Gefährliches Vergessen - Helen Perkins - E-Book

Gefährliches Vergessen E-Book

Helen Perkins

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Die Post, die Zeitung, frischer Kaffee.« Fee Norden warf einen skeptischen Blick über den Frühstückstisch. »Habe ich was vergessen? Ich glaube nicht.« Die hübsche Blondine mit den erstaunlich blauen Augen wollte sich gerade setzen, als ihr Mann Daniel widersprach: »Das Wichtigste fehlt, mein Herz.« Fee musterte ihn mit gerunzelter Stirn. »Und zwar?« Da blitzte der Schalk aus seinem Blick, und ein jungenhaftes Lächeln erhellte seine markanten Züge. Ehe Fee sich versah, schenkte er ihr einen verliebten Kuss und stellte dann frech fest: »So, jetzt fehlt wirklich nichts mehr.« »Dan, du alter Romantiker.« Die Kinderärztin und Stationsleiterin in der Behnisch-Klinik, der man die fünffache Mutterschaft nicht ansah, kicherte wie ein Teenager. Es war wohl das Geheimnis ihrer glücklichen Ehe, dass sie sich die besondere Zeit der ersten Verliebtheit im Herzen bewahrt hatten und jederzeit wieder zu dem seligen Pärchen werden konnten, das nur einen tiefen Blick zu wechseln brauchte, um sogleich in andere, schönere Gefilde abzudriften. Die Nordens teilten alles, berufliche Verantwortung, Sorgen und jeden noch so kleinen Glücksmoment. So war es auch gewesen, als die Kinder noch klein waren und sich für Fee alles ums Familienleben gedreht hatte. Nun waren sie alle erwachsen und lebten ihr eigenes Leben. Nur die beiden Jüngsten, die Zwillinge Désirée und Christian, genannt Janni, wohnten noch daheim bei den Eltern. Sie hatten beide das Abi in der Tasche, waren sich aber noch nicht ganz schlüssig, wohin der Weg sie führen sollte. »Ach herrje, der alte Professor von Gödern ist gestorben«, sagte Daniel, der die Zeitung durchblätterte, während Fee sich Kaffee eingoss. »Erinnerst du dich noch an ihn?«

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Chefarzt Dr. Norden – 1194 –

Gefährliches Vergessen

Eine junge Ärztin flieht vor der Vergangenheit

Helen Perkins

»Die Post, die Zeitung, frischer Kaffee.« Fee Norden warf einen skeptischen Blick über den Frühstückstisch. »Habe ich was vergessen? Ich glaube nicht.« Die hübsche Blondine mit den erstaunlich blauen Augen wollte sich gerade setzen, als ihr Mann Daniel widersprach: »Das Wichtigste fehlt, mein Herz.«

Fee musterte ihn mit gerunzelter Stirn. »Und zwar?«

Da blitzte der Schalk aus seinem Blick, und ein jungenhaftes Lächeln erhellte seine markanten Züge. Ehe Fee sich versah, schenkte er ihr einen verliebten Kuss und stellte dann frech fest: »So, jetzt fehlt wirklich nichts mehr.«

»Dan, du alter Romantiker.« Die Kinderärztin und Stationsleiterin in der Behnisch-Klinik, der man die fünffache Mutterschaft nicht ansah, kicherte wie ein Teenager. Es war wohl das Geheimnis ihrer glücklichen Ehe, dass sie sich die besondere Zeit der ersten Verliebtheit im Herzen bewahrt hatten und jederzeit wieder zu dem seligen Pärchen werden konnten, das nur einen tiefen Blick zu wechseln brauchte, um sogleich in andere, schönere Gefilde abzudriften. Die Nordens teilten alles, berufliche Verantwortung, Sorgen und jeden noch so kleinen Glücksmoment. So war es auch gewesen, als die Kinder noch klein waren und sich für Fee alles ums Familienleben gedreht hatte. Nun waren sie alle erwachsen und lebten ihr eigenes Leben. Nur die beiden Jüngsten, die Zwillinge Désirée und Christian, genannt Janni, wohnten noch daheim bei den Eltern. Sie hatten beide das Abi in der Tasche, waren sich aber noch nicht ganz schlüssig, wohin der Weg sie führen sollte.

»Ach herrje, der alte Professor von Gödern ist gestorben«, sagte Daniel, der die Zeitung durchblätterte, während Fee sich Kaffee eingoss. »Erinnerst du dich noch an ihn?«

»Der Pathologe mit dem schrägen Humor, oh ja.«

Der dunkelhaarige Mediziner mit den warmen Augen lächelte versonnen. »Er war damals, als wir neu an die Uni kamen, schon nicht mehr der Jüngste. Und er machte sich einen besonderen Spaß daraus, die weiblichen Studierenden zu schockieren.«

»Hm, ich erinnere mich«, seufzte Fee. »Wie alt ist er denn geworden, dieser gewöhnungsbedürftige Exzentriker?«

»Achtundneunzig, mein Respekt.« Daniel musste schmunzeln. »Weißt du noch, als er die Sache mit dem Defibrillator …«

»Morgen allerseits.« Janni ließ sich am Frühstückstisch nieder und musterte seine Eltern fragend. »Hoffentlich führt ihr nicht wieder medizinische Fachgespräche. Ich warne euch. Mein Magen ist heute Morgen sehr empfindlich …«

»Keine Sorge, Liebchen, alles im grünen Bereich«, versicherte seine Mutter ihm beschwichtigend.

»Nicht so ganz. Ich muss mich sputen.« Daniel Norden faltete die Zeitung zusammen. »Heute fangen die beiden neuen Assis auf der Inneren an. Und der Kollege Schön erwartet natürlich, dass ich zur Begrüßung ein paar Worte spreche.«

»Gleich zwei neue Ärzte?«, wunderte Janni sich. »Ihr habt wohl zuviel Geld in eurer Klinik.«

»Das nicht unbedingt. Es war ein harter Kampf, diese beiden Stellen bei der Verwaltung durchzusetzen. Aber die Innere ist seit Jahren chronisch unterbesetzt. Jetzt können die Kollegen aufatmen.«

»Jedenfalls hattest du eine breite Auswahl. Ich habe die vielen Bewerbungen auf deinem Schreibtisch gesehen«, meinte Fee.

Als Chefarzt und Klinikleiter war Dr. Norden auch für Neueinstellungen zuständig. »Ja, die Auswahl ist mir nicht leichtgefallen. Es gab eine ganze Reihe qualifizierter Bewerber. Der Kollege Schön und ich haben uns dann für diejenigen entschieden, die unserer beider Meinung nach am besten in sein Team passen. Beate Schubert hat bei Prof. von Hagen gearbeitet, das ist schon eine Auszeichnung an sich. Er nimmt nur die besten Absolventen frisch von der Uni. Und Thomas Hellmann ist in seinem Jahrgang der Beste gewesen. Ich denke mir, mit den beiden haben wir einen guten Griff getan.«

»Wer ist denn dieser Professor von Hagen?«, wollte Janni interessiert wissen.

»Er leitet eine kleine, feine Privatklinik in Grünwald. Ausgesuchte Patienten, nur privat, viele Promis.«

»Hoffentlich nicht so ein Schönheitsdoktor, der Falten ausbügelt und schlappe Wangen aufpumpt …« Janni blies seine Wangen auf, bis er wie Goofy aussah. Fee musste schmunzeln, gab aber zu bedenken: »Die plastische Chirurgie hat durchaus ihre Berechtigung. Denk nur an Menschen, die von Geburt an unter einer Missbildung leiden. Oder Unfallopfer.«

»Ich glaube, Janni hat ein bisschen pragmatischer gedacht«, meinte Daniel und erhob sich. »Prof. von Hagen ist zwar Chirurg, aber kein Schönheitsdoktor, wie du es nennst. Jedenfalls hat sein Haus einen tadellosen Ruf. Jeder, der dort gearbeitet hat, ist tüchtig, das steht für mich fest.«

»Warum ist diese Ärztin denn da weg, wenn es so toll ist?«

»Sie wollte sich verändern. Das kann viele Gründe haben. Hauptsache, sie versteht ihr Handwerk. Aber wir müssen jetzt wirklich los. Kommst du, Fee?«

Sie nickte. »Im Ofen sind noch zwei warme Semmeln für Dési«, ließ sie ihren Sohn wissen.

»Okay. Aber ich glaube nicht, dass wir vor heute Mittag etwas von ihr zu sehen kriegen.«

Daniel seufzte. »Muss ja eine tolle Party gewesen sein.«

»Kann man so sagen«, meinte sein Sohn grinsend.

Nachdem seine Eltern zur Arbeit gefahren waren, machte Janni es sich am Frühstückstisch erst einmal gemütlich. Er studierte in aller Ruhe die Zeitung, trank noch ein paar Tassen Kaffee und verputzte auch die Semmeln aus dem Ofen.

Als Dési schließlich reichlich verkatert den Weg ins Esszimmer fand, lächelte ihr Zwillingsbruder schmal und stellte fest: »Der Spruch ist zwar schon ein bisschen alt, aber doch immer noch gültig: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben …«

*

»Das wirst du niemals schaffen. Ich lasse es nicht zu. Ich werde dafür sorgen, dass du am Ende mit leeren Händen dastehst. Und das ist erst der Anfang. Wenn ich mit dir fertig bin …«

Aus ihrem Albtraum schreckte Beate Schubert schweißgebadet auf, als ihr Wecker klingelte. Die junge Ärztin starrte eine Weile mit weit aufgerissenen Augen auf das Fenster in der gegenüberliegenden Wand. Hinter der Gardine aus grobem, hellem Stoff schien eine friedliche Morgensonne. Alles war gut. Sie befand sich in ihrem Schlafzimmer, in ihrem Bett.

»Nur ein Traum«, flüsterte sie, halb erleichtert, halb beklommen. Die Träume waren ihr geblieben, es waren böse, gemeine Erinnerungen, die mit der Dunkelheit kamen und wieder lebendig wurden, Nacht für Nacht.

Die hübsche junge Frau mit den kurzen, blonden Locken und den himmelblauen Augen hatte gehofft, einen Schlussstrich ziehen zu können, als sie sich in der Behnisch-Klinik beworben hatte. Neues Spiel, neues Glück. Sie hatte alles hinter sich lassen wollen, was ihr Leben in den vergangenen Monaten zunehmend vergiftet und letztendlich zu einem Albtraum gemacht hatte. Doch es war ihr nicht gelungen. Die Bilder in ihrem Kopf, tagsüber sorgsam verwahrt und weggesperrt, befreiten sich, wenn sie einschlief, wehrlos, angreifbar wurde. Wie lange sollte das noch so weitergehen? Würde es denn niemals aufhören?

Mit einem resignierten Seufzen ließ Beate sich noch einmal in die Kissen gleiten und schloss kurz die Augen. Sie versuchte von neuem vergeblich, sich zu entspannen, die dunklen Wolken, die ihr Leben beschatteten, kraft ihres Willens endgültig zu vertreiben. Was hinter ihr lag, ließ sich nicht mehr ändern. Nun kam es darauf an, einen echten Neubeginn zu wagen, ihr Leben endlich wieder in den Griff zu bekommen.

Als die junge Ärztin am Vorabend zu Bett gegangen war, hatte sie sich optimistisch gefühlt, sogar voller Vorfeude. Doch das mochte hauptsächlich an dem Mix verschiedener Pillen gelegen haben, die sie eingeworfen hatte. Etwas Entspannendes, etwas Beruhigendes, etwas zum Schlafen und etwas, um zu vergessen.

Beate wusste, dass sie auf diese Weise ein gefährliches Vergessen suchte. Aber sie sah keinen anderen Weg. Das, was ihr angetan worden war, ließ sich nicht einfach abstreifen und zurücklassen wie ein alter Mantel. Es war da, tief unter ihrer Haut, es war vorgedrungen wie Gift bis in ihr Herz und ihre Seele. Und sie hatte noch keinen gangbaren Weg hinaus aus diesem Tal der bösen Erinnerungen gefunden.

Die Medikamente waren nur eine Krücke. Das redete sie sich zumindest ein. Was sie bei einem Patienten nüchtern als Abgleiten in die Abhängigkeit beurteilt hätte, war doch nichts weiter als eine Schutzbehauptung. Sie hatte Angst, die Krücke fallen zu lassen, wieder ohne Hilfe aufrecht gehen zu lernen.

Mit einem leisen, gequälten Seufzen erhob die junge Ärztin sich schließlich und ging unter die Dusche. Es war ihr erster Arbeitstag in der Behnisch-Klinik, sie musste pünktlich, frisch und aufnahmefähig sein, denn der erste Eindruck zählte. Und sie war fest entschlossen, dem Bild einer tüchtigen Assistenzärztin zu entsprechen, alle Erwartungen zu erfüllen.

Beate kleidete sich sorgfältig an, verwendete etwas mehr Zeit auf ein perfektes, dezentes Makeup, das sie sehr frisch und hübsch aussehen ließ. Ihr Frühstück bestand dann allerdings nur aus einer Tasse pechschwarzem Kaffee und einer Handvoll bunter Pillen aus ihrem umfunktionierten Kosmetikkoffer.

Sie dachte nicht weiter darüber nach, was sie da tat, während sie den heißen Kaffee in kleinen Schlucken trank. Als die Medikamente dann ihre Wirkung taten, dachte sie gar nicht mehr, sondern funktionierte. Und das mit einem gut gelaunten und überaus freundlichen Lächeln im Gesicht …

Thomas Hellmann war schon da, als Beate ihre neue Station in der Behnisch-Klinik betrat. Sie begrüßten sich förmlich, Dr. Schön, der Stationsleiter, hieß beide willkommen und ließ sie wissen: »Sie werden gleich Ihre neuen Kollegen kennen lernen. Der Chef wird auch ein paar Worte sprechen. Keine Sorge, alles ganz ungezwungen. Und dann kann’s auch auch losgehen.«

»Nichts dagegen«, scherzte Dr. Hellmann gut gelaunt. Er war groß und sportlich, ein richtiger Sonnyboy mit klugen Augen und sehr charmant. Beate fand ihn spontan sympathisch, ohne es sich anmerken zu lassen. Seit sie die Privatklinik von Prof. von Hagen verlassen hatte, schützte eine sehr hohe Mauer sie vor allem, was von außen kam. Sie bestand aus geschäftsmäßiger Freundlichkeit, Distanz und einer schier unerschöpflichen Auswahl unterschiedlicher Psychopharmaka.

Dr. Daniel Norden traf wenig später ein. Beate hatte den Eindruck, es mit einem integeren Mann zu tun zu haben, dem man unbesehen vertrauen konnte. Doch das hatte sie auch von ihrem vorherigen Chef geglaubt. Ein böser Irrtum, wie sich erst im Nachhinein herausgestellt hatte …

Der Klinikchef gab ein paar launige Bonmots zum Besten und wünschte den »Neuen« dann alles Gute.

»Wenn es Probleme gibt, wird der Kollege Schön Ihnen gerne helfen. Scheuen Sie sich nicht, mit allem, was Sie vielleicht bedrückt, zu ihm zu kommen. Und ich bin natürlich auch jederzeit für Sie da. Schließlich haben wir alle mal als Assis angefangen.« Er nickte dem Stationsleiter zu. »Eine schöne Zeit, nicht wahr, Herr Kollege?«

»Ja, man lernt erst dort, was es mit unserem Beruf wirklich auf sich hat«, pflichtete der dem Chefarzt bei.

»Und man lernt nie aus«, fügte Dr. Norden noch hinzu. »In diesem Sinne: Willkommen im Team.«

*

»Und, wie geht es Ihnen? Haben Sie sich schon eingelebt?«

Beate schreckte aus ihren düsteren Gedanken auf, als Thomas Hellmann sich zu ihr setzte. Er stellte einen Kaffee vor sie auf den Tisch und gestand: »Mir fehlt noch ein bisschen die Routine. Aber ich arbeite dran.« Er lächelte ihr jungenhaft zu. »Es kann nur besser werden.«

»Danke für den Kaffee«, kam es einsilbig von ihr.

»Stress?«

Sie nickte. »Ja, ich glaube, das liegt aber weniger an der Arbeit hier. Ich habe leider die Angewohnheit, mich selbst zu stressen. Ich will immer perfekt sein.«

»Das gibt’s nicht, es wäre ja auch unmenschlich.«

»Sagen Sie das nicht. Prof. von Hagen hat immer Perfektion erwartet und verlangt.«

»Sind Sie deshalb von dort weg? Was man so hört, soll der Professor Spitzengehälter zahlen. Und eine Facharztausbildung in seinem Haus öffnet einem ja wohl alle Türen.«

Beate hob die Schultern. »So weit ist es damit auch wieder nicht her. Schließlich wird überall nur mit Wasser gekocht.«

»Das klingt ziemlich nüchtern.«

Sie lächelte schmal und erhob sich. »Ich bin nüchtern. Jedenfalls meistens. Ich muss, meine Pause ist vorbei.«

Thomas schaute ihr sinnend hinterher. Beate war eine schöne Frau, aber leider auch so verschlossen wie eine Auster. Ob es ihm wohl jemals gelingen würde, sie zumindest aus der Reserve zu locken? Er hoffte es, denn er hatte in den paar Tagen, die sie nun zusammenarbeiteten, bereits angefangen, sie zu mögen …

Beate kümmerte sich derweil um eine Patientin, die sich nach einer erfolgreich überstandenen Gelbsucht auf dem Weg der Besserung befand. Sie war noch jung und hatte bereits eine Drogenkarriere hinter sich. Dr. Schön hatte Beate diese Patientin zugeteilt, die sich ziemlich widerspenstig zeigte.

»Was wollen Sie denn schon wieder?«, murrte sie unfreundlich.

»Nach Ihnen sehen. Das ist mein Beruf«, erwiderte Beate gelassen. »Wie fühlen Sie sich?«

»Was geht Sie das an?« Elke Lenz verzog abschätzig den Mund. »Sie sind so propper, Frau Doktor, so adrett und nett. Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht mit mir. Das ist nur vergebene Liebesmüh.«

»Wieso? Ihr Zustand hat sich in den vergangenen Tagen durchaus gebessert. Wenn es so weitergeht, sind Sie bald wieder gesund und können die Behnisch-Klinik verlassen.«

Die Patientin grinste schief und spöttelte: »Ich kann’s kaum noch erwarten. Zurück ins Leben!«

»Das klingt nicht gerade begeistert.«

»Sie merken auch alles.«

»Aber Sie haben doch hier erfolgreich entzogen. Jetzt können Sie neu anfangen, das alte Leben hinter sich lassen. Das ist wirklich viel wert, glauben Sie mir.«

»Woher wollen Sie denn das wissen? Haben Sie schon mal harte Drogen konsumiert? Ich meine nicht, mal einen Joint oder so. Sondern die richtigen Sachen. Heroin. Wissen Sie, was dieser Stoff aus einem macht?«

»Man wird süchtig danach.«

»Klar, aber das ist nicht alles. Selbst wenn man einen Entzug schafft, geht die Abhängigkeit nicht wieder weg. Man ist sein ganzes Leben hinter dem Zeug her, egal ob clean oder nicht.«

»Aber ein echter Entzug ist doch möglich.«

Elke Lenz lachte leise. »Glauben Sie das nur, Doc. Wenn es Sie beruhigt, machen Sie sich was vor …«

Als Dr. Schubert gleich darauf das Krankenzimmer verließ, ergriff sie ohne Vorwarnung Panik. Sie war einen Moment lang nicht mehr in der Lage, klar zu denken. Sie stand nur da, starrte vor sich hin und versuchte mit ganzer Kraft, aus diesem mehr als beängstigenden Zustand wieder heraus zu kommen. Es dauerte quälend lange Minuten. Endlich gelang es ihr.

Sie wandte sich ab und wollte nach dem nächsten Patienten sehen, als sie Thomas Hellmann bemerkte. Er kam ihr über den Klinikflur entgegen. Sie versuchte, ihm auszuweichen, aber er passte sie ab und fragte: »Geht’s Ihnen nicht gut? Sie sind sehr blass.«

»Alles in bester Ordnung«, behauptete sie abweisend.

»Wirklich? Ich dachte eben …«

»Kümmern Sie sich lieber um Ihre Patienten.«

Beate ließ ihn stehen und eilte davon, ehe er die Möglichkeit hatte, noch etwas zu sagen. Im Grunde tat es ihr leid, dass sie ständig so unfreundlich zu ihm war. Aber sie wollte einfach keine Freundschaften schließen und sich auf nichts einlassen, was mit Blicken begann und in Tränen endete. Davon hatte sie ein für alle Mal die Nase voll.