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Sie hat ihr altes Leben zurückgelassen – doch ausgerechnet die Liebe ihres Lebens verrät sie … Amel Benaissa trägt bereits ihr Brautkleid, als sie ihr Leben endlich in die eigene Hand nimmt. Mutig lässt sie die Kontrolle ihrer streng religiösen Familie und einen Verlobten, den sie nie geliebt hat, hinter sich und folgt ihren Träumen nach London – in die Freiheit. Um sich über Wasser zu halten, wirft Amel alle Regeln ihrer konservativen Erziehung ab und arbeitet als Kellnerin in dem verruchten Club »Seduced«. Dort trifft sie auf den Fotographen Talon Stern: attraktiv, schamlos – und ausgerechnet der Mann, der unwissentlich ihre Flucht für die Nachwelt festgehalten hat. Nicht nur ist ihr Bild in seiner Galerie ausgestellt, es ziert auch das Cover eines Kunstmagazins und macht schon bald online seine Runden. Während sie mit ihren Gefühlen für Talon ringt, wird Amel langsam von ihrer Vergangenheit eingeholt … Leidenschaftlich, gefährlich, tiefgehend – eine mitreißende Hot Romance, die unter die Haut geht … Fans von Bianca Iosivoni werden begeistert sein!
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Amel Benaissa trägt bereits ihr Brautkleid, als sie ihr Leben endlich in die eigene Hand nimmt. Mutig lässt sie die Kontrolle ihrer streng religiösen Familie und einen Verlobten, den sie nie geliebt hat, hinter sich und folgt ihren Träumen nach London – in die Freiheit. Um sich über Wasser zu halten, wirft Amel alle Regeln ihrer konservativen Erziehung ab und arbeitet als Kellnerin in dem verruchten Club »Seduced«. Dort trifft sie auf den Fotographen Talon Stern: attraktiv, schamlos – und ausgerechnet der Mann, der unwissentlich ihre Flucht für die Nachwelt festgehalten hat. Nicht nur ist ihr Bild in seiner Galerie ausgestellt, es ziert auch das Cover eines Kunstmagazins und macht schon bald online seine Runden. Während sie mit ihren Gefühlen für Talon ringt, wird Amel langsam von ihrer Vergangenheit eingeholt …
eBook-Neuausgabe Dezember 2025
Dieses Buch erschien bereits 2021 im Selfpublishing.
Copyright © der Originalausgabe 2021 by Sofia Kus
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock / shutterstock AI
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-69076-610-4
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Sofia Kus
Roman
Lord Huron , The Night We Met
BON IVER , Holocene
DILLON , Thirteen Thirtyfive
Amber Run , I Found
Surf Mesa , I love you Baby
Vancouver Sleep Clinic , Stakes
Vancouver Sleep Clinic , Killing Me To Love You
Lana Del Rey , Chemtrails Over The Country Club
Lana Del Rey , Venice Bitch
Tate McRae , Slower
Dieses Werk war mir ein persönliches Anliegen.
Ich bin Jahre drum herumgeschlichen, weil es auf eine Art auch sehr vernichtend sein kann.
Es geht um die Religion und den Glauben an Gott.
Die Passagen hierzu wurden genau recherchiert und dafür wurde Rücksprache mit fachkundigen Personen gehalten.
Die Religion soll hierbei allerdings nicht im Vordergrund stehen, sondern die Frau an und für sich.
Mit diesem Werk möchte ich niemanden diskriminieren oder gar diskreditieren, aber ich weise daraufhin, dass ich sehr wohl mitreden kann.
Denn ich bin eine Muslima, die in unserer modernen Welt lebt und um die Umstände weiß.
Ehre & Schande
Was bedeuten diese Worte eigentlich?
Laut dem Duden geht es bei der Ehre darum, dass einem Ansehen und Wertschätzung durch andere Menschen widerfahren.
Schande hingegen, schadet genau diesem Ansehen und der Wertschätzung.
Und was führt der Duden als Beispiel für Ehre & Schande auf?
Ich muss jetzt fast lachen, wenn es nicht so tragisch wäre, denn einige Menschen nehmen das heute immer noch zu ernst.
Der Duden führt hierfür die Ehre einer Familie auf.
Genauso wie er erwähnt, dass das falsche
Benehmen der Familie Schande bereiten kann. Familie ist dabei das Stichwort!
Hm, Schande und Ehre …
Ehre und Schande …
Die Ehre einer Familie ist in meiner Welt immer noch mehr wert,
als das Leben an und für sich selbst …
Merkt euch das!
Sinngemäße Übersetzungen
Al-Hamdu li-Llāh – Gott sei Dank
In schāʾ Allāh – So Gott will …
Maktūb – Es steht von Gott geschrieben
Mā šāʾa llāh – Wie Gott will. Wird als Lob verwendet
Harâm – Verboten/Sünde
Makrūh – Verpönte Handlung
Halāl – Dinge, die nach der Heiligen Schrift als zulässig gelten
Ayib – Ungehörig in der Gesellschaft
Hijab – Eine Form der Verschleierung
Niqab – Eine Form der Verschleierung, die nur die Augen freilässt
Burka – Eine Form der Verschleierung, die selbst die Augen verhüllt.
Ǧanna – Paradies
Wuḍû – Rituelle Waschung
Zinā – Geschlechtsverkehr unter nicht verheirateten oder Ehebruch
Das hier war nicht wirklich eine Liebesgeschichte, denn ich konnte leider nur verlieren. Entweder ihn oder meine Familie und am Ende vielleicht sogar mein Leben. Es hätte eine Liebesgeschichte werden können, wenn ich dafür gekämpft und meinen Preis bezahlt hätte. Es kam darauf an, wie man Liebesgeschichte definierte … Unsere lebensfrohe Welt funktionierte für ein Mädchen, das aus einer religiösen Familie stammte, nicht so wie für die meisten Mädchen. Erst recht nicht, wenn alle dabei mitmachten – dabei mitmachten über mein Leben zu bestimmen. Alle? Eltern, Geschwister, Tanten, Onkel, alles, was sich in unmittelbarer Blutlinie zu mir befand, hatte etwas zu sagen. Ich sprach nicht von irgendeinem profanen Eltern-Schwachsinn. Ich sprach von essenziellen Dingen. Ich sollte mich noch einmal korrigieren. Mit Sicherheit war es kein Eltern-Schwachsinn, wenn du mit dreiundzwanzig Jahren spätestens, um zwanzig Uhr zuhause zu sein hattest. Jeder Schritt in meinem Leben war mir diktiert und überwacht worden. Es begann bei einer schicklichen Klamottenauswahl, in der ich das Haus zu verlassen hatte und endete tragischerweise dabei, wen ich zu heiraten hatte. Jede Entscheidung, die dazwischen stattfand, wurde natürlich auch vorher, wie ein Antrag bei einer Behörde, abgesegnet. Nur dass meine Behörde mein Vater oder einer meiner zwei ach so liebevollen Brüder war – meine Cousins außen vorgelassen. »Big Brother is watching you«, bekam dabei eine ganz neue Bedeutung.
Wer jetzt gedacht hätte, dass meine Eltern nur darauf achtgeben wollten, dass ich eine gute Partie abkriegte, der irrt. Es ging nur darum, dass mir am Hochzeitsabend ordentlich Gold angehangen wurde, am besten so, dass mein Kopf sich immer zum Boden neigt, so wie es sich für ein Mädchen gehörte. Zudem sollte mein zukünftiger Ehemann, wenn möglich, den Koran rauf und runter zitieren können. Ja, so fühlte es sich an, aber war das wirklich so gewollt? Der Koran hielt die Frau nicht klein. Es waren die Männer, die dieses Werk nutzten, um ihre Frauen zu unterdrücken. Schwach und dumm sollten wir bleiben, damit sie immer die Hosen anbehalten würden. Es gab hundertprozentig strittige Passagen, diesen Umstand sollte ich nicht leugnen, aber es lag mit Sicherheit auch daran, dass der Koran ewig alt war und man als logisch denkender Mensch nicht alles beim Wort nehmen musste – beim Wort nehmen sollte – beim Wort nehmen konnte. Das passierte in vielen Kulturen und Religionen, aber ich konnte nur für mich sprechen – nur über den Dunstkreis reden, indem ich aufgewachsen war. Das war nicht in allen Familien so. Nur ein Mensch mit begrenzter Intelligenz unterdrückte sein eigen Fleisch und Blut, da würde mir jeder zustimmen. Aber das änderte nichts, solange alle bei dieser »Farce« mitmachten. Das Wort war schon fast eine Beleidigung für diesen tragischen Umstand, dass Mädchen wie die zweite Wahl einer Levi’s Jeans behandelt wurden. In meiner Welt war der Mann im Endeffekt immer noch das stärkste Glied. Also, was bedeutete das für mich als junge Frau?
Niemand – wirklich niemand, hätte sich aufgelehnt, weil keiner Schande über seine Familie bringen mochte. Schande, die nicht nur einfach mit einem bösen Blick abgestraft wurde oder einer kleinen Standpauke. Nein, Schande im Dunstkreis unserer Leute, bedeutete den Rausschmiss aus deiner Familie oder eben das Ende deines Lebens. So lief es und nicht anders – meistens. Wer jetzt glaubte, dass meine Geschichte 1935 plus minus spielte, den muss ich leider enttäuschen. Es war das Jahr 2018 und der zeitliche Fortschritt änderte nichts an der Einstellung meines Vaters. Wie auch? Er kannte es nicht anders. Sie alle kannten es nicht anders, auch wenn sie es doch besser wissen mussten, aber so war es am bequemsten – am einfachsten.
Warum?
Weil sie immer die Hosen anbehalten würden.
Sie? Die Männer … Männer, die in der Welt, in der ich aufgewachsen war, über alles in meinem Leben bestimmen durften.
Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht irgendwann das Band zerschnitten hätte – die Reißleine gezogen hätte. Es passierte nicht oft, dass ein Mädchen aus unseren Kreisen ihren eigenen Weg ging und somit alles auf eine Karte setzte, somit vielleicht ihre Familie verlor und in letzter Konsequenz das Paradies … Denn die weite Welt lockte und verführte und das war es, was ein Mädchen erleben wollte – sie wollte leben … Unabhängig davon, dass sie im Begriff war, den Eintritt ins Paradies zu verlieren.
Berlin, Deutschland
10 Jahre alt
Mit zehn Jahren sollte das Leben unbeschwert sein, aber dieses Privileg genossen leider nicht alle Kinder unter uns. Meines war schon immer voll von Regeln und Konventionen, denen ich mich zu unterwerfen hatte. Das galt besonders für mich als Mädchen. Mädchen wurden schon immer anders in unseren Kreisen behandelt. Anders ja, aber nicht positiv anders, sondern eher so, dass man ihnen alles verbot, während Jungs schon immer tun und lassen konnten, was sie wollten. Das erste Mal wurde mir das bewusst, als ich eines Tages nach Hause kam und ein Mitschüler eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Ein Mitschüler aus meiner Klasse veranstaltete eine Geburtstagsfeier, zu der er mich einlud. Tja, mein Vater hatte sich darüber aufgeregt und gefragt, wie es sein kann, dass ich Anrufe von einem Jungen erhalte. Wie er es wagen kann, bei mir anzurufen. Ich bekam den Anschiss meines Lebens, zwei Ohrfeigen und wurde auf mein Zimmer geschickt. Meine älteren Brüder musterten mich argwöhnisch, während ich nicht begriff, was ich falsch gemacht hatte. Der Fehler war einfach, dass ein arabisches Mädchen keinen Kontakt zu dem anderen Geschlecht pflegte, wenn es nicht der eigene Vater oder Bruder war.
Berlin, Deutschland
14 Jahre alt
»Amel, wenn du nicht am Schwimmunterricht teilnimmst, muss ich das mit einer Sechs bewerten.« Kopfnickend lauschte ich den Worten meiner Sportlehrerin, während mich meine Mitschüler verstohlen musterten und ihre Arschbomben in das Schwimmbecken machten. Ich war es inzwischen gewohnt, dass ein arabisches Mädchen, das dazu noch eine Muslima war, nicht so offen und frei lebte, wie es andere taten. Rauna, meine beste Freundin, zwinkerte mir zu und machte einen Köpper vom Beckenrand. Sie trug einen simplen Badeanzug, aber selbst das wäre für meine Familie schon zu freizügig gewesen. Das hier war mein Leben, und auch nicht, denn ich würde ewig diejenige sein, die von außen zusah, während andere ihr Leben voll auskosteten. Nur weil mein Vater der Meinung war, dass man mir beim gemeinsamen Schwimmunterricht mit den Jungs aus meiner Klasse etwas weggucken könnte. Meine Mitschüler sahen mich teilweise belustigt, teilweise mitleidig an. Amel, das Mädchen, das sich von jedem männlichen Wesen fernhielt und deshalb noch mehr gehänselt wurde. Sie versuchten es zumindest, aber ich war eine starke Person. Und Außenstehende würden nie verstehen, wie unsere Lebensweise funktionierte, denn sie kannten es nicht anders, so wie meine Familie es nicht anders kannte. Machte es das besser? Nein. Nur schwerer, denn ich wollte einfach nur frei sein … So wie alle anderen auch.
Berlin, Deutschland
16 Jahre alt
»Ich habe nein gesagt!«, schrie mein Vater und schlug meine Zimmertür hinter sich so heftig zu, dass sie sich nochmal öffnete, bevor sie zurück ins Schloss fiel. Mit einem Kloß im Magen saß ich auf meinem Bett und musterte meine kurzen Fingernägel. Automatisch dachte ich an Raunas bunt lackierte Nägel und lächelte. Rauna lebte und ich lebte durch Rauna. Selbst wenn ich ihr nur ihre Fingernägel lackierte. Eine Muslima, die fünfmal am Tag betete, konnte keinen Nagellack tragen, weil sie für jedes Gebet immer sauber und rein sein musste. Aber trotzdem gab es genug Muslima, die sich für einen großartigen Anlass die Nägel lackierten. Daran war nichts Anstößiges, aber mein Vater und meine Brüder verkauften es gerne so. Scheiß auf den Nagellack, darum ging es heute nicht, sondern darum, dass ich gerne mit einer Gruppe Mädchen aus meiner Schule ins Kino gehen wollte. Die Vorstellung sollte um 20.00 Uhr beginnen, aber selbst das gehörte sich angeblich nicht. Ich hasste mein Leben, das alles. Selbst Aysel durfte mitgehen, obwohl die Türkin auch eine Muslima war, aber ihre Familie war weltoffener. Sie musste sich auch nicht wie ein Sack anziehen und trug Nagellack. Sie wurde nach dem Kinobesuch von ihrem Bruder abgeholt und das war in Ordnung. Ihr Bruder war cooler, im Gegensatz zu Adnan, der vorhin in mein Zimmer gestürmt war und mich am Hals gepackt hatte und daran erinnerte, dass ich zu gehorchen hatte. Wie so oft steckte meine Mutter ihren Kopf durch den Türspalt meiner Zimmertür und musterte mich einfach. Sie blieb stumm, so wie schon immer … Und wieder wurde ich zur Außenseiterin und schämte mich dafür, weil niemand meinen Vater verstand, außer Aysel, denn sie kannte unsere Welt, wenngleich ihre nicht ganz so düster war wie die meine. Zumindest war ihr Käfig vergoldet, im Gegensatz zu dem meinen …
Berlin, Deutschland
18 Jahre alt
Happy Birthday!
Rauna hob das Plakat über ihren Kopf und hauchte mir einen Luftkuss zu, während ich sie vom Fenster aus beobachtete. Dann verschwand sie in der Menge an Menschen, die jeden Tag die Sonnenallee rauf und runter pilgerten. Ich wurde heute 18 Jahre alt. Für viele junge Menschen bedeutete das Freiheit – Freiheit Verträge im Rechtsverkehr auf den eigenen Namen abzuschließen, den Eltern den Mittelfinger zu zeigen, wenn sie einem auf die Nerven gingen und eine eigene Wohnung anzumieten, in der sie dann die wildesten Partys feierten. Für mich änderte es nichts, bis auf die Tatsache, dass ich einen kleinen Sieg errungen hatte. Den Sieg darüber, dass ich mein Abitur machen durfte. Während Raunas Eltern ihr damit ständig in den Ohren lagen, sahen meine nicht den Sinn darin. Schließlich würde ich heiraten und Kinder kriegen und irgendjemand musste doch die Scheiße aus dem Klo wegputzen und kochen. Ich blickte stur aus dem Fenster, während meine Mutter in der Küche Essen vorbereitete. Meine Cousinen würden vorbeikommen und wir würden meinen Geburtstag feiern – nur wir Frauen. Ja, in unserer Welt wurde fast alles getrennt unternommen. Nur Kinder wurden zusammen gezeugt, aber danach wurde die Frau oft wie eine Art Nutztier gesehen und gehalten, zwar in keinem Stall, aber die Mietwohnung war das Sinnbild dafür. Ich wäre viel lieber mit Rauna ins Kino gegangen oder einfach in eine Cocktailbar, aber das kam nicht infrage. Davonstehlen konnte ich mich auch schlecht, denn sobald ich nur einen Fuß auf die Straße gesetzt hätte, würde irgendein Arschkriecher meiner Brüder oder meines Vaters sein Handy in die Hand nehmen, oder er würde spätestens beim nächsten Zusammentreffen darüber sprechen. Die Sonnenallee war eine Straße in Berlin Neukölln, die von Arabern übervölkert war. Wir waren überall. Wir? Ich wurde zwar in Berlin Charlottenburg geboren, aber keine Sau erkannte mich als Deutsche an, was in Ordnung war. Ich kannte es nicht anders. Obwohl meine Gedanken eher »deutscher« Natur waren.
Was das bedeutete?
Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, aber es war eine Aussage von dummen arabischen Menschen, die mit der freien Lebensweise nichts anfangen konnten. Deutsche waren immer direkt und nahmen selten ein Blatt vor den Mund. Sie scherten sich nicht darum, was andere über sie dachten. Das gefiel mir, weil es so ehrlich war und nicht so heuchlerisch. Sie lebten nach ihrer Fasson. Punkt. Wenn Tochter XYZ an ihrem 18. Geburtstag ausziehen wollte, dann wurde darüber gesprochen und man unterstützte sich gegenseitig, so wie das in Raunas Familie der Fall war. Genauso wie Tochter XYZ ins Kino gehen durfte, oder gar auf Partys. Ja, das war cool. Es war meist sogar ein Matriarchat und nicht wie bei mir zuhause ein Patriarchat. Frauen hatten etwas zu melden und das wollte ich auch, und mit jedem Lebensjahr, das verstrich, umso mehr …
Berlin, Deutschland
20 Jahre alt
Mein Bruder musterte mich von der Seite. Es würde nicht lange dauern, da würde er seine schlechte Laune wieder an mir auslassen.
»Es ist schon lange Zeit, dass du ein Hijab trägst!«, sagte er, während ich am Esstisch saß und meine Sachen für die Universität zusammenpackte. Ich studierte im ersten Semester Modedesign und das auch nur mit einem Kampf, obwohl Adnan das missfiel, aber ich schaffte es, mich durchzusetzen, weil mein Vater manchmal doch das letzte Wort behielt, wenn mein Bruder ihm nicht wie der Teufel ins Ohr flüsterte.
»Baba«, sagte er, woraufhin mein Vater mich aus seinen dunklen Augen musterte. Mein Vater war für mich wie ein Fremdkörper. Wir hatten keine Nähe zueinander, das war normal in unserer Kultur, obwohl es auch Ausnahmen gab, die gab es zwar immer, aber nicht in der Fülle … Mein Vater fuhr sich mit seiner fleischigen Hand durch sein graues Haar.
»In schāʾ Allāh, wird bald jemand um ihre Hand anhalten.« Mein Bruder schnaubte und ich hoffte einfach nur, dass niemand kommen würde. Ich hatte keine Lust auf einen weiteren Unterdrücker, der die Vagina einer Frau als Bedrohung sah. Aber was sollte ich tun? In schāʾ Allāh – so Gott will, würde mein Zukünftiger nicht von mir verlangen, einen Schleier zu tragen. Das sollte meine Entscheidung sein! Und ja, vielleicht hätte ich eher hoffen sollen, dass kein Heiratsinteressent vorbeikommen würde, aber das war ein Trugschluss. Araber heirateten immer. Ich wollte das Wohnzimmer verlassen, als Adnan sich nochmal zu Wort meldete.
»Bring mir einen Tee!«
Fick dich, dachte ich, aber antworten tat ich: »Tayib!« Das beutet so viel wie »Ja.« Ich ekelte mich vor mir selbst, aber wie sollte man aus diesem Kreis ausbrechen, wenn man am Ende nicht allein dastehen oder zur Schande werden wollte?
Wie?
Wenn ich doch bloß die Lösung auf das Rätsel gekannt hätte …
Berlin, Deutschland
23 Jahre alt
Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde. Seit Rauna letztes Jahr nach London ausgewandert war, fühlte ich mich allein. Wir telefonierten und schrieben uns regelmäßig über WhatsApp, aber weh tat es mir trotzdem, weil ich niemanden mehr hatte, der mich verstand und den ich auf ein Stück Karottenkuchen im Starbucks treffen konnte. Ich war am Arsch, denn nachdem mein Vater mehrere Heiratsinteressenten abgewiesen hatte, musste sich irgendwann einer als würdig erweisen. Sharif … irgendwas saß im Wohnzimmer mit seinem Gefolge auf der Couch und würdigte mich keines Blickes, während die Frauen meiner Familie Tee und Gebäck servierten. Mein Vater war angetan von ihm, weil seine Familie Geld hatte und die Familie einen guten Ruf genoss, was nur an der Menge an Geld lag. Das war komisch, denn gläubige Menschen sollten doch nicht gierig sein, oder? Das war doch in jeder Religion so. Aber so, wie wir Menschen waren, pickten wir uns das Beste raus und immerhin ging es doch um seine Tochter. Mir ging das Geld sonst wo vorbei, ebenso wie dieser Typ, der zwar nicht schlecht aussah, aber trotzdem kotzte ich innerlich bei so viel Bigotterie. Abgesehen davon, dass ich diesen Mann überhaupt nicht kannte. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, aber er wendete kein einziges Mal das Wort direkt an mich. Weshalb auch? Ich würde eine KitchenAid und Putzfrau in einem für ihn sein, die zwischendurch auch noch die Beine für ihn breitmachte. Ich war ein Hauptgewinn für dieses Arschloch. Dass seine Mutter neben ihm saß, war lediglich dem geschuldet, dass sie mich begutachten wollte, aber wirklich unterhalten hatte sie sich auch nicht mit mir. Sharif kam aus einer streng gläubigen Familie und hatte Geld und damit war mein Schicksal besiegelt. Die Verlobungszeit war meine Schonzeit und würde ein Jahr andauern. Wenn diese rum wär, wären meine Eltern mich los und ich würde Sharifs Problem sein. Bis dahin konnte ich mein Dasein fristen, denn so wie es aussah, würde ich mein Studium, und somit mein letztes bisschen Freiheit, ebenfalls an den Nagel hängen dürfen.
Berlin, Deutschland
28.05.2018
»Versuche wenigstens etwas zu lächeln! Es ist immerhin dein Hochzeitstag«, meckerte meine Tante Zohra. Meine Mutter hatte es bereits aufgegeben, so wie eigentlich immer, wenn ich auf Durchzug schaltete. Sie stand hinter uns und beobachtete mich sorgenvoll, aber jetzt war es zu spät, sie hatte mir dasselbe Schicksal auferlegt, dabei lebten wir im modernen Europa, wo Zwangsehen gar nicht mehr hätten stattfinden sollten. Ich kannte keine Frau, die schwächer war als meine Mutter Wahiba – keine Frau, die sich alles gefallen ließ und sich ihr ganzes Leben lang auf der Nase rumtanzen ließ. Ich fächerte mir Luft zu, weil ich in dem schweren Kleid, das eindeutig mit zu vielen Perlen behangen war, drohte zu ersticken. Der schwere Seidenstoff und die zig Lagen Tüll unter diesem, wogen mindestens zehn Kilo. Das Niqab tat sein Übriges, denn ich würde mit Vollendung der Ehe ein Kopftuch tragen müssen, obwohl ich vorher immer frei gewesen war – jedenfalls was meine Kopfbedeckung betraf. Aber mein Zukünftiger verlangte es so und von daher …
Wieso sollte man die betroffene Frau überhaupt nach ihrer Meinung fragen? Ja, ich war einfach nur eine Frau … ein Mädchen, das erwachsen wurde und von einem Käfig zum nächsten gereicht wurde … Einfach nur eine Frau, die alles mit sich anstellen lassen musste, um die Ehre ihrer Familie aufrechtzuerhalten.
Koste es, was es wolle.
Koste es ihre Seele.
Koste es ihr Leben.
»Kopf hoch!«, rief Zohra und stupste mein Kinn von unten an, damit sie mir das weiße Tuch um den Kopf binden konnte. Meine wallende Lockenmähne verschwand unter dem weißen Seidentuch, weil diese zukünftig nur den Augen meines Ehemannes vorbehalten war. Zudem wurde das Niqab so gebunden, dass man am Ende nur noch meine Augen sehen konnte. Es verhüllte also mein gesamtes Gesicht, was für mich eine Zumutung war und auf den deutschen Straßen nicht gern gesehen wurde, auch wenn Berlin multikulti war. Ich verstand die Menschen, denn diese Aufmachung war unheimlich und unnötig. Das Bedecken meiner Haare hätte auch gereicht, dabei gab es weitaus schlimmere Sünden, als diese Vorgabe zu unterlassen. Der Politik war die Verschleierung mittels Niqab auch ein Dorn im Auge. In hohen gerichtlichen Instanzen wurde mehrfach darüber prozessiert, was mir im Endeffekt nicht viel brachte. Mein zukünftiger Ehemann war saudi-arabischer Abstammung und erwartete seine gesamte Familie zur Feier, sodass ich für diesen Tag angehalten war, mich komplett zu verschleiern. Ich fand es albern, denn in meinen Augen hätte es das »Hijab«, welches lediglich die Haare verhüllt, auch getan. Davon mal abgesehen, dass mein freier Wille hier nichts zur Sache tat, obwohl dieser für den Glauben an Gott im Endeffekt das Fundament war – er war unabdingbar, aber so viel Verstand legten nicht alle Familien aus unserer Welt an den Tag. Es tat auch nichts mehr zur Sache, denn sobald der Imam, Sharif und mich vor Allāhvermählen würde, wäre ich sein Problem. Meine Familie entließ mich in den Schoß dieses Mannes, ob ich damit einverstanden war, tat auch nichts zur Sache, denn Sharif war eine gute Partie. Seine Familie besaß Geld und Ansehen und nur aus diesem Grund entschied sich mein Vater für ihn – ja, mein Baba hatte in dieser Sache letztendlich entschieden, obwohl ich mich ein Jahr lang immer wieder dagegen ausgesprochen hatte. Nachdem meine Tante mir das Niqab umgebunden hatte, bekam ich noch mehr Platzangst, als überhaupt möglich. Das schwere Kleid drückte mir förmlich die Luft ab, das Kopftuch war heiß und kratzte an der Kopfhaut und durch meinen Mund und Nase konnte ich auch nicht mehr frei atmen. Die Trommelwirbel der Darbuka, die durch den kitschig traditionell geschmückten Saal donnerten, machten mich nur nervöser. Alle feierten und jubelten, während ich mich fühlte, als opferte man mich auf einem Altar und für mich still und heimlich eine Welt zusammenbrach.
»Du brauchst nur zu antworten, wenn der Imam dich anspricht. Dein Vater hat bereits alles geklärt«, sagte meine Mutter zu mir und küsste mir zum Abschied auf die Stirn.
»Ahbik!«, sprach ich auf Arabisch aus. »Ich liebe dich« hatte ich selten zu meiner Mutter gesagt, deshalb hielt sie inne und lächelte, bevor sie durch die Tür in den Hochzeitssaal verschwand und aus meinem Leben, nur wusste sie das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Meine Cousinen und Tanten verließen ebenfalls den Raum, um mir einen Moment zu geben. Ich atmete tief durch und schnappte mir mein Telefon. Hastig rief ich die Uber-App auf und bestellte mir ein Auto – meinen Fluchtwagen, der an einer bestimmten Ecke auf mich warten sollte. Währenddessen zog ich meine Tasche unter dem kitschigen Schminktisch hervor, der für mich vollkommen sinnlos war, wenn man darüber nachdachte, dass man sowieso nur meine Augen sehen konnte. Meine Tasche beinhaltete nur das Nötigste. Wechselklamotten, meinen Pass, ein Ladegerät und Bargeld. Meinen Koffer mit weiteren Klamotten hatte ich vor zwei Tagen am Bahnhof Zoo gebunkert. Ich musste erst hier rauskommen, deshalb konnte ich nur in meinem Kleid flüchten, aber vorher zog ich mir meine Turnschuhe über und ließ die Absatzschuhe unter einem Sessel verschwinden. Das Niqab ließ ich beabsichtigt auf, weil ich immer noch nicht sicher war, ob man mich nicht doch erwischen würde, denn dann hätte ich immer noch sagen können, dass ich nur etwas Luft schnappen wollte, auch wenn der Rucksack irritiert hätte. Mit bollerndem Puls horchte ich auf jedes Geräusch, was gar nicht so einfach war, denn die Trommeln der Darbuka waren immer noch zu hören, also öffnete ich die Tür und spähte raus. Als die Luft rein war, hielt ich mich links und lief den Gang entlang auf den Hinterausgang zu, der nur der Braut vorbehalten war. Hierher konnte sich die Braut mit den weiblichen Mitgliedern ihrer Familie zurückziehen, sodass ich mich nur vor diesen zu fürchten hatte. Männer hatten hier hinten nichts zu suchen, was für mich umso besser war, denn das bedeutete, dass mir meine beiden Brüder, Adnan und Adil, nicht in die Quere kommen konnten. Ich musste weit weg sein, wenn meine Familie merken würde, dass ich getürmt war, ansonsten … Ich starrte auf mein Handy. Der Uber-Fahrer würde in vier Minuten da sein. Perfekt. Am Ende des Ganges befand sich der Hinterausgang, der direkt auf einen Parkplatz führen würde, auf dem sich in der Regel immer ein paar Raucher aufhielten, die sich vor ihren Familien versteckten. Ich kannte diesen Saal wie meine Westentasche, denn er gehörte zu den Hochzeitssälen, die Großhochzeiten ausrichteten. Hier heirateten meistens arabisch- oder türkischstämmige Hochzeitspaare, für die das Heiraten eine Art Sport war, denn es wurde immer irgendein Paar verheiratet, aber ich war mir sicher, dass nicht alle unter Zwang heirateten. Das Trommeln war immer noch zu hören, was so viel hieß, dass die Gäste eintrafen und Platz nahmen. Ich öffnete die schwere Eisentür, die wie eine Brandschutztür aussah und spähte aus dem Türrahmen heraus nach links und rechts. Die Tasche krallte ich so fest, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten. Durch das weiße Kleid war ich zu auffällig und durch das Niqab war meine Sicht eingeschränkt, aber die Luft war rein, also sprintete ich los. Ich rannte um mein Leben. Das Uber wartete bereits vorne an der Ecke auf mich und ich brauchte nur noch in das Auto zu springen. Ich sprintete über den hinteren Teil des Parkplatzes in mehr oder weniger geduckter Haltung, dabei hielt ich mit meiner freien Hand mein schweres Kleid hoch, weil es mir ohne die Absätze zu lang war. Der Schweiß brach mir aus und das Adrenalin pumpte. Die Angst erwischt zu werden, war präsenter denn je. Ich musste es schaffen, also beschleunigte ich meine Schritte und überquerte die Straße.
»Uber?«, rief ich dem Fahrer des schwarzen Kombis zu, der in der zweiten Reihe hielt.
»Jo!«, antwortete dieser in typischer Berliner Manier und blickte verwirrt drein, weil er offenbar geschnallt hatte, dass ich am Türmen war. Erleichtert öffnete ich die Tür, als ich plötzlich meinen Namen hörte. Mein Körper erstarrte.
»Amel!« Mein Herz blieb stehen, denn ich erkannte die Stimme meines älteren Bruders Adnans sofort. Was hatte er hier draußen zu suchen? Ich blickte nach oben und unsere Blicke trafen sich. Er stand auf der anderen Straßenseite in seinem schwarzen Anzug und ballte die Hände zu Fäusten. Seine wütenden Augen trafen mich bis ins Mark, aber es gab kein Zurück mehr. Mir stiegen die Tränen in die Augen, denn meine Flucht würde »für immer« bedeuten. In diesem Augenblick fühlte es sich an, als würde die Zeit stillstehen, keiner von uns bewegte sich oder zuckte auch nur mit der Wimper. Seine dunklen Augen waren geweitet, während ich drohte zu ersticken. Genau deshalb riss ich mir das Niqab vom Kopf und hielt es mit den Fingerspitzen fest, damit der Wind es nicht davontrug. Ein Windstoß jagte meine Lockenmähne tanzend in die Luft, kitzelte meine Kopfhaut und für einen Moment konnte ich frei atmen, doch dann sammelte ich mich sofort wieder, weil Adnan dazu ansetzte, die Straße zu überqueren.
»Wenn du jetzt verschwindest … Amel! Du bringst bewusst Schande über uns! Du bist tot, Amel! Hörst du! Tot!«, schrie er wütend, als ich auch schon in das Auto sprang und kreischte: »Fahren Sie los! Schnell!« Mein Puls bollerte ins Unendliche, zusammen mit meiner Angst, die soeben ins Unermessliche gestiegen war. Das letzte, was ich von meinem Bruder hörte, war das Aufschlagen seiner flachen Hand gegen die Heckscheibe, die im Innenraum des nach Zigarette riechenden Fahrzeugs, ein dumpfes Geräusch hinterließ. Ich zitterte vor Angst und Adrenalin, aber ich hatte es geschafft.
»Junge, Junge«, maulte der Fahrer und blickte in den Rückspiegel, bevor er sich mir widmete und meine Aufmachung musterte.
»Ditt isʾ wohl Berlin«, brummte er.
»Immer noch zum Zoo?«, fragte der Fahrer mit den langen Haaren und dem Schnauzer.
»Ja!« Ich legte meinen Kopf zurück und fuhr hoffentlich in ein neues Leben.
In schāʾ Allāh – so Gott will …
Berlin, Deutschland
28.05.2018
Ich streifte durch Berlin und genoss die Sonne, die sich heute nach Tagen endlich mal wieder blicken ließ. Als gebürtiger Engländer war mir Regen zwar nicht fremd, aber wer bevorzugte nicht die warmen Sonnenstrahlen und das Vitamin D, das damit einherging? Außerdem würden die Motive, die mir vor die Linse traten, in hellem Licht besser erscheinen. Ich konnte zumindest besser mit den Lichteffekten spielen. Den gestrigen Tag hatte ich in Charlottenburg verbracht. Heute streifte ich durch Kreuzberg und war erstaunt darüber, wie viele bunte Motive mir vor die Linse sprangen. Im Vergleich zu Berlin war London nicht weniger leise oder bunt, aber dies bezog sich eher auf SoHo. Berlin hingegen war ein einziger Mix aus Kulturen, die alles Mögliche mit sich brachten. Ob es um das Essen ging, die Sprachen oder auch Religionen. Ich lief am Check-Point-Charlie entlang und steckte mir eine Zigarette an. Der Checkpoint war überlaufen, weil sich die meisten Touristen hierher verirrten, um ein Foto mit einem verkleideten Offizier zu machen. Meine Füße irrten planlos umher, während ich an meiner Zigarette zog und den Qualm inhalierte, bevor ich diesen wieder aus meiner Nase entließ. Meine Kamera baumelte um meinen Hals herum, so wie sie das immer tat. Ich suchte Motive für meine nächste Ausstellung, dessen Name ich noch nicht kannte. Ich wusste eigentlich noch überhaupt nicht, was ich machen wollte. Die letzte Ausstellung lag ein paar Monate zurück und war gelungen. Die Bilder hatten sich innerhalb der ersten 48 Stunden verkauft. Ich wusste nur, dass ich diesmal keine Landschaften bevorzugte, sondern irgendetwas anderes. Ich würde es wissen, wenn es so weit war, soviel stand fest. Lautes Gehupe plärrte des Öfteren durch die Straßen Berlins, dabei fiel mir auf, dass es sich dabei immer um Hochzeiten handelte und die Fahrzeuge öfter die Straßen blockierten und die Passagiere dieser sogar ausstiegen, um mitten auf der Straße zu der Musik, die aus dem Radio schallte, zu tanzen. Die Braut befand sich jedes Mal in einer dicken Karre, die in der Regel diese Art Konvoi anführte. Meistens konnte man nur einen flüchtigen Blick auf sie erhaschen, wenn überhaupt. Sie wurde wie ein Schatz hinter verdunkelten Scheiben gehütet. Ich machte ein paar Schnappschüsse von den tanzenden Männern, die eine Art Volkstanz vollführten und dazu ein paar beeindruckende Schritte blicken ließen, während sie mit ihren Fingern schnipsten oder in ihre Hände klatschten. Frauen blieben meistens in den Fahrzeugen sitzen, doch wenn man sie zu Gesicht bekam, stimmten diese mit einem lauten Jubelruf ein, der wie eine Leier durch die Luft hallte. So etwas hatte ich nur in den arabischen Ländern zu Gesicht bekommen, wobei es in diesen Regionen auch Unterschiede gab. Autofahrer, die Opfer der Blockierungen wurden, beschwerten sich nach typischer Berliner Art, indem sie lautstark motzten. Irgendwann kam ich bei einer kleinen Nebenstraße an, die sich direkt hinter dem Checkpoint Charlie befand. Ich sichtete gerade die Fotos, die ich von dieser bekannten Ampel geschossen hatte, bei der alle Ampelmännchen gleichzeitig auf Grün oder Rot standen. Als ich meinen Blick wieder auf die Straße richtete, sah ich sie plötzlich – nur ein paar Meter von mir entfernt. Eine Frau, die in einem weißen schweren Brautkleid über einen Parkplatz rannte, als wäre sie auf der Flucht. Sie sah aus wie ein Sahnebaiser, weil sogar ihr Haar weiß verhüllt war und das Tuch ihr Gesicht einnahm, nur ihre Augen blieben frei. Ich kannte diese Art der Verschleierung nur aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Durch meine Fotografie war ich viel in der Welt rumgekommen, daher waren mir die Bräuche und Religionen vieler verschiedener Länder nicht ganz unbekannt. Sie hielt auf ein wartendes Fahrzeug zu und aus einem mir bekannten Impuls heraus, griff ich zu meiner Kamera. Diese Szenerie war eindeutig verrückt, aber sie fesselte mich sofort. Ich musste sie um jeden Preis festhalten, unabhängig davon, dass sie für jemanden anderen Schmerz bedeuten könnte – so war ich, ein Egoist und ein Parasit, der Emotionen und Momente, ob sie denn gut oder schlecht waren, einsaugte und für die Nachwelt festhielt. Ich hielt auf ihre Gestalt zu und zoomte sie näher heran, sodass ich ihr Gesicht einfangen konnte oder den Rest davon, der mir durch das Tuch verborgen blieb, aber dennoch waren mir ihre Emotionen definitiv nicht verborgen geblieben. Trauer, Angst, Kühnheit … Es stand so viel in diesen ungewöhnlichen Augen, die mich schwer schlucken ließen, und für einen Moment hatte ich mir gewünscht, ohne meine Linse in diese Augen blicken zu können – in diese mandelförmigen Augen, die faszinierend aussahen.
Eines blau und eines grün – so lovely.
Schönere Augen hatte ich nie gesehen, aber der Schmerz in diesen war unverkennbar, als sie einen Mann auf der anderen Straßenseite erblickte. Sie stand wie ein scheues Reh im Scheinwerferlicht an der Autotür und er wie der lauernde Wolf, der nur auf seine Gelegenheit wartete, bis er sie reißen könnte. Ich pirschte mich an die beiden ran, aber wollte nicht in diesen Moment eindringen, denn es schien so, als würde etwas in dieser Frau vorgehen. Ihre Brust hob und senkte sich schneller, ihre mandelförmigen Augen wurden schmaler und plötzlich riss sie sich das weiße Tuch mit einem kräftigen Ruck vom Kopf. Ein Windhauch wirbelte eine wallende hellbraune Lockenmähne auf und ließ mich für einen Augenblick auf das schönste Gesicht blicken, das mir je unter die Linse gekommen war. Ich drückte ab und betete, dass ich diesen Moment eingefangen hatte. Denn als ich das nächste Mal von meiner Cam aufschaute, brauste der schwarze Kombi an mir vorbei und ich erhaschte einen letzten Blick auf diese ungewöhnlichen Augen.
Blau und Grün – so lovely.
London, England
Zwei Monate später …
Ich saß im Hyde Park und genoss das schöne Wetter, während ich gen Himmel blickte, die Wolken musterte und versuchte an nichts zu denken. Heute war mein freier Tag und ich wollte abspannen, weil die letzten Wochen emotional anstrengend waren, wenn nicht sogar nervenaufreibend. Seit ich meinen Bruder Adnan vor dem Hochzeitssaal stehengelassen hatte, waren zwei Monate vergangen, in denen ich mir ein komplett neues Leben aufgebaut hatte. Natürlich hatte ich damit bereits von Berlin aus begonnen, sonst hätte ich unter der London Bridge schlafen können, aber dennoch war es keine einfache Zeit. Ohne meine Freundin Rauna hätte ich das nie geschafft, sie war mein Fels in der Brandung und so konnte ich von Berlin aus alles zusammen mit ihr koordinieren, um am London College of Fashion an einen Studienplatz, für das Studienfach »Modedesign«, zu gelangen. Ich hatte bereits in Berlin mehrere Semester absolviert, auch wenn mein Vater es für unnötig hielt, da ich ja sowieso heiraten würde. Aber nicht mit mir … Ich hatte mich durchgesetzt, weil ich als kleines Kind bereits gelernt hatte, mit Nadel und Faden umzugehen und ich es liebte, mit den verschiedenen Stoffen und Farben zu arbeiten. Mir war klar, dass ich keine erfolgreiche Modedesignerin werden würde, das hätte meine Familie schon ausgebremst, aber dieser Studiengang kam meiner Passion am nächsten. Das Unterfangen sich in London einzuschreiben, war gar nicht so einfach gewesen, da ich in Berlin unter ständiger Bewachung stand, aber ein Auslandssemester in London war immer ein Traum von mir gewesen, der ohne mein Eingreifen niemals in Erfüllung gegangen wäre. Und danach hatte ich immer noch die Möglichkeit gänzlich zu wechseln. Da heutzutage vieles per Mail geregelt wurde, konnte ich den Wechsel verbergen. Meine Eltern ließen mich nicht einmal über Nacht bei einer Freundin bleiben, ganz gleich ob ich 23 Jahre alt war. Es schickte sich nicht in unserem Kulturkreis, dass Mädchen über Nacht woanders schliefen. Mein Vater war ägyptischer Herkunft und lernte meine Mutter, die ihren Ursprung in Algerien hatte, vor Jahrzehnten über die Familie kennen. Algerien lag in Nordafrika und somit gab es innerhalb Algeriens verschiedene Gruppierungen in Form von Stämmen. Letztendlich sprach meine Mutter arabisch und das war es, was zählte, wenngleich ihr Dialekt ein anderer war. Die arabische Gemeinde in Berlin war groß und jeder kannte jeden. Ich wuchs zwar in Berlin auf, aber Angst vor Sprachbarrieren hatte ich nicht, denn ich las englische Bücher und hatte heimlich einen Englischkurs an der Volkshochschule besucht, deshalb war ich der englischen Sprache in Wort und Schrift mächtig. Unabhängig davon, dass ich sowieso mehrsprachig aufgewachsen war. Also stand für mich fest, dass ich hier landen würde, wenn ich meine Familie endgültig hinter mir lassen würde. London verkörperte für mich schon immer die Vielfalt von bunten Idealisten, ob es die modernen Hipster waren oder die Frauen von nebenan, die in bunten Kostümen und ausgefallenen Hüten zu einer Hochzeit gingen. Und außerdem war Rauna hier. Mit ihr konnte alles nur gut werden.
Nachdem ich aus dem Hochzeitssaal geflohen war, lies mich der Uber-Fahrer am Zoologischen Garten ab. Vor Ort nahm ich mein deponiertes Gepäck, das ich über Wochen vergrößert hatte, indem ich regelmäßig Kleidungsstücke dort vorbeibrachte, die ich morgens vor der Uni in meiner Tasche deponiert hatte. Ich hatte auf der räudigen Bahnhofstoilette meine Kleidung gewechselt, um dann ungesehen weiter mit dem Zug nach Hamburg zu fahren. Mit dem voluminösen Hochzeitskleid hatte ich definitiv Aufsehen erregt. Das grässliche Monster hatte ich in einen der umstehenden Mülleimer gequetscht, sodass es immer noch oben herausgequollen war und wie ein misslungenes Chemie-Experiment gewirkt hatte. Einige Passanten hatten mich belustigt beobachtet, aber mir war es scheißegal, denn ich war voll mit Adrenalin und musste erstmal damit klarkommen, dass ich einen Bräutigam und eine Gästeschar von 700 Leuten sitzengelassen hatte. Abgesehen davon, dass Adnan mein Leben bedroht hatte. Von Hamburg aus nahm ich den letzten Bus auf direktem Wege nach London. Die Reise war nervenaufreibend, weil ich Angst hatte, dass meine Brüder auftauchen würden. Ich glaubte zwar nicht daran, dass mir jemand folgen würde, aber Adnan war unberechenbar. Selbst wenn mein Vater in der Vergangenheit Dinge auf sich beruhen lassen wollte, hakte er nach, um mich weiter zu unterdrücken. Arschloch! Zu Adil hingegen hatte ich schon immer einen besseren Draht, aber dies hatte sich nun ebenfalls erledigt. Eines war klar, ich hatte Schande über meine Familie gebracht, weil ich am Hochzeitstag einfach verschwunden und damit sehr ungehorsam war und das hatte die Gästeschar, die aus Familie und Bekanntschaften bestand, live miterlebt. Ich hatte meiner Familie das Gesicht genommen … Das war nicht mehr mein Problem, denn das Wort »ungehorsam« passte für mein Dafürhalten nicht zu einer 23-jährigen und erst recht nicht zu mir. Ich hatte mich mein Leben lang gefügt, weil es so von mir erwartet wurde, aber umso älter ich wurde, desto mehr bemerkte ich, dass ich nicht einfach wie ein dummer Wackeldackel alles abnicken konnte. Wieso hatte Gott uns Frauen überhaupt ein Gehirn mitgegeben, wenn wir es denn nicht benutzen sollten? Es wäre schwach alles hinzunehmen, wie es einem befohlen wurde, aber ich war nicht schwach – nicht mehr. Meine Mutter lebte so, weil sie nichts Anderes kannte, sie war nicht anders erzogen worden, daher konnte ich ihr zwangsläufig keinen Vorwurf machen, aber sie hätte für mich kämpfen können – für meine Freiheiten – für meine eigenen Entscheidungen, aber nein, sie entschied sich dafür, mir den gleichen Weg zu ebnen. Ergeben und demütig. Dies hatte allerdings nichts mit der Religion zu tun, denn nicht alle islamischen Frauen wurden von ihren Männern unterdrückt oder klein gehalten, das war einfach nur … ich weiß es nicht … Glückssache? Meine Eltern würden toben, wenn sie wüssten, dass ich nun in einer Wohngemeinschaft lebte, die ich mir mit einer Freundin und einem Mann teilte. Das wäre ihr persönliches Armageddon und mein persönliches Fickt-Euch.
»A, hier bist du!?«, hörte ich die Stimme meiner Freundin rufen, während ich mich auf den Bauch drehte. Ich schmunzelte über ihren Spitznamen für mich, obwohl ich seit der Serie Pretty Little Liars, öfter an den Stalker denken musste. Sie ließ sich auf der Decke nieder und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Rauna war optisch, mit ihren blonden Haaren, ihrer blassen Haut und ihren grauen Augen, das komplette Gegenteil von mir. Zudem war sie sehr groß und mit einer schlanken Figur gesegnet. Sie war der nordische Typ, worum ich sie definitiv beneidete, aber auch charakterlich war sie wesentlich offener als ich, was nur daran lag, dass man ihr Wesen nicht ständig unterdrückt hatte, so wie meines, denn im Endeffekt war ich auch redselig und lustig, aber ich musste halt immer aufpassen, da es sich für ein Mädchen nicht schickte.
»Das Wetter ist wunderbar«, schwärmte sie und legte sich mit ihrem Kopf in die Kurve, die sich zwischen meinem Po und Rücken befand.
»In meiner Tasche sind Getränke und Gummibärchen«, erzählte sie, während sie durch ihr Handy scrollte und auf Match, dieser Bums-App, unterwegs war. So nannte Rauna sie. Ich alte Jungfer kannte mich damit nicht aus, aber ich war auch noch nicht so weit, alles zu vergessen, was mir meine Eltern beigebracht hatten. Es war nicht nur Schlechtes dabei, allerdings war das ein anderes Thema. Natürlich musste ich bis zur Ehe jungfräulich bleiben. So sah es der Islam vor und meine Familie erst recht, alles andere wäre wieder mal eine »Schande« gewesen, was in einigen Ländern sogar dazu führte, dass Mädchen ihr Leben verloren, wenn man bei der Eheschließung entdeckte, dass sie bereits berührt worden war. Es führte sogar so weit, dass sich Mädchen wieder zunähen ließen, abartig. Männer sollten eigentlich auch unberührt in die Ehe gehen – eigentlich, aber danach krähte kein Hahn. Verdammte Doppelmoral!
»Was hältst du von dem?«, fragte Rauna und beendete damit meine Gedanken. Sie drehte ihren blonden Haarschopf zu mir, sodass sie mich mit ihren grauen Augen ansehen konnte. Für mich sahen die Typen alle gleich aus, weil ich eigentlich nicht so genau hinsah, denn ich hatte ganz andere Probleme. Ich musste einen Job finden, um Geld zu verdienen. London war teuer – sehr teuer, vor allem wenn man wie ich an die Preise aus Berlin gewohnt war, wo man für ein leckeres Schawarma 2,50 € bezahlte. Hier musste ich für den arabischen Döner den doppelten Preis hinlegen, wenn das mal reichte.
»Er sieht nicht schlecht aus«, sagte ich und deutete auf den Mann mit den blonden Haaren und dem athletischen Körper. Er hatte kein T-Shirt an und somit war irgendwie sofort klar, wessen Geisteskind der Typ war.
»Guck nicht so. Ich suche keinen Märchenprinzen. Ich will einfach nur meiner Libido nachgeben«, sagte sie und wackelte mit ihren Augenbrauen, was mich zum Kichern brachte. Irgendwie beneidete ich sie darum, weil sie so ungezwungen mit dem Thema Sex umgehen konnte.
»Rauni, ich muss einen Job finden. Meine Ersparnisse halten nicht ewig«, maulte ich und scrollte missmutig mit meinem Telefon durch die Stellenanzeigen.
»Ha!«, schrie sie plötzlich und sprang auf.
»Crikey!«, rief ich, was so viel bedeutet, wie »Oh mein Gott«.
»Hör auf mich so zu erschrecken«, maulte ich genervt und rollte mich auf den Rücken, dabei rutschte mein T-Shirt ein Stück höher und entblößte etwas nackte Haut, was ich innerlich feierte, denn hier war ich frei und konnte machen, was ich wollte. In Berlin hätte mir das nicht passieren dürfen, denn unter den Bekannten meiner Mutter hätte sofort irgendeine heuchlerische Frau ihre Nase gerümpft und sich darüber empört, dass man zwei Zentimeter meiner nackten Haut gesehen hatte. Nicht alle waren so, aber der Dunstkreis meiner Mutter leider schon.
»Warum lächelst du plötzlich?«, fragte Rauni.
»Weil ich frei bin.«
London, England
Heute …
Ich steckte mir eine Zigarette in den Mund und ließ das Zippo schnappen. Mich überkam diese innere Ruhe, wenn ich kurz vor einer Ausstellung war. Andere Künstler wurden unruhig und aufgeregt, wo ich einfach nur in mir wohnte und hoffte, dass mir nicht zu viele Menschen auf die Nerven gehen würden, so wie jetzt gerade diese Reporterin der Vanity Fair. Es waren immer dieselben Fragen.
»Was hat Sie dazu bewogen, dieses Foto zu schießen?«
»Instinkt.«
»Wieso haben Sie dieses Motiv gewählt?«
»Bauchgefühl.«
»Wieso haben Sie diese Schattierung verwendet?«
»Intuition.«
Mein bester Freund Ezra stand ein Stück weiter hinter mir, aber sein Gelächter war nicht zu überhören, weil die dunkelhaarige Reporterin, in dem Kostüm einer Flugbegleiterin, nicht gerafft hatte, dass ich ihr einfach nur irgendwelche Synonyme um die Ohren knallte. Ich blickte mich gelangweilt in der Galerie um, aber als die Reporterin das Herzstück meiner Ausstellung ansprach, war ich plötzlich ganz bei ihr.
Die Braut …
»Wo ist das Foto entstanden?«, fragte sie und blickte auf die große Leinwand hinter mir, auf der sich die Frau mit den ungewöhnlichen Augen befand. Es hing in einem schwarz lackierten Bilderrahmen vor einem weißen Hintergrund, überlebensgroß an der Wand und wurde von Spots angeleuchtet, wobei ihre unterschiedlichen Augenfarben kristallklar funkelten, dabei wirkte das grüne vertrauensvoller und das blaue fast kalt, was nicht nur an der Farbe lag. Nein. Sie wirkte nicht nur melancholisch, sondern auch kämpferisch, während man den Wind förmlich spüren konnte, der ihre Lockenmähne nach oben wehte und das weiße Tuch mitriss. Es war atemberaubend. Ich hatte diese Frau bis heute nicht ausfindig machen können, um mir ihre Erlaubnis einzuholen, dieses Foto überhaupt ausstellen zu dürfen, was meiner Agentin überhaupt nicht gefiel, aber mir war es egal, denn es war das beste Foto, das ich jemals geschossen hatte. Ich räusperte mich, weil mich dieses Motiv immer noch so aus der Ruhe brachte – aus der Ruhe brachte, als hätte ich es erst geschossen, dabei waren Monate vergangen.
»Es ist in Berlin entstanden«, antwortete ich wage, weil ich die Braut nicht anprangern wollte. Nebenbei hielt ich nach Robyn, meiner Agentin, Ausschau, damit sie mich von diesen dämlichen Fragen erlösen konnte. Und da kam die blonde Furie mit dem kinnlangen kantigen Haarschnitt auch schon auf ihren hohen Stelzen um die Ecke.
»Fragen werden später beantwortet und jetzt husch! Auch die Vanity hat vorne bei den Presseleuten zu warten«, ging sie die Reporterin sofort an und hielt dabei ihre Hand richtweisend hoch. In ihrem roten Kleid wirkte sie wie der Boss der ganzen Veranstaltung, dabei war ich das, aber ich überließ ihr gerne die Zügel, wenn sie mir die Aasgeier vom Leibe hielt. Die Reporterin, die eher wie eine Praktikantin an ihrem ersten Tag wirkte, nickte mir mit geröteten Wangen zu und huschte eilig davon.
»Robyn, du siehst heiß aus«, sagte Ezra, woraufhin ich mit den Augen rollte, weil der Typ gerne ältere Frauen fickte und es nicht lassen konnte, Robyn anzubaggern. Ja, sie sah für ihre 44 Jahre sehr gut aus, aber wir waren beide 29 Jahre alt, deshalb verarschte ich ihn manchmal mit seinem Mutter-Komplex. Ich zog an meiner Kippe und wartete auf irgendetwas, das sicher gleich von Robyn kommen würde, aber es kam nichts, außer dass sie ihren Kopf missbilligend über meine Zigarette schüttelte und ihren Blick starr auf die Leinwand hinter mir hielt.
»Die Fotos sind inspirierend und ›Torn‹ ist der perfekte Name für die Ausstellung. Allein die Zerrissenheit, die ihre Augen ausstrahlen – das Foto ist wunderschön, auch wenn das arme Schwein, vor dem die Braut offenbar geflohen ist, mir leidtut«, sagte sie ergriffen, was mich wunderte, weil sie normalerweise immer kühl und distanziert war. Eher geschäftsmäßig. Sie hatte Unrecht, denn das Foto war nicht nur gut getroffen, aber das konnte niemand wissen, denn ich hatte diese Frau eine ganze Sekunde ohne Linse gesehen und sie war es, die das Foto wunderschön machte. Der arme Bastard konnte einem in der Tat leidtun. Es sprach nicht gerade von Respekt, wenn deine Braut dich vor hunderten von Gästen so spektakulär sitzen ließ. Nachdem sie mit dem Auto abgerauscht war, war dieser wutentbrannt in die entgegengesetzte Richtung gerannt und ich folgte ihm ein Stück, bis ich sah, dass er auf einen geschmückten Saal zuhielt. Nach ein paar Minuten tummelten sich zig Menschen vor dem Gebäude. Männer in Anzügen und Frauen in Kleidern. Die weibliche Gesellschaft war weitestgehend mit Kopftüchern bedeckt. Die Braut war tatsächlich geflohen, weshalb ich erst damit haderte, das Bild »Die Braut« zu nennen, weil es mir zu oberflächlich für dieses Foto erschien, aber letztendlich war der Name perfekt dafür. Ich hatte mehrere Bilder von ihr gemacht, aber eines war mein absoluter Favorit. Ich hatte es geschafft, den Moment einzufangen, in dem sie sich plötzlich ihrer Kopfbedeckung entledigte und ihre wallende Lockenmähne zum Vorschein kam. Dieses Bild …
Es war perfekt, aber eine Zeit lang war ich mir nicht sicher, ob ich es überhaupt veröffentlichen sollte, weil ich daran zweifelte, ob ich sie damit nicht irgendwie entblößt darstellen würde. Das Kopftuch war für mich ein Indiz dafür, dass sie eine Muslima war und in dieser Religion verdeckten Frauen bewusst ihre Haarpracht, daher war ich zunächst im Zwiespalt. Auch wenn ich ganz klar gespürt hatte, dass ihr die Entscheidung zu flüchten nicht einfach fiel, konnte ich trotzdem die Entschlossenheit in ihren Augen sehen, als sie sich das Stück Stoff von ihrem Kopf zog. Es war ihre Entscheidung gewesen, das Tuch abzunehmen und mit meinem Foto besiegelte ich diese fundamentale Entscheidung.
Ich hatte in den letzten Wochen mehrere Bilder verschiedener Menschen gemacht und ihre Emotionen wie der Parasit, der ich war, eingesaugt und auf meinen Bildern festgehalten. Ich blickte in der Galerie umher, die schlicht weiß gehalten wurde, damit die Motive vor dem unschuldigen Hintergrund wirken konnten.
»Die Ausstellung wird ein voller Erfolg werden, aber deine Braut … Um dieses Motiv wird man sich reißen«, sagte Robyn und ging davon, um die Türen zu öffnen. Ein Kellner kam vorbei und ich versenkte meine Zigarette in einem Champagner-Glas, das sich mit mehreren Flöten auf seinem Tablett befand. Ich wusste, dass Robyn Recht hatte, aber ich war mir nicht sicher, ob es mir gefallen würde, das Bild zu verkaufen.
***
Die nächsten Stunden verbrachte ich mit sinnlosem Small Talk, aber das gehörte dazu. Die Interessenten wollten wissen, welche Gedanken und Geschichten sich hinter den Motiven verbargen, vor allem, weil ich dieses Mal nur Menschen als Motive gewählt hatte. In Marrakesch auf einem Markt bekam ich eine alte Frau vor die Linse, die hinter ihrem Gewürzstand die Stellung hielt. Ihre Haut war ledrig alt, ihr Haar fast orange und ihr Gesicht voll mit kleinen Tattoos, die irgendwelche Stammeszeichen darstellten. Alles an ihr wies darauf hin, dass sie ein schweres Arbeiterleben hinter sich hatte, aber in Anbetracht dessen hatte sie eines dieser traditionellen Gewänder an ihrem Leib, das aus royalblauer purer Seide bestand und mit goldenen Ornamenten bestickt war. Hinter ihrem mächtigen Gewürzstand, der alle Farben mit sich brachte, leuchtete die Frau mit den hellbraunen Augen in ihrem Gewand und ihren orangefarbenen Haaren wie ein Leuchtfeuer. In Wien entdeckte ich einen Obdachlosen, der jeden Morgen vor dem teuren Hotel, in dem ich übernachtete, Geld schnorrte, was er dazu nutze, um für einen streunenden Hund etwas zu essen zu kaufen. Ich wusste, dass es nicht sein Hund war, weil dieser immer allein in der Ecke auf dem Platz saß. Ich fand, dass dieser Mann eine Plattform verdiente, also fing ich den Moment ein, als der Hund schwanzwedelnd vor Albert saß und dieser ihm mit seinen verdreckten Fingern eine Wurst gereicht hatte. Genauso wie all meine Motive, bis auf die Braut, erhielt er eine angemessene Bezahlung dafür, dass er mir als Model zur Verfügung gestanden hatte. Ich streifte weiter durch die Räumlichkeiten, die gut besucht waren, aber meine Augen gingen immer wieder zur Braut, die den ganzen Abend alle Blicke auf sich zog. Die Massen und die Presse scharrten sich um das Bild herum und ich war froh, dass ich ihrem Bann offenbar nicht allein erlegen war. Meine Eltern waren sogar davor stehengeblieben und das war eine verfluchte Leistung. Meine Mutter, Amelia Stern, mochte meine Fotografien, aber mein Vater, Callum Stern, konnte damit nichts anfangen, weil es nicht das war, was ein Mann tun sollte. Als ob ich dadurch weniger Eier hätte, nur weil ich nicht wie er in einem maßgeschneiderten Anzug und in einem Rolls Royce sitzend in das Büro unseres Familienunternehmens chauffiert wurde.
»Wenigstens waren sie hier«, sagte Ezra und ich nickte, denn er hatte Recht. Das Verhältnis mit meinen Eltern war angespannt, seitdem ich denken konnte, weil mein Vater einfach nichts als seine spießige Weltansicht zuließ und meine Mutter ihm einfach immer treu ergeben wie ein Hündchen gehorchte, aber wie auch nicht, denn diese Frau kannte nichts Anderes – sie wurde damit groß, dass Männer hinter verschlossenen Türen, bei einem Glas Whiskey mit einer Zigarre im Mund, ihre Geschäfte machten, während die Frauen sich im Salon über die neue Dekoration des Hauses unterhielten. Vielleicht kam daher auch meine allgemeine Abneigung dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Nicht falsch verstehen. Ich war einer Muschi zugetan, aber nur dieser. Nicht mit dem Zeug, was damit einherging. Tiefgehende Gespräche oder womöglich eine Beziehung. Für mich waren Weiber opportunistische Wesen, die oft genug ihre weiblichen Reize dazu einsetzten, um im Trockenen und Warmen zu sitzen. Einige würden das als clever bezeichnen, aber ich nannte es Prostitution. Dieser Independent-Women-Scheiß funktionierte in mehrere Richtungen. Du willst unabhängig sein? Dann geh für dein Geld arbeiten.
»Wenn du willst, werden wir noch jemanden beauftragen, der diese Frau für dich auffindet. Einen Privatdetektiv, wenn Barthi-Boy nicht aus dem Arsch kommt«, sagte Ezra über die leisen Klänge irgendeines hippen DJs hinweg, der hinten in einer Ecke seine Musik machte. Ich runzelte meine Stirn und fuhr mir durch mein schwarzes Haar, das mir inzwischen bis auf die Schultern reichte.
»Mach dir keine Sorgen, wenn sie klagen sollte, bekommt sie eine ordentliche Entschädigung«, antwortete ich meinem besten Freund und Rechtsbeistand und nickte einem bekannten Kurator zu, der gerade vor einem Bild stand und die kleine syrische Familie begutachtete, die ich an der Grenze zu Griechenland eingefangen hatte. Ich erinnere mich daran, dass der Vater Mediziner war und ein ordentliches Englisch sprach, ebenso seine Ehefrau, die Lehrerin war. Ich hatte die beiden mit ihrem kleinen Sohn nur zufällig entdeckt. Sie hatten an einer Böschung ihr Lager aufgeschlagen und blickten gen Horizont zur untergehenden Sonne, sodass ich ihr Seitenprofil einfangen konnte. Hinter all diesen Bildern standen Geschichten, die wir nicht kennenlernen würden, aber es war unverkennbar, dass diese Menschen etwas beschäftigt hielt – sie eine Bürde mit sich herumtrugen. Dagegen war meine Bürde nahezu lächerlich. Ezra schwieg und ich war froh darüber, weil mir meine Braut, so wie ich sie oft in Gedanken nannte, mehr unter die Haut ging, als ich bereit war zuzugeben. Das war einfach so, weil alle anderen Motive neben ihr verblassten, aber das war nur die äußere Hülle und die bedeutete letztendlich in zig Jahren, wenn die Schönheit durch das Alter langsam schwand, nichts mehr.
