Chopinhof-Blues - Anna Silber - E-Book
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Chopinhof-Blues E-Book

Anna Silber

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Beschreibung

Die Geschwister Katja und Tilo verbindet ihre Kindheit im Heim. Nun, als Erwachsene, nagt die Vergangenheit in Form ihrer komplizierten Beziehungen an ihnen. Die Krisenjournalistin Esra bereist die gefährlichsten Orte der Welt in der Hoffnung, mit ihren Reportagen aufzurütteln. Bei ihrem letzten Einsatz in Honduras gerät sie selbst in die Abgründe der alltäglichen Gewalt, die sie nach ihrer Rückkehr nach Berlin nicht loslassen. Und Ádám, ein studierter Philosoph aus Budapest, hat gemeinsam mit seiner Frau Aniko Ungarn verlassen, um in Wien ein besseres Leben zu führen. Doch das entwickelt sich anders, als die beiden es sich vorgestellt haben. Als Ádáms Freund Daniel zu einer Geburtstagsfeier in den Chopinhof, einen schmucklosen Gemeindebau in Wien lädt, treffen alle aufeinander … Ein zarter und zugleich kraftvoller Roman ums endgültige Erwachsenwerden, um Beziehungsdynamiken und Narben aus der Vergangenheit: ein hinreißendes Debüt!

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Für F.

Copyright © 2022 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung: © Katarina Radovic/stocksy

ISBN 978-3-7117-2117-4

eISBN 978-3-7117-5464-6

Informationen über das aktuelle Programm

des Picus Verlags und Veranstaltungen unter

www.picus.at

ANNA SILBER

CHOPINHOF BLUES

ROMAN

PICUS VERLAG WIEN

INHALT

KAPITEL 1: KATJA

KAPITEL 2: ÁDÁM

KAPITEL 3: ESRA

KAPITEL 4: KATJA

KAPITEL 5: ÁDÁM

KAPITEL 6: ESRA

KAPITEL 7: KATJA

KAPITEL 8: ÁDÁM

KAPITEL 9: KATJA

KAPITEL 10: ESRA

KAPITEL 11: ÁDÁM

KAPITEL 12: ESRA

KAPITEL 13: KATJA

KAPITEL 14: ÁDÁM

KAPITEL 1: KATJA

Als Tilo rübersah, wusste ich schon, dass der Boden der Tatsachen ein doppelter war. Dass er es schon wieder tat, obwohl wir die letzten anderthalb Tage damit verbracht hatten, genau darüber zu reden: dass er es nicht lassen konnte. Dass er sich genau die Frauen anlachen musste, die ganz sicher Schwierigkeiten bedeuten würden. Die verheirateten. Die verlobten. Er sah rüber mit diesem Tilo-Blick, obwohl er vor weniger als einer Woche sitzen gelassen wurde, von genau so einer Frau.

»Tilo.«

»Was? Was schaust du so?«

»Guck sie dir an, Mann. Das ist doch scheiße. Die hat doch sogar den Ring am Finger, ich mein, guck halt mal da hin.«

»Ich schau halt woanders hin.«

»Du bist ein Arschloch, Tilo.«

»Aber das ist nix Neues, oder?«, sagte er, als wäre das alles ein Spiel. Ich sah ihm fest in die hellen Augen. Ein bisschen Grün im Blau. Eine sichere Insel im weiten Meer, Mamas Worte, hundertmal gehört.

»Ich will gehen.« Ich klang trotziger als gewollt.

»Wieso denn jetzt? Nur weil ich eine Frau anschaue?«, fragte Tilo. »Ich mach ja sonst gar nichts, ich geh nicht zu ihr hin, ich sag nix zu ihr, in zwanzig Minuten bin ich hier aus der Tür raus, bring dich zum Bahnhof und dann seh ich die nie wieder, komm schon, Socke, nimm das doch nicht so ernst!«

Ich sah ihn vor mir, an dem Tag, als er ausgezogen war aus dem Kleinen Bahnweg, wie er den Rucksack auf den Koffer und die Sporttasche gehievt hatte und beim letzten Winken wieder alles auseinanderfiel. Wir kannten niemanden mit Auto, in Jugendheimen hatte kein Mensch Geld für ein Auto. Also war Tilo Zug gefahren, von Kassel nach Wien, wo er überraschend ein Stipendium bekommen hatte. Weder er noch ich waren damals je in Wien gewesen, überhaupt in Österreich. Die weiteste Reise war an die Ostsee gewesen, in unserem dritten oder vierten Jahr im Kleinen Bahnweg.

Tilo sah weiter rüber zu der Frau mit dem Ring. Bis auch sie hersah, ein verwundertes Lächeln auf den Lippen. Sie war schön, ja. Alle seine Frauen waren schön. Und alle hatten sie diesen Blick, wenn sie Tilo ansahen, Tilo mit dem Lockenkopf und den Inselaugen. Ich sah zwischen ihr und Tilo hin und her, bis es nicht mehr auszuhalten war.

»Tilo!« Er drehte sich ein bisschen, sah mich endlich richtig an.

»Sorry.« Er nahm meine Hand, drehte sie um und fuhr routiniert die Narbe in meiner Handinnenfläche entlang. Wie klein waren wir gewesen, wie lang war es her, als Mama uns von einer befreundeten Wahrsagerin erzählte, die händelesend alle Geheimnisse aufdecken konnte und uns bald besuchen würde. Tilo und ich wollten nicht, dass irgendwer unsere Geheimnisse herausfand. Tilo kam auf die Idee mit dem Messer. Ich fing an, weil er sich nicht traute. Ein schneller Schnitt einmal quer über die Handinnenfläche, damit die Wahrsagerin nichts erkennen würde. Ich schrie nicht, Tilo dafür laut. Mama, die damals schon nicht mehr an Ärzte glaubte, schmierte eine selbst gemachte Creme auf die Schnittwunde, band ein Geschirrtuch darum und setzte mich zwischen Räucherstäbchen. Zwei Tage später fiel ich in der Schule einfach vom Stuhl. Die Lehrerin rief erst den Krankenwagen an, dann das Jugendamt.

»Du warst so tapfer, Katja«, sagte Tilo mit Blick auf die hässliche Verfärbung, die sich quer über meine Hand zog, »ich hätte das nie durchgezogen mit dem Messer. Aber dafür hatte ich dich ja. Hab ich dich ja«, fügte er hinzu, lächelte, als wäre das alles eigentlich ganz harmlos gewesen. Kein Wort zu Mamas Schweigen, nachdem das Jugendamt zum ersten Hausbesuch gekommen war. Kein Wort zu den Stunden allein, eingesperrt drinnen oder ausgesperrt draußen, weil ich mich in der Schule nicht zusammengerissen hatte, weil ich uns den Staat ins Haus geschafft hatte. Kein Wort zu allem, was danach kam. Ich räusperte mich.

»Pass einfach auf dich auf«, sagte ich leiser.

»Sowieso«, sagte Tilo, der es immer schaffte, dass ihm alle wohlgesonnen waren. Ich warf einen Blick auf die Uhr.

»Komm, wir müssen los.« Tilo nickte, fuhr sich durch die Haare und holte sein Drehzeug aus dem Mantel. Ich sah nicht hin, als wir an dem Tisch der schönen Frau vorbeigingen.

Der Wiener Bahnhof Meidling war so verschandelt wie eh und je, ich winkte Tilo aus dem Zug zu. Wieder war ein Notfall-Kurzbesuch vorüber, ich saß drinnen und er stand draußen, fuhr sich durch die Locken, sah unruhig zwischen mir, der Bahnhofsuhr und der Lok hin und her. Ich musterte ihn, blieb an seinen Schuhen hängen, die wir gestern in einem Secondhandladen gekauft hatten. Die Verkäuferin hatte sie extra für Tilo aufbewahrt, weil sie sicher keinem sonst so gut stehen würden. Tilo hatte gelacht, die Schuhe anprobiert, viel zu wenig Geld dafür gezahlt und die alten, mit denen er gekommen war, gleich dort gelassen. Wer traute sich, so zu leben?

Der Zug ruckelte los, von Wien Richtung Berlin. Es stank nach Bremsen. Draußen winkte Tilo ein letztes Mal, bevor er sich umdrehte und zurück in die Bahnhofshalle ging. Von hinten sah er aus wie ein Fremder.

Der Zug hatte gerade Sankt Pölten hinter sich gelassen, als mein Handy klingelte. Ich drückte den Anruf weg. Keine halbe Minute später rief sie wieder an, wieder drückte ich sie weg. Beim dritten Anruf hob ich ab, alles sinnlos.

»Hallo«, sagte ich.

»Katja«, sagte sie. »Wie geht es dir?«

»Was willst du, Mama?« Der Mann im Sitz gegenüber hob den Blick, sah mich interessiert an.

»Nur anrufen, Katja. Ich will dir nichts Böses.« Ihre Stimme viel zu weich.

»Mh.«

»Wo bist du denn? Wie geht es dir? Bist du unterwegs?« So viele Pseudofragen.

»Ich sitze im Zug.«

»Warst du bei Tilo?« Hatte er ihr erzählt, dass ich kommen würde?

»Ja.«

»Geht es ihm besser?« Also doch. Warum erzählte er ihr von seinem Leben?

»Das musst du ihn fragen, nicht mich. Ich war nur dort, um ihm zu helfen. Aber jetzt muss ich …«

»Katja, ich will dich nicht aufhalten«, unterbrach sie mich, wenigstens war die Waschmittelstimme weg. Vielleicht hatte sie endlich verstanden, dass sie mir nichts vorzuspielen brauchte. Dass ich nur noch ans Telefon ging, damit Tilo Ruhe gab.

»Was willst du dann?«, fragte ich.

»Ich will nur wissen, ob du sicher zum Jubiläum kommst.«

»Ich habe zugesagt, also komme ich.«

»Gut.«

»Für Tilo komme ich, Mama, nicht für dich.«

»Ich verstehe. Aber …« Ich legte auf. Der Mann gegenüber sah mich immer noch an. Ich hatte Lust, eine Grimasse zu schneiden oder ihn anzuschreien oder ihm einfach alles zu erzählen, einem wildfremden Mann im Zug, die ganze Geschichte, die niemand außer Tilo und mir kannte. Jedes Detail, das mir einfiel, um die vollen acht Stunden von hier bis nach Berlin zu füllen. Der Mann senkte den Blick, ich atmete aus. Ruhe im Kopf.

»Frau März, Sie können nicht jedes zweite Wochenende die Fliege machen, Sie haben Verantwortung, das wissen Sie, oder?« Giacomo stand in meinem Büro und am liebsten hätte ich ihm die Tür in seine parfümierte Visage geknallt. Auf dass es endlich ein Ende nehmen würde, das Sticheln, das Urteilen.

»Es war nur das Wochenende, kein einziger Wochentag«, sagte ich und konzentrierte mich auf meine Stimme, so wie ich es gelernt hatte. Ruhig und selbstbewusst. Das Tempo herunterfahren. Die Worte meines Coaches im Ohr. Ruhe im Kopf, Ruhe im Körper.

»Frau März, niemand braucht diese Ausreden.« Giacomo schüttelte den Kopf, eine Theatergeste. Mit jeder Handbewegung, mit jedem Heben der Augenbrauen musste er unterstreichen, dass er es geschafft hatte. Giacomo Andreotti, die Großeltern aus Apulien, die Eltern aus Recklinghausen, er selbst mit fünfunddreißig schon Head of Human Resources Europe. Ich atmete aus, immer die Ruhe bewahren.

»Es war eine Familienangelegenheit.«

»Mhm, die berühmte Familienangelegenheit.«

»Ja.«

»Frau März, Sie …«

»Ich muss leider ins Meeting, es ist gleich zehn«, unterbrach ich ihn und musste mir ein Grinsen verkneifen. Das hatte er von seinem Organisationsfimmel, von seiner Pünktlichkeitsobsession. Ich stand auf, die Bluse kratzte unter meinem Nacken. Kurz der Gedanke, Giacomo zu bitten, die Bluse aufzuknöpfen und seine Hand auf die juckende Stelle zu legen. Seine Hand einfach dort liegen zu lassen, bis es zehn war, zehn nach zehn, halb elf. Ich drückte die Schultern nach hinten und unten, nickte ihm zu. »Herr Andreotti.«

»Frau März.« Ich ging an ihm vorbei, roch sein Parfüm. Er musste meines auch riechen, fremd war es ihm lange nicht mehr.

Kilian von gegenüber, Büro 307, rückte sich die Krawatte zurecht, stümperhaft. Den Job würde er bestimmt nicht mehr lange haben.

»Also.« Er sah einmal der Reihe nach kurz in jedes der acht Gesichter im Raum, räusperte sich, »das mit Herrn Gajic, das wird leider noch dauern.« Niemand sagte etwas, nur Giacomos Kugelschreiberklicken war zu hören, nervtötend. Ob er das absichtlich machte? Kilian räusperte sich wieder.

»Sein Antrag liegt bei der Ausländerbehörde, die prüfen …«

»Herr Scholz, ersparen Sie uns bitte die Details«, unterbrach Giacomo ihn, »es ist Ihre Arbeit, Ihre Verantwortung, Herrn Gajics Relocation sauber über die Bühne zu bringen. Vor …«, er blätterte eine Seite um, die vor ihm lag, »vor drei Monaten wurde der Antrag gestellt, Herr Gajic sollte lange schon hier sein. Ich muss Ihnen nicht erklären, welche Folgen das hat, Herr Scholz, wenn der neue Head of IPO sein Startdatum um mehr als einen Monat verpasst, oder?« Er lehnte sich zurück, seine Rede war fertig, Kilian abgestraft, alle anderen abgeschreckt. Verdammtes Mittelalter in dieser Bank.

»Ich werde mich bemühen …«, setzte Kilian an.

»Ich bitte darum«, sagte Giacomo, dann drehte er seinen Kopf zu mir. Punkt eins der Agenda erledigt, Immigration and Relocation Mr. Gajic, Boston (US) to Berlin (GER), process delay, responsible: Mr. Scholz, stand dort. Alles auf Englisch, obwohl alle im Raum Deutsch sprachen. Dann Punkt zwei, Skilled professionals offensive, responsible: Ms. März.

»Bitte, Frau März«, sagte Giacomo. Ich hatte Lust, ihm den Folder um die Ohren zu hauen. Blätter würden durch die Luft fliegen, Kilian und die anderen würden aufspringen, Giacomo hingegen würde sitzen bleiben und seelenruhig auf seinem Diensthandy die Tastenkombination für Security eingeben, 1435. Er würde den Security-Männern mit Genugtuung dabei zusehen, wie sie mich zum Aufzug bringen würden. Eine Frau, die sich die Blöße gegeben hatte, die durch ihn Stück für Stück an Wichtigkeit gewonnen und sie in einer einzigen Sekunde wieder verloren hatte.

Ich räusperte mich, stand auf, das Tablet in der Hand, drückte auf Start presentation, während ich in acht Gesichter sah, die jeden Tag die gleichen waren. Giacomo, Kilian, Jaime, Elias, Jörg, Oliver, Hubert. Und Laurine, Huberts Sekretärin. Alle Blicke auf mir und der kratzenden Bluse, die fast durchsichtig war. Egal. Durchatmen, ruhig sprechen. Gelassenheit in jeder Bewegung. Ein Dach, ein Dach, was wollen wir mehr.

»Eine globale Offensive ist, was wir jetzt brauchen, wenn wir verhindern wollen, dass uns der Zug der Zukunft überholt«, begann ich meine Präsentation. Blick auf die Leinwand, dann zu Jaime. »Jeden Tag werden weltweit Hunderte Fachkräfte in Banken relocated, von Kuala Lumpur nach Shanghai, von Teheran nach Paris, von Belgrad nach Montreal. Nur wir bleiben hängen, weil wir in Berlin sind. Wir könnten das hinnehmen und dabei zusehen, wie wir Monat für Monat gegen die Konkurrenz verlieren. Oder aber …« Ich hielt inne, ging an der Leinwand vorbei, klickte auf Next slide, lächelte, atmete, »wir gehen in die Offensive, weltweit. Mit einem neuen Recruitment-Programm, das uns aus der Masse heraushebt. Professionell, strategisch, nachhaltig.« Auf der Leinwand die Worte auf Englisch: professional, strategic, sustainable. Blick zu Jörg, der langsam nickte. Blick zu Giacomo, der anerkennend grinste. Kein Kugelschreiberklicken mehr.

KAPITEL 2: ÁDÁM

Natürlich war Aniko draußen. Ádám wusste es genau. Wo sie stand, wie sie dreinschaute. Er sah sie vor dem Schaufenster stehen, vor diesem Fenster, hinter dem es stand. Das Nilpferd. Und während Ádám zu Hause auf sie wartete, sah Aniko bestimmt gerade auf die schimmernde Haut des majestätischen Tieres. Ádám wusste, dass es unsinnig war, auf dieses Nilpferd eifersüchtig zu sein. Eigentlich verstand er sich selbst nicht, diese Wut. Aber vor allem verstand er Aniko nicht und das war eigentlich das Schlimmste: wie diese Frau, seine Frau, die Buchhalterin mit dem ernstesten Blick Ungarns, sich so in etwas hineinsteigern konnte. Wegen einer faustgroßen Nilpferdfigur.

Ádám stand vom Sofa auf und ging ans Fenster. Ein Gefühl der Nähe zu Aniko erfasste ihn plötzlich. Vielleicht, dachte er, weil sie in diesem Moment ganz ähnlich dastanden, beide vor einem Fenster, beide voller Erwartung. Ádám hoffte, unten die Tür von der Straße in den Innenhof aufgehen zu sehen, und sie zu sehen, wie sie mit ihrem Stakkato-Gang den Innenhof in einer geraden Linie durchquerte. Was Aniko hoffte, konnte er sich denken.

Aniko wollte eine Antwort. Eine Antwort, die Ádám ihr schon hundertmal gegeben hatte: Ja, natürlich. Ja, nichts wäre schöner. Aber für Aniko reichte das nicht. Sie brauchte mehr, und darum starrte sie jetzt bestimmt schon seit zwanzig Minuten auf die bronzene Haut des Nilpferds. Weil es schon einmal zu ihr gesprochen hatte. Weil es wieder zu ihr sprechen würde. Dessen war sich Aniko sicher. So sicher, dass Ádám gerne gegen das Wohnzimmerfenster geschlagen hätte.

Er ging in die Küche. Alles, was wichtig war in seinem Leben, befand sich in diesem Raum. Die Gewürzdosen, die er von seinem ersten Gehalt in Wien gekauft hatte. Der jahrzehntealte Sauerteigansatz, den Aniko ihm zur Hochzeit geschenkt hatte. Und darüber thronte das Foto, das alles auf den Punkt brachte: Aniko und er vor dem Standesamt in Wien, er lächelte, sie lachte, mit offenem Mund und weiten Augen. Sie lachte und sah nur ihn dabei an, und ihr blaues Kleid hatte die gleiche Farbe wie ihre Augen und der Wiener Himmel über ihnen. Ádám sah das Bild an und schämte sich für seine Unsicherheit, seinen Trotz. Warum wollte er seiner Frau vorschreiben, vor welchem Fenster sie zu stehen hatte und vor welchem nicht?

Als er die Weingläser des Vorabends abtrocknete, hörte er die Wohnungstür leise quietschen.

»Hey!«, rief eine Stimme, die für Ádám nach Winter klang, nach stiller Kälte.

»Ich bin hier!«, rief er zurück, hörte ein Rascheln, Schritte, dann stand Aniko in der Küche.

»Und?«, fragte er und versuchte, nicht zu ungeduldig zu klingen.

»Nichts«, antwortete Aniko und sah mehr auf das Glas in seinen Händen als auf ihn, »wieder nichts.« Ádám stellte das Glas auf seinen Platz zurück, ging auf sie zu und nahm sie in den Arm. Was war nur mit ihnen passiert, dass eine solch elementare Entscheidung von der vermeintlichen Reaktion eines Nilpferds abhing? Er räusperte sich.

»Pasta?«, fragte er, darum bemüht, mit fester Stimme zu sprechen.

»Nein, geht schon, ich hab keinen Hunger«, sagte seine Frau, die sich durch die hellen Haare fuhr und sie zu einem kleinen chaotischen Zopf zusammenband. Ádám nickte. Er lächelte sie an und sah ihr dabei zu, wie sie kehrtmachte, einen kleinen Seufzer ausstieß, aus der Küche ging und ihn zurückließ.

Das Wochenende lag vielversprechend vor Ádám, er hatte Pläne gemacht, die weit weg von Wien und dem Nilpferd führten. Sie würden an den Neusiedler See fahren, die Zugtickets dafür hatte er ausgedruckt, Samstag hin, Sonntag zurück. Als er Aniko in der Früh weckte, drehte sie sich weg.

»Drágám?«, fragte er in die dämmrige Stille.

»Mh.«

»In einer Stunde müssen wir los, was magst du frühstücken?«

»Mh.«

»Aniko?« Sie zog sich die Bettdecke über den Zopf, der immer noch auf ihrem Kopf thronte.

»Aniko, bitte.«

»Nein.«

»Es ist alles gebucht und das Wetter ist schön und wir können machen, was wir wollen am See, du kannst auch entscheiden, aber bitte fahren wir, bitte.« Aniko drehte sich stöhnend zu ihm um, zog sich die Decke bis zum Kinn herunter und blinzelte.

»Ich mag da nicht hin, es ist zu kalt«, sagte sie verschlafen und doch so hart, als hätte sie etwas zu verlieren.

»Aber wir haben es gemeinsam geplant«, erwiderte Ádám, »und es ist alles vorbereitet.«

»Dann fahr doch einfach alleine, Mann«, sagte Aniko, während sie sich wieder von ihm wegdrehte. Ádám stand von der Bettkante auf, atmete durch, ging einmal quer durch die Wohnung, zog Schuhe und Arbeitsjacke an, riss die Tür auf, schlug sie hinter sich zu, so laut es ging, und rannte die sechs Stockwerke nach unten, bis er keuchend im Innenhof stand, seinen Herzschlag zählte und sich fragte, wohin mit allem.

Keine halbe Stunde später saß Ádám auf Daniels Couch. Felix wankte durch die kleine Gemeindebauwohnung im Chopinhof. Ádám schwieg und sah dem Kleinkind dabei zu, wie es versuchte, an die Fernbedienung zu kommen, die auf dem Couchtisch lag. Daniel rauchte und sah müde aus, müde und grau.

»Danke noch mal«, sagte Ádám, um die Stille zu unterbrechen. Daniel zog an seiner Zigarette und nickte. Felix wankte auf Ádám zu, der das Kind auffing, kurz bevor es auf den Boden gesackt wäre. Er setzte sich Felix auf den Schoß, wippte mit den Knien und strich ihm mit dem Daumen eine der vielen Haarsträhnen aus der Stirn. Ein Wunder, dieses Kind, dachte Ádám.

»Ich weiß es nicht, Alter«, sagte Daniel. Ádám sah ihn fragend an. »Ich weiß nicht, langsam hört sich’s echt g’schissen an«, fügte Daniel hinzu.

»Was hört sich geschissen an?«

»Aniko. Die wird ja langsam narrisch, oder? Das siehst du doch auch, Alter.«

»Sie hat einen Stress, das ist alles.« Ádám fragte sich, wem er hier etwas vormachte.

»Was für einen Stress?«, fragte Daniel. »Ihre Arbeit? Komm, so ein Mist. Sie sitzt an einem Schreibtisch und rechnet irgendwas zusammen. Was soll das für ein Stress sein?«

»Nein, ich meine, emotional ist sie gestresst.«

»Ádám.« Daniel sah ihn ernst und immer noch sehr müde an. »Kollege, ganz ehrlich, ich will nicht, dass du so ein blinder Hund wirst wie ich. Reiß dich zusammen. Du machst jeden Scheiß für sie, du gehst joggen mit ihr in Schönbrunn, obwohl man komplett deppert sein muss, wenn man freiwillig durch einen Haufen Schlitzaugen rennen will. Du willst mit ihr an den See fahren, sie muss keinen Finger dafür rühren, und was gibt sie dir dafür? Nix. Gar nix gibt sie dir. Den gleichen Mist wie schon ewig mit dem g’schissenen Nilpferd. Ein Nilpferd, Alter, ein Nilpferd kann ihr doch nicht sagen, ob sie Kinder mit dir haben soll oder nicht. Ádám, komm, denk nach, du bist doch ein Gescheiter.« Ádám sah an ihm vorbei und stattdessen auf den kleinen Menschen auf seinem Schoß.

»Aber was …«, setzte er an, nur um gleich wieder zu verstummen. Felix fing an, sich in seinen Armen zu winden. »Aber, ich will sie ja auch nicht zwingen oder so«, sagte er dann leise, während er das Kind zurück auf den Teppich setzte. Daniel beugte sich nach vorn, drückte seine Zigarette aus und setzte sich seinen Sohn auf die Oberschenkel. Felix quietschte. Ádám schwieg.

»Komm«, sagte Daniel, »komm, wir fahren.«

»Wohin?«

»An den See, Alter.« Ádám widersprach nicht. Daniel konnte man nichts entgegensetzen.

Sie fuhren im Firmenwagen über die Landstraße. Der Wind pfiff um den Lieferwagen herum, auf dem in verblasster Neonschrift MALER MARKUS MALT MASSGESCHNEIDERT stand. Daniel fuhr, Ádám saß rechts, Felix dazwischen.

»Schon sehr schön da«, sagte Ádám mit Blick auf den See.

»Wenn man Wasser mag, schon«, erwiderte Daniel. Ádám sah ihn an und musste schmunzeln.

»Schon, als ich klein war«, setzte er an, aber Felix funkte dazwischen, indem er laut furzte. Ádám sah ihn an, den kleinen Menschen mit den nackten Füßen, der da zwischen ihnen saß und allem freien Lauf ließ, was ihm Schwierigkeiten bereitete, und er merkte, wie das Lachen in ihm hochstieg. Er lachte aus voller Kehle und Daniel, obwohl er das wahrscheinlich ständig erlebte, stieg mit ein, lachte ein raues, zärtliches Lachen und strich seinem Sohn eine Strähne aus der Stirn, während Ádám sich die Tränen wegwischte. Felix sah verdutzt von Mann zu Mann und fing zu jammern an.

»Gleich«, sagte Daniel im letzten Lach-Atemzug, »gleich sind wir da, Vogerl.« Felix schien unbeeindruckt von dieser Aussage zu sein. Der kleine Mund öffnete sich tatsächlich vogelgleich und entließ einen durchdringenden Schrei in die Welt. Ádám und Daniel seufzten gleichzeitig. Daniel fuhr auf die Standspur, holte das Kind aus dem Sitz heraus, hielt den kleinen Hintern in die Luft und verzog sein Gesicht.

Ádám sah den beiden zu und dachte an Aniko. An die Übersiedlung nach Wien vor all den Jahren. An die erste Nacht in der Wohnung, für die sie sich so angestrengt hatten. Für die sie alle Fragen nach Heimat oder Zugehörigkeit tief in sich vergraben hatten. Er dachte an seine Mutter, die ihm zum Abschied unbeholfen und etwas zu fest die Wange getätschelt hatte, während sie ihm Gottes Segen gewünscht hatte. Alles wird anders in Österreich, hatte sie gesagt, pass auf, Söhnchen, pass nur auf dich und deine Aniko auf.

Das Strandbad lag verlassen da. Der letzte Rest Schnee verlor auf Hartplastikwürfeln den Kampf gegen die Sonne. Ádám hielt Felix in den Armen, zeigte in den Himmel, wo Vögel sich hin und her treiben ließen, kitzelte das Kind am gepolsterten Bauch und dachte wieder an Aniko. Ob sie wohl noch im Bett lag? Ob sie sich fragte, ob er wirklich weggefahren war? Vielleicht hätte er ihr doch zumindest eine SMS schreiben sollen. Er versuchte, mit der einen Hand Felix weiter festzuhalten und mit der anderen das Handy aus der Manteltasche zu ziehen, bemerkte dann aber Daniels Blick und ließ es bleiben.

»Hör auf«, sagte Daniel und sah Ádám fest an, »lass sie auch mal hängen, das hat sie verdient, die Gurk’n.« Ádám sah wieder in den Himmel. Hatte sie das wirklich verdient? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er sie vermisste, trotz allem. Trotz Sturkopf. Trotz Nilpferd.

»Komm, wir fahren zurück«, sagte er nach einer Pause, in der nur Felix’ Brabbeln und der Wind zu hören waren, »Felix wird sicher auch bald müde.« Daniel schüttelte den Kopf.

»Nein, Ádám, wir bleiben. Damit sie weiß, dass sie sich langsam einmal zusammenreißen muss.«

»Danke Daniel, aber ich glaube, sie hat es jetzt eh verstanden. Komm, wir fahren heim.« Daniel antwortete nicht, sah nur weiter auf den See, bis er irgendwann ganz nahe an Ádám herantrat und sagte: »Dir fehlen einfach die Eier, Alter. Wir bleiben jetzt, und es ist mir wurscht, was du sagst. Außerdem hast du das Hotel eh schon bezahlt.«

»Es ist nur eine Pension«, erwiderte Ádám, »und so großartig hat die eigentlich gar nicht ausgeschaut, also …«

»Ádám, lass es bleiben. Wir fahren erst morgen und basta.« Ádám senkte den Kopf. Felix packte die Gelegenheit am Schopf und Ádám kam nicht mehr dazu, sich weiter über Aniko Sorgen zu machen, weil das Kind seine Haare fest nach unten zog. Er hörte Daniel lachen. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, einmal mehr auf seinen Freund zu hören.

Felix schlief im Pensionszimmer, während Ádám mit Daniel in der Gaststube saß. Das Babyfon neben ihnen rauschte gleichmäßig und Ádám fragte sich, ob es etwas Schöneres gab, als zu wissen, dass das eigene Kind friedlich schlief. Ihm fiel nichts Besseres ein, also nahm er noch einen Schluck von seinem Bier.

»Sie hat sich nicht einmal gemeldet«, sagte er leise und sah dabei auf das bestickte Tischtuch.

»So sind’s, die Frauen«, sagte Daniel, der versuchte, seinen Bierdeckel in der Mitte zu knicken. »Und wir können nicht ohne sie, aber mit ihnen ist es auch nicht zum Aushalten.« Ádám wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Daniel redete selten über das, was mit Jacinta passiert war und wie es jetzt war. Er wusste nicht, welche Stimmung herrschte, ob Daniel die kleine zurückhaltende Frau vermisste oder verabscheute, ob er froh über die Trennung war oder sich wünschte, er hätte alles anders gemacht. Ob ihm das Arrangement passte, dass jeder Elternteil eine Woche für Felix zuständig war. Ádám räusperte sich.

»Fehlt sie dir? Jacinta mein ich.«

»Keine Ahnung, Alter.«

»Sorry. Ich wollte nicht, dass du … Ich meine nur, also ich vermisse Aniko schon. Jetzt zum Beispiel. Oder wenn sie wegfährt übers Wochenende. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist … Also, wenn da nichts mehr kommt. Wenn … Du weißt, was ich meine.« Er sah Daniel unsicher an. Daniel nickte langsam.

»Na sicher fehlt sie mir. Manchmal«, sagte Daniel ungewohnt leise und Ádám musste sich darauf konzentrieren, genau hinzuhören. »Vor allem wenn der Kleine bei ihr ist, und ich bin allein in der Wohnung und von überallher hörst die anderen. Dann ist es hart. Wenn du allein bist, wenn alle anderen wen haben.« Er fuhr mit dem Zeigefinger über das Babyfon. »Aber es passt schon. Besser als wenn sie noch da wär. Dann wär ich nur grantig die ganze Zeit.« Er nahm einen Schluck Bier. Ádám tat es ihm nach und sah auf Daniels Malerfinger auf dem Babyfon.

»Manchmal«, sagte Daniel nach einer Weile, »überleg ich mir, dass ich sie einfach auffliegen lass. Wenn ich einen richtigen Grant auf sie hab, weißt? Dass ich einfach zur Polizei geh und sag: Eigentlich ist sie nur noch da, weil ich nett genug bin, dass ich mich nicht scheiden lass.«

»Aber du machst es nicht.«

»Sicher. Ich bin ja kein Unmensch. Sieben Jahre ist sie jetzt da in Wien, wo soll sie denn hin? Außerdem hat sie ihn ja lieb, den Kleinen. Und wie soll ich ihm das später sagen, die Mama ist weit weg, in einem Scheißland, und vielleicht haben sie sie schon zusammengeschossen, und weißt, wer schuld daran ist? Dein Papa. Weil er zornig war, der Koffer. Na, sicher nicht.« Daniel schüttelte den Kopf und nestelte weiter an dem Bierdeckel herum.

Ádám nickte und dachte an Aniko, die wahrscheinlich schon im Bett lag. Oder aus Trotz ausgegangen war. Vielleicht hatte sie diese eine Freundin aus der Arbeit angerufen, Clara, und ihr erzählt, dass ihr Mann ein Arschloch sei und dass sie tanzen gehen wolle. Vielleicht hatte sie den Typen aus der ungarischen Botschaft angerufen, der ihr damals vor Ádáms Augen seine Nummer zugeschoben hatte. Vielleicht war sie zu ihm gefahren, vor Stunden schon. Vielleicht trafen sie sich gerade in Anikos Lieblingsbar am Donaukanal. Vielleicht lag seine Hand auf ihrem Bein. Vielleicht lachten sie über Ádám, über seine schüchterne Art. Über seine Unfähigkeit, einen simplen Akt wie eine Passverlängerung durchzuführen, ohne dabei rot zu werden. Ádám räusperte sich.

»Scheiße ist das«, sagte er etwas zu laut. Daniel nickte, hob die Hand und bestellte Schnaps.

Am nächsten Morgen fuhren sie zurück nach Wien, ohne über den Abend zu sprechen oder noch einmal am See zu halten. Daniel schien wie eingegraben in sich selbst, nicht einmal Felix schenkte er viel Aufmerksamkeit. Eine halbe Stunde am Stück schrie das Kind und Ádám versuchte alles Mögliche, um es zu beruhigen. Irgendwann zitterten seine Hände und er fing leise an, ein Lied aus der Werbung zu summen, Almjoghurt-Werbung. Felix hörte auf zu weinen, starrte ihn groß an und fing an zu brabbeln. Ádám wiederholte das Lied, bis das Kind endlich die Augen schloss.

Er lehnte sich zurück. Sein Rücken tat weh. Und Aniko war sicher wütend. Er wollte nicht nach Wien zurück, lieber wollte er zurück zum See, noch einmal in den Himmel zeigen und Felix’ staunenden Blick genießen. Er wollte sich Anikos Vorwürfe nicht anhören, sich nicht entschuldigen müssen. Daniel hatte doch recht – sie war schließlich nicht mitgekommen. Er sollte wütend sein und eine Entschuldigung einfordern. Aber wann hatte er das das letzte Mal getan? Nicht einmal bei der Botschaft damals hatte er etwas gesagt. Obwohl Aniko den Zettel mit der Handynummer lächelnd entgegengenommen hatte.

»Pauserl«, riss ihn Daniel aus seinen Gedanken.

»Bitte?«

»Wir machen ein Pauserl. Der Kleine hat sich angeschissen, glaub ich.«

Als der Lieferwagen vor der Häuserfront im zwanzigsten Bezirk zum Stehen kam, atmete Ádám laut aus und stieg umständlich aus. Daniel ging auf ihn zu. Ádám räusperte sich und setzte zu einem Danke an, als Daniel nur sagte: »Passt schon, Alter. Schön war’s«, und ihm auf den Oberarm klatschte. Ádám wusste nicht, was er sagen sollte. Bitte nimm mich mit? Schönen Abend noch? Kann ich mir bitte deinen Sohn ausleihen?

»Bis morgen«, sagte er stattdessen und versuchte zu lächeln.

»Ich hol dich um sechs«, grinste Daniel, stieg ein und fuhr davon. Ádám ging langsam bis zur schweren Haustür und dann noch langsamer durch den Hof. Er hörte sein Herz schlagen und dachte an den Abend, als er Aniko das erste Mal weinen gesehen hatte, Jahre vor ihrer Hochzeit. Daran, wie sie gesagt hatte, dass sie ein Zeichen erhalten habe und dass sie nur rauswolle, raus aus Ungarn, nach Wien, wo nicht alles grau und aussichtslos sei, wo sie es zu etwas bringen könne, anders als in Budapest. Er dachte daran, wie er ständig genickt hatte, wie besessen von dieser bescheuerten Kopfbewegung, auf und ab und auf und ab, und ihr währenddessen ein besseres Leben versprochen hatte, ein gemeinsames besseres Leben in Wien. Wie alt waren sie gewesen, achtzehn, neunzehn? Er zählte nach, aber verrechnete sich wieder und wieder.

Als er schließlich aus dem Aufzug trat und die Wohnungstür aufsperren wollte, zitterten seine Hände. Er spürte die Hitze im Gesicht. Die Tür ging von alleine auf.

»Ádám«, sagte Aniko, die nur in Unterhose und einem Top in der Tür stand, als wäre es das Eleganteste, was ein Mensch an einem Februarabend tun konnte.

»Ich …«, fing Ádám an, aber Aniko nahm ihn am Arm, zog ihn in den schmalen Vorraum, drückte die Tür zu und küsste ihn fest auf den Mund. Ádám wusste nicht, wie ihm geschah. Hatte sie tatsächlich ein schlechtes Gewissen? Oder war etwas passiert?

»Ist was passiert?«, fragte er atemlos.

»Nein, du Depp«, antwortete Aniko, »du hast mir bloß gefehlt.« Sie lächelte. Ádám lächelte unsicher zurück.

»Du mir auch«, sagte er und wollte etwas sagen, was zur Situation passte, irgendetwas, aber Aniko zog ihm schon die Jacke aus, die noch nach Felix und See und Bier roch. Immer noch zittrig versuchte er, es ihr nachzutun und ihr das Top auszuziehen, aber es war zu eng. Aniko schob seine Hände weg und zog es sich selbst aus. Dann drehte sie sich um und ging vor ihm her ins Schlafzimmer, wo sie sich rücklings aufs Bett fallen ließ und sich die Unterhose abstreifte. Ádám folgte ihrem Beispiel, kniete sich vor sie und öffnete vorsichtig ihre Beine. Aniko griff nach hinten und warf ihm ein Kondom zu. Während er es sich überstreifte, musste Ádám an Daniel denken, der jetzt vielleicht gerade auf dem Parkplatz vor dem Chopinhof stand und den schlafenden Felix aus dem Wagen holte. Ádám stellte sich vor, wie sein Freund nach oben schaute und den schwarzen Wiener Himmel auf sich herunterlachen ließ. Er konnte sich nicht entscheiden, ob es ein schönes Bild war oder ein trauriges.

KAPITEL 3: ESRA

Esra wurde schlecht, als sie durch die erste Schiebetür ging. Warum war alles so leise? Leise und sauber. Sie erinnerte sich daran, dass das hier nur ein Flughafen war und Flughäfen immer etwas Unwirkliches an sich hatten. Sie schmeckte Blut auf den aufgesprungenen Lippen. Die nächste Schiebetür ging auf. Sie hätte auf die Toilette gehen sollen, dachte sie, und sich im Spiegel ansehen. Aber wozu die Eitelkeit? Sie ging weiter, der rechte Fuß und das Bein taten noch weh, aber sie hatte sich daran gewöhnt. Der Mensch konnte sich an fast alles gewöhnen.

Vor Esra ging die dritte Tür auf. Das Gesicht ihrer Mutter war mit einem Mal sehr nah, direkt hinter dem Edelstahlgeländer. Ein enges Gefühl in ihrer Brust. Sie war zurück, zurück in Berlin, wo ihre Mutter bestimmt gerade Allah dankte, dass er ihre Tochter heil heimgebracht hatte. Esra ließ alles geschehen, ließ sich von ihrer Mutter umarmen, von ihrem Vater auf die Wange küssen und den Koffer abnehmen.

»Das Ding sieht aus, als wärst du im Krieg gewesen«, sagte er.

»Barbaros, ich bitte dich«, zischte Esras Mutter, »rede doch nicht vom Krieg, du …« Esra musste schmunzeln. Sie war wirklich zurück. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Von Anfang an hatte sie es gewusst, wie jedes Mal.

»Und du willst sicher nicht bei uns bleiben?«, fragte ihr Vater, während sie langsam das Flughafengebäude verließen.

»Sicher, baba, ganz sicher.« Esra fand ihre eigene Stimme seltsam, als hätte sie nur das Gespenst ihrer Stimme mitgenommen und ihre eigentliche in Honduras zurückgelassen.

»Aber da ist noch dieses Mädchen in deiner Wohnung. Esra, Kind, es geht ja in Ordnung, aber du kannst die zwei Wochen auch bei uns sein, vielleicht ist das besser«, sagte ihre Mutter. Das Kopftuch knisterte leise, während sie sprach. Esra stellte sich vor, wie sie es vor wenigen Stunden zurechtgezupft hatte, vor dem Spiegel im Flur, wie sie die Nadel über dem linken Ohr herausgezogen und neu angesteckt hatte. Immer war es die über dem linken Ohr, nie eine andere.

»Es geht schon, anne, ich besuche euch einfach. Morgen schon.« Ihre Eltern nickten im Gleichtakt. Ihr Vater hob den Koffer in den Kofferraum des Opels, während ihre Mutter nicht von Esras Seite wich.

»Kind«, sagte sie leise, während Barbaros die Türen entriegelte. Esra atmete tief durch.

»Es war ja nicht das erste Mal«, antwortete sie, »das ist meine Arbeit.« Ihre Mutter nickte fest, strich Esra über den Arm und stieg ins Auto. Esra hörte ein Flugzeug starten und fragte sich, warum es sich dieses Mal so anders anfühlte.

Das Mädchen, das sie bisher nur auf Skype gesehen hatte, und das jetzt vor Esra in ihrer Einzimmerwohnung stand, sah sie eingeschüchtert an.

»Esra«, sagte sie, »sagt man das mit rollendem R oder mit dem normalen, also … mit dem deutschen R?«

»Esra«, antwortete Esra, »mit deutschem R. Also mit türkischem.«

»Ah, und ich hab mich schon gefragt.« Das Mädchen lächelte unsicher. »Also ein türkischer Name.«

»Ja, genau. Und deiner?«

»Ähm … aus Österreich. Magda. Magdalena. Aber das weißt du ja eh schon.« Ihr Gesicht wurde rot.

»Danke dir auf jeden Fall«, sagte Esra, immer noch mit dieser Gespensterstimme, »das war wirklich nicht geplant, aber wenn du deine Meinung änderst, dann gehe ich sofort, wirklich.« Magda nickte gewissenhaft.

»Kein Problem«, erwiderte sie dann, »es ist ja deine Wohnung und außerdem muss ich dann zwei Wochen weniger zahlen, das macht ja viel aus.« Sie lächelte wieder. Es machte Esra nervös. Lächelte man, weil man sich hundert Euro sparte, obwohl man sich dafür ein Zimmer mit einer völlig Fremden teilen musste?

»Magst du Tee?«, fragte Magda.

»Ja, gerne. Also, kommt darauf an, welchen hast du denn gemacht?«

»So einen Magentee. Spitzwegerich oder so.«

»Gern.« Esra schälte sich aus ihrem Mantel, den sie in Honduras nicht einmal getragen hatte und der ihr nun gigantisch vorkam.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte sie, während sie sich zu Magda an den kleinen Tisch setzte, der am rechten Rand der Wohnung stand. Eine kitschige Kerze stand darauf, daneben lagen eine Zeitung, Stifte und eine halbe Orange.

»Was?«, fragte Magda.

»Dass ich schon hier bin. Also, das war wirklich blöd, ich hatte nicht mitbekommen, dass man das Visum so schnell verlängern muss und dann war es schon zu spät.« Magda nickte verständnisvoll und stellte Esra eine Tasse hin, die ihr unbekannt war. Esra nippte an dem lauwarmen Tee und sah Magda genauer an. Sie war wirklich sehr jung, zweiundzwanzig, aber sie hätte auch jünger sein können. Ein schmales Gesicht und hellgraue Augen, wie Beton in der Sonne. Blonde schulterlange Haare, wahrscheinlich nicht einmal gefärbt. Groß, dünn. Ein österreichisches Mädchen ohne Geld und fast ohne Akzent. Sie klang wie eine Deutsche, die lange weg gewesen war.

»Wie war’s so?«, fragte Magda und der Beton in ihren Augen flackerte. Esra zuckte mit den Schultern.

»Es ist eine andere Welt«, antwortete sie langsam und trank den Tee in einem langen Zug aus. »Ich muss mich hinlegen«, sagte sie dann, »der Flug war lang.«

»Klar, ich nehm die Couch.« Esra widersprach nicht. Sie ging die paar Schritte zum Bett, schälte sich aus der Schichtenkleidung, streckte sich kurz, hörte die Gelenke knacken, ließ die Arme wieder sinken und kroch dann in Unterwäsche ins Bett. Ihr eigenes, weiches Bett, das sich wie ein fremdes anfühlte. Sie seufzte. Als sie aufsah, bemerkte sie den erstaunten Blick des Mädchens auf sich.

»Also, Magda«, sagte Esra im Liegen, »ich mache mir nichts aus prüden Etiketten. Wir wohnen hier zusammen für zwei Wochen und wir wissen beide, wie Frauen aussehen.« Magda nickte schnell. Ein bisschen tat sie Esra leid. Bestimmt war Magda einfach nur zu höflich gewesen, um Esra zu sagen, dass sie die Wohnung doch nicht teilen wollte. Aber jetzt war es egal. Man musste zu seinen Entscheidungen stehen. Esra drehte sich um, dachte kurz an Patricia, biss sich auf die Lippe und schloss dann die Augen. Sie war zurück.

Als sie aufwachte, war es stockdunkel um sie. Ein leises Wimmern im Raum. Esra griff automatisch unter ihr Kissen. Wo war das Messer? Erst als sie den Tisch erkennen konnte, verstand sie. Sie war nicht mehr in San Pedro Sula, ihre Fenster waren nicht mehr vergittert, kein Messer lag mehr unter ihrem Kissen. Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Alles war gut. Sie war zurück. Langsam rieb sie sich die Schläfen, in denen das Blut pochte. Nichts war gut.

Das Wimmern hielt an. Esra stand auf und schlich zur Couch, wo Magda lag, das Gesicht verzerrt. Esra wurde mulmig zumute. Sie zwang sich, durchzuatmen. Denk ans Jetzt, sagte sie sich, die Welt dreht sich weiter, du bist nur ein kleines Puzzlestück, nichts weiter. Langsam setzte sie sich auf den harten Couchrand.