6,99 €
Was bietet der Alltag mit alten Hunden? Warum muss es nicht ein Welpe sein? Was macht das Zusammenleben mit alten Hunden so liebens- und lebenswert? Patrick erzählt als Ghostwriter seiner Hunde aus dem Alltag des Rudels. Besonders auffallend ist der Schreibstil, der sich an den Charakteren der Protagonisten orientiert und für eine teilweise sehr humorvolle Darstellung des Rudellebens sorgt. Gleichwohl sollte man nicht vergessen, dass es im Kern um ein absolut ernsthaftes Thema geht. Gebe ich einem alten Hund ein Zuhause, obwohl ich weiß, dass er mir vermutlich nicht mehr lange zur Seite steht? Bin ich bereit, das hohe Kostenrisiko zu stemmen, das ein Senior alters- und gesundheitsbedingt mit sich bringt? Schlussendlich geht es auch um eine moralische Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss: Sollten wir nicht erstmal die ungewollten Hunde versorgen, bevor wir uns mit "frischen Welpen" eindecken? Wer trägt eigentlich die Schuld daran, dass es zwischenzeitlich so viele unvermittelbare Hunde in Tierheimen gibt? Es werden in diesem Buch nicht alle Fragen beantwortet, aber es gibt durch die tiefen Einblicke in die täglichen Abläufe viele Denkansätze, die es Wert sind, weitergedacht zu werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2021
Patrick Stumm
Chris umgetopft
Band 1 - Fledermöpse & Stinkeköter
© 2021 Patrick Stumm
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-35372-5
Hardcover:
978-3-347-36316-8
e-Book:
978-3-347-35374-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Vorwort
Tja… da sind wir nun. Mein erstes Buch. Darf ich das so nennen? Oder ist es vielleicht eher eine Zusammenstellung und Aneinanderreihung von irgendwelchen Geschichten eines unbedeutenden Rudels? Warum das alles hier?
Ich mag Tiere. Besonders Hunde. Schon immer. Und weil es so ist, habe ich auch schon immer wieder Hunde. Die Besonderheit daran? Alle kommen aus dem Tierschutz, sind schon älter und bringen auch irgendwelche Baustellen mit. Körperliche, aber auch ganz oft seelische.
Alte Hunde sind teuer, knorzig, stur, unbelehrbar, ein unheimlicher Aufwand, ohne wirklichen Mehrwert. Mehr oder weniger große Zeitfresser, die einem vor lauter Dankbarkeit schon mal in den Keller kacken. Super!
Aber alte Hunde sind auch zufrieden, erfahren, genügsam, immer noch gelehrig, tiefsinnig, liebenswert. Manchmal sind sie aber auch nur Arschkrampen, die genau wissen, wie sie zum Erfolg kommen können.
Und deshalb liebe ich Senioren! Für mich kommt kein Welpe in Frage. Nein, ich verurteile niemanden, der sich für einen Welpen entscheidet. Das darf jeder gerne halten wie er/sie möchte. Allerdings werde ich es nie verstehen, warum man mit aller Gewalt einen jungen Hund in die Familie holt und nicht erst mal den Hunden ein zu Hause gibt, die darauf sehnsüchtig warten.
Ganz ehrlich? Ich muss es auch nicht verstehen. Was sich während der Corona-Pandemie vor allem im Jahr 2020 abspielte, hat mir persönlich die Augen geöffnet. Für die Probleme unserer Gesellschaft zum Beispiel. Da ist die Familie gezwungen, Zeit miteinander zu verbringen, weil die Schule ausfällt und die berufstätigen Eltern zum Home-Office gezwungen sind. Und was passiert? Anstatt qualitativ hochwertige Zeit miteinander zu verbringen, steigt die Zeit vor der Glotze und allen anderen technischen Geräten deutlich an. Und weil das irgendwann auch langweilig wird, kommen ganz viele auf die großartige Idee, dass ausgerechnet jetzt ein Haustier hermuss.
Und dann? Einige schaffen es noch ins Tierheim und wollen sich dort einen Hund aussuchen. Groß ist die Enttäuschung, wenn dort das Personal abwinkt und lapidar mitteilt, man solle sich das vielleicht nochmal überlegen. Natürlich haben die im Tierheim keine Ahnung. Wer könnte das besser wissen als die haustiersuchende Familie selbst.
Spätestens bei Ebay-Kleinanzeigen wird man fündig. Dass die angebotenen Welpen illegal angeboten werden, weiß natürlich niemand. Nicht, weil man noch nie davon gehört hätte, dass es diesen illegalen Welpenhandel gibt, nein. Vielmehr wird es ausgeblendet. Und kurz darauf ist die Familie glücklicher Besitzer eines illegalen Welpen. Eines illegalen, kranken Welpen. Und die Reise in den Abgrund kann beginnen.
Mit meinen Geschichten möchte ich ein Bewusstsein für ältere Hunde schaffen. Natürlich haben ältere Hunde gegenüber den Jungen Nachteile. Sie leben in der Regel nicht mehr so lange und sie verfügen über genug Lebenserfahrung, um eigene Entscheidungen zu treffen. Man kann sie meistens nicht mehr so formen, wie man sich das vielleicht gerne wünscht. Auch die Anzahl der Tierarztbesuche ist zumeist höher und teurer.
Allerdings: Alle jungen Hunde werden auch mal alt. Der Vergleich hinkt also gewaltig. Einzig und allein das Argument mit der Lebensspanne könnte man gelten lassen.
Wirklich? Die Bindung zu einem Hund bestimmt sich nicht aus der zur Verfügung stehenden Lebenszeit, sondern daraus, wie gut ich meinen Hund verstehe und auf seine Bedürfnisse eingehen kann.
Davon auszugehen, dass meine Beziehung zum Hund eine bessere sein wird, nur weil dieser auch seine „Kindheit“ in meiner Familie verbracht hat, ist ausgemachter Blödsinn. Hunde orientieren sich immer an einem „roten Faden“. Wenn ich in der Lage bin, diesen Faden zu bieten, also konsequente und respektvolle Erziehung, Sicherheit, Verantwortungsbewusstsein, dann wird der Hund mich zumindest respektieren. Im besten Fall wird er sich sehr stark an mich binden und mir als Weggefährte treu ergeben sein. Zumindest, solange ich seinen Ansprüchen genüge und meinen Job als Rudelführer gut mache.
Bedingungslose Liebe bei Hunden gibt es meiner Meinung nach nicht. Aber ehrlich gemeinte Zuneigung. Und genau das ist der grundsätzliche Vorteil. Hunde kommunizieren mit uns Menschen immer sehr ehrlich und offen. Vorausgesetzt, die Hunde haben in ihrem Leben gelernt zu kommunizieren – wurden also als Welpe und Junghund nicht versaut – und sind sozialisiert worden. Kennen also den Kontakt zum Menschen und haben diesen im Idealfall als positiv verknüpft. Wenn diese Voraussetzungen passen, dann habe ich grundsätzlich schon mal einen „funktionsfähigen“ Hund.
Und jetzt fangen die Herausforderungen an! Hunde können uns Menschen sehr gut „lesen“. Sie erkennen, in welcher Stimmung wir sind und ob wir ihnen eher wohl gesonnen oder feindselig gegenüberstehen. Die meisten Zweibeiner sind allerdings nicht oder nur stark eingeschränkt in der Lage, ihren eigenen Hund zu verstehen und zu „lesen“. Und das ist der Beginn einer meist nicht so schönen Entwicklung, bei der der Hund immer das Nachsehen hat.
Das Schöne daran ist, dass man es lernen kann, mit seinem Hund zu kommunizieren. Das ist nicht so schwer, wie es einem immer wieder erzählt wird. Eine der wichtigsten Lektionen ist sicherlich einzusehen, dass man Hunde nicht aus Menschensicht beurteilen darf. Denn vieles, was wir in Hunden sehen wollen, beziehen wir eigentlich rein auf die menschliche Betrachtungsweise.
Beispiel? Ganz einfach: Der Hund läuft auf mich zu und wedelt mit der Rute, also umgangssprachlich mit dem Schwanz. Viele Menschen interpretieren das als positives Auftreten. Der Hund würde sich freuen. Tatsache ist, dass das Wedeln viele Gründe haben kann. Entscheidend ist immer der gesamte Körpereindruck des Hundes.
Noch ein Beispiel? Ein fremder Hund kommt auf einen Menschen zu. Ohne nachzudenken, streckt dieser Mensch dem Hund jetzt seine Hand entgegen, nach dem Motto: Riech mal dran. Das ist nicht nur völliger Nonsens, sondern auch noch gefährlich. Das Hinstrecken der Hand ist eine drohende Geste für den Hund. Unser Glück ist nur, dass Hunde intelligenter sind als viele Zweibeiner und wissen, dass wir nichts Böses von ihnen wollen. Sonst hätten wir vermutlich mehr Bissverletzungen. Der Hund riecht uns auch, ohne dass wir unsere Hand ausliefern müssen.
Wenn ich also die Grundzüge der Hundekommunikation nicht verstehe und auch kein Interesse daran habe, diese zu lernen, dann sollte ich Abstand davon nehmen, mir einen Hund zuzulegen. Ganz besonders einen Welpen. Denn hier hat das geballte „Nichtwissen“ katastrophale Auswirkungen. Bis hin zu später unvermittelbaren „Problemhunden“, die dann ihr Dasein in einem Tierheim fristen. Wobei das vermutlich noch das beste Schicksal ist, das ihnen widerfahren kann.
Lege ich mir einen Senioren zu, bedeutet das nicht, dass ich das alles nicht brauche. Aber in der Regel sind Senioren deutlich nachsichtiger mit ihren Menschen, denn sie wissen, dass wir Zweibeiner unzulänglich sind.
Hunde sind die einzigen Säugetiere auf der Welt, die in der Lage sind, einen artfremden als ihresgleichen anzusehen. Auf der einen Seite natürlich eine tolle Sache. Aber das macht es auch schwierig. Denn wenn Hunde uns als ihresgleichen ansehen können, dann legen sie auch die gleichen Maßstäbe an uns an. Wir sollten also zusehen, dass wir unsere vierbeinigen Freunde nicht enttäuschen!
Ich möchte alle einladen, an unserem Rudelleben teilzuhaben. Mir geht es natürlich um die Geschichte von Chris. Aber auch grundsätzliche Dinge sind mir wichtig. Wie geht man mit dem Tod seines Tieres um? Wie verarbeiten Tiere Stress? Was sollte man bei der Pflege und beim Futter beachten?
Nein, ich bin kein Experte. Aber ich habe seit vielen Jahren Hunde und auch einiges an Erfahrung gesammelt. Und diese Erfahrung möchte ich weitergeben. Der eine lernt daraus, der andere kennt es schon und noch ein anderer kennt einen alternativen Weg. Es gibt nicht DEN Weg, aber es gibt viele Ansätze. Und hier möchte ich meine Ansätze mit allen Leserinnen und Lesern teilen. Zusätzlich möchte ich alle auffordern, sich gerne an einem Wissensaustausch zu beteiligen, denn schließlich haben viele ihre eigenen Erfahrungen. Gemeinsam profitieren wir alle davon.
Da Bücher hierfür nur teilweise geeignet sind und ich auch mit bewegten Bildern arbeite, kann man sich unter www.chris-umgetopft.de noch mehr Anregungen holen. Wir freuen uns über Besucher und Fans. Ich selbst darf an dieser Stelle viel Spaß mit meinem Buch wünschen und bin mir sicher, dass noch einige folgen werden.
Was mir persönlich noch wichtig ist: Der Erlös dieses Buches geht an das Tierheim Koblenz, welches mit seiner Hingabe jeden Tag dafür sorgt, dass es zahlreichen Tieren gut gehen kann. Das Tierheim steht symbolisch für alle Organisationen im Tierschutz, die sich tagein und tagaus um unsere tierischen „Hinterlassenschaften“ kümmern müssen.
„Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen.“ (Ernst R. Hauschka)
Kurze Anmerkung: In diesem Buch arbeite ich ausschließlich mit Schwarz-/Weiß-Bildern. Die Farbvariante und/oder weitere mediale Inhalte sind mittels QR-Code enthalten. Einfach mit einem Smartphone abscannen (Kamera-App öffnen und gegen den QR-Code halten, anschließend auf den angezeigten Link klicken und schon ist das Scannen des QR-Codes mit Deinem Smartphone erledigt).
Übrigens: Wir werden uns wahrscheinlich nicht kennen. Allerdings sind wir bei uns im Rudel alle per „Du“. Du kennst ja den Spruch: Mitgehangen, mitgefangen.
Da ich das alles hier zum Spaß und Zeitvertreib mache (und um ein bisschen Geld für den Tierschutz zu sammeln), würde ich mich riesig über konstruktives Feedback freuen! Schreib mir gerne unter [email protected], wie Du mein Buch gefunden hast und ob es Deinen Geschmack trifft. Konntest Du etwas aus dem Buch für Dich persönlich mitnehmen? Was hat Dir vielleicht gefehlt, oder wovon gab es eindeutig zuviel? Ich bedanke mich bereits an dieser Stelle für jeden, der sich die Arbeit macht und mir schreibt.
„Tag 0“ - Wie alles anfing
Wir gehen zurück ins Jahr 2020 und hier spulen wir zurück bis zum April. Es war ein trauriger Monat für mein Rudel und mich, denn ich musste meinen Ersthund Boston, einen wunderschönen schwarzen Labrador, gehen lassen. Boston… wenn ich an ihn denke, kommen sofort die Erinnerungen zurück. Was für ein schöner und intelligenter Saftsack er doch war. Lieb, verschmust, intelligent, folgsam und er krabbelte einem am liebsten in die Hosentasche. Auf der anderen Seite stur, absolut selbstständig und selbstsüchtig, nervig, rücksichtslos und ignorant. Ein richtig toller Hund für mein Rudel!
Über Boston wusste ich damals als ich ihn bekam nur, dass er wohl von seinen Vorbesitzern im Wald ausgesetzt worden war und dort für mehrere Monate auf sich allein gestellt war. Schließlich wurde er von einer tierlieben Frau aufgenommen, die jedoch unter Tierliebe verstand, ihm Pudding und Kuchen zu geben. Glücklicherweise wurde er sehr schnell in professionelle Hände übergeben und kam so zu der Tierschutzorganisation, von der ich ihn hatte. Ursprünglich kam Boston aus Polen.
Zu Beginn seiner Zeit bei mir hatte er bereits am linken Vorderlauf einen dicken Knubbel. Wir dachten und hofften auf ein Lipom (Ein Lipom ist eine harmlose Neubildung aus Fettgewebe). Die Gewebeentnahme, die unsere Tierärzte durchführten, brachte jedoch einen langsam wachsenden, aber extrem bösen Krebs zum Vorschein. Wir entschieden uns im Jahr 2018 zu einer OP, die auch erfolgreich verlief. Blöderweise war der Tumor an einer Stelle am linken Vorderlauf, an der die Chirurgen vorsichtig schneiden mussten, um die Bewegungsfähigkeit des Gelenks zu erhalten. Somit konnten nicht alle Krebszellen entfernt werden und knapp 6 Monate später war der Knubbel und der Krebs wieder zurück.
Ich war daraufhin mit Boston in Hofheim und habe ihn in der Onkologie vorgestellt. Die Frage war, ob es möglich und sinnvoll wäre, das linke Beinchen operativ zu entfernen und ihn mit drei Beinchen durchs Leben hoppeln zu lassen. Für die meisten Hunde ist das kein Problem, die stecken das wirklich problemlos weg.
Der Haken an der Sache: Boston hatte sehr starke Arthrose im rechten Vorderlauf und in der Schulter. Und genau das war die Killernachricht für mich. Hätten wir das linke Beinchen amputiert, hätte die Hauptlast auf dem rechten Beinchen gelegen. In Kombination mit der Arthroseschädigung wäre es unwahrscheinlich gewesen, dass Boston das gut überstanden hätte.
Schlussendlich haben wir uns zu einer konservativen Behandlung entschieden um das Wachstum möglichst zu bremsen und Boston noch ein schönes Leben zu ermöglichen.
Leider war sein schönes Leben am 24.04.2020 vorbei. Der Krebs hatte gestreut und ich habe gemeinsam mit den Tierärzten entschieden, ihn gehen zu lassen, bevor er anfängt zu leiden. Klar, man hätte noch drei bis vier Monate rausholen können, aber zu welchem Preis? Sollte der Hund deshalb leiden müssen, nur damit ich ihn länger bei mir haben kann? Zusätzlich hatte Boston in unregelmäßigen Abständen generalisierte Krampfanfälle. Zwar waren die mit Pexion ganz gut eingestellt, aber ganz vermeiden konnten wir sie nicht.
Boston wurde eingeäschert und steht jetzt in meiner Vitrine. Er begleitet mich, genauso wie Nemo, ein anderer Hund aus einem früheren Leben. Und genauso wird es irgendwann mit Robby sein. Und mit Chris.
Nachdem Boston gegangen war, hingen hier erst mal alle durch. Robby hat bis Ende Juni offen getrauert und Boston regelmäßig gesucht, obwohl er Abschied von ihm nehmen konnte. Er hat sich schlicht geweigert zu akzeptieren, dass Boston nicht mehr zurückkommen würde. Der Spieltrieb, der bei Robby stark ausgeprägt ist, kam fast vollständig zum Erliegen. Er war zu nichts zu motivieren.
Ab Juli besserte sich sein Zustand, er fand wieder zurück und war dann auch bald wieder der alte Hund. Damit kam es jedoch zur nächsten Herausforderung, nämlich der Frage, ob wir uns wieder einen zweiten Hund ins Rudel holen sollten. Die Überlegungen dazu begannen im Oktober.
Bedingt durch die Einschränkungen, die Corona mit sich brachte, habe ich mir sehr viele Kandidaten aus verschiedenen Tierheimen zunächst online angesehen. Ehrlich gesagt waren da viele liebenswerte Hunde, die sicher alle ein schönes Zuhause verdient haben und bestimmt auch finden werden. Aber keiner von den Kandidaten hätte auch nur im Entferntesten zu uns gepasst.
Und dann kam der Tag, an dem ich Chris auf der Webseite vom Tierheim in Koblenz gesehen habe. Ich hatte noch keinen Text zu ihm gelesen und nur das Bild gesehen. Aber ich war beeindruckt. Ich kann nicht erklären, was es war, aber mein Interesse war geweckt. Man muss dazu sagen, dass ich Chris zwar gesehen hatte, nachdem er in Koblenz eingezogen war, allerdings habe ich zu viel Zeit damit vertrödelt, mir darüber klar zu werden, ob ich Robby einen Hund wie Chris zutraue.
Bis ich meine Entscheidung getroffen hatte, konnte ich auf der Facebook-Seite des Tierheims Koblenz bereits vernehmen, dass es eine ernstzunehmende Interessentin für Chris geben würde und dass es doch sehr gut für ihn aussieht. Das war für mich ein Schlag ins Gesicht. Ich hätte mir in den Hintern beißen können, weil ich so lange gezögert habe.
Und so kam es, wie es kommen musste. Chris wurde an eine Frau vermittelt und war weg. Ändern konnte ich es nicht, aber auch Robby merkte, dass ich mit mir einen innerlichen Kampf ausfocht.
Während ich noch dabei war, mich über meine lahmarschige Vorgehensweise zu ärgern sah ich eher nebenbei einen neuen Beitrag vom Tierheim Koblenz, in dem die Tierheimleiterin Fr. Höfer einen völlig verstörten Chris zeigte, der wieder zurück im Tierheim war.
Ich konnte es nicht fassen! ER war wieder da. Am gleichen Abend, einem Freitag, verfasste ich eine Mail an das Tierheim Koblenz und erhielt am Samstag einen Rückruf mit dem Angebot, kurzfristig einen Termin zu vereinbaren. Damit war der Anfang gemacht und für mich stand fest, dass ich Chris adoptieren werde, egal wie lange es dauern und durch welche Prüfungen man mich schicken würde. Denn eins war mir klar: Chris wurde vermittelt und die Vermittlung ging schief. Ein weiteres Mal durfte das keinesfalls passieren. Demzufolge würde das Tierheim noch genauer hinschauen, bevor Chris erneut würde ausziehen können.
Nach insgesamt vier Besuchen mit Robby und meiner besseren Hälfte, war es so weit. Unsere gemeinsame Reise nahm ihren Anfang…
Erster Tag / 19.03. - gegen 14 Uhr
Och neee, nicht der schon wieder… Jetzt soll ich ernsthaft schon wieder mit dem komischen Typ Gassi gehen? Warum sind denn alle so komisch heute? Und wo ist der andere Köter? Und die Frau? Hatten wohl keine Lust mehr, hm?
Na ja gut, dann drehen wir halt ‘ne Runde. Wetter ist schön, blau-blau-grau Himmel… jetzt fange ich auch schon so an… wo waren wir? Ah, Moment, ich muss pinkeln…
So…. weiter geht's. Der hat ja ein ganz schönes Tempo drauf der Typ, mach mal langsamer… ah, schon besser. Die Knochen kommen ja gar nicht mit. Aber eins muss ich gestehen, er hört ganz gut auf mich. Wenn ich langsamer möchte, dann klappt das sogar. Oh moment, es drückt gerade ein wenig am Hintern… fertig. Hat jetzt keiner gesehen, oder?
Und weiter im Text. Wir stehen mitten auf'm Feld, vor uns laufen noch irgendwelche Hunde rum, ich erkenne die auf die Entfernung nicht… und riechen kann ich auch nix, der Wind ist zu stark und der Typ hier hat wohl nicht geduscht. Versaut mir die ganzen schönen Gerüche.
Ah, wir drehen langsam um. Wurde ja auch mal Zeit, ich habe heute noch ganz viele Termine. In meinem Topf.
So, da sind wir wieder im Tierheim, aber warum gibt er mich nicht ab? Ich habe ihn jetzt schon mindestens dreimal angesehen, aber er rafft es einfach nicht. Hallo? Ich möchte zurück in mein Zimmer. Haaallllooooo?
Oha… das kenne ich doch. Dieser komische blaue Dings mit lauter Sachen drin. Warum wird denn meine Decke da mit reingepackt? Die werden doch wohl nicht schon wieder…. das kann doch nicht wahr sein. Jetzt hat der Typ das blaue Dings und geht mit mir in den Seminarraum. Ah, da hat einer ‘ne Decke auf den Boden gelegt, dann kann ich erst mal eine kurze Pause machen. Ist ja auch echt anstrengend hier.
Hm… er schreibt etwas. Ich wusste gar nicht, dass er schreiben kann. Wird ja immer besser. Na ja, die hellste Kerze auf der Torte wird er schon nicht sein, die bin ja schließlich ich.
Oh, es geht weiter. Wo gehen wir denn jetzt hin? Öhm… was macht denn die Chefin da? Ein Bild? Öhm… hallo? Das ist doch nicht euer Ernst. Ich soll schon wieder ausziehen? Zu DEM? Geht's euch nicht gut?
Das muss ein Fehler sein, das muss ein Fehler sein…. ER geht mit mir zu seinem Auto, nachdem alle "Tschüss" gesagt haben… und stellt mich tatsächlich in seinen Kofferraum. Und jetzt? Wer hilft mir? Hallo? Klappe zu, Affe tot. Kein Entkommen.
Uff, das ist mir echt zu viel, aber dem zeige ich es. Also bellen und kläffen, was das Zeug hält. Beim vorletzten Treffen habe ich mitbekommen, wo der Typ wohnt, wir fahren also ca. 30 Minuten. Bis wir ankommen, ist er taub. Dafür werde ich schon sorgen…
Erster Tag / 19.03. - gegen 15.45 Uhr
Boah… in welches Kaff fährt der denn mit mir? Ob er schon taub ist? Ich habe brav während der Fahrt gekläfft und gebellt. Mal im Liegen, mal im Stehen, mal im Sitzen. Es war alles dabei. Aber irgendwie hat den das überhaupt nicht interessiert… ob der vorher schon nix gehört hat? Vermutlich ein tauber Zweibeiner. Oh Gott… nicht die hellste Kerze und taub. Was soll das wohl werden?
Wir halten an… er steigt aus, jetzt bin ich aber aufgeregt. Kommt er zu mir? Lass mich, ich finde es schön hier hinten. Oh nein, der Kofferraum geht auf, da verkrieche ich mich mal lieber in die Ecke. Hmm… er macht gar nix. Und jetzt? Wollen wir jetzt warten bis zum Sankt Nimmerleinstag? Na ja, liegen bleiben, abwarten und beobachten. Vielleicht fährt er mich ja wieder nach Hause.
Oh, nein… den kenne ich doch… schwarzes Fell, freches Auftreten und sieht aus wie ein gerupftes Huhn. Robby . Warum latscht der denn jetzt über den Hof? Und die Frau ist auch dabei. Jetzt hatte ich schon gedacht, ich müsste den Köter nicht mehr wiedersehen. Tja, von wegen. Da hat der Typ mich ja schön veräppelt.
Der Typ nestelt an mir rum. Ah, er macht die Leine los. Ey! Nicht rausheben, ich kann das doch allein. Aber er sagt, ich soll aus der Höhe nicht aus dem Auto springen, das ist für meine Knochen nicht gut. Los jetzt, stell mich ab. Das ist ja peinlich. Und der andere Köter guckt auch noch so blöd.
So, erst mal schauen, wo ich denn hier bin. Lasst mich bloß in Ruhe, ich kann das allein und brauche niemanden, der auf mich aufpasst. Ach ja, ich habe mittlerweile mitbekommen, dass der Typ "Patrick" genannt wird. Doofer Name. Meiner ist viel schöner.
