Charlie Virginia - Dana Lukas - E-Book

Charlie Virginia E-Book

Dana Lukas

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Beschreibung

Die idealistische junge Kathie schliesst sich als Berichterstatterin von Präsident Lincoln einer Kavallerieeinheit der Südstaaten an. Als Junge verkleidet stellt sie sich der Aufgabe. Durch die Brutalität, mit der dieser blutige Krieg geführt wird, erkennt sie bald seine Sinnlosigkeit, hält aber an ihrer Aufgabe fest. Zwischen den Fronten, zu Land, zu Wasser oder im Ballon wächst sie über sich hinaus, findet nicht nur Freundschaft und zu sich selbst, sondern auch Anerkennung und die Liebe zweier Offiziere: eines Marinearztes aus Neuengland und die eines verwitweten Texaners.

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Aufbruch

Auf eigene Faust

Schicksalhafte Begegnung

Zusammen durch dick und dünn

Die Feuerprobe

Soldatenleben

Vorgeschmack auf die Front

Mannschaftsgeist

Manassas

Verstärkung

Neue Horizonte

Verschnaufpause

Freundinnen

Kavallerie in Sicht

Aufbruch

Über ihren Besuch zuhause war sie nicht beonders enttäuscht; so bitter es war, so kannte sie es nicht anders. Wenn sie das Farmhaus, die grasenden Pferde, den ganzen Stolz ihres Vaters, von Ferne sah, dann fühlte sie sich wohler: frei, nicht mehr so angespannt. Ohne Scott und Paddy hielt sie nichts zuhause. Ausser zu den beiden, stand sie auch ihrem Vater nahe, wenngleich dieser seine Zuneigung zurückhielt. Er roch stets nach Tabak, Leder und Pferden, ein Geruch, der sich ihr eingeprägt hatte. Dennoch war sie froh, wieder wegzukommen.

Mr. Lincoln hatte ihr eine Aufgabe anvertraut und diese würde sie erfüllen. Über den Kriegsverlauf zu berichten, schien alleweil spannender zu sein, als über trockenes Wortgeplänkel unter Washingtons Politikern; darauf freute sie sich.

Der Präsident hatte darauf bestanden, dass sie Charles Dana bei seiner Arbeit als Kriegsberichterstatter über die Schulter sah, bevor sie sich in dieses Abenteuer stürzte. Dana war gebildet, weltgewandt und ein loyaler Freund (und Bewunderer) des Präsidenten. Nach seinem abgebrochenen Theologiestudium in Harvard machte er sich einen Namen als Verwalter und Journalist. Die "New York Tribune" wurde sein Zuhause. Als ihr Auslandskorrespondent berichtete er 1848 dann aus Europa, über die dortigen Unruhen und Aufstände. Dabei kamen ihm seine ausgezeichneten Sprachkenntnisse – Deutsch, Latein und Schwedisch – zugute. Auch für schöne Künste hatte er viel übrig. Sein Stil war einfach, nüchtern und knapp - dem des Präsidenten nicht unähnlich. Verständlich, dass er und der Präsident sich auf Anhieb verstanden!

Obwohl er nicht besonders gut sah, so hatte Charles Dana doch seine Augen und Ohren überall. Er war sogar besser informiert, als mancheiner der Kongressabgeordneten. Im Vergleich zu den Abgeordneten war er aber mit seiner Kritik weniger aggressiv. Insgeheim galt er als Sprachrohr und Vermittler des Präsidenten. Er wusste stets, was vor sich ging, ob in der Regierung oder an der Front. Indem er sich an General Grants Fersen heftete, bekam der Präsident die Lage aus erster Hand mit. Dana deckte auch Missstände in der Verwaltung auf, durchschaute das betrügerische Spiel der Lagerverwaltung (Quartermaster) und beendete damit das Verschwenden von Staats- und Steuergeldern. Kein Wunder also, dass er vielen als Vorbild galt. Und auch nicht weiter verwunderlich, dass der Präsident – auch um den Menschenmassen im Weissen Haus zu entfliehen -, diesen exzellenten, bestens informierten Mitarbeiter im 3. Stock des Kriegsministeriums, lieber persönlich aufsuchte, als ihn erst zu sich rufen zu lassen.

In Windeseile brachte ihr Dana dann bei, worauf es an der Front zu achten galt, an wen sie sich halten, wie sie sich verhalten musste, wie Nachrichten verfassen und weitergeben. Telegraphenmaste waren überall, konnten aber ebenso leicht gekappt oder die Meldung abgefangen werden. Die Meldung verfassen war einfach, das Codieren und Übermitteln schon schwieriger. Der Präsident hatte Vertrauen zu ihr, befürchtete aber, ihr zuviel zuzumuten. Deswegen überliess er es ihr, wieviel oder was sie verfassen wollte.

In Willard's Hotel traf sie auch Journalistinnen an, die von der Front berichtet hatten. Dadurch konnte sie es kaum erwarten, sich endlich aufzumachen. Diese Arbeit schien also nicht besonders schwer zu sein, auch für Frauen nicht! Ob ihrer Begeisterung vergass sie aber, dass diese Frauen älter waren und sich ihre Sporen u.a. bei Horace Greeley verdient hatten: in New York. Mit dieser Erfahrung aus der Grossstadt konnte Kathie natürlich nicht mithalten, Sie war ihnen aber mit ihrer jugendlichen Energie und ihrem Enthusiasmus voraus.

Die meisten Reporterinnen waren bei der Berichterstattung von der Front mit Vorurteilen konfrontiert: Die Soldaten waren nicht besonders gesprächig, die Offiziere ignorierten oder belächelten ihre Fragen, statt darauf einzugehen. Da lag es auf der Hand, dass sich mancheine als Mann verkleidete, um an Informationen zu kommen.

Im Gegensatz zum Präsidenten oder Professor Lowe war sie sich über die Gefährlichkeit ihrer Mission nicht im Klaren; sie sah es als Bewährungsprobe an. Sie konnte sich ausweisen. Jenseits der Mason-Dixon-Linie würde ihr Ausweis kaum Geltung haben - also Professor Lowe und seinem "Union Balloon Corps" nicht unähnlich. Jeder Ausweis, wenn er auch vom US-Präsidenten ausgestellt war, erweckte Misstrauen. Jeder Fremde in Uniform oder Zivil, wenn er sich auch ausweisen konnte, galt als potentieller Spion – daran änderte auch der Zusatz "Berichterstattung" wenig.

Während sie sich RIchmond näherte, drehten sich ihre Gedanken pausenlos um all das, was in den letzten Tagen, Wochen und Monaten vorgefallen war. In Richmond würde sie sich mit all dem eindecken, was ihr noch fehlte. Und sie würde dort auch erfahren, wo Scott und Paddy steckten. Bis anhin hatte sie ja geplant, sich der Union anzuschliessen. Aber nachdem sie zuhause gewesen war, schien es ihr wichtiger denn je, zuerst Scott und Paddy zu finden.

Ihre Aufgabe konnte sie erst wahrnehmen, wenn sie wusste, wo sie waren und wie es ihnen ergangen war. Bis dahin hätte sie keine Ruhe. Sie waren die einzigen, die ihr etwas bedeuteten. Und sie hatte es Paddy zu verdanken, dass sie überhaupt nach Baltimore ans Seminar kam! Sie brauchte, sehnte sich nach den beiden. Ihre Meinung war ihr wichtig.

Auf eigene Faust

Seit Ende Oktober war sie nun schon unterwegs; in Richmond fand sie zwar weder einen Scottie noch einen Paddy, dafür aber besass sie jetzt eine Uniform. Ihre mittellangen dunkelblonden Haare hatte sie sich von einem Barbier ganz kurz schneiden lassen; ins mädchenhafte Gesicht hatte sie sich eine Mixtur aus Staub, Erde und Walnussöl gerieben, damit auch noch der letzte Zweifel am angehenden Rekruten Charlie fiel.

Kurz, nachdem sie mit Hosenrock und brauner Wildlederjacke im Sattel in Richmond eingeritten war, hatten sich die Leute - vor allem die Damen - ganz entsetzt nach ihr umgedreht: Wie konnte ein so junges Mädchen nur so ungeniert im Sattel sitzen? Das tat eine junge anständige Lady nicht!

Für einmal scherte sich Kathie nicht um Konventionen; ihr Aufzug war ihr gleich und der Sache angemessen, ob sie damit Anstoss erregte oder nicht. Und sie durfte keine Zeit verlieren, musste sich so schnell wie möglich an ihre neue (Hosen)Rolle gewöhnen. Es hätte niemandem genützt, erst kurz vor dem Soldatenlager in ihre "neue Haut" zu schlüpfen.

Von zu Hause hatte sie Socken, Leibwäsche, Unterhosen und andere Dinge, die ihr wichtig erschienen, in aller Hast zusammengerafft – teils von Scotties Sachen, teils von den jüngeren Brüdern; eine Uniform jedoch, die für ihre Rolle unentbehrlich war, musste sie sich anderweitig zu besorgen. Für 12 Dollar erstand sie diese dann samt Mütze Richmond: Eine kurze Jacke mit dem gelben Besatz an Ärmel und Kragen wies auf ihre Zugehörigkeit zur Kavallerie hin. Für alle Fälle, riet ihr der Verkäufer, weitere 25 Dollar nicht zu sparen, und ihrem Bruder - sie gab nicht zu, dass sie die Uniform für sich beanspruchte - für die langen kalten Nächte unter Virginias freiem Himmel noch einen langen Mantel zu kaufen. Die 3 Dollar, die sie für Hemden hätte zahlen müssen, konnte sie sich allerdings schenken, denn Scotties Hemden gingen ihr. Aber am stolzesten war sie auf die Hosen, die ihr die 9 Dollar wert waren: hellblau, mit hauchdünnen gelben Biesen.

Nachdem auch ihr Haar dem Brenneisen des Barbiers zum Opfer gefallen war, und die Satteltaschen vollgepackt in ihrem Hotelzimmer darauf warteten, auf Sevens Sattel gehievt zu werden, zog sie ihre Uniform an, und besah sich prüfend vor dem Spiegel. Es überraschte sie, wie ähnlich sie plötzlich ihrem Bruder Jim sah, und sie gefiel sich in ihrer neuen Rolle als Kavallerist. Skeptisch betrachtete sie ihren Oberkörper: Die kleinen Brüste konnten nur mit Mühe unter Jims engem Kinderhemdchen auf den Körper gepresst werden. Im stillen ärgerte sie sich schon lange, dass die Natur vor ihrer Weiblichkeit nicht halt machte. Sie war selbstbewusst genug, um sich nicht von wirren Befürchtungen, dass sie sich z.B. durch eine unbewusste allzu weibliche Geste verraten könnte, ins Bockshorn jagen zu lassen.

"Ich gebe trotzdem einen ganz passablen Burschen ab", ermunterte sie ihr Spiegelbild. "Wer wird mir schon ansehen, wie alt ich wirklich bin? Jetzt könnte man mich wirklich für Jim halten. Ich werde schon mit 14 durchkommen. Schliesslich haben Jungs in diesem Alter noch keine kantigen Männergesichter!"

Sie konnte nicht schnell genug die Stadt verlassen, die seit Kriegsbeginn vor Menschen überquoll; vier Tage hatten ihr genügt, und an ihrem Entschluss, das Soldatenlager zu erreichen, änderte auch nicht die Tatsache, dass in knapp drei Wochen Thanksgiving war!

Bevor sie dann in der Morgendämmerung wieder aufbrach, vergewisserte sie sich, ob sie wirklich alles dabei hatte, was sie brauchte: Proviant, Kleider, Waffen. Es tat gut zu wissen, den stets geladenen Colt ihres Vaters sowie ein Messer, über deren Gebrauch sie sich noch keine Gedanken machte, in griffbereiter Nähe zu haben. Von einem Negerburschen, der Verpflegung für seinen in der Nähe stationierten Herrn holen sollte, erfuhr sie, den ungefähren Standort des Regimentes, in dem Scottie und Paddy dienten: Culpeper oder Harpers Ferry. Laut Depeschen hiess es, die Union habe das Arsenal in Harper's Ferry zerstört, obwohl es groteskerweise von den Konföderierten eingenommen worden war. Sie war darauf gefasst, Richtung Norden zu reiten; ihre pure weibliche Logik sagte ihr, dass an einem weiteren wichtigen Eisenbahnknotenpunkt wieder etwas los war. Mit einem prickelnden Gefühl ritt sie daraufhin los, dabei den Gedanken an ihre Unsicherheit, den richtigen Weg einzuschlagen, verdrängend.

Schicksalhafte Begegnung

Kathie - in Gedanken jedoch redete sie sich bereits mit Charlie an - ritt den ganzen Tag und die ganze Nacht. Sie preschte auf Culpeper zu, selbst noch, als der kalte Tau sie und ihre Pferde - sie hatte noch ein Packpferd erstanden - durchnässte. Sie musste mittlerweile weit genug von zu Hause entfernt sein, dass sie niemand mehr erkannte; schliesslich wollte sie sich als Freiwilliger melden!

Bei Sonnenaufgang erspähte sie erschöpft einen Wagenschuppen, der gerade recht kam, um sich etwas auszuruhen. Nachdem sie Seven und Spyro - den fahlbraunen Wallach -, abgesattelt, versorgt und angebunden hatte, kroch sie mit ihrer Decke in den Schuppen und legte sich schlafen.

"So gut möchte ich' s auch einmal haben; döst einfach am hellichten Tage! Diese jungen Burschen von heute scheinen eine ganz eigene Auffassung vom Leben zu haben!"

"Wie bitte?" Kathie wachte auf und rieb sich schlaftrunken die Augen.

Die sonore Stimme des Mannes, der sie so unsanft geweckt hatte, fuhr jedoch grinsend fort: "Ich sagte, dass ihr Bengel eine ganz komische Meinung vom Schlafen hättet. Wenn ich frühmorgens aufstehe, dann bin ich zwar manchmal auch noch müde, aber ich überwinde mich, und lasse mich nicht zurückfallen."

Der Mann stieg ab, indem er sein rechtes Bein über einen prächtigen, glänzenden Rotfuchs schwang und elegant auf den Boden aufsetzte.

Blinzelnd erkannte Kathie einen stattlichen Hünen vor sich, im Range eines Majors. Der Offizier trug blaue Hosen mit goldenen Biesen, deren Innenseiten mit aufgerauhtem Leder abgesetzt waren und dessen grauer Uniformrock mit einer Doppelreihe Goldknöpfe offen stand, auch das weisse Hemd darunter, so dass sich deutlich seine dunklen Brusthaare über einer muskulösen Brust abzeichneten. Für Kathie war das ein ungewohnter, zugleich aber ungewöhnlich erotischer Anblick, dem sie sich nicht entziehen konnte. Unbewusst begann ihr Herz schneller zu schlagen.

Der graue Offiziershut aus weichem Filz mit den goldenen Insignien der CSA wurde jetzt in den Nacken geschoben. Sein Stehkragen war gelb wie die Aufschläge und mit den goldenen Litzen besetzt. Ein einzelner Stern prunkte an jeder Kragenecke.

Er war von kräftiger Statur, und gut etwas über sechs Fuss1 gross, zwar etwas kleiner als Abraham Lincoln, doch grösser als die meisten Männer. Und er sah überdurchschnittlich gut aus. Ausdrucksstarke goldbraune Augen in einem wettergebräunten, markant-männlichen Gesicht strahlten ihr belustigt entgegen; das kräftige, gelockte, blauschwarze Haar thronte über einer hohen Stirn und buschigen Augenbrauen. Er mochte zwischen Ende Zwanzig und Mitte Dreissig sein – ihn richtig einzuschätzen war schwierig.

"Wer sind Sie?" fragte Kathie befangen.

"Major Thomas Matthews. Und du?"

"K-a-e", stammelte sie, weil es schwer fiel, zu lügen, "Ke- v-in. Kevin Charles Mackenzie, Sir". Sie atmete erleichtert durch, als ihr die rettenden Worte einfielen. Um ein Haar hätte sie sich verhaspelt, und Kathie Mackenzie wäre ihr herausgerutscht. Es war schon merkwürdig: Nachdem sie sich in Gedanken schon lange mit Charlie identifiziert hatte – schliessich war auch Charlotte ihr zweiter Vorname -, musste das jetzt passieren!

Er kniff ein Auge zu, tippte sich an den Hut und meinte fröhlich: "Morgen, Kevin Charles. Und wie wirst du gerufen? Etwa K.C.2?" Er grinste.

Sein blendendes Äusseres verwirrte sie so, dass sie nicht umhin konnte, ihn weiter wie gebannt anzustarren. Unbewusst blieben ihre Augen schliesslich an den Abzeichen seines Kragens hängen.

"Kathie", ihre Stimme überschlug sich fast und verdriesslich sah sie ihn von der Seite an. Hatte er sie jetzt etwa durchschaut? Um ihre Verlegenheit zu überspielen, warf sie ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und meinte abwertend: "Das ist doch ein Name für ein Mädchen."

"Okay, dann also Charlie", bemerkte er trocken und schmunzelte.

"Ja, Sir, so ist es", erwiderte das Mädchen darauf stockend, und spürte, wie wild ihr Herz jetzt klopfte. "Ich bin gestern den ganzen Tag und die ganze Nacht über geritten. Gewöhnlich schlafe ich nicht so lange."

"Das vorhin hatte kein Vorwurf sein sollen", grinste Matthews versöhnlich, sie belustigt musternd. "Du trägst die Kavalleriefarben, deiner Mütze nach zu schliessen. Du willst dich doch nicht etwa als Freiwilliger melden?"

"Ja, Sir, allerdings."

Er schmunzelte. "Meinst du nicht, dass du dazu noch ein bisschen zu jung bist?"

Kathie warf die Decke zurück und stand auf. Es war ihr schon mulmig zumute, als sie merkte, um wieviel Tom Matthews sie an Körpergrösse überragte, und insbesondere, wo er sie jetzt von Kopf bis zu den Zehen mass.

"Ich denke, man ist so alt, wie man sich fühlt. Und zudem bin ich vielleicht besser, als manch anderer, der älter ist."

"Kann sein, aber ein Grünschnabel bleibst du doch", lachte er. "Okay, mein Junge, reg dich wieder ab! Ich seh schon, dass du für einen jungen Burschen Selbstvertrauen und Mut hast, und für dein Alter recht naseweis bist."

Sie ging zu ihren Satteltaschen, um etwas von dem Proviant, den sie eingepackt hatte, zu zehren. Sie nahm etwas Brot, schnitt es und reichte es Matthews, der jedoch dankend ablehnte.

"Nein danke, iss du nur, schliesslich bist du noch im Wachstum, und brauchst es dringender als ich." Er verlagerte das linke Bein, und übersah Kathies Belustigung über seine Bemerkung. Während sie langsam kaute - das konnte sie beim besten Willen nicht beschleunigen - hörte sie ihn mit ausgeprägten Texaner Akzent weitersprechen.

"Du hast ein paar prächtige Pferde, mein Junge, vor allem dein Appaloosa hat es in sich. Wenn du keine Uniform hättest, könnte man fast meinen, du würdest nur so zum Zeitvertreib hier rumziehen."

"Sir, das ist eine Unterstellung", widersprach sie, "ich weiss schliesslich, was ich meiner Heimat schuldig bin, und kenne meine Rechte und Pflichten!"

"Okay, okay", er lachte vergnügt, "ich nehme es dir ja ab, dass du zur Armee willst, aber ich glaube kaum, dass dein Eltern damit einverstanden sind." Um schliesslich aber listig zu bemerkten: "Wenn du nicht gar von zu Hause ausgerissen bist."

Kathie begann zu schwitzen, trotz der wenigen Grad über Null, weil sie auf solche Hindernisse, wie diesen Offizier, nicht gefasst war, und jetzt sich dessen gewahr wurde, dass sie vielleicht doch zu überstürzt gehandelt hatte.

"Ausgerissen bin ich nicht", gestand sie darauf frivol, "aber ich habe mein Elternhaus wirklich bei Nacht und Nebel verlassen, das stimmt. Beim Herumsitzen zuhause hätte ich ja nichts gelernt, aber der Krieg kann mir viel beibringen."

"Hmhm, ja, da ist was dran, obwohl…"

"Ich wollte eigentlich zu meinen beiden Brüdern, die bei der Kompanie K, 9. Virginia-Kavallerie sind." versuchte sie darauf diplomatisch das Gespräch von der unangenehmen Bahn zu lenken.

Matthews durchschaute ihr Ablenkungsmanöver, und meinte grinsend: "Halt, halt, halt, halt, mein Junge, nicht so schnell mit den jungen Pferden. Es ist ja schön und gut, dass du so patriotisch bist, und zu deinen Brüdern willst, aber was sagen deine Eltern dazu? Wissen sie davon? Mir behagt nämlich nicht, dass du sie möglicherweise darüber im Unklaren gelassen hast."

Kathie schwankte zwischen ohnmächtiger Wut und Naivität. Im Grunde ging es doch diesen Kerl ja nichts an, wohin sie ritt!

"Sie werden mich doch nicht etwa zurückschicken?" Entsetzt riss Kathie ihre graugrünen Augen auf, und ihre Stimme überschlug sich fast.

"Das wäre zu überlegen", feixte Matthews, "aber bis dahin, musst du mir etwas versprechen!" Es amüsierte ihn, den verdutzten Gesichtsausdruck des Jungen zu sehen.

"Erstens, du schreibst einen Brief an deine Eltern, und zweitens", er hielt inne und zwinkerte ihr zu, "hast du verdammtes Glück, dass du mir über den Weg gelaufen bist." Immer noch verdutzt sah ihn Kathie an. "Die Kompanie K gehört zu meinem Regiment. Na, wie steht's nun damit?"

Sie tat darauf so, als ob sie wirklich überlegen müsste, obwohl sie eigentlich spontan schon längst beschlossen hatte, mit diesem sympathischen Texaner zu reiten. "In Ordnung."

Er nahm darauf ihre Hand und schüttelte sie. "Also abgemacht. Bei diesem Gesindel, das sich hier rumtreibt, ist es allein schon für einen erwachsenen Mann nicht ungefährlich."

Während sie in ihren Satteltaschen nach Schreibmaterial kramte, jagten sich ihre Gedanken nur so. Sie hatte geglaubt, alles – sofern das ging – bedacht zu haben, aber das nicht; der Texaner hatte zweifelsohne recht, wie sich bald herausstellen sollte Seltsam, beseelt vom Entschluss, so schnell wie mögich das Soldatenlager zu erreichen, um hrer Aufgabe als Kriegsberichterstatterin nachzukommen, kamen ihr solche Hindernisse gar nicht erst in Sinn.

"Du hast Schreibmaterial, also kannst du nicht von schlechten Eltern sein", er blinzelte ihr zu, "und ich dachte, du wolltest Spielkarten hervorholen! Für dein Alter bist du ganz schön vernünftig, mein Junge."

Er langte in seine Jacke und zog ein Kartenspiel heraus. "Es genügt wenn einer die Karten hat, und deswegen behalte ich meine. Also, bist du endlich soweit?"

"Ich muss bloss aufsatteln, und…", sie wusste nicht, wie sie sich entschuldigen sollte, um austreten zu gehen.

"Dann geh schon", er zuckte die Achseln. Warum machte der Junge solche Anstalten?

"Vor ihnen ist es mir irgendwie peinlich, Sir."

"Quatsch, schliesslich habe ich keinen Zollstock dabei."

Knallrot im Gesicht machte sie auf dem Absatz kehrt und suchte steifbeinig ein Gebüsch auf. Matthews' Grinsen brannte ihr in den Ohren, und sie war froh, dass er später, als sie fortritten, kein Wort mehr darüber verlor. bist du damit einverstanden?"

Ohne dass sie sich dessen bewusst war, erwies sich der Texaner als Fügung des Schicksals.

 

1 ca. l.85m

2 K.C. gesprochen wie Casey

Zusammen durch dick und dünn

"Wie lange schätzen sie?" fragte Kathie Matthews.

"Wenn das Wetter sich hält, noch einen Tag", erwiderte Matthews munter.

Die Wolken krönten die Gipfel der Blue Ridge-Mountains. Die Welt war in Zuckerwatte gehüllt, Feenflaum hätte Carrie das genannt. Die beiden Gefährten waren seit Tagesanbruch ununterbrochen geritten. Endlich verhielt sich das Wetter wieder mild, die Morgentemperatur betrug um 18 Grad.

Bei dem Gedanken, dass sie bald Scott und Paddy sehen würde, hämmerte ihr Herz, obwohl es ihr andererseits davor graute, auf Tom Matthews' Gesellschaft bald verzichten zu müssen und ihn mit anderen Hunderten oder Tausenden von Mann zu teilen. Seltsamerweise hatte sich in den letzten Tagen, seitdem sie zusammen unterwegs waren, eine Art Zuneigung zwischen ihnen entwickelt; doch nahmen sie diese nicht ernst genug, sondern hielten sie für eine vorübergehende Erscheinung. Aber gerade das löste in Kathie eine Welle von unbekannten Gefühlen aus, die sie nicht definieren konnte.

Genauso wie sie sich ihrer neuartigen Gefühle für jemanden nicht ganz bewusst war, konnte sie auch nicht sagen, warum sie sich in Matthews' Gegenwart so wohl fühlte; ja, diese war nahezu eine Wohltat für sie! Ihr blieben nicht nur die 1001 falschen Artigkeiten, mit denen Männer im allgemeinen Frauen überschütteten, erspart, sondern sie lebte direkt auf. Verständnis hatte sie bisher eigentlich nur von einem Menschen erfahren, und dieser Mensch war Caroline Stewart. Natürlich waren da auch noch Paddy und Scottie, die sie scheinbar verstanden, aber Kathie war sich durch Carolines Freundschaft dessen plötzlich nicht mehr so sicher, denn: sie waren Männer! Schade nur, dass sie dieses Verständnis und die Liebe nicht seitens ihrer Eltern erfuhr!

Mit dem Körper einer jungen Frau in einer grauen Soldatenuniform zu stecken, und ihren Gefährten unbewusst schwärmerisch ansehend, war schon ein seltsames Gefühl, vor allem dann, wenn der Betreffende nicht den geringsten Verdacht schöpfte. Er musste sich wohl oder übel einbilden, dass ihn Charlie als Vorbild sah, als Ersatz für den eigenen Vater. Jeder heranwachsende Junge orientierte sich an jemandem, zu dem er aufsehen konnte. Andererseits ahnte er nicht, wie sich seine blosse Gegenwart auf die Psyche des jungen Gefährten auswirkte: Dass der Junge förmlich auflebte, seine Schlagfertigkeit bewies und dann sogar verschmitzt lächelte!.

Carrie hatte oft bedauert, dass sich Kathie so schwer tat mit ihren Gefühlen - sie hatte immer geglaubt, nur Männer und Jungen hätten Mühe damit. Daher versuchte sie es mit unermüdlicher Geduld und viel Einfühlungsvermögen, Kathie dazu zu bewegen, aus sich herauszukommen, Regungen zu zeigen. Tatsächlich schaffte sie es, dass Kathie über ihren Schatten sprang und hin und wieder – aber immer noch sehr zurückhaltend – lächelte oder den Anflug von Freude zeigte, statt sich in ihre Verbissenheit zu flüchten. Carolines vorwurfsvolle, aber auch ermutigende Blicke halfen ihr dabei. Carrie versuchte das zu kitten, was die eiserne Disziplin und Zurückhaltung ihrer Mutter fast zersört hatte, und Kathie war ihr dankbar, tat es doch auch ihr gut, sich allmählich zu öffnen. Es war aber auch ein Zeichen dafür, dass sie sich bei ihr wohl und akzeptiert fühlte, Ihre Reserve, der Schutzwall, war auch eine Art Widerstand gegen die Zurückweisung, ob von ihren Eltern oder wem auch immer.!

Anfangs verlor Carrie die Geduld mit ihr, und fragte sie dann verärgert, aber auch ironisch, ob das Wort "lächeln" nicht in ihrem Wortschatz gehöre. Dafür hatte Kathie, nur ein Schulterzucken übrig und ein Kopfnicken, ohne ihre Miene dabei zu verziehen. Zugegeben, es war einfältig, aber Kathie sträubte sich gegen diese Nähe bzw. den Versuch, etwas zu tun, worin sie keine Veranlassung sah. Ihre Mutter hatte es vermieden, der Tochter mit Gefühlen zu begegnen, zeigte sich stattdessen reserviert, ihre Gefühle blieben den Söhnen vorbehalten. So zog sich Kathie zurück, wenn die Einsamkeit auch weh tat. Durch Caroline eröffnete sich ihr eine neue Welt: nicht nur die des Wissens, sondern auch die der Gefühle und Empfindungen, was sehr menschlich war.

Seltsam, dass sie diese Angst, zu viel von sich preiszugeben und verletzt zu werden, bei Tom Matthews nicht spürte. Und es tat gut, war befreiend, sie – Kathie – zu sein, und sich nicht mehr zurückzuziehen. Ein Gefühl, zu dem sie aber immer stand war: Mitleid, Mitleid für ihren Vater John-Henry.

"Siehst du den Stumpf da drüben?" Matthews deutete in die Richtung. "Triff ihn."

Dankbar, dass er sich auch in dieser Beziehung ihrer annahm, zog Kathie den schweren Revolver ihres Vaters und zielte. Der erste Schuss ging zwar weit daneben, aber der zweite drang mit einem zufriedenen "Plop" in den verfaulten Baumstumpf.

"Nicht schlecht, Junge, aber du musst noch viel üben, und vor allem", er grinste ironisch, "die Augen nicht schliessen, wenn du abdrückst."

Matthews zog seine eigene Pistole, der schmale Lauf blitzte. Er hatte sein Ziel getroffen. Er stieg ab, band seinen Rotfuchs an und ging zu dem Stumpf. Dann tastete er den Boden nach Kiefernzapfen ab, und als er endlich vier davon fand, setzte er sie auf den Stumpf. "So, Charlie, du gehst hier links rüber. Schau genau zu, wie ich's mache, und dann folgst du." Matthews sprang wieder geschmeidig in den Sattel und preschte etwa l00 Meter vor. Er wendete und galoppierte auf den Stumpf zu, und, als er noch 40 Meter entfernt war, drehte er sich parallel dazu. Mit gezogener Pistole trieb er sein Pferd an und fegte die Kiefernzapfen von dem Stumpf, ohne dass eine Kugel danebenging.

Auch wenn sie es nicht bewusst tat, so liess sie sich doch zu einer Gefühlsregung nieder und applaudierte.

"Jetzt du."

Gehorsam machte sie es ihm nach, ritt dieselbe Strecke, wendete Seven und galoppierte. Sie schoss ihre Waffe leer und traf den Stumpf, aber nicht die wiederaufgestellten Kiefernzapfen.

"Behalt das Ziel im Auge", gebot Matthews. "Konzentriere dich ganz fest auf den Zapfen, dass du jedes einzelne Schüppchen siehst. Versuche es nochmals."

Diesmal strengte sie ihre Augen dermassen an, dass ihr diese davon wehtaten; aber sie traf doch einen, wenn auch einzigen, Kiefernzapfen, und strahlte übers ganze Gesicht.

Schwer atmend ritt sie zu Matthews zurück. "Ich werde täglich üben."

"Das ist das mindeste, was von einem Soldaten verlangt wird", feixte er und blinzelte ihr zu. "Wenn du deine Gedanken ganz fest auf etwas richtest, hast du das Gefühl, dass du zum ersten Mal dich damit beschäftigst. Und dann kann dich bald nichts mehr so leicht aus der Ruhe bringen - wenn du' s richtig machst. Gäbe ich zum Beispiel einen Schuss ab, während du darauf zureiten würdest, dürftest du den im Prinzip gar nicht hören. Deine ganze Konzentration muss daher ganz nah bei der Sache sein. Das trifft insbesondere auf den Ernstfall, wie etwa eine Schlacht zu, wo alles davon abhängt. Vergiss das nicht, mein Junge."

Gebannt hörte sie seiner wohlklingenden, sonoren Stimme mit dem breiten texanischen Akzent zu - es klang wie Musik in ihren Ohren. Und sie entgegnete auch strahlend: "Ich verstehe, und ich bin froh, dass ich so viel von Ihnen lernen kann. Dafür bin ich Ihnen dankbar."

Mit gespielter Verwunderung sagte er nur: "Ich will schliesslich aus dir einen Soldaten, einen Mann, machen, und als Offizier bin ich dafür verantwortlich. Denn gerade ein solcher Grünschnabel wie du, mein Junge, der noch nicht ganz trocken hinter den Ohren ist, braucht einen erfahrenen Mann wie mich an seiner Seite, der ihm all das beibringt, was ihm hätte sein Vater beibringen sollen." Bewusst hatte Matthews diese provozierenden Worte gebraucht, um den Jungen aus der Reserve zu ziehen. Schliesslich hatte der Junge bisher sehr wenig von sich preisgegeben. Statt einem jugendlichen Übermut oder verletzter Ehre, senkte Charly nur betreten die Augen und murmelte entschuldigend: "Hätte er tun sollen."

Matthews tat es leid, und er fuhr Charlie durch dessen verschwitztes dunkelblondes Haar. "Du musst schneller sein, als dein Feind, der vielleicht um den Bruchteil einer Sekunde rascher reagiert als du."

Sie setzten ihren Weg Richtung Nordwesten fort.

Genauso wie sie vorhin auf die provozierenden Worte nicht reagiert hatte, so vermied sie es, sich über ihre Familie zu äussern. Wenn er darauf zu sprechen kam, wechselte sie das Thema, redete über ihre Schulzeit in Baltimore oder ihre Brüder, denen sie mit ihrem Patriotismus nicht nachstehen wollte. Matthews war skeptisch; die Worte dieses Jüngelchens passten irgendwie nicht zu einem Vierzehnjährigen. So unglaublich jung – und schon so idealistisch!? Da musste mehr dahinterstecken. Was es war, hätte er gern gewusst. Dass Jungen in der Pubertät übertrieben und unberechenbar waren, wusste Tom nur zu gut, aber er beschloss, den Jungen nicht weiter mit seinen Fragen zu bedrängen. Eines Tages würde er mit Wahrheit schon herausrücken.

Dafür aber erzählte Tom dem Jungen von sich. Dabei erfuhr Kathie, dass der Major aus dem nordöstlichen Teil Texas' stammte, dort eine Pferderanch betrieb und letztes Jahr seine Frau verloren hatte; sie war nach der Geburt ihres dritten Kindes - eines Mädchens, das aber bereits nach einem halben Jahr gestorben war - sehr geschwächt und krankheitsanfällig, und schliesslich an Lungenentzündung gestorben. Als er bei Kriegsausbruch aufgeboten wurde - er war West Point-Absolvent -, nahmen sich seine Tante und sein Onkel in Charlottesville des vierjährigen Marc und seiners um ein Jahr älteren Bruders Dean an.

"Tja, mein Junge, so ist das Leben; der Herr gibt, aber er nimmt sich auch, was ihm gehört. Vielleicht hat es sich meine Meggie verdient, endlich ihre Ruhe zu finden." Matthews' tiefe, sonore Stimme brach für einen Augenblick, und Kathie konnte nicht anders, als instinktiv an seine Seite zu reiten und sanft über seine Schulter zu streichen. Dass damit die lange aufgestaute Widernatürlichkeit ihrer Gefühle abzubröckeln begann, wurde sie sich nicht einmal bewusst.

"Es tut mir so leid, Major Matthews."

Er nickte und berührte dankbar ihre Hand. "Danke für dein Mitgefühl, Charlie."

Als Kathie darauf ihre Hand, verwundert über so viel eigenen Mut, wieder zurückzog, freute sie sich insgeheim über ihre neu entdeckten Empfindungen: Also war doch noch nicht aller Hopfen und Malz bei ihr verloren!

Ein lachsfarbener Sonnenuntergang schmeichelte dem Himmel. Matthews schmauchte genüsslich seine Pfeife, mit der er sich entspannen konnte. Tabak und Spielkarten, Pferde und Frauen waren oft die Laster eines Mannes, die das Leben erträglicher machten. Nach seiner Heirat mit Meggie hatte er vom letzteren gelassen, aber seit ihrem Tod fehlte ihm etwas. Auch ohne liebende Frau bezweifelte er aber, dass Frauen zu seinem Hauptlaster werden könnten. Aber eins stand fest: seine Kinder brauchten eine neue Mutter.

Für seine Frau Meggie hatte er zwar eine Zuneigung gespürt, aber ansonsten beschränkte sich ihre Ehe nur auf familiäre Verpflichtungen. Nie hatte sich Meggie beklagt, sondern sich willig in die Rolle als Ehefrau und Mutter gefügt; Sprechen und Handeln überliess sie Tom, der es jedoch geschätzt hätte, wenn sie auch mal aufmümpfig gewesen wäre, ihm die Leviten gelesen hätte. So aber blieb ihm nur die Erinnerung an eine warmherzige, zarte und stille Frau aus Neuengland, gottesfürchtig und ihrem Mann ergeben. Und das blieb so, bis sie starb. Heim und Kinder waren ihr das Wichtigste; vor dem körperlichen Zusammensein mit Tom graute ihr, aber sie fügte sich. Manchmal hinterfragte er sich, warum die anderen Frauen, die er nach ihrem Tod hatte, offener waren. Hatte er sich für die falsche Frau entschieden?