Chasing Our Forever – Based on Roxy's & Abdul's True Story - Sofia Kus - E-Book

Chasing Our Forever – Based on Roxy's & Abdul's True Story E-Book

Sofia Kus

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Beschreibung

Wie weit gehst du für die Liebe deines Lebens?

Riley und Zayn kennen sich nur flüchtig, als sie eines Abends ein Gespräch führen, das die ganze Nacht anhält. Die immer tiefer werdenden Gefühle füreinander verändern nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch ihr gesamtes Leben. Zayn respektiert als pakistanischer Moslem die Traditionen seiner Familie und weiß, dass die Regeln der westlich erzogenen Riley allem widersprechen, was ihm beigebracht wurde. Obwohl Riley mit Schatten kämpft, die manchmal größer sind als sie selbst, ist sie stark, sieht direkt in Zayns Herz und glaubt an eine gemeinsame Zukunft. Bis sie von Zayns Geheimnis erfährt, daser mit aller Macht für sich behalten wollte.

»True Love wird mein neues True Crime: Roxys und Abduls Geschichte zeigt, wie Liebe alle Grenzen sprengen kann.« @Thomas_bookclub, DASDING vom SWR

Enthaltene Tropes: Forbidden Love/Romance, Friends to Lovers, From two different worlds, Opposites Attract, Slow Burn
Spice-Level: 2 von 5

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MOBI

Seitenzahl: 614

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über den Roman:

Wie weit gehst du für die Liebe deines Lebens?

Riley und Zayn kennen sich nur flüchtig, als sie eines Abends ein Gespräch führen, das die ganze Nacht anhält. Die immer tiefer werdenden Gefühle füreinander verändern nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch ihr gesamtes Leben. Zayn respektiert als pakistanischer Moslem die Traditionen seiner Familie und weiß, dass die Regeln der westlich erzogenen Riley allem widersprechen, was ihm beigebracht wurde. Obwohl Riley mit Schatten kämpft, die manchmal größer sind als sie selbst, ist sie stark, sieht direkt in Zayns Herz und glaubt an eine gemeinsame Zukunft. Bis sie von Zayns Geheimnis erfährt, das er mit aller Macht für sich behalten wollte.

Über die Autorin:

Als Wirtschaftsjuristin ist ihr Alltag eher von vorgegebenen Gesetzen geprägt, weshalb Sofia gern in ihrer Fantasiewelt verschwindet. Als erfolgreiche Selfpublisherin hat sie mehr als 20 Romane veröffentlicht. Sie hat sowohl deutsche als auch nordafrikanische Wurzeln und kann sich als Muslima in Abduls Welt hineinversetzen. Gleichzeitig fühlt sie mit, wenn Roxy von den Höhen und Tiefen dieser ungewöhnlichen Liebe erzählt. Sofia ist es ein Anliegen, die Leser*innen in die Welt beider Kulturen zu entführen.

Über die Storygeber*innen:

Roxanne kommt aus der Nähe von Frankfurt, ist erfolgreiche Influencerin, Moderatorin und seit sechs Jahren Host von „Roxy’s Podcast“, in dem sie wöchentlich Bücher vorstellt und regelmäßig mit Autor*innen ins Gespräch geht. Abdul wurde in Hessen geboren, seine Eltern sind muslimische Pakistaner. Er arbeitet im Marketing, mit einem besonderen Schwerpunkt auf E-Commerce. Als beide sich ineinander verlieben, ist ihnen klar, dass sie respektvoll mit den Traditionen von Abduls Familie umgehen müssen. Dass sie ihre Beziehung allerdings jahrelang geheim halten müssen, stellt sie viele Male auf harte Proben. Heute sind sie verheiratet und glückliche Eltern einer kleinen Tochter.

Triggerwarnung

Dieser Roman thematisiert potenziell triggernde Inhalte. Sollte es daher Themen geben, die ihr vermeiden oder nur vorbereitet lesen möchtet, dann werft bitte einen Blick hierhin, wo die sensibleren Themen des Romans aufgelistet sind. Bitte denkt jedoch daran, dass die Liste die Handlung des Buches spoilern könnte.

 – based on a true story

Weil das Leben die besten Geschichten schreibt.

Jede Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Wir schaffen einen Safe Space für die Begegnung von Autor*innen mit jungen Menschen, die ihre Erlebnisse teilen möchten. Inspiriert von den echten Geschichten und Persönlichkeiten der Storygeber*innen, schreiben die Autor*innen Romane zum Eintauchen und Mitfühlen. Mit Charakteren, die Mut machen, und unvergesslichen Lovestorys, die unsere Herzen erobern. Wenn auch du als Storygeber*in dabei sein möchtest, dann schicke uns eine E-Mail an

[email protected]

mit folgendem Inhalt: einer kurzen Schilderung deiner wahren Erlebnisse und deiner Motivation, daraus einen Roman zu machen. Die Länge sollte maximal 2 – 3 Seiten sein.

Wir freuen uns, von dir zu hören!

www.penguin.de/verlage/heartlines

@penguinlovestories

Sofia Kus

Based on Roxy’s and Abdul’s Story

Chasing Our Forever

True-Fiction-Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Mining nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Dieses Buch basiert zwar zum Teil auf wahren Begebenheiten und behandelt typisierte Personen, die es so oder so ähnlich gegeben haben könnte, einen Anspruch auf Faktizität erhebt es aber nicht. Diese Urbilder wurden jedoch durch künstlerische Gestaltung des Stoffs und dessen Ein- und Unterordnung in den Gesamtorganismus dieses Kunstwerkes gegenüber den im Text beschriebenen Abbildern so stark verselbstständigt, dass das Individuelle, Persönlich-Intime zugunsten des Allgemeinen, Zeichenhaften der Figuren objektiviert ist. Für alle Leser*innen erkennbar, erschöpft sich der Text nicht in einer reportagehaften Schilderung von realen Personen und Ereignissen, sondern besitzt eine zweite Ebene hinter der realistischen Ebene. Es findet ein Spiel mit der Verschränkung von Wahrheit und Fiktion statt, wodurch Grenzen bewusst verschwimmen.

Copyright © 2026 by Sofia Kus

Copyright © 2026 by {Heartlines} Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Michelle Stöger

Umschlaggestaltung: ZERO Media GmbH, München

Umschlagmotiv: © FinePic®, München

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

978-3-641-33746-9

www.penguin.de/verlage/heartlines

@penguinlovestories

Für unsere Familien - danke, dass ihr uns zu dem gemacht habt, was wir sind. Ihr seid alles für uns.

Für unsere Tochter Nayla - mögest du immer auf dein Herz hören und niemals deinen Mut verlieren. Wir lieben dich.

Folge 1Die, in der ich glücklich bin, aber zu einer potenziellen Mörderin werde

Riley

Ich musste hier raus. Gelangweilt ließ ich meinen Blick über die überfüllte Bar schweifen. Überall standen und saßen Menschen, die lachten oder sich angeregt unterhielten. Dabei schlürften sie überteuerte Drinks. Immerhin schienen sie Spaß zu haben – im Gegensatz zu mir.

Die Luft war stickig, ein Gemisch aus Parfüm und irgendwelchen Körperausdünstungen, die ich lieber nicht näher definierte. Der Bartresen war überhaupt nicht auszumachen, da der Laden so vollgestopft mit Menschen war. Das Licht war zu schummrig, um die Preisliste, die über der Bar hing, lesen zu können. Die Fensterfront war teilweise mit Postern mir unbekannter Bands zugekleistert. Wo doch einmal ein Stück Glas frei blieb, war es blind, da man das Fensterputzen offenbar nicht so ernst nahm. Die dunklen Holztische hatten ihre besten Tage hinter sich, und ich fragte mich, weshalb Charlie diese abgewrackte Bar ausgewählt hatte. Mir gefiel der Laden nicht. Hinter mir stieß ständig jemand mit seinem Gesäß gegen meinen Hocker.

Ich suchte einen Fluchtweg, während der blonde muskelbepackte Typ vor mir etwas über seine proteinreiche Ernährung erzählte.

Die Maserung des dunklen Holztisches war definitiv interessanter als sein Geschwafel. Der Techno-Sound, der im Hintergrund dröhnte, verursachte mir Kopfschmerzen.

Ich könnte meiner besten Freundin den Hals umdrehen oder sie auf eine andere fiese Art ins Jenseits befördern.

Wie konnte sie es wagen, mich sitzen zu lassen, und zeitgleich auf ein Blind Date schicken? Blondie war nicht einmal mein Typ, da ich keinen Typ hatte. Mir gefiel das Singledasein, warum es also ändern?

So etwas schaffte nur Charlie. Sie war zum vereinbarten Treffen nicht aufgetaucht und auch nicht an ihr Handy gegangen, aber der Kerl hatte mich – warum auch immer – sofort erkannt und vorgeschlagen, uns schon einmal einen Platz zu suchen.

Seinen Namen hatte ich mir nicht gemerkt, da ich zu wütend auf Charlie war. Außerdem hing ich gedanklich immer noch an der neuen Staffel Bridgerton fest, die heute online gegangen war und bei der Charlie mich unterbrochen und hierher bestellt hatte. Sie hatte mich reingelegt – mein Pflichtbewusstsein als beste Freundin ausgenutzt. Okay, das war etwas übertrieben, und dennoch …

»Wie oft trainierst du die Woche?«

Oh, jetzt wollte er doch in den Dialog gehen.

»Sport ist Mord.« Ich grinste, dabei hoben sich meine Mundwinkel unnatürlich an, sodass ich sicher wie der Joker in seiner manischen Phase aussah.

Egal, jetzt wollte ich es genauer wissen. »Woher kennst du Charlie?«

Er runzelte seine buschigen Augenbrauen und fuhr sich nachdenklich durch das kurz geschorene Haar. Das weiße T-Shirt spannte über seiner Brust. Er war körperlich fit, aber wer wollte schon Hulk daten? Das hier war kein echtes Date.

»Über Match, die Dating-App, glaube ich. Oder, warte, nein, über einen Kumpel. Also mein Kumpel hat deine Freundin kennengelernt, und sie hat ein Doppel-Date vereinbart.«

Mit dem Unterschied, dass das hier kein fucking Doppel-Date war, sondern ein Blind Date. Fürs Protokoll: Ich hatte beidem nicht zugestimmt. Es reichte.

»Ich muss mal wohin.« Abrupt stand ich auf und zeigte mit dem Daumen hinter mich, während ich meine Tasche schnappte und mich zu einem Lächeln zwang, bevor ich mir einen Weg durch die Menschenmenge bahnte.

An einem Freitagabend war das Chichi in Berlin-Kreuzberg vollgestopft mit Menschen. Ein weiterer Grund, warum ich Charlie verfluchte. Ich konnte mich hervorragend allein beschäftigen – ein gutes Buch, ein paar Snacks oder eben Serien reichten völlig aus, um mein Seelenheil zu bewahren. Ich brauchte mich in keine Gesellschaft zu begeben, um eine schöne Zeit zu haben.

Ein Plan nahm Form an, als ich mich auf den direkten Weg zur Toilette machte und dabei böse Blicke erntete, weil ich das ein oder andere Mal die Ellbogen nutzte.

Genervt stellte ich mich an das Ende der Schlange und musterte mein Gesicht im Spiegel an der gegenüberliegenden Wand, die mit verschiedenen Band-Stickern und politischen Statements beklebt war.

Ich hatte mein Haar eilig zu einem hohen Zopf zusammengebunden, aus dem sich einzelne Strähnen ihren Weg bahnten und mein schmales Gesicht umrahmten. Der dunkle Mascara war unter dem Neonlicht kaum auszumachen und leicht verlaufen. Eilig wischte ich die Schlieren weg.

Müdigkeit lag auf meinen Gesichtszügen wie Schatten, die sich nicht vertreiben ließen, da ich letzte Nacht schlecht geschlafen hatte. Es war zu heiß, obwohl wir bereits Anfang September hatten.

»Jeht da mal watvoran oder wat?«, schrie jemand hinter mir, während ich mein Handy hervorkramte. Das hier hatte keine Zukunft. Nein. Ich musste ungesehen verschwinden, aber vorher rief ich erneut bei Charlie an.

Es klingelte und klingelte. Sie nahm nicht ab.

»Du bist dran, nu schlaf nich«, maulte dieselbe Person hinter mir ein weiteres Mal. Ich machte mir nicht die Mühe, mich umzudrehen, sondern schob mein Handy in meine Bucket Bag und betrat die Toilette. Vor dem Spiegel stand eine Gruppe Frauen, die damit beschäftigt war, sich zurechtzumachen. Hier drin dampfte es wie in einer Sauna, und ich war mir sicher, dass der Bar-Besitzer extra mit Schwarzlicht auf dem Klo arbeitete. Immerhin konnte man so die bittere Realität der weißen Kacheln ignorieren. Frauen waren oftmals ebenso Ferkel wie Männer, und man sah sich besser nicht zu genau um.

Der Geruch von Kalkstein hing hartnäckig in der Luft, durchzogen von süßlichem Parfümgeruch und einer Note Pfefferminzlikör. Wahnsinnig eklig, also schnell raus hier.

Nachdem ich meine Hände gewaschen hatte, floh ich aus der Toilette und blieb im Flur davorstehen, während ich die Uber-App öffnete, um mir einen Fluchtwagen zu bestellen. Der Gedanke war mir gerade auf dem Klo gekommen.

Aber aktuell dauerte es zu lange, bis ein Uber hier sein würde, also biss ich in den sauren Apfel und rief die Taxi-App auf. Taxi fahren war wesentlich teurer, auch wenn es mir finanziell gut ging.

Wenn Charlie mich nicht rettete, musste ich das selbst in die Hand nehmen.

Der Wagen war schnell gebucht, weshalb ich noch einen Moment Zeit hatte, ein weiteres Mal bei Charlie anzurufen.

Es klingelte einige Male, dann nahm sie ab.

»Du Verräterin«, zischte ich, und sie fing an zu gackern. Sie lachte mich aus. Ich verstand sie nur schlecht, auch wenn die Musik hier hinten wesentlich gedämpfter war.

»Gefällt dir mein Geschenk etwa nicht?«

»Du hast sie wohl nicht alle? Dadrin sitzt Arnold Schwarzeneggers kleiner Bruder. Ich weiß jetzt genau, was und wie viel er zu welcher Uhrzeit isst, was es mit einem Doppelsatz im Fitnessstudio auf sich hat und warum es wichtig ist, niemals den leg day zu skippen!«, sagte ich aufgebracht.

»So schlimm?«, fragte sie jetzt ernster. Ich stellte mich in die hinterste Ecke des dunklen Ganges, direkt unter ein grün leuchtendes Schild mit der Aufschrift Exit. Wie passend, wenn man bedachte, dass ich meinen Exit gerade plante.

»Ich dachte nur, dass du mal rauskommen musst, und eigentlich sollte das ein Doppel-Date werden.«

»Mit wem denn?«

»Mit mir und seinem Freund. Der hat aber im letzten Moment abgesagt, und Steven klang so euphorisch.«

»Steven?«, echote ich.

»Dein Date?«

Spöttisch lachte ich auf und sah an der Warteschlange vorbei in Richtung Gastraum. Ich war sicher schon mehr als zehn Minuten weg, weshalb ich schleunigst von hier verschwinden musste. Nicht dass Steven auf die Idee kam, nach mir zu suchen.

»Darüber reden wir noch, aber jetzt muss ich abhauen!«

Bevor sie antworten konnte, legte ich auf und warf einen Blick auf meine App. Das Taxi war bereits da, also ging ich zügig in den Gastraum, nahm aber einen Umweg an Steven vorbei. Zum Glück saß er mit dem Rücken zum Ausgang.

Ohne den Hauch eines schlechten Gewissens trat ich nach draußen auf den Gehweg, wo mich die frische Luft wie eine Ohrfeige traf.

Wohltuend, zumal die furchtbare Musik verstummt war. Erleichtert atmete ich ein und aus.

Ich fächelte mir Luft zu, obwohl ich ein langes Sommerkleid mit Off-Shouldern trug.

Trotz meiner Sandalen qualmten meine Füße förmlich, und ich war froh, dass ich nur noch eine Autofahrt von einer kalten Dusche entfernt war.

Auf der anderen Straßenseite stand mein Fluchtwagen. Ich warf einen letzten Blick zurück zum Chichi, denn jetzt bekam ich doch ein schlechtes Gewissen. Steven einfach sitzen zu lassen, war nicht die feine Art …

»Nicht mein Problem«, murmelte ich, eilte über die Straße und öffnete die Tür, ehe ich mich auf die Rückbank des Taxis schob.

Kurz war ich irritiert über den Hip-Hop-Sound, der mich begrüßte, bevor die Musik auch schon leiser gedreht wurde. »Abend«, sagte ich und lehnte mich erschöpft zurück. Im Innenraum war es dank der Klimaanlage angenehm kühl.

»Hi«, murmelte der Fahrer, der noch relativ jung zu sein schien, zumindest seiner Stimme nach. Ich beäugte ihn genauer, sein Seitenprofil kam mir irgendwie bekannt vor, und dann klickte es. »Zayn?« Der Fahrer schaute in den Rückspiegel, und zwei kaffeebraune Augen musterten mich – freundlich, sanft.

»Riley.« Er drehte sich zu mir um und lächelte, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte. »Was für ein Zufall«, fügte er hinzu. Zayn gehörte zu meinem weitläufigen Freundeskreis. Wir grüßten uns immer, hatten ansonsten jedoch nicht viel miteinander zu tun gehabt. Man kannte sich halt, da wir am Rande von Neukölln bei Großziethen lebten und er dort für einen Fußballverein spielte, bei dem mein Vater die B-Junioren trainiert hatte. Der 1. FC Großziethen.

»Du bist also Taxifahrer?«

»Nein, also nicht hauptberuflich. Ich verdiene mir neben dem Studium etwas Geld dazu und springe ein, wenn Fahrer ausfallen.«

Meine Antwort wurde von dem Klingeln meines Handys unterbrochen. Charlie. Ich stöhnte leise, ehe ich mit dem Daumen über das Display wischte.

»Du bist ernsthaft einfach abgehauen?«

»Spoiler: ja.«

»Wow, so viel Niedertracht hätte ich dir gar nicht zugetraut«, witzelte sie.

»Stimmt, das ist dein Part«, schoss ich zurück und fügte wesentlich leiser noch was hinzu.

»Ich wollte kein Date und schon gar nicht mit irgendeinem Typ verkuppelt werden.«

»Sorry, ich dachte … Martin hat mich gerade angerufen und für Steven nach deiner Nummer gefragt, der dich nicht finden kann.« Sie schwieg und atmete hörbar aus.

»Es war blöd, okay? Aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich es nur gut gemeint habe.«

Das wusste ich, und mein schlechtes Gewissen meldete sich zu Wort, armer Martin. Nein, Steven. Ach egal.

»Du igelst dich immer so ein …«

»Ist okay«, unterbrach ich sie sofort. Eine Unterhaltung über mein Innenleben stand jetzt nicht zur Debatte.

»Soll ich bei dir vorbeikommen? Ich bringe Wiedergutmachungen in Form von Süßigkeiten mit. Wo bist du denn jetzt genau?«

»Im Taxi. Für heute Abend reicht es mir.«

»Okay, hab dich lieb …«

»Ich dich nicht«, ärgerte ich sie und legte auf. Ich atmete hörbar aus und war froh, als wir uns vom Chichi entfernten.

»Alles okay?«, fragte Zayn.

»Ja, ach … nur …«

»Was?« Im Spiegel konnte ich sein breites Grinsen zwar nicht erkennen, es aber definitiv in seinen Augen ablesen.

»Hast du einen Typ sitzen lassen?«, hakte er nach. Er zuckte lässig die Schultern. »Du hast gelauscht«, murrte ich.

»Es gibt keinen Knopf, mit dem man die Ohren ausschalten kann.«

»Ach wirklich?«, fragte ich und verengte die Augen. Er schaute flüchtig mit einem erneuten Grinsen nach hinten. Eine weiße Zahnreihe kam zum Vorschein, und einen Moment war ich von dem dunklen Bartschatten auf seinem Kinn abgelenkt. Er gefiel mir.

»Ach, Charlie hat den Vogel abgeschossen und mich auf ein Blind Date geschickt. Eigentlich sollte das ein Doppel-Date sein, aber …« Als ich seinen verwirrten Gesichtsausdruck sah, winkte ich ab. »Egal. Ich hatte ein Date, auf das ich nicht wollte. Merk dir einfach das.«

Er lachte leise, setzte den Blinker und bog nach rechts ab. Es ging nur im Schritttempo voran, was normal für die Oranienstraße war.

Touristen und Feierwütige frequentierten Kreuzberg zu jeder Tages- und Nachtzeit, denn die Straße war mit Bars, Restaurants und heruntergekommenen Imbissbuden gepflastert, in denen das Essen grandios schmeckte.

»Tja, das ist nicht untypisch für Charlie, oder?«

Ich nickte, denn im Gegensatz zu mir war sie eher der flippige und laute Typ, während ich ruhig und in mich gekehrt war. Nicht immer, aber manchmal. Zayn kannte Charlie natürlich auch, da sie ebenfalls mit uns in Großziethen aufgewachsen war.

»Und der Typ hat dir nicht gefallen?«, unterbrach Zayn meine Gedanken.

»Äh, nein«, murmelte ich. Er nickte, ließ das unkommentiert, da er sich auf den Straßenverkehr konzentrierte.

»Shit, die haben die Straße abgesperrt«, sagte er sodann und deutete rechts zum Fenster hinaus, wo drei Einsatzwagen der Polizei standen, die von Einsatzkräften flankiert wurden. In der Ferne machte ich Plakate und einen Pulk Menschen aus, die die Straße blockierten, und das mitten vor Hasir, einem bekannten türkischen Restaurant, bei dem die Linsensuppe um drei Uhr morgens nach einer durchzechten Nacht schmeckte. »Da wird demonstriert. Sicher gegen einen der Kriege. Als hätte man Freitagabend nichts Besseres zu tun.«

Zayn fluchte leise in einer Sprache, die mir fremd war, aber ich wusste, dass er pakistanische Wurzeln hatte. Wahrscheinlich war das auch ein Grund dafür, dass seine Hautfarbe an flüssigen Honig erinnerte. Ein markanter Kontrast zu seinem schwarzen Haar, das die Tiefe von Onyx besaß. Wann immer ein Lichtschein in das Innere des Wagens drang, blitzte es auf, wie rabenschwarze Flügel in der Nacht – wunderschön.

»Hier ist auch alles dicht«, erklärte er. Ich beugte mich nach vorn und steckte meinen Kopf zwischen die Vordersitze, um mehr sehen zu können. In dem Moment sah er mich an, und wir waren uns so nahe, dass ich den Geruch seines Parfüms vernahm – holzig, ein Hauch Bergamotte und Mandarine.

Ich nuschelte ein »Sorry«, da ich ihm beinahe eine Kopfnuss verpasst hätte.

Er zuckte nicht mit der Wimper, aber ich sah die Belustigung in seinen Augen, wandte meinen Blick sofort ab und ließ mich auf die Rückbank fallen.

Schwer schluckend strich ich mir übers Herz, das einen schnelleren Takt angeschlagen hatte. Was war hier los?

Kopfschüttelnd starrte ich aus dem Fenster.

»Ich werde hinten herumfahren, das dauert dann zwar ein wenig länger, aber …«

»Ist nicht schlimm. Auch wenn ich es seltsam finde, dass du mich durch die Gegend kutschierst.«

»Du kannst dich auch gern nach vorn setzen. Vielleicht ist es dann weniger Miss-Daisy-und-ihr-Chauffeur-mäßig«, sagte er und drehte sich zu mir um. Er lächelte, und in seinen Augen tanzte der Schalk. Machte er sich lustig über mich? »Woher kennst du denn diesen Film?«

»Ich liebe alles aus den Achtzigern, Neunzigern.«

»Cool«, erwiderte ich aufrichtig und lächelte, ehe ich aus dem Fenster schaute und sagte: »Warte, ich komme nach vorn.« Eilig sprang ich aus dem Auto und öffnete die Beifahrertür und ließ mich neben ihn auf den Sitz fallen.

»Besser?«, fragte er grinsend, als ich die Tür schloss.

»Machst du dich über mich lustig?«

»Neeein …«, antwortete er gedehnt und verengte seine Augen, ehe er sich durch das dunkle Haar strich, das an den Seiten kurz rasiert war, aber einen Fasson-Übergang hatte, sodass die oberen Strähnen etwas länger waren. »Aber?«

»Wieso aber?«, hakte er nach.

»Weil deine Tonlage am Ende des Satzes hochgegangen ist. Meist folgt darauf ein Aber, und alles, was vor einem Aber steht, hat dann keine Bedeutung mehr.« Ich schwafelte. Warum redete ich solch einen Unsinn?

Er lachte. Kehlig, rau. Ein Klang, der mir gefiel und unbekannt war. Seltsam, da lief man sich so viele Jahre immer wieder über den Weg, und dennoch wusste man so gut wie nichts übereinander. Zumal wir zuvor noch nie allein gewesen waren. Unsere Blicke trafen sich, ruhig, fast andächtig, dabei fiel mir der kleine Cut in seiner linken Augenbraue auf, und dann war plötzlich ein lautes Rumsen zu hören.

Folge 2 Die, in der es von Gott vorherbestimmt ist, dass wir uns treffen

Zayn

Erschrocken schnellte mein Blick nach vorn. Durch die Windschutzscheibe sah ich einen verärgerten Radfahrer, der mich wütend anstarrte. Seine Hand landete ein weiteres Mal krachend auf der Motorhaube. Die Augen weit vor Zorn, der Mund zu einer schmalen Linie gepresst. Seine gesamte Körpersprache wirkte aggressiv. Die Reflektoren auf seinem gelben Helm blinkten wie ein Warnschild. »Spinnt der?«, murmelte ich und wartete ab, ob er ein weiteres Mal auf die Motorhaube schlug.

Ich öffnete das Fenster, aber da trat er schon in die Pedale seines Fahrrads, an dem ein breiter Anhänger befestigt war. Es war einer dieser Kastenwagen, die man inzwischen überall in Berlin sah. Meist saßen Kinder oder Hunde darin. In seinem Fall ragte ein Bügelbrett in die Luft.

Ich war ein entspannter Mensch, aber wenn mir jemand auf den Nerv ging, konnte ich auch anders.

»Ich fahre auch gern Fahrrad, aber das Ding ist so breit wie ein Smart«, meckerte Riley neben mir, während ich mich beruhigte.

Dass ausgerechnet sie in mein Taxi gestiegen war, war die Überraschung des Abends – eine ziemlich angenehme Überraschung.

Ich lachte leise über ihren Kommentar, denn für mich als Taxifahrer waren Radfahrer wie nervige Schmeißfliegen. Sie kamen von allen Seiten, umkreisten dich und benahmen sich rücksichtslos. Tatsächlich taten viele Radfahrer so, als gehörte ihnen persönlich die Straße.

»Meine Güte, dann soll er absteigen und die Kiste schieben«, zeterte Riley temperamentvoll weiter. Ich war mir nicht sicher, ob sich ihre Wut überhaupt noch auf den Radfahrer bezog oder eher auf die Aktion, die Charlie abgezogen hatte. Hätte mein bester Freund Arvid mich zu einem Blind Date geschickt, puh … Seine PlayStation würde aus dem Fenster fliegen.

Schmunzelnd riskierte ich einen Seitenblick. Riley lenkte mich zugegebenermaßen ab, und das nicht nur mit ihrer frechen Art, sondern auch mit ihrem Äußeren. Es waren nicht die ebenmäßigen Gesichtszüge in ihrem ovalen Gesicht oder ihr sinnlicher Mund, die mich faszinierten. Es waren ihre mandelförmigen Augen, die mit den braunen Tupfern an eine Waldlichtung erinnerten, die im Sommer erblühte. Brown Eyed Girl. Sie war hübsch. Nein, sie war schön auf diese natürliche Art und Weise.

Ich schob die Gedanken an meine Beifahrerin beiseite.

Die Demonstration hatte Kreuzberg zum Erliegen gebracht, und so wurden wir durch die Polizei umgeleitet.

An der Ampel angekommen, setzte ich den Blinker, bevor ich links abbog, da mir ein Polizist mittels Handzeichen den Weg wies.

»Großartig, das kann sich nur um Stunden handeln.«

Kopfnickend schaute ich flüchtig auf das Display meines Handys, das auf meinem Oberschenkel lag und im Sekundentakt vibrierte.

»Alles in Ordnung? Du bist offenbar gefragt«, kam es lächelnd von Riley. Sie deutete mit ihren großen Augen auf mein Handy. »Alles super.« Ich hob einen Daumen und unterdrückte ein genervtes Schnauben, da es nur im Schritttempo voranging.

Ich kannte Riley schon seit Jahren vom Sehen, aber über ein »Hallo« oder ein »Wie geht es dir?« ging das bis heute nie hinaus. Wahrscheinlich war es deshalb so seltsam, dass sie jetzt direkt neben mir saß, wenn man bedachte, wie viele Taxen und Uber durch Berlin fuhren.

Aber nein, das war nicht das Merkwürdige, sondern die Tatsache, dass da irgendetwas Vertrautes an ihr war, das ich nicht einordnen konnte.

Riley schwieg, aber aus dem Augenwinkel sah ich, dass sie ungeduldig mit ihrem Bein wippte.

Im Gegensatz zu anderen Frauen war ihr Gesicht nicht mit zig Schichten Make-up übermalt. Das war heutzutage selten, wenn man bedachte, dass man im Internet kaum noch an diesen Make-up-Tutorials vorbeikam und jede zweite Frau sich unechte Wimpern ins Gesicht klebte. Außerdem schien sie nie irgendwelchen Fashiontrends nachzulaufen. Sie war schon immer der sportliche Typ, und das gefiel mir.

Oft genug hatte ich sie auf dem Fußballplatz gesehen, wo sie ihren Bruder bei einem Spiel leidenschaftlich angefeuert oder ihren Vater besucht hatte. Ihr Bruder spielte inzwischen nicht mehr im Verein, und ihr Vater hatte seinen Trainer-Job an den Nagel gehängt. Menschlich war Rileys Vater, Gabriel, cool – freundlich, lustig. Mir gegenüber war er auch immer aufgeschlossen gewesen. Ihre Mutter kannte ich nicht. Mit ihrem Bruder hatte ich manchmal sogar an der Seitenlinie ein paar Worte gewechselt, und er schien ebenfalls nett.

Ich atmete auf, als wir uns endlich auf der Hauptstraße befanden und die Nebenstraßen um den Kotti herum verließen. Das Kottbusser Tor war ein Sammelbecken für Obdachlose, Junkies, Touristen und Berliner, die hier in den schmucklosen Hochhäusern lebten.

Die abgeblätterten Fassaden und der Müll, der sich teilweise vor den Hauseingängen sammelte, sprachen Bände, egal, wie beliebt dieser Bezirk inzwischen für Nicht-Berliner war, die in diese Stadt kamen, um Großstadtfeeling zu erleben.

Berlin war multikulturell, wurde immer lauter und bunter, das war schön, vor allem für Leute wie mich. Ich meine für Menschen, die nicht weiß oder schwarz waren. Mit meinen pakistanischen Wurzeln befand ich mich irgendwo dazwischen. Mir selbst war meine Hautfarbe egal, gehörte sie doch zu mir, und ich persönlich würde einen anderen Menschen nicht nach seinem Teint beurteilen.

Da ich wie Riley am Stadtrand von Berlin eher ländlich aufgewachsen war, fielen meine Familie und ich auf. Zumal wir den islamischen Glauben praktizierten. Meine Ammi, was Mutter auf Urdu hieß, trug ein Kopftuch. Das Hidschâb sah man in Berlins Straßen überall, es gehörte zum Stadtbild und wurde nicht infrage gestellt. Ein weiterer Grund, warum wir auf manche Leute in der ländlichen Gegend zunächst fremd gewirkt hatten, aber mit den Jahren hatten sie sich an uns gewöhnt.

Außerdem wurde ich in Deutschland geboren. Dennoch war das die Frage aller Fragen: Qualifizierte mich das dafür, ein Deutscher zu sein? Wenn meine Eltern keine Deutschen waren? Und immer so aussahen, als wären sie aus dem Urlaub gekommen? Genau wie ich. Ich hatte keine Ahnung, aber ich wusste, dass meine Hautfarbe nicht zu jeder Weltanschauung passte. Jedenfalls waren wir in den späten Neunzigern ein Fremdbild in Großziethen gewesen, ob wegen der Hautfarbe oder des Kopftuches meiner Mutter. Wobei es mehrere Varianten des Kopftuches gab und meine Ammi meist nur eine Dupatta, eine Art Schal, auf dem Kopf trug, aus dem sogar ein paar Haarsträhnen hervorlugten. Die strengere Verschleierung war dem Gebet in einer Moschee oder anderen religiösen Anlässen vorbehalten. Und damit meinte ich nicht die Ninja-Verschleierung aka Burka. Da verstand ich sogar, warum Menschen das für unheimlich hielten. Lautes Magenknurren durchbrach die Stille und meine Gedanken.

»Sorry«, murmelte Riley und legte sich peinlich berührt die Hand auf ihren Bauch, ehe sie mich lächelnd ansah. »Dafür brauchst du dich sicher nicht zu entschuldigen. Wann hast du das letzte Mal gegessen?«

»Äh, bei der Hitze habe ich nicht wirklich Hunger.«

»Das sieht dein Magen anscheinend anders. Du hast die Wahl zwischen Döner und Burger.«

»Wie? Jetzt?«

»Nein, morgen. Klar, jetzt.«

»Das wird die teuerste Taxifahrt meines Lebens«, murmelte sie, was mich zum Lachen brachte.

»Hier vorne ist gleich ein Burger King.« Ich deutete auf die andere Straßenseite, als wir das Hallesche Ufer entlangfuhren. Das Burger King-Logo leuchtete rot-orange in der Dunkelheit. »Außerdem habe ich auch Hunger. Ich stelle das Taxameter aus. Keine Sorge.«

Wir aßen unsere Burger, wobei Riley sich immer noch darüber beschwerte, dass ich die Rechnung übernommen hatte, aber ich ließ keine Frau zahlen. Das war Ehrensache.

»Wir leben immerhin im 21. Jahrhundert.«

»Stimmt, also hast du deinen Drink vorhin bezahlt, als du den Typ in der Bar sitzen gelassen hast?« Breit grinsend schob ich mir den letzten Happen meines Double-Cheeseburgers in den Mund. Nachdem ich den Bissen hinuntergeschluckt hatte, nahm ich einen Schluck Fanta und sagte: »Yeah, habe ich mir gedacht.«

»Das ist nicht dasselbe!«, rief sie empört und zeigte mit dem Finger auf mich, dann biss sie herzhaft in ihren Burger, wobei sie zuvor die Tomaten und Gurken herausgepult hatte. Ein Stück Salat quoll hervor und fiel direkt seitlich auf ihr Maxikleid, das mit ihrer sonnengebräunten Haut harmonierte.

Das brachte mich zum Lachen, zumal der Stoff bereits auf der anderen Seite mit Cola getränkt war. Sie hatte ihr Getränk am Deckel gegriffen. Ein Anfängerfehler. Riley war offenbar ein klein wenig tollpatschig, das war süß.

Hektisch bearbeitete sie den Fleck mit einer Serviette, was es nur noch schlimmer machte.

»Also, wenn du noch mal auf ein echtes Date gehen würdest, dann fändest du es nicht abturnend, wenn der Typ dich bezahlen lässt?«, hakte ich nach. Warum interessierte mich das überhaupt? Riley ist süß und seltsam unbeholfen. Ja, aber du datest nicht. Vergiss nicht, dass du andere Verpflichtungen hast. Ich bin Single, und das muss auch so bleiben. Dennoch finde ich sie faszinierend.

Sie öffnete ihren Mund, schloss ihn dann sofort wieder.

»Wusste ich es doch!«

»Ich habe Besseres zu tun, als auf Dates zu gehen.« Sie nickte sich selbst zu. Das Kleid offenbarte ihre schmalen Schultern und ließ erahnen, wie zierlich Riley war.

»Was zum Beispiel?« Beiläufig klaubte ich den Müll zusammen und stopfte ihn in die Papiertüte. Ich wollte nicht zu neugierig wirken.

»Ich habe kein Interesse an Männern …«

»Du stehst auf Frauen?« Die Frage war indiskret und schneller aus meinem Mund gekommen, als meine Gehirnsynapsen geschaltet hatten. Sie lachte.

»Nope, aber ist es so unvorstellbar, dass eine Frau keine Lust auf einen Freund hat?«

»Nein … also. Ja, klar …«, stammelte ich überrascht, weil mir ihre Art gefiel. Geradeheraus und aufrichtig.

»Und datest du?«

»Ich nehme alles, wie es kommt.« Wow, ich hörte mich wie ein Player an, dabei hatte ich das überhaupt nicht so gemeint. Ich verpasste den Moment, meine Aussage zu korrigieren, aber es änderte vermutlich nichts. Riley hatte sich ihr Bild von mir gemacht, zumindest hatten sich ihre Augen leicht verengt. Sie packte ihren Abfall zusammen und duckte sich nach etwas, das in den Fußraum gefallen war. Als sie wieder auftauchte, stieß sie mit dem Kopf gegen die Ablage. Ich biss mir auf die Faust und verkniff mir ein lautes Lachen, trotzdem kam noch so etwas wie ein kleiner Huster aus meinem Mund.

»Was?«, zischte sie durch zusammengebissene Zähne. Eine Haarsträhne klebte an ihrer Oberlippe, und sie pustete diese genervt weg.

»Du bist ein Tollpatsch.«

»Gar nicht.«

»Drei Stunts innerhalb von zehn Minuten sprechen eine andere Sprache.«

»Zählst du etwa mit? Das war nur Pech.«

»Oder bist du nervös?«

»Weswegen?« Sie legte den Kopf schief, und ihre Mandelaugen bekamen diesen lauernden Zug. Wahrscheinlich dachte sie, dass sie gefährlich aussah, aber ich lächelte vorsichtig, denn Riley bewirkte das mit ihrer Art. Und dann öffnete sie die Tür. Bevor ich ihr helfen konnte, sprang sie aus dem Auto, um den Müll wegzuwerfen.

»Danke«, murmelte ich, als sie die Tür bereits schloss.

»Danke für die Einladung«, erwiderte sie leise.

Einen Moment später lenkte ich das Auto vom Parkplatz und dachte darüber nach, ob ich mich genauer erklären sollte. Ich hatte mich anders dargestellt, als ich eigentlich war. Meine vorherige Aussage implizierte, dass ich frei über mein Leben bestimmen konnte, aber so einfach war es nicht.

Riley war gewiss anders als ich aufgewachsen und erzogen worden. Meine Eltern stellten hohe Erwartungen an mich, die ich gern zur Seite schob, da sie belastend waren. Unabhängig davon, waren sie streng, wenn es um unseren Glauben ging. Sie erwarteten, dass ich diesen zu jeder Tageszeit lebte. Im Endeffekt trug ich Allah in meinem Herzen, aber das wollte ich zu meinen Bedingungen.

Das meinen Eltern zu vermitteln, war schwierig, denn sie gehörten einer anderen Generation an, stammten aus einem anderen Land. Und auch wenn viele Menschen glaubten, dass man sich anpassen musste, wechselte man seinen Glauben nicht oder legte Traditionen ab, nur weil sich die Postleitzahl änderte. Ich selbst glaubte auch nicht daran. Der Glaube war zu fest verankert.

Aber man musste andere Bräuche und Religionen respektieren und akzeptieren, vielleicht auch dazulernen. Meine Eltern hatten sich angepasst, indem sie Jobs nachgingen, ihre Steuern zahlten und sich generell an die Gesetze hielten, so wie sie das in Pakistan auch getan hatten. Trotzdem hielten sie an ihren vertrauten Traditionen fest, weil diese sie mit ihrem Heimatland verbanden und der Islam sie mit ihrem Gott.

Er war essenziell und nichts, das man änderte. Der Glaube an Gott war für meine Eltern eine Lebenseinstellung, wie es für viele Gläubige der Fall ist, vollkommen gleich, zu welchem Gott sie beteten …

Tja, und manchmal wünschte ich mir, dass ich nicht der wäre, der ich war …

Um mich von meinen Gedanken abzulenken, stellte ich meine Playlist an, bevor ich die Klimaanlage ausschaltete und den Fensterheber betätigte. Allmählich kühlte es draußen ab, und eine stetige Brise zirkulierte durch den Innenraum. Ich erwischte Riley dabei, wie sie zum Beat von »Numb«, einem Linkin-Park-Song, wippte.

Schweigend fuhren wir durch Berlin. Manchmal sagte Ry etwas zu einem Titel, der ihr gefiel, und ich stellte fest, dass wir einen ähnlichen Musikgeschmack hatten.

Als wir eine Dreiviertelstunde später das Ortsschild von Großziethen passierten, wusste ich, dass Riley dreiundzwanzig war, Linkin Park mochte, ihren Burger lieber ohne Tomate und Gurke aß. Außerdem war sie eine Leseratte und hatte einen eigenen Podcast auf Spotify, der sich Riley’s Podcast nannte. Das beeindruckte mich, und ich wollte mehr darüber hören, aber mir lief die Zeit davon.

Leider waren wir nur noch ein paar Minuten von ihrem Zuhause entfernt. Das nervte. Erstens, weil ich keine Lust darauf hatte, den Weg zurück in die City auf mich zu nehmen, und zweitens wollte ich nicht, dass dieser Abend endete.

»Kannst du vielleicht noch mal an die Tanke ranfahren?«, fragte sie und schob ein »Wenn es keine Umstände bereitet?« hinterher.

Ich setzte den Blinker und legte einen U-Turn hin, ehe ich auf die Tankstelle fuhr. Im selben Moment wurde die Musik unterbrochen, weil eine Nachricht eingegangen war. Riley stieg aus, und ich widmete mich meinem Telefon. Es war die Zentrale. Eilig überflog ich die Meldung und fing an zu grinsen.

Wenn das nicht Gottes Fügung war.

Folge 3Die, in der mich das Schicksal dorthin führt, wo ich hingehöre

Riley

Eilig bezahlte ich meine Einkäufe. Ich hatte Zayns Zeit genug in Anspruch genommen, unabhängig davon, dass er natürlich Geld dafür bekam. Inzwischen war es kurz vor elf Uhr. Charlie hatte sich mehrfach per WhatsApp gemeldet und gefragt, wo ich bliebe, aber ich hatte sie ignoriert. Sollte Charlie doch glauben, dass ich sauer auf sie war.

Ein wenig war ich das auch immer noch, obwohl ich die Absicht hinter ihrer Aktion verstand und ihr zugutehalten wollte. Unter dem wachsamen Blick von Tankstellenwart Henry klaubte ich Chipstüte, Kaugummis, Gummibärchen und Wasserflaschen zusammen.

»Bis dann, Riley, grüß deinen Vater von mir! Der soll sich mal wieder blicken lassen, hab ihn lange nicht gesehen!«, rief er mir noch hinterher.

Nickend verließ ich den Tankstellen-Shop und trat in die kühle Nachtluft hinaus. Einen Moment schloss ich die Augen, ließ mir den Wind um die Nase wehen und inhalierte den Duft des Flieders, der zu dieser Jahreszeit an jeder Ecke blühte, obwohl der Sommer vorbei war. Lautes Gelächter störte die friedliche Stimmung, denn an der Ecke bei den Staubsaugern hingen ein paar Kids ab, die sich auf zwei Bänken mit Getränken und Musik häuslich eingerichtet hatten. Ich verkniff mir ein Schmunzeln, denn das erinnerte mich an meine Teenagerzeit.

In der Zwischenzeit wendete Zayn das weiße Elektroauto, sodass er direkt vor mir hielt. Die Beifahrertür öffnete sich, und das Erste, was ich sah, waren seine dunklen Augen, die mich dabei beobachteten, wie ich mit meinen Einkäufen ins Auto stieg und darauf achtete, dass ich nicht auf den Saum meines Kleides trat.

Sein Mundwinkel zuckte. Lag es an meinem Proviant, oder amüsierte er sich über mich? Er hatte diese geheimnisvolle Ausstrahlung, die ich nicht immer verstand oder durchschaute.

Doch eine Sache war offensichtlich, auch wenn es mich verwirrte. In seiner Gegenwart pochte mein Herz schneller, laut und ungestüm wie eine Trommel, die aus dem Takt geriet. Vor allem, als er mir die Wasserflaschen abnahm und sich unsere Fingerspitzen flüchtig berührten. Ein Elektroimpuls durchströmte meinen Körper, und ich sah die Überraschung in seinen Augen, die von dunklen Wimpern umrahmt waren, die an schwere Vorhänge erinnerten. Hatte er das etwa ebenso gespürt? Was denn? Du siehst Gespenster.

Ich räusperte mich und schloss die Tür, während mein Körper plötzlich unter Strom zu stehen schien. Im Chichi hatte ich mich müde und ausgelaugt gefühlt, aber davon merkte ich nichts mehr. Zayn … flüsterte eine leise Stimme in mir. Er ist daran schuld.

»Hier, ist für dich«, sagte ich, um meine Gedanken in die hinterste Ecke zu schieben.

Lächelnd nahm er mir die Wasserflasche ab.

»Danke, das ist sehr aufmerksam.«

Ich verdrehte die Augen, und er sah mich fragend an.

»Du hast mir vorhin ein Essen ausgegeben, und ich habe dich als meinen persönlichen Fahrer ausgenutzt. Außerdem haben wir immer noch über zwanzig Grad. Du musst trinken.« Gott, was faselte ich da? Du musst trinken? Genervt von mir selbst, starrte ich auf die Gummibärchen in meinem Schoß, die ich ihm extra mitgebracht hatte. Quasi als Snack für unterwegs. Never ever konnte ich ihm die Tüte jetzt noch geben. Er würde mich für … was? Seltsam halten? Da verdrücke ich den Inhalt lieber selbst.

»Es bleibt aufmerksam.«

Mehr sagte er nicht, und ich nahm es nickend zur Kenntnis.

Wir verließen die Tankstelle, und mit jedem gefahrenen Meter, den wir meinem Elternhaus näher kamen, wurde ich wehmütiger. Einfamilienhäuser reihten sich auf beiden Seiten der Straße, die in einer Sackgasse endete. Hier befand sich mein Elternhaus. In einigen Fenstern brannte noch Licht, meine Eltern würden aber sicher bald zu Bett gehen. Ich lauschte einem Song von Boyz II Men und war erstaunt darüber, wie viel ich über Zayn erfahren hatte. Fußball war seine Leidenschaft, er hörte gern Songs aus den Neunzigern und liebte ebenfalls Filme aus dieser Zeit.

Zu meiner Überraschung parkte er das Auto und stellte den Motor aus. Ein kleines Detail, aber nicht unwichtig.

»Musst du jetzt zurück in die City?«, fragte ich vorsichtig.

»Nein, ich habe Feierabend.«

»Cool, dann fühle ich mich nicht ganz so schrecklich.«

»Wieso?«

»Weil du fast zu Hause bist. Es ist noch früh genug. Du kannst ausgehen und mit Arvid und Serki abhängen.« Er zuckte mit den Schultern und wandte sich mir zu. Seine Hand lag lässig auf dem Lenkrad. Das cremefarbene T-Shirt setzte sich von seiner Hautfarbe ab und saß an der Brust enger. Er war der drahtige athletische Typ. Durchtrainiert wie die meisten Fußballer. Ich mochte es. Spielt keine Rolle, Riley.

»Musst du noch irgendwohin?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich sollte aussteigen, immerhin war das der Moment, aber ich blieb wie angewurzelt sitzen. Geh, bevor es peinlich wird und er dich rausschmeißt.

Ich wollte mich gerade aufraffen, als Zayn auf dem Taxameter herumdrückte, und dann fiel mir erst auf, dass es gar nicht mehr lief. Mist, sollte ich ihn darauf ansprechen? Aber dann würde er annehmen, dass ich gehen wollte. Erschreckend, denn ich wollte bleiben. Seine Gesellschaft war angenehm, beruhigend, und das, obwohl mein Herz komische Dinge in seiner Gegenwart anstellte. Hüpfen. Donnern. Rasen. Ich schaute flüchtig durch die Windschutzscheibe und sah, dass heute Nacht Vollmond war. Zusammen mit der Straßenlaterne war es im Fahrzeuginneren nicht ganz dunkel, sodass ich sein Gesicht bestens sehen konnte.

Unleserlich. Zayn öffnete die Wasserflasche, nahm einen großen Schluck, ehe er das Wort wieder an mich richtete.

»Was studierst du eigentlich?«

»Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing. Und du?«

»Grafikdesign und ein paar Pflichtmodule, die ebenfalls wirtschaftlicher Natur sind. Aber grundsätzlich bin ich eher kreativ.«

»Ah, das ist …«

»Nicht gut?«, unterbrach er mich lachend.

»Nein«, erwiderte ich hastig, denn das war falsch rübergekommen.

Sein Handy klingelte und unterbrach unsere Unterhaltung. Ich machte Anstalten, die Tür zu öffnen, aber Zayn hielt mich davon ab, indem er »Moment« sagte, bevor er das Telefonat entgegennahm. Es folgten Wortfetzen in einer anderen Sprache, derselben, in der er vorhin bereits leise mit sich selbst gesprochen hatte. Ich kannte sie nicht. Konnte sie nicht einmal durch die Laute einem Land zuordnen. Da ich wusste, dass Zayn pakistanische Wurzeln hatte, musste es Pakistanisch sein. Gab es diese Sprache überhaupt? Nein. Was sprach man in Pakistan? Englisch, genau. Und was noch?

»Sorry«, sagte er einen Augenblick später, nachdem er das Telefonat beendet hatte.

»Wo waren wir stehen geblieben?«

Offenbar wollte er auch nicht, dass ich ausstieg, zumindest deutete ich es so. »Bei der Uni, aber mich interessiert viel mehr, was für eine Sprache das eben war.«

Er lächelte. »Urdu.«

Das Fragezeichen in meinem Gesicht reichte ihm aus, um eine Erklärung hinterherzuschieben. »Meine Eltern kommen aus Pakistan.«

»Das weiß ich, aber ich wusste nicht, wie eure Sprache heißt, das ist interessant. Generell weiß ich nicht viel über Pakistan, nur dass es nicht mit Indien gleichzusetzen ist, oder? Liegt auch daran, dass du Moslem bist und dort, glaube ich, eher der Hinduismus praktiziert wird.«

»Genau. In Pakistan wird auch Englisch gesprochen, aber dann eher in der Regierung und der Geschäftswelt. Ich war noch nie in Indien, aber es ist, wie du sagst. Neben dem Hinduismus ist das Land auch christlich geprägt. In Pakistan hingegen wird der Islam praktiziert. Wir sind Moslems. Ich bin Moslem, darin unterscheiden sich Indien und Pakistan erheblich. Durch den Islam sind teilweise unsere Kultur und die Bräuche an und für sich geprägt.«

»Verstehe, und ich wusste, dass du Moslem bist. Meine Eltern sind evangelisch, und tatsächlich bin ich auch getauft worden, aber wir haben nie danach gelebt.« Ich schwieg einen Moment, dann sagte ich: »Aber ich glaube an Schicksal und das Gute im Menschen.«

»Ist doch in Ordnung. Und der Glauben ist ja etwas Privates und hat niemanden etwas anzugehen, oder? Ob man auf die Knie für Allah geht, als Jude an der Klagemauer in Jerusalem betet oder zum Vatikan reist, um sich einem sonntäglichen Gottesdienst beim Papst anzuschließen. Oder eben an das Gute im Menschen glaubt«, griff er meine Worte wieder auf. »Alles ist gleichwertig.« Dabei lächelte er sanft.

»Das hast du schön gesagt«, murmelte ich, woraufhin wir uns einen Moment schweigend ansahen und sein Blick so durchdringend war, dass mir warm wurde und ich schluckte. Meine Finger schlossen sich fester um die Wasserflasche in meiner Hand, denn es lag eine unerwartete Spannung in der Luft. Ging es ihm genauso? Kribbelte es auch in seinem Bauch?

»Danke …« Seine Antwort war zögerlich über die Lippen gekommen.

»Ja?«, hakte ich nach. Die Tonlage seiner Antwort verriet, dass da noch mehr war. Ich setzte mich seitlich hin, um es mir bequemer zu machen. Die Wasserflasche verschwand in meiner Tasche, ehe ich mich der Gummibärchentüte auf meinem Schoß widmete und sie raschelnd öffnete. Ein süßlicher Geruch stieg auf, während ich Zayn die Tüte entgegenhielt. Er verneinte kopfschüttelnd, also bediente ich mich.

»Na ja, pakistanische Eltern sind streng. Im Vergleich zu deinen Eltern sicherlich. Zumindest alle, die ich kenne. Ich bin zwar vierundzwanzig Jahre alt, aber das Alter spielt in unserem Kulturkreis keine Rolle. Meine Eltern werden immer meine Eltern bleiben und mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Vollkommen gleich, dass ich erwachsen bin und meine eigenen Entscheidungen treffen möchte. Was meine Zukunft betrifft, haben sie ein Mitspracherecht …«

Stirnrunzelnd schob ich mir ein rotes Gummibärchen in den Mund und genoss die Süße, die auf meiner Zunge explodierte. »Wieso? Woher kommt das?« Er lachte ein spöttisches Lachen.

»Es ist eine Frage des Respekts und schwer zu erklären, wenn man nicht so erzogen wurde. Meine Eltern sind ja im Endeffekt genauso aufgewachsen. In Deutschland verhält sich das anders, ich weiß. Kinder ziehen meist mit Vollendung des 18. Lebensjahrs von zu Hause aus und stehen weitgehend auf eigenen Beinen. Meine Eltern würden so etwas nicht dulden, solange ich keine Heiratsurkunde unterschrieben habe.«

Das klang irgendwie traurig und sehr einschränkend. »Echt?«

»Na ja, sie haben Angst, dass ich vom Glauben abkomme, wenn ich zu Hause ausziehe, Frauen treffe und vorher Sex habe …«

»Du bist noch Jungfrau?«, rutschte es mir heraus.

Er lachte herzlich auf. »Nein, aber nach meinem Glauben ist Geschlechtsverkehr vor der Ehe verboten. Ist ja in vielen anderen Religionen ebenfalls so.«

Ich nickte, und er schwieg. Sein Blick war dabei erneut auf mich gerichtet. Ich unterdrückte das Bedürfnis, herumzuzappeln. Zayn machte mich nervös. Dann erzählte er weiter, und ich hing gebannt an seinen Lippen. Ich hatte keine Ahnung von der pakistanischen Kultur. Außerdem gefiel mir der Bariton seiner Stimme, der tief und rau klang, so wie am frühen Morgen direkt nach dem Aufwachen.

»Ich respektiere meine Eltern zutiefst und bin, wie gesagt, auch so erzogen worden, also würde ich sie niemals infrage stellen. Sie sind für mich und meine Schwestern in ein fremdes Land gekommen, damit wir es besser haben, also versuche ich, mich an ihre Regeln zu halten: dass ich meine Wurzeln nicht vergesse und an meinem Glauben festhalte.«

»Aber funktioniert das für dich?«

»Puh, also … Ich gebe mein Bestes …«, erwiderte er grinsend und fuhr sich durch das Haar. Dann erzählte er weiter.

»Als Moslem musst du dich an die fünf Säulen des Islams halten, also an das Glaubensbekenntnis selbst, das Beten, Spenden abführen, an Ramadan, dem Fastenmonat, teilnehmen und einmal in deinem Leben an der Pilgerfahrt nach Mekka teilnehmen.«

»Wow, du bist viel beschäftigt«, warf ich ein. Jetzt lachten wir und verstummten, da wir beide zeitgleich in die Gummibärchentüte griffen und sich unsere Fingerspitzen erneut berührten.

»Sorry«, murmelte ich und war erschrocken von dem Impuls, der durch meinen Körper jagte. »Du zuerst«, sagte er, sein Blick weiterhin auf mich gerichtet. Aber dann sah ich es. Seine Augen huschten flüchtig zu meinen Lippen, ehe er wegschaute. Fühlte er sich ertappt? Bildete ich mir das Knistern nur ein?

Ich wollte das Gespräch um jeden Preis am Laufen halten, da ich mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten hatte … und da war noch mehr … Ich genoss seine Nähe. Er erzählte interessante Dinge, war aber auch ein aufmerksamer Zuhörer. Dass mein Herz dabei einen anderen Takt anschlug und wild donnerte, war ein Bonus, der mich gleichermaßen verwirrte und berauschte. »Spielst du immer noch Fußball?«

Zayn lächelte und nickte. Ich stellte eine weitere Frage, aus der sich noch eine entwickelte, und schon diskutierten wir über verschiedene Fußballvereine und welche wir mochten oder nicht. Er war Hertha-Fan, ich war es nicht, zumal ich grundsätzlich keinen Verein hatte. Denn ich erzählte ihm davon, dass ich zehn Jahre leidenschaftlich Tennis gespielt hatte und ziemlich gut darin war.

Und so ging es weiter. Angeregt sprachen wir über verschiedene Themen, ob Politik, Reisen, Essen, Freunde. Wir lachten, wurden ernst, bis wir wieder lachten. Es war verrückt, denn zunächst war der Himmel tiefblau, fast schwarz, bevor das Schwarz einem lebendigen Hellblau wich, dann zu Orange wechselte und schließlich zu einem feurigen Rot wurde.

Die Dunkelheit zersplitterte.

Die Schatten der Nacht zogen sich zurück. Vögel zwitscherten, und bald gingen die Nachbarn mit ihren Hunden Gassi.

»Es ist hell draußen geworden«, sagte er. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Wir lagen beide auf unseren Sitzen, da wir irgendwann auf die Idee gekommen waren, die Sitzlehnen nach hinten zu stellen.

Die Gesichter zueinander geneigt, blinzelte ich gegen die Müdigkeit an, die bleischwer auf mir lag. »Ich sollte langsam gehen«, wisperte ich, auch wenn ich am liebsten geblieben wäre.

»Hm, wahrscheinlich schon …«, murmelte er und rieb sich das Gesicht. Widerwillen war seinen Worten zu entnehmen. Dann sahen wir uns an, lächelten in die Stille, ehe ich mich schwerfällig aufraffte, meine Sachen zusammenklaubte und zur Tür griff. Sein »Es war schön« ließ mich nicken, bevor ich mit gemischten Gefühlen ausstieg. Einen Teil von mir zog es zu ihm zurück, wollte bei Zayn bleiben, der andere stellte diesen Wunsch infrage. Die frische Morgenluft traf mich unvorbereitet.

Ein neuer Tag war erwacht und etwas in meinem Herzen, das ich zu diesem Zeitpunkt nicht einordnen konnte.

Doch tief in mir drin ahnte ich es …

Das erste Mal wurde ich gegen zehn Uhr vormittags wach, viel zu früh, wenn man bedachte, dass ich erst um sechs Uhr ins Bett gekommen war. Das nächste Mal wachte ich um zwölf auf, weil meine Mutter klopfend vor der Zimmertür stand, um mir mitzuteilen, dass Charlie mehrmals auf dem Festnetz angerufen hatte. Ja, meine Eltern gehörten zu den Menschen, die immer noch eines besaßen und analog zu ihren Smartphones unterwegs waren. »Okay«, nuschelte ich und blinzelte gegen die Helligkeit an. Ich hatte gestern oder, besser gesagt, heute Morgen vergessen, die Jalousien zuzuziehen. Hundemüde reckte und streckte ich mich. Wenn ich an den Grund dafür dachte, kribbelte es angenehm in meiner Magengrube. Lächelnd drehte ich mich auf die Seite und tastete nach meinem Handy, das unter einem Berg aus Kissen lag.

Mit müden Augen schaute ich auf das Display. Unzählige Nachrichten und verpasste Anrufe von Charlie. Alle von gestern Abend.

22:12 CharlieWo bist du?

23:15 Charlie Bist du immer noch sauer? Sorry, ich verspreche hoch und heilig, dass ich es nie wieder tun werde. Kleiner Fingerschwur!

00:02 Charlie Das habe ich wohl verdient, aber melde dich bitte, damit ich weiß, dass du nicht irgendeinem Psychopathen über den Weg gelaufen bist. Jeffrey Dahmer war keine Ausnahme.

Ich lachte laut über ihre Message. Sie hörte eindeutig zu viel True-Crime-Podcasts. Es war meine Schuld, denn ich hatte sie mit dem Suchten von True Crime angesteckt. Blinzelnd las ich die letzte Nachricht von heute Morgen.

09:23 Charlie Ich wusste doch, dass wir diese GPS-App einrichten sollten. Es ist fast Mittag, okay nicht ganz, aber für dich schon. Wo steckt meine Frühaufsteherin?

Gähnend ließ ich das Handy auf die Matratze fallen und lächelte, dabei musterte ich die Dachschräge mit den weißen Paneelen. Fotos von mir und Charlie und meiner Familie klebten daran. Sie erinnerten an schöne Zeiten, vor allem das Bild mit meinen Eltern. Es war vor ein paar Jahren in Spanien entstanden. Gemeinsam saßen wir am Strand und lächelten in die Kamera. Meine Gedanken gingen zurück zu Charlie, und ich antwortete ihr, mit einem knappen »lebe noch«, um sie zu beruhigen.

Sie hatte recht. Ich war ein Morgenmensch und liebte es, direkt nach dem Aufstehen Sport zu treiben, Joggen, Yoga, ganz egal. Als Kind hatte ich sogar Fußball gespielt.

Fußball, da klingelte es in meinem Kopf sofort wieder, und in mir drin passierte etwas.

Leicht, flirrend. Es war zu diffus, um es zu benennen, wie eine Lichtquelle, die mich von innen heraus wärmte und Impulse in alle Richtungen meiner Gliedmaßen sandte.

Zayn … Das Gefühl wurde stärker, wenn ich an ihn dachte, an sein Lächeln oder an die dunklen Augen, die im Licht des Morgengrauens an frisch aufgebrühten Kaffee erinnerten.

Wir hatten die ganze Nacht im Taxi gesessen und uns unterhalten, das war verrückt, weil uns keine Sekunde lang der Gesprächsstoff ausgegangen war. Zayn strahlte etwas Beruhigendes und Positives aus. Er konnte ernst sein, während er zwischendurch Witze erzählte und aufgeschlossene Fragen stellte.

Ich empfand eine Art Verlust, so als hätten wir die letzten Jahre vergeudet, die wir nur entfernt befreundet waren.

In diesem Zusammenhang stellte ich mir die Frage, ob wir überhaupt je Freunde gewesen waren, denn wir hatten nie mehr als Begrüßungsfloskeln miteinander ausgetauscht, obwohl ich seine Telefonnummer hatte.

Woher, hatte ich vergessen. Man kannte sich halt vom Sehen, immerhin hingen wir mit denselben Leuten ab und besuchten auch mal dieselben Partys und Geburtstage. Zumal Zayn eben auch in Großziethen aufgewachsen war.

Als wir beide hinter vorgehaltener Hand gegähnt hatten, beschlossen wir, uns zu verabschieden. Ich war zwar müde gewesen, aber insgeheim hatte ich mir gewünscht, dass unsere Zeit zusammen noch nicht enden würde.

Das war seltsam. Ich verstand nicht, woher plötzlich dieses Flimmern meines Herzens kam.

Ich griff nach meinem Handy und war versucht, Zayns WhatsApp-Kontakt aufzurufen, aber ließ es bleiben.

Erstickt schrie ich auf, als mein Handy plötzlich vibrierte. Es war Charlie. Mit einem Gähnen nahm ich ab, während ich mich im Bett aufrichtete.

»Hm …«, murmelte ich.

»Du lebst? Wo bist du gewesen?«

»Ich war …« Einen Moment hielt ich inne. Wenn ich Charlie jetzt von Zayn erzählte, gäbe sie keine Ruhe, bis sie alle Informationen wie ein Vampir aus mir herausgesaugt hätte. Andererseits würde sie mir daraus einen Strick drehen, wenn herauskäme – vielleicht durch Zayn –, dass wir uns die ganze Nacht unterhalten hatten.

»Du warst?«

»Ich war mit Zayn zusammen. Wir haben geredet, mehr nicht.«

»Zayn? Welcher Zayn?«

»Äh, unser Zayn …«

»Ach der, wie kam das denn? Gott, war Arvid auch da? In der Oberschule war er noch kein Macho, heute weiß er einfach, dass er heiß ist. Ja, das ist das Problem und nervig …«

»Okay«, murmelte ich und ließ sie ihre kleine Rede halten, bevor ich weitersprach. »Fertig?«

»Ja, ich wollte nur betonen, dass Zayn korrekt ist.«

Ich lächelte. »Ich bin gestern in sein Taxi gestiegen.«

»Wie? Der fährt Taxi? Ich dachte, der studiert? Also nichts gegen hart arbeitende Taxifahrer, vor allem in Berlin, aber … das wäre jetzt nicht gerade mein Traumjob.«

»Er verdient sich neben dem Studium was dazu.«

»Cool, und das ist wahrscheinlich besser als zu kellnern.« Sie sprach von sich selbst.

»Also habt ihr die ganze Nacht …«

»Nur geredet«, unterbrach ich sie dieses Mal. Charlie war frech und vorlaut und ging wesentlich freizügiger mit ihrer Sexualität und dem männlichen Geschlecht um als ich. Das war kein Vorwurf, aber halt der Gegensatz zu meiner Persönlichkeit.

»Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen«, mahnte sie, während im Hintergrund plötzlich laute Musik anging, bevor eine Tür knallte. Charlie lebte in Neukölln in einer WG mit drei Mitbewohnern, denen sie immer nur Spitznamen gab, weil sie meist wieder ausgezogen waren, bevor sie sich ihre richtigen Namen merken konnte.

Ich erzählte ihr, wie der Abend verlaufen war, verschwieg allerdings, dass ich dabei die ganze Zeit lächeln musste und ich Zayns Blicke und Augen nicht vergessen konnte.

»Hat er dich für die Fahrt bezahlen lassen?«

Dieses Mädchen war ein Fuchs, ein Spürhund, und ich war mir sicher, dass die Kriminalpolizei sie sogar ohne Abschluss einstellen würde. Ich räusperte mich und wechselte das Thema. »Hoffentlich wird es heute nicht wieder so heiß.«

Sie kicherte. »Versuch es noch einmal!«

»Okay, also … ich wollte bezahlen, das kannst du ja bar oder über die App …«

»Ich bin nicht von gestern.«

»Offensichtlich nicht, Inspektor Gadget. Jedenfalls hat er mich nicht bezahlen lassen.«

»Okay, das ist entweder sehr nett, oder er steht auf dich, denn kein Typ redet mit einer Frau die ganze Nacht, wenn da nicht etwas wäre … Der wird sein Gesprächskontingent für das ganze Jahr aufgebraucht haben. Die meisten Typen kriegen ihre Zähne kaum auseinander.« Im Hintergrund krachte etwas, und dann schrie sie plötzlich: »Hey, du! Verzieh dich und lass den Müll in Ruhe!«

»Wow, bist du heute gut drauf«, witzelte ich.

»Die Gruppe Obdachlose ist wieder da. Die kommen mittlerweile täglich und wühlen in unserem Müll herum, was mir egal wäre. Manchmal werfen die Leute intakte Dinge weg, wenn ich da an unsere Wegwerfgesellschaft denke, aber das lockt Ratten an. Die rennen hier am helllichten Tag über den Hof, obwohl der Vermieter seit Monaten Fallen aufstellt.«

Angewidert verzog ich das Gesicht. Das war selbst für Neukölln grenzwertig.

»Also … ihr habt die ganze Nacht geredet. Bis wann? Und wie seid ihr verblieben?«

Und damit waren wir wieder bei Zayn und mir. Schade, ich dachte, das Thema wäre vorerst vom Tisch.

Auf der Suche nach meinen AirPods ließ ich meinen Blick über meinen Nachttisch gleiten, bis ich sie schließlich hinter einem Stapel Bücher fand. Ich stöpselte einen ein und ließ das Handy auf der Matratze liegen, während ich mich aus dem Bett hob und mich dehnte. »Bis heute Morgen.«

»Wie? Die ganze Nacht?«

»Jupp. Er ist nett, und ich mag ihn.«

»Ich mag ihn auch, aber deshalb würde ich trotzdem nicht die ganze Nacht in einem Auto mit ihm sitzen. Hm, also steht er auf dich und du auf ihn.«

»Quatsch.«

»Ha, wie du meinst. Wollen wir wetten?«

Charlie wusste genau, dass ich diesen Deal nicht eingehen würde. Das war unser Ding – Wetten um jeglichen Quatsch. Dabei hatte ich schon die ein oder andere Sache oder Geld verloren. Oder musste bei einstelligen Gradzahlen in einen See springen. Charlie war die Verrückte, aber ich ließ mich jedes Mal anstecken.

»Ich will da nichts hineininterpretieren«, sagte ich ernst, während ich an der Holztruhe vorbeiging, die als Couchtisch fungierte. Ich öffnete die Balkontür und blieb einen Moment stehen, um den Ausblick zu genießen. Die Sonne brannte erbarmungslos. Die Strandbäder und Seen rund um Berlin würden heute überfüllt sein, obwohl die Saison bereits beendet war. Aber das Geschäft ließ sich niemand entgehen.

»Wie hat er sich von dir verabschiedet, oder nein, wer hat den Abend beendet?«

»Ich meinte, dass es langsam Zeit wird, dann haben wir einen Fist Bump ausgetauscht, und das war’s.« Ich schirmte meine Augen mit der Hand ab und schaute gen Himmel. Eine Formation aus Vögeln zog vorbei.

»Hört sich zwar nach Friendzone an, aber kein Typ würde mit einer Freundin ewig im Auto abhängen.«

Das Wort »Freundin« hatte sie definitiv in Anführungszeichen gesetzt, dafür brauchte ich sie nicht zu sehen. Ihre Tonlage hatte sich leicht erhöht.

Leise lachte ich auf, da ich nicht verstand, wo das alles so plötzlich herkam. Gestern war Zayn noch Zayn gewesen – kein Mann, den wir vorher jemals in diese Richtung thematisiert hatten.

»Ist er vergeben?«, fragte sie plötzlich. Der Gedanke war mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen. »Ich weiß nicht. Über so etwas haben wir nicht gesprochen. Wie gesagt, es war nur ein harmloses Gespräch unter Freunden.«

Sie überging meinen Kommentar, aber so kannte ich Charlie. Sie bohrte immer direkt in der Wunde herum, traf den Kern.

»Ich frage mich gerade, ob ich ihn schon einmal mit jemandem gesehen habe. Arvid ja, aber der ist auch umtriebiger als jede Straßenkatze.«

Arvid war Zayns bester Freund. Die beiden waren wie Tag und Nacht, wo Zayn ruhig und gelassen zu sein schien, war Arvid laut und jemand, der in einer Gruppe von Leuten auffiel. Es war ein wenig wie mit Charlie und mir. Mich störte das nicht. Jede Beziehung brauchte ein Extrem, das in die entgegengesetzte Richtung ausschlug. So balancierte man sich gegenseitig aus. »Na ja, Arvid genießt sein Leben«, erwiderte ich diplomatisch.

»Ich wette, Zayn wird sich bei dir melden.«

»Pff.«

»Feigling.«

»Nein, das galt nicht deinem Wettvorschlag, sondern der Sache mit Zayn. Wer sagt überhaupt, dass ich das will?« Kaum hatte ich die letzte Silbe ausgesprochen, wusste ich, dass das eine Lüge war.

Ich ging zurück in mein Zimmer und zog die cremefarbenen Vorhänge vor das Fenster. Die Sonnenstrahlen brutzelten mich wie ein Spiegelei, weil sich mein Zimmer direkt unter dem Dach befand.

»Sorry, ich wollte dich nicht nerven«, wiegelte Charlie ab. Sie hatte meinen Unterton missverstanden, doch ganz unrecht hatte sie nicht.

Wem wollte ich etwas vormachen?

Insgeheim hoffte ich, dass sich Zayn melden würde.

Ich verabredete mich mit Charlie für den späten Nachmittag. Mir stand nicht der Sinn danach, mit ganz Berlin in einen See zu springen oder mich in die kilometerlange Schlange eines Strandbades zu stellen.

Außerdem wollte ich den Tag zu Hause mit meinen Eltern im Garten verbringen. Ich half meiner Mutter ein wenig bei der Gartenarbeit, bevor ich meinen Vater dazu animierte, sich zu uns zu gesellen.

Gesellschaftlich zog er sich immer weiter zurück, und das wollte ich nicht hinnehmen, zumal ich es nicht verstand. Früher hatte er täglich beim Bäcker gesessen, einen Donut gegessen und dabei in der Tageszeitung geschmökert. Heute las er diese zwar immer noch, aber in unseren vier Wänden. Grundsätzlich verließ er das Haus nur noch selten. Außerdem aß er weniger. Dass er an Gewicht verloren hatte, bereitete mir Sorgen.

Kopfschüttelnd schob ich die trüben Gedanken beiseite, immerhin saß Papa jetzt auf dem Rattansessel, und ich half ihm dabei, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Ich lümmelte neben ihm auf der Hollywoodschaukel. Die Terrasse war überdacht und hielt die heißen Sonnenstrahlen ab. Eine sanfte Brise wehte, das Radio lief, ein Rasenmäher dröhnte über die Gärten hinweg, so wie es jeden Samstag der Fall war.

Die Schuberts waren besessen von ihrem Champions-League-Rasen, das sagte Papa immer, womit er nicht unrecht hatte.

Mama widmete sich hingebungsvoll ihren Rosen, als wären sie ihre neuen Babys. Unser Garten war groß, weshalb er viel Arbeit machte, aber das störte meine Mutter nicht. Wenn Rentner eines hatten, dann Zeit.

»Wie sieht es mit deiner neuen Podcast-Folge aus?«, fragte Papa in meine Gedanken hinein. Stimmt, das musste ich auch noch entscheiden. Als Podcasterin für Bücher las ich viel, aber auch gern, obwohl das neben dem Studium zeitlich nicht immer möglich war. Trotzdem erschien jeden Sonntag eine Folge von Riley’s Podcast auf den gängigen Plattformen wie Spotify, Audible und Co. Mein Podcast war inzwischen drei Jahre alt und hatte über 40 000 Zuhörer.

Die Folgen nahm ich in unserem kleinen Gästezimmer auf, das wir früher als Abstellraum genutzt hatten. Ich war damals sofort professionell eingestiegen, indem ich mir ein passendes Programm, Kopfhörer und ein Mikrofon gekauft hatte. Sogar die Wände waren teils verkleidet, um Geräusche zu dämmen. Die Aufnahmen schnitt ich selbst zusammen, bevor ich sie auf den Plattformen hochlud.