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Ein weihnachtlicher Neuanfang mit Alpakas Nach dem frühen Tod ihres Mannes ist in Stellas Leben nichts mehr, wie es war. Daher wagt sie den Neuanfang und erfüllt sich ihren großen Traum: eine eigene Alpakafarm. Mitten im Winter zieht sie ins verschneite Sauerland, wo sie sich ihr neues Zuhause mit sechs niedlichen Alpakas teilt. Stella hat mit Idylle und Erholung gerechnet – doch die Alpakas halten sie mit Ausbüchsversuchen und Sitzstreiks auf Trab, und auch der alte Hof macht ihr zu schaffen. Als ihr alles über den Kopf zu wachsen droht, bekommt sie jedoch unerwartete Unterstützung. Weihnachten ist eben die Zeit der Hoffnung … Weitere tierisch tolle Bücher von Dana Lukas: Eichhörnchenglück Weihnachtschaos auf vier Hufen Ein Huhn kommt selten allein
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Für die Tiere mit der besten Frise von allen
© Piper Verlag GmbH, München 2024
Redaktion: Hanna Bauer
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Cover & Impressum
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Es war ein Geräusch wie ein hysterisches Lachen. Wie ein schreiendes Baby. Wie ein panischer Vogel. Alles gleichzeitig. Es klang unerträglich laut, unangenehm und schrecklich schrill.
Ich war sofort wach.
Im ersten Moment wusste ich nicht, wo ich war. Das Problem hatte ich morgens meistens, auch nach fast drei Wochen. Am schlimmsten war es, wenn es noch dunkel war und ich auf Toilette musste und überall anstieß. Diverse blaue Flecken erinnerten mich daran. Einmal war ich sogar frontal gegen eine Wand gelaufen, weil ich die Augen nur halb geöffnet hatte und mir sicher gewesen war, dass an dieser Stelle eine Tür sein musste. Sie wäre da gewesen, wenn ich noch zu Hause in unserer Kölner Wohnung leben würde und nicht hier, auf einem gerade erst gepachteten Hof im tiefsten Sauerland.
Dieses Mal blieb mir nicht viel Zeit, mich in dem kleinen Raum zu orientieren, in dem gerade genug Platz für ein Bett, eine Kommode und einen schmalen Schrank neben der Tür blieb. Der Ton schoss mir durch alle Glieder.
»Nicht schon wieder.«
Obwohl es noch nicht einmal hell war, schlug ich hastig die Bettdecke zurück. Es war eiskalt. Was war los? Warum funktionierte die Heizung wieder nicht? Mit einigen Flüchen und wüsten Beschimpfungen des Winters im Allgemeinen und dieses alten Hauses im Besonderen nahm ich die wenigen Schritte über die knarzenden Dielen zum winzigen, verwitterten Dachfenster, versuchte hinauszuspähen, aber es war beschlagen oder vereist, jedenfalls konnte ich nichts erkennen. Also zog und schob ich so lange am wackeligen Griff herum, bis der Riegel aufgab und sich mit einem protestierenden Quietschen öffnen ließ.
Noch mehr frostige Novemberluft schlug mir entgegen. Ich konnte kaum atmen. Über Nacht hatte es weiter geschneit. Das ging seit Tagen nicht anders. So einen Winter kannte ich nicht. Von zu Hause aus Köln wusste ich, wie es war, wenn Straßen und Autos und Müllcontainer mit einer dünnen weißen Schicht überzogen waren, zart wie Puderzucker auf einer warmen Waffel, die sich bereits in den frühen Morgenstunden in nassen, grauen Matsch verwandelte und im Rinnstein zusammenklumpte. Alles, was man tun musste, war, diesen niedrigen Schneehaufen aus dem Weg zu gehen und den Kragen hochzuschlagen, bis man den nächsten warmen Ort erreicht hatte, eine Bäckerei, um sich auf dem Weg zur Arbeit Kaffee zu holen, die Bahn, in der die Heizung auf Hochtouren lief, oder den Eingangsbereich des Bürokomplexes, in dem meine ehemalige Kanzlei gleich mehrere Etagen gemietet hatte und in dem es wunderbar nach frischen Blumen roch, egal zu welcher Jahreszeit.
Aber hier war Winter etwas anderes.
Der Schnee lag zehn Zentimeter hoch, seit gestern war er zusätzlich mit einer gefrorenen Eisschicht überzogen, die knackte, wenn man sie zertrat. Wirklich überall war es kalt, sogar, wie ich jetzt einmal mehr feststellen musste, im Haus, in dessen Holzofen man kein Holz zum Brennen brachte und dessen Wärmeanlage im Keller ständig Schluckauf bekam wie ein kleines Kind. Dann musste man ihr einen kräftigen Schlag auf den Rücken geben, damit sie mit einem lauten Rülpser ansprang.
Die letzten Monate waren für mich entsetzlich gewesen, ich fühlte mich vollkommen ausgebrannt. Als ich dann durch einen Zufall die Anzeige für den Hof entdeckt hatte, ging plötzlich alles sehr schnell. Was genau mich an den wenigen Sätzen und unscharfen Fotos angesprochen hatte, konnte ich nicht erklären. Aber es war ein warmes Gefühl, das mich in jenem Moment ergriffen hatte. Vielleicht lag darin eine Hoffnung darauf, dass das Leben für mich doch weitergehen könnte. Obwohl ich ursprünglich nicht vorgehabt hatte umzuziehen, schon gar nicht irgendwohin ins Sauerland, wo ich niemanden kannte, war ich direkt am nächsten Tag hingefahren, um mir alles anzusehen. Es hatte ohne Unterlass geschüttet, der Boden war ganz schlammig und der Besitzer ein seltsamer, unfreundlicher Eigenbrötler gewesen, der kaum die Zähne auseinanderbekommen hatte.
Aber das positive Gefühl blieb. Ich konnte es nicht in Worte fassen. Die gesamte Fahrt nach Köln zurück hatte ich geheult und am nächsten Morgen meine Stelle als Anwältin für Unternehmensrecht gekündigt. Im Nachhinein konnte ich kaum sagen, wie ich die ganze Organisation bewältigt hatte. Ich hatte den Pachtvertrag unterschreiben müssen, meine Eigentumswohnung in der Stadt ausräumen, meinen Kram ins Sauerland schaffen. Dabei war ich nicht einmal ansatzweise in der Verfassung gewesen, um auch nur aus dem Bett aufzustehen. Doch irgendwie hatte ich es geschafft. Ein bisschen wie auf Autopilot.
Und dann hatte es angefangen zu schneien. Die Tannen am Waldrand mit ihren kalten Mützen, die reinweißen Felder wie glatt gestrichene Bettlaken, die Muster der Tierspuren im Schnee. Der hässliche braune Matsch wurde einfach zugedeckt, und mit einem Mal sah alles aus wie in einem Wintermärchen. Es war mir wie ein Zeichen vorgekommen. Vielleicht war das tatsächlich genau der richtige Ort für mich. Vielleicht konnte ich hier zur Ruhe kommen und meinen eigenen inneren Matsch mit einer hübschen Zuckerschicht überziehen.
Besonders lang hatte diese Hoffnung allerdings nicht gehalten.
Schnell hatte ich die widrigen Seiten des Wintertraums kennengelernt. Spätestens seit dem Augenblick, als ich das erste Mal mit einem Fuß in einer Eisfalle stecken geblieben und mit dem Gesicht voran in einen Schneeberg gestürzt war, empfand ich die Massen an Schnee nur noch als Zumutung.
In der Nacht auf Freitag hatte es dann erneut geschneit. Seitdem bekam ich die Eingangstür meines Hauses nicht mehr auf, weil sie aus einem mir nicht erfindlichen Grund so eingebaut worden war, dass man sie nach außen öffnen musste, und sich der Schnee vor dem Eingang auftürmte. Deshalb konnte ich nun das Haus bloß noch durch die Hintertür verlassen und gelangte nur auf einem Umweg in den Hof.
Hier funktionierte einiges nicht so, wie es sollte.
Und jetzt dieses entsetzliche Geräusch.
Das war Bernd.
Von meiner Position am leicht geöffneten Fenster aus spähte ich nach draußen auf die noch vom Mondlicht erhellte Weide. Mein Alpakawallach stapfte aufgeregt durch den Schnee, den Kopf hoch erhoben, und gab diesen grell lachenden Baby-Vogel-ähnlichen Ton von sich, der sich anfühlte, als würde jemand mit einem Fingernagel über eine Tafel kratzen. Eigentlich war Bernd der Anführer, an dem sich die anderen beiden, Kniesbüggel und Stoffel, und auch die Stuten, Fussel, Kalte Schnauze und Schavöttche, orientierten.
Sie alle hatte ich vor zwei Wochen von einer Alpakazüchterin aus der Eifel geholt. Die Frau war es auch gewesen, die mir einen Einsteigerkurs für die Haltung von Neuweltkamelen dringend ans Herz gelegt hatte. Denn was die Tiere mit den lustigen Frisuren anging, war ich absolute Anfängerin. Wahrscheinlich schüttelte Bernds ehemalige Besitzerin noch immer den Kopf über mich. Ich musste auf sie wie eine gefrustete Städterin gewirkt haben, die sich ohne echten Plan Alpakas anschaffte, einfach nur, weil die so niedlich waren. Ganz unrecht hatte sie damit nicht. Bis auf die Tatsache, dass ich nicht gefrustet war, sondern verzweifelt.
Schon bei unserem ersten Kennenlernen hatte Bernd auf mich souverän und selbstbewusst gewirkt. Das hatte ich gleich an ihm gemocht. Sogar beim Einzug hatte er nur leicht nervös vor sich hin gesummt, während er den großen Auslauf, die Unterstände und die Tränke so sorgfältig inspiziert hatte, als wäre er vom Amt und wollte alles abhaken.
Aber jetzt? Was hatte ihn jetzt wieder so in Aufregung versetzt?
Seit vorgestern ging das nun schon so. Jedes Mal hatte mich dieser schrille Warnschrei aufschrecken lassen und im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Bett geworfen. Und jedes Mal war ich sofort nach draußen und auf die Weide gerannt, hatte aber nichts finden können, das die Aufregung erklärt hätte. Nur gestern meinte ich, von Weitem die Umrisse eines großen Tieres erkannt zu haben, das zwischen den Feldern verschwunden war.
War das ein Wolf gewesen? Gab es in der Gegend überhaupt Wölfe? Musste ich meine Zäune sichern und als frischgebackene Alpakabesitzerin meine kleine Herde schützen?
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Spähte in die eine Richtung, dann in die andere. Schließlich entdeckte ich ihn. Da war er. Der Wolf. Ich beobachtete das Tier genau. Aber es bewegte sich nicht geschmeidig, wie ich mir einen Räuber auf der Jagd vorstellte, sondern abgehackt und humpelnd, als hätte es ein Holzbein. Außerdem war es zwar groß, aber schmächtig, aus der Entfernung wirkte es fast klapprig. Das konnte kein Wolf sein, es war ein Hund.
Standen bei ihm trotzdem Alpakas auf dem Speiseplan? Bernds Geschrei nach zu urteilen war er davon überzeugt.
»Hey!«, rief ich dem Hund deshalb zu. »Hau ab. Du sollst verschwinden. Hörst du nicht?«
Er hörte nicht.
Stattdessen starrte Bernd einen Moment in meine Richtung, ehe er erneut begann, nervös auf und ab zu laufen und seine seltsamen Laute aufzunehmen, die kaum auszuhalten waren.
»Scheiße«, murmelte ich. Ein Wort, das ich in den letzten drei Wochen inflationär verwendet hatte. »Verfluchte Scheiße.«
Eilig schloss ich das Fenster, musste kräftig an dem widerspenstigen Griff ziehen, damit er einrastete, und nahm dann die Wolldecke, die ich über der Bettdecke ausgebreitet hatte, damit mir zusammen mit einer Wärmflasche und zwei Paar Stricksocken überhaupt warm genug zum Schlafen wurde. Ich wickelte mich darin ein und hastete, als Wollroulade verkleidet, nach unten.
Dieses Mal würde mir dieser Hund nicht entwischen. Dieses Mal würde ich ihm die Meinung sagen.
Auf dem Weg zur Hintertür schlüpfte ich in die viel zu großen Gummistiefel, die ich zufällig im Keller gefunden hatte, wie so vieles andere. Sie reichten mir bis zu den Kniekehlen, und mit ihnen hatte ich einen eigenartig schwankenden Gang, als wäre ich an Bord eines Schiffes und unter mir schwerer Wellengang. Ich angelte eine Mütze vom Garderobenhaken, dann war ich draußen.
Es war noch kälter, als ich befürchtet hatte. Und der Schnee war überall.
Weil ich Bernd weiter lauthals schreien hörte, zog ich die Tür schnell hinter mir zu und rannte los, zumindest so gut, wie das bei mehreren Zentimetern Neuschnee ging. Als Erstes kam ich am Gehege der Stuten vorbei, die ebenfalls nervös umherliefen, die Köpfe hochgestreckt und die Augen alarmiert aufgerissen. Ich zwängte mich durch den Zaun, um nachzusehen, ob eines der Tiere verletzt war, aber ich kam nicht dicht genug an sie heran, um sicher zu sein. Jedes Mal preschten die drei davon, wenn ich mich auf wenige Meter genähert hatte. Das kannte ich leider von ihnen. Wirklich warm waren sie mit mir nicht geworden, obwohl ich alles versuchte. Aber wenigstens entdeckte ich weder im Schnee noch im Fell der Stuten Blutspuren, deshalb eilte ich weiter auf die Koppel der Wallache.
Bernd hatte mich längst gesehen. Er war der Chef, der Anführer. Sein Vertrauen musste ich gewinnen. Das hatte mir die Züchterin wieder und wieder eingeschärft. Und ausgerechnet mit ihm hatte ich es mir gleich beim Einzug der Tiere grundlegend verscherzt.
Jedes Mal, wenn ich in der Nähe der Weide erschien, schaltete er den Rückwärtsgang ein. Doch jetzt schien er unsicher zu sein, was er tun sollte. Sein Blick wanderte unruhig von mir zu dem Hund auf der anderen Seite des Auslaufs und wieder zurück. Die anderen beiden, Kniesbüggel und Stoffel, beäugten mich aus der Ferne.
»Ich regle das«, erklärte ich Bernd, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie ich das anstellen sollte.
Das angesprochene Alpaka schien dieselben Zweifel zu haben, denn es schrie weiter, und auf kurze Distanz klang das noch entsetzlicher.
Schon vom Fenster hatte der Hund groß ausgesehen. Warum hatte ich nicht irgendetwas mitgenommen, womit ich ihn vertreiben konnte? Einen Besen vielleicht. Oder etwas, womit ich Geräusche machen konnte. Natürlich hatte ich daran nicht gedacht.
Trotzdem machte ich mich auf den Weg und lief auf den Eindringling zu. Was blieb mir anderes übrig? Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die drei Stuten näher an den Zaun gekommen waren und mich beobachteten. Toll. Wenn ich scheitern würde, schauten mir wenigstens alle meine Tiere dabei zu.
»Hey, du …«, ich zögerte. »Hund. Mach, dass du hier wegkommst!«, rief ich dem großen Streuner entgegen, der sich nach wie vor am äußersten Ende der Weide aufhielt und mit der Nase den Schnee abschnüffelte.
Er schien wenig an meinen Alpakas interessiert zu sein, was mich etwas beruhigte, aber nichts daran änderte, dass er die gesamte Herde mit seiner Anwesenheit in Aufruhr versetzte. Ich ging in seine Richtung und machte mit den Armen wilde Bewegungen, um ihn zu vertreiben.
»Hörst du nicht zu?«, rief ich. »Das hier ist Privatbesitz. Du darfst hier nicht so … rumschnüffeln. Das Grundstück gehört dir nicht. Es gehört … mir irgendwie«, fügte ich hinzu, was sich so seltsam anhörte, wie es sich anfühlte, denn bis vor einem Monat hätte ich es für vollkommen abwegig gehalten, dass ich auf meinem Hof im Sauerland stehen und einem fremden Hund die aktuellen Besitzverhältnisse erklären würde.
»Ich habe es gepachtet. Deshalb möchte ich dich höflich bitten, dahin zu gehen, woher du gekommen bist. Und zwar sofort. Du machst meinen Alpakas Angst.« Wieder so ein unvorstellbarer Satz. »Und das kann ich nicht zulassen. Hast du gehört, was ich sage?«, rief ich lauter, denn dieser Hund ignorierte mich.
Ich war inzwischen auf wenige Meter an ihn herangekommen, aber er hatte nicht einmal den Kopf gehoben. Anstatt auch nur die Ohren in meine Richtung zu spitzen, beschäftigte er sich weiter mit dem, was er offenbar für wichtiger hielt: Schnuppern.
Was konnte ich noch tun, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen?
Ich zwang mich, mich aus meiner Wolldecke zu wickeln, einem wunderbar weichen, flauschigen Stück, das der Hofbesitzer bei seinem Auszug zurückgelassen hatte, genauso wie die Gummistiefel, fast verblichene Fotografien, Bücher und Kleidung, Einzelstücke eines wahrscheinlich sehr alten, aber leider sehr hässlichen Porzellans, eine fast antik aussehende Kaffeemühle, einige alte Landmaschinen und einen schrottreifen blauen Laster in der Einfahrt, in dem Papiere auf dem Armaturenbrett lagen und eine Gehhilfe im Fußraum vor dem Beifahrersitz. Bei meiner Ankunft hatte es ausgesehen, als hätte der Mann seinen Hof überstürzt verlassen, mit kaum mehr als einem kleinen Koffer.
Das hätte mir schon bei der Hofübergabe zu denken geben sollen, obwohl es diese Bezeichnung eigentlich gar nicht traf. Denn nach der Unterzeichnung des Pachtvertrags hatte der Eigentümer mir den Schlüssel für das Haus einfach eine Woche später per Post geschickt. Mehr nicht. Seitdem hatte ich nichts von ihm gehört. Auf meine Anrufe mit Nachfragen oder Beschwerden reagierte er erst gar nicht.
Ich fasste die Enden der Decke mit den Fingern und breitete den Stoff zu beiden Seiten meines Körpers aus wie Flügel und stellte mir vor, ich könnte Ähnlichkeit mit einem Raubvogel haben, einem großen, gemusterten Raubvogel. Ich flatterte hin und her und machte dazu laute Kreischlaute, aber der Hund zeigte auch jetzt keine Reaktion. Stattdessen war ich ohne meine Decke als Schutzschicht innerhalb von Sekunden so durchgefroren, dass meine Zähne klapperten. Zudem starrten mich meine Alpakas mit großen, entsetzten Augen an.
Diesen Versuch musste ich aufgeben und schlang eilig die Wolle um mich.
Was konnte ich jetzt noch tun? Warum haute dieser dämliche Köter nicht ab? Und wieso konnte Bernd nicht endlich aufhören, so unerträglich rumzuschreien? Das hielt kein Mensch aus. Bei diesem furchtbaren Lärm musste man doch verrückt werden.
Weil ich nicht weiterwusste, hockte ich mich auf den Boden. Griff in den Schnee. Formte einen kleinen Ball. Und warf ihn nach dem Hund.
Ich hatte nicht gut gezielt. Das Geschoss ging einen Meter neben ihm nieder. Doch zum ersten Mal hob das Tier den Kopf und sah in meine Richtung. Das war ein Anfang. Schnell hob ich eine weitere Handvoll Gefrorenes auf. Rollte es zusammen. Und ließ die Kugel fliegen. Dieses Mal traf ich. Nicht genau. Aber sie streifte sein Hinterteil. Der Hund sprang herum. Er wirkte überrascht. Fast ein bisschen empört. Ich legte all meine Kraft, meinen Frust und Ärger in meine Würfe, und tatsächlich: Einer erwischte ihn knapp an der Schulter. Das Tier machte einen Satz zurück. Schüttelte sich. Sah den nächsten auf sich zufliegen. Und rannte davon.
Ich sah ihm nach und konnte es nicht fassen.
Ich hatte es geschafft. Ich hatte die Bestie in die Flucht geschlagen. Ausgerechnet ich. Die einundvierzigjährige Anwältin aus Köln, die sich in einem Moment geistiger Umnachtung für ein Leben in der sauerländischen Einöde entschieden hatte und die seitdem erfolglos gegen die Herausforderungen eines charmanten, urigen Bauernhofs mit Charakter, wie es in der Anzeige für den Hof geheißen hatte, ankämpfte, hatte sich bei einer ihrer vielen Bewährungsproben endlich als würdig erwiesen.
Vor Begeisterung riss ich die Arme in die Höhe wie Rocky, tanzte auf der Stelle und drehte mich dann schwungvoll um. Meine Alpakas standen alle da und schauten mir entgegen, Bernd war verstummt.
»Habt ihr das gesehen?«, fragte ich sie vollkommen überrascht von meinem unerwarteten Erfolgserlebnis. »Habt ihr das gesehen?«
Sie ließen nicht erkennen, ob sie die Bedeutung meiner Leistung wirklich erfassten. Natürlich nicht. Aber das war egal. Zum ersten Mal, seit ich hierhergezogen war, hatte ich das Gefühl, dass ich nicht komplett nutzlos und das alles nicht ein Riesenfehler gewesen war.
Und dann passierte noch etwas Überraschendes.
Als ich nämlich zurück in Richtung Haus gehen wollte, bewegten sich die Tiere nicht. Keines von ihnen wich vor mir zurück oder nahm Reißaus in die hinterste Koppelecke. Sie blieben, wo sie waren. Sogar Bernd, der Anführer, der mir regelmäßig die kalte Schulter zeigte und das Leben schwer machte, beobachtete mich von seinem Platz am Zaun aus, ohne den Rückzug anzutreten. Er hatte mir nie verziehen, dass ich bei seiner Ankunft auf dem Hof den Fehler gemacht hatte, seinen Kopf streicheln zu wollen, was für Alpakas ein absolutes No-Go war. Eigentlich wusste ich das, hatte es aber in der Aufregung und mit Blick auf diese niedlichen wuscheligen Gesichter vergessen und war damit ausgerechnet an das nachtragendste und unversöhnlichste Tier von allen geraten. Seitdem erinnerte mich Bernd täglich daran, welchen grandiosen Fehltritt ich mir geleistet hatte. Aber jetzt, wie er so dastand und mich anschaute, und weil ich gerade so gute Laune hatte, bildete ich mir nicht nur ein, dass er mir ein bisschen vergeben hatte, sondern war sogar davon überzeugt, in seinem Blick etwas wie Anerkennung auszumachen.
»Sie haben sie wohl nicht alle!«, hörte ich in diesem Moment eine wütende Stimme aus einiger Entfernung.
Und schon war mein kleiner Triumph dahin.
Ich erkannte die dazugehörige Frau, die über den Hof auf mich zumarschierte, sofort. Es war meine Nachbarin. Sie war die einzige richtige Nachbarin, die ich hatte, weil ihr Haus auf der anderen Seite des schmalen Wegs lag, der zu meinem Grundstück führte. Wenn ich mich sehr anstrengte, konnte ich von meinem Küchenfenster aus die Spitze ihres Dachs sehen. So eine Nachbarin war sie, und ich hatte bereits zweimal das Vergnügen ihrer Begegnung gehabt. Einmal direkt bei meinem Einzug, als sie mich nicht willkommen heißen wollte, sondern darauf hinwies, dass der Umzugstransporter zu dicht an ihrer Hecke vorbeigefahren sei und dabei Äste beschädigt habe. Beim zweiten Aufeinandertreffen hatte sie mich wissen lassen, dass ich meine Mülltonnen nicht so nah an die Straße stellen dürfe, wie ich es getan hatte, weil ich damit den Verkehr behinderte. Welchen Verkehr sie in unserer Sackgasse genau meinte, konnte sie mir allerdings nicht sagen. Dazu hatte ich bereits mehrfach Zettel von ihr im Briefkasten, auf denen sie mich über meine neuesten Vergehen informierte oder darüber, dass es nur noch zwei Wochen bis zum ersten Advent waren und ich meinen Hof bisher nicht weihnachtlich geschmückt hatte, was offenbar einer Todsünde gleichkam.
Schon seit meiner Ankunft funkelte und glitzerte Frau Katschinskis aufwendig geschmücktes Haus, als wäre es einem Prospekt für Weihnachtsdekoration entsprungen. Deshalb vermied ich es meist, genauer hinzusehen. Die bunten Lichter und die fröhliche Musik überforderten mich. Das konnte ich gerade nicht ertragen.
Ich hatte längst verstanden, dass sie eine Nörglerin war, die gerne meckerte und andere über ihre Fehler belehrte und immer recht behalten wollte. Deshalb hatte ich für mich entschieden, mich so weit wie möglich von ihr fernzuhalten, aber offenbar war das in diesem Moment keine Option, denn sie brauste auf mich zu wie eine schnaufende Lok.
»Das ist Ruhestörung. Ich hole die Polizei. Das können Sie mit mir nicht machen. Wir haben Sonntag. Was fällt Ihnen ein? Das ist das Allerletzte. Schämen sollten Sie sich. Schämen. Jawohl.«
»Vielen Dank auch, Bernd«, sagte ich an den Alpakawallach gewandt, der sich jedoch keiner Schuld bewusst schien, und machte mich mit langsamen Schritten auf den Weg zur Schlachtbank.
»Guten Morgen, Frau Katschinski«, sagte ich, als ich mich absichtlich ungeschickt durch den Zaun zwängte.
Als sie vor mir stehen blieb, zog ich die Wolldecke enger um mich, als könnte ich mich damit vor einem Angriff schützen oder unsichtbar machen. Beides wäre höchst willkommen gewesen.
»Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?«, ließ meine Nachbarin ihre Vorwürfe auf mich niederprasseln, als hätte ich sie nie begrüßt.
Sie hatte ein Gesicht wie ein Texelschaf. Ich hatte diese Tiere bei meinem einzigen Urlaub mit meiner Oma, bei der ich aufgewachsen war, kennengelernt. In dem Sommer, als ich acht Jahre alt wurde, waren wir zusammen auf die niederländische Nordseeinsel gefahren. An die grimmige Mimik der Tiere erinnerte ich mich bis heute.
»Irgendwas um morgens, denke ich«, erwiderte ich ausweichend.
»Nicht einmal acht Uhr. An einem Sonntag. Und Sie machen so einen Riesenkrach.«
»Na ja, den Krach habe eigentlich nicht ich gemacht.« Ich wies hinter mich und in Richtung Bernd. »Und so laut war das nicht. Können Sie das bis zu Ihrem Haus überhaupt hören? Ich gebe zu, es ist ein sehr unangenehmes Geräusch. Eine Mischung aus Vogelgeschrei und Baby…«
»Um diese Uhrzeit schlafen manche Menschen noch«, unterbrach mich meine Nachbarin.
»Ich weiß. Ich habe auch noch geschlafen.«
»Wie können Sie es wagen, uns alle mit diesem Lärm aus den Betten zu werfen?«
»Ich hatte nicht vor …«
»Das ist schon das dritte Mal. Hören Sie? Das dritte Mal.« Sie zog ein kleines Heftchen aus ihrer Hosentasche und wedelte damit vor meiner Nase. »Ich habe alles notiert. Alles. Sehen Sie?«
Die beschriebenen Seiten kamen näher, aber bewegten sich viel zu schnell hin und her. So konnte ich unmöglich etwas erkennen.
»Was haben Sie notiert?«, fragte ich verständnislos.
»Ihre Ruhestörung. Ihre Rücksichtslosigkeiten. Es steht alles hier drin.« Sie hatte das Heft zurückgezogen und klopfte nun auf den Umschlag. »Ich wusste gleich, dass Sie Ärger bedeuten.«
»Ich?«
»Eine Fremde aus der Großstadt, die hier niemand kennt.«
»Das bedeutet fremd.«
»Wahrscheinlich aus so einem Brennpunkt, wo jede Nacht jemand auf offener Straße erschossen wird.«
»Ehrenfeld ist sicher kein ›Brennpunkt‹.« Ich hob die Finger zu Gänsefüßchen. »Und auf mich wurde seit Jahren nicht geschossen.«
Ihre Augen verengten sich, sie zögerte, weil sie offenbar nicht wusste, wie sie meine Aussage einschätzen sollte, dann erklärte sie: »Damit kann ich alles beweisen, was Sie sich geleistet haben, seit Sie hier aufgetaucht sind. Jede noch so kleine Respektlosigkeit. Dafür wird sich die Polizei sicher interessieren. Sie werden sehen. Ich bringe Sie hinter Gitter.«
Ich starrte meine Nachbarin an. Meinte sie das ernst? Sie konnte das unmöglich ernst meinen.
Was sollte ich tun? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendetwas Belastendes in ihrem kleinen Buch stand. Ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen. Mit der Ruhestörung hatte sie dagegen nicht ganz unrecht.
»Wollen Sie einen Kaffee?«, fragte ich deshalb, um die Situation etwas zu deeskalieren. Darin war ich als Anwältin von Berufs wegen eigentlich ganz gut.
Sie schien irritiert. »Was?«
»Wie gesagt, ich habe eigentlich auch gerade noch geschlafen, deshalb könnte ich jetzt dringend einen Kaffee vertragen. Möchten Sie einen?«
Meine Nachbarin musterte mich, als hätte ich vor, sie übers Ohr zu hauen. »Nein«, antwortete sie dann misstrauisch. »Nein, ich will keinen Kaffee von Ihnen.«
»Und was wollen Sie?«
»Ich will, dass dieser Krach aufhört«, sagte sie empört und funkelte mich wütend an.
Ich schwieg und wartete, dass sie es ebenfalls merken würde. Denn um uns herum war es ruhig. Das war mir als Erstes aufgefallen, als ich hergezogen war. Dass es manchmal vollkommen ruhig sein konnte.
Zu Hause in Köln war immer irgendetwas zu hören gewesen. Geräusche von Bauarbeiten, Stimmen, Musik und vor allem natürlich Verkehrslärm. Ich hatte in einer Altbauwohnung gewohnt. Durch die Wände waren mir die Schritte meiner Nachbarin und das Auf- und Zuschließen im Hausflur oder das Geklapper von Geschirr, das Babygeschrei vorgekommen, als würde das alles direkt neben mir stattfinden. Aber hier gab es so viele Momente, in denen es einfach still war. Komplett still.
In den ersten Nächten hatte mich diese Abwesenheit von Geräuschen kaum schlafen lassen. Diese und das zu kurze und zu schmale Bett mit der brettähnlichen Matratze. Offenbar brauchte ich einen gewissen Lärmpegel von der Bar auf der anderen Straßenseite oder das unaufhörlich lautstarke Treiben auf dem Bürgersteig selbst an Feiertagen, um zur Ruhe zu kommen.
Wenn es draußen so still war, wurden meine Gedanken lauter.
»Das war Bernd«, sagte ich schließlich.
»Was?« Frau Katschinski wusste nicht, wovon ich sprach, und schüttelte ärgerlich den Kopf.
»Einer der Alpakawallache. Der Braune mit der wuscheligen Frisur, die wie bei einem Punk aussieht«, fügte ich hinzu, weil ich hoffte, meine Nachbarin damit zu besänftigen. Schließlich liebten alle Menschen Alpakas.
»Hä?«, gab Frau Katschinski jedoch pampig zurück.
»Der da.« Ich drehte mich leicht um und zeigte auf ihn. Er war jetzt entspannt und zupfte Heu aus der Raufe. »Das ist Bernd.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Ist mir doch egal.«
»Es war ein ziemlich großer Hund am Zaun«, fügte ich hinzu. »Ich habe keine Ahnung, woher er gekommen ist oder wem er gehört oder warum er frei herumläuft. Vielleicht ist es ein Streuner. Ich glaube, das ist einer von diesen schottischen Hunden. Leider kenne ich mich mit Tieren nicht wirklich aus. Oder der Natur. Beste Bedingungen, um aufs Land zu ziehen, oder?«, ergänzte ich mit einem unsicheren Lachen. »Aber diese Hunde sehen immer etwas krank aus. Als wären sie irgendwie ein bisschen … na ja … behindert … körperlich eingeschränkt.«
Verständnislos verzog Frau Katschinski ihr Texelschafgesicht. »Was reden Sie da?«
»Wegen dieses Hundes hat Bernd geschrien. Es war ein Warnlaut. Das machen Alpakas. Er war aufgeregt und wollte seine Herde davor warnen, dass Gefahr droht. Er ist der Leitwallach. Das ist seine Aufgabe. Bei den Stuten ist es Schavöttche.«
»Wer?«
»Die schwarze Stute, deren Fell auf dem Kopf Ähnlichkeit mit einem kleinen, altmodischen Hut hat.« Wieder wies ich mit dem Finger auf das Tier. »Ist sie nicht bildschön? Sie erinnert mich an die alte Lady Grantham aus Downton Abbey. Maggie Smith.«
»Was?«
»Kennen Sie Downton Abbey? Die Fernsehserie?«
»Ich habe keine Zeit, um vor dem Fernseher zu sitzen«, gab sie fast vorwurfsvoll zurück, als wäre ich persönlich dafür verantwortlich, dass sie zu viel zu tun hatte für einen TV-Nachmittag auf dem Sofa.
»Lady Grantham ist wunderbar hochnäsig und von oben herab, hat aber trotzdem ein gutes Herz, und ihre Kommentare sind legendär. Malek und ich … also … Ich habe die Serie geliebt«, verbesserte ich mich hastig und musste schlucken. »Eigentlich hieß sie Gertrude«, fuhr ich fort und ergänzte: »Bei der Züchterin, der ich die Tiere abgekauft habe. Aber ich habe sie umgetauft. Weil mich ihre Frise sofort an diese Hüte aus der feinen Gesellschaft erinnert hat.«
Warum erzählte ich das? Ich merkte selbst, dass es nicht wirklich Sinn ergab. Als Anwältin wusste ich normalerweise immer genau, was ich sagen wollte. Mich brachte so schnell nichts aus der Ruhe. Aber bei Frau Katschinskis barscher Art kam ich vollkommen aus dem Konzept, sodass ich vor Nervosität absurde Dinge von mir gab. Ihrem Schweigen konnte ich entnehmen, dass sie mich nun nur noch mehr für eine Verrückte hielt, die hier nichts verloren hatte.
Und trotzdem konnte ich irgendwie nicht aufhören. »Eigentlich habe ich all meinen Tieren neue Namen gegeben. Nur Bernd heißt wie früher. Dabei hätte er auf jeden Fall eine andere Bezeichnung verdient. Bernd klingt viel zu harmlos. Einmal hat er mich bereits angespuckt. Und zwar mit voller Absicht. Aber es war mein Fehler, ich wollte ihn bei seiner Ankunft am Kopf kraulen. Das macht man natürlich nicht, wissen Sie? Alpakas sind Distanztiere. Wenn man Vertrauen aufgebaut hat, kann man sie manchmal am Hals streicheln. Wenn sie es zulassen. Aber der Kopf geht gar nicht. Das nimmt er mir seitdem übel. Ich habe das nicht gewusst. Dass Alpakas so nachtragend sein können, wissen Sie? Aber Bernd ist wirklich richtig nachtragend.« Ich warf einen Blick zu den Tieren, die so taten, als hätte es heute Morgen gar keine Aufregung gegeben. »Ich habe auch das Gefühl, dass er die anderen gegen mich aufhetzt«, fuhr ich fort, als Frau Katschinski nichts erwiderte. »Kann das sein? Ich habe natürlich einen Kurs gemacht. Zur Alpakahaltung. Obwohl ich im Nachhinein gar nicht weiß, wie ich das geschafft habe. Ich war nicht gerade in der Verfassung … Na ja, ist nicht so wichtig. Jedenfalls ging es da mehr um das richtige Futter, den richtigen Stall, das richtige Verhalten und weniger, ob ein unversöhnlicher Alpakawallach eine ganze Herde gegen jemanden aufbringen kann.«
»Was stimmt denn nicht?«, wollte Frau Katschinski mürrisch wissen.
»Ja, oder? Klar, ich habe einen Fehler gemacht. Aber das ist zwei Wochen her. Und ich habe mich entschuldigt und es seitdem nicht mehr gemacht. Kann er nicht irgendwann mal …?«
»Nicht mit diesem … Tier.« Unbestimmt wedelte meine Nachbarin beinahe angewidert mit der Hand. »Mit Ihnen. Was stimmt mit Ihnen nicht?«
»Sie meinen, ganz grundsätzlich?«
»Was reden Sie für einen Schwachsinn über Bernd und nachtragende Alpakas, die alle anderen gegen Sie aufhetzen?« Sie verzog so verächtlich den Mund, dass ich am liebsten im Boden versunken wäre.
»Das ist natürlich etwas vermenschlicht, aber …«
»Haben Sie nicht alle Stifte im Mäppchen?«
»Den Spruch kannte ich noch nicht.«
»Ticken Sie nicht mehr ganz richtig?«, schimpfte sie weiter, ohne mich zu beachten. »Was glauben Sie? Dass mich irgendwas davon interessiert? Dass ich nichts Wichtigeres zu tun habe, als mir Ihre kleinen Immenhofdramen anzuhören?«
»Immenhof?«
»Es gibt Menschen mit echten Problemen, wissen Sie?«, belehrte sie mich. »Die nicht einmal die Zeit dafür hätten, sich Gedanken darüber zu machen, ob irgendein komisches Tier, das aussieht wie ein hässlicher Wischmob, gekränkte Gefühle hat, weil es nicht so gerne gestreichelt werden will. Und diesen Menschen hilft es nicht, wenn sie drei Tage hintereinander morgens gestört werden, weil sich dieses Wischmobvieh vor einem Hund fürchtet und schreit, als würde es abgestochen. Und dann auch noch ausgerechnet an einem Sonntag. Einem heiligen Sonntag. Dem Tag des Herrn.«
Ich nickte langsam.
»Im Übrigen ist dieser Hund kein Streuner«, klärte sie mich überheblich auf. »Er gehört Janna Viereck. Einer Ihrer Nachbarinnen. Doch das wüssten Sie, wenn Sie sich für die Leute im Dorf interessieren würden. Aber nein, Sie schneien hier einfach aus der großen Stadt«, sie gab ein abschätziges Schnauben von sich, »rein und machen sich mit Ihren hässlichen, ungepflegten Viechern breit, die wahrscheinlich jede Menge Parasiten und Krankheiten haben.«
»Sie sind alle sorgfältig tierärztlich durchgecheckt. Das kann ich Ihnen versichern. Keines meiner Alpakas ist …«
»Aber hässlich und ungepflegt sind sie«, beharrte sie unerbittlich.
»Finden Sie?«, fragte ich überrascht und hatte das Gefühl, meine kleine Herde zumindest etwas verteidigen zu müssen. »Was haben Sie denn gegen Alpakas? Das sind sehr soziale und freundliche Tiere, und die meisten Menschen finden sie niedlich.«
»Ich habe nichts gegen Alpakas. Ich habe etwas gegen Menschen, die sich einen Dreck um andere Leute scheren, die sich benehmen, als würde ihnen alles gehören, die sich nicht einmal die Mühe machen, ihren Hof ein bisschen weihnachtlich zu schmücken, wie es alle hier tun, und die ihre Nachbarn mit ihrer permanenten Ruhestörung belästigen.«
»Von permanenter Ruhestörung kann keine Rede sein«, widersprach ich bemüht bestimmt und sah Frau Katschinski an, dass ihr das nicht gefiel.
»Und was werden Sie jetzt tun?«, wollte sie wissen und schwang ihr Heft erneut in meine Richtung, als würde sie eine Waffe in den Händen halten.
»Was ich jetzt tun werde?«
»Ja. Um das Problem zu lösen. Um zu verhindern, dass Ihr komischer Bernhard …«
»Bernd.«
»Die ganze Nachbarschaft zusammenschreit, weil er sich vor einem harmlosen Hund fürchtet«, beendete sie ihren Satz, ohne meinen Einwurf zu beachten.
»Ich …«, setzte ich unsicher an, weil ich mir darüber bisher keine Gedanken gemacht hatte.
»Dagegen müssen Sie doch was tun.«
»Natürlich, ja. Ich werde …« Ich zögerte. »Ich werde mit ihr sprechen.«
»Mit wem?«
»Janna Vier…«
»Eck.«
»Viereck. Wenn es ihr Hund ist …«
»Es ist ihrer.«
»Dann werde ich mit ihr darüber sprechen.«
Sie ließ nicht locker. »Wann?«
»Ich weiß nicht. Heute?«
»Warum nicht sofort?«, verlangte sie zu wissen.
»Gute Frage«, stammelte ich. »Natürlich kann ich das auch sofort in Angriff nehmen.«
»Machen Sie das. Oder ist Ihnen die Sache nicht wichtig genug? Ich weiß natürlich, dass den Leuten aus der Stadt vollkommen egal ist, mit wem sie Tür an Tür wohnen. Die wollen mit ihren Mitmenschen nichts zu tun haben und würden sie einfach liegen lassen, wenn sie blutend auf ihrer Fußmatte liegen …«
»Aber dann kommt man doch gar nicht mehr durch seine Tür«, sagte ich.
»Was?«, gab sie widerwillig zurück und runzelte die Stirn.
»Wenn jemand blutend auf der Fußmatte liegt. Kommt man dann noch in seine Wohnung, oder liegt die Person so ungünstig, dass man die Tür nicht öffnen kann? … Das sollte ein Scherz sein«, fügte ich hinzu, als mich Frau Katschinski mit ausdrucksloser Texelschafmiene anstarrte.
»Schön, dass das für Sie alles ein großer Spaß ist. Aber hier auf dem Land nehmen wir die Dinge ernst, und wir nehmen auch die Bedeutung von Nachbarschaft ernst. Aber wenn Ihnen das Zusammenleben mit den Menschen hier vollkommen gleichgültig ist, dann bitte.« Sie zuckte so ruckartig die Schultern, dass die Bewegung fast etwas von einem Roboter hatte. »Vielleicht haben Sie sich ja auch diesen Hof und die hässlichen Tiere nur aus Spaß zugelegt, weil Sie dachten, es wäre eine lustige Idee, einen Winter lang ein bisschen Dorfluft zu schnuppern, bevor Sie in Ihr Kölner Leben zurückkehren mit Ihren hippen«, das Wort klang sehr seltsam aus ihrem Mund, »Geschäften und Diskotheken und diesen Stränden in der Innenstadt, für die man Millionen Tonnen Sand von was weiß ich woher herankarrt, damit die Großstadtleute sich fühlen können, als würden sie ihre Martinis und Mai Tais in der Karibik schlürfen.«
Jetzt schien Frau Katschinski meinen irritierten Gesichtsausdruck zu bemerken. »Ich lese Zeitung. Ich kenne mich aus«, sagte sie. »Und ich weiß, wie es läuft. Da fühlen sich irgendwelche Banker oder Unternehmer oder weiß der Geier was für Leute ein bisschen gestresst von ihrem Leben und kaufen sich irgendwo ein Haus auf dem Land, um zu relaxen.« Wieder so ein Wort. »Sie wollen ausspannen und das einfache Leben genießen. Aber am Ende fehlt ihnen ihr Latte macchiato mit Sojamilch und Karamellsirup, und sie verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Wenn Sie also nur für ein paar Wochen hier sind, weil Sie einen Burn-out haben oder in der Natur digital detoxen wollen, kann ich Ihnen …«
Ich schluckte, weil sie damit natürlich nicht ganz unrecht hatte. Noch war ich mir selbst nicht sicher, ob das alles nicht ein großer Fehler gewesen war und ich besser wieder meine Koffer packen sollte. Trotzdem erwiderte ich: »Ich habe doch schon gesagt, dass ich es mache. Jetzt sofort. Ich hole die Autoschlüssel, und dann fahre ich direkt zu Janna Viereck und kläre das mit ihr.«
»Gut.«
»Gut.«
»Dann richten Sie Janna außerdem aus, dass ihr Hund nicht dauernd in meinen Garten kacken soll. Ich habe nämlich ein Gewehr, und wenn ich ihn noch einmal dabei erwische, wie er mein Grundstück mit einem Klo verwechselt, dann bekommt er ein paar Ladungen Schrot in seinen Hintern.«
»Das ist ein Scherz, oder?«
Ihr Gesicht zeigte keine Regung. »Ich mache keine Scherze.«
»Aber Sie würden diesen Hund nicht wirklich …«
»Wenn sie nicht will, dass ihr Scheißköter ein paar mehr Löcher im Fell hat, soll sie ihn gefälligst von meinem Grund und Boden fernhalten. Und von Ihrem«, ergänzte sie schroff. »Damit Ihr psychotisches Vieh endlich die Klappe hält.«
»Ich werde es vielleicht nicht ganz so ausdrücken«, sagte ich.
»Mir ist vollkommen schnuppe, wie Sie das ausdrücken. Hauptsache, Sie machen dem ein Ende. Und zwar gleich. Sonst rufe ich wirklich die Polizei und das Veterinäramt und lasse Ihnen den ganzen Laden dichtmachen.« Ein letztes Mal hob sie das Büchlein hoch wie ein Beweisstück.
»Ich werde mich jetzt gleich darum kümmern. Wirklich. Sonst noch was?«, fügte ich unsicher hinzu, als Frau Katschinski keine Anstalten machte zu gehen.
»Wollen Sie sich nicht entschuldigen?«
»Ob ich …?«
»Genau.« Erneut verschränkte sie die Arme vor der Brust und sah mich an.
»Doch. Natürlich«, erwiderte ich eilig. »Ich entschuldige mich, dass mein Alpaka einen Hund auf der Weide gesehen hat. Ich entschuldige mich, dass er dachte, er müsste die anderen Tiere warnen. Ich entschuldige mich, dass sein Warnlaut offenbar sehr laut und sehr unangenehm ist. Ich entschuldige mich, dass er damit Ihre Ruhe gestört hat. Und natürlich entschuldige ich mich auch dafür, dass ich meinen Hof nicht weihnachtlich geschmückt habe. Jetzt zufrieden? Ich entschuldige mich für alles.« Entnervt machte ich eine übertrieben ausladende Geste, die meinen gesamten Hof miteinschloss.
Frau Katschinski musterte mich kurz, dann schüttelte sie den Kopf und sagte: »Dafür ist es jetzt zu spät.«
Und damit stapfte sie davon.
In Köln hatte ich kein Auto gebraucht. Man kam überall mit dem Bus oder der Bahn hin. Ab und zu, wenn wir Essen waren oder noch spät im Theater oder auf einem Konzert, durfte es auch mal ein Taxi sein. Kürzere Wege ging ich zu Fuß oder fuhr mit dem Rad. Malek hatte sich vor einigen Jahren sogar eins von diesen Lastenrädern gekauft, als man die auf den Straßen noch kaum gesehen hatte. Später hatte ich es manchmal zum Einkaufen benutzt. Die meiste Zeit stand es aber im Keller. Ich hatte es verschenkt, bevor ich hierherkam. Wie die meisten seiner Sachen.
Einen Führerschein besaß ich allerdings schon. Theoretisch war ich also in der Lage, ein Fahrzeug zu lenken. Auch wenn ich vor meinem Umzug hierher zuletzt während eines Urlaubs auf Madeira hinter dem Steuer gesessen hatte, und der war Ewigkeiten her, in einem anderen Leben, einem ganz anderen Leben. Trotzdem war mir natürlich klar gewesen, dass ich auf dem Land um ein Auto nicht herumkommen würde, schon gar nicht, wenn ich Tiere zu versorgen hatte.
Dass der Hofeigentümer seinen Kleinlaster zurückgelassen hatte und nicht einmal Geld dafür haben wollte, hätte mich vielleicht etwas mehr wundern sollen.
Insgesamt hätte ich mich besser vorbereiten müssen. Denn eigentlich war ich so. Ich machte Pläne für meine Pläne. Bevor wir uns für einen Herd entschieden hatten, war ich tagelang durch sämtliche Foren gesurft, um herauszufinden, welcher der richtige war. Unsere Wohnung hatten wir nur gefunden, weil ich fünfmal am Tag die neuesten Anzeigen auf sechs verschiedenen Portalen geprüft hatte. Und wenn wir in den Urlaub wollten, sah ich es als persönliche Herausforderung, das beste Angebot für den günstigsten Preis mit den meisten Zusatzleistungen zu ergattern. Bei jedem Thema kannte ich innerhalb kürzester Zeit alle wichtigen Fachbegriffe und konnte Testergebnisse und Untersuchungen herunterrasseln, als hätte ich ein abgeschlossenes Studium hinter mir.
Aber ich war so erschöpft. Ich war so unfassbar müde von all der Suche nach Krankheitssymptomen, Behandlungsmöglichkeiten und Risiken, mit der ich in den letzten Jahren gegen meinen Willen meine Zeit verbracht hatte, dass ich froh war, als der Besitzer sagte, er hätte noch einen etwas betagten Laster, den er nicht mehr bräuchte. Den könnte ich haben. Natürlich hätte ich bei dem Wort betagt genauso hellhörig werden müssen wie bei der Heizungsanlage, die ihre kleinen Marotten hatte, wie der Mann es ausgedrückt hatte, oder den Türen und Fenstern, die manchmal einen liebevollen Klaps bräuchten, den Zäunen draußen, die vielleicht ein bisschen windschief geworden waren, der Scheune, auf deren Kopf es in der letzten Zeit etwas lichter geworden war, oder den Wasserleitungen, die manchmal schlechte Laune haben konnten.
Nach Monaten des Hoffens und Kämpfens gegen Maleks Krankheit konnte ich nicht mehr dieser Mensch sein. Ich konnte gar nichts mehr.
Deshalb war ich hier, auf diesem Hof im Nirgendwo des Sauerlands, in einem Haus, das jeden Tag Geräusche machte, als wollte es über meinem Kopf zusammenbrechen, und stand vor dem mehr als betagten Laster, bei dem ich nie wusste, ob er dieses Mal anspringen würde. Schon zweimal hatte ich die Fahrertür nicht öffnen können, weil sie komplett vereist gewesen war, und musste stattdessen auf der anderen Seite reinklettern. Viel erwartete ich daher nicht, als ich schwungvoll am Griff zog. Doch ausgerechnet jetzt gab er anstandslos nach und brachte mich damit vollkommen aus dem Gleichgewicht.
Ich wollte mich noch abfangen, irgendwo festhalten, aber es war zu spät, und stattdessen fiel ich rückwärts mit dem Hintern voran in den Schnee.
War ja klar.
Seit ich Ende Oktober hergezogen war, mit vielleicht fünfzehn Kisten und Kartons, die noch immer unausgepackt überall im Weg standen, war mein Leben eine Aneinanderreihung aus Missgeschicken, Pannen und Peinlichkeiten. Ich war mit der Nase oder meinem Hinterteil voran im Dreck gelandet, hatte mir den Kopf angeschlagen, war über Kanten gestolpert und an vorstehenden Nägeln hängen geblieben. Ich hatte bereits mehrere Abende damit verbracht, mir Splitter aus allen zehn Fingern zu pulen, die unterschiedlichsten Verletzungen zu behandeln und neue Pflaster zu kleben. Es kam mir vor, als würde ich mich bei allem schrecklich ungeschickt anstellen, als hätte ich hier draußen auf dem Land zwei linke Hände und Füße und stolperte von einer Demütigung in die nächste.
Auf eine eigenartige Weise hatte ich mich mit diesem Hof verbunden gefühlt, als ich ihn das erste Mal betreten hatte. Das verwohnte Haus, die heruntergekommene Scheune, der ganze Matsch überall und darüber ein tief hängender, grauer, trister Himmel. Ein bisschen hatte es sich angefühlt, als würde der Zustand dieses Ortes meine eigene seelische Verfassung widerspiegeln. Ich wollte hier also mehr auf Vordermann bringen als nur den maroden Hof.
Aber es schien egal zu sein, was ich tat oder wie sehr ich mich bemühte, jedes Mal konnte ich lediglich froh sein, so weit draußen zu wohnen, dass ich für meine kleinen und großen Blamagen allein meine sechs Alpakas als Zeugen hatte.
Auch jetzt wieder standen sie alle aufgereiht am Zaun, als hätten sie nur darauf gewartet, mir bei meiner neuesten Schmach zuzusehen. Sonst ignorierten sie mich oder gingen mir aus dem Weg, aber in solchen Momenten waren sie natürlich zur Stelle, als wollten sie sich zu allem Überfluss über mich lustig machen.
»Warum wundert mich das nicht?«, rief ich ihnen zu und kämpfte den Wunsch nieder, einfach auf dem Boden sitzen zu bleiben und mich zu bemitleiden.
Doch ich spürte durch meine Kleidung bereits die nasse Kälte, deshalb drückte ich mich mühsam aus meinem Schneebett nach oben, rappelte mich auf und klopfte mir notdürftig den eisigen Schlamm ab, ehe ich so schnell es ging ins Innere des Lasters kletterte. Dass ich mich beeilen musste, hatte mir Frau Katschinski mehr als deutlich gemacht.
»Und wehe, du springst jetzt nicht an, du blöde Schrottlaube. Dann kommst du endgültig auf den Autofriedhof«, warnte ich den Wagen, während ich den Schlüssel drehte. Offensichtlich half meine Drohung, denn ohne ein einziges Murren brummte der Motor auf, als hätte er nie etwas anderes gemacht. »Will ich dir auch geraten haben«, murmelte ich, betätigte einige Male die Scheibenwischer, um die Fenster zumindest notdürftig vom frischen Schnee zu befreien, ehe ich das Auto langsam vom Hof lenkte.
Ich kannte mich in der Gegend noch nicht richtig aus. Ich wusste, wie ich zum nächsten Supermarkt kam. Auch zu einem Laden für Tierfutter hatte ich es bereits geschafft, davon abgesehen hatte ich mich noch nicht wirklich orientiert. Den Vierecken Hof von Janna Viereck kannte ich allerdings, weil es der einzige Biohof in der Nähe war, der noch dazu von einer Frau geleitet wurde. Das war in so einem kleinen Dorf Gesprächsthema, darum kam man nicht einmal herum, wenn man sich wie ich alle Mühe gab. Außerdem war ich an der Einfahrt schon einige Male vorbeigefahren, an der ein rostiges, vergammeltes Schild auf frische Eier und Milch hinwies. Das Wörtchen bio hatte jemand auf ein schmutziges Stück Klebeband geschrieben und wenig sorgfältig darübergeklebt.
Ich wusste also, wohin ich musste.
Der unebene, gefrorene Weg, über den ich in dem klapprigen Laster rumpelte, war von kahlen Bäumen gesäumt, und rechts und links davon breiteten sich weiße Felder aus. Ich fuhr auf einige Gebäude zu, auf deren Dächern unter der Schneedecke die Umrisse von Solarmodulen zu erkennen waren. Zurzeit hatten die wahrscheinlich nicht viel zu tun. Die Sonne hatte ich seit Tagen nicht gesehen. Selbst über das Knattern meines eigenen Wagens hinweg hörte ich das laute Brummen eines Traktors. Noch konnte ich ihn nicht sehen. Erst als ich auf den Hof fuhr und den Laster neben einer Scheune zum Stehen brachte, tauchte das riesige Ungetüm von einer Landmaschine auf. Die großen Räder wälzten sich durch den Eismatsch. Auf dem Sitz erkannte ich eine junge Frau. Sonst schien niemand da zu sein.
Etwas zögerlich stieg ich aus. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee gewesen war herzukommen. Gut, Frau Katschinski hatte mir nicht wirklich eine Wahl gelassen, aber hätte ich nicht zumindest einen Kaffee trinken können, ehe ich mich auf den Weg machte? Vielleicht hätte ich mir dann auch eine Strategie zurechtlegen können, was ich sagen und was ich hier eigentlich erreichen sollte. Und außerdem …
Mist! Erschrocken starrte ich auf meine Hose. Ich trug immer noch meinen Schlafanzug. Warum war mir das nicht früher aufgefallen? Wie hatte das ausgerechnet mir passieren können? Als Anwältin war es mir immer wichtig gewesen, einer Konfliktpartei gut vorbereitet entgegenzutreten. Auf mein Äußeres hatte ich großen Wert gelegt und stets penibel auf einen sauberen, fusselfreien Hosenanzug und eine perfekt sitzende, ordentliche Frisur geachtet. Ich durfte gar nicht daran denken, welchen Eindruck ich mit meinem schmutzigen Schlafanzug, der muffigen Wolldecke und den ungekämmten Haaren unter der Mütze machen würde. Die Spiegelung des Autofensters ließ in dieser Hinsicht nichts Gutes erahnen.
Hastig wischte ich mir über das Gesicht und bemühte mich, zumindest die schlimmsten Haarnester etwas zu entwirren. Doch es war aussichtslos, deshalb warf ich schließlich die Wagentür hinter mir ins Schloss, straffte ein wenig die Schultern und ging mit halbwegs entschlossenen Schritten in meinen zu großen Gummistiefeln auf den Trecker zu, der in kleinen, schnellen Bewegungen hin und her manövriert wurde. Die Fahrerin wirkte zielsicher, aber ich hatte keine Ahnung, was sie da tat.
»Hallo?«, rief ich zu ihr hinauf.
Sie reagierte nicht. Der Traktor machte einen unvorstellbaren Lärm, und sie trug große Plastikschützer auf den Ohren.
Ich versuchte es deshalb noch einmal lauter: »Hallo!«
Wieder nichts.
Also ging ich um die röhrende Maschine herum, die weiter vor- und zurücksetzte, so weit, dass ich in das Sichtfeld der Frau kam. Dann riss ich die Arme in die Höhe und winkte ihr zu. Ruckartig blieb der Trecker stehen. Endlich hatte sie mich bemerkt. Jetzt konnte ich mein Anliegen vorbringen.
Ich wollte gerade etwas sagen, als sie die Seitentür öffnete, sich herauslehnte und schrie: »Fuck. Wer hat dir denn ins Hirn geschissen?«
