitfahren darf. Und du hast ihn Tanja einfach so ausgeliehen? Im Ernst, jetzt?“
„Ja, sag ich doch. Also was ist jetzt? Leihst du mir deine Karre? Nur für ne Stunde oder zwei.“
„Ist gut, musst ihn dir aber holen. Ich kann hier grad nicht weg. Stella fängt jetzt dienstags immer erst um 18:00 Uhr an. Die ist da voll auf so einem esoterischen Trip und nimmt an irgendeinem Wir lernen jetzt unseren Namen tanzen Kurs teil. Was bedeutet, dass ich den Laden bis dahin alleine schmeißen darf.“
„Alles klar, danke. Ich bin gleich bei dir.“ Frank legte auf und zog sich Jeans und Pulli an.
Der Laden, das war die kleine Eckkneipe, die Jürgen bezeichnenderweise Die Kneipe
genannt hatte. Frank hatte sich schon oft gefragt, ob Jürgen eventuellem Nachwuchs auf Das Kind taufen würde. In völliger und anhaltender Ermangelung gebärfreudiger und williger Frauen, die diese Eigenschaften auf Jürgen fokussierten, stellte sich diese Frage jedoch vorerst nicht.
In Jürgens Kneipe hatte der Schlamassel am Samstagabend begonnen. Frank war so gut wie nie angetrunken Auto gefahren. Das hatte er immer prima im Griff gehabt. Nur ratzeputze voll, da war er dann plötzlich der Meinung, Auto fahren wär ne prima Idee.
Aus diesem Grunde hatte er, schon zum Selbstschutz, die Autoschlüssel meist zu Hause gelassen, wenn er sich mit Kumpels traf um einen zu Trinken.
Am Samstag war er mit dem Auto zur Kneipe gefahren, obwohl er für den Weg zu Fuß nur drei Minuten gebraucht hätte. Ein grandioser Fehler.
Jürgen stand hinter dem Tresen, polierte Gläser und war der einzige in dem Laden.
„Hey, na wie geht`s? Alles klar bei dir?“
„Ja klar, wieso?“, argwöhnte Frank, wobei er versuchte nicht argwöhnisch zu klingen.
„Dann ist ja gut. Willst ein Pils?“
„Ich wollte mir dein Auto leihen, schon vergessen? Und da willst du, dass ich vorher Bier trinke?“
„Ich fragte, ob du willst.“, er schaute Frank fragend an.
„Ich muss noch fahren.“, gab er einsilbig zurück.
„Gute Einstellung, wirklich. Gefällt mir. Womöglich jedoch etwas spät dafür.“
Frank brauste auf, „Scheiße, was soll der Mist?“
„Du willst mein Auto?“
„Ja man, wie oft denn noch?“
„Zeig mir mal deinen Lappen.“
„Jetzt mach mal halblang. Du bist heute schon der zweite der den blöden Führerschein sehen will.“, entrüstete sich Frank
„Dann wird der andere einen guten Grund gehabt haben dich danach zu fragen. Mensch Frank, ich bin Wirt. Ich weiß wann ich meine Stirn in Falten legen muss. Hör auf, mir irgendeine Story zu erzählen. Und falls du dich noch erinnern kannst, ich bin auch dein Freund.“
„Schöner Freund.“, blaffte Frank.
„Weiß es Tanja schon? Auch das wegen deinem Job?“
„Bist du`n verdammter Hellseher geworden, oder was ist los?“
„Nein, immer noch nur Wirt, aber da lernt man das Hellsehen quasi nebenher.“, versuchte Jürgen witzig zu sein, und konstatierte nüchtern: „Also, Füherschein weg, damit Job weg und somit Auto weg, und Tanja hat keinen blassen Dunst. Ist das so in Etwa treffend formuliert?“
„Hm“, machte Frank.
„Okay, ich spiel dir hier mal nicht die große Mitleidsnummer vor. Das hält sich nämlich auch so ein kleines bisschen in Grenzen. Denn wenn ich das so richtig auf die Reihe bekomme, dann wolltest du Dir eben noch mein Auto ausleihen. Ich hab hier den ganzen Tag Radio gehört, und davon, das man ab sofort keinen Führerschein mehr braucht, wenn man sich das Auto seines Kumpels ausleiht, haben die einfach nix erzählt.“
„Ist ja gut. Ich habs verstanden.“
„Bist nur angehalten worden, oder hast die Karre vom Autohaus gleich noch geschrottet?“
