Checkliste Traumatologie -  - E-Book

Checkliste Traumatologie E-Book

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Beschreibung

Die Unfallchirurgie in der Tasche!

Schnell nachschlagen, kurz orientieren, kein überflüssiges Ballastwissen. Hier findest du alles, was für das Management von Traumapatient*innen nötig ist:

  • Erstmaßnahmen, Schockraumdiagnostik, Zugangswege, adjuvante Therapien etc.
  • alle Informationen zu Verletzungen innerer Organe
  • spezielle Verletzungsformen
  • Besonderheiten der Frakturbehandlung im Kindesalter
  • Komplikationsbehandlung

Die Checkliste Traumatologie liefert nach Körperregionen gegliederte Informationen zu allen unfallchirurgischen Krankheitsbildern inklusive der speziellen operativen Therapieaspekte. Dabei werden auch die Operationstechniken und die allgemeinen Behandlungsprinzipien erläutert. Im Anhang findest du alles zur Goniometrie sowie wichtige Adressen.

Unverzichtbar in Famulatur, im Praktischen Jahr oder in der Assistenzzeit – dein verlässlicher Begleiter im klinischen Alltag.

Gut zu wissen: Der Buchinhalt steht dir ohne weitere Kosten digital in unserem Lernportal via medici und in der Wissensplattform eRef zur Verfügung (Zugangscode im Buch). Mit der kostenlosen eRef App hast du viele Inhalte auch offline immer griffbereit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 896

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Checkliste Traumatologie

Herausgegeben von

Volker Bühren †, Marius Keel, Ingo Marzi

Peter Augat, Nils Baas, Ruprecht Beickert, Andreas Botzlar, Thierry Carrel, Ryan Esser, Johannes Frank, Jan Friederichs, Johannes Gabel, Oliver Gonschorek, Peter Gutsfeld, Stefan Hauck, Daniel Hensler, Christian Hierholzer, Martin Hofmeister, Christine Hungerer, Sven Hungerer, Andreas B. Imhoff, Maren Janko, Thomas Kern, Thomas Klier, Heinz Kusche, Michael Lang, Helmut Laurer, Matthias Militz, Markus Öhlbauer, Anna Sander, Christian Schaller, Holger Schöppenthau, Klaus-Arno Siebenrock, Stefan Simmel, Thomas von Stein, Jasmina Sterz, MME, Martin Strowitzki, Andreas Thannheimer, Oliver Trapp, Jan Vastmans, Matthias Vogel, Frithjof Wagner, Thomas Weiß, Alexander Woltmann, Sebastian Wutzler

9., unveränderte Auflage

298 Abbildungen

Vorwort zur 9. Auflage

Liebe Leserinnen und Leser,

mit gemischten Gefühlen präsentieren wir Ihnen die 9. Auflage der Checkliste Traumatologie. Während wir stolz darauf sind, Ihnen erneut ein zuverlässiges Nachschlagewerk anbieten zu können, erfüllt uns gleichzeitig tiefe Trauer über den unerwarteten Verlust unseres geschätzten Kollegen und Freundes, Prof. Volker Bühren.

Prof. Bühren, einer der herausragendsten Unfallchirurgen unserer Zeit, verstarb plötzlich und unerwartet aus voller Gesundheit. Sein Ableben hinterlässt eine schmerzliche Lücke in der Welt der Unfallchirurgie, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus spürbar ist. Seine national und international anerkannte Expertise, sein unermüdliches Engagement und seine visionären Beiträge zur modernen Unfallchirurgie werden schmerzlich vermisst werden. Volker Bühren war nicht nur ein außergewöhnlicher Mediziner, sondern auch ein warmherziger Mensch, dessen Verlust uns alle zutiefst trifft, die ihn kannten. Sein Vermächtnis wird auch mit diesem Werk in unserer täglichen Arbeit weiterleben.

Die vorliegende 9. Auflage basiert im Wesentlichen auf dem bewährten Inhalt der 8. Auflage. Nach sorgfältiger Prüfung können wir feststellen, dass die allermeisten Grundlagen und Prinzipien der Traumatologie, wie sie in diesem Werk dargestellt sind, ihre Gültigkeit behalten haben. Dennoch haben wir einige kleinere, notwendige Aktualisierungen vorgenommen – besonders relevant war die Berücksichtigung der neuen Reanimationsrichtlinie 2021.

Wir hoffen, dass diese Auflage Ihnen weiterhin als verlässlicher Begleiter in Ihrem klinischen Alltag dienen wird. Ob als Nachschlagewerk in Notfallsituationen oder als Lernhilfe für Studierende und Auszubildende – die Checkliste Traumatologie soll Ihnen Sicherheit und Orientierung in der komplexen Welt der Unfallchirurgie bieten.

Abschließend möchten wir uns bei allen bedanken, die zur Entstehung und kontinuierlichen Verbesserung dieses Werkes beigetragen haben, insbesondere bei Prof. Volker Bühren, dessen Beiträge und Visionen dieses Buch maßgeblich geprägt haben und weiterhin prägen werden.

Mit den besten Wünschen für Ihre tägliche Arbeit,Ingo Marzi Marius Keel

Teil I Grauer Teil: Erstversorgung, diagnostische und therapeutische Grundlagen

1 Grundlagen und präklinische Versorgung

2 Klinische Erstmaßnahmen bei Patienten ohne akute vitale Bedrohung

3 Management schwerer Verletzungsformen

4 Schock

5 Zugänge

6 Diagnostik

7 Adjuvante Verfahren und Therapien

8 Dokumentation

9 Versicherungsrechtliche Grundlagen

1 Grundlagen und präklinische Versorgung

1.1 Grundlagen

1.1.1 Grundlagen, Definitionen

Trauma: Akut entstandener körperlicher Schaden mit Gewebezerstörung durch äußere Einwirkung (mechanisch, thermisch, chemisch, aktinisch) und entsprechender Funktionsstörung.

Schweres Trauma:

Gewebezerstörung lebenswichtiger Organe.

Zu erwartende gravierende Defektheilung mit schwerer Funktionsstörung.

Systemische posttraumatische Schädigung von primär nicht traumatisierten Organen oder Defensivsystemen.

Polytrauma:

Definition: Syndrom von Verletzungen mehrerer Körperregionen von definiertem Schweregrad, d.h. ▶ ISS > 16, von denen eine Einzelverletzung oder die Verletzungskombination potenziell lebensbedrohlich ist. Die konsekutiven systemischen Reaktionen können zu Dysfunktion oder Versagen von primär nicht verletzten Organen oder Organsystemen mit vitaler Bedrohung führen.

Beim Polytrauma werden chirurgisch gut beherrschbare Einzelverletzungen durch ihre kumulative Systembelastung lebensgefährlich. Die kumulativen Traumafolgen („trauma load“, „antigenic load“) führen zu einer posttraumatischen Immunreaktion („host defense response“) mit möglicher nachfolgender Immunparalyse („host defense failure disease“), Sepsis und progressivem, sequenziellem Multiorganversagen.

▶ Schock, vgl. auch ▶ Schockbehandlung:

Inadäquate Organperfusion und gestörte Gewebeoxygenierung infolge einer Störung des Kreislaufsystems.

Ursachen:

Hämorrhagisch: Hypovolämisch (häufigste Ursache eines Schocks beim Traumapatienten).

Nichthämorrhagisch: Kardiogen, neurogen, septisch, anaphylaktisch.

Triage:

Unter Triage versteht man die Einteilung von Patienten nach dem individuellen Behandlungsbedarf und den zur Verfügung stehenden Ressourcen beim Massenanfall von Verletzten.

Die Beurteilung der Behandlungsdringlichkeit erfolgt analog zur Individualmedizin nach den ABCDE-Regeln des ▶ ATLS®-Konzepts.

Ziel der Triage ist die Rettung und Versorgung möglichst vieler Patienten durch optimalen Einsatz der verfügbaren Mittel.

Unfallbedingte Todesfälle ereignen sich nach einer typischen zeitlichen Verteilung:

1. Peak: Sekunden bis wenige Minuten nach dem Unfall.

Todesursachen: Zentrale Gefäßläsionen (z. B. Aortenruptur mit freier Blutung), Lazerationen von Myokard, Gehirn, Hirnstamm und zervikalem Rückenmark.

Prognose: Diese Patienten können in der Regel nicht gerettet werden.

2. Peak: Minuten bis Stunden nach dem Unfall.

Todesursachen: Thoraxverletzungen (Hämato-/Spannungspneumothorax), intrakranielle Hämatome (Epi-/Subduralhämatome), intraabdominelle Verletzungen der parenchymatösen Organe (Milzruptur, Leberlazeration), schwere Beckenverletzungen, mehrfache Verletzungen mit ausgedehntem Blutverlust.

Prognose: Die Inzidenz der Todesfälle in dieser Gruppe kann durch eine rasche, adäquate initiale Beurteilung und Primärversorgung drastisch gesenkt werden. Ein systematisches Versorgungskonzept (z. B. nach den Richtlinien des Advanced-Trauma-Life-Support-[ATLS®]-Protokolls des „Committee on Trauma of the American College of Surgeons“ [s. u.] ist deshalb von entscheidender Bedeutung zur Senkung der Mortalitätsrate in der „ersten“ Stunde oder „Golden Hour“ nach Trauma.

3. Peak: Mehrere Tage bis Wochen nach dem Unfall.

Ursachen: In der Regel traumainduzierte Sekundärschäden, v. a. Sepsis und Organversagen.

Prognose: Die Inzidenz der Todesfälle in dieser Gruppe wird maßgeblich durch die Qualität der chirurgischen und intensivmedizinischen Therapie in den vorausgehenden Versorgungsphasen beeinflusst.

„Golden Hour“ nach Trauma:

Unter „Golden Hour” versteht man die Zeitspanne von Minuten bis wenigen Stunden nach dem Unfall, in der das Überleben schwer verletzter Patienten durch eine schnelle adäquate Versorgung gesichert werden kann.

Rettungskette: Sie bezeichnet den definierten und organisierten Versorgungsweg des Verletzten von der Unfallstelle bis zur definitiv versorgenden Klinik. Wesentliche Glieder der Kette bei schwereren Verletzungen sind die präklinische Notarztversorgung, der Transport mittels standardisiert ausgerüstetem Notarztwagen oder Rettungshubschrauber, die primäre klinische Versorgung im nächstgelegenen, geeigneten Krankenhaus und ggf. die Sekundärverlegung in ein maximal versorgendes Traumazentrum. Für die Rettungskette sind idealerweise Vorgaben und Standards definiert:

Mittleres Zeitintervall für Alarmierung bis Eintreffen am Unfallort.

Anzahl und Qualifikation des Personals präklinisch und klinisch.

Ausstattung der Rettungsmittel (Rettungswagen, Notarztwagen, Rettungshubschrauber, Intensivhubschrauber).

Kompetenz und Kapazität der aufnehmenden Kliniken.

Traumanetzwerk: Zur Einteilung klinischer Einrichtungen für die Unfallversorgung hat sich eine Dreiteilung bewährt (Weißbuch Schwerverletztenversorgung der DGU):

Lokale Traumazentren in Kliniken der Grund- und Regelversorgung:

Versorgung vorwiegend von Monoverletzungen, z. B. Frakturen der Alterstraumatologie. Leitungsfunktion durch einen spezialisierten Unfallchirurgen und chirurgische Behandlungsmöglichkeit rund um die Uhr.

Regionales Traumazentrum in Schwerpunktkliniken: Versorgung von komplexen Einzelverletzungen, lebensbedrohlichen Verletzungsmustern und Polytraumen. Spezielle unfallchirurgische Bereitschaft rund um die Uhr wird vorgehalten.

Überregionales Traumazentrum in Universitäten und maximalversorgenden Kliniken: Es besteht Aufnahmepflicht für alle Schwerstverletzten sowie Vorhaltungspflicht für OP-Kapazität und Intensivbetten. Versorgung von

Komplexen und komplizierten Einzelverletzungen.

Speziellen Verletzungsformen wie schwere Verbrennungen.

Schwersten Schädel-Hirn-Traumen.

Wirbelsäulenverletzungen mit Lähmungen.

Polytraumen mit hohem ISS.

Amputationsverletzungen.

Speziell zu versorgenden Organverletzungen (z. B. von Leber, Herz und herznahen Gefäßen, Niere).

Verlegungsfällen mit Komplikationen wie intensivpflichtiger Sepsis, nekrotisierender Fasziitis oder komplexen Verletzungsformen mit sekundär notwendiger Rekonstruktion.

Traumanetzwerk der DGU:

Unter www.dgu-traumanetzwerk.de sind alle Informationen zum Traumanetzwerk der DGU sowie die aktuellen regionalen Netzwerke und teilnehmenden Kliniken einsehbar.

1.2 Konzept der präklinischen Versorgung

1.2.1 Technische Maßnahmen am Unfallort

Sicherung der Unfallstelle (Feuerwehr, Polizei), Eigenschutz!

Ausreichende personelle und technische Ressourcen vorhanden? → ggf. zusätzliche Rettungsmittel anfordern.

Bergung von Patienten in Koordination mit den Einsatzleitern von Polizei/Feuerwehr → klare Zuordnung der medizinischen und organisatorischen Kompetenzen!

1.2.2 Maßnahmen zur Versorgung des Unfallverletzten

Situationserfassung und Triage:

Erfassung des Unfallmechanismus, um auf häufige Verletzungsmuster schließen zu können: ▶ Tab. 1.1 .

Abhängig davon Wahl der Zielklinik:▶ Tab. 1.2  (Merke: „Der Patient soll nicht in das nächste Krankenhaus, sondern das nächste geeignete Krankenhaus eingeliefert werden“).

Beurteilung der Vitalfunktionen und lebensrettende Sofortmaßnahmen:

Erstbeurteilung nach „ABCDE-Schema“, vgl. ▶ ATLS®-Konzept.

Atemwegsmanagement:▶ Indikationen zur Intubation .

Initiale Schockbehandlung: „Autotransfusion“ durch Hochlagern der Beine, Schockhose, adäquate Volumenzufuhr (Cave: Gerinnung, ggf. permissive Hypotension), Druckverband bei äußeren Blutungen, Schienung von Frakturen, Schmerztherapie.

Erfassen der bedrohlichen und relevanten Verletzungen aller Körperregionen.

Herstellen der Transportfähigkeit.

Permanente Überwachung und Re-Evaluation (ABCDE) während des Transports.

Vor-Alarmierung der Zielklinik.

Tab. 1.1 

Häufige Verletzungsmuster abhängig vom Unfallmechanismus.

Unfallmechanismus

Verletzungsmuster

PKW-Frontalkollision:

deformiertes Lenkrad

Impression des Armaturenbretts (→ „dashboard injury“)

zerschlagene Windschutzscheibe

HWS-Verletzung

Thoraxkontusion, Rippenfrakturen, Pneumo-/Hämatothorax, Myokardkontusion

Aortenruptur

stumpfes Abdominaltrauma mit Milz-/Leberruptur

Kettenverletzung der unteren Extremität: Frakturen und Luxationen von Mittelfuß (Lisfranc), Talus, OSG, Kniegelenk, Femurschaft, proximalem Femur, Azetabulum

PKW, seitlicher Aufprall

HWS-Verletzung

laterale Thoraxkontusion, Rippenfrakturen, Pneumo-/Hämatothorax

Aortenruptur

Zwerchfellruptur

Milz-/Leberruptur, Nierenkontusion/-ruptur (abhängig von der Seite des Aufpralls)

laterale Kompressionsfraktur des Beckens

PKW, Auffahrkollision von hinten

HWS Verletzung („cervical whiplash“)

Ejektion (Herausschleudern) aus PKW

erhöhtes Risiko einer schwergradigen Verletzung!

erhöhte Mortalität!

PKW gegen Fußgänger

Verletzungsmuster in 3 Phasen:

direkter Anprall gegen Unterschenkel/Becken: Tibiaschaftfrakturen, Knieverletzungen, Beckenverletzungen (Kinder: Thorax-/Abdominaltrauma)

Schlag gegen Motorhaube und Frontscheibe: Abdominal-/Thoraxtrauma, Schädel-Hirn-Trauma

Sturz über Motorhaube auf den Boden: Verletzungen der oberen Extremität (distaler Radius, Ellenbogen), Schädel-Hirn-Trauma, Wirbelsäulenverletzungen

Tab. 1.2 

Kriterien zur Schockraumbehandlung (Quelle: S3- Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung, Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie 07/2011)

Empfehlungsgrad A:

Störung der Vitalparameter

systolischer Blutdruck unter 90 mmHg nach Trauma,

GCS unter 9 nach Trauma,

Atemstörungen/Intubationspflicht nach Trauma.

Offensichtliche Verletzungen

penetrierende Verletzungen der Rumpf-/Hals-Region,

Schussverletzungen der Rumpf-/Hals-Region,

Frakturen von mehr als zwei proximalen Knochen,

instabiler Thorax,

instabile Beckenfraktur,

Amputationsverletzung proximal der Hände/Füße,

Verletzungen mit neurologischer Querschnittssymptomatik,

offene Schädelverletzung,

Verbrennung > 20% von Grad ≥ 2b.

Empfehlungsgrad B:

Unfallmechanismus bzw. -konstellation

Sturz aus über drei Metern Höhe,

Verkehrsunfall (VU),

Frontalaufprall mit Intrusion von mehr als 50–75 cm,

Geschwindigkeitsveränderung von delta > 30 km/h,

Fußgänger-/Zweirad-Kollision,

Tod eines Insassen,

Ejektion eines Insassen.

Bei Nichtzutreffen eines der Kriterien aus a) und/oder b) ist der Unfallmechanismus c) zielführend für eine Schockraumversorgung.

Abb. 1.1 Versorgungsalgorithmus an der Unfallstelle: Vernetzung von Diagnostik, Beurteilung und Behandlungsmaßnahmen.

Hinweise:

Die Prognose des Unfallverletzten ist direkt abhängig von der Zeitspanne zwischen dem Unfall und der definitiven Versorgung in einer adäquaten Zielklinik (geschätzte Reduktion der Sterblichkeit bei Verkehrsunfällen durch Implementierung eines Traumanetzwerks 8 %).

„3-R“-Regel: „Get the right patient to the right hospital at the right time!“ (American College of Surgeons Committee on Trauma).

Bei lebensbedrohlichen Zuständen und/oder einer zu erwartenden Transportzeit von über 30 min zwischen Unfallort und regionalem/überregionalem Traumazentrum soll zunächst die nächstgelegene Versorgungseinheit angfahren werden.

Im Zweifelsfall immer höhere Versorgungsstufe anfahren!

Merke:

Ein Verletzter ohne messbare Herz-Kreislauf-Funktion am Unfallort hat eine infauste Prognose und darf nur behandelt werden, wenn Patienten mit besserer Prognose nicht vernachlässigt werden!

2 Klinische Erstmaßnahmen bei Patienten ohne akute vitale Bedrohung

2.1 Anamnese

2.1.1 Grundlagen

Eigenanamnese: Aussagen des Patienten (→ Vergleich mit Fremdanamnese; Amnesie? Orientierung örtlich, zeitlich, zur Person, zur Situation?).

Fremdanamnese: Aussagen von Drittpersonen (Unfallzeugen, Begleitpersonen, Rettungsdienst).

2.1.2 Anamneseschema nach ATLS®: AMPLE-History

Tab. 2.1 

AMPLE-History (nach ATLS

®

). Folgende Punkte sollten bei traumatologischen Patienten abgefragt werden.

A Allergien

Asthma, Medikamente (v. a. Antibiotika, NSAR!), Narkosemittel (frühere Operationen), Lokalanästhetika, Kontrastmittel

M Medikamente (inkl. Alkohol, Drogen)

Antihypertonika (v. a. β-Blocker und Ca2+-Antagonisten): Möglicherweise Verschleierung der physiologischen Antwort auf eine Blutung; eine normale Herzfrequenz darf nicht falsch als Normovolämie interpretiert werden!

Antidiabetika: Die Möglichkeit einer Insulin-Überdosierung muss bei Diabetikern in Betracht gezogen werden. Cave: Hypoglykämie könnte ursächlich das Unfallgeschehen mitbeeinflusst haben

chronische Diuretika-Therapie: Mögliche Ursache einer Hypokaliämie

nicht steroidale Antirheumatika (NSAR, v. a. Acetylsalicylsäure): Erhöhte Blutungstendenz durch Hemmung der Thrombozytenfunktion

orale Antikoagulanzien (Cumarine, Clopidogrel, ASS, NOAKs): Erhöhung des Risikos einer massiven Blutung, insbesondere auch nach Bagatelltrauma (insbesondere intrakraniell)

Alkohol- und Drogen: Erschweren die neurologische Beurteilung von SHT-Patienten → großzügige Indikation zum Schädel-CT!

P persönliche Anamnese

aktuell bestehende Krankheiten

Vorerkrankungen, Operationen

bestehende Schwangerschaft? → veränderte Herz-Kreislauf-Parameter wegen physiologischer Hypervolämie: cardiac output = Herzzeitvolumen ↑ (ca. 1 – 1,5 l/min), Herzfrequenz ↑ (ca. 10 – 15/min), systemischer Blutdruck ↓ (ca. 5 – 15 mmHg)

Eklampsie als DD zum hämorrhagischen Schock

Bei Schwangeren möglicherweise starker Blutverlust ohne klinische Schockzeichen durch physiologisch erhöhtes intravaskuläres Volumen (Hypervolämie)! Die Plazentaperfusion kann jedoch bereits kompromittiert sein und der Fötus dadurch schockgefährdet!

Keine Verabreichung von Vasopressiva bei Schwangeren (Plazenta)!

Die Kompression der V. cava inferior durch den Uterus kann das HZV bei Schwangeren akut verringern und einen Schockzustand verschlechtern. Therapie: Linksseitenlage (rechte Hüfte um 10 – 15 cm anheben, Uterus manuell nach links verlagern)

Merke: Bei allen Schockraum-Patientinnen im gestationsfähigen Alter (10 – 50 Jahre) β-HCG im Urin bestimmen

Indikation zum Röntgen bzw. CT-Traumascan bei Schwangeren nur bei kritischer Indikation

L letzte Mahlzeit (Zeitpunkt)

vorgegebene zeitliche Nahrungskarenz für Elektiveingriffe: 6 h für feste Nahrung, 2 h für klare Flüssigkeiten

bei Notfalleingriffen entfällt diese Vorgabe! (jeder Notfallpatient gilt als „operabel“) → ▶ „rapid sequence intubation“

E Ereignisse in Bezug auf das Unfallgeschehen

Zeitpunkt des Unfalls

Situation am Unfallort: Bewusstlosigkeit, Atemwege, (Be-)Atmung, Hämodynamik

bisherige Therapie: Intubation, Volumensubstitution, Vasopressoren, Therapieerfolg? s. ▶ Schock

Unfallart:

Verkehrsunfall: PKW (□ Fahrer; □ Beifahrer: □ vorne / □ hinten; Sicherheitsgurt: □ ja / □ nein / □ unbekannt); LKW, Motorrad (Helm: □ ja / □ nein / □ unbekannt), Fahrrad, Mofa, Bus, Tram, Bahn, Fußgänger

Arbeitsunfall

Sport/Freizeit

Haushalt

Suizidversuch

Überfall, Gewalttat

Anderes:

Unfallmechanismus – stumpfes Trauma:

horizontales Dezelerationstrauma (z. B. Fahrzeugkollision)

vertikales Dezelerationstrauma: Sturz

Sturzhöhe: □ < 3 m / □ ≥ 3 m

direkter Anprall (z. B. PKW gegen Fußgänger)

Motorradunfall

Einklemmung, Kompression

Schlag (z. B. bei intentioneller Verletzung durch Gewalttat)

Verbrennung

Cave: Erhöhtes Risiko einer schwergradigen Verletzung bei 1) anamnestisch am Unfallort verstorbener Person im selben Fahrzeug oder bei 2) Ejektion aus dem Fahrzeug. Wichtige Informationen betreffend Unfallmechanismus (Fremdanamnese) können auf spezifische Verletzungsmuster hinweisen ( ▶ Tab. 1.1 )

Unfallmechanismus – penetrierendes Trauma:

niedrige Energie: Messerstichverletzung

mittlere Energie: ▶ Handfeuerwaffen

hohe Energie: ▶ Jagd-/Sturmgewehr

weitere Ursachen: Schrotschussverletzungen, Pfählungsverletzungen nach Sturz, penetrierende ▶ Verletzungen bei Explosionen

Hinweis: Musterdokumentationsbögen für die Polytraumaversorgung stellt das Traumaregister der DGU unter http://www.traumaregister.de zur Verfügung.

2.2 Untersuchung

2.2.1 Grundlagen

Die Untersuchung und Beurteilung erfasst den ganzen Menschen und seine Verletzungen einschließlich eventueller Vorschäden und Vorerkrankungen. Bei Leichtverletzten beschränkt sich die Untersuchung auf das für Diagnosestellung und Therapie notwendige Maß (Lokalbefund).

Auch bei lokalisierten Verletzungen muss unter Umständen mit Systembelastungen gerechnet werden.

Schutz-/Hygienemaßnahmen: Bei Kontakt mit Körperflüssigkeiten und Blut müssen zur Untersuchung Handschuhe getragen werden. Evtl. sind weitere Schutzmaßnahmen (z. B. Schutzbrille, Mundschutz, Schutzanzug) zu ergreifen.

Dokumentation: Die durchgeführten Untersuchungsmaßnahmen und die pathologischen Befunde müssen schriftlich, ggf. auch fotografisch (z. B. schwere Weichteilverletzungen, forensische Dokumentation bei Gewaltverbrechen) und radiologisch (ossäre Verletzungen) dokumentiert werden.

Systematisches Vorgehen bei der Untersuchung:

Orientierende Prüfung von Bewusstseinslage, Kreislauf, Atmung, neurologischem Status, Thorax, Abdomen, Becken, Wirbelsäule, Extremitäten.

Der Lokalbefund muss im Detail erhoben werden, bei Verletzungen der Extremitäten müssen insbesondere Motorik, Sensibilität und Durchblutung peripher der Schädigung überprüft werden.

Induktives Vorgehen:

Zunächst Anamnese und klinische Untersuchung, dann erst ergänzende apparative Untersuchung (zur Bestätigung oder zum Ausschluss einer vermuteten Verletzung).

Spezielle Aspekte:

Unangenehme und schmerzhafte Untersuchungsabschnitte sollten am Schluss der Untersuchung durchgeführt werden.

Präklinisch angelegte sterile Schutzverbände auf den Wunden sowie suffizient angelegte Schienen an Frakturen belassen. Schnürende Verbände, Kleidungsreste und Schmuck entfernen, ebenso Brillen, Kontaktlinsen und Zahnprothesen.

Offene Wunden nach Inspektion steril verbinden, bei starker Blutung mit einem Druckverband. Stark dislozierte Frakturen unter Zug und Gegenzug wenigstens so weit reponieren, dass die Weichteile entlastet sind. Anschließend die Extremität schienen.

2.2.2 Untersuchungstechnik

Inspektion:

Bewusstseinslage, Hautkolorit, Dyspnoe, Blutungen aus Körperöffnungen.

Wunden: Lokalisation, Größe, Form, Wundränder, Verschmutzung.

Am Rumpf auch Rücken, Damm und Flanken kontrollieren.

An den Extremitäten auf Verkürzungen, Achsenknickungen, Deformität und Instabilität achten. Periphere Funktionskontrollen an Händen und Füßen.

Auskultation: Herz, Lunge, Abdomen, Gefäße.

Perkussion: Thorax und Abdomen.

Palpation:

Hauttemperatur, subkutanes Emphysem, Stabilität von Thorax und Becken.

Bimanuelle Tastuntersuchung des Abdomens, einschließlich rektaler Tastuntersuchung.

Stabilität von Gelenken und langen Röhrenknochen, aktive Bewegungen der peripheren Gelenke gegen Widerstand prüfen (Innervation, Sehnenverletzungen, Frakturen).

Druck auf Muskellogen.

Messung von Puls, Blutdruck, Atemfrequenz, Länge/Umfang von Extremitäten, Bewegungsumfang von Gelenken.

Ergänzende apparative Untersuchungen:

Röntgen:

Bei Frakturverdacht Aufnahme der suspekten Region in 2 zueinander senkrechten Ebenen. Abbildung benachbarter Gelenke. Im Einzelfall der dringlichen Versorgung ist bei eindeutigem Befund in einer Ebene ggf. die 2. verzichtbar.

Kontralaterale Vergleichsaufnahmen in identischer Projektion sind nur noch in Ausnahmefällen (z. B. Tossy-Verletzung) indiziert.

Stressaufnahmen zum Nachweis von Kapselband-Instabilitäten.

EKG und Pulsoximetrie.

Sonografie: Abdomen, Thorax, Hämatome, Gelenkerguss.

Dopplersonografie: Periphere Gefäße.

▶ Kompartmentdruckmessung: Bei Verdacht auf Kompartmentsyndrom.

CT, MRT, Angiografie: Zur gezielten weiterführenden Diagnostik bei spezieller Indikation.

2.2.3 Begleitende Maßnahmen

Hochlagern und kühlen der verletzten Extremität.

Blutentnahme für diagnostische und präoperative Laboruntersuchungen.

▶ Tetanus-Prophylaxe, abhängig vom Impfstatus.

Schmerzbekämpfung.